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Full text of "Handbuch der Frauenbewegung"

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Handbuch 



der 



Frauenbewegung 



herausgegeben von 



Helene Lange und Gertrud 



I. Teil: 

Die Geschichte der Frauenbewegung in den Kulturländern 

IL Teü: 

Frauenbewegung und soziale FrauenthStigkeit in Deutsehland nach 

Einzelgebieten 

m. Teil: 

Der Stand der Frauenbildung in den Kulturländern 

IV. Teil: 

Die deutsehe Frau im Beruf 



Berlin S. 

W. Moeser Buchhandlung 

1901 



Handbueh der Frauenbewegung 

Y herausgegeben von 

Helene Lange und Gertrud Bäumer 

I. Teil 



Die GescMcbte der Fraaenbewegung 



in den 



Kulturländern 



Mitarbeiter am L Teil: 

Gertrad Bäumer, Marianne Hainisch, Emilie Benz, 

Martina 6. Kramers, Kirstine Frederlksen, Gina Krog, 

Maria Cederschioeld, Alexandra Gripenberg, Maria Bessmertny, 

Isabella Moszczenska, Anna Pappritz, J. Gatti de Gamond, 

Dr. med. Maria Kalopokathäs, Ersilia Majno Bronzini, 

Dr. phlL Carolina Michaelis de Vaseoncollos, 

Martha Strinz 



Berlin S. 

W. Moeser Buchhandlung 

1901 






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Vorwort. 



In jahrzehntelangem Ringen hat sich die Frauenbewegung 
soweit Anerkennung erworben, dass man sie allgemein in die 
Reihe der geistigen und wirtschaftlichen Probleme einordnet, mit 
denen man sich auseinanderzusetzen hat. Freilich geschieht das 
bei diesem Problem heute noch in andrer Weise, als bei den 
übrigen. Es giebt wohl kaum eine Frage unseres wirtschaftlichen 
und 'geistigen Lebens, die mit so geringer Kenntnis ihrer Grund- 
lagen diskutiert wird, wie die Frauenfrage, und keine Bewegung, 
an der man noch heute so viel unsachliche Kritik üben hört, wie 
die Frauenbewegung. 

Das liegt zum Teil an den traditionellen Vorurteilen, durch 
die die Schätzung jeder öffentlichen Wirksamkeit der Frau noch 
beeinflusst und beeinträchtigt wird. Zum Teil aber hat es seine 
Ursache in der Schwierigkeit, auch bei dem besten Willen zu 
objektiver Beurteilung, sich einen Überblick über das gesamte 
Gebiet zu verschaffen, das mit den Begriffen Frauenfrage und 
Frauenbewegung umschrieben wird. Wer ein Interesse an der 
Frauenbewegung nimmt, orientiert sich Ober ihre Arbeit, ihre Ziele 
und ihre Erfolge, wo sich ihm zufällig Gelegenheit bietet, und 
baut seine Kritik auf diese zufälligen Erfahrungen. Und da kann 
es denn leicht geschehen, dass er das eigentliche Wesen der 
Bewegung gar nicht erfasst, dass er sie nur nach Unwesentlichem, 
nach Ausserungsformen beurteilt. Die klingende Schelle tönt eben 
weiter hinaus als das Surren der Arbeitsräder. 

Aber nicht nur die Fernerstehenden, die Männer, sondern 
auch viele der in- und ausserhalb der Bewegung stehenden Frauen 
kennen sie nicht, wenn man nämlich mit diesem Begriff die 
völlige Klarheit Ober Ausgangspunkte, Geschichte, Entwicklungs- 
bedingungen, kulturelle Zusammenhänge und Ziele versteht So 
stehen viele Frauen — und oft gerade vornehm empfindende 



VI 

Naturen — zögernd draussen, die ihr ganzes Sein einsetzen würden, 
wenn sie wüssten, was es zu erringen gilt, so wirken viele drinnen 
in emsigster Kleinarbeit, ohne diese Arbeit in Beziehung zu setzen 
zu dem grossen Ziel, das auch sie mit erreichen helfen, so stehen 
manche am Ruder und haben doch keinen Kompass, sie verkennen 
die Entwicklungsmöglichkeiten, da sie aus der Geschichte 
der Bewegung nicht ihre Entwicklungsgesetze gelernt haben. 
Nur zum kleinen Teil kann darin ein Vorwurf liegen. Für die 
in der Bewegung wirklich thätigen Frauen ist es mit der Er- 
füllung konkreter, drängender Tagesaufgaben ganz unvereinbar, 
sich selbständig in ein Quellenstudium zu vertiefen, sich auf auto- 
didaktischem Wege eine Übersicht über die gesamte, immer höher 
anschwellende Litteratur zur Frauenbewegung zu verschaffen. 
Hier muss, ebenso wie auf andern Gebieten, ein Handbuch zur 
Verfügung stehen, das das Material gesammelt und gestaltet dar- 
bietet 

Das vorliegende Buch ist ein Versuch in dieser Richtung. 
Ein erster Versuch mit allen Schwierigkeiten eines solchen. 

Es sei zunächst kurz auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die 
sich uns in Bezug auf die Behandlung der Frauenbewegung im Aus- 
lande boten. Sie betrafen besonders den ersten Band, der eine 
Geschichte der Frauenbewegung in den Kulturländern 
enthält. Wir haben dabei davon abgesehen, sämtliche Staaten, 
auf die diese Bezeichnung anwendbar sein würde, zu berück- 
sichtigen. Einige von ihnen schienen uns für die Gesamt- 
entwicklung eine zu geringe Bedeutung zu haben. Bei andern 
würde eine so eingehende Darlegung ihrer eigenartigen ethno- 
logischen und kulturellen Verhältnisse nötig gewesen sein, dass — 
abgesehen von Rücksichten auf den Umfang — die Einheitlichkeit 
des ersten Teils darunter gelitten hätte. 

Auch in der Darstellung der Frauenbewegung in den von 
uns berücksichtigten Ländern kann von einer Einheitlichkeit nur in 
gewissem Sinne die Rede sein. So durchaus übereinstimmend die 
Frauenbewegung aller Länder in ihren Grundtendenzen ist, so viel- 
gestaltig ist ihre Entwicklung nach Ausgangspunkten, geschichtlicher 
Bedingtheit, nach der Betonung bestimmter Einzelbestrebungen, 
dem Hervortreten bestimmter politischer Parteien oder gesell- 
schaftlicher Klassen, nach der Art der Taktik, der Organisation, 
des äusseren Charakters. Es musste hier unser Bestreben sein, 
die Eigenart jedes Landes möglichst scharf zur Geltung zu bringen. 
So fällt z. B. in Belgien und Italien die Frauenbewegung in der 



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VIII 

zu benutzen verstanden, wie sie ihre Forderungen der wirtschaft- 
lichen und geistigen Entwicklung anpassten und inwieweit sie diese 
Entwicklung beeinflusst haben. 

In dieser Darstellung musste sich natürlich knapp Glied an 
Glied schliessen. Die Einzelbestrebungen, die im Lauf der letzten 
Jahrzehnte sich nebeneinander entwickeln, konnte sie nur, wo sie 
als ein Neues sich dem Ganzen einfügten, berücksichtigen, um sie 
häufig dann wieder fallen zu lassen; die geistige Entwicklung der 
Frau, insbesondere das Mädchenbildungswesen, konnten nur, 
soweit sie der Gesamtbewegung zur Voraussetzung oder zum 
Ziel dienten, berührt werden; wirtschaftliche Verhältnisse, die der 
Bewegung ihre reale Grundlage geben oder sie beeinflussen, 
konnten nur angeführt, nicht eingehend dargestellt werden. 

Um diese Einzelbestrebungen zur Geltung zu bringen, um 
diese Entwicklungsfaktoren in ihrer geistigen und wirtschaftlichen 
Bedeutung zu kennzeichnen, war eine gesonderte Darstellung 
unbedingt notwendig. Ihr dienen der zweite, dritte und vierte Teil 
dieses Werkes. 

Der zweite enthält eine Übersicht Ober das Gesamtgebiet der 
sozialen Frauenthätigkeit in Armen-, Kranken-, Gefangenenpflege etc., 
er giebt dann Monographien der einzelnen Gebiete, auf denen die 
Arbeit der Frauenbewegung eingesetzt hat — die Sittlichkeitsfrage, 
der Rechtsschutz, die civilrechtliche Stellung der Frau — , oder mit 
denen sie in Beziehung steht — wie die Anti-Alkoholbewegung, 
die Friedensbewegung — , und er giebt schliesslich eine gesonderte 
Geschichte der Arbeiterinnenbewegung. 

Der dritte Teil umfasst die Entwicklung und den Stand des 
Mädchenbildungswesens in Deutschland, sowie eine knappe Dar- 
stellung der gegenwärtigen Bildungsverhältnisse des Auslandes. 

Der vierte Teil — die deutsche Frau im Beruf — ver- 
folgt einen wissenschaftlichen und einen praktischen Zweck. Er giebt 
eine Darstellung des Standes und der Entwicklung der Frauen- 
arbeit auf fachlich-nationalökonomischer Grundlage, und er bringt 
zugleich alle Angaben über Frauenberufe, Ausbildungsgelegen- 
heiten, Löhne und Gehälter etc., die für eine Berufswahl in Be- 
tracht kommen. 

Über die von uns innegehaltene Behandlung des Ganzen sei 
noch folgendes bemerkt: 

Es war natürlich nicht möglich, jede Einzelerscheinung im 
Laufe der Bewegung, jede einzelne Thatsache und jede Organi- 
sation zu registrieren. Eine Vollständigkeit nach dieser Richtung 



IX 

hin würde — besonders für die letzte Zeit, wo die Bewegung sich 
immer weiter verzweigt hat — nur verwirrend gewirkt haben. Es 
konnten nur die Momente hervorgehoben werden, an die der 
Fortschritt der Bewegung anknüpft, und die für die nachfolgenden 
Schritte bestimmend werden. Am wenigsten aber war es möglich, 
auf die verdienstvolle Thätigkeit der Einzel vereine einzugehen, 
soweit sie nicht unter die genannten Gesichtspunkte fällt. 



Wer das, was in den vier Teilen unseres Handbuches nieder- 
gelegt ist, als ein Ganzes betrachtet, als ein Stück Kulturgeschichte, 
ein Stück Menschheitsentwicklung, dem werden sich eine Reihe 
von Beobachtungen und Schlussfolgerungen aufdrängen, die wir 
als den Hauptgewinn unserer Darstellung ansehen. Den Gegnern 
der Frauenbewegung, die noch fragen zu können meinen, ob sie 
sein dürfe, wird die Thatsache, dass sie in allen Kulturländern 
mehr oder weniger spontan erwacht und sich entwickelt, einen 
überzeugenden, nicht leicht zu widerlegenden Beweis ihrer 
kulturellen Notwendigkeit liefern. Und ebenso übereinstimmend 
ergeben sich einige Entwicklungsthatsachen, die den Charakter 
der Bewegung bestimmen: Überall zeigt ihre Geschichte, wie sie 
zuerst als eine rein geistige Bewegung, als eine Folge moderner 
Geistesentwicklung, von ihren Führerinnen eingeleitet wird und 
dass die wirtschaftlichen Verhältnisse, die man so gern als ihre 
eigentliche Ursache hinstellt, ihr nur die praktische Bedeutung 
gaben, nur den Druck auf die Massen ausübten, der sie schliesslich 
zu einem wirtschaftlich nicht mehr zu ignorierenden Faktor machte. 

Ebenso deutlich aber tritt die Thatsache hervor, dass die 
Frauenbewegung wächst in dem Masse, als sie es versteht — 
nicht etwa möglichst früh in eine geräuschvolle Agitation für ihre 
letzten Forderungen einzutreten — , sondern tüchtige Kräfte für 
ihre realen Aufgaben zu erziehen. 

Und nun noch ein persönliches Wort. 

Als ich vor reichlich zwei Jahren den Plan zu diesem Hand- 
buch fasste, geschah es in der Hoffnung, von einem langwierigen 
Augenleiden befreit zu werden und mit einem eigenen Beitrag 
mich beteiligeil zu können. Diese Hoffnung hat sich nicht ver- 
wirklicht. Der direkte Verkehr mit der gedruckten Welt blieb mir 
abgeschnitten, und in der Gewinnung und Verarbeitung quellen- 
mässigen Materials auf dem Umwege des Vorlesens und Diktierens 



hat sich die Übung nicht so schnell erreichen lassen wollen. So 
musste ich mich auf meinen Teil der unsichtbaren Arbeit be- 
schränken, die, wie der Kundige weiss, hinter dem Wort „Heraus- 
geberin" steckt. Für die praktische Durchführung der mit der 
Herausgabe verbundenen Arbeit habe ich meiner jungen [Mit- 
herausgeberin auf das wärmste zu danken. In unser beider 
Namen spreche ich zugleich Frl. Clara Fabricius, Frl. Elise 
Horwitz, Frau Landowska, Frl. Marie Minssen für ihre 
freundliche Hilfeleistung bei Anfertigung des Sachregisters und 
Herstellung von Übersetzungen unsem herzlichen Dank aus. 

. . . habent sua fata libelli. — Wir hoffen, dass das Interesse 
der Kreise, für die unser Handbuch bestimmt ist, es einem nicht 
ungünstigen Geschick entgegenführen wird. 

Halensee-Berlin, im September 1901. 



Helene Lange. 



Inhalt. 

Seite 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. 

Von Gertrud Bäumer i 

Litteratur i 

I. Einführung 3 

IL Theodor Gottlieb von Hippel 8 

ni. Die Emanzipation des Herzens in der Romantik. 

Schleiermacher 16 

IV. Die Frauenbewegung der Julirevolution 22 

V. Frauenbewegung und Demokratie 27 

Die Begründnng der dentschen Frauenbewegung und Ihre 

Geschichte bis zu den achtziger Jahren 33 

VI. Louise Otto 34 

VII. Die „Frauenfrage" in Deutschland 38 

VIII. Die theoretische Behandlung der Frauenfrage .... 41 

IX. Praktische Versuche zur Lösung der Frauenfrage . . 44 

L Die Gründung des Lette -Vereins 44 

2. Die Gründung des Allgemeinen deutschen Frauen- 
vereins . . . ". 48 

X. Die Entwicklung der Frauenbewegung durch den All- 
gemeinen deutschen Frauenverein 52 

XI. Gleichzeitige Bestrebungen ausserhalb des Allgemeinen 

deutschen Frauenvereins 57 

L Die Frauenerwerbsvereine 57 

2. Frauenarbeit auf sozialem Gebiet 61 

3. Frauenbildungsbestrebungen ausserhalb der beiden 
grossen Vereinsgruppen bis zu den achtziger 
Jahren 63 

Xn. Der Kampf um das Prinzip 66 

XIII. Die Frauenbewegung in den achtziger Jahren .... 75 

Die Entwicklung der deutschen Frauenbewegung im letzten 

Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts 80 

XIV. Die Frauenbildungsbewegung 81 

1. Mädchenschule und Lehrerinnenbildung .... 81 

2. Mädchengymnasium und Frauenstudium .... 88 



XII 

Seite 

XV. Das Problem der Frauenbewegung in seiner jüngsten 

Gestaltung loi 

XVI. Frauenfrage und Frauenbewegung im vierten Stande . io8 

1. Die Frauenfrage und die Sozialdemokratie . . . io8 

2. Die Arbeiterinnenbewegung ii6 

XVII. Neue Aufgaben und neue Arbeitsgebiete 119 

XVIII. Die Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine . . 130 
XIX. Die Arbeit des Bundes und die Entwicklung der Frauen- 
bewegung in den letzten Jahren 134 

XX. Die Frauenbewegung in konfessionellen Kreisen . . . 158 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Österreich. 

Von Marianne Hainisch 167 

Die Geschichte der Frauenbewegung in der Schweiz. 

Von Emilie Benz 189 

I. Vorboten 189 

II. Die prinzipielle Erörterung der Frauenfrage 191 

III. Die Zulassung zum Hochschulstudium 194 

IV. Entwicklung des Vereinslebens 196 

V. Erwerbsleben und öffentliche Stellungen 199 

VI. Rechtliche Stellung der Frau 202 

VII. Arbeiterinnenbewegung 206 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Holland. 

Von Martina G. Kramers 211 

Die Geschichte der englischen Frauenbewegung. 

Von Gertrud Bäumer 225 

Litteratur 225 

I. Einführung 226 

II. Mary Wollstonecraft - Godwin 232 

III. Die Philosophie Radicals und das Frauenstimmrecht . 236 

IV. Die Frauenfrage in Grossbritannien 237 

V. Die Konstituierung der englischen Frauenbewegung . . 241 

1. Agitation zur Änderung der Ehegesetze .... 244 

2. Die Gesellschaft zur Förderung der Erwerbs- 
thätigkeit der Frauen 245 

3. Maria S. Rye und die Female Middle Class 
Emigration Society 247 

4. Die ersten Versuche zur Hebung der Frauen- 
bildung 248 

5. Zusammenfassung 250 

VI. John Stuart Mill 251 



XIII 

Seite 

Die Oesehiehte der englisehen Frauenbewegung von 1870—1900 258 

VIT. Die Bewegung zur civilrechtlichen Befreiung der Frau 258 

VIIL Die moderne Entwicklung des Frauenstudiums .... 259 

1. High-School-Companies 259 

2. Das Frauenstudium in Cambridge und Oxford . . 260 

3. Das Frauenstudiüm an den neueren Universitäten 263 

4. Die Eröffnung des medizinischen Studiums für 
Frauen 264 

DL Die moderne Entwicklung der Frauenarbeit 267 

1. Neue Aufgaben auf dem Gebiet der Frauenarbeit 267 

2. Die gewerkschaftliche Bewegung unter den Frauen 269 

X. Die Stimmrechtsbewegung nach John Stuart Mills Tode 276 

XI. Die politischen Frauenvereine 282 

Xn. Die Sittlichkeitsbewegung in England 283 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Dänemark. 

Von Kirstine Frederiksen 289 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Norwegen. 

Von Gina Krog 302 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Schweden. 

Von Maria Cederschioeld 312 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Finnland. 

Von Alexandra Gripenberg 329 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Russland. 

Von M. Bessmertny 338 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Polen. Von 

J. MoszczeÄska 350 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Frankreich. 

Von Anna Pappritz ^ 361 

I. Einführung 361 

IL Die Frauenbewegung der französischen Revolution . . 363 

III. Die Frauenfrage als soziales Problem 366 

Der Saint -Simonismus. George Sand .... 366 

IV. Maria Desraimes 370 

V. Politische Frauenvereine 377 

VI. Philanthropische Frauenbewegung (la confdrence de 

Versailles) 380 

Vn. Der Stand der Frauenarbeit in Frankreich 382 



XIV 

Seite 

VIII. Die Sittlichkeitsbewegung 388 

IX. Der gegenwärtige Stand der Frauenfrage und der 

Frauenbewegung 391 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Belgien. 

Von J. Gatti de Gamond 399 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Griechenland. 

Von Dr. med. Maria Kalopbkafh&s 404 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Italien. Von 

Ersilia Majno Bronzini 41a 

Die Frauenbewegung in Spanien tmd Portugal. Von 

Dr. phil. Carolina Michaelis de Vasconcellos 424 

L Charakteristik der Frauenbewegung in Spanien und 

Portugal 424 

n. Charakteristik der hispanischen Frau alten Stils . . . 427 

EL Rechtslage der Frauen 432 

rV. Die Frauen neuen Stils 433 

V. Wohlfahrtseinrichtungen 442 

VI. Verdienste der Männer um die Frauensache 446 

VII. Die Frauenbewegung in Spanien 449 

Die Geschichte der Frauenbewegung in Amerika. 

Von Martha Strinz 456 

Litteratur 456 

Die Vorbereitungszeit 457 

Die Anfänge bis zum Secessionskriege 462 

1848—1866 .....' 462 

Die Entwicklung von 1860— 1900 466 

1. Erziehung und wissenschaftliche Berufe .... 466 

2. Industrielle Thätigkeit 470 

3. Die Stimmrechtsbewegung 472 

4. Frauenclubs. Der Frauen-Mässigkeitsverein. Er- 
weiterung der Organisation 478 

Sachregister 483 



^^S^ 



Die Geschichte 



der 



Frauenbewegung 



in den 



Kulturländern 



Die Geschichte 
der Frauenbewegung in Deutschland 

Von Oertrud B&omeF. 



Litteratur. 

Allgemeine Darstellungen der Geschichte der deutschen Frauen- 
bewegung giebt es wenige. Die älteste ist die von Anna Seh epel er- 
Lette, Jenny Hirsch und Marie Calm in dem Sannimelwerk von 
Theodore Stanton: The Woman Question in Europe, London 1884 
(S. 139 £f). Sie erstreckt sich im wesentlichen nur auf die Thätigkeit 
des Lettevereins und des Allgemeinen deutschen Frauenvereins und 
wird durch die später erschienenen Einzeldarstellungen dieser Vereine 
vollkommen ersetzt. Es sind dies vor allem der von Louise Otto auf 
Grund der Protokolle der Generalversammlungen zusannimengestellte 
Bericht über „Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen 
Frauenvereins'' (Leipzig 1890), als dessen Ergänzung nach biographischer 
Richtung hin das kleine Lebensbild „Louise Otto-Peters, die Dichterin 
und Vorkämpferin für Frauenrecht* von Auguste Schmidt," und 
Hugo Rösch (Leipzig 1898) gelten kann, und die Darstellung von 
Jenny Hirsch „Geschichte der fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit 
des Lette -Vereins* (Berlin 1891). Aus den Kreisen der Frauen- 
bewegung selbst sind wirklich nennenswerte Gesamtdarstellungen ihrer 
Entwicklung nicht hervorgegangen. Die der Geschichte der Frauen- 
bewegung gewidmeten Kapitel in einem Buche von Minna Cauer 
„Die Frau im neunzehnten Jahrhundert* (Berlin 1898) enthalten neben 
Reflexionen über das, was hätte sein können und was sein sollte, nur 
ziemlich willkürlich zusanmiengestellte vereinzelte Thatsachen. Die 
wichtigen Arbeiten auf diesem Gebiet sind von Aussenstehenden 
geschrieben. Das sind die Abhandlungen von JuliusDuboc „Fünfzig 
Jahre Frauenfrage in Deutschland. Geschichte und Kritik* (Leipzig 1896), 
von Gustav Cohn „Die deutsche Frauenbewegung. Eine Be- 
trachtung über deren Entwicklung und Ziele* (Berlin 1896) und von 
Julius Pierstor ff „Frauenarbeit und Frauenfrage* im Handwörterbuch 
der Staatswissenschaften (als Separatabdruck der 2. Auflage erschienen 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL I 



Jena 1900). Die beiden ersten Schriften kennzeichnen sich durch ihre 
Titel als nicht rein historiographisch. In beiden nimmt die Kritik, 
nehmen allgemein kulturhistorische Betrachtungen und Ausblicke einen 
verhältnismässig grossen Raum ein. Von den 217 Seiten des Cohnschen 
Buches sind wenig Ober 30 der Entwicklung der Frauenbewegung 
gewidmet Sie enthalten wiederum eine Darstellung der Thätigkeit 
der beiden grossen Vereinsgruppen, dann eine sehr eingehende Wieder- 
gabe der Bewegung zur Erschliessung der Universitäten und Auszüge 
aus einem Vortrag von Elisabeth Gnauck- Kühne auf dem evangelisch- 
sozialen Kongress in Erfurt 1895. Tiefere Einblicke in die Natur der 
Frauenfrage gewährt das zweite Buch der Cohnschen Arbeit „die 
Elemente der deutschen Frauenbewegung", das nach einer Darstellung 
der bevölkerungsstatistischen Grundlagen auf die geistigen — die 
psychologischen in ihrer Modifikationsfähigkeit durch die geschichtliche 
Entwicklung — und den litterarischen Kampf um die sich daraus 
ergebenden Prinzipienfragen übergeht. Das dritte Buch „Die Ziele 
der Gegenwart" bietet für die Kenntnis der deutschen Frauenbewegung 
am wenigsten, es ist interessant für die Stellung des Verfassers zur 
Frauenbewegung und kommt deshalb mehr als eine Stimme im 
Prinzipienkampf, denn als historisches Material in Betracht. In etwas 
ist das Bild, das das Cohnsche Buch giebt, einseitig. Bestimmte 
Gebiete werden kaum gestreift — so das der sozialen Reformarbeit — , 
andere treten stärker hervor, als es ihre Bedeutung für das Ganze 
rechtfertigt 

Weniger als das Buch von Gustav Cohn orientiert die „Geschichte 
und Kritik" von Duboc. Für ihn handelt es sich dabei um ein Stück 
^Geschichte des Zeitgeistes"; dieser Gesichtspunkt aber führt oft zu 
einer willkürlichen Deutung und Rubrizierung der Thatsachen; es liegt 
dem Verfasser auch nicht daran, die historischen Zusammenhänge 
genau festzuhalten, er schaltet vielmehr frei in dem Material, stellt es 
zu Gruppen zusammen, die häufig nur den Gesichtspunkten seiner 
Disposition, nicht der Wirklichkeit entsprechen, greift einzelnes heraus, 
lässt vieles ganz liegen. Kritik und Reflexion stören oft die Geschlossen-^ 
heit der historischen Darstellung und machen es schwer, einen Über- 
blick zu gewinnen. Die Stimmung dagegen, der eigentliche „Zeitgeist'^ 
ist oft fein empfunden und gedeutet 

Zur Orientierung über das ganze Gebiet der Thatsachen ist der 
Artikel von Pierstor ff sehr brauchbar. Der spezielle Zweck aber 
giebt von vornherein die Richtung auf statistische Übersichten mit 
bestimmten Gebietsteilungen und lässt die historische Betrachtung 
hinter der nationalökonomischen zurücktreten. Der Artikel ist deshalb 
mehr für die Entwicklung und den Stand der Frauenarbeit und 
der Frauen frage als für die Geschichte der Frauenbewegung ver- 
wertbar. Dem Artikel ist ein umfangreiches und gut ausgewähltes 
Litteraturverzeichnis beigefügt. Weiteres historisches Material zur 



— 3 — 

Frauenbewegung wird der vierte Band des Buches von Adalbert 
von Hanstein „Die Frauen in der Geschichte des deutschen Geistes- 
lebens** bringen, dessen beide ersten Bände, die das i8. Jahrhundert 
behandeln, bereits erschienen sind (Leipzig 1899 — 1900). 

Weniger eingehende Darstellungen und Zusammenfassungen finden 
sich in einzelnen Broschüren, oder als Teile grösserer Werke, so z. B. 
bei Theobald Ziegler „Die geistigen und sozialen Strömungen des 
neunzehnten Jahrhunderts" (Berlin 1899. S. 560—578). 

Im grossen und ganzen ist man auf die Speziallitteratur für die 
einzelnen Gebiete angewiesen. Sie wird im Zusammenhang mit diesen 
genannt werden. 

Die Zeitschriften, die als Magazine oder Organe der Frauen- 
bewegung in Betracht kommen, sind: „Neue Bahnen.** Organ des 
Allgemeinen deutschen Frauenvereins, herausgegeben (seit 1867) von 
Louise Otto und Auguste Schmidt, seit 1895 von Auguste Schmidt 
allein. „Der Frauenanwalt", herausgegeben von Jenny Hirsch 
1870 — 1881). „Deutsche Hausfrauenzeitung", herausgegeben von Lina 
Morgenstern (seit 1874). „Die Frau im gemeinnützigen Leben", 
herausgegeben von Amdlie Sohr und Marie Loeper-Housselle 
(1886 — 1889). „Frauenberuf", Organ des „deutschen Frauenvereins 
Reform", herausgegeben von Frau J. Kettler (1887 — 92). „Die 
Gleichheit", herausgegeben von Clara Zetkin (seit 1892, vorher: 
„Die Arbeiterin", herausgegeben von Emma Ihrer). „Die Frau", 
herausgegeben von Helene Lange (seit 1893). „Die Frauen- 
bewegung", herausgegeben (seit 1895) von Minna Cauer und Lily 
von Giiycki, seit 1896 von Minna Cauer allein. Centralblatt des 
Bundes deutscher Frauenvereine, begr. von Jeannette Schwerin, heraus- 
gegeben von Marie Stritt (seit 1899). 



EinfOhrung. 

Theoretisehe nnd gesehiehtliehe VoraussetzuDgen der 

Fraaenbewegang. 

I^s hängt von der Definition ab, die man dem Begriff Frauen- 
bewegung giebt, wo man ihren Ausgangspunkt, ihr erstes Auf- 
treten in der deutschen Kulturgeschichte sucht. In der vorhandenen 
historischen und propagandistischen Litteratur und im gewöhnlichen 
Sprachgebrauch ist diese Definition sehr unbestimmt geblieben, 
und die Folge war, dass die Geschlossenheit der Frauenbewegung 
als einer durch die geistigen und wirtschaftlichen Voraussetzungen 
einer bestimmten Zeit bedingten historischen Erscheinung häufig 
nicht scharf genug hervortritt. 



I* 



— 4 — 

Für eine solche Definition scheint mir ein Punkt von grund- 
legender Bedeutung, ein Punkt, der die Frauenbewegung zugleich 
einer ganz bestimmten Entwicklungsstufe der Kultur zuweist. Sie hat 
es zu thun mit den die Lage der Frau bestimmenden Institutionen, 
Staat, Gesellschaft, Familie etc. Der ihr zu Grunde liegende Gedanke 
kann daher erst entstehen in dem Augenblicke, in dem man beginnt, 
Institutionen nicht mehr als ein Gegebenes zu betrachten, sich 
nicht mehr mit ihnen gewissermassen eins zu fühlen, sondern sich 
ihnen als Subjekt gegenüber zu stellen, sie anzusehen als etwas 
von Menschen Geschaffenes, durch Menschen Umzugestaltendes. 

Der ungeheure Schritt zu dieser objektiven Betrachtung der 
Gesellschaft vom Standpunkt des Individuums gehört der 
italienischen Renaissance an. In Deutschland bleibt seine Bedeutung 
zunächst auf das kirchliche Gebiet beschränkt. In seiner allgemeinen, 
rein intellektuellen Geltung haben ihn nur einzelne verstanden. 
Seine volle Verwirklichung bleibt dem i8. Jahrhundert vorbehalten. 

Die Form, in der dieser Gedanke zu einem in den weitesten 
Kreisen diskutierten Programm wurde, gab ihm Jean Jacques 
Rousseau. 

Seine Kritik der Gesellschaft geht aus von dem Begriff der 
Natur. Einem dreifachen Naturbegriff: einem theologischen — 
der Mensch, wie er aus der Hand des Schöpfers hervorging — , 
einem naturhistorischen — der Mensch im primitiven Zustand — , 
einem psychologischen — der Mensch in den Grundtendenzen 
seines Wesens, die man durch die Verwicklung und Verkümmerung 
der Kultur hindurch noch ahnen und durch Versenkung in die 
Welt des eigenen Herzens noch wiederfinden kann. Dieser letzte 
Begriff wird von Rousseau am häufigsten zum Ausgangspunkt 
seiner Kritik genommen und entspricht seiner Art zu denken und 
seiner Natur am meisten. Von hier aus also erscheint der Mensch 
in den ursprünglichen Grundzügen seines Wesens, die durch 
„rapports artificiels", künstliche Beziehungen, verwischt sind, als 
der Massstab für die Gestaltung der sozialen Verhältnisse. 

Von diesem Gesichtspunkt aus kann die Frage aufgeworfen 
werden: Sind die Beziehungen der Geschlechter, so wie sie jetzt 
sind, die natürlichen? Ist insbesondere die Stellung der Frau dem 
Manne gegenüber eine naturge wollte? Entspricht sie den Grund- 
zügen ihres Wesens? Ja weiterhin: Sind diese Grundzüge selbst, 
die die Frau jetzt kennzeichnen, die ursprünglichen, reinen, oder 
sind sie eine Folge der Kultur? War die Lage der Frau im 
primitiven Zustand dieselbe? Ist sie von Gott selbst so bestimmt? 



— 5 — 

Rousseau selbst beantwortet all diese Fragen im Sinne der 
bekannten These: „Die Frau ist bestimmt, dem Manne zu gefallen.'' 
Der Weg, auf dem er zu seinem psychologischen Begriff von der 
menschlichen Natur kommt, durch innere Offenbarung, durch 
Intuition, konnte ihn in der Beurteilung der Frau naturgemäss 
nicht zum Ziel führen. So entnimmt er den Begriff von der Natur 
des Weibes thatsächlich den herrschenden sozialen Verhältnissen 
und kommt zu einer Auffassung ihrer Stellung, die man wohl 
„orientalisch" genannt hat. 

Trotzdem — so paradox das klingen mag — verdankt ihm 
die moderne Frauenbewegung eine Seite ihrer Voraussetzungen. 
Er hat die Fragen aufgeworfen, er ruft eine Flut von Abhandlungen 
hervor, die alle den Gegenstand nach seiner Methode, in der von 
ihm gegebenen Fassung des Problems aufnehmen, teils um zu den- 
selben Resultaten zu kommen, teils um ihn zu widerlegen und zu 
bekämpfen. 

Seit Rousseau beginnt man in Deutschland sich theoretisch 
mit der „Frauenfrage" zu beschäftigen. 



Wohl ist das Verhältnis der Geschlechter bereits früher dann 
und wann Gegenstand von Meinungsäusserungen, seit jener deutsche 
Humanist Agrippa von Nettesheim der in der Kirche zuweilen 
vertretenen Ansicht vom Weibe als einem Gefäss der Sünde in 
einer längeren Abhandlung nachdrücklich entgegentrat. Das Buch 
„Henrici Comelii Agrippae de Nobilitate et Praecellentia Foeminei 
sexus*' (1529) enthält sogar ganz modern anmutende Ansichten, 
aber es handelt sich doch eben mehr um eme dialektische Übung, 
um eine gelehrte Huldigung an das weibliche Geschlecht, als um 
den Ausdruck einer tiefgewurzelten Überzeugung, das Eintreten 
für eine neue Gesellschaftsordnung. 

Das Buch des Agrippa von Nettesheim ist beliebt imd ver- 
breitet gewesen. Das zeigt die Zahl der Übersetzungen*); der 



I) Die Kf L Bibliothek zu Berlin besitzt die von Johan Heroldt (1540), von der 1560 
ein Nachdruck mit der SteinhOveUchen Obersetzung des Boccaccio erschien; femer: «Abig^ail 
das ist des lobwflrdigpen Frauen-Zimmers Adel und Forträfligkeit for mehr dan hundert 
Jahren von Henrich Komel Agrippen latinisch beschriben* etc. übersetzt und mit Anmerkungen 
versehen von M. J. B. i^ja .Des Comelii Agrippae Anmuthiges und ctuieuses TractAtgen 
von dem Vorzug Des Weiblichen vor dem Hinnlichen Geschlecht, Ehemals aus dem 
Lateinischen ins Frantzöische, anietzo aus dem FranzOischen ins Teutsche übersetzet von 
J. K. L.* 1731. 



— 6 — 

Titel besonders der letzten beweist, dass man es als ein Kuriosum 
betrachtete. 

Ernsthafter war es zu nehmen, als 1638 der Theologe Rivet 
eine Abhandlung der gelehrten Anna Maria van Schurmann, 
die man „das Wunder des Jahrhunderts" nannte, herausgab: „De 
capacitate ingenii muliebris ad scientas" (von der Befähigung des 
weiblichen Geistes für die Wissenschaften)'). Aber auch hier 
handelt es sich nicht eigentlich um „Frauenbewegung", sondern 
mehr um den Anspruch einer einzelnen, in jeder Hinsicht ausser- 
gewöhnlichen Frau auf ungehinderte Entwicklung für ihresgleichen 
und um eine regelrechte Beweisführung für die Thatsache, dass 
das Geschlecht keinen Unterschied bedinge für die Fähigkeit, durch 
Wissen sich zu vervollkommnen. 

Frauenbildung ist ja etwas, das auf und ab im Laufe der 
Zeit steigt und sinkt, und wenn sie niedrig steht, stellen natur- 
gemäss einzelne, die sich über das Durchschnittsniveau erheben, 
die Forderung eines Ausgleichs, ohne dass man dabei an eine 
Änderung der Beziehungen der Geschlechter, der gesellschaft- 
lichen Ordnung, an eine Erhöhung des weiblichen Einflusses im 
allgemeinen denkt. 

Einen energischen Vorstoss in Beziehung auf Frauenbildung 
hat das 17. Jahrhundert zu verzeichnen. Es ist einmal die durch 
die Reformation erklärte Abhängigkeit des ganzen sittlichen und 
religiösen Wandels und schliesslich der Seligkeit von dem Wissen 
um die reine Lehre — schon Anna Maria Schurmännin verlangt 
Wissen als Waffe gegen falsche Lehren — , was den Anspruch 
der Frau auf Bildung rechtfertigt, eine Anschauung, die im 
Rationalismus hernach in der Begründung der Moral auf die 
Erkenntnis eine noch schärfere Ausprägung erhielt. Andrerseits 
aber konnte jene Ausgestaltung und Verfeinerung des geselligen 
Lebens, wie sie unter französischem Einfluss allmählich auch in 
Deutschland als Bedürfnis empfunden wurde, nicht durchgeführt 
werden ohne eine Hebung der Frauenbildung. Unter dem ersten 
Gesichtspunkt tritt der grosse Comenius für Frauenbildung ein, 
der zweite veranlasst die Dichterorden des 17. Jahrhunderts, sich 
der Frauenbildung anzunehmen. Die „Frauenzimmergesprechspiele" 
des Philipp Harsdörfer (1644), der „Ehrenpreis des lieb- 
löblichen Weiblichen Geschlechts" von Floridan Betulius«), 



>) Lcyden 1638. 

S) 1669 in der Deutschen Urania; wieder abgedruckt in der „Pegnesis* NQrnberg 1673 
und 1679. 



— 7 — 

das Buch von Paullini über das „Hoch und wohl gelahrte 
teutsche Frauenzimmer""), von Eberti: „EröflFnetes Cabinet des 
gelehrten Frauenzimmers"*) und von Lehms: „Teutschlands 
galante Poetinnen" ') gehören hierhin. In umfangreicherem Maasse 
noch als die Dichterorden sorgte Gottsched für das Interesse 
des gelahrten und galanten Frauenzimmers. Es ist bei dem 
genügsamen Bildungsstolz und der armseligen, demütigen Verehrung 
für Gelehrsamkeit und Dichterruhm nur natürlich, dass man alle 
Kräfte nutzbar zu machen, jeden kleinen Beweis einer Fähigkeit 
dankbar anzuerkennen bereit war. Also auch, wenn er von 
Frauen kam. Im Gegenteil, die weiblichen proteg^es gereichen 
ihren wohlwollenden Beschützern zu ganz besonderem Ruhme. 
Trotzdem und trotz der Promotion von Frau Dorothea Erxleben 
1754 zum Dr. med. der Universität Halle und der Dorothea 
Schlözer 1787 zum Magister der philosophischen Fakultät 
Göttingen kann man nicht von einer Frauenbewegung des 18. Jahr- 
hunderts sprechen. Es handelt sich eben um weiter nichts als um 
eine litterarische Strömung, deren Vertreter Wohlgelahrtheit über 
alles schätzten und daher diesen Vorzug auch an den Frauen zu 
sehen wünschten; das eigentliche Verhältnis der Geschlechter wird 
durch diese Bewegung nicht berührt, und dass die Frauen, die 
nach Gelehrsamkeit streben, eben nicht aus eigner Initiative 
handeln, sondern einem Ideal näher zu kommen suchen, das die 
Männer für sie aufgestellt, dafür ist das der beste Beweis, dass 
gegen Ende des Jahrhunderts schon das „gelehrte Frauenzimmer" 
dem nach der „neuen Heloise" sich gestaltenden „empfindsamen" 
vollständig das Feld räumte. 

Aber eben der Mann, der das Ideal des naiven, sanft und 
weich fühlenden, selbsthingebenden Weibes hinstellte, das Dichter 
und Pädagogen übernahmen und für lange Zeit festhielten, schuf 
die geistigen Grundlagen der modernen Frauenbewegung. In der 
französischen Revolution wurde von diesen Grundlagen aus zum 
ersten Male die Forderung des Menschenrechtes für die Frau 
erhoben, mit dem ganzen sittlichen Pathos, das in diesem Kampf 
um die Menschenrechte zum Ausdruck kam. 

In Deutschland hat, bei aller Begeisterung für Freiheit und 
Gleichheit, nur ein einziger den Gedanken gehabt, auch die Frau 
von veraltetem Herkommen zu lösen. 



1) 1704. 

<) Fnmkftirt und Leipzig 1706. 

Frankfurt 17x5. Vgl. im übrigen: Handbuch der Frauenbewegung Teil IH 



— 8 



n. 



Theodor Gottlieb von Hippel. 

In demselben Jahre, in dem Mary WoUstonecraft's „Verteidigung 
der Frauenrechte" erschien, wird in Deutschland ein anonymes 
Buch veröffentlicht, das zum ersten Male die Frage der 
„Emanzipation" der Frau auf der Grundlage der Rousseauschen 
Gesellschaftskritik und der in der französischen Revolution 
proklamierten „Menschenrechte" behandelt. Es heisst: „Über 
die bürgerliche Verbesserung der Weiber".») Der Ver- 
fasser ist der „geistreiche" Theodor Gottlieb von Hippel, 
derzeit dirigierender Bürgermeister, Geheimer Kriegsrat und Stadt- 
präsident zu Königsberg. Kein schärferer Gegensatz bei voller 
Übereinstimmung der Ansichten ist denkbar, als dieses „geistreiche" 
Buch und die leidenschaftliche, pathetische „Verteidigung der 
Frauenrechte" ! 

Für die schriftstellerische Persönlichkeit Hippels und die Art 
seiner litterarischen Produktion ist die Geschichte einer früheren 
Abhandlung von ihm charakteristisch, die seinen Ruhm begründete, 
das oft zitierte Buch: „Über die Ehe", •zuerst — gleichfalls 
anonym — erschienen in Berlin 1774.*) Das Buch hat vier von 
dem Verfasser selbst besorgte Auflagen erlebt,») von denen die 
letzte, unter starker Benutzung des Wortlautes der drei ersten, 
genau entgegengesetzte Theorieen lehrt wie die erste. 

Die Abhandlung über die Ehe ist ursprünglich eine dem Zeit- 
geschmack ganz entsprechende, satirisch gewürzte Lehrschrift 
praktischer Lebensweisheit Der Verfasser empfiehlt frühe Heiraten 
und macht allerlei Vorschläge, um die Hindernisse zu beseitigen, 
die Standesvorurteile, zu hohe Lebensansprüche etc. dem entgegen- 
stellen. Er behandelt dann die Ehe selbst als ein „arctissimum 
vitae commercium", ihre physische und ihre geistig-sittliche Seite, 
erkennt dem Manne die unbeschränkte Herrschaft in der Ehe zu, 
verbreitet sich über den Unterschied der Geschlechter und kommt 
zu dem Resultat, dass des Weibes einziger Beruf die Heirat sei. 

Während nun die zweite und dritte Auflage nur gelegentlich 
um anekdotenhafte Zusätze oder Gedankenspielereien vermehrt 



I) Berlin 179a. In der Vossischen Buchhandlung. 
*) Über die Ehe. Berlin bey Christian Friedrich Voss 1774. 

3) Ober die Ehe. Zwote Auflage. Berlin ijj6. Dritte, viel vermehrte Auflage. 
Berlin 179a (mit a Chodowieckischen Titelbildern). Vierte, viel vermehrte Auflage 1793. 



— 9 — 

ist, nimmt die vierte in allen Kapiteln und im Anschluss an den 
alten Gedankengang und den alten Text eine unvermittelte und 
überraschende Wendung zu emanzipatorischen Ideen. 

Heisst es z. B. in der ersten Auflage: „Die Weiber können 
nach den Rechten nicht viel mehr ohne Vormund und Beyhülfe 
thun, als zu Bette gehen", so erhält dieser in der ersten Auflage 
ganz ernsthaft gemeinte Satz durch ein paar Zusätze in der 
vierten eine ironische Wendung: „Die Weiber können, kraft der 
Huld der Gesetze, nicht sehr viel mehr ohne Vormund und Bei- 
hülfe unternehmen, als aufstehen und zu Bette gehen." Und wenn 
es dann in den ersten Auflagen heisst: „Von Regentinnen rede 
ich nicht, denn diese hören auf, Frauen zu seyn, so bald sie den 

Thron besteigen" so dreht die vierte diesen Satz geradezu 

um: „Alle anderen Frauenzimmer, bis auf Regentinnen und die 
Gemahlinnen von Regenten, welche das stolze männliche Geschlecht 
zur wohl erwogenen Ausnahme für befugt hält, bleiben bis zu 
ihrem sanften und seligen Tode in der Unmündigkeit". Daran 
schliesst er dann einen längeren Exkurs über die Ungerechtigkeit 
dieses Zustandes: „Die Anordnung mancher Staaten, dass das 
Weib nicht als volle R-echtsperson gilt, Gesetzes -Galanterieen, 
wodurch sie ihr Lebelang zur Würde alter Kinder erhöht 
werden, ist Ausdruck eines rechtswidrigen Prinzips, nämlich, die 
Person anzusehen. Oder wie? sollen etwa die Weiber nach dem 
Elende dieses Lebens unter kuratorischer Assistenz in den Himmel 
kommen?" Hat er in der ersten Auflage gesagt: „Ein Frauen- 
zimmer ist ein Konsonans, den man ohne Mann nicht aussprechen 
kann", so heisst es an der entsprechenden Stelle der vierten: 
„Was giebt den Männern das Recht, die Weiber für nicht viel 
mehr als einen (moralischen) leeren Raum oder einen geometrischen 
Körper zu halten, der zwar ausgedehnt ist, allein nicht die Ehre 
hat, das zu besitzen, was man Materie und Undurchdringlichkeit 
nennt! Höchstens gesteht man ihnen eine so kleine Masse und 
eine so geringe Dichtigkeit zu, dass sie in der politischen Welt 

nur ein sehr kleines Räumlein einnehmen. Man gebe 

diesem Volk Gottes (den Frauen) Menschen- und bürgerliche 
Rechte: und das Reich Gottes wird näher kommen, als es je 
gewesen ist, und wer der kleinste und schwächste Teil unter uns 
war, wird der grösste seyn im Reich Gottes." 

So weiss Hippel durch allerlei Seiltänzerkunststücke den 
Charakter seines Buches vollkommen zu ändern. Es ist für die 
launenhafte, spielende, schillernde Art seiner Schriftstellerei be- 



— lO — 

zeichnend, dass das möglich ist. Es liegt in dem sprunghaften 
Charakter, der aufs äusserste zugespitzten Ironie Hippels, dass er 
nicht eigentlich als Verfechter seiner Gedanken auftritt, dass diese 
überhaupt mehr als geistreiche Einfälle, denn als Überzeugungen 
wirken. 

Dieselben Eigentümlichkeiten finden wir in dem Buch „Von 
der bürgerlichen Verbesserung der Weiber". Unter dem Schutz 
der Anonymität spielt er in diesem Buch mit dem Verfasser des 
Buches über die Ehe sogar Verstecken. „Ich glaube," so sagt er, 
„diesem belobten und betadelten Ehekatechismus, mit dem ich es 
weder halten noch verderben mag, nicht zu nahe zu treten, wenn 

ich die bürgerliche Verbesserung der Weiber vorschlage." *) 

Von Anfang an betont er, dass es ihm nicht um praktische 
Reformen, sondern nur um theoretische Erwägungen zu thun sei. 
Der Zweck seines Buches ist, „die gegenwärtige passive Existenz 

des schönen Geschlechts in ihrer Blosse zu zeigen" „das 

Verhältnis der Geschlechter dem natürlichen Zustand wieder nahe 
zu bringen". Der Verfasser stellt sich also auf den Boden des 
Rousseauschen Naturbegriffs ; in seiner Beweisführung spielt dieser 
Begrifi" in der dreifachen Bedeutung, in der Rousseau ihn gebraucht, 
eine Hauptrolle. Er beweist, dass die Herrschaft des Mannes über 
die Frau, die Minderwertigkeit der Frau nicht von Gott bestimmt 
sei, dass sie nicht von Anfang an, im primitiven Zustand, vorhanden 
gewesen sei, dass sie der Vernunft widerspreche. 

Wenn Rousseau das natürliche Verhältnis der Geschlechter 
in der Abhängigkeit des Weibes vom Mann sieht, so behauptet 
Hippel, die körperliche und geistige Minderwertigkeit der Frau sei 
lediglich durch Lebensart, Sitten und Konvention entstanden und 
in ihnen begründet. „Fürwahr," sagt er, „es würde eine unerhörte 
und nach den angenommenen psychologischen Grundsätzen uner- 
klärbare Erscheinung seyn, wenn unter dem eisernen Drucke des 
Despotismus das Freiheitsgefühl nicht endlich seine Spannkraft 
verlieren, wenn aus Mangel an Pflege und Wartung der herrlichste 
Boden nicht verwildern, und endlich jeder nützliche Keim ersticken; 
wenn über den Gedanken von entrissenem Rechte und dass dieses 
unwiederbringlich verloren gegangen sey, nicht endlich auch das 
Andenken an jene Rechte selbst und die demselben entsprechenden 
Gefühle, der Glaube an sich selbst und an seinen selbständigen 
Wert, erlöschen sollte. Wenn Schonung, Achtung und Pflege der 



I) s. 19. 



— II — 

ursprünglichen Menschenrechte, wenn vorzügliche Kultur und 
Wartung aller edeln und grossen Keime, welche die Natur in die 
Seele der Weiber legte, nie stattfindet — was ist da am Ende zu 

erwarten?* „Doch warum soll ich zurückhalten?" heisst es 

dann weiter. „So lange die Weiber blos Privilegia und nicht 
Rechte haben, so lange der Staat sie nur wie parasitische 
Pflanzen behandelt, die ihr bürgerliches Daseyn und ihren Wert 
nur dem Manne verdanken, mit welchem das Schicksal sie paarte 
— wird nicht das Weib den grossen Beruf der Natur: das Weib 
ihres Mannes, die Mutter ihrer Kinder, und, kraft dieser edeln 
Bestimmungen, ein Mitglied, eine Bürgerin, und nicht blos eine 
Schutzverwandtin des Staates zu seyn — nur immer sehr unvoll- 
kommen, und je länger, je unvollkommener, erfüllen? Die Länge 
trägt die Last. Man gebe ihm aber seine Rechte wieder, und man 
wird sehen, was es ist und was es werden kann!" 

Der zweiten Hauptthese: die Unterwerfung der Frau durch 
den Mann ist eine Folge der Kultur — widmet er eine lange 
kulturhistorische Ausführung im dritten und vierten Kapitel, der 
er allerdings vorausschickt, dass sie den gordischen Knoten der 
Frage, wie die Überlegenheit des Mannes entstanden sei, „durch 
eine Konjektur der Vernunft auflösen oder — zerhauen wolle". 
Wertvoller als diese kulturhistorischen Hypothesen sind die 
„Verbesserungsvorschläge" in dem fünften Kapitel. Sie gipfeln 
in der Forderung, den Frauen die vollen Bürgerrechte, die volle 
bürgerliche Verantwortung zu geben. Die Zeit dazu ist gekommen. 
Proklamiert man, wie in der französischen Revolution „Menschen- 
rechte", so muss man sie auch für die Frauen fordern. Die Zeiten 
sind nicht mehr, um das andere Geschlecht überreden zu können, 
dass eine Vormundschaft wie bisher für dasselbe erträglich sei, 
dass sie seinen Zustand behaglicher und sorgloser mache, als eine 
Emanzipation, wodurch es sich mit Verantwortungen, Sorgen, 
Unruhen, Unbequemlichkeiten des bürgerlichen Lebens belasten 
würde, die es jetzt kaum dem Namen nach zu kennen das 
Glück habe.>) 

„Wenn Stände nur durch ihres Gleichen repräsentiert werden 
können; wenn sogar unsere Vorfahren durch Ebenbürtige sich die 
Gesetze zumessen und Recht sprechen Hessen: wie kann man 
Weiber vom Staatsdienste ausschliessen, insoweit er sich mit der 
Gesetzgebung oder Gesetzausübung beschäftigt?" 

>) S. 191. 



— 12 — 

Zu diesen Staatsbürgerpflichten müssten die Frauen dadurch 
fähig gemacht werden, dass man sie mit den Knaben gemeinsam — 
Hippel geht hier noch weiter als in der letzten Auflage des Buches 
über die Ehe — zu einer Bestimmung erzöge. „Die Scheidewand 
höre auf: Man erziehe Bürger für den Staat ohne Rücksicht auf 
den Geschlechtsunterschied und überlasse das, was Weiber als 
Mütter und Hausfrauen wissen müssen, dem besonderen Unterricht 
und alles wird zur Ordnung der Natur zurückkehren.** 

Unter dieser neuen Ordnung der Natur aber würden sich erst 
die Fähigkeiten der Frauen, die jetzt verkümmern, entwickeln 
können. Man wird sie zu den verschiedensten Berufen heranziehen 
können, vor allem zur Erziehung, zur Rechtspflege, zur Staats- 
verwaltung, zur Wissenschaft und vorzüglich zur ärztlichen Praxis. 
Eingehend und geschickt widerlegt Hippel die Einwände, die gegen 
ihn erhoben werden könnten. An die Verwirklichung seiner 
Gedanken knüpft er grosse Erwartungen: 

„War* es dem Staate Ernst, die grosse und edle Hälfte seiner 
Bürger nützlich zu beschäftigen, fühlte er die grosse Verpflichtung, 
diejenigen, welche die Natur gleich machte, auch nach Gleich und 
Recht zu behandeln, ihnen ihre Rechte und mit diesen persönliche 
Freiheit und Unabhängigkeit, bürgerliches Verdienst und bürgerliche 
Ehre wiederzugeben; öfihete er den Weibern Cabinette, Dikasterien, 
Hörsäle, Comptoire und Werkstätten; liess er dem vermeintlich 
stärkeren Manne das Monopol des Schwertes, wenn der Staat sich 
nun einmal nicht ohne Menschenschlächter behelfen kann und 
will; und macht er übrigens unter beiden Geschlechtern keinen 
Unterschied, so wie die Natur es wollte, und wie die bürgerliche 
Gesellschaft es auch wollen sollte, wenn sie sich nicht etwa ihrer 
natürlichen Herkunft schämt: so würden Staatsdienst und Staats- 
glückseligkeit sich überall mehren, die Menschen wachsen wie die 
Weiden an den Wasserbächen und die Menschheit ihrer grossen 
Bestimmung mit schnellen Schritten zueilen." ') 



Der litterarische Charakter des Buches von der bürgerlichen 
Verbesserung der Weiber ist nicht eben besonders dazu geeignet, 
den Ideen, die es ausspricht, Jünger zu gewinnen. Hippel ist der 
lachende Philosoph, kein Prophet. Über Anekdoten und Bonmots 



') s. 341. 



— 13 — 

führt seine Sat3rre einen Zickzackweg, auf dem er selbst und der 
Leser oft, von einer neuen überraschenden Wendung ganz erfüllt, 
das Ziel momentan vergisst. Das und seine Gewohnheit, jeden 
Augenblick mit einem geistreichen Paradoxon über das Ziel 
hinauszuschiessen, liessen viele Leser in Zweifel, ob es ihm 
überhaupt Ernst sei. 

Hippels Ehrenretter Borowski schreibt über die bürgerliche 
Verbesserung der Weiber: „Sollt's Scherz oder Ernst seyn, 
fragten sich viele bei dieser sehr ausführlichen Schrift — 
und ich, ich weiss es auch wie mehrere andere Leser nicht 
mit Gewisheit zu beantworten. Die Bewunderer der Lebensläufe 
fanden den launigten — Schriftsteller wieder: aber ob auch den 
— GründUchen?«») 

Um die Aufnahme des Hippeischen Buches und der um die- 
selbe Zeit in Deutschland bekannt werdenden „Verteidigung der 
Frauenrechte** von Mary Wollstonecraft richtig zu verstehen, muss 
man sich die in derartiger Litteratur herrschenden Tendenzen klar 
machen. Abhandlungen über die „Weiber" erscheinen Jahr für 
Jahr in Stössen, 'vielleicht zahlreicher noch als jetzt Soweit sie 
ernsthaft genommen sein wollen, haben sie eine pädagogisch- 
moralisierende Tendenz, im übrigen sind sie Codices von Anstands- 
regeln für den geselligen Verkehr, oder sie gehören zu der „scherz- 
haften** Litteratur der Zeit, huldigen dem „schönen Geschlecht** 
oder ironisieren es und versuchen durch gesuchte und weither 
geholte Absurditäten „launigt** zu sein. Als Gegenstand sozial- 
politischer oder staatstheoretischer Erwägungen, als ein gesell- 
schaftliches Problem kam die Lage der Frau gar nicht in Betracht; 
dem Deutschen lag das damals so fem, dass man eben Hippels 
Forderungen als geistreiche Ausflüsse seiner „Laune**, Mary 
Wollstonecraft's, deren Ton eine solche Annahme ausschloss, aber 
als eine für das „trefiliche** Buch zwar bedauerliche, sonst aber 
harmlose Excentricität ansah. Eine ernsthafte Würdigung fanden 
die beiden Bücher nur, insoweit sie pädagogische Fragen berührten ; 
zu einer der aggressiven Haltung beider Bücher auch nur einiger- 
massen entsprechenden Abwehr fand in Deutschland niemand 
Veranlassung. Das Charakteristischste für die vollkommene Ver- 
ständnislosigkeit, mit der man der politischen Seite der Frage 
gegenüberstand, ist Salzmanns Vorwort zu einer in Schnepfenthal 



1) Ober das Autorschicksal des Verfassers des Buchs: Ober die Ehe — der Lebens- 
lAufe nach aufsteigender Linie u. a. m. Königsberg 1797. 



— 14 — 

erscheinenden deutschen Übersetzung der Mary Wollstonecraft. *) 
Er betrachtet die Schrift rein als eine pädagogische, findet sie 
ausgezeichnet, erklärt im allgemeinen, dass er mit einzelnen 
Punkten nicht einverstanden sei, und verwahrt sich vor allem mit 
einer längeren, ebenso gut gemeinten als kindlichen Ausführung 
gegen den Republikanismus der Verfasserin; im tibrigen hat er 
wenig einzuwenden, verrät sich, ohne sich eines Gegensatzes zu 
ihr bewusst zu werden, als ein Anhänger der Rousseauschen 
Theorie „Das Weib ist da, um dem Manne zu gefallen" und 
beschliesst sein Vorwort mit dem philanthropischen Wunsche, 
dass die Schrift zur Veredelung der Frauen beitragen möge. 
Von ähnlichen Anschauungen gehen alle Rezensionen aus, die in 
deutschen Zeitschriften über das Buch erscheinen.*) 

Die Kritiken des Hippeischen Buches sind ebenso treuherzig. 
Die Absurdität seiner Vorschläge liegt nach Ansicht der Kritik so 
auf der Hand, dass es sich des Eingehens darauf gar nicht ver- 
lohnt. Der Geheime Kanzlei-Sekretär Brandes zu Hannover, der 
in einem dreibändigen Buche über das weibliche Geschlecht sich 
auch gelegentlich mit Hippel und Mary Wollstonecraft beschäftigt, 
vertritt ungefähr die allgemeine Ansicht, wenn er sagt, „selbst in 
unsern Zeiten, wo die Idee einer eingebildeten Gleichheit der 
Menschen theoretisch und praktisch am weitesten getrieben worden 
ist, hat noch keine von den vielen Missgeburten der schnell ent- 
standenen und schnell zertrümmerten neuen bürgerlichen Ver- 
fassungen dem andern Geschlechte einen Anteil an der Beschützung 
des Vaterlandes und der Besorgung der öffentlichen Angelegen- 
heiten gestattet; und unter der grossen Zahl der Verfechter einer 
chimärischen Gleichheit erhoben sich nur äusserst wenige Stimmen, 
die den Weibern, in Beziehung auf den Staat, gleiche Rechte mit 
den Männern beygelegt wissen wollten."*) Speziell den Werken 
von Hippel und Mary Wollstonecraft fehlt nach seiner Ansicht 
„gänzlich der Geist einer eignen wahren Beobachtung; und wenn 



1) Rettung der Rechte des Weibes mit Bemerkungen Ober politische und moralische 
Gegenstflnde, von Maiia Wollstonecraft. Aus dem Englischen übersetzt. Mit einigen An- 
merkungen und einer Vorrede von Christian Gotthilf Salzmann. Schnepfenthal, im 
Verlage der Erziehungsanstalt, 1793. 

*) VgL Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. Bd. IX, 1794, S. ia6fr. Allgemeine 
Litteraturzeitimg. Okt. 1794. G^ttingische Anzeigen von gelehrten Sachen. Sept. 1793. 
Einen tieferen Eindruck macht das Buch auf Franz von Baader. Nachgelassene Werke 
Bd I, S. aoa. 

^ Betrachttmgen Ober das weibliche Geschlecht und dessen Ausbildung in dem 
geselligen Leben von E. Brandes. Hannover xSoa. 



— ^5 — 

mehrere der in diesen Schriften vorgetragenen Grundsätze Ein- 
gang erhielten, so würde dadurch das andere Geschlecht von 
seiner eigentümlichen Bestimmung sicher abgeführt werden." ») 

Auf die Litteratur über die „Weiber", die in diesen Jahren 
erschien, weiter einzugehen, lohnt nicht die Mühe. Wie umfang- 
reich sie war, zeigen die Quellenangaben in den grösseren Werken •) 
und die Verlagsverzeichnisse. In den Grundtendenzen gleichen 
sie einander fast durchgehend. Die Züge des allen gemeinsamen 
Frauenideals sind Unschuld, Sanftmut und Bescheidenheit, 
„Artigkeit", Schamhaftigkeit und ein „freundliches aufgeheitertes 
Wesen", vor allem aber Sparsamkeit und wirtschaftliche Talente. 
Die Bestimmung der Frau, um mit den Worten eines derzeit viel- 
gerühmten Buches über Erziehung zu reden»), „einem Manne durch 
ihre Annehmlichkeit die süssesten Freuden des gesellschaftlichen 
Lebens zu schenken, seinen, durch anhaltendes Nachsinnen, er- 
müdeten Geist durch ihren Umgang aufzuheitern, ihm als Freundin, 
Ratgeberin, Gesellschafterin und Regiererin des Hauswesens zu 
gefallen, mit einem klugen, nachgebenden Wesen an der Herrschaft 
über Kinder und Gesinde teilzunehmen, ihrem ewigen Freunde die 
Erwerbung nötiger Bedürfnisse zu erleichtern und ihn mancher 
kleinen Übel und Verdrüsslichkeiten zu überheben" etc. 

Von einer einzigen Frau wurde gegen diese Bestimmung der 
weiblichen Sphäre protestiert und auf Grund der Gleichwertigkeit 
der Frau zum mindesten eine gleichwertige Bildung gefordert. 
Im Jahre 1802 erschien ein Buch von Amalia Holst: „Über die 
Bestimmung des Weibes zur höheren Geistesbildung"*), ein 
deutsches Pendant zu Mary Wollstonecraft's Verteidigung der 
Frauenrechte. Höhere Bildung soll der Frau dazu helfen, als 
Mutter, Gattin und Hausfrau das Humanitätsideal zu verkörpern, 
das Lebensziel der Frau so gut wie des Mannes. In der Aus- 
führung dieses Grundgedankens erreicht die Verfasserin zuweilen 
die polemische Schärfe der Mary WoUstonecraft, von irgend 
welchen Konsequenzen ihrer Forderungen auf staatlich-sozialem 
Gebiet aber sieht sie ausdrücklich ab. Sie stellt sich auf Hippels 



1) A. a. o. s. xxxn. 

>) Neben Brandes vor allem Karl Friedrich Pockels: Versuch einer Charakteristik 
des weiblichen Geschlechts. Hannover X7<^ ein umfangreiches Litteraturverzeichnis in 
Bd. m, S. 400 ff., einige Nachträge aus den folgenden Jahren. Mauvillon: Mann und Weib. 
V. Ramdohr: Venus Urania. Meiners: Geschichte des weiblichen Geschlechts etc. etc. 

3) Lehrbuch der Erziehungskunst. Friedrich Samuel Bock, KOnigL preussischcr 
Consistorialrat etc. Königsberg u. Leipzig 178a § 25. 

*) Berlin. 



— i6 — 

Seite und empfiehlt ihn zu lesen, aber sie erklärt sich ausdrücklich 
mit seinem Gedanken „einer bürgerlichen Verbesserung" der 
Frauen nicht einverstanden. Sie fürchtet, „dass eine solche Um- 
wälzung in den bürgerlichen Verhältnissen viel Verwirrung hervor- 
bringen möchte. Und ob im allgemeinen beyde Geschlechter je 
zu dem Grade der Bildung hinaufsteigen werden, dass dies ohne 
Nachteil geschehen könne, ist eine Frage, die für jetzt nicht mit 
Gewissheit bejaht werden kann**. ') Ausserdem will sie nicht gern 
eine „Revolutionspredigerin" sein. — Widmet sie doch das Buch 
der Königin Luise, was angesichts der ganz ausgesprochen anti- 
kirchlichen und freigeistigen Tendenz schon seltsam genug 
erscheint. Also auch hier wird das eigentlich Moderne, Zukunft- 
gültige des Hippeischen Buches, der Gedanke der „bürgerlichen 
Verbesserung" der Frau noch abgewiesen. 

In Bezug auf diesen Gedanken überhaupt ist die Diskussion, 
nach den wenigen Erörterungen, die dem Erscheinen des Hippeischen 
Buches folgten, in Deutschland für ein halbes Jahrhundert wieder 
geschlossen, 

in. 

Die Emanzipation des Herzens in der Romantik. 

Schleiermacher. 

„So viel ist gewiss," rief Jean Paul enthusiastisch aus, als er 
im letzten Jahrzehnt des scheidenden i8. Jahrhunderts nach Weimar 
kam, „eine geistigere und grössere Revolution, als die politische, 
und ebenso mörderisch wie diese, schlägt im Herzen der Welt". 
Hatte die politische Revolution die Frau zurückgewiesen, ihre 
Lage unberührt und unverändert gelassen, so griff diese geistige 
um so tiefer, um so entscheidender in ihr Leben ein. 

Welcher Art aber waren die ringenden Mächte in dieser 
Revolution und ihr Ziel? Es handelt sich um den Durchbruch 
des modernen Individualismus, um die Schöpfung des modernen 
Begriffs der Persönlichkeit, um eine neue Entdeckung des Menschen 
gewissermassen. 

Die Kunst machte diese Entdeckung. Sie lernte den Menschen 
zu erfassen als Organismus, als ein um seiner selbst willen 
Bestehendes, gelöst aus der Fülle seiner Beziehungen zu Familie, 



») s. 6. 



— 17 — 

Staat und bürgerlichem Leben, nach denen man ihn zu messen, 
zu klassifizieren, zu bewerten pflegte. Es liegt auf der Hand, wie 
diese neue, künstlerische Betrachtung des Menschen für die 
Beurteilung der Frau durch den Mann und in ihren eigenen 
Augen bedeutungsvoll werden musste. Bisher hatte man wohl 
verglichen, dem einen Geschlecht diese, dem andern jene Vorzüge 
zugeschrieben und danach Wert und Unwert gegeneinander 
abgewogen, — wobei die Wage sich schliesslich naturgemäss zu 
gunsten des Mannes senkte. Jetzt schaute man, was keine Zeit 
vorher gethan, in dem Weibe die Verkörperung einer bestimmten 
künstlerischen Intention, man erfasste das Weibliche als einen 
Stil ge Wissermassen, nicht als eine quantitativ und qualitativ im 
einzelnen genau zu bestimmende Verschiedenheit von dem Männ- 
lichen. Damit ist der Begriff der Gleichwertigkeit ohne weiteres 
gegeben, oder vielmehr, es ist ein Standpunkt gewonnen, von 
dem aus es überhaupt keine Wertbestimmung mehr giebt. 
Eine unendliche Perspektive eröffnet dieser Fortschritt für die 
Weiterentwicklung und künftige Gestaltung der Beziehungen der 
Geschlechter. 

Es ist, wie gesagt, die Kunst, die diese Entdeckung macht 
und verkörpert, ein zweites erst ist die abstrakte, begriffliche 
Fassung dessen, was man nun als die Natur der Frau erkannt 
hatte, ein drittes ist die Anwendung auf bestimmte Lebens- 
verhältnisse, die Umsetzung in eine Moral. Goethes Psychognosis 
tauchte in die Tiefe weiblichen Wesens und verkörperte es in 
einer Fülle edelliniger Gestalten. Schiller versuchte die abstrakte 
Fassung für solche tiefer geschaute Weiblichkeit zu finden, er ver- 
suchte den Gegensatz der Geschlechter in den grossen Gegensätzen 
seiner ästhetisch-ethischen Weltbetrachtung auszudrücken, in den 
Begriffen Anmut und Würde, schön und erhaben. Eine Bestimmung 
freilich, die zu schematisch geworden ist, um unmittelbar in die 
Wirklichkeit zurückprojiziert werden zu können. Die vollkommene 
Passivität, die in der „Würde der Frauen** als das ethische Sein 
der Frau hingestellt wird, entspricht schon dem Selbstbewusstsein 
der Frauen nicht mehr, die diesem Ideal ursprünglich am nächsten 
standen. Frau von Stein protestiert gegen die Rolle, die Schiller 
der Frau in der sittlichen Welt zuweist. Eine Lebenspraxis ergab 
sich aus diesem Ideal nicht. Eine solche suchte man aber, suchte 
vor allem die zweite Generation dieser neuen Zeit, die mit den 
Errungenschaften ihrer Propheten aufgewachsen, durch sie gebildet 
war, und sie nun zu weiteren Konsequenzen zu führen trachtete. 

Handbuch der Frauenbeweg^ung^. L TeiL 2 



— i8 — 

Der junge Friedrich Schlegel betrachtet es als seine höchste 
Aufgabe als Dichter, eine neue „Moral" zu stiften, vor allem, 
insofern sie sich auf das Verhältnis der Geschlechter bezog; ihre 
Grundlage eine neue Anschauung vom Weibe und ihrer Bestimmung. 
In der Diotima'), in der Rezension des Jacobischen Woldemar 
und des Schillerschen „Würde der Frauen", in den Briefen 
„Über die Philosophie" giebt er Umrisse und Andeutungen, in 
der viel umstrittenen „Lucinde" giebt er das Ganze dieser 
neuen Moral. In den ersten Abhandlungen tritt der Gedanke 
einer geistigen Emanzipation der Frau klarer und reiner 
heraus. Gegen „die Knechtschaft der Weiber" und die zahlreichen 
verunglückten, nur durch die Konvention erhaltenen und darum 
unsittlichen und für beide Teile erniedrigenden Ehen richten diese 
Rezensionen ihre Spitze. Auf dem Grunde dieser unwürdigen 
Verhältnisse der Geschlechter liegen die verkehrten Begriffe von 
der Natur und dem Recht der Frau. Weil die Männer dumm 
und schlecht sind, fordern sie von den Weibern Mangel an 
Bildung und sogenannte Unschuld, die weiter nichts ist, als ein 
absichtliches Sichverschliessen aus Selbsterhaltungstrieb, „eine 
Prätension auf Unschuld ohne Unschuld". Wahre Unschuld zeigt 
sich in „ausgelassenster Sinnlichkeit und geistigster Geistigkeit" 
zugleich, sie ist da, wo Begeisterungsfähigkeit, Religion — in der 
romantischen Bedeutung des Wortes — ist. Darum macht Geist 
und Bildung auch die Frau liebenswürdig, und es ist eine der 
vielen Rousseauschen Plattheiten, dass „Freigeisterei" an der 
Frau widerwärtig sei. »Der eigne Sinn, die eigne Kraft, der 
eigne Wille eines Menschen ist das Menschlichste, das Ur- 
sprünglichste, das Heiligste in ihm. Ob er zu dieser oder jener 
Gattung gehört, das ist unbedeutender und zufälliger." «) „Man 
nimmt", so meint Schlegel an einer anderen Stelle»), „in den 
Begriff der reinen Weiblichkeit — zu viel Merkmale auf, Merk- 
male, die aus der Erfahrung geschöpft sind und nur einer über- 
triebenen Weiblichkeit zukommen." Diese „übertriebene", an einer 
andern Stelle sagt er „überladene", Weiblichkeit ist hässlich. 
„Trennen wir das Wesentliche vom Zufälligen, so ist der Grund- 
satz unwiderleglich: Die Weiblichkeit soll wie die Männlichkeit 
zur höheren Menschlichkeit gereinigt werden." Männlichkeit und 



I) Zuerst erschienen Berlinische Monatsschrift, hrsg. von Biester. a6. Bd. No. 3 u. 4^ 
VgL Minor: Friedrich Schlegel, 1794—1809. i. Bd. Wien 188a, S. 46ff. 

*) Ober die Philosophie. An Dorothea. Athenaeum. a. Bd., i. Stck., S. 8. 
3) Ober die Diotima. Minor: Friedrich SchlegeL, S. 59. 



— 19 — 

Weiblichkeit sind ihm „die gefährlichsten Hindernisse der Menschlich- 
keit." Auf der herrschenden platten Auffassung von der Frau beruht 
die Philister-Ehe, in der „der Mann in der Frau nur die Gattung, 
die Frau im Mann nur den Grad seiner natürlichen Qualitäten 
und seiner bürgerlichen Existenz, und beyde in den Kindern nur 
ihr Machwerk und ihr Eigenthum" ») lieben. In der „Lucinde" ist 
die Paradoxie, zu der Schlegel sich im Kampf gegen die 
„Immoralität der Moral" hinreissen liess, bis zur Frechheit 
gesteigert. In den Ausgangspunkten für diesen Kampf aber lag 
etwas Edles und Berechtigtes. Das kommt einem da zum 
Bewusstsein, wo die romantische Ethik, die romantische Auf- 
fassung der Beziehungen der Geschlechter in ihrer abgeklärtesten, 
reinsten Form erscheint: bei Schleiermacher. 

Dass die Emanzipationsidee der Romantik, deren unmittelbare 
Wirkung ein Sinken des sittlichen Niveaus zu sein schien, 
schliesslich doch eine Verfeinerung des sittlichen Empfindens, vor 
allem der Auffassung der Frau bedeutete, zeigt ihre prägnanteste 
Ausprägung: Schleiermachers „Katechismus der Vernunft für edle 
Frauen."*) Er sei als Verkörperung der edelsten Seite dieser die 
Romantiker beherrschenden Anschauung von den Beziehungen 
der Geschlechter hier vollständig angeführt. 

Die zehn Gebote. 

I. Du sollst keinen Geliebten haben neben ihm; aber du sollst 
Freundin sein können, ohne in das Kolorit der Liebe zu spielen und 
zu kokettieren oder anzubeten. 

a. Du sollst dir kein Jdeal machen, weder eines Engels im Himmel 
noch eines Helden aus einem Gedicht oder Roman, noch eines selbst- 
geträumten oder phantasierten; sondern du sollst einen Mann lieben 
wie er ist. Denn sie die Natur, deine Herrin, ist eine strenge Gottheit, 
welche die Schwärmerei der Mädchen heimsucht an den Frauen bis 
ins dritte und vierte Zeitalter ihrer Gefühle. 

3. Du sollst von den Heiligtümei*n der Liebe auch nicht das 
kleinste missbrauchen; denn die wird ihr zartes Gefühl verlieren, die 
ihre Gunst entweiht und sich hingiebt für Geschenke und Gaben oder 
um nur in Ruhe und Frieden Mutter zu werden. 

4. Merke auf den Sabbath deines Herzens, dass du ihn feierst, 
und wenn sie dich halten, so mache dich frei oder gehe zd Grunde. 

5. Ehre die Eigentümlichkeit und die Willkür deiner Kinder, auf 
dass es ihnen wohlergehe und sie kräftig leben auf Erden. 

6. Du sollst nicht absichtlich lebendig machen. 

1) Lucinde, S. iii. 

3) Athenaeum Bd. i, II. Stack. Fragmente, S. X09. 

2* 



— 20 — 

7- Du sollst keine Ehe schliessen, die gebrochen werden muss. 

8. Du sollst nicht geliebt sein wollen, wo du nicht liebst. 

9. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen fQr die Männer, du 
sollst ihre Barbarei nicht l)eschönigen mit Worten und Werken. 

IG. Lass dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst, Weisheit 

und Ehre. 

Der Glaube. 

I. Ich glaube an die unendliche Menschheit, die da war, ehe sie 
die Hülle der Männlichkeit und der Weiblichkeit annahm. 

a. Ich glaube, dass ich nicht lebe um zu gehorchen oder um mich 
zu zerstreuen, sondern um zu sein und zu werden; und ich glaube an 
die Macht des Willens und der Bildung, mich dem Unendlichen wieder 
zu nähern, mich aus den Fesseln der Missbildung zu erlösen und mich 
von den Schranken des Geschlechtes unabhängig zu machen. 

3. Ich glaube an Begeisterung und Tugend, an die Würde der 
Kunst und den Reiz der Wissenschaft, an Freundschaft der Männer 
und Liebe zum Vaterlande, an vergangene Grösse und künftige 
Veredelung. 

Eins vor allem ist bedeutungsvoll in der Entwicklung dieser 
Ethik, dieser Gedanken von der Stellung der Frau: sie wurzeln im 
Leben, sie sind abstrahiert von Persönlichkeiten, die diese An- 
sprüche gestellt, deren Wesen sie zu diesen Ansprüchen berechtigte, 
Persönlichkeiten wie Karoline Michaelis, Dorothea Mendels- 
sohn, Henriette Herz. 

Dass von diesen Frauen, dass von der ganzen 2!^itrichtung, 
der sie angehörten, eine unmittelbare praktische Wirkung nicht 
ausging, liegt eben in ihrem Subjektivismus, der keinen Wert 
darauf legt, allgemein gültige Normen zu schaffen, in dem Auf- 
gehen im individuellen Leben für Kunst und Wissenschaft, unter 
Hintansetzung aller politischen, auch der sozialen Interessen, so- 
weit sie nicht auf die Ehe beschränkt waren. Man würde auch 
in romantischen Kreisen nie daran gedacht haben, politische 
Rechte für die Frauen zu verlangen, wenigstens Schleiermacher 
nicht. Es deckt sich nicht mit dem romantischen Frauenideal. 
„Wenn die Weiber eine politische Existenz bekämen", heisst es 
einmal in seinen wissenschaftlichen Tagebüchern, „wäre nicht zu 
besorgen, dass die Liebe und mit ihr der intelligible Despotismus 
und die formlose Gewalt, zu deren Darstellung die Weiber von 
Natur bestimmt sind, verloren gehen würden?"') 

So bleibt die geistig -sittliche Emanzipation der Frau in der 
Romantik auf einen engen Kreis beschränkt, innerhalb dessen sie 



*) Dilthey, Leben Schleiennachers. i. Bd. Berlin xSya Anhang S. 94. 



— 21 — 

ZU sittlich bedenklichen Konsequenzen führen musste. Musste — 
denn jede Emanzipation von Sitte und Herkommen, die sich, wie 
die romantische, unter dem Zeichen des laisser aller, des „göttlichen 
Müssiggangs** vollzieht, die nicht eine Befreiung zur Arbeit ist und 
keiner von vielen empfundenen sozialen Notwendigkeit entspringt, 
muss zu Verirrungen führen, an ihren eigenen Verirrungen zu 
Grunde gehen. Die Bedeutung dieser Emanzipationsbewegung in 
den Salons darf trotzdem nicht unterschätzt werden. In Deutschland 
ist der Kampf der Geister in den Lüften für Sieg und Niederlage 
der streitenden Mächte unten im Leben bedeutungsvoller sJs 
anderswo, und unverkennbar ist vor allem von der Persönlichkeit 
Schleiermachers ein Einfluss ausgegangen, der auf die Hebung der 
Frauenbildung, der Ansprüche, die man an sie stellte, auch in 
weiteren Kreisen hinwirkte. In den Kreisen, die in bescheidener 
Arbeit im einzelnen sich mühen, die Bildung der Masse dem 
geistigen Niveau der Zeit anzunähern. 

Die Geschichte der Frauenbildung kann hier selbstverständlich 
nur insoweit berührt werden, als ihre Tendenzen sich aus der 
allgemeinen Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter ergeben. 
Die Frauenbildung zu Ende des Jahrhunderts ist im Durchschnitt 
ein ungesundes Gemisch der oberflächlichsten französierenden 
accomplishment-Manier und der durch Rousseau für die Ideal- 
frau gewissermassen obligatorisch gewordenen Empfindsamkeit. 
Charakteristisch ist für die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts 
die Geltendmachung neuer Tendenzen im Sinne des durch die 
Klassiker aufgestellten Humanitätsideals durch die Frauen selbst 
Als die bekannteste Kundgebung in dieser Richtung darf wohl 
das Buch über „Weibliche Erziehung" von Betty Gleim>) 
angesehen werden. Ein Wort Schleiermachers ist dem Buch als 
Motto vorgedruckt: 

„Bilde den Menschen so, dass er für die Ewigkeit reife, 
ohne für die Arbeit und für die Strapazen des Lebens in der 
Zeit untaugsam zu sein ; bilde ihn so, dass er desto mehr für 
die Ewigkeit reife, je grössere Strecken er in der Laufbahn 
der Zeit zurückgelegt habe; bilde ihn so, dass er lerne, in der 
Endlichkeit Eines werden mit dem Unendlichen; und ewig 
sein in jedem Augenblicke." 

Der Zweck des Buches ist die unbeschränkte Anwendung 
dieses Erziehungsideals auf die Bildung der Frau. Wir haben 



I) Erziehung^ und Unterricht des weiblichen Geschlechta. Ein Buch ftlr Eltern und 
Erzieher von Betty Gleim. Leipzig i8ia 



22 



uns heutzutage gewöhnt, dieses Humanitätsideal in der Form, wie 
es jetzt für die Mädchenbildung aufgestellt wird, als verfehlt 
anzusehen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass es damals 
auch das höchste Ziel der männlichen Bildung war, und in welchem 
Gegensatz es zu den Rousseau-Basedowschen Prinzipien für die 
weibliche Erziehung stand, um den Fortschritt zu verstehen, den 
es damals bedeutete. Charakteristisch ist auch bei Betty Gleim 
wieder die Ablehnung jeder Thätigkeit der Frau, die eine Änderung 
der Gesellschaftsordnung bedeuten oder nach sich ziehen würde: 
„Nicht an diejenigen Verteidiger der Rechte des Weibes** — so 
salviert sie sich gleich nach ihrer Forderung einer Erwerbsbildung 
für unbemittelte Frauen — „denke man bei dieser Äusserung, die 
da wollen, das Weib solle Anteil haben an allen öffentlichen und 
bürgerlichen Ämtern; es solle also künftig weibliche Ärzte, Juristen, 
Prediger etc. geben. Es ist wohl gewiss, dass man durch diese 
Ansicht die Weiber zu ehren geglaubt hat, aber die nur konnten 
so glauben, die vergassen, dass ein öffentliches Leben der 
Individualität der Weiber wenig zusagt, und dass man unmöglich 
weder etwas leisten, noch sich selbst glücklich fühlen könne bei 
einem Geschäft, das unsere Individualität alle Augenblicke verletzt. 
Öffentlichkeit ist nun einmal, wie schon gesagt, dem Weibe weder 
heilsam, noch erwünscht, und es kann ihrer auch um so eher 
entrathen, da es ihm nicht an andern Mitteln fehlt, die ihm 
angewiesene Stelle würdig zu erfüllen." 



IV. 

Die Frauenbewegting der Julirevolution. 

Ein Doppeltes ist es, das im Laufe der ersten Jahrzehnte des 
19. Jahrhunderts die Interessen des deutschen Volkes von der 
Philosophie und Kunst auf die Politik, von privaten auf öffentliche 
Lebensgebiete lenkte: einmal die gewaltige Lehre der Unglücks- 
jahre von 1806 und 1807 und die hinreissende Erhebung in den 
Befreiungskriegen, dann aber die wirtschaftliche Entwicklung mit 
den aus ihr sich ergebenden Veränderungen der Gesellschafts- 
ordnung. 

Bis zu einem gewissen Grade kann man aUerdings sagen, 
dass der von der Zeit der Not und der Zeit der Erhebung 
geweckte Enthusiasmus auch von ihr wieder verbraucht wurde. 



— 23 — 

Von der Stärke und Allgemeinheit des Verlangens nach kon- 
stitutionellen Rechten hat man sich vielfach zu grosse Vor- 
stellungen gemacht. Immerhin aber überlebte das Verlangen die 
Zeit der Lethargie und empfing durch die Julirevolution neue 
Nahrung. Auf der Frau lastet die Not der Zeit, das Sparen 
nahm ihre ganze Kraft, ihr ganzes Interesse die häusliche Wirt- 
schaftsführung in Anspruch; der grosse Zug von Opferwilligkeit 
der Allgemeinheit gegenüber, zu der die Zeit der Befreiungskriege 
sie erhoben, geht in Familiensorgen unter. Der sich allmählich 
vorbereitenden politischen Gärung stehen Frauen viel femer, 
als man nach ihrer intensiven und innerhalb ihrer Sphäre thätigen 
Anteilnahme an den Befreiungskriegen erwarten sollte. Und zwar, 
trotzdem die politischen Programme, die in dieser Bewegung eine 
Rolle spielten, den Gedanken der Emanzipation der Frau mit auf- 
nahmen. So vor allem der Saint-Simonismus und die ihm ver- 
wandten oder von ihm abhängigen Bewegungen, die in den 
Reihen des „jungen Deutschland** Einfluss gewannen. In Ver- 
bindung mit der durch Rodrigues, Enfantin und Bazard gegebenen 
Ausgestaltung des Saint-Simonismus kam der Gedanke der Frauen- 
emanzipation nach Deutschland. Er trug ein doppeltes Gepräge. 
Einmal lag es in der Konsequenz des simonistischen wirtschaftlich- 
sozialen Programms, die Gleichstellung der Frau mit dem Manne 
in allen Beziehungen des öffentlichen Lebens zu fordern. Dann 
aber ging Pere Enfantin in der Verfolgung der libertinistischen 
Richtung, die der Saint-Simonismus in seiner immer stärker 
hervortretenden religiösen Ausprägung nahm, bis zur Predigt der 
freien Liebe, ein Extrem, das die Trennung der Häupter der 
Schule und dann schliesslich den Untergang des Saint-Simonismus 
nach sich zog. Für den Erfolg der simonistischen Lehre in 
Deutschland ist es wichtig, dass sie Leben gewann in der 
Persönlichkeit der George Sand. Sie wird der Typus der 
„Emanzipierten** in Deutschland, ein T3rpus, der ebenso begeistert 
verehrt als entrüstet verworfen wird. Verehrt als furchtlose 
Prophetin Saint-Simons im Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit, 
eine Prophetin mit der Beredsamkeit dessen, der selbst in unerträg- 
lichen Fesseln leidet, verworfen — begreiflicherweise — als das 
Mannweib mit der Männerkleidung, mit der Reitpeitsche' in der 
Hand, dem Dolch im Gürtel, der Zigarette im Munde. 

Das junge Deutschland nahm unter dem Zeichen des Simonismus 
die Emanzipationsgedanken der Romantik wieder auf, aber, dem 
burschikosen Wesen seiner wenig bedeutenden Führer entsprechend. 



— 24 — 

bis zur Abgeschmacktheit vergröbert. Gutzkow giebt die Schleier- 
macherschen „Vertrauten Briefe tiber die Lucinde" mit einer 
keck apologetischen, burschikos unterstreichenden Vorrede neu 
heraus und rechtfertigt mit des hochverehrten Theologen roman- 
tischen Jugendthorheiten sich und seine politischen Freunde gegen 
den Vorwurf der Frivolität und Unmoral. Und das, übrigens auf 
Missdeutungen zurückzuführende, Bild der Baronin Dudevant, wie 
Gutzkow sie später in den „Rückblicken" schildert, liefert ent- 
schieden die Züge zu jener abgeschmackten Charakteristik des 
„emanzipierten Weibes**, dem das junge Deutschland huldigte: 
„Nicht wahr, Rosalie? erst seit Du Sporen an Deinen Seiden- 
stiefelchen trägst und von mir gelernt hast, Deinen spanischen 
Mantel in Falten zu schlagen, erst seit ich für Dich eine neue Art 
von Beinkleidern erfinden musste, so dass Du überall für meinen 
jüngsten, innigstgeliebten Bruder giltst, weisst Du, was ich damit 
meinte, als ich sprach: Ich liebe Dich.** 

Man kann, wie gesagt, nicht behaupten, dass das jungdeutsche 
Evangelium von der Emanzipation des Fleisches unter den Frauen 
einen nennenswerten Eindruck gemacht hätte. Wir wissen von 
keinen hervorragenden Frauen, die etwa in dem Kreise des jungen 
Deutschland dieselbe Bedeutung gehabt hätten, wie die Frauen 
der Romantiker. Als 1846 eine excentrische Frau aus dem Kreise 
Max Stirners, Louise Aston, die in öffentlichen Lokalen Zigarren 
rauchte, aus Berlin ausgewiesen wurde, da sie „Ideen geäussert 
und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und 
Ordnung gefährlich seien**, traf sie auch von selten der liberalsten 
Organe der Presse, besonders aber von selten der Frauen selbst, 
die schärfste Verurteilung und sittliche Entrüstung.') Wie man 
im allgemeinen auf die Ideale der dreissiger Jahre reagierte, das 
giebt etwa ein Bericht einer Zeitgenossin wieder: „George Sand 
tauchte ja eben auf mit ihren Romanen von unglücklicher Liebe 
und noch unglücklicherer Ehe, mit ihren ersten Mahnungen an 
das Sklavenjoch der Frauen, und das junge Deutschland ver- 
kündete die Emanzipation des Fleisches, trat für die Rechte der 
Sinne ein und nannte dies ein Eintreten für die Rechte der Frauen! 
Und die guten deutschen Hausfrauen beeilten sich, zu verstehen 
zu geben, dass sie keinen andern Gedanken hätten, als wirtschafdich 
zu sein und zu bleiben und nebenbei zu tanzen und für ihre 
Töchter auf den Bällen Tänzer und Männer zu suchen. Das 



1) Meine Emanzipation, Verweisung und Rechtfertigung von Louise Aston. 
BrOssel 2846. 



— 25 — 

hinderte aber nicht, dass die Frauen und Fräuleins mindestens 
heimlich George Sands Romane lasen, aus Heines ,Buch der 
Lieder* von jungen Herren sich vorlesen Hessen, Mundts ,Madonna' 
und Gutzkows ,Wally* sich von befreundeten Studenten, denen 
auch verbotene Bücher zugänglich waren, zu verschaffen suchten, 
nebenbei auch für Lord Byron schwärmten und bald Schlegels 
»Lucinde*, bald Tiecks »Vittoria Accorambona* in den Leih- 
bibliotheken suchten." >) 

Als ein Schreckgespenst ehrsamer Hausfrauen spielte die 
„femme libre" aber noch lange eine Rolle, so lange, dass die 
Begründerinnen der deutschen Frauenbewegung sich 20 Jahre 
später noch mit ihr auseinander zu setzen hatten. 

In einer hervoiragenden Frau jedoch erscheinen die Zeit» 
Strömungen gesammelt, erscheint die Berührung der feinen 
Geistigkeit der Romantik mit den politischen Ideen einer neuen 
Zeit gewissermassen verkörpert. Eine Frau, die ihre Genialität 
zugleich über die einengende, zwingende Macht der Tendenz 
hinaushob. Das ist Rahel Varnhagen. 

Man kann in Abrede stellen, dass sie in eine Geschichte der 
deutschen Frauenbewegung hineingehört, ein Genie, eine einzig- 
artige Persönlichkeit, in ihrer unmittelbaren Wirkung auf einen 
Kreis von geistig und gesellschaftlich Hochstehenden beschränkt, 
in die Geschichte einer sozialen Massenbewegung, in die Ent- 
wicklungsgeschichte von Institutionen, auf die wirken zu wollen 
ihr ganz fern lag. 

Und doch — ihr kommt die typische Bedeutung zu, die 
Brandes in dem Ausspruch zusammenfasst, sie sei der „höchste 
weibliche Ausdruck ihrer Zeit*, und deshalb verkörpert sich in ihr 
auch die Entwicklung des weiblichen Selbstbewusstseins, die sich in 
der geistigen Bewegung der vorangegangenen Jahrzehnte vollzogen 
hatte. In ihr gipfelt diese Entwicklung, in ihr finden sich aber 
auch vorausdeutende Zeichen für die Wendung zum sozialen 
Leben, die die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts nehmen musste. 

In ihr gipfelt diese Entwicklung. Nie ist vor Rahel eine 
deutsche Frau zu einem so hohen Grade bewusster Selbstbehauptung 
gelangt, wie ihn Rahel durch ihre rücksichtslose Ehrlichkeit, durch 
die Feinheit ihres Geistes und die Selbstanalyse erreicht hat, die 
sie in so besonderem Sinne zu einem modernen Menschen gemacht 



Louise Otto. Frauenleben im deutschen Reich. Leipzig 1876. S. 67. 



— 26 — 

hat. Sie ist zu vielseitig, um tendenziös zu sein. So ist sie auch 
nicht tendenziös für die Befreiung der Frau eingetreten. Aber sie 
hat an sich selbst als Frau die Forderung geistiger Unabhängig- 
keit gestellt und erfüllt. „Es ist Menschenunkunde", sagt sie ein- 
mal 1819, „wenn die Leute sich einbilden, unser Geist sei anders 
und zu anderen Bedürfnissen konstituiert, und wir könnten z. E. 
ganz von des Mannes oder Sohnes Existenz mitzehren. Diese 
Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, dass ein Weib in 
ihrer ganzen Seele nichts Höheres kannte, als gerade die 
Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt, oder die 
Gaben und Wünsche ihrer Kinder: dann wäre jede Ehe, schon 
blos als solche, der höchste menschliche Zustand. So aber ist 
es nicht; man liebt, hegt, pflegt wohl die Wünsche der Seinigen, 
fügt sich ihnen, macht sie sich zur höchsten Sorge und dringendsten 
Beschäftigung; aber erfüllen können sie uns nicht oder auf unser 
ganzes Leben hinaus stärken und kräftigen. Dies ist der Grund 
des vielen Frivolen, was man bei Weibern sieht: sie haben gar 
keinen Raum für ihre eigenen Füsse, müssen sie nur immer 
dahin setzen, wo der Mann eben stand und stehen will ; und sehen 
mit ihren Augen die ganze bewegte Welt, wie etwa einer, der wie 
ein Baum mit Wurzeln in der Erde verzaubert wäre: jeder Ver- 
such, jeder Wunsch, den unnatürlichen Zustand zu lösen, wird 
Frivolität genannt; oder noch für strafwürdiges Benehmen gehalten." 
— Rahel selbst hat unter diesem „unnatürlichen Zustand" ihr 
Leben hindurch gelitten, um so schwerer gelitten, als ihre Interessen 
sich nicht wie die der romantischen Frauen in Kunst und Philo- 
sophie und allem, was dem rein privaten Leben angehört, er- 
schöpften, sondern die Geschichte ihrer Zeit, soziale Verhältnisse 
und Probleme umfassten. Wie einst jedes Ereignis der Unter- 
drückung und Erhebung ihres Vaterlandes, so fanden später die 
sozialpolitischen Ideale der dreissiger Jahre — der letzten ihres 
Lebens — in ihr einen mächtigen Wiederhall. „Erschütternd, 
zerreissend, beglückend" wirkt auf sie der Saint-Simonismus. Er 
„trifft einen ganz lebendigen, geordneten Vorrat" in ihr an. „Ich 
litt nicht allein", sagt sie mit Beziehung darauf, „aber mit allen 
Menschen, unendlich, vielleicht einzig . . ." Und in einem Brief 
an Heine vom 5. Juli 1832 nennt sie die Lehre Simons „das neue, 
grosserfundene Instrument, welches die grosse, alte Wunde, die 
Geschichte der Menschen auf der Erde, endlich berührt. Er 
operiert und säet, und unumstössliche Wahrheit hat er ans Licht 
gefördert, die wahren Fragen in Reihe und Glied gestellt, viele. 



— 27 — 

wichtige beantwortet". Da sagt sie auch, was unter dem „Vorrat", 
der in ihr für Saint-Simon" bereits vorhanden, zu verstehen sei: 
„Die Erde verschönern: mein altes Thema. Freiheit zu jeder 
menschlichen Entwicklung: ebenso." 

Das ist, im schöngeistigen, gesuchten Impressionsstil der 
Salons d'esprit jener Tage, das erste Bekenntnis modernen sozialen 
Empfindens in einer deutschen Frau, das erste Zeugnis für die 
Teilnahme des weiblichen Geschlechts an der Lösung der sozialen 
Frage. So steht Rahel an der Schwelle einer neuen kulturellen 
Entwicklungsperiode der Frau in Deutschland: als Persönlichkeit 
besitzt sie alles, was die geistige, die litterarisch-philosophische 
Bewegung der vorangegangenen Jahrzehnte der Frau geben konnte, 
am Ende ihres Lebens wendet sie sich den sozialen Problemen 
zu, die zum erstenmal die Frau aus dem Familienkreise den Blick 
hinaus auf den Staat richten lehrten. 

V. 

Frauenbewegting und Demokratie. 

„Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden, so kann es nicht 
fehlen, dass auch die Frauen ihre Stimme vernehmen und ihr 
gehorchen" ; unter diesen Gesichtspunkt hat Louise Otto die That- 
sache gestellt, dass die deutsche Frauenbewegung im Zusammen- 
hang mit den Ereignissen von 1848 entstand. 

Diesem „Lautwerden der Zeiten", seinen Ursachen und seinem 
Charakter muss man nachgehen, um die Entstehung der Frauen- 
bewegung zu verstehen. Die Bewegung des jungen Deutschland, 
so weit sie überhaupt soziale Fragen berührte, d. h. die eigentliche 
simonistische Bewegung, ist mehr die Wirkung einer Suggestion 
von aussen, wo die der deutschen vorangeeilte wirtschaftliche 
Entwicklung diese Fragen bereits praktisch aufgeworfen hatte. 
Nun aber — in den vierziger Jahren — beginnen auch in Deutsch- 
land die Folgen der grossindustriellen Entwicklung in überall auf- 
tauchenden Anzeichen beginnenden Massenelends sich zu zeigen, 
einer Entwicklung, die in dem Masse niemand vorausgesehen, der 
der Staat naturgemäss nicht so schnell zu folgen vermochte, um 
gefährliche Krisen zu verhindern. Die Folgen dieser Krisen trug 
der Arbeiter. Die immer wachsende Masse der industrieUen 
Arbeiter, von überall her in den Industriestädten zusammen- 
geströmt, durch hier und da begründete Fabrikgerichte nur unzu- 
reichend geschützt und doch der Fähigkeit gemeinsamer Ver- 



— 28 — 

tretung ihrer Interessen durch die herrschenden Koalitionsverbote 
beraubt, stand den Unternehmern hilflos gegenüber, die, selbst 
zum grossen Teil Emporkömmlinge und durch die scharfe 
Konkurrenz jener Zeit gedrängt, bei dem ganz privatrechtlichen 
Charakter des Arbeitsvertrages ihre wirtschaftliche Ueberlegenheit 
rücksichtslos geltend machten. Immer zahlreicher wurden die 
Klagen über Ausbeutung durch niedrige Löhne, durch das Truck- 
system, über entsetzliche Wohnungsverhältnisse, über Kinder- 
arbeit u. s. w. Die Regierungen waren noch zu sehr durchdrungen 
von dem Fortschritt, den die grossindustrielle Entwicklung an sich 
bedeutet, um sich zu irgend welchen hemmenden Eingriffen 
entschliessen zu können. Als die rheinisch-westfälischen Provinzial- 
stände um gesetzliche Massnahmen gegen das Trucksystem ein- 
kamen, lehnte die preussische Regierung jeden Eingriff ab; man 
hoffte, „das wucherische Benehmen einzelner Fabrikherren würde, 
gebrandmarkt durch die öffentliche Meinung, endlich ganz auf- 
hören**. Die fast durchgehende Verständnislosigkeit der regierenden 
Körperschaften dem wahren Wesen der „freien Konkurrenz** 
gegenüber — wie sie z. B. auch die schlesische Regierung an- 
gesichts der Notstände der Weber und der „Wasserpolen* 
dokumentierte — entsprach nur der allgemein herrschenden 
Gleichgiltigkeit gegen die Verhältnisse der arbeitenden Klassen. 
Die Folge ist ein still wachsender sozialer Groll der unteren 
Stände gegen die oberen. Dann kamen erschütternde Beispiele 
akuten Elends, so der Aufruhr der Weber in Schlesien. Die dabei 
gemachten Erfahrungen, die Unmöglichkeit, die in entsetzlicher 
Not erschlaffte Bevölkerung zur Benutzung der vom Staate ver- 
suchten Mittel zur Hebung der Not zu gewinnen, schienen ein 
gewaltiges Menetekel gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. 
Sie verurteilt Tausende von Menschen zu einem Elende, das 
ihnen nur zu dem stumpf brütenden Grolle die Kraft lässt, dem 
die Heineschen Verse Ausdruck geben: 

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, 
Den unser Elend nicht konnte erweichen, 
Der den letzten Groschen von uns erpresst 
Und uns wie Hunde erschiessen lässt. 
Wir weben, wir weben! 

Missemten kamen dazu, um auch anderwärts die Not akut zu 
machen. 

Da gewann das alte Evangelium von der „Humanität'', der 
alte Glaube an die „Menschenrechte", den die Deutschen als Erbe 



— 29 — 

der klassischen Zeit in träumendem und schwärmendem Idealismus 
gehegt, einen neuen Sinn und eine neue Kraft. Die Demokratie 
erschien als die Verwirklichung der edelsten geistigen Errungen^ 
Schaft des Volkes, des Humanitätsideals. Der Adel dieses Erbes 
verpflichtete zum Kampf für die Freiheit des Denkens und des 
Gewissens, gegen Beschränkung auf kirchlichem, politischem, 
sozialem Gebiet. Der Enthusiasmus der Achtundvierziger hatte im 
Gegensatz zu den Emanzipationsfehden des jungen Deutschland 
etwas Heiliges. Man glaubte aufrichtig an die Grösse und Güte 
der Güter, für die man sein Leben einsetzte. Die Geisteshelden 
des deutschen Volkes sind wieder, und jetzt erst so recht, Schiller 
und Fichte. 

Und jetzt treten zum ersten Mal Frauen, als wenn es selbst- 
verständlich wäre, in die politische Bewegung ein; sie thun es in 
dem Masse, als die Politik überhaupt eine Angelegenheit des 
Volkes, als sie durch das immer weiter durchgeführte Prinzip der 
Selbstverwaltung für immer mehr deutsche Bürger eine aktuelle 
Frage wird. In Sachsen — und anderswo — fanden sich Frauen 
immer zahlreicher als Zuhörer bei den Kammerverhandlungen ein, 
sie nahmen an den Abgeordnetenfesten teil etc. etc. Auch darin 
hat Louise Otto zweifellos recht, wenn sie der politischen Lyrik 
einen grossen Einfluss auf die Teilnahme der Frauen für die 
öffentlichen Ereignisse zuschreibt War doch in Deutschland seit 
langer Zeit die innere Politik kaum Gegenstand des Liedes 
gewesen! Ein ganz besonders hervorragender Anteil aber an dem 
Erwachen dieses Interesses gebührt zweifellos den freien Gemeinden 
und der deutsch-katholischen Bewegung. Dem Rufe Ronges, dass 
die Frauen auch ihren Teil fordern sollten am Kampf der Welt- 
geschichte, wird durch die Gründung einer ganzen Reihe von 
Frauenvereinen zur Unterstützung der deutsch-katholischen Be- 
wegung, vor allem in Breslau, Berlin und Leipzig entsprochen. 
In den Gemeinden selbst hatten die Frauen vollkommen dieselben 
Rechte wie die Männer. 

In der schier unerschöpflichen Litteratur, die der Erörterung 
oder Verherrlichung politischer Ansichten in dieser Zeit diente, 
finden wir eine ganze Anzahl weiblicher Namen. Die meisten sind 
vergessen. Wenige hervorragende hat man bewahrt 

Bettina von Arnim, das „Kind" der Romantik, erhebt als 
«ine der ersten die Fahne der Freiheit und des Fortschritts. Wie 
sie einst in unablässigem, eindringlichem Eifer sich gemüht, den 
gelassenen Olympier für den Freiheitskampf der Tyroler zu 



— 30 — 

erwärmen, so richtet sie jetzt im Namen der Freiheit und des 
Volkes einen seltsam naiven Appell an den Fürsten: „Dies Buch 
gehört dem Könige". „Nein!" ruft sie ihm zu, „kein Blutstropfen 
der Revolution ist umsonst geflossen, alles ist zu Geist geworden, 
er blüht jetzt wieder in der Menschheit, lass uns hoffen auf den 
Helden, der den freien Weg auch zur irdischen Freithätigkeit 
bahnt, und wir werden endlich fühlen, wie sanft, wie allgemein, 
wie ohne Falsch dieser Geist der Revolutionen sich verbreiten 
wird über Staat und Religion, über Fürst und Volk." *) 

Aber sie war nicht nur eine Schwärmerin, sondern eme 
warmherzige und mutige Frau. Den dritten Teil des ver- 
schwommenen, pathetischen Buches bildet eine Schilderung des 
Elendes im „Vogtland", dem ärmsten Viertel von Berlin, draussen 
vor dem Hamburger Thor, wie sie es aus eigener Anschauung 
kennen gelernt hatte, sachlich, einfach und wahrheitsgetreu, fast 
wie eine moderne Enquete über Wohnungsverhältnisse. 

Treuer als in Bettina spiegeln sich die Kämpfe der Zeit im 
Leben der „Idealistin" Malwida von Meysenbug.«) Und bei 
ihr ist der Gedanke der Frauenbewegung mit diesen Kämpfen 
eng verknüpft. Aufgewachsen in dem beschränkten Anschauungs- 
kreise einer engherzig aristokratischen Familie, arbeitet sie sich 
zu den demokratischen Anschauungen der Zeit durch, und ihr 
sehnlichster Wunsch ist, ihr Leben diesen Anschauungen ent- 
sprechend in den Dienst der Allgemeinheit stellen zu können. 
Als Märtyrerin ihrer Überzeugungen kämpft sie zugleich als Frau 
für die Selbständigkeit ihres Geschlechts im Urteil und in der 
Gestaltung des eigenen Lebens. Ehe noch die wirtschaftliche 
Lage zu einer allgemein empfundenen wirtschaftlichen Not wurde, 
steUt sie die Forderung, die Frau zur Erlangung ökonomischer 
Unabhängigkeit zu befähigen. Sie stellt diese Forderung einmal 
in der durch den sozialen Idealismus geweckten enthusiastischen 
Ehrfurcht vor der „Arbeit", vor allem aber, weil, wie sie selbst 
erfuhr, nur die ökonomisch unabhängige frei ist, ihren Über- 
zeugungen entsprechend zu leben. Die Möglichkeit dazu aber 
empfindet sie als eine durch die Zeit gebotene Notwendigkeit. 
Sie weiss sich in dieser Überzeugung eins mit vielen ihres 
Geschlechts. „Trotzdem ich in so engen Verhältnissen lebte," 
heisst es in den Memoiren, „so hörte ich doch von mehr als einer 
weiblichen Individualität, die vom regenerierenden Hauch, der die 

>) Dies Buch gehört dem KOnig. Berlin 1845. S. a8i. 

*) Malwida von Meysenbug. Memoiren einer Idealistin. 1875. 



— so- 
weit durchweht hatte, erwacht war und sich von der dreifachen 
Tyrannei des Dogmas, der Konvention und der Familie befreien 
wollte, um nach ihren Überzeugungen und durch ihre eignen 
Anstrengungen zu leben. Die deutsche Frau fing an, noch eine 
andere Bestimmung in sich zu fühlen als die, blos eine gute 
Hausfrau zu sein — ein Titel, den man ihr stets, nicht ohne 
Beimischung von Geringschätzung beigelegt hatte, — da es heissen 
sollte, dass sie ausserdem nichts sei." 

Diese Bestimmung aber ist, mitzuarbeiten an dem grossen 
Werke der Regeneration des Volks. , Voraussetzung dafür ist 
eine andere Bildung. „Wie könnte", heisst es an einer andern 
Stelle der Memoiren, „ein Volk sich selbst regenerieren und frei 
werden, wenn seine eine Hälfte ausgeschlossen wäre von der 
sorgfältigen, allseitigen Vorbereitung, welche die wahre Freiheit 
für ein Volk ebensowohl wie für die Individuen verlangt." 

Die Idealistin denkt an eine grosse Frauenverbindung, die 
versuchen sollte, den Frauen diese Vorbildung zu gewähren. Sie 
findet eine Stätte, wo man begonnen hatte, diesen Gedanken 
auszuführen. 

DieHamburger weibliche Hochschule war eineGründung 
des Hamburger Bildungsvereins, der seine Entstehung der freien 
Gemeinde verdankte. Man begnügte sich nicht damit, Frauen in 
der Gemeinde den Männern gleichzustellen, man wollte die Frauen 
für die Aufgaben, die ihnen aus dieser Gleichstellung erwuchsen, 
in geeigneter Weise vorbereiten. Die Seele des Unternehmens 
ist die thatkräftige Emilie Wüsten feld, der eigentliche Leiter 
Professor Karl Froebel. Der Plan der Anstalt war, Mädchen 
und Frauen noch über die Schule hinaus Gelegenheit zu einer 
höheren Bildung zu geben und sie zugleich in ihren Hauptberuf, 
die Erziehung der Jugend, einzuführen. Ein Kindergarten und eine 
Elementarklasse waren der Hochschule angegliedert. Zu den 
Unterrichtsgegenständen gehörten neben den gewöhnlichen Schul- 
disziplinen Philosophie, Erziehungslehre, Mathematik, Physik und 
Chemie, Astronomie, Geschichte der Religionen. Die Ausbildung 
sollte, dem Plan gemäss, „alles umfassen, was das praktische, 
gesellige und geistige Leben in seinen höchsten Sphären von 
gebildeten Frauen verlangen kann".') Der Geist des ganzen Unter- 



1) Statuten, Plflne, Aufrufe der Hochschule sind nur noch vereinzelt im Privatbesitz 
vorbanden. Vgl. im tkbrigen: Malwida von Meysenbug; Memoiren einer Idealistin. 
Bd. L 4. Aufl. Berlin 1899. Julius Duboc: FOnfzig Jahre Frauenfrage. Leipzig 1896, 
S. 74 ff. 



— 32 — 

nehmens war der enthusiastische, der alle Gemeinschaftsbildungen 
jener Zeit und jener Kreise auszeichnet; man setzte seine Kraft 
für Ideale ein, man wusste von vornherein, dass man auf äussere 
Anerkennung zu verzichten habe und hielt kein Opfer für zu 
gross, um der gemeinsamen Sache zu dienen. 

Dennoch erwies sich die Anstalt mit aus Mangel an materiellen 
Mitteln den beginnenden reaktionären Angriffen als nicht gewachsen. 
Die Art, wie die „Idealistin" von dem Untergang des Unternehmens be- 
richtet, ist für den ganzen Charakter der Bewegung sehr bezeichnend: 
„Wir wollten keine Konzessionen machen, nicht um Hilfe betteln, 
denn wir hätten lügen müssen, um sie zu bekommen. Wir 
beschlossen also, freiwillig zu enden, in der höchsten Blüte unserer 
moralischen Erfolge — um zu beweisen, dass die Schliessung der 
Schule nicht die Folge eines falschen Prinzips, sondern der 
ungenügenden materiellen Mittel sei. Die Erfahrung war jedenfaUs 
gemacht, das Resultat war vollkommen! Jetzt bedurfte es der 
Zeit, um den Samen zu reifen. Der Gedanke, die Frau zur 
völligen Freiheit der geistigen Entwicklung, zur ökonomischen 
Unabhängigkeit und zum Besitz aller bürgerlichen Rechte zu führen, 
war in die Bahn zur Verwirklichung getreten. Dieser Gedanke 
konnte nicht wieder sterben. Wir zweifelten nicht, dass viele von 
denen, welche seine erste Incarnation in unserer Hochschule 
gesehen hatten, noch seinen völligen Triumph sehen würden; 
wenn nicht in Europa, so doch in der neuen Welt"*) 

Es war charakteristisch für den „Idealismus" der Zeit, dass 
man sich mit dem künftigen Sieg der Idee tröstete, nachdem man 
in dem Versuch zu ihrer Verwirklichung gescheitert war. Die 
Idealistin hat die Entwicklung, die sie voraussah, selbst nicht 
beeinflusst. Sie wurde bald nach Auflösung der Hochschule aus 
Berlin, wohin sie gegangen war, verwiesen. Sie ging nach England, 
eine von dem grossen internationalen Kreise von politischen 
Exulanten, der sich dort zusammenfand. In Deutschland gingen 
die Spuren ihres Einflusses wieder verloren. 

Dass die Erfüllung ihrer Prophezeiung doch wie eine späte 
Frucht jener achtundvierziger Kämpfe erscheint, das dankt die 
deutsche Frauenbewegung dem festeren Wollen, dem praktischeren 
Sinn der Frau, die sie als ihre „Mutter", ihre Begründerin an- 
erkennt. 



I) Malwida von Meysenbug, a. a. O. Bd. L S. 356f. 



— 33 — 



Begründung der deutschen Frauen- 
bewegung und ihre Geschichte bis zu den 

achtziger Jahren. 

übersieht man die Geschichte der deutschen Frauenbewegung 
im 19. Jahrhundert als ein Ganzes, so gehören ihr alle bisher 
berührten Erscheinungen nur insofern an, als sie eine gewisse 
symptomatische Bedeutung haben, aber untereinander stehen sie 
nicht in direktem Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Erst 
von der Mitte des Jahrhunderts an zeigt sich die Entwicklung als 
^ine Kette von festverbundenen Gliedern. Es ist das Eingreifen 
der wirtschaftlichen Verhältnisse, das diese Kontinuität herstellt, 
das von dem Erfassen und Ausgestalten des Gedankens zu der 
viel nüchterneren, aber in ihren Folgen dauerhafteren praktischen 
Kleinarbeit führt, die die Anfänge der deutschen Frauenbew^ung 
kennzeichnet 

Kleine, mühsame, langsam fortschreitende Versuche auf allen 
<jrebieten, ein prüfendes Weitergehen von Schritt zu Schritt, das 
war die Arbeitsweise, die den Führerinnen durch die Verhältnisse 
vorgezeichnet war. Und ein lebhaftes Bewusstsein, dass dies alles 
die zunächst naturgemäss kümmerliche Verwirklichung eines grossen 
•Gedankens war, des Gedankens der Erhebung der Frau zur wirt- 
schaftlich, sittlich, sozial und politisch vollwertigen Persönlichkeit, 
das war das geistige Moment, das die Vertreterinnen der Frauen- 
bew^ung in der notwendigen Vereinzelung ihrer Arbeit doch 
immer wieder den Zusanunenhang fühlen und den Zusammen- 
schluss suchen liess. 

Etwa bis zu den achtziger Jahren hat die deutsche Frauen- 
bew^ung diese Weise behalten. Die Begründung von Erwerbö- 
imd Bildungsgel^enheiten, von Vereinen, die wieder diesem Zweck 
dienen, das bleiben ihre praktischen Hauptaufgaben, hinter denen 
alles andere zunächst noch zurücksteht 

Erst die Erfolge dieser Einzelarbeit und die Veränderung der 
sozialpolitischen Anschauungen, die zu Beginn der neunziger Jahre 
auf so vielen Lebensgebieten andre Bedingungen schafft, andre 
Aufgaben stellt, ermöglichten ihr ein Wirken auf weiterem Felde, 
unter neuen organisatorischen Gesichtspunkten. 

Handbach der Fraoenbewef anf^ L TeiL 3 



— 34 — 

VI. 
Lotiise Otto. 

In den von Robert Blum redigierten „Vaterlandsblättern" 
wurde 1844 die Frage aufgeworfen: „Haben die Frauen ein Recht 
zur Teilnahme an den Interessen des Staates?" Die Redaktion 
erhielt eine Antwort, „ein sächsisches Mädchen" unterzeichnet. 
Die Antwort, die in einem längeren Artikel klar und doch mit dem 
Enthusiasmus der Zeit begründet wurde, lautete: „Die Teilnahme 
der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht allein ein Recht, 
sie ist eine Pflicht der Frauen". Die Verfasserin war die 
damals 25 jährige LouiseOtto aus Meissen. Bei den „Vaterlands- 
freunden" fand sie begeisterte Aufnahme. Hatte man doch immer 
wieder, da die Männer „feige sündigen durch Zagen an dem Geist 
der Zeit** die Frauen aufgerufen, „ein Schwert in Myrten zu tragen**^ 
zum Kampf für die Freiheit In den „Liedern eines deutschen 
Mädchens", die 1847 veröffentlicht wurden, nimmt Louise Otto 
diese Mission auf sich. Das Echte und Aufrichtige, der heilige 
Ernst, der rührend fast und doch jugendkräflig anmutende, naive 
Idealismus der ganzen Bewegung hat hier einen reinen Aus- 
druck gefunden, einen reineren vielleicht als in der bekannteren 
Revolutionspoesie. Alles, was der freisinnige deutsche Bürger 
damals als die idealen Güter des Volkes, als ein heiliges Väter- 
erbe betrachtete, den schwarz-rot-goldenen Traum von der Einheit 
des Vaterlandes, die Freiheit des Geistes und Gewissens, den 
Glauben an den „Genius der Menschheit**, an die kommende Ver- 
brüderung aller unter der Fahne des Fortschritts, der sittlichen 
Vollendung des Menschengeschlechts, feiert die jugendliche Sängerin 
mit glühender Begeisterung. Schwelgte dieser Enthusiasmus in. 
allzu romantischen Situationen, suchte er in allzukühnen Bildern 
der Erhabenheit seiner Ideale gerecht zu werden, so äussert sich 
eben in diesem für uns oft grotesk wirkenden Pathos eine über- 
strömende, tiefe und lautere Empfindung, die sich zugleich als eine 
Lebenskraft im edelsten Sinne bewährte. 

Eins wird auch der realistischer empfindende Moderne diesen 
Liedern der „Lerche des Völkerfrühlings** nachfühlen, und das. 
macht sie für die Geschichte der deutschen Frauenbewegung be- 
deutungsvoll; elementar, wahr und natürlich, ungewollt und unge- 
künstelt, ein durch und durch echter Ausdruck der deutschen 
Volksseele, bricht sich in diesen Liedern das Nationalgefühl der 



— 35 — 

deutschen Frau Bahn, das GefOhl einer nicht an die Schranken 
der Familie gebundenen persönlichen Anteilnahme am Geschick der 
Nation. 

In diesem Gefühl aber wurzelt die deutsche Frauenbewegung. 
Sie wurde, ehe noch die wirtschaftlichen Verhältnisse ihr den 
Charakter einer Erwerbsbewegung gaben, nicht künstlich gemacht, 
sie war die notwendige und natürliche Folge einer geistigen und 
sozialen Entwicklung. Seltsam nimmt sich neben der schlicht 
bürgerlichen Gestalt der Louise Otto, neben dem Bilde, das sie 
von sich selbst zeichnet — das deutsche Mädchen hinter „blendenden 
Gardinen", in der Fensternische, die, von Epheu, Jasmin und Rosen 
umrankt, das Nähtischchen und den Vogelbauer umschliesst — , die 
Schilderung des grossen Treitschke von der Frauenbewegung der 
achtund vierziger Tage aus: 

Da überdies die Eheschliessung in den höheren Ständen durch 
den sinkenden Geldwert und die verwickelten Erwerbsverhältnisse er- 
schwert wurde, so wuchs die Zahl der unbefriedigten, der kranken und 
nervösen Frauen beständig an. Ratlos stand die Welt vor einer 
„Frauenfrage*', welche die einfache Vorzeit nicht gekannt hatte. Frauen 
drängten sich mit dilettierender Geschäftigkeit in männliche Berufe, 
und ganz wie einst in den Zeiten der Sittenverderbnis des klassischen 
Altertums stiegen aus dem Schlamme der Oberbildung die Lehren der 
Weiberemanzipation hervor. ') 

Eine realistischere, unmittelbarere Wiedergabe finden die Fragen 
und Kämpfe der Zeit in Louise Ottos Romanen, die diesen Jahren 
angehören, „Ludwig der Kellner" (1843), „Schloss und Fabrik" 
(1846), „Römisch und Deutsch" (1847). Der zweite, unter dem 
ersten Eindruck der Not des vierten Standes geschrieben, wurde 
von der Censur „wegen aufregenden Inhalts" beschlagnahmt und 
erst auf persönliches Bitten der Verfasserin bei dem Kultus- 
minister unter der Bedingung freigegeben, dass bestimmte Stellen 
gestrichen und verändert würden. 

Drei Jahre, nachdem Louise Otto in den Vaterlandsblättem 
den Gedanken zuerst ausgesprochen, „die Teilnahme am Geschick 
des Staates ist eine Pflicht der Frauen", entwickelt sie in Blums 
Volks-Taschenbuch „Vorwärts"«) aus diesem Gedanken eine Art 
Programm der Frauenbewegung. Die grosse Zeit hat die Frauen 
zur Teilnahme erweckt; es muss Sorge getragen werden, dass sie 



1) Geschichte des 19. Jahrhunderts V. S. 508. 

s) Vorwärts: Volks-Taschenbuch auf das Jahr 1847, hrsg. v. Robert Blum. Leipzig 
1847. Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben. Von Louise Otto. S. 37— (^. 

3* 



- 36 - 

nicht wieder in die alte Gleichgiltigkeit zurücksinken. Deshalb 
bedarf das Volk vor allem einer verbesserten weiblichen Erziehung. 
„Die Erziehung und Bildung der Frauen", heisst es kurz und ent- 
schieden, „steht mit unsern staatlichen und sozialen Verhältnissen 
in Widerspruch." Sie muss in tieferem Sinne national werden, 
sie muss das deutsche Mädchen in engere Fühlung mit den Ange- 
legenheiten des Vaterlandes bringen. Darum vor allem vater- 
ländische Geschichte, Zeitgeschichte! Und Anstalten, die das 
heranwachsende Mädchen noch über das jetzt für ihre Bildung 
bestimmte Alter hinaus zu „fester moralischer Kraft, frommem 
Sinn, deutscher Innerlichkeit und GefOhlstiefe" erziehen! Die- 
selben Eigenschaften sollten in den Mädchen des Volkes, des Pro- 
letariats, durch vermehrte erziehliche Fürsorge herangebildet 
werden. Dann aber muss man die Frau auch zu wirtschaftlicher 
Selbständigkeit befähigen, damit sie nicht nötig habe, sich durch 
eine Versorgungsehe zu entwürdigen, damit sie nicht, wie so viele 
Töchter des Volkes, der Schande anheimfalle. 

Der wirtschaftlichen Selbständigkeit der Frau, insbesondere 
der Lage der Arbeiterinnen, galt Louise Ottos nächstes praktisches 
Wirken. Und wohl bedurfte die Lage der Arbeiterinnen eines 
Anwalts. Louise Otto kannte die Verhältnisse der ärmsten und 
hilflosesten, der Klöpplerinnen des Erzgebirges, aus eigener An- 
schauung. 

„Seht ihr sie sitzen am Klöppelkissen, 

Die Wangen bleich und die Augen rot! 
Sie mühen sich ab für einen Bissen, 
Für einen Bissen schwarzes Brot!" 

hatte sie von ihnen gesungen. In allerlei freisinnigen Zeitschriften, 
in Ernst Keils „Leuchtturm", in der demokratischen „Typographia", 
die sich 1848 in die erste „Arbeiterzeitung" umwandelte, trat sie 
für die Arbeiterinnen ein, besonders für den Gedanken, die grosse 
demokratische Zeitforderung „Organisation der Arbeit" auch für 
die Frauen zu erfüllen. Ging doch in Arbeiterkreisen selbst die 
Tendenz noch fast allgemein dahin, gegen die Frauenarbeit Front 
zu machen, ja, versuchte man doch hier und da, geschlossen sie 
zurückzudrängen. So verlangte der 1848 in Frankfurt tagende 
Schneiderkongress einen Schutz seines Gewerbes gegen die weib- 
liche Arbeit, den Ausschluss der Frauen von der Anfertigung nicht 
bloss männlicher, sondern auch weiblicher Bekleidungsstücke. In 
Sachsen, wo noch keine Gewerbefreiheit bestand, mussten die 
Schneiderinnen bei ihren männlichen Berufsgenossen ihre Aus- 



— 37 — 

bildung suchen, durften nachher nur in die Häuser auf Arbeit 
gehen und wurden streng Oberwacht, ob sie keine Arbeit in der 
eigenen Wohnung anfertigten. Was gefunden wiuxie, wurde 
erbarmungslos konfissdert Dazu wurden die Schneider auch bei 
den Behörden vorstellig um ,yAbstellung der Pfuscherei*, *) d. h. der 
Frauenarbeit, so dass die „Kleiderverfertigerinnen* (den Namen 
„Schneiderinnen" durften sie nicht führen) Gegenaktionen ver- 
suchen mussten. In ähnlicher Weise gingen die Weber des Vogt- 
landes g^en die Frauenarbeit vor. Auch hier petitionierte die 
Innung bei dem Landtag darum, „sämtliches Arbeiten durch 
Pfuscherinnen zu verbieten".*) Dazu kam, dass die von selten der 
R^erung und der Kommunen eingerichteten Notstandsarbeiten, 
Chausseebauten, Forstarbeiten etc., den Arbeiterinnen nicht zu 
gute kamen, so dass für sie Privathilfe einschreiten musste. Den 
Arbeiterinnen besonders galt Louise Ottos Interesse und ihre 
Fürsprache in den ihr zur Verfügung stehenden Blättern. 

Allgemeines Aufsehen als ein damals ganz ungeheuerlicher 
Schritt erregte aber ihr Eintreten für die Frauenarbeit den 
Behörden gegenüber. Als während des Ministeriums Oberländer 
eine Kommission zur Erörterung der Gewerbs- und Arbeitsver- 
hältnisse') einberufen wurde, richtete sie an das Ministerium und 
die Mitglieder der Kommission eine „Adresse eines Mädchens", 
in der sie vermehrte und verbesserte Arbeitsgelegenheit für die 
Frauen verlangte, auf die sittlichen Gefahren hinwies, denen die 
Arbeiterin bei unzureichenden Löhnen ausgesetzt sei und mit den 
Worten schloss: „Glauben Sie nicht, meine Herren, dass Sie die 
Arbeit genügend oi^nisieren können, wenn Sie nur die Arbeit 
der Männer und nicht auch die der Frauen mit organisieren. 
Und wenn man überall vergessen sollte, an die armen Arbeiterinnen 
zu denken- — ich werde sie nicht vergessen!" 

Ihre Adresse fand in Kommission und Ministerium volle 
Würdigung und eingehende Beachtung. 

Der andren Seite ihrer Aufgabe, dem im „Vorwärts" von 1847 
ausgesprochenen Gedanken weitere Frauenkreise zu gewinnen, 
suchte Louise Otto durch Herausgabe einer Frauenzeitung mit 
dem Motto: „Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen" 



VgL Verhandlungen des ausserordentlichen sAchsischen Landtages von 1848. Dresden. 
S. 244 f. 

*) Verhandlung der zweiten Kammer vom a. Juni i8sa S. Z70B. 

S) Dekret vom aa. Mai 1848; durch den Maiaufstand in Dresden 18149 unterbrochen, 
wurde die Kommission nachher nicht wieder einberufen. 



- 38 - 

gerecht zu werden. Die Zeitschrift, 1849 begründet, erlebte nur 
drei Jahrgänge, sie fiel 1852 der Reaktion zum Opfer.') Unter 
dem Einfluss der Reaktion folgte auf die spontane energische 
Erhebung dieser Jahre eine lange Stille, auch in der Geschichte 
der deutschen Frauenbewegung. Louise Otto selbst trat im Kampf 
um den eigenen Lebensunterhalt, in der Fürsorge für den Gatten 
mehr in das Privatleben zurück, ihre Arbeit für die Frauensache 
musste sich auf gelegentliche litterarische Propaganda in der von 
ihrem Mann redigierten mitteldeutschen Volkszeitung und in ihren 
zahlreichen Romanen beschränken. Es war nur natürlich, dass 
man die Frauenbewegung so ganz als „Märzblüte", als einen Teil 
der 48 er Erhebung betrachtete, dass man keinen Mut fand, das, 
was damals, unter dem Zeichen eines politischen und sozialen 
Befreiungskampfes, schon wenig Anhänger und viel Widerstand 
gefunden hatte, in der allgemeinen Niedergeschlagenheit jener 
fünfziger Jahre wieder aufzunehmen. Es wäre auch vergebliches 
Mühen gewesen. 

Eins hatte Louise Otto, die keine Erfahrung umsonst machte, 
aus dem Schicksal jener Bewegung, deren Führerin sie war, 
gelernt: dass die Frauenbewegung, sollte sie wieder aufgenommen 
werden, nicht in dem Programm einer politischen Partei aufgehen, 
nicht an ihre Interessen und Schicksale gekettet werden dürfe, 
sondern dass sie, um Louise Ottos eigne Worte zu gebrauchen, 
im Dienst der Politik beendet sei, „um nach Verirrungen und 
Prüfungen geläutert und erstarkt wieder neu aufgenommen zu 
werden im Dienste der Humanität und des Sozialismus"; 
d. h. des Sozialismus nicht als Parteiprogramm, sondern als der 
Form praktischer Thätigkeit, zu der die gegenwärtigen sozialen 
Verhältnisse die Bekenner des Gedankens der Humanität ver- 
pflichten. 

vn. 

Die „Frauenfrage" in Deutschland. 

Es giebt einen Standpunkt für die Betrachtung der Frauen- 
bewegung, von dem aus man ihren Anfang überhaupt erst in die 
Zeit verlegt wo in rein wirtschaftlichem Sinne sich eine „Frauen- 
frage" als Folge der wirtschaftlichen Entwicklung mit nackten 

1) Diesem Umstände ist es zu danken, dass kein Exemplar mehr davon zugflnglich ist. 
Vgl. i. Obr. Louise Otto: Das Recht der Frauen auf Erwerb. Leipzig 1863. Frauenlebcn 
im Deutschen Reich. Leipzig 1876 Aug. Schmidt und Hugo ROsch: Louise Otto- 
Peters. Leipzig 1897. 



— 39 — 

Zahlen beweisen liess, Zahlen, die darlegten, dass man es mit 
einer Erscheinung zu thun hatte, die zum allgemeinen Charakter 
der wirtschaftlichen Verhältnisse wesentlich mit gehörte, die der 
Nationalökonom mit in Rechnung ziehen musste. Diese Zeit aber, 
in der die „Frauenfrage" zum wirtschaftlichen Problem wird, oder 
wenigstens als ein wirtschaftliches Problem zum Bewusstsein 
kommt, in der man zugleich mit Versuchen zu ihrer Lösung 
in diesem Sinne beginnt, sind die sechziger Jahre. 

Die Frauenfrage, ein Komplex von verschiedenartigen Er- 
scheinungen, die um diese Zeit, als Folgen der vorher geschilderten 
geistigen Entwicklung im Zusammenhang mit der Konstellation 
der wirtschaftlichen Verhältnisse nacheinander sich bemerkbar 
machten, wird zunächst aus den Veränderungen im bürgerlichen 
Haushalt klar. 

Mit der Entwicklung der Industrie, der Ausbildung der Geld- 
wirtschaft, der Veränderung in den Wohn- und Verkehrs- 
verhältnissen werden die Ansprüche an die Frau als Erhalterin 
und Verwalterin des vom Manne erworbenen Gutes immer 
geringere. Mit der Ausbildung der Industrie schwindet nicht nur die 
Notwendigkeit, eine Fülle von Produkten, Bekleidungsgegenständen, 
Nahrungsmitteln etc. etc. im Hause herzustellen, es schwindet auch 
die Notwendigkeit, Vorräte davon aufzuspeichern und zu erhalten, 
mit den daraus sich ergebenden Anforderungen an die Ausdehnung 
der Wohnung und die Zusammensetzung des häuslichen Betriebs, 
während zugleich die Herstellung andrer häuslicher Bedarfsartikel 
vereinfacht und erleichtert wird. Vereinfacht und erleichtert wie 
die Führung des Haushaltes überhaupt durch die Fortschritte in 
der Beleuchtung, Heizung, Reinigung etc. etc. Auch dadurch, 
dass der patriarchalische Charakter der Hausgemeinschaft, dem- 
entsprechend z. B. Unterbeamte im Haus ihrer Vorgesetzten mit 
beköstigt wurden, mehr und mehr schwand. Von den vierziger 
Jahren an, da die erste Nähmaschine als Kuriosität auf den Jahr- 
märkten für einen Groschen gezeigt wurde, wird diese Umwandlung, 
die, man mag sagen, was man will, keine entsprechende Kom- 
pensation durch die Steigerung der Lebenansprüche erfuhr, von 
den Frauen selbst stärker und stärker empfunden. Forderte die 
Führung eines Haushaltes früher ein erhebliches Mass von Umsicht, 
Nachdenken, Voraussehen und Berechnen, neben körperlicher 
Leistungsfähigkeit und technischen Fertigkeiten, so war sie nun 
mit weit geringerem Aufwand an Zeit, Kraft und Kunst zu be- 
werkstelligen. Diese Veränderung hat zunächst die Folge, dass 



— 40 — 

hauswirtschaftliche Fertigkeiten im Werte sinken, weniger Arbeits- 
kräfte in der Hauswirtschaft beschäftigt werden konnten, dass alle 
die unverheirateten weiblichen Familienglieder, seien es erwachsene 
Töchter, seien es unverheiratete ältere Angehörige, im Hause nicht 
mehr ein Mass von Arbeit leisten konnten, das einerseits ihrer 
Kraft und Fähigkeit, andrerseits den Kosten ihrer Erhaltung 
entsprach. Wo der zweite Umstand in Betracht gezogen werden 
musste, d. h. vor allem bei den mit festen, massigen Gehältern, 
sei es staatlich, sei es in privaten Unternehmungen angestellten 
Beamten, deren Zahl bei der zunehmenden Konzentration aller 
Erwerbsarbeit in grossen Betrieben immer wächst, da waren diese 
Unverheirateten einfach gezwungen, einen Erwerb zu ergreifen; 
wo eine solche Notwendigkeit nicht bestand, da erweckte die 
Zwecklosigkeit ihres Lebens in den Frauen selbst den Wunsch 
nach irgend einem bestimmten Arbeitsfeld, das dann auch zumeist 
in irgend einer Erwerbsthätigkeit gefunden wurde. Die Folge war, 
dass die den Frauen dieser Stände derzeit offenstehenden Erwerbs- 
möglichkeiten, die Nadelarbeiten und der Lehr- oder genauer der 
Erzieherinnenberuf, sich sowohl in Bezug auf die Zahl der Arbeits- 
kräfte, als auch vor allem und infolgedessen in Bezug auf den 
Lohn als unzureichend erwiesen. 

Besonders für die Nadelarbeiterinnen waren die Verhältnisse 
die denkbar kläglichsten. Strickerinnen verdienten am Tag etwa 
2 Neugroschen, Klöpplerinnen ebensoviel, Weissstickerinnen bei 
einer Arbeitszeit bis zu 15 Stunden täglich etwa 5 — 10 Neugroschen.') 
Die Löhne werden bis aufs äusserste gedrückt durch die dreifache 
Konkurrenz der Maschinen, der vielen Arbeiterinnen, die ihren 
Verdienst nur als Nebenerwerb betrachteten, und zum Teil noch 
durch die Strafanstalten, die zu den billigsten Ereisen arbeiten 
Hessen; auch dadurch, dass die allermeisten vorzogen und sich 
dazu drängten, für Unternehmer zu arbeiten, weil sie dort einen 
sichereren und regelmässigeren Verdienst hatten, als wenn sie 
selbst für den Absatz ihrer Arbeit hätten sorgen müssen. Im 
Erzieherinnenberuf herrschte eine verhältnismässig ebenso grosse 
ÜberfoUung. Für gute Stellen fanden sich 100 und mehr Be- 
werberinnen. Dazu kam, dass in diesem Beruf die unzureichende 
Vorbildung allgemein als ein Hemmnis empfunden wurde. Und hier 
berührt sich die wirtschaftliche mit der geistigen Seite der Frage. 



1) VgL Louise Otto. Das Recht der Frauen auf Erwerb, S. ao ff. Der Arbeiter- 
freund. Jahrg. 1865, S. 4a ff. Eingehendere Angaben enthalt Handbuch der Frauen- 
bewegung Teil rV: Die deutsche Frau im Beruf. 



— 41 — 

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung haben sich die Interessen, 
die Lebensanschauungen geändert. Sie führte zur Erkenntnis 
realer Güter, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, politischer Macht. 
Reale Güter wirken mit dem Reiz des Neugewonnenen, auf sie 
richten sich die Kräfte, sie werden Wertmesser. Man flüchtet 
nicht mehr, wie vor fünfzig Jahren, „in des Herzens heilig stille 
Räume aus des Lebens Drang", man sucht den Träumen Gestalt 
zu geben in dem Leben des Tages. Ein starker Nachdruck fällt 
auf die realen, die materiellen Grundlagen und Vorbedingungen 
jedes geistigen Einflusses. Mit der fortschreitenden Vergesell- 
schaftung des Lebens büsst das Haus somit nicht nur äusserlich, 
als Produktionsgemeinschaft, sondern auch in geistiger Beziehung, 
als Kulturstätte, ein. Die Hauptprobleme, an deren Lösung sich 
der Fortschritt heftet, die Hauptmächte, mit denen man zu rechnen 
hat, sind die des öffentlichen Lebens. Es bedeutete jetzt etwas 
ganz andres, wenn man der Frau das Haus als einzigen Wu-kungs- 
kreis anwies, als es um die Wende des Jahrhunderts bedeutet 
hatte. Es hiess thatsächlich, die Möglichkeiten ihrer Bethätigung, 
das Gebiet ihres Einflusses reduzieren. Und es ist kein Zweifel, 
dass das geistige Niveau der bürgerlichen Frau durch diese Be- 
schränkung des Kreises ihrer Verantwortung und ihrer Pflichten 
sank, dass Oberflächlichkeit, Kleinlichkeit, Reizbarkeit, Putzsucht 
u. s. w. u. s. w. durchschnittlich zunahm; es ist kein Zweifel, dass 
die ungesunde Übertreibung der Geselligkeit in bürgerlichen 
Kreisen im Zusammenhang damit stand, dass die Frauen zu viel 
Zeit und zu wenig Gelegenheit hatten, an den ernsten allgemeinen 
Interessen teilzunehmen. 

Das aber wurde um so schwerwiegender, als sie wiederum 
häufiger als früher in die Lage kamen, sich einen Platz im öffent- 
lichen Leben erkämpfen zu müssen. 

vm. 

Die theoretische Behandlung der Frauenfrage. 

Die Frauenfrage ist in dieser ihrer doppelten, der geistigen 
und der wirtschaftlichen Bedeutung, in den sechziger Jahren 
Gegenstand von Erörterungen und praktischen Versuchen ge- 
worden. Wir nehmen die theoretische Behandlung der Frage 
voraus und nennen die Namen Fanny Lewald und Louise 
Büchner als die hervorragendsten unter denen, die hier in 
Betracht kommen. 



— 42 — 

Es sind drei Schriften von Fanny Lewald, die für eine 
Geschichte der Frauenbewegung besonders wichtig sind, wenn 
auch natüriich die ganze schriftstellerische Thätigkeit und der 
grosse persönliche Einfluss der geistvollen Frau die Ansichten, 
die sie in diesen drei Werken vertritt, ebenso zur Geltung brachte, 
n ihrer Lebensgeschichte, ^) deren erster Band t86i erschien, 
giebt sie die persönlichen Erfahrungen, auf die sie ihre Gedanken 
über Frauenleben und Frauenpflichten gründet. Im Jahre 1863 
erschienen die „Osterbriefe für die Frauen",«) den deutschen 
Handwerker- und Arbeitervereinen gewidmet, und 1870 die kleine 
Schrift „Für und wider die Frauen",') die allerdings kaum mehr 
in die Zeit gehört, von der wir jetzt reden, aber doch hier mit 
genannt sein mag, da Fanny Lewald ihrer ganzen Persönlichkeit 
nach in jene erste Generation der „Frauenrechtlerinnen« gehört. 

Fanny Lewald hat auf bestimmte Kreise ohne Zweifel einen 
verhältnismässig grossen Einfluss geübt. Den sicherte ihr ihre 
Stellung als Schriftstellerin, in der Gesellschaft, den sicherte ihr 
auch die ruhige, selbstbewusste, matronenhaft imponierende Art 
ihrer Äusserungen, eine Art, die die Möglichkeit eines Wider- 
sprechens gar nicht vorauszusetzen scheint. Sie schildert klar und 
scharf, zuweilen ironisch, die Frauen ihrer Kreise, die Leere und 
Zwecklosigkeit ihres Daseins, ihre Gedankenlosigkeit, Trägheit und 
Oberflächlichkeit, sie zeigt ebenso treffend die Ursachen dieser 
Verhältnisse, die Summe von thörichten Vorurteilen, die sich jeder 
ernsteren Beschäftigung, vor allem aber dem Gedanken, die Frau 
erwerbsfähig zu machen, entgegenstellen. Sie zeigt, mit einer 
Fülle praktischer Lebenserfahrung, wie zeitgemäss eine Berufs- 
bildung für die Mädchen sein würde, sie macht mit der ganzen 
Überlegenheit einer hervorragenden Frau für ihr Geschlecht die 
geistige Ebenbürtigkeit mit dem Manne, das Recht freier Ent- 
faltung aller Anlagen geltend. Die Erinnerung an die Kämpfe 
ihres eigenen Lebensganges schärft ihr die Feder zu bittrer Ironie : 

Man fand es furchtbar, dass ein Pflanzer einem Neger, der etwa 
mit schönen Anlagen für die Mechanik, mit einem ungewöhnlichen 
Scharfblick für die Erkenntnis von Krankheiten, mit einer grossen Ge- 
wandtheit für kaufmännische Verhandlungen geboren war, sagen konnte: 
Du baust Zucker, Du baust Baumwolle, Du putzest in meinem Hause 
das Silberzeug, Du machst meine Kleider, Du fährst mich im Wagen! 



I) Meine Lebensgeschichte. Von Fanny Lewald. Berlin 1861 ff. 

') Osterbriefe fOr die Frauen. Von Fanny Lewald. Beilin 1863. 

*) FOr und wider die Frauen. Vierzehn Briefe von Fanny Lewald. Berlin 187a 



— 43 — 

Man weinte über Onkel Tom in seiner Hütte, und sagte einer Tochter, 
die vielleicht ein medizinisches Genie oder ein grosses kaufmännisches 
Talent war: Du strickst Strümpfe, Du lernst den Haushalt führen; Du 
bekommst Unterricht, der so weit langt, dass Du einsehen kannst, was 
für dich wünschenswert und zu erreichen wäre, wenn man es Dir 
möglich machte, Deine Fähigkeiten zu entwickeln, aber entwickeln 
darfst Du sie nicht — denn Du bist ein Weib. Du brauchst Dich aber 
darüber nicht zu beklagen, es ist Dein Beruf. So lange ich lebe, gebe 
ich Dir auch Obdach, Kleidung und Nahrung; findet sich jemand, der 
Dich haben will, so gebe ich Dich dem, der Dir auch Obdach, 
Kleidung und Nahrung geben wird; und wenn nicht — und wenn ich 
sterbe und es hat sich niemand gefunden, der sich mit Deiner Er- 
nährung belasten will — nun? — Nun? so fragten auch die Frauen; 
und als Antwort erfolgte dann stets ein geseufztes: Nun! so hast Du 
ja Allerlei gelernt und wirst Dir schon helfen! — Aber wie? aber 
womit? aber was habe ich denn gelernt? 

Was aber bedeutungsvoller ist als das: Sie weist die Frauen 
nachdrücklich auf ihre sozialen Pflichten, und zwar in einer 
Form, die für ihre Kreise allein eine Wirkung versprechen konnte: 
ohne sozialpolitische Theorien und Reformpläne im grossen Stil 
aufzurollen oder auch nur zur Grundlage zu machen, weist sie 
auf das Nächstliegende, auf die hundert Dinge, die sofort und 
ohne dass man aus dem Rahmen des eigenen Kreises in Aufsehen 
erregender Weise hinaustritt, in Angriff genommen werden können, 
die Fürsorge für die Dienstboten vor allem, für den weiteren Kreis 
„der Arbeiter und Arbeiterinnen, mit denen die Dame in Be- 
rührung kommt" u. a. m. Fanny Lewald ist keine Prophetin, sie 
weckt nicht durch ein grosses Neues und einen grossen Enthusiasmus 
hohe Begeisterung und leidenschaftlichen Widerspruch, sie ist 
entschieden in dem, was sie fordert, aber gelassen, sie ist 
lebhaft und eindringlich, wo sie Proselyten machen will, aber 
klug, massvoll und verständig. Sie ist scharf im Tadel, aber nie 
herausfordernd und agressiv. Selbst wenn sie andeutungsweise 
vom Stimmrecht der Frauen als einer künftigen Möglichkeit und 
einer wünschenswerten Reform spricht, erscheint sie nicht als 
radikale Frauenrechtlerin, sondern gemässigt und zurückhaltend. 
So hat sie überall viel Anerkennung — besonders für die „Oster- 
briefe" — und wenig Anfeindung gefunden, sie hat, was in der 
Frauenbewegung selten ist, eine immerhin einflussreiche Pionier- 
arbeit geleistet, ohne ein Martyrium auf sich nehmen zu müssen. 

In ähnlicher Weise hatte schon in den fünfziger Jahren 
Louise Büchner die Frage aufgegriffen und dargestellt, nur dass 



— 44 - 

bei ihr einmal der Geist der unterdrückten achtundvierziger 
Frauenbewegung noch fühlbar ist, andrerseits die praktische Lösung 
der Frage durch Erweiterung der Erwerbsfähigkeit der Frauen 
mehr im Vordergrunde steht, als unmittelbar soziale Aufgaben. 
Ihrem Buche „Die Frauen und ihr Beruf" ') stellt sie als Motto den 
Kinkelschen Vers voraus: 

Ihr sollt Euch selber rühren, 
Aus eurem Nichts befrei'n. 
Dann sollt ihr uns Walküren 
Und sollt Velleden sein. 

Sie sieht — den Idealen der Achtundvierziger gemäss — die 
Aufgabe der Frauen darin, „die wahren Hüterinnen der Freiheit 
und des Menschenrechts" die „Priesterinnen des Ideals" zu sein 
und verlangt für sie, dass sie „als Glieder einer grossen Kette 
alle wirken und streben, und keine mit leerer Hand aus diesem 
Leben treten dürfte". Darum fordert sie vor allem eine bessere 
Erziehung, eine Erziehung zu ernster Arbeit. Sie schliesst mit 
einem Aufruf ganz im Tone der alten Zeit: „Darum hinan die 
glänzende Höhe! Feder und Worte sind euch gegeben, so gut 
wie dem Mann! Schreibet, redet, erzieht im Dienste der Mensch- 
heit! Die Stunde ist da und der Weg geöffnet, der die Frau zu 
ihrer höchsten Entwicklung führen soll!" 

Louise Büchner wird in ihren späteren Schriften, in ihrem 
Wirken für die Sache bedeutend nüchterner, die Hauptrichtungen 
dieses Wirkens, das an einer andern Stelle noch gewürdigt werden 
wird, findet sich schon in dieser ersten Schrift: Erweiterung 
der Erwerbsfähigkeit, Vertiefung der Bildung. 



IX. 

Praktische Versuche zur Lösung der Frauenfrage. 

1. 

Die OrOndung des Lettevereins. 

Es konnte nicht ausbleiben, dass die Frauen frage, nach ihrer 
wirtschaftlichen Seite wenigstens, bald auch allgemeinere Auf- 
merksamkeit erregte. In der Presse wurde hier und da auf diese 
Verhältnisse hingewiesen und Abhilfe gefordert. So unter anderm 



I) Die Frauen und ihr Beruf. Von Louise BOchner. DarmsUdt 1855. 



— 45 — 

durch das Buch von Moritz von Prittwitz: „Die Frauen- 
wirtschaft", ') auch in Bezug auf einzelne Gebiete durch das Buch 
von A, Daul: „Die Frauenarbeit oder der Kreis ihrer Erwerbs- 
fähigkeit", •) das, mit einem Vorwort von Max Wirth versehen, 
eine Bearbeitung eines amerikanischen Werkes von Mrs. V. Penny 
für deutsche Verhältnisse darstellt Hier und da wurden auch 
schon Versuche gemacht, den Frauen weitere Erwerbsquellen zu- 
gänglich zu machen. Es wirkt dabei vielfach das Beispiel Englands, 
wo man schon seit einigen Jahren begonnen hat, die Erwerbs- 
thätigkeit der Frauen zu erweitem. Versuche, die auf manche 
Weise, vor allem durch das „Magazin für die Litteratur des 
Auslandes'', in Deutschland bekannt wxu-den. In einigen deutschen 
Staaten, wie in Sachsen und Baden, hatte man schon begonnen, 
Frauen im Post- und Telegraphendienst anzustellen. •) An privaten 
Unternehmungen sind vor allem die Bestrebungen der Kinder- 
gartenvereine, Kindergärtnerinnen heranzubilden, zu nennen. *) An 
einzelnen Orten wurden auch schon Einrichtungen getroffen, um 
den Frauen für kaufmännische und gewerbliche Berufe die er- 
forderliche Vorbildung zu geben. So entstand z. B. in Leipzig 
ganz zu Anfang der sechziger Jahre eine „Lehranstalt für 
erwachsene Töchter zur Ausbildung für das praktische Leben im 
kaufmännischen und gewerblichen Geschäftsbetriebe", in Berlin 
folgte man diesem Beispiel bald, in Breslau hatten der Ausschuss 
des Centralgewerbevereins und der Handwerkerverein kauf- 
männische Kurse gegründet, ähnliche bestanden in München, 
Stuttgart und andern deutschen Städten. Überall hatte man 
zuerst mit den grössten Schwierigkeiten zu kämpfen, die vor 
allem aus der ganz ungenügenden Vorbildung der Frauen er- 
wuchsen. Der überaus rührige Centralverein in Preussen 
für das Wohl der arbeitenden Klassen unter Leitung des 
Präsidenten Lette widmete der Frage sein Interesse, und dies 
führte zu einem in grösserem Massstabe unternommenen Versuch, 
der Erwerbsnot des weiblichen Geschlechts abzuhelfen. •) Er reichte 
im Oktober 1865 dem Vorstande eine Denkschrift ein „über die 
Eröffnung neuer und die Verbesserung bisheriger Erwerbsquellen 



I) Berlin 1863. 

^ Altona 1867. 

3) Als allerdings am i. Januar 1867 die preussische Regierung das sflchsische 
Telegraphenwesen fibemahm, wurden die dort angestellten weiblichen Beamten entlassen. 

*) Näheres darOber vgl Handbuch der Frauenbewegung, Teil IIL 

») VgL Der Arbeiterfreund. 3. Jahrg., S. 34 ff. — Geschichte der 95 jährigen Wirksam- 
keit des Lettevereins von Jenny Hirsch. Berlin 1891. 



- 46 - 

für das weibliche Geschlecht". ') Die Denkschrift skizziert kurz 
die Notlage, die besonders für die unverheirateten Frauen der 
mittleren Klassen besteht, und schliesst daran die Forderung, die 
Frauen in diejenigen praktischen Erwerbszweige einzuführen, die 
ihrer Natur und Befähigung entsprechen. Zu solchen Erwerbs- 
zweigen rechnet er: 

L Auf dem Gebiete der Wissenschaft: 

Die medizin- und die wundärztlichen Verrichtungen nach 
ihren verschiedenen einzelnen Zweigen Jedenfalls als Assistenz- 
ärzte bei Frauenkrankheiten; Hebammen- und Krankenwärter- 
dienste eignen den Frauen schon gegenwärtig. 
IL Auf dem Gebiete der Kunst: 

Malerei, Bildhauerei, Anfertigung von Modellen, Kupfer- 
stechen, Lithographieren, Holzschnitzerei, Illumination von 
Karten und Bildern, Musterzeichnen, 
in. Auf dem technischen Gebiete: 

Anfertigung von chemischen und mikroskopischen 
Präparaten, wie optischen Gegenständen, — und zählen wir 
ferner Telegraphieren und Postdienst, auch Verkauf von 
Eisenbahnbillets hierher. 

IV. Auf dem Gebiete des Handels: 

Buchhalterei, Kassenführung, Warenverkauf, Buchhandlung 
und Leihbibliotheken. 

V. Auf dem Gebiete des Handwerks: 

Ausser der Schuhmacherei und Schneiderei, das Buch- 
drucken und Buchbinden, die Anfertigung von Uhren und 
ihrer Bestandteile, verschiedene leichtere Goldarbeiten, 
Lackieren u. s. w. 

Um den Frauen die Ausübung dieser Berufe zu ermöglichen, 
wäre es wünschenswert, dass „unsere sonst so vortreflFlichen 
Töchterschulen" den späteren praktischen Lebensberuf etwas mehr 
bei der Aufstellung ihres Bildungsziels ins Auge fassten, dann 
aber wäre die Errichtung besonderer Institute zur Ausbildung von 
schulentlassenen Mädchen für die obengenannten Berufe zu fordern. 

„Was wir nicht wollen", heisst es aber mit doppelter Unter- 
streichung des „nicht" — „und niemals, auch nicht in noch so 
fernen Jahrhunderten wünschen und bezwecken, ist die politische 
Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen." 

Für den Verfasser handelt es sich also um eine wirtschaftliche 
Not, der die weiblichen Angehörigen bestimmter Gesellschafts- 
klassen preisgegeben waren; er verlangt eine Erweiterung der 



1) Erschienen im Arbeiterfreund DI. Jahrg. 1865, S. 349 ff. 



— 47 * — 

weiblichen Erwerbsthätigkeit zu keinem andern, keinem höheren 
und keinem geringeren Zweck, als um diese Not zu heben. 

Für die Verwirklichung seiner Pläne galt ihm die einige Jahre 
vorher in England gegründete Women*s employment association 
als Vorbild, die Ausführung möchte er einem Frauenverein übertragen 
wissen, mit Beschränkung seiner Zwecke und Aufgaben in der 
oben angedeuteten Weise, unter Zuziehung indes männlicher 
Ratgeber und Beisitzer nach seiner Wahl. 

Der Plan wurde im Vorstand und einer für diese Frage ge- 
wählten Spezialkommission des Centralvereins eingehend erwogen 
und dann in einer öffentlichen Versammlung erörtert. Trotzdem 
vor allem aus Arbeiterkreisen energisch gegen die beabsichtigte 
Erweiterung der Frauenarbeit protestiert wurde, kam der Plan 
selbst in den von Lette festgesetzten Grundzügen zur Annahme. 
Die Konstituierung erfolgte am 27. Februar 1866 auf Grund eines 
Statuts, das folgende Punkte als Ziele des Vereins angab: 

I. Beseitigung der der Erwerbsthätigkeit der Frauen entgegen- 
stehenden Vorurteile und Hindernisse; 2. Beförderung von Lehr- 
anstalten zur Heranbildung für einen kommerziellen und gewerblichen 
Zweck; 3. Nachweisung gewerblicher Lehrgelegenheiten und Ver- 
mittelung der Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeit- 
nehmerinnen, soweit nicht durch bestehende Anstalten bereits genügende 
Fürsorge dafür getroffen ist; 4. Begründung von Verkaufs- und Aus- 
stellungslokalen für weibliche Handarbeiten und künstlerische Erzeug- 
nisse; 5. Schutz selbständig beschäftigter Personen weiblichen Ge- 
schlechtes gegen Benachteiligung in sittlicher oder wirtschaftlicher 
Beziehung, vorzugsweise durch Nachweisung geeigneter Gelegenheiten 
für Wohnung und Beköstigung. 

Was der Gründung des Präsidenten Lette seine Bedeutung 
giebt, ist der Umstand, dass das Grundprinzip des Centralvereins 
hier auch für die Frauenfrage angewendet wird: Soziale Schäden 
sind nicht durch Wohlthätigkeitspflege zu heilen, sondern allein 
durch die unbehinderte Verwendung jeder Arbeitskraft, durch 
Befreiung jeder nicht unsittlichen Thätigkeit von allen Fesseln und 
Schranken. Was den späteren Erfolg des Unternehmens sicherte, 
ist die ausserordentlich vorsichtige und umsichtige Inscenierung. 

Charakteristisch aber ist die Verfassung. Zur Mitgliedschaft 
berechtigt sind erwachsene Personen männlichen und weiblichen 
Geschlechts. Die Organe des Vereins sind Ausschuss, Vorstand 
und Generalversammlung. „Der Ausschuss besteht aus 20 von 
der Generalversammlung zu wählenden Männern, welcher eine 
angemessene Zahl weiblicher Vereinsmitglieder mit gleichem 



- 48 - 

Stimmrecht bei seinen Verhandlungen kooptiert und aus seiner 
Mitte den Vorstand wählt" Auch der Vorstand sollte aus Männern 
bestehen, nur einer der Schriftführerposten konnte durch ein weib- 
liches Mitglied des Ausschusses bekleidet werden. Den Be- 
stimmungen entsprechend kooptierte der erste Ausschuss vier 
Frauen, der Vorstand eine, Frl. Jenny Hirsch, als Schriftführerin. 
Für die verschiedenen Zweige der in Aussicht genommenen Arbeit 
wurden Kommissionen eingesetzt, die zu gleichen Teilen aus 
weiblichen und männlichen Mitgliedern bestanden. 

Es scheint, dass für diese Organisation neben der damals 
wohl im grossen und ganzen gerechtfertigten Voraussetzung, 
Frauen möchten der geschäftlichen Leitung des Unternehmens 
nicht gewachsen sein, auch die Befürchtung massgebend war, die 
Gründung des neuen Vereins möchte einen prinzipiell emanzipato- 
rischen Charakter erhalten, und etwa auf weitere Schritte in 
diesem Sinne auch auf andrem als beruflichem Gebiet einen 
Ausblick eröflFnen. 

Man darf diese absichtliche Zurückhaltung wohl, trotzdem 
oder vielleicht gerade weil sich in den ausführlich vorliegenden 
Berichten aller Vorberatungen keinerlei Hinweis darauf findet,») 
als eine Stellungnahme zu einem Ereignis betrachten, das sich 
kurz vorher vollzogen, zu der Gründung des allgemeinen 
deutschen Frauenvereins. 

2. 
Die Gründung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins. 

Die Gründung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins stand 
unter einem wesentlich andern Zeichen als die des Lettevereins. 
Auf die äussere Anregung eines Hauptmanns Korn — den man 
allerdings auf die Ausführung des Unternehmens keinen Einfluss 
gewinnen lassen konnte, da er es mehr zu diskreditieren als 
zu fördern geeignet war — war in Leipzig im März 1865 durch 
Louise Otto und einige Flauen, die sie heranzog, ein Frauen- 
bildungsverein gegründet. Frl. Auguste Schmidt hatte die 
Ziele dieses Vereins in einem öffentiichen Vortrag entwickelt, der 



>) Zu dieser Annahme berechtigt wohl vor allem die Thatsache, dass in der Letteschen 
Denkschrift unter den vorangegangenen öffentlichen Erörterungen der Frage der Vortrag 
von Moritz Moller auf dem dritten Arheitertag in Stuttgart genannt wird, ohne dass der 
Verfasser den Leipadger Frauentag, mit dem Moritz Moller sich eingehend beschäftigt, 
crwflhnL 



— 49 — 

das Motto „Leben ist Streben" trug. Der Vortrag zeigt, dass 
man hier die „Frauenfrage" von Anfang an in ihrer doppelten 
Bedeutung, der ideellen und der praktischen, zu lösen versuchen 
wollte. Man wollte die Frau durch Erweiterung ihres Gesichts- 
kreises, durch reichliche Gelegenheit zu geistiger Erhebung zu 
einer ernsteren Auffassung ihrer Bestimmung erziehen, man wollte 
sie befähigen, an dem Fortschritt der Kultur, dem Ringen um 
geistige Weiterentwickli^ng ihrerseits teilzunehmen; andrerseits 
sollte sie wirtschaftlich selbständig gemacht, sollten ihr die Mittel 
gegeben werden, sich durch eigene Arbeit vor äusserer Not zu 
schützen. Aus beiden Gesichtspunkten ergiebt sich die Forderung: 
„Wir verlangen, dass die Arena der Arbeit auch für uns und 
unsere Schwestern geöffnet werde." Die Hauptbedeutung der 
Frage aber liegt auf sittlichem Gebiet. Freiheit der Entwick- 
lung für die Frau ist eine Forderung der Gerechtigkeit, Freiheit 
zur Arbeit muss der Frau gegeben werden um ihrer eigenen sitt- 
lichen Vervollkommnung, um des erziehlichen Wertes der Arbeit 
willen, und schliesslich: das Ziel der Frauenbewegung ist die Er- 
höhung der sittlichen Werte in der Menschheit 

Man hatte in Leipzig damit begonnen, Unterhaltungsabende 
für die Frauen der ärmeren Volksklassen einzurichten, bei denen 
man versuchte, ihnen in einer anregenden Form die Güter deutscher 
Kultur in Geschichte, Wirtschaftsleben, Kunst und Litteratur 
nahe zu bringen, sie zugleich für wichtige praktische und sittiiche 
Fragen zu gewinnen. ^ 

Das zweite Unternehmen des Vereins war eine Fortbildungs- 
schule für Mädchen, die ebenfalls, dem doppelten Zweck des 
Frauenbildungsvereins entsprechend, sowohl praktische, als allge- 
gemein erziehliche Kenntnisse vermittelte. 

Der Grundgedanke, aus dem alle diese Bestrebungen hervor- 
gingen, den Frauen die Arbeit unter voller, selbständiger Verant- 
wortung als ein unentbehrliches Element sittlicher Vervollkomm- 
nung in vollem Umfange zugänglich zu machen, wies in seinen 
letzten Konsequenzen über die Grenzen eines Lokalvereins hinaus. 
Louise Otto hatte deshalb schon in den Satzungen des Frauen- 
bildungsvereins eine Frauenkonferenz von deutschen Frauen ver- 
schiedenster Staaten und Stände trotz schwerer Bedenken und 



J) Die Themen des ersten Jahres sind : Idaria Theresia — Th. Kömer — ThQringen — Die 
Eiche — Schillers Jagend — Deutsche Zustflnde zur Zeit der Leipziger Völkerschlacht — 
Die Schweiz — Die erste geistige Pflege des Kindes — Anregungen aus der Gesundheits- 
. lehre etc. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 4 



_ 50 — 

zum Teil auch lebhaften Widerspruchs der Beteiligten in Aussicht 
gestellt. Sie war der Ansicht, dass nicht nur um praktische Ziele 
zu verfolgen, sondern auch um den Ideen der Frauenbewegung 
weiteren Boden zu gewinnen, vor allem aber, um die Frau zur 
Selbsthilfe, zur Beherrschung der Formen und Verhältnisse des 
öffentlichen Lebens zu erziehen, die Propaganda des Einzelnen in 
der Presse nicht genüge, dass dazu eine umfassende Organisation 
der Frauen selbst notwendig sei. Die Versammlung wurde auf 
den i6. bis i8. Oktober nach Leipzig einberufen. 

Es war das erste Mal in Deutschland, dass eine Frau eine 
grosse öffentliche Versammlung leitete. Man hatte Männer und 
Frauen, bei denen man ein Interesse für die Sache voraussetzen durfte, 
aus allen Teilen Deutschlands dazu eingeladen, so u. a. Moritz 
Müller aus Pforzheim und Professor Eckardt aus Mannheim, 
die beide auf dem Bundestag der deutschen Arbeitervereine in 
Stuttgart für die „Mobilmachung der Frauenarbeit" entschieden 
eingetreten waren und die Annahme einer Resolution durchgesetzt 
hatten, die Beseitigung aller der weiblichen Arbeit entgegenstehenden 
Hindernisse für notwendig erklärte. *) Auch auf Österreich wurde 
damals, wie es scheint, mitgerechnet. 

Das Ergebnis der Versammlung wurde in den folgenden Re- 
solutionen niedergelegt. Sie enthalten zugleich die Ausgangs- 
punkte für die Unternehmungen der nächsten Jahre. 

I. Die erste deutsche Frauenkonferenz erklärt die Arbeit, welche 
die Grundlage der ganzen neuen Gesellschaft sein soll, für eine Pflicht 
und Ehre des weiblichen Geschlechts, sie nimmt dagegen das Recht 
der Arbeit in Anspruch und hält es für notwendig, dass alle der weib- 
lichen Arbeit im Wege stehenden Hindernisse entfernt werden. 

IL Wir halten es für ein unabweisbares Bedürfnis, die weibliche 
Arbeit von den Fesseln des Vorurteils, die sich von den verschiedensten 
Seiten gegen sie geltend machen, zu befreien. Wir halten in dieser 
Hinsicht neben der Agitation durch Frauenbildungsvereine und die 
Presse die Begründung von Produktivassociationen, welche den Frauen 
vorzugsweise empfohlen werden, die Errichtung von Industrie-Aus- 
stellungen für weibliche Arbeitserzeugnisse, die Gründung von In- 
dustrieschulen für Mädchen, die Errichtung von Mädchenherbergen, 



I) Moritz Möller. Vortrag Ober die Frauenfrage. Gehalten am dritten Arbeiter- 
tage in Stuttgart. Coburg 1865. — Referat Ober Frauenarbeit Erstattet am Arbeitertage in 
Gera 1867. — Aphorismen Ober die Frauenfrage. Pforzheim 1873. Diese Schrift knOpft an 
den Stuttgarter Frauentag 1873 an imd ist deshalb besonders bemerkenswert, weil sie auf 
die VerbesserungsbedOrftigkcit der familienrechtUchen Stellung der Ehefrau nachdrOcklich 
hinweist, als auf eine Seite der Frauenfrage, die bis dahin von den Frauen noch nicht 
in Betracht gezogen war. 



— 51 — 

endlich aber auch die Pflege höherer wissenschaftlicher Bildung für 
geeignete Mittel, dem Ziele näher zu kommen. 

Durch die in diesen Resolutionen gegebene Grundlage für die 
Arbeit, die in Angriff genommen werden sollte, ist nicht nur 
ideell, sondern auch praktisch ein weiteres Arbeitsfeld bezeichnet, 
als es der Lettesche Verein später für sich abgrenzte. So hatte 
Louise Otto von Anfang an die Arbeiterinnen, von denen der 
Berliner Verein ausdrücklich absah, in erster Linie in die Wohl- 
fahrtsbestrebungen ihres Vereins einschliessen zu müssen geglaubt. 
Galt doch ihnen speziell von jeher ihr Interesse und ihre Fürsorge. 
Andrerseits wird auch die Erschliessung der höheren Berufe schon 
als Ziel der Frauenbewegung ins Auge gefasst. 

In dem § i der Statuten wird der Inhalt der Resolutionen 
niedergelegt. Er lautet: 

Der Allgemeine deutsche Frauenverein hat die Aufgabe, für die 
erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der 
weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden 
Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken. 

Der am heftigsten umstrittene Punkt war der § 2 des Statuts, 
der Männer nur als Ehrenmitglieder mit beratender Stimme zuliess. 
Er entsprach Louise Ottos Überzeugung, dass der Verein nur 
dann die erziehliche Bedeutung haben könne, die sie ihm zu 
geben wünschte, wenn er das Prinzip der Selbsthilfe konsequent 
verwirklichte. Es ist unbestreitbar, dass der weitere Verlauf der Be- 
wegung ihr recht gab; für den Augenblick gab dieser Paragraph, 
dessen Annahme allerdings von den beteiligten Männern selbst zum 
Teil empfohlen wurde, als „männerfeindlich" Anlass zu mancher An- 
feindung, ja er hielt manche, die der Sache Interesse entgegen- 
brachten, zunächst fem. Anfeindung blieb natürlich überhaupt 
nicht aus, wenn auch Presse und Publikum den Schritt der 
Leipziger Frauen, „die Leipziger Frauenschlacht", ernster und 
wohlmeinender aufnahmen, als man erwartet hatte. Die sehr zahl- 
reichen Stimmen der Presse, vor allem aber die Art, wie sozial- 
politische Vereine von der Thatsache und dem Ergebnis der 
Leipziger Konferenz Notiz nahmen, zeigt, dass man sie als ein Er- 
eignis betrachtete. Schon kurz ehe sie stattfand, hatte Moritz 
Müller in seinem Vortrage auf dem schon erwähnten Stuttgarter 
Arbeitertag eine Resolution eingebracht, in der er sich zu den 



*) Vgl. Louise Otto: Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866. S. 86 f. 
Das erste Jahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leiprig 189a S. xo. 
Auguste Schmidt und Hugo Rösch; Louise Otto-Peters. Leipzig 1898. S. 84. 

4* 



— 52 — 

Grundsätzen der Einberuferinnen bekennt und der Konferenz Glück 
wünscht.*) Der Referent über industrielle Frauenarbeit auf dem 
schlesischen Gewerbetag«) erkennt gleichfalls ausdrücklich die 
Berechtigung der Leipziger Gründung an. So galt es nun, an die 
Ausführung des aufgestellten Arbeitsprogramms zu gehen. 

X. 

Die Entwicklung der deutschen Frauenbewegung durch 
den Allgemeinen deutschen Frauenverein. 

Die nächstliegende praktische Aufgabe war selbstverständlich 
eine Erweiterung der weiblichen Erwerbsthätigkeit Auch Hess 
die Haltung des Publikums zu der Leipziger Gründung deutlich 
erkennen, dass es gut war, vorläufig das neutrale wirtschaftliche 
Gebiet als Hauptarbeitsfeld zu wählen. DafQr war auf der 
Frauenkonferenz, wie die Resolution zeigt, mancherlei angeregt 
und in Vorschlag gebracht An die Ausführung weitaussehender 
reformatorischer Pläne freilich, wie man sie mit dem Gedanken 
an Produktivgenossenschaften z. B. in die Resolution aufgenommen, 
konnte man noch nicht denken. Die Frauenvereine, die durch 
die in Leipzig gegebene Anregung hier und da entstanden, konnten 
zunächst nichts andres thun, als unter oft recht schwierigen 
lokalen Verhältnissen praktische Versuche zur Erweiterung der 
Erwerbsfähigkeit zu machen. Abschreiberinnenbureaus, [Industrie- 
kurse, Arbeitsbazare, Stellenvermittlungen, Volksunterhaltungs- 
abende für Frauen bilden das Programm der Vereinsthätigkeit 
Es gehörte bei den Führerinnen eine grosse Selbstverleugnung 
dazu, diese im Vergleich zu der Grösse der Ziele so verschwindend 
kleinen Anfänge geduldig zu pflegen, ja weitergehende Pläne, die 
von der wirtschaftlichen zur sozialen Emanzipation führten, vor- 
läufig ziu*ückzustellen. Die Zahl der Mitglieder stieg im ersten 
Jahre von 34 auf 95. Sie verteilten sich über ganz Deutschland, 
auch nach Österreich war die Anregung der Leipziger Konferenz 
gedrungen. Verschiedene Vereinsbildungen: Dresden, Worms, 
Wien wurden durch den Krieg vereitelt. Doch bestanden, ausser 
den früher gegründeten in Hamburg und Leipzig, Frauenvereine, 
deren Wirksamkeit dem Programm des Allgemeinen deutschen 



1) VgL Arbeiterfreund 1865, S. 440 ff 
S) A. «. Gm S. 44aff. 



— 53 — 

entsprach, nach Ablauf des ersten Vereinsjahres schon in Lissa, 
Krems und Zwickau. ') 

Die Beziehungen unter den Mitgliedern und Zweigvereinen 
unterhielt das 1866 begründete Vereinsorgan „Neue Bahnen", das 
von Louise Otto herausgegeben wurde unter Mitwirkung von 
Jenny Hirsch, an deren Stelle aber schon im Anfang des ersten 
Jahrgangs Auguste Schmidt trat. 

Wurden in den einzelnen Vereinen die nächstliegenden 
praktischen Aufgaben in Angriff genommen, so fiel dem Haupt- 
verein neben der allgemeinen Propaganda für die Idee der Frauen- 
bewegung die Aufgabe zu, einen Einfluss auf die gesetzlichen 
Beschränkungen der Frauenarbeit und auf die Frauenbildungs- 
verhältnisse zu gewinnen. Man versuchte zunächst, mit grösseren 
sozialpolitisch wichtigen Körperschaften Fühlung zu gewinnen. 
1867 reichte der Vorstand eine Adresse an den volkswirtschaftlichen 
Kongress in Hamburg ein, die den Zweck hatte, das Interesse des 
Kongresses auf die Lage der Arbeiterinnen zu lenken. Die Adresse 
weist auf die grossen sittlichen Gefahren hin, die aus der Arbeits- 
losigkeit der Frauen erwachsen, sie erkennt an, dass der Arbeiter 
ein Sinken seiner Löhne durch die Ausdehnung der Frauenarbeit 
zu befürchten habe, sieht aber ein Mittel gegen diese Gefahr nur 
in der Erweiterung der weiblichen Berufszweige, in einer steigenden 
Achtung vor den Leistungen der Frau überhaupt und in der 
Association von Arbeitern und Arbeiterinnen gemeinsam. Sie 
sieht in den bisher gemachten Versuchen, die Lage der Arbeiterinnen 
zu heben, nur Palliativmittel von zweifelhaftem volkswirt- 
schaftlichen Wert und verspricht sich Erfolg nur von der im 
grossen' unternommenen Fürsorge für die Berufserziehung der 
Mädchen durch Errichtung von Industrie-, Handels-, ökonomie- 
schulen etc. und davon, dass alle Vorteile, welche der volkswirt- 
schaftliche Fortschritt bietet und immer mehr bieten wird, wie 
Gewerbefreiheit, Freizügigkeit u. s. w., nicht nur dem männlichen, 
sondern auch dem weiblichen Geschlecht zu gute kommen.») Die 
Bitte, den Frauen die Vorteile der Freizügigkeit und Gewerbe- 
freiheit in gleichem Masse zugänglich zu machen wie den Männern, 
wurde kurz darauf auch dem norddeutschen Reichstag gleichzeitig 
mit der Bitte um Beschäftigung von Frauen im Post- und 
Telegraphendienst ausgesprochen.') Den ersten Teil der Petition 



I) VgL den ersten Rechenschaftsbericht des Vereins : Neue Bahnen, x. Bd., No. aa, S. 175 f 
*) Neue Bahnen 1867, S. 158 ff. 
^ A. a. 0., Jahrg. 1867, S. 1814. 



— 54 — 

versprach der Bundesrat bei den „legislativen Arbeiten über diese 
Materien in Erwägung zu ziehen". Der zweite Teil wurde ab- 
gelehnt, mit dem Vorbehalt jedoch, dass „die Anstellung von 
Frauen in einzelnen geeignet scheinenden Fällen nicht aus- 
geschlossen werden solle."') 

Ein in demselben Jahre an den Geraer Arbeitertag gerichteter 
Appell, die Bestrebungen des Frauenvereins zu unterstützen, zeigt, 
wie lebendig trotz aller Zurückhaltung das soziale Bewusstsein 
der Achtundvierzigerin in Louise Otto war. Denselben Existenz- 
kampf dem Staate, der Gesellschaft gegenüber, so wird in dieser 
Adresse ausgeführt, wie ihn seit einem Vierteljahrhundert der 
Arbeiterstand kämpft, haben jetzt die Frauen begonnen. „Der vor 
zwei Jahren gegründete Frauenverein ist sein erstes Resultat 
Langsam, und vielleicht langsamer noch als die Bestrebungen der 
Arbeitervereine, werden auch die der Frauenvereine reifen — aber 
sie werden es mit gleicher Gewissheit. Sie werden es um so 
eher, wenn sich Männer finden, die diese Bestrebungen zu den 
ihrigen machen — Männer des Fortschritts, wie die Arbeiter sie 
gefunden, und sie hoffen solche in ihrer Mitte zu treffen — sie 
appellieren an diese Einzelnen, wie an die Vereine." ') Neben diesen 
Schritten des Vereins für die Sache der Arbeiterinnen nahm 
Louise Otto ihre persönliche Propaganda für die Arbeiterinnen 
wieder auf So gründete sie 1869 i" Berlin einen Arbeiterinnen- 
verein — den ersten dort — der allerdings sich nur kurze Zeit 
halten konnte.») 

Bestrebungen des Allgemeinen deutschen Frauenvereins 
auf dem Gebiete der Frauenbildung. 

Die Hauptwirksamkeit des Allgemeinen deutschen Frauen- 
vereins liegt aber während dieser ersten Jahre auf dem Gebiet 
der Frauenbildung. 

So beschloss man schon auf der ersten Generalversammlung 
in Leipzig 1867, sich auf „dem Wege der Petition an Regierungen 
und Kommunalbehörden dahin zu verwenden, dass die bestehenden 
Unterrichtsanstalten auch dem weiblichen Geschlecht zugänglich, 
auch solche für das weibliche Geschlecht besonders begründet 
werden, um dasselbe höherer Bildung teilhaftig und besser erwerbs- 
fähig zu machen." Auf der folgenden Generalversammlung wurde 

I) Neue Bahnen 1868, S. ja. 

s) Neue Bahnen. Jahrg. 1867, S. 184. 

>) VgL Emma Ihrer, Die Arbeiterinnen im Klassenkampf. Hamburg 1898. S. 7. 



— 55 — 

eine ähnliche Petition an den norddeutschen Reichstag beschlossen, 
er möge bei Beratung der Unterrichtsverhältnisse auch den Unter- 
richt für Mädchen berücksichtigen und anordnen, dass das Schul- 
amt in ausgedehnterer Weise den Frauen zu überweisen sei mit 
besonderer Rücksicht des Volks- und Landschulwesens und des 
Handarbeitsunterrichts. 

Mehrfach noch hat der Allgemeine deutsche Frauenverein 
Petitionen ähnlichen Inhalts eingereicht; wie im Winter 1869 und 
noch einmal 1872 um Errichtung eines Seminars für Volksschul- 
lelirerinnen, Anstellung von Lehrerinnen an Volksschulen in 
Sachsen mit dem Erfolg, dass das Ministerium sich des erwähnten 
Bedürfnisses annahmt) Auch das Frauenstudium wurde schon 
von der ersten Versammlung 1867 erörtert. Eis wurde damals 
einem Vorschlag von Frau Henriette Goldschmidt, eine 
Petition an die norddeutschen Hochschulen einzugeben behufs 
Zulassung der Frauen zu akademischen, besonders ärztlichen 
Studien, im Prinzip zugestimmt; da aber die Petition für den 
Augenblick noch keinen Erfolg versprach, schob man die Aus- 
führung noch hinaus.') Die Frage stand dann im Vordergrund 
der Verhandlungen der Eisenacher Versammlung von 1872, vor 
der Professor Wendt den Plan einer Mädchenrealschule ent- 
wickelte, und die beschloss, zu geeigneter Zeit für derartige An- 
stalten zu wirken. Vor allem in Marie Calm fand diese Seite 
der Frauenfrage im Verein [eine entschiedene und sachkundige 
Vertretung. 

Beteiligung der Frau am Kommunaldienst. 

War in den „Neuen Bahnen" schon hier und da, durch 
Berichte über englische und amerikanische Verhältnisse, durch 
gelegentliche vorsichtige Hinweise und Gutachten, besonders von 
Louise Otto selbst, der Gedanke, dass die Frau auch zur Teilnahme 
an Verwaltung und Gesetzgebung in letzter Konsequenz geführt 
werden müsse, dem Programm des Allgemeinen deutschen Frauen- 
vereins einverleibt, so wurde auf der Generalversammlung von 
1868 diese Frage zum ersten Mal in einem Vortrage von Frau 
Henriette Goldschmidt öffentlich verhandelt. Selbstverständlich 
nur, soweit sie städtische Ämter, Armen- und Waisenpflege und 
die Fabrikaufsicht betraf) Dass es hier auch zunächst nur auf 



I) Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins. S. 19, aa. 

S) Neue Bahnen 186& S. 176. 

<) Neue Bahnen. Jahrg. x868, S. 174. 



- 56 - 

die Propaganda der Idee ankam und für den Augenblick keine 
Verwirklichung der Forderung zu erwarten war, lag auf der Hand. 
Die Propaganda wurde auf jedem der folgenden Frauentage nach- 
drücklich betrieben. 

Civilrechtliche Stellung der Frau.' 

Eine letzte Frage, die der Allgemeine deutsche Frauenverein 
in den Kreis seiner Betrachtung zog, ist die Stellung der Frau 
im Familienrecht. Sie wurde zum ersten Mal auf der dritten 
Generalversammlung in Cassel 1869 durch Professor Röd er- 
Heidelberg zur Sprache gebracht, aber noch nicht in das Arbeits- 
programm aufgenommen, da man damit einmal über die bei 
der Gründung gestellten Aufgaben hinausging, da man gerade 
auf diesem Gebiet den meisten Widerstand zu finden erwarten 
musste, und es der Richtung des Allgemeinen deutschen Frauen- 
vereins mehr entsprach, Rechte durch einen durch Pflichterfüllung 
und geistige Hebung indirekt erreichten moralischen Zwang, als sie 
durch unmittelbare Forderungen zu erlangen. Anfang der siebziger 
Jahre aber wurde die Frage aktuell durch die sich öffnenden 
Aussichten auf eine neue Civilgesetzgebung. So beschloss die 
Generalversammlung von 1875 einstimmig die Eingabe einer 
Petition an den Reichstag, „bei Abänderung der Civilgesetzgebung 
die Rechte der Frauen, besonders auch im Ehe- und Vormund- 
schaftsrecht zu berücksichtigen". Die Petition wurde durch eine 
sorgfältige Zusammenstellung der für die Stellung der Frau 
geltenden Gesetze der deutschen Bundesstaaten vorbereitet*) und, 
mit spezialisierten Abänderungsvorschlägen, 1877 eingereicht Sie 
wurde vom Reichskanzleramt der Kommission zur Beratung der 
neuen Civilgesetze als Material übergeben. 



Damit waren auf allen Gebieten, die für die Frauenfrage in 
Betracht kamen, Anfänge gemacht, Ausgangspunkte gegeben. 
Zugleich aber hatte der Allgemeine deutsche Frauenverein, auch 
äusserlich betrachtet, gewaltig an Boden gewonnen. Als er die 
Petition von 1877 einreichte, konnte Louise Otto sagen, dass sie 
die Meinungsäusserung von 11 000 — 12000 deutschen Frauen sei, 
die, als Einzelmitglieder oder in Zweigvereinen verteilt, dem Allge- 



1) Einige deutsche Gesetzes-Paragraphen Ober die Stellung der Frau. Hrsg. vom 
Allgemeinen deutschen Frauenverein. Leipzig 1876. 



— 57 — 

meinen deutschen Frauenverein angehörten.') Als ein Hauptmittel 
zur Gründung von Zweigvereinen hatten sich die alle zwei Jahre 
stattfindenden Wanderversammlungen bewährt. Sie waren fast 
immer der Anlass zu einer neuen Vereinsgründung geworden. 

Das Arbeitsprogramm des Allgemeinen deutschen Frauen- 
vereins gab diesen neuen Vereinen eine Grundlage, auf der sie 
auch an Orten weiterarbeiten konnten, wo die letzten Ziele der 
Bewegung, die er vertrat, noch kein Verständnis gefunden hatten. 
Das Geheimnis seines Erfolges liegt einmal darin, dass er diese 
letzten Ziele fest im Auge behielt und zugleich Wege dahin wies, 
die auch unter schwierigen lokalen Verhältnissen beschritten 
werden konnten; dann aber in dem Umstände, dass seine 
Führerinnen mit ihrem ganzen Wesen fest wurzelten in dem 
Boden der spezifisch deutschen Geisteskultur. Die Vorträge, in 
denen Auguste Schmidt am Eingang jeder Generalversammlung 
das Programm des Allgemeinen deutschen Frauenvereins in seinen 
Grundzügen entwickelte, sind ein besonders charakteristisches 
Zeugnis dafür. Immer wird der Gedanke der Frauenbewegung 
zurückgeführt auf den geistigen Besitz, der als ein Erbe der 
klassischen Zeit deutschem Wesen ganz besonders vertraut war, 
auf die Ideale der Humanität, der Geistesfreiheit, der sittlichen 
Verpflichtung, die unter veränderten sozialen Verhältnissen von 
den Frauen auch nur in entsprechend veränderten Formen ver- 
wirklicht werden können. Gehört die Macht dieser Beweisführung 
auch zu den Imponderabilien, deren Wert dem Ungläubigen nicht 
nachgewiesen werden kann, in der Geschichte der deutschen 
Frauenbewegung ist sie ein Faktor von ebenso grosser, wenn 
nicht grösserer Bedeutung als viele andre, die sich in Tabellen 
ordnen lassen. 

XL 

Gleichzeitige Bestrebungen ausserhalb des Allgemeinen 

deutschen Frauenvereins. 

1. 
Die Frauenerwerbsverelne. 

Auch die von dem Berliner Verein zur Förderung der Erwerbs- 
fähigkeit des weiblichen Geschlechts eingeleitete Bewegung hatte 
in kurzer Zeit weite Kreise ergriffen, sowohl in Berlin als in 



I) Es bestanden im Jahre 1880 folgende Zweigvereine : Leipzig (1865)« Braunschweig 
(x868), Cassel (1869), Eisenach (187a), Stuttgart, schwäbischer Frauenverein (1873), Gotha 
(1874), Frankfurt a. K. (1876), Hannover (1877), Heidelberg (1879), DarmsUdt (x88o), 



- 58 - 

andern deutschen Städten. Sie organisiert sich in zahlreichen 
„Frauenerwerbsvereinen", die, zum grossen Teil auf Anregung des 
Berliner Vereins gegründet, auch dessen Arbeitsprogramm über- 
nehmen. Ihre Bestrebungen erstrecken sich demnach im grossen 
und ganzen auf die Gebiete der kaufmännischen, gewerblichen 
und kunstgewerblichen Ausbildung, der Verwertung der Frauen- 
arbeit durch Arbeitsnachweise und Centralverkaufsstellen für 
weibliche Industrieerzeugnisse, der Fürsorge für Wohngelegenheiten 
für unbemittelte erwerbende Frauen. Der Berliner Verein hat in 
Bezug auf die Grösse und Bedeutung seiner Anstalten die führende 
Stellung behalten, die er von Anfang an auf diesem Gebiet ein- 
genommen. Einige Zahlen mögen einen Begriff von seiner Ent- 
wicklung geben: Die Schülerinnenzahl in der Handels- und 
Gewerbeschule und Zeichenschule stieg in der Zeit von 1866 bis 
1880 von jährlich 28 auf 1359, die der vom Verein vermittelten 
Stellen von 41 auf 607 jährlich, die der Bewohnerinnen des 
Viktoriastifts, eines Heims für erwerbende Frauen, von 48 im 
Jahre 1868 auf 210 im Jahre 1880. 

Für Süddeutschland gewann der Aliceverein für Frauenbildung 
und Erwerb, der 1867 durch die Prinzessin Ludwig von 
Hessen gegründet und durch Luise Büchner zur Blüte gebracht 
wurde, eine ähnliche Bedeutung. Durch Errichtung einer Industrie- 
schule, einer Verk aulssteile für weibliche Arbeiten nach dem 
Muster des Berliner Viktoriabazars, und durch eine erfolgreiche 
Agitation für obligatorische Einführung des Handarbeitsunterrichts 
in die Mädchenschulen hat er die Sache der Frauenarbeit in 
Hessen ausserordentlich gefördert. Mit ihm zugleich (1867) ent- 
standen Frauenerwerbsvereine in Bremen, Hamburg und Breslau, 
sämtlich mit gleichen Arbeitsgebieten und gleichen Zielen. 

Unter diesen Vereinen regte sich der Wunsch, für ihre 
zerstreuten Bestrebungen eine Centrale zu gründen, von der aus 
eine einheitlichere Weiterführung der ganzen Bewegung ermöglicht 
werden konnte. So wurde von Herrn Professor vonHoltzendorff, 
der nach dem Tode des Präsidenten Lette die Leitung des Berliner 
Vereins übernahm, eine Konferenz deutscher Frauenbildungs- 
und Erwerbsvereine für den November 1869 nach Berlin einberufen, 
um über einen solchen Zusammenschluss zu beraten. Auch 
der Allgemeine deutsche Frauenverein war durch Frl. Auguste 
Schmidt und Fr. Henriette Goldschmidt vertreten und man hoffte 
ihn zum Anschluss an den zu gründenden Verband gewinnen 
zu können. War doch die Differenz, die anfänglich zwischen ihm 



— 59 — 

und dem Letteverein bestand, durch eine Annäherung des Lette- 
vereins an die Prinzipien des Allgemeinen Deutschen schon in 
etwas ausgeglichen. Unter den Aufgaben des Vereins hatten 
die erziehlichen eine stärkere Betonung erfahren, — es 
wurde das auch durch eine Erweiterung des Titels angedeutet, 
der von 1869 an hiess: „Letteverein zur Förderung höherer 
Bildung und Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts". In 
der Verfassung war die Gleichberechtigung der Frauen mehr und 
mehr durchgeführt. Trotzdem aber lehnte der Allgemeine deutsche 
Frauenverein eine Einordnung in die durch den Letteverein geführte 
neue Organisation ab, aus der trotz aller Gemeinsamkeit der 
Wege und Ziele wohl doch noch berechtigten Empfindung heraus: 
„Ihr habt einen andern Geist als wir." 

Keineswegs aber bedeutete das Fürsichbleiben der beiden 
Organisationen eine Feindschaft auf irgend einer Seite; man 
arbeitete einander vielmehr soviel als möglich in die Hände. So 
wurde 1872 von beiden Vereinen eine Eingabe um Anstellung 
weiblicher Beamter im Post- und Telegraphenwesen an den 
Reichstag gerichtet *) 1876 wxirde ein Einvernehmen getroffen, 
nach dem die Wanderversammlungen der beiden Vereinspruppen 
abwechselnd stattfinden sollten und man sie gegenseitig durch 
Delegierte beschicken sollte. 

Dem Verband der Frauenerwerbs vereine traten ausser den 
Berliner Vereinen die Vereine in Braunschweig, Bremen, Breslau, 
Darmstadt, Hamburg. Karlsruhe und Rostock bei. Er nahm auf 
seinen Wanderversammlungen dieselben Themen nach und nach 
auf, die der Allgemeine deutsche Frauen verein verhandelte; so 
wurde 1873 von beiden Vereinen die Zulassung der Frauen zum 
Apothekerberuf besprochen, — eine Petition, die die Letteschen 
Vereine einreichten, wurde abschlägig beschieden. 1878 erklärte 
sich auch der Verband für die schon seit Jahren von Frau 
HenrietteGoldschmidt vertretene Forderung amtlich autorisierter 
weiblicher Armenpfleger; auf der 1882 stattfindenden Versammlung 
kam die durch Frl. Menzzer im Allgemeinen deutschen Frauen- 
verein 1881 angeregte Arbeiterinnenfrage zur Besprechung, die 
man jedoch aus Mangel an genügendem statistischen Material 



Vgl FraucnanwalL Organ des Verbandes deutscher Frauenbildungs- und Erwerbs- 
vereine. Hrsg. von Jenny Hirsch. Berlin 1872/73, S. 139 ff. Jenny Hirsch: Geschichte 
der Entstehung, Organisation und Wirksamkeit des Lettevereins in Berlin. In ,vDie Frau im 
gemeinnützigen Leben". S. 037 AT., 1887 Geschichte der 25jährigen Wirksamkeit des Lette- 
vereins. Berlin 1897. S* dP ^m ^- 93 ^' 



— 6o — 

vorläufig wieder fallen liess. Es ist überhaupt für die Entwicklung auch 
des Verbandes charakteristisch, dass er das ursprüngliche Programm 
der Frauenerwerbsvereine durch die Aufnahme sozialer Fragen 
immer mehr erweitert. An der Agitation des Allgemeinen deutschen 
Frauenvereins in Sachen des Familienrechts beteiligte er sich nicht 
Dagegen wurde die Frage des Frauenstudiums auch auf seinen 
Versammlungen verhandelt und eine Petition des Allgemeinen 
deutschen Frauenvereins um die Approbation von Alitinnen und 
die Zulassung der Frauen zur akademischen Lehrerbildung, von 
der noch die Rede sein wird, von ihm mit unterzeichnet. 

Immerhin zeigt sich gegen Ende der achtziger Jahre in seinen 
Kreisen ein Erkalten des Interesses an dem Zusammenschluss der 
Erwerbsvereine untereinander, das auch wohl natürlich war bei 
Vereinen, deren Schwerpunkt in einer praktischen, an lokale Ver- 
hältnisse gebundenen Einzelarbeit liegt, deren Verbindung 
deshalb immer eine mehr äusserliche sein muss. Im Jahre 1894 
wurde der Verband der Frauenbildungs- und Erwerbsvereine — 
um hier vorausgreifend seine Geschichte zum Abschluss zu 
bringen — auf einer Versammlung in Berlin aufgelöst. *) 

Um so kräftiger entwickeln sich die Bestrebungen der Frauen- 
erwerbsvereine innerhalb ihrer eigenen lokalen Grenzen. Vor 
allem die des führenden, des Lettevereins. Seit 1872 war die 
Leitung selbst in die Hand einer Frau, Anna Schepeler-Lette, 
der Tochter des Stifters, übergegangen. Unter ihrer Leitung und 
der thatkräftigen Mithilfe einer Reihe von Berliner Frauen und 
Männern, besonders des Ehepaars Stettiner und der heutigen 
Vorsitzenden Elisabeth Kaselowsky, haben die bereits be- 
gründeten Anstalten sich zu immer höherer Frequenz und Leistungs- 
fähigkeit entwickelt, neue sind je nach dem Bedürfnis der Zeit, 
dem der Verein sich fortdauernd angepasst hat, hinzugekommen, 
eine Setzerinnenschule (1874), ein Kursus zur Ausbildung von 
Handarbeitslehrerinnen (1875), ^^^^ Kunsthandarbeitsschule (1879), 
eine Fortbildungsschule (1878), deren Gründung besonders be- 
merkenswert ist, weil der Verein damit über die ursprünglichen 
Grenzen seines Arbeitsfeldes hinaus seine Fürsorge auf die 
Mädchen des eigentlichen vierten Standes ausdehnte, die aber 
seit i88a als Viktoriafortbildungsschule vom Letteverein getrennt, 
selbständig weiterbesteht, eine Wasch- und Plättanstalt (1878), eine 



*) ^S^* Jenny Hirsch: Geschichte der 25 jährigen Wirksamkeit des Lettevereins. 
S. 93— iia. 



— 6i — 

Haiishaltui^;sschti]e (1886) mit Mädchenheim, ^ne photographische 
Lehranstalt, dne Kunstwebeschule. Die Errichtung einer Buch- 
binderinnenMiranstalt wird geplant 

Es ist hier natOrüch nicht der Ort auf die ThAdgkeit der 
Erwerbsvereine näher einzugehen, als durch Anftkhnuig dieses 
einen typischen Beispiels. Sie haben neben dem ausserordent- 
lichen praktischen Nutzen, den sie brachten, fbr die Frauen- 
bewegung doch auch noch eine weitere Bedeutung: Sie haben 
durch ihre Arbeit auf dem neutralen Gebiet der Erwerbsthfltigkeit 
viele Gönner und Mitarbeiter aus einflussreichen konservativeren 
Kreisen gewonnen und damit den W^ gefunden, auf dem diese 
allein für die weiteren Ziele interessiert werden konnten. 



Frauenarbeit auf sozialem Gebiet 

Bedeutete das Jahr 1866 in mancher Beziehung einen Stillstand 
und ROckgang der eben aufstrebenden deutschen Frauenbewegung, 
so wurde es doch zugleich der Anlass, dass ein neues Gebiet 
sozialer Fürsorgethätigkeit für die Frauen gewonnen wurde, durch 
die Gründung der Berliner Volksküchen. War die Frauen- 
arbeit in der Pflege der Volkswohlfahrt bis dahin selten über die 
Grenzen der eigentlichen Wohlthädgkeit hinausgegangen, hatte sie 
sich nur in wenigen Fällen auf das Gebiet der Volksbildung, in 
ganz vereinzelten Fällen auf das gewerkschafUicher Organisations- 
versuche erstreckt, so wird in dieser Gründung ein bedeutsamer 
volkswirtschaftlicher Fortschritt, der Gedanke der Konsumgenossen- 
schaften, zum ersten Mal durch eine Frau selbständig verwertet. 
Um bei dem Stocken des Verkehrs, der Verteuerung der Lebens- 
mittel, die der Ausbruch des Krieges herbeiführte, der Not der 
arbeitenden Klassen, insbesondere der Familien, die den Ernährer 
in den Krieg ziehen sahen, zusteuern, fasste Lina Morgenstern 
den Plan, durch Herstellung von Nahrungsmitteln im grossen und 
Ausgabe zum Selbstkostenpreise der ärmeren Bevölkerung gesunde, 
nahrhafte Speisen zu erschwinglichen Preisen zugänglich zu 
machen und auf diese Weise gegen die Folgen der ungünstigen 
Marktverhältnisse zu schützen. Der Plan wurde, von bedeutenden 
Namen, von Virchow, Lette, Holtzendorff u. a. unterstützt, sofort 
auf das energischste durchgeführt und bewährte sich vollkommen. 
Im Dezember 1867 wurde schon die fünfte Volksküche eröffnet. 



— 62 — 

Bis 1883 stieg ihre Zahl in Berlin bis auf fünfzehn. Zahlreiche 
ähnliche Gründungen in andren Städten folgten. Besonders 
glänzend bewährte sich die Leistungsfähigkeit der Volksküchen 
und die Energie und organisatorischen Fähigkeiten der Leitung 
1870 bei den Speisungen der durchziehenden Truppen. Was vor 
allem die Volksküchen zugleich zu einem Erfolg für die 
Frauenbewegung macht, ist neben dem Gewicht des Umstandes, 
dass eine Frau eine volkswirtschaftliche Institution von dieser Be- 
deutung schuf, vor allem die zahlreiche Beteiligung von Frauen 
an Leitung und Verwaltung, Ausgabe der Speisen etc., Arbeiten, 
die sie in unmittelbaren, durch keinerlei andre als ihre persönliche 
Autorität gesicherten Verkehr mit den undiszipliniertesten Elementen 
des Publikums brachten und ein Beweismaterial dafür lieferten, 
dass eine solche Stellung keine Gefahren für sie selbst, aber die 
beste Wirkung auf das Publikum hatte. Dann aber war diese 
Arbeit in der Volksküche ein wertvoller Faktor für die Erziehung 
des Gefühls der Verpflichtung gegen die Allgemeinheit, des Bürger- 
gefühls in der Frau. Wenn man nun daran dachte, die Frau in 
den amtlich autorisierten Dienst der Gemeinden hineinzuziehen, 
so gab die Wirkung des Berliner Volksküchenvereins für dahin 
gehende Forderungen einen guten Hintergrund. ') 

Eine Schöpfung, die auf demselben Prinzip begründet war, 
durch genossenschaftlichen Zusammenschluss billigere Lebens- 
mittelpreise zu erreichen, war der 1873 von Frau Morgenstern 
ins Leben gerufene Hausfrauenverein, der dann im Laufe der 
Zeit allerlei andre die hauswirtschaftlichen Interessen berührende 
Aufgaben aufnahm, Dienstbotenvermittlung, Agitation für Fort- 
bildungsschulen etc. 2) Auch der Hausfrauenverein fand zahlreiche 
Nachahmungen in andren Städten, bei denen allerdings das 
ursprüngliche Arbeitsgebiet sehr erweitert wurde, bis es sich 
ziemlich mit dem der Frauenerwerbsvereine deckte. Die Thätigkeit 
von Frau Morgenstern kam in ihrer Bedeutung für die Frauen- 
bewegung um so mehr zur Geltung, als sie auf zahlreichen Frauen- 
tagen ihr Arbeitsfeld vertrat und sich sowohl an den Arbeiten 
des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, als auch an denen des 
Letteschen Verbandes eifrig beteiligte. 



*) Vgl. Lina Morgenstern: Festschrift zum asjfihngen Jubilfium des Vereins der 
Berliner Volksküchen. Berlin 1891. Fanny Lewald: FOr und wider die Frauen. 
Berlin 1870. 

*) Organ des Vereins ist die Hausfrauenzeitung, hrsg. von Lina Morgenstern. 
Berlin seit 1874. Vgl. 95 jährige Geschichte des Berliner Hausfrauenvereins. Berlin 1898L 



- 63 - 



3. 



Fraaenbildonsrsbestrebungen ausserhalb der beiden grossen Vereins- 

gruppen bis zu den achtziger Jahren. 

Konnte der Anteil der beiden grossen oben genannten Vereins- 
gruppen an der Hebung der Mädchenbildung im allgemeinen nur in 
der Propaganda für das Prinzip, in der Aufstellung allgemeiner Grund- 
sätze und Forderungen bestehen, so nahmen doch die von ihnen aus- 
gehenden Anregungen schon ganz vereinzelt praktische Gestalt an. 

Recht eigentlich Kinder des Geistes, der die Arbeit dieser Vereine 
leitete, Zeugnisse zugleich der wachsenden Erkenntnis von der 
sozialen Bedeutung einer zeitgemässen Mädchenerziehung in allen 
Ständen, die sie zu verbreiten bemüht waren, sind die Mädchen- 
fortbildungsschulen, die in dieser Zeit überall entstanden. Ihr 
Zweck ist kein praktisch fachlicher, sondern ein allgemein 
erziehlicher, er lässt sich am klarsten wiedergeben mit den Worten 
eines Berliner Magistrats-Erlasses: „Zweck der städtischen Mädchen- 
fortbildungsschule ist, die Bildung, welche in der Gemeindeschule 
angestrebt ist, zu sichern oder zu ergänzen, den in praktischer 
Beschäftigung aller Art stehenden Mädchen eine regelmässige, zur 
Befestigung ernster Lebensanschauungen dienende geistige An- 
regung zu geben, die Neigung und das Geschick für angemessene 
Frauenarbeit zu pflegen." ») Alle jene ersten Gründungen gingen 
aus den Kreisen der Frauenbildungs- und Erwerbsvereine, sowie 
aus denen des Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen 
hervor und trugen schon durch diesen ihren Ursprung den 
Charakter einer sozialen Veranstaltung. Eine besondere Bedeutung 
für die Bahnen, die die weitere Entwicklung des Mädchen- 
fortbildungsschulwesens einschlug, hat die schon erwähnte, vom 
Letteverein gegründete Viktoriafortbildungsschule in Berlin ge- 
wonnen, die unter der Leitung von Frau Ulrike Henschke in 
kurzer Zeit sich zu einer umfassenden, blühenden Anstalt ent- 
wickelte. Dadurch, dass sie diese Anstalt, für die kein Vorbild 
bestand, in engem Anschluss an die Bedürfnisse der Zöglinge und 
dem eigenen Ideal entsprechend selbständig gestaltete und erweiterte 
und zu dem machte, was sie den Mädchen des Volkes sein musste, 
gab sie der immer wieder aufgestellten Forderung einer vermehrten 
Beteiligung der Frau an der Mädchenbildung mehr Nachdruck, als 
viele Resolutionen und Petitionen es vermocht hätten. 



*) VgL Ulrike Henschke. Denkschrift Ober das weibliche Fortbildungsschulwesen 
in Deutschland. Berlin 1893. S. 13. 



- 64 - 

Die Geschichte der Fortbildungsschulen in ihrer weiteren 
Entwicklung kann nicht Aufgabe dieser Darstellung sein. Ihr 
Entstehen aber, die Thatsache, dass man Anstalten für notwendig 
hält, die ohne einen einseitig praktischen Zweck nur eine Steigerung 
der geistigen Persönlichkeit zum Ziel haben, ist allerdings ein Merk- 
stein in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung, ein Merk- 
stein für den Fortschritt in der Bewertung der Frau als eines 
geistig bedeutungsvollen Faktors im Volksleben. 



Es konnte nicht fehlen, dass die Frauenbewegung, die in ihrer 
ersten Ausprägung die erziehlichen Ziele vor allem hervortreten 
Hess, auch eine gewisse Rückwirkung auf die allgemein herrschende 
Beurteilung und in weiterer Konsequenz auf die Gestaltung des 
Mädchenschulwesens überhaupt ausübte, vor allem, so weit die 
höhere Mädchenschule in Betracht kam. Bis dahin stellte die 
höhere Mädchenschule ein buntes Feld von Gelegenheitsschöpfungen 
dar, den verschiedenartigsten lokalen Bedürfnissen entsprungen 
und angepasst, und eben durch diese ihre Mannigfaltigkeit als 
Luxusanstalten charakterisiert Jetzt äusserte sich unter dem 
Einfluss der ganzen in der Frauenbewegung kulminierenden Zeit- 
strönlung allseitig der Wunsch, der höheren Mädchenschule den 
Charakter einer „vom Staate zu tragenden und zu fördernden 
Schule" zu geben, sie durch eine einheitliche Festsetzung ihrer 
Ziele und Aufgaben als eine nationale Bildungsanstalt hinzustellen. 
Freilich dienten diese Versuche, die Bildungsziele der höheren 
Schulen zu normieren, zunächst dazu, prinzipielle Gegensätze in 
der Beurteilung des Wünschenswerten und Notwendigen zum 
Austrag zu bringen, und der erste Schritt, der zur Hebung der 
Mädchenschule durch die staatliche Schulgesetzgebung gethan 
wurde, die 1872 den hohen deutschen Staatsregierungen ein- 
gereichte Denkschrift der „ersten deutschen Hauptversammlung 
von Dirigenten und Lehrenden der höheren Mädchenschulen "^ 
trug mehr den Stempel einer Bewegung zu Gunsten des Lehrer- 
standes und enthielt ausserdem ausgesprochen und unausgesprochen 
einen Protest gegen die Forderungen der Frauenbewegung, unaus- 
gesprochen in der ewig denkwürdigen Festsetzung des Bildungsziels 
der Frau : „Es gilt, dem Weibe eine der Geistesbildung des Mannes 
in der Allgemeinheit der Art und der Interessen ebenbürtige 
Bildung zu ermöglichen, damit der deutsche Mann nicht durch 



- 65 - 

die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem 
häuslichen Herde gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere 
Interessen gelähmt werde, dass ihm vielmehr das Weib mit Ver- 
ständnis dieser Interessen und der Wärme des Gefühls für die- 
selben zur Seite stehe." ') Die diesem Ziel entsprechenden 
Forderungen kamen, soweit sie die innere Organisation der 
Mädchenschule betrafen, in dem ministeriellen Erlass in Preussen 
von 1874 zur Geltung. Wenn aber auch dieser Erlass den 
Forderungen der Frauenbewegung nicht entsprach, wenn auch die 
vorher zur Besprechung der Sache einberufene Konferenz es wie 
die Weimarer Versammlung wieder und wieder betonte, mit der 
Frauenbewegung nichts zu thun haben zu wollen, — ein Fortschritt 
war die Thatsache dieser Konferenz und des Erlasses, ein Fort- 
schritt auch, dass man Frauen zur Beratung heranzog. Weg- weisend 
für die kommende Zeit, wenn auch in seiner konzilianten Form 
wenig geeignet, unmittelbare Reformen zu bewirken, war das 
Votum von Luise Büchner.*) Sie kritisiert das Überwiegen des 
Ästhetischen, der„ornamental sciences", die Anschauung, dass man 
mit ganz besonderen Mitteln in der Mädchenschule auf die ethische 
Wirkung des Unterrichts abzielen zu müssen meine, sie fordert, 
dass die. allgemeine Bildung keine abschliessende, sondern eine 
gründlich vorbereitende, praktische sei, dass sie womöglich bis 
zum 18. Jahre dauern, dass sie vorzugsweise in der Hand wissen- 
schaftlich gebildeter Lehrerinnen liegen solle, — Forderungen, denen 
die spätere Entwicklung theoretisch recht gab, die sie zum Teil 
schon praktisch verwirklichte. 



Es ist, wie auf dem Gebiete der Fortbildungsschule die Privat- 
Initiative, die auch den Frauen der höheren Stände einen Weg 
zu einer Bildung öffnete, die über die Ziele der höheren Mädchen- 
schule hinausführte. Im Jahre 1868 gründete eine Ausländerin, 
Miss Georgina Archer in Berlin eine Anstalt, die Frauen eine 
dem Universitätsstudium einigermassen parallel laufende Fort- 
bildung gewähren sollte. Das Protektorat übernahm die Kron- 
prinzessin von Preussen, und nach ihr hiess die neue Anstalt 



>) Denkschrift S. 17. 

S) Vgl. Luise Büchner : Die Frau. Hinterlassene Aufsätze, Abhandlungen und 
Berichte zur Frauenfrage. Halle 1878. S. 4a ff. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 5 



— 66 — 

^Viktoria-Lyceum". ') Der Besuch übertraf schon im ersten Jahre 
die Erwartungen, so dass den vier Vorlesungscyclen, mit denen 
man begonnen hatte — neuere Geschichte, griechisch-römische 
Kulturgeschichte, deutsche und französische Litteratur — im zweiten 
Jahre schon weitere in alten Sprachen, Mathematik und Natur- 
wissenschaften hinzugefügt werden konnten. In der Folge aller- 
dings wurde die Entwicklung der Kurse dadurch in ganz be- 
stimmten Grenzen gehalten, dass sie den Teilnehmerinnen kein 
bestimmtes praktisches Ziel setzen und deshalb auf Arbeits- 
leistungen, wie sie ein Berufsstudium erfordert, quantitativ und 
qualitativ nicht annähernd rechnen konnten. So musste das 
Viktoria-Lyceum darauf verzichten, seinen Kursen eine festere 
Organisation zu geben, es musste sich damit begnügen, auf den 
verschiedenen Hauptgebieten des geistigen Lebens eine Einführung 
in wissenschaftliche Ideenkreise zu versuchen. Es liegt in der 
Natur einer solchen Arbeit, dass ihre Bedeutung für die Frauen- 
bewegimg sich schwer bestimmen lässt Spätere Generatiofien 
werden sie eher unter- als überschätzen. Eins ist sicher: dass das 
Viktoria-Lyceum in diesem ersten Jahrzehnt seines Bestehens 
dadurch, dass es vielen Hunderten von Frauen den Gesichtskreis 
weitete und die Gedankenwelt vertiefte, eine Fülle von Kräften 
gelöst hat, an denen die Frauenbewegung, indem sie nach aussen 
wuchs, sich innerlich bereicherte. 

Eine praktische Bedeutung gewann die Arbeit des Viktoria- 
Lyceums, als mit dem Anfang der neunziger Jahre die Frauen- 
bildungsbewegung einen entschiedeneren Vorstoss machte. 

Eine ausserordentlich bedeutsame Förderung erfuhren alle auf 
Erweiterung der Frauenbildung und Frauenerwerbsthätigkeit ge- 
richteten Bestrebungen in Preussen durch das thatkräftige Interesse 
der Kronprinzessin, nachmaligen Kaiserin Friedrich. Ihrem Pro- 
tektorat haben der Letteverein, die Viktoriafortbildungsschule und 
das Viktorialyceum, in ideeller und praktischer Hinsicht viel zu 
danken.*) 

xn. 

Der Kampf um das Prinzip. 

Es ist eine auflallende Erscheinung in der Geschichte der 
deutschen Frauenbewegung, dass sie ernsthaftem Widerstand in 
den ersten Jahren ihrer Konstituierung kaum begegnete. Wohl 

Viktoria-Lyceum, Berlin. Denkschrift zum 95 jährigen Bestehen von A. v. Cottm^ 
Berlin 1893. 

*) Ober ihre Beziehung^ zu Henriette Schrmder und dem Pestalozzi-FrObel-Haua 
vgL Handbuch der Frauenbewegimg, Teil OL 



- 67 - 

hatte diese oder jene Zeitung ein paar Glossen über die „Leip- 
ziger Frauenschlacht", wohl hört man von Vorurteilen und Feind- 
seligkeit auch bei der Gründung des Lettevereins hier und da 
reden. Da keine weltumstürzenden Programme aufgestellt und 
verfochten wurden, da die Erwerbsnot kaum wegzuleugnen war 
und es zunächst schien, als bezweckten die Gründungen nur, ihr 
zu steuern, so liess man den Dingen ihren Lauf, und fiel hier und 
da ein Wort, das weitere Ziele in der Frauenbewegung verriet, 
so glaubte man sich solche Excentricitäten „mit einem kräftigen 
Achselzucken vom Leibe halten zu können." 

Eine ernsthafte Bekämpfung der Bewegung, oder des ihr zu 
Grunde liegenden Prinzips, setzt erst ein, als Ende der sechziger 
Jahre das Buch von John Stuart Mill „Subjection of Woman" vor 
allem durch die Übersetzung von Jenny Hirsch in Deutschland 
bekannt wurde. Das Buch und die 1870 in der Kölnischen Zeitung 
erscheinenden Briefe „Für und wider die Frauen" von Fanny 
Lewald rufen eine lebhafte Diskussion der Prinzipien erst eigent- 
lich hervor. In dem Für und Wider dieses Prinzipienkampfes aber 
haben sich die Einzelgründe für die Einzel forderungen, die ein- 
zelnen Widerlegungen und die einzelnen Behauptungen zu einem 
System gefügt, hat sich gewissermassen eine Theorie der Frauen- 
bewegung gebildet. Diese Theorie nimmt ihre Elemente aus drei 
Gebieten. Die Frauenfrage erscheint als ein naturwissenschaft- 
liches bezw. psychologisch-physiologisches Problem, als ein ethisches 
und schliesslich als ein kulturgeschichtliches Problem. Das Dasein, 
die Notwendigkeit, die Ziele, die Zukunft der Frauenbewegung 
sind zu erweisen oder zu bekämpfen aus der Natur des Weibes, 
aus den Postulaten der Gerechtigkeit, aus der wirtschaftlichen und 
geistigen Kultur, ihrer Geschichte und ihren Entwicklungsmöglich- 
keiten. Nun giebt es allerdings auf dem weiten Feld der kritischen 
Litteratur zur Frauenfrage wenig Abhandlungen, die von rein 
wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgehen; zum weitaus grösseren 
Teil bietet diese Litteratur sowohl ihrem Ursprung, ihrer 
Beweisführung und ihren Ergebnissen, als auch ihrem äusseren 
Charakter nach das Bild eines Interessenkampfes, zum weitaus 
grösseren Teile stehen diese „Beiträge zur Lösung der Frauen- 
frage" ausgesprochen oder unausgesprochen, bewusst oder unbe- 
wusst, im Dienste einer Partei — einer politischen, auch wohl einer 
religiösen — oder einer Berufsgemeinschaft. Ja, man kann so 
weit gehen zu behaupten, dass die unmittelbare Veranlassung, der 
Ausgangspunkt dieser „Beiträge" fast durchgehend parteiischer 

5* 



— 68 — 

Natur ist; nur weil die Frage eine so komplizierte war, so viele 
Seiten umfasste, die mit diesen Parteiinteressen in keiner Beziehung 
standen, wird dann häufig der einseitige Standpunkt verlassen und 
ein objektiverer eingenommen. 

War die Frauenbewegung sowohl ihrem historischen als ihrem 
theoretischen Ursprung nach aus dem Liberalismus, aus der 
demokratischen Entwicklung des Zeitgeistes hervorgegangen, so 
fand sie ihre nächsten natürlichen Gegner in den konservativen 
Parteien — ich nenne unter denen, die unmittelbar an das Er- 
scheinen des MiU'schen Buches anknüpfen, in aufsteigender Linie 
Ph. V. Nathusius, Robert König, Hermann Jakoby, 
Heinrich von Sybel. Eine Frau, Mathilde Reichardt- 
Stromberg, reiht sich ihnen an, und, wenn auch einer späteren 
Zeit angehörend, Paul de Lagarde mit einem Passus in dem 
„Programm für die konservative Partei Preussens". 

Ph. V. Nathusius *) kommt über die Parteieinseitigkeit in der 
Beurteilung der Frauenfrage nicht hinaus. Für ihn ist sie eine 
in den Verhältnissen nicht begründete Folgeerscheinung der kri- 
tischen Zersetzung und sittlichen Zerrüttung, die die Kultur des 
19. Jahrhunderts kennzeichnet. „Unsere Zeit", so beginnt er, 
„stellt alles in Frage. So müssen sich auch die lieben Frauen 
gefallen lassen, dass aus ihnen eine Frage gemacht wird" — ein 
Anfang, der übrigens auch für den Jargon der Abhandlung 
charakteristisch ist. „Von einer Frauenfrage, die etwas wesent- 
liches in der Stellung des ganzen Geschlechts betreffen sollte, 
müssen wir selbst den Namen ablehnen. Wir begeben uns mit 
ihm in Feindesland. Uns ist sie keine Frage."«) Von diesem 
Standpunkt aus heisst es für ihn also nur, aus der wahren christ- 
lichen Erkenntnis heraus den in der Frauenbewegung wehenden 
Geist in principiis zu bekämpfen, und etwa zu einzelnen Forde- 
rungen, die aufgestellt werden, Stellung zu nehmen. Der Kampf, 
der mit kritikloser Verwertung eines untergeordneten Materials 
von statistischen Notizen, tendenziösen Anekdoten und wenigen 
richtigen Daten geführt wird, gilt vor allem Fanny Lewald, „der 
radikalen Schriftstellerin (jüdischer Herkunft)", und ihren „Briefen 
für und wider die Frauen", die der Verfasser übrigens nicht selbst 
gelesen hat, sondern nur aus den Citaten der Frau Reichardt- 
Stromberg kennt. Seine Untersuchung der einzelnen Forderungen 



1) Ph. V. Nathusius. Zur Frauenfrage. Zuerst erschienen im „Volksblatt fOr Stadt 
und Land^, dann als Separatabdruck. Halle 1871. 
•) S. 134. 



- 69 - 

führt ihn zu den Ergebnissen, dass i. in sehr viel ausgedehnterem 
Masse noch eine Beteiligung der Frauen am Dienste des Gottes- 
reiches stattfinden sollte, dass 2, es ausserdem Lebensberufe gäbe, 
für die man sie heranziehen sollte, vor allem den der Frauen- und 
Kinderheilung und der Elementarlehrerin, dass 3. man der Aus- 
beutung der Frau durch die moderne Industrie entgegentreten, 
dagegen 4. den zum Erwerb gezwungenen Frauen „zweckmässige 
und Frauen anständige Beschäftigungen" suchen solle, dass man 
5., soweit es erforderlich, zu den unter 2. und 4. genannten Zwecken 
Wege der Vorbildung treflFe, 6. dass die häusliche Erziehung 
viel zu wünschen lasse, 7. dass die Frage der höheren Mädchen- 
schule eine ungelöste ist, weshalb er sie auch oflFen lässt, *) 
endlich 8., „dass — zwar nicht mehr meines Wissens bei uns, 
aber sonst ab und zu — noch einzelne bürgerliche Gesetzes- 
bestimmungen bestehen, welche das weibliche Geschlecht benach- 
teiligen und ohne Schaden fallen können". Im übrigen aber soll 
„die liebe Frauenwelt" eine „glückliche stille grüne Oase" sein, 
„ein Quell der Lebenspoesie, ein Rest aus dem Paradiese. Und 
den wollen wir uns von keiner ,Frauenfrage*, von keinem unglück- 
lichen Blaustrumpf und von keinem überstudierten National- 
ökonomen nehmen lassen. Wir wollen sie dem ,schulgequälten*, 
wir wollen sie so viel als möglich auch dem armen und ärmsten 
,Arbeiter* mit Gottes Hilfe erhalten." 

Ich bin auf diese Schrift trotz ihrer wissenschaftlichen* Be- 
langlosigkeit soweit eingegangen, wegen der praktischen Bedeutung, 
die der Standpunkt, den sie vertritt, für die Entwicklung der 
Frauenfrage gehabt hat, — weil sie das Wesen des Widerstandes, 
den die Frauenbewegung in weiten Kreisen zu überwinden hatte, 
besonders deutlich zeigt: Urteile aus vorgefassten Meinungen ohne 
Kenntnis der wahren Sachlage, ohne auch nur das Gefühl der 
Notwendigkeit einer solchen Kenntnis abgegeben, aber gewürzt 
mit dem Pathos einer als sittliche Autorität auftretenden Partei. 

Eine sachlichere Behandlung erfuhr John Stuart Mill durch 
den Professor der Theologie Hermann Jakoby«) und durch 
Heinrich v. Sybel.') Sybel betrachtet die Frauenfrage 



1) — ihre Lösung aber im Sinne des von ihm zitierten Rousseauschen Ausrufes 
wünscht: «Wie liebenswQrdig ist ihre Unwissenheit 1" Und: KglQcklich ihr Mann, denn nun 
kann er das Vergnügen haben sie alles zu lehren!" |,Ohne Rousseau zu kennen," fügt er 
hinzu, «habe ich an einem andren Orte ausgesprochen, wie viel tflgliches Vergnügen ma 
dem Manne raube, wenn man Mfldchen zu gelehrt mache." S. io6 f. 

S) Hermann Jacoby. Grenzen der weiblichen Bildung. 

>) Heinrich v. SybeL Vorträge und Aufsfitze. Berlin 1874. 



— 70 — 

zunächst vom Standpunkt des abstrakten Rechts. Selbstverständlich 
hat die Frau gleichen Anspruch auf Rechtsfähigkeit und Rechts- 
schutz als der Mann — man kann ihr deshalb, wie er nachher 
betont, das aktive Wahlrecht nicht verweigern, wenn man dies 
Recht nicht an bestimmte Leistungen knüpft, sondern wenn man es, 
wie das in der deutschen Verfassung geschieht, als ein „Menschen- 
recht" betrachtet. 

Das Hauptgebiet, auf dem die Frauenfrage als eine Rechts- 
frage erscheint, ist das der Ehe. Es wäre danach zu untersuchen: 
Entbehren die Frauen des Rechtsschutzes und der Rechtsfähigkeit 
unter den herrschenden Ehegesetzen, und würde ihnen beides mehr 
gewährleistet sein, wenn die Ehe ein freier Sozietätsvertrag 
wäre? Mit dieser Fragestellung geht Sybel von der abstrakt 
juristischen zu der kulturgeschichtlichen und psychologischen Be- 
trachtung des Gegenstandes über. Er konstatiert, dass die von 
Stuart Mill behauptete „Hörigkeit" thatsächlich nicht bestehe, dass 
gerade unter formal ungünstigen Ehegesetzen — wie den eng- 
lischen und amerikanischen — die Frau zu der höchsten Stufe 
sozialen Daseins gelangt sei. Volle Verschmelzung des 
Eigentums gehört zu dem Charakter der Ehe: „Was soll man zu 
der Selbstachtung einer Braut sagen, welche zwar ihre Person, 
aber ja nicht ihre Thalerstücke dem Bräutigam anvertrauen will?" 
Dass aber der Mann in jedem Falle die massgebende Instanz sei, 
liegt in der durch die Natur bestimmten Arbeitsteilung zwischen 
Mann und Frau: in der Ehe werden die Männer Väter, die Frauen 
aber Mütter. Auf dem Manne liegt die Verantwortung für die 
Erhaltung des Hauses, weil die Frau sie ihrer Mutterpflichten 
wegen nicht übernehmen kann, er muss daher die entscheidende 
Stimme haben. Diese Arbeitsteilung bestimmt aber nicht nur 
das Eherecht, sondern auch die Befähigung der Frau zur Aus- 
übung eines Berufs: rein äusserlich, indem die Berufsfrage nur 
für Unverheiratete in Betracht kommt, psychologisch, da die 
geistige Eigenart der Frau ihrer Bestimmung entspricht. „Je mehr 
ein Beruf neben dem unbewussten Schauen und Schaffen das 
bewusste logische Raisonnement in Anspruch nimmt, desto weniger 
ist er für weibliche Arbeit geeignet." Verfehlt ist es aber, neben 
dieser natürlichen Beschränkung eine künstliche durch das Gesetz 
aufrichten zu wollen. Volle Gewerbefreiheit für die Unverheiratete 
und die Verbesserung und Vermehrung der Bildungsgelegenheiten 
für die Frauen sind die einzigen berechtigten Forderungen der 
Frauenbewegung. 



— 71 — 

Auch die Schlussfolgeningen Hermann Jakobys ruhen 
vor allem auf psychologischer Grundlage. Die psychische Eigen- 
art der Frau ist gekennzeichnet durch die Eigenschaften 
Anmut und Naivetät. Wissenschaftliche Studien würden ihr nicht 
nur leiblich, sondern vor allem seelisch schaden, denn sie würden 
diese Eigenschaften zerstören, und sie würden der Wissenschaft keinen 
Gewinn bringen. Andrerseits erkennt er die wirtschaftliche Not 
an und ist daft)r, dass der Beruf der Lehrerin, der Ärztin — mit 
Beschränkungen — , auch subalterne Ämter der Frau zugänglich 
seien. In Bezug auf das aktive Wahlrecht steht er auf dem Stand- 
punkt Sybels: wenn das Stimmrecht so vielen Männern gegeben 
wird, deren politische Einsicht sich auch nur in Sympathien und 
Antipathien äussert, dann ist es billig, auch Frauen zur Wahlurne 
zuzulassen. Im übrigen aber ist die durch Natur und Evangelium 
gebotene Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern die, dass der 
Mann für Kampf und Arbeit bestimmt ist, die Frauen aber „in der 
Pflege reiner, warmer und inniger Gefühle, in der Bewahrung der 
Güter, die der Mann erworben, in der Ordnung, Leitung und dem 
Schmuck des Hauses, die von Gott ihnen anvertraute Aufgabe 
suchen. Dem Manne gebühre der Kampf und die Arbeit, aber 
das Weib wische den Schweiss von seiner Stirn und stärke seine 
Kraft, indem sie durch ihr Sein und Walten das Haus zu einer 
Stätte der Harmonie und des Friedens, zu einer idealen Welt 
bildet." So schliesst er. 

Wie eine nachträgliche Fixierung der hier hervortretenden 
Richtungen, die allerdings von der Existenz einer Frauenfrage nichts 
ahnen lässt, ist Paul de Lagardes Äusserung zur Mädchen- 
bildung im Programm der konservativen Patei: „Das Mädchen 
auch der höheren Stände lerne, was jeder Mensch heute wissen 
muss, lesen, schreiben, rechnen und etwas Heimatkunde. Was 
es ausser dem von der Mutter gezeigten Stricken, Nähen und 
Kochen darüber hinaus lernen wird, entscheidet allein sein von 
Gott ihm gewiesenes Leben. Jedes Weib lernt wirklich nur von 
dem Manne, den es liebt, und es lernt dasjenige, was und soviel wie 
der geliebte Mann durch seine Liebe als ihn erfreuend haben will. 
Das Regelrechte ist, dass Mädchen heiraten und ihre Bildung in 
der Ehe gewinnen: doch auch Schwestern, Töchter, Pflegerinnen 
werden durch Brüder, Väter, Kranke und Greise zu etwas gemacht 
werden, wenn sie diese Männer mit warmem Herzen bedienen."') 

1) Programm fQr die konservative Partei Preussens, entworfen von Paul de Lagarde. 
Gottingen 1884. S. 35. 



— 72 — 

Eins wird aus all diesen Abhandlungen deutlich: neben Ten- 
denzen, die durch bestimmte religiöse und politische Interessen in 
die Behandlung der Frauenfrage hineingetragen werden, wirkt 
eines noch verwirrend und störend auf die sachliche Betrachtung 
der Frage ein und giebt der Erwägung den Charakter des Angriffs: 
das ist das persönliche Interesse des Mannes an dem Sein und 
Werden der Frau, das Interesse des Geschlechts. Das hat bis 
heute den Kampf so heftig und die Verständigung so schwer 
gemacht. 

Abgesehen von alle dem, was nicht die Frage an sich berührt, 
gehören diese Schriften durchweg einem bestimmten Stadium der 
theoretischen Erörterung an: Man fragt: Was wollen die Frauen? 
Eröffnung aller Berufe, Zulassung zu öffentlichen Ämtern, zur 
Volksvertretung, mindestens zum Wahlrecht, Selbständigkeit der 
Ehefrau im Güterrecht, im Vormundschaftsrecht — kurz, Gleich- 
stellung mit den Männern. Das können sie nur wollen, wenn 
sie behaupten, dasselbe zu leisten; auf dem Grunde dieser Forde- 
rungen liegt der Gedanke der ursprünglichen geistigen Gleich- 
artigkeit von Mann und Weib. Diesen Gedanken gilt es vor 
allem zu bekämpfen. Es gilt zu zeigen, dass die Frau kraft ihrer 
natürlichen Bestimmung und ihrer für diese Bestimmung ge- 
schaffenen Konstitution diese Forderungen nicht stellen darf, da 
sie die Leistungen nicht erfüllen kann. 

Auf einem Gebiet bildete diese Beweisführung sich zu be- 
sonderer Schärfe aus, in der Frage der Zulassung von Frauen 
zum ärztlichen Beruf. Dazu wirkten verschiedene Umstände 
zusammen. Einmal ist es der erste höhere Beruf, den die Frauen 
zu ergreifen strebten; sie stehen wissenschaftlich geschulten 
Männern gegenüber, denen die Frage keine akademische, sondern 
zum grossen Teil einfach eine Konkurrenzfrage ist, und diese 
Männer haben das wissenschaftliche Rüstzeug in der Hand, um 
speziell den physiologisch-psychologischen Beweis für die weibliche 
Bestimmung führen und darin eine Autorität beanspruchen zu 
dürfen. 

Die Frage kam in Deutschland zur Diskussion, ehe sie noch 
eigentlich praktische Bedeutung gewonnen hatte. Der Münchener 
Anatom und Physiologe Prof. Theodor L. W. von Bischoff 
wendete sich in einer 1872 erscheinenden Broschüre *) energisch 
gegen die Bestrebungen der Frauen, sich den medizinischen 

I) Das Studium und die AusQbtmg der Medizin durch Frauen. Beleuchtet von 
Dr. Theodor L. W. von Bischofü Manchen 1873. 



— 73 — 

Beruf zu erschliessen. Seine Argumente nimmt er aus seiner 
Wissenschaft: das Weib beweist durch seine körperliche Ver- 
schiedenheit vom Mann, vor allem im Bau des Schädels und 
Gehirns, in dem es dem Kinde nahe steht, dass es eine geringere 
geistige Leistungsfähigkeit besitzt, eine Thatsache, die auch die 
Erforschung seiner geistigen Eigentümlichkeiten durchaus bestätigt. 
Es ist danach weder den körperlichen noch den geistigen An- 
forderungen des Studiums der Medizin gewachsen. Frauen würden 
höchstens ärztliche Handwerker werden. Das ärztliche Studium 
der Frauen ist ausserdem „eine Beleidigung und Sünde wider die 
Natur", der Ruin für all die Eigenschaften, die wir am Weibe 
schätzen, Zartgefühl, Verletzbarkeit, Schamgefühl, vor allem, wenn 
es, wie das praktisch nicht anders durchführbar ist, in Gemein- 
schaft mit den Männern getrieben werden muss. Die ärztliche 
Praxis ist undurchführbar für Frauen, einmal um der in dem weib- 
lichen Organismus begründeten körperlichen Hindernisse willen, 
dann aber, weil sie für bestimmte Sphären, in die ihr Beruf sie 
versetzen könnte, auf dem Lande, im Kriege, in der Leitung von 
Krankenhäusern, unbrauchbar sein würden. Da sie aber die dazu 
befähigten Ärzte durch ihre Konkurrenz verdrängen würden, sind 
sie eine Gefahr bedenklichster Art für das sanitätliche Wohl des 
Staates im Frieden und Kriege. Die Argumentation des Professor 
von Bischoff ist bis heute aus dem Kampf gegen die Frauen- 
bewegung — nicht nur gegen das medizinische Frauenstudium — 
nicht verschwunden. Sie ist von Kollegen noch mehrfach wieder 
aufgenommen, sie ist von Laien tausendfach nachgesprochen. 

Schon damals freilich erhoben sich aus Fachkreisen zahlreiche 
und gewichtige Stimmen gegen ihn. Und zwar von der Seite, die 
wohl am kompetentesten in der Frage war, von Züricher Pro- 
fessoren, die seit einer Reihe von Jahren schon Studentinnen 
unterrichteten. Der Züricher Physiologe Professor Hermann«) 
bestritt die fachwissenschaftlichen Grundlagen. Aus der Schädel- 
und GehimbeschaflFenheit lassen sich bis jetzt noch keine sicheren 
Schlüsse auf die geistige Befähigung ableiten. Ausserdem lässt 
sich gegen eine derartige Thatsache, auch wenn sie feststünde, 
das Gesetz der Entwicklung geltend machen, nach dem eine 
allmähliche Veränderung der Organe durch Kultur denkbar wäre. 
Das Vorkommen irgendwelcher Unzuträglichkeiten, die aus dem 
gemeinsamen Studium resultieren sollten, bestreitet er mit einer 



1) Das Frauenstudium und die Interessen der Hochschule ZOrich. Zürich 1873. 



— 74 -- 

Reihe seiner Fachgenossen, deren Gutachten Viktor Böhmert 
in einer kleinen Broschüre *) zusammengestellt hat. Die Professoren 
Hermann Meyer, Biermer, Frey, Rose«) erkennen ausdrücklich 
an, dass die Studentinnen den an sie gestellten Anforderungen 
vollkommen entsprechen. 

War nun das Argument von der weiblichen Eigenart und 
Bestimmung und der darauf beruhenden natürlichen Arbeitsteilung 
zwischen den Geschlechtern in seiner Giltigkeit für einen be- 
stimmten Berufszweig in etwas entkräftet, — wenn es auch in der 
Folge immer wieder geltend gemacht worden ist — so hatte 
es doch ohne Zweifel, wie das ja auch von Sybel u. a. aus- 
gesprochen hatten, eine darüber hinausgehende Bedeutung und 
forderte auch in dieser Hinsicht die Vertreter der Frauenbewegung 
zur Rechenschaft. 

Man muss sagen, dass die Gedanken, von denen die Frauen- 
bewegung ausgegangen war, aus denen sie ihre Berechtigung ab- 
leitete, gegen diese AngriflFe keine rechte WaflFe boten. Ihre Argumente 
lagen auf einem andern Gebiet, auf ethischem und volkswirtschaft- 
lichem. Das Recht der Arbeit hatte man gefordert, aus Not und 
um des ethischen Wertes der Arbeit willen, und appelliert hatte 
man dabei an das Gerechtigkeitsgefühl. Das ist das A und O 
aller Programmreden und Schriften. Die Frauenbewegung basierte, 
wie Prof. Schönberg in einem Vortrag zur Frauenfrage') ent- 
wickelt, auf dem Gedanken, das sittlich ideale Ziel der Gesellschaft 
des 19. Jahrhunderts sei ein Kulturdasein aller, gegründet auf das 
Recht der freien Persönlichkeit, und die Erreichung dieses Ziels 
sei zu erwarten von einer Reform der Volkswirtschaft. Von 
diesem Standpunkt aus konnte man nichts weiter thun, als eine 
grössere Gleichartigkeit der weiblichen Befähigung und * der des 
Mannes betonen und das Recht fordern, sie ungehindert verwerten 
und beweisen zu dürfen. 

Von Seiten der Frauen ist die Polemik in dieser ersten Zeit 
ausschliesslich geführt worden von Hedwig Dohm. Sie beruht 
auf der oben gekennzeichneten Grundlage. In einer kleinen 
Schrift, die mir leider nicht zugänglich war: „Was die Pastoren 
von den Frauen denken" wendet sie sich gegen Nathusius und Jakoby, 



I) Das Studium der Frauen mit besonderer ROcksicht auf das Studium der Medizin 
von Professor M. von Bischoff. Leipzig 1873. 

*) Vgl. Frauenanwalt x. Jahrg. Heft II. Mai 1&70. 

>) Erschienen in »öffentliche Vorträge gehalten in der Schweiz*. Bd. II, Heft IV. 
Basel X&73. 



— 75 — 

in einer andren „Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau" ') 
gegen Prof. von Bischoff. Ihre Polemik ist meisterhaft in der Kunst, 
den Gegner ad absurdum zu fahren, die Schwäche seiner Position 
zu erweisen; darin aber sucht sie den Schwerpunkt, sie ist mehr 
kritisch als produktiv. Sie erkennt eine seelische Verschiedenheit 
der Geschlechter an, aber sie bestreitet, dass man daraus die 
Arbeitsteilung ableiten könne, die man allgemein daraus abzuleiten 
pflegt Sie legt den Hauptnachdruck auf den Nachweis, dass 
diese Verschiedenheit nicht so gross sei, als die Gegner behaupten, 
dass sie eine Folge von Erziehung und sozialer Stellung sei, und 
stellt sich in den Ansprüchen, die sie erhebt, vor allem auf den 
Boden des Rechts: „Die Frau soll studieren, weil sie studieren 
will, weil die uneingeschränkte Wahl des Berufs ein Hauptfaktor 
der individuellen Freiheit, des individuellen Glückes ist".«) Für 
die deutsche Frauenbewegung ist keine geistreichere Feder ge- 
führt worden, als die von Hedwig Dohm, aber ihre Be- 
deutung liegt mehr in der Augenblickswirkung einer glänzenden 
Persiflage, als in der Mitarbeit an der Theorie, aus der die 
Frauenbewegung sich selbst immer besser zu rechtfertigen lernte. 
Der bedeutungsvolle, in vieler Hinsicht entscheidende Fort- 
schritt in der Entwicklung des Gedankens der Frauenbewegung 
gehört erst dem letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts an. Er voll- 
zieht sich im Zusammenhang mit einem neuen, kräftigen Auf- 
schwung in der Frauenbewegung überhaupt, der mit dem Ende 
der achtziger Jahre beginnt und sich in einer nun stetig und 
rasch fortschreitenden Verbreitung und Erstarkung der Bewegung 
fortsetzt. 

xm. 

Die Frauenbew^egung in den achtziger Jahren. 

Hemmungen und neue Verstösse. 

Der Druck, der bis gegen Ende der achtziger Jahre infolge 
der politischen Konstellation auf allen freien sozialreformatorischen 
Bestrebungen ruhte, die Schwäche des Liberalismus seit Ende 
der siebziger Jahre, das Misstrauen, dem unter der Herrschaft des 
Sozialistengesetzes bestimmte Gegenströmungen in der gewaltigen 
Flut des politischen Lebens ausgesetzt waren — all das übte 



1) Berlin 1874. Wieder veröffentlicht in der zweiten Auflage von »Der Frauen Natur 
und Recht*. Berlin. 

«) A. a. O. S. asß. 



- 76 - 

seine Wirkung auf die Entwicklung der Frauenbewegung aus. Der 
Bann jenes Riesenwillens, der unter der Herrschaft des eisernen 
Kanzlers in ungeahntem Aufschwung auf der einen, Lähmung 
jeder eigenen Initiative auf der andern Seite zum Ausdruck kam, 
legte sich dumpf auch auf die frohe Zuversicht, mit der die 
Vertreterinnen der Frauenbewegung bis dahin Schritt für Schritt 
vorwärts gegangen waren. Die wohlwollende Aufnahme, die die 
Wanderversammlungen des Allgemeinen deutschen Frauenvereins 
bis dahin Oberall gefunden hatten, wurde kühler, der Erfolg 
geringer. Die Lübecker Versammlung 1881, die Düsseldorfer 1883 
führten zu keiner VereinsgrOndimg. Die von Marianne Menzzer 
immer wieder angeregte Arbeiterinnenfrage konnte aus Mangel an 
Hilfskräften, aus politischen Bedenken, aus Mangel an Mitteln 
nicht entschiedener und thatkräftiger angegriffen werden. Es war 
auf keinem Gebiete, weder auf dem der Frauenbildung, noch der 
Erwerbsthätigkeit, noch gar des Rechtes für die nächste Zeit 
irgend etwas zu hoffen. Wohl ging die Insektenarbeit der Lokal- 
vereine emsig fort; ein grosses Ziel, das die Kräfte zu irgend 
einer gemeinsamen Aktion zusammenschloss, stand nicht in erreich- 
barer Nähe. Es war schwer, den Enthusiasmus nur zur Bewahrung 
des Gewonnenen, zur Treue gegen die Idee, zur Hoffnung auf die 
Zukunft lebendig zu erhalten. 

In dieser Zeit ist das dunkelste Gebiet der Frauenfrage, die 
Prostitution, von der Frauenbewegung zuerst ergriffen worden. 
Dass man es wagte, angesichts der herrschenden Gleichgiltigkeit 
und Lähmung einen Weg zu beschreiten, auf dem die Schwierig- 
keiten sich bergehoch türmten, mag den subjektiven Wert der 
That erhöhen, ihren Erfolg und ihre Bedeutung für die allgemeine 
Entwicklung der Frauenbewegung hat der unglückliche Zeitpunkt 
des Beginns entschieden beeinträchtigt 

Die Sittlichkeitsbewegung in Deutschland war bis dahin nahezu 
ausschliesslich eine Angelegenheit der inneren Mission, die den 
Schwerpunkt ihrer Arbeit in die allgemeine seelsorgerische Beein- 
flussung, in die Jugendfürsorge und Rettungsarbeit an Gefallenen 
legte und Frauen nur als Helferinnen für diese letzten beiden Ge- 
biete heranzog. 

Eine Sittlichkeitsbewegung im engeren Sinne, d. h. eine 
Bewegung, in der die Frau mit der Forderung gleicher Moral 
auftrat und die Anerkennung dieser Norm durch Sitte und 
Gesetz durchzusetzen bemüht war, entstand in Deutschland auf 
die Anregung des „britisch-kontinentalen und allgemeinen Bundes 



— 77 — 

gegen die als gesetzmässige oder geduldete Einrichtung bestehende 
Prostitution. ** Der Zweck dieser auf die Initiative von Mrs. Josephine 
Butler zurückzuführenden Organisation, die damals schon 
England, Italien und die Schweiz, Schweden und Dänemark, 
Belgien und Holland umfasste, war, wie der Name zeigt, in erster 
Linie Bekämpfung der staatlichen Reglementierung der Prostitution 
auf der Grundlage der Forderung gleicher Moral, in weiterer 
Hinsicht eine Hebung der Sittlichkeit im allgemeinen und der Kampf 
gegen die Unsittlichkeit in Kunst, Litteratur, Mode und Sitte.*) 

Schon im Jahre 1876 hatte Josephine Butler durch Frau Lina 
Morgenstern versucht, dieHilfe des Allgemeinen deutschen Frauen- 
vereins für die Arbeit der Föderation zu gewinnen, und auf dem 
Frankfurter Frauentag von 1876 sprach in kleinem Kreise eine 
Delegierte des Bundes, Mme. Humbert, über seine Ziele. •) Doch 
meinte der Vorstand des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, 
seine Entwicklung auf andren Gebieten nicht durch die Auf- 
nahme der Sittlichkeitsbewegung in sein Programm gefährden 
zu dürfen, was mit Rücksicht auf die Mehrzahl seiner Mitglieder 
und die Lage der Dinge überhaupt nicht ausgeschlossen schien. 

Um dieselbe Zeit begannen die energisch und mutig in Angriff 
genommenen Bemühungen von Frau Gertrud Guillaume geb. 
Gräfin Schack, einen deutschen Zweigverein der Föderation zu 
gründen. Im Jahre 1880 wurde die Gründung vollzogen. Der 
Zweigverein nannte sich „Deutscher Kulturbund" und katte seine 
Centrale in Beuthen in Schlesien. Er entfaltete unter der Leitung 
von Frau Guillaume eine lebhafte, vor allem propagandistische 
Thätigkeit Frau Guillaume hielt Vorträge in den grösseren 
deutschen Städten, um den Grundsätzen der Föderation in 
Deutschland Boden zu gewinnen. Es war ein gewagtes Unter- 
nehmen: eine Frau, die, ohne den Schutz einer religiösen Gemein- 
schaft, von der man solche Bestrebungen bis dahin allein ausgehen 
zu sehen gewohnt war, auf eigene Hand öffentlich den Finger 
auf diese geheime, fressende Wunde zu legen wagte und das nicht 
in erster Linie heilend, sondern anklagend und richtend ! Es gelang 
ihr, hier und da Zweigvereine des Kulturbundes ins Leben zu 
rufen; zu einer kräftigen Aktionsfähigkeit brachte es jedoch nur 
der 1883 gegründete Berliner Zweigverein. Der Widerstand, der 
nur einmal erst zu überwinden war, ehe man sich überhaupt dazu 



I) VgL Föderation Britannique, Contineiitale et G6n6rale. Actes du Congr^s de Gen^ve. 
NeufcfaAtel x87a Tome ü^ p. 776 ff. 

^ Actes du G>ngris de Gen^ve. Tome I. p. 184 ff. 



- 78 - 

verstand, von der Sache durch eine Frau in öffentlicher Ver- 
sammlung reden hören zu wollen, war natürlich ungeheuer, so 
ungeheuer, dass es fast verwunderlich erscheint, dass der Kultur- 
bund es überhaupt zu Zweigvereinen und Aktionen brachte. Wie 
der keiner andern Frau in der deutschen Frauenbewegung war 
der Weg von Frau Guillaume-Schack trotz ihres durchaus ruhigen 
und massvollen Auftretens ein Martyrium, das ihr nicht wie 
Josephine Butler aus thätlichen Angriffen des Pöbels, aber aus 
den hässlichsten Verdächtigungen und unausgesetzten Polizei- 
chikanen erwuchs. Am besten illustriert diese letzte Thatsache 
der Prozess, den Frau Guillaume in Darmstadt 1882 zu führen 
hatte, weil man ihren Vortrag polizeilicherseits inhibierte und sie 
imd die Vorsitzende des Vereins, in dem der Vortrag gehalten 
wurde, wegen „groben Unfugs" anklagte.*) Charakteristisch ist 
es vor allem, durch welche Stelle die Polizei veranlasst wurde, 
den Vortrag als „unsittlich" abbrechen zu lassen. Frau Guillaume 
sagte: 

„Ich sprach kürzlich mit einem Polizeipräsidenten, den ich 
frug, ob er ein Mädchen, die sich bei ihm melde und um Streichung 
von der Liste bäte, weil sie zu einem sittlichen Lebenswandel 
zurückkehren wolle, ohne weiteres frei gäbe. Er erwiderte 
mir: ,Ja, wenn sie mir die Beweise liefert, dass sie arbeiten will. 
Einen Zettel von dem Arbeitgeber etc.,* d. h. es hängt von dem 
Gutachten der Polizei ab, die Beweise genügend oder ungenügend 
zu finden, dem Mädchen zu erlauben, zu einem sittlichen Lebens- 
wandel zurückzukehren, oder es ihr nicht zu erlauben." . . . An 
dieser Stelle erfolgte der polizeiliche Schluss der Versammlung. 
In dem folgenden Prozess wurde Frau Guillaume freilich freige- 
sprochen, aber die Zeugenaussagen und das Plaidoyer 'des Amts- 
anwalts gaben einen deutlichen Beweis von der Auffassung, die 
ein grosser Teil des Publikums ihrem Auftreten und ihrer Persön- 
lichkeit entgegenbrachte, einen Beweis, dass man thatsächlich 
vielfach, wie der Amtsanwalt am Schluss sagte, durch sie nur 
„Sitte, Anstand und öffentliche Autorität mit Füssen getreten" sah. 

Ein andres Moment, das für Frau Guillaume später ver- 
hängnisvoll war, sprach auch für die Beurteilung ihres Auftretens 
schon hier mit Es wurde nämlich sofort nach Schluss der Ver- 



I) VgL No. V der BroschQren Ober die öffentliche Sittlichkeit: Ober unsere sittlichen 
VerhAltnisse und die Bestrebungen und Arbeiten des Britisch -Cont. u. Allg. Bundes. 
Vortrsg, am 93. Bflrz z88a in Dannstadt gehalten von Frau Guillaume-Schack. (ImAnhang 
der Prozess.) Berlin x88a. 



— 79 — 

Sammlung bei der Vorsitzenden des Vereins Haussuchung nach 
verbotenen sozialistischen Schriften gehalten. Der Verdacht, dass 
die Sittlichkeitsbewegung mit sozialistischen Tendenzen Hand in 
Hand gehe, trat auch in den Verhandlungen nachher mehrfach 
hervor. Dieser später (1885) zur Thatsache werdende Anschluss 
von Frau Guillaume an die sozialistische Partei gerade in jener 
Zeit der schärfsten Massnahmen zu ihrer Unterdrückung war die 
Hauptursache, dass die Sittlichkeitsbewegung sich aus ihren kleinen, 
aber doch immerhin verheissungsvoUen Anfängen nicht stetig auf- 
wärts entwickelte, dass die Arbeit des Kulturbundes so vollständig 
fruchtlos blieb und nachher von andrer Seite ganz von neuem 
wieder aufgenommen werden musste. Von verheissungsvoUen 
Anfängen aber kann man wohl sprechen angesichts der Thatsache, 
dass eine Frauen-Deputation des Kulturbundes im November 1883 
von dem Kultusminister von Gossler empfangen wurde und die 
Zusicherung erhielt, dass die staatlichen Massnahmen zur Re- 
gulierung des Lasters durch eine von der Regierung einzuberufende 
Kommission von Ärzten einer Revision unterzogen werden würden. 
Auch für seine mehrfach eingereichten Petitionen an den Reichstag 
um Abschaffung der Reglementierung gewann der Bund eine, wenn 
auch für irgend welche Aussicht auf Erfolg nicht genügende, so 
doch relativ hohe Zahl von Unterschriften. Zu gleicher Zeit 
wirkte er aufklärend und erziehend durch Flugschriften und Vor- 
träge. *) 

In Berlin wurde die propagandistische Thätigkeit des Bundes 
indirekt der Anlass zur Gründung der ersten umfassenden Ar- 
beiterinnenorganisation, des 1885 gebildeten „Vereins zur Ver- 
tretung der Interessen der Arbeiterinnen". Als nämlich 1883 in 
Volksversammlungen, die in verschiedenen Gegenden Berlins 
vom Kulturbund abgehalten wurden, die Frage: „Wie kann man 
die Sittlichkeit der Arbeiterinnen heben **, immer nur die Antwort 
fand „durch Abschaffung der Reglementierung", wurde von Seiten 
der Arbeiterinnen selbst energisch auf den Zusammenhang von 
Prostitution und Hungerlöhnen hingewiesen und die Hebung der 
wirtschaftlichen Lage der Arbeiterin als die Vorbedingung zur 
Hebung ihrer Sittlichkeit hervorgehoben. Die Debatten hatten 

1) Biaterial Ober die Arbeit des Kulturbundes ist schwer zugänglich. Die Flugschriften 
und Jahresberichte sind nur noch im Privatbesitz vorhanden. Petitionen an Reichstag und 
Ministerium etc. existieren zum Teil nur handschriftlich gleichfalls im Privatbesitz. Als 
Organ des Vereins diente damals, da er ein eigenes nicht zu gründen vermochte, der 
Korrespondent fOr das Rettimgswerk an den Gefallenen und für die Arbeit zur Hebung 
der Sittlichkeit. (MOlheim a. d. Ruhr.) 



— 8o — 

die Wirkung, dass nun von den Arbeiterinnen selbst Versamm- 
lungen einberufen wurden, in denen sie Ober ihre wirtschaft- 
liche Lage verhandelten, und dass in der Folge der oben ge- 
nannte Verein entstand. Frau Guillaume, die um der Unsicherheit 
ihrer staatsbtirgerlichen Existenz willen — sie war als schweize- 
rische Staatsangehörige unter dem Sozialistengesetz beständig der 
Landesverweisung ausgesetzt — den Vorsitz des Vereins nicht 
übernehmen konnte, stellte zuerst als Ehrenpräsidentin, dann als 
gewöhnliches Mitglied ihre ganze Kraft in seinen Dienst, und als 
dieser Verein nach einem Jahre kräftiger Entwicklung 1886 wegen 
seines „politischen" Charakters (nach § 8a des Vereinsgesetzes) auf- 
gelöst wurde, fanden seine Mitglieder in der von ihr gegründeten 
Zeitschrift „Die Staatsbürgerin" einen geistigen Mittelpunkt 
Auf Grund eines Artikels, der für die politische Gleichberechtigung 
der Frauen eintrat, wurde diese Zeitschrift aber schon bald nach 
ihrer Gründung polizeilich unterdrückt,*) und nachdem Frau 
Guillaume-Schack, die angesichts der Lage der Dinge den 
Gedanken an ein erfolgreiches Wirken in Deutschland aufgeben 
musste, nach England übergesiedelt war, verlief die von ihr in 
Fluss gebrachte Sittlichkeitsbewegung binnen kurzer Zeit im 
Sande. «) 

In dem folgenden Jahr aber begann ein kräftiger und in vieler 
Hinsicht erfolgreicher Vorstoss auf einem andern Gebiete, auf 
dem der Frauenbildung, und er leitet die in wachsendem Tempo 
fortschreitende Bewegung des letzten Jahrzehnts ein. 



Die Entwicklung der deutschen 
Frauenbewegung im letzten Jahrzehnt des 

19. Jahrhunderts. 

In der Geschichte der deutschen Frauenbewegung der letzten 
zehn Jahre ist eine doppelte Linie deutlich erkennbar. Wir 
beobachten auf der einen Seite eine kräftige Entwicklung der 
Bildungsbewegung durch die eigentlichen Fachkreise und durch 
Fachvereine, die einerseits das weitere Vorgehen des Allgemeinen 



>) Ober alle diese Vorgänge vgl. Emma Ihrer: Die Arbeiterinnen im Klassenkampf. 
Hamburg 1898. 

*) Eingehendes Ober die ganze Bewegung siehe Handbuch der Frauenbewegung 
Teil n: Die Teilnahme der Frauen an der Sitüichkeitsbew^^ung. 



— 8i — 

deutschen Frauenvereins kräftig unterstützen, andrerseits neue 
Gesichtspunkte zur Geltung bringen und neue Wege einschlagen. 
Diese Bewegung begleitet eine neu aufgenommene Erörterung der 
Prinzipienfragen der Frauenbewegung, eine weitere Ausgestaltung 
der Theorie, die ilu" zu Grunde gelegt wird. 

Einige Jahre später beginnt unter den günstigeren Auspizien, 
die die um 1890 beginnende neue Ära in der deutschen Sozial- 
politik auch für die Frauenbewegung herbeiführte, eine Wieder- 
geburt ihrer sozialreformatorischen Bestrebungen, als deren Träger 
schliesslich der Bund deutscher Frauenvereine neben und 
über die einzelnen Vereine und Vereinsgruppen tritt. Die Ent- 
wicklung einer selbständigen, von der bürgerlichen Frauenbewegung 
scharf geschiedenen sozialistischen Arbeiterinnenbewegung ist das 
entscheidende Merkmal für diese Periode und eine wichtige Vor- 
aussetzung für die Gestaltung des Bundes deutscher Frauenvereine. 
Es ergeben sich also für dieses letzte Jahrzehnt vier Entwicklungs- 
gebiete: die Bildungsbewegung, die Erörterung der Prinzipien- 
fragen, die Arbeiterinnenbewegung und die Gründung imd 
Thätigkeit des Bundes deutscher Frauenvereine. Während die 
Begründung des Bundes für alle andern Gebiete der Frauen- 
bewegung von einschneidender Bedeutung ist, vollziehen sich die 
Bestrebungen zur Hebung der Frauenbildung von der Volksschule 
bis zur Universität im ganzen unabhängig und stellen mit ihren 
Erfolgen einen in sich geschlossenen Entwicklungsgang dar, dem 
wir nun in seinen Hauptzügen bis auf die Gegenwart folgen. ») 

xrv. 

Die Frauenbildungsbewegung. 

1. 
M&dchenschule und Lehperinnenbildung. 

War die Frauenbewegung der achtziger Jahre nach aussen hin 
wenig hervorgetreten, hatte ihre Propaganda wenig direkte Erfolge 
erlebt, so konnte es doch nicht fehlen, dass die Verhältnisse, ihrer 
eigenen Schwere überlassen, sich in etwas dem Ziel entgegen 
entwickelten, dem sie selbst zustrebte, und dass ihre latenten 
Kräfte in dieser Zeit wuchsen, um später um so stärker und wirk- 
samer hervorzutreten. 



1) Die eingehende Darstellung s. Handbuch der Frauenbewegung, Teil IIL 
Handbuch der Prauenbiswegung. L TeiL 6 



— 8a — 

Von einem einzelnen Gebiet, der Fürsorge für eine erweiterte 
Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts, ausgehend, hatte die 
organisierte Frauenbewegung nach und nach, den Bedürfnissen 
der Zeit entsprechend, ihr Gebiet erweitert und vereinigte um 
diese Zeit, wenn auch zum Teil erst in Anfängen und Ansätzen, 
alle Arbeitszweige, die wir noch heute in der Frauenbewegung 
unterscheiden. Es war natürlich, dass sich nun allmählich eine 
„Arbeitsteilung" einstellen musste, dass kräftigere Initiative, als sie 
von grossen vielseitigen Verbänden ausgehen konnte, auf den 
Einzelgebieten zu eingehenderer, konzentrierterer Arbeit einsetzte. 

Das erste Gebiet, auf dem die Arbeit auf diese Weise gegen 
Ende der achtziger Jahre von verschiedenen Seiten wieder 
energischer aufgenommen wurde, ist das der Frauenbildung, und 
man darf sagen, dass auf diesem Gebiet zugleich neues Leben 
und neue Triebkräfte für das Ganze gewonnen wurden. Es ist 
auf der einen Seite das Frauenstudium, das durch die günstigen 
Erfahrungen des Auslands, in dem schon vereinzelt deutsche 
Frauen höhere Berufsbildung zu suchen begannen, mehr und 
mehr in das Bereich des „Möglichen" rückte, auch für Kreise, 
bis zu denen die Propaganda der Frauenbewegung nicht reichte; 
auf der andern Seite wird die Unzulänglichkeit der Mädchen- 
bildung mehr und mehr erkannt, bis sie schliesslich Gegenstand 
allgemeiner öffentlicher Kritik wird. 

Die Erziehungsfragen waren gerade in der stillen Zeit, die 
vorausgegangen war, vielfach erörtert worden ; in Berlin vor allem 
in einem Kreis von Frauen, für die das Haus von Frau Henriette 
Schrader») einen Mittelpunkt bot. Aus diesem Kreise, dem sich 
noch Frau Marie Loeper-Housselle angeschlossen hatte, ging 
im Herbst 1887 dem preussischen Unterrichtsminister und dem 
Abgeordnetenhaus eine Petition zu mit folgenden beiden Anträgen: 

I. Dass dem weiblichen Element eine grössere Beteiligung an dem 
wissenschaftlichen Unterricht auf Mittel- und Oberstufe der höheren 
Mädchenschule gegeben und namentlich Religion und Deutsch in 
Frauenhände gelegt werde. 

2 Dass von Staatswegen Anstalten zur Ausbildung wissenschafdicher 
Lehrerinnen für die Oberklassen der höheren Mädchenschulen mögen 
errichtet werden. 

Dieser Petition lag eine Begleitschrift bei, die sie eingehend 
begründete: „Die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung" 



1) VgL Ober Henriette Schraders Wirksamkeit: Handbuch der Frauenbewegungv 
TeU m. 



- 83 - 

von Helene Lange.*) Die darin gegebene Begründung erfasste 
eine Kernfrage der Frauenbewegung unter einem bis dahin noch 
wenig zur Geltung gekommenen Gesichtspunkt, in ihrer bis dahm 
nicht in die Erörterung gezogenen prinzipiellen Bedeutung. 

Die Hauptschwäche der höheren Mädchenbildung, so führt 
die Verfasserin etwa aus, die Oberflächlichkeit und Zusammen- 
hangslosigkeit des Wissens, das kein erworbenes, sondern ein 
angelerntes, keine Kraft, sondern ein äusserer Besitz ist, hat ihren 
Grund in dem in der Mädchenschule herrschenden „Prinzip des 
Abschliessens und Fertigmachens". Man giebt dem Mädchen nur 
Übersichten, fertige Urteile, damit es bis zum i6. Jahre alles 
„gehabt hat", was den Inhalt der sogenannten „allgemeinen 
Bildung" ausmacht. Dies Prinzip ist aber nur das Symptom eines 
tieferen Schadens, der herrschenden falschen Ansicht über die 
Bestimmung der Frau. Die Ansicht, dass die Frau für den Mann 
und so wie es den Bedürfnissen des Mannes entspricht, gebildet 
werden solle, hat, wie die bekannte, von den Mädchenschul- 
pädagogen in Weimar angenommene These (vgl. S. 64) beweist, 
thatsächlich die Gestaltung des höheren Mädchenschulwesens 
bestimmt und die herrschenden Missstände hervorgerufen. Sie 
werden erst beseitigt, wenn an die Stelle des geltenden Prinzips 
des Abschliessens und Fertigmachens das der Kraftbildung tritt, 
wenn man von der Ansicht ausgeht, dass die Frau um ihrer selbst 
willen gebildet, dass sie zu einer sittlich und geistig selbständigen 
Persönlichkeit erzogen werden muss, um ihre grosse Kulturaufgabe, 
die Erziehung, wirklich erfüllen zu können. „Mit der ausschliess- 
lichen Beziehung der ganzen Entwicklung unserer Mädchen auf 
den Mann", so geht die Verfasserin zur eigentlichen Begründung 
des ersten Punktes der Petition über, „fällt auch ihre ausschliessliche 
Erziehung durch den Mann; ja, solche Frauen, wie wir sie wollen, 
können gar nicht durch Männer allein gebildet werden; 
es bedarf dazu aus vielen Gründen durchaus des erziehenden Frauen- 
einflusses."«) An diese Behauptung, deren pädagogische Begründung 
eingehend ausgeführt wird, schliesst sich die Forderung, der Frau die 
erste Stelle in der Mädchenschule zu geben — besonders in Bezug 
auf den Unterricht der Oberklassen und die Leitung — und die 
weitere, die Lehrerinnen in geeigneter Weise für diesen Unterricht 
vorzubilden, einen Stand von Oberlehrerinnen zu schaffen. 



*) Die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung. Begleitschrift zu einer Petition an 
das preussische Unterrichtsministerium und das preussische Abgeordnetenhaus. Berlin 1887. 
«) A. a O. S. 25. 

6* 



- 84 - 

Ein doppeltes Moment sicherte der Begleitschrift eine lebhafte 
Wirkung. Einmal macht sie zum ersten Male den Gedanken der 
Frauenbewegung auf dem Gebiet der höheren Mädchenschule 
geltend in einer prinzipiellen Kritik der Grundlage, auf der sie 
beruht; einer Kritik, die in den mehr allgemein gehaltenen 
Forderungen der Frauenvereine so mit ihren letzten Konsequenzen 
nicht zum Ausdruck kommen konnte, die von den Vorgängern 
am klarsten Tinette Homberg in ihrer treflFlichen Schrift 
„Gedanken über Erziehung und Unterricht" *) ausgesprochen, ohne 
doch eine grosse Wirkung damit zu erzielen. Dann aber — und 
das war wohl ein ebenso mächtiger Faktor für die Wirkung der 
Schrift, — ergreift die Verfasserin eine entschiedenere Offensive, 
als sie in der Frauenbewegung, mit wenigen Ausnahmen, bisher 
üblich gewesen war. Jedenfalls war vorher kaum eine Kund- 
gebung aus den Kreisen der Frauenbewegung einer so allgemeinen 
und erregten Diskussion unterzogen worden, wie die „gelbe 
Broschüre", einer Diskussion, in die viele hineingezogen wurden, 
denen die Frauenbewegung sonst nicht Gegenstand öffentlicher 
Äusserungen war. 

Charakteristischerweise war das Urteil der Tagespresse mit 
wenigen Ausnahmen durchaus zustimmend. Man kannte die Miss- 
stände und fügte sich in Bezug auf Begründung und Vorschläge 
zur Abhilfe der Beweisführung der Verfasserin, deren Schärfe und 
Sachlichkeit in jeder Kritik zugegeben werden. Ein Entrüstungs- 
sturm jedoch erhob sich in Lehrerkreisen und tobte in heftigen 
Entgegnungen in Zeitschriften und Broschüren aus. In dem Bann- 
kreis der Weimarer Mädchenschulpädagogen war, wenn dort auch 
die Lehrerinnen schon ihre Ansprüche mehrfach geltend gemacht*) 
und bescheidene Zugeständnisse erhalten hatten, die Art der Kritik, 
wie sie die Begleitschrift anlegte, etwas ganz Unerhörtes. All diese 
Entgegnungen richteten sich viel weniger gegen die pädagogische, 
als gegen die frauenfragliche Seite der Begleitschrift Man wies 
darauf hin, „dass die Petition aus Bestrebungen hervorgegangen 
war, die nicht bloss auf eine totale Umwälzung des höheren 
Mädchenschulwesens gerichtet sind, sondern ebenso eine solche 
der höheren Frauenbildung überhaupt und schliesslich der sozialen 
Stellung der gebildeten Frau bezwecken"») und warnte angesichts 

1) a. Aufl., Berlin i86x. Dass die Wirkung der Schrift auf kleine Kreise beschränkt 
blieb, liegt wohl in der ablehnenden Haltung, die die Verfasserin der eigentlichen Frauen- 
bewegung gegenüber einnahm. Vgl. Auch noch ein Beitrag zur Frauenfrage. Leipzig 187a. 

*) VgL im Qbrigen Handbuch der Frauenbewegiug, Teil lU. 

*) Lothar Werner. Wer kann es wenden? Berlin x888. S. & 



- 85 - 

der Zustimmungsäusseningen der Tagespresse vor Konzessionen 
an eine Forderung, deren Tragweite von den meisten gar nicht 
erfasst zu sein schiene. Von allen Seiten aber, von Freunden aus- 
drücklich, von Gegnern durch die ausserordentliche Beachtung, 
die sie der Schrift schenkten, wurde sie als Anstoss zu einer Be- 
wegung anerkannt, der in einer oder der andren Weise eine Zu- 
kunft bevorstand.») 

In den folgenden Jahren wurde die Begleitschrift zum Aus- 
gangspunkt filr verschiedene Wege, die über grössere und kleinere 
Errungenschaften bis auf unsere Tage führen. 

Von einem unmittelbaren Erfolge freilich war nicht die Rede. Die 
Petition wurde im Kultusministerium so lange unbeantwortet 
gelassen, dass sie im Abgeordnetenhause während der Session 
nicht mehr zur Verhandlung kam, und die Antwort, die fast ein 
Jahr, nachdem die Eingabe erfolgt war, aus dem Kultusministerium 
den Petentinnen zuging, gab unter scharfer Zurückweisung des 
Inhaltes der Begleitschrift von allem, was gefordert war, nur eines 
zu: dass es wünschenswert sei, den Lehrerinnen Möglichkeiten für 
eine weitere Ausbildung zum Unterricht an den Oberklassen zu 
gewähren und dass die Regierung auf dem in dieser Hinsicht 
von ihr bereits beschrittenen Wege (Stipendien etc.) weiter gehen 
würde. •) 

Was angesichts dieses Bescheides für die Berliner Frauen 
wichtig war und ihrem Vorgehen die levis notae macula nahm, 
die ihm die Empörung der Lehrerkreise in den Augen des 
Publikums anheftete, war das lebhafte Interesse, das die deutsche 
Kronprinzessin, spätere Kaiserin Friedrich, der Bewegung von 
Anfang an entgegenbrachte. 

1) VgL KarlSchneider. Bildungsziel und BUdungswege fOr unsere Töchter. Berlin 
x888. O. Sommer. ■ Die öffentliche höhere Mädchenschule und ihre Gegnerinnen. Braun- 
schweig x888. A(nna) V(orwerk), Zur Oberlehrerinnenfrage. WcdfenbQttel x888. — 
Hermann Oeser in der Zeitschrift ^ie liadchenschule^S 1888. x. Beilage. — „Zeitschrift 
für weibliche BUdung", März imd April 1888. — ^Die Lehrerin in Schule imd Haus", 
15. Dez. X887 imd ff. Hefte. — ^Pädagogische Zeittmg*, 9. Febr. x888. — «Die Nation*, 
19. Nov. X887. — „Norddeutsche Allgemeine Zeitung^, aa. Nov. X887. — ^Danziger Zeitung", 
aa. Nov. 1887. — ,4*os***i a?« Nov. X887. — «Breslauer Zeitung", 3. Dez. 1887. — »Hamburger 
Fremdenblatt*, a. Dez. i887. — »Kreuzzeitung", 37. Nov. 1887. — »Vossische Zeitung*, 
la und aa. Dez. X887. — »Staatsanzeiger far Württemberg", i. Dez. 1887. — »Nordwest* 
(Bremen) arj. Nov. 1887. — „Nationalzeitung", i. Dez. 1887 und i. Januar x888. — »Berliner 
Tageblatt", x. Dez. 1887 u. a. m. — Auch im Auslande wurde die Begleitschrift und die sich 
daran knOpfende Bewegung innerhalb der der Bfldchenschule nahestehenden Kreise vielfach 
besprochen, in grösseren Artikeln in dem Woman's Journal (Boston), der Nation (New 
York), in der Zeitschrift Nylaende (Kristiania), Vor Ungdom (Kopenhagen), sogar in 
einer in Jassy erscheinenden rumänischen wissenschaftlichen Zeitschrift 

*) Die Lehrerin in Schule und Haus, X5. Nov. x888, S. 97. 



— 86 — 

Unter den Lehrerinnen selbst war den Gedanken, die die 
Begleitschrift vertrat, der Erweiterung und Vertiefung ihres Anteils 
an der Mädchenbildung, auf die sie den Ausblick gab, schon der 
Boden bereitet worden durch die von Frau Marie Loeper- 
Housselle 1884 gegründete Zeitschrift „Die Lehrerin in Schule 
und Haus", die mit aller Entschiedenheit für den Gedanken der 
Erziehung der Frau durch die Frau eintrat und vor allem dem 
Zweck diente, die Lehrerinnen für die Vertretung der ideellen 
und praktischen Interessen ihres Standes zu erziehen. ') Die Auf- 
nahme der Petition in Lehrerkreisen bewies ihnen, wie nötig eine 
solche geschlossene, selbständige Vertretung für ihre Stellung in 
der Mädchenschule war. 

So riefen zwei Jahre später (1890) Marie Loeper-Housselle, 
Helene Lange und Auguste Schmidt die deutschen Lehrerinnen 
nach Friedrichroda zur Gründung des Allgemeinen deutschen 
Lehrerinnenvereins. Die Richtung gab dem Verein § i der 
Satzungen, die Forderung einer stärkeren Beteiligung der Lehre- 
rinnen an der Volksbildung und ihrer Befolgung dazu durch 
höhere und bessere Ausbildungsmöglichkeiten; ihr bestimmtes 
Gepräge erhält die Gründung durch den Vortrag „Unsere Bestre- 
bungen" von Helene Lange, der die Leitung des neuen Vereins 
übertragen wurde. Der Verein zeigte äusserlich eine glänzende 
Entwicklung. Seine Mitgliederzahl stieg im ersten Jahre schon 
auf über 3000, und er ist heute mit ca. 16000 Mitgliedern die 
grösste weibliche Berufsorganisation in Deutschland. Seine 
Geschichte ist zunächst aufs engste mit der Entwicklung der Frage 
der höheren Mädchenschule und der wissenschaftlichen Lehrerinnen- 
bildung verknüpft. Im ersten Jahre seines Bestehens wiederholte 
er seinerseits die Petition um wissenschaftliche Ausbildung der 
Lehrerinnen filr die Oberstufe der höheren Mädchenschule und 
erhielt schon eine etwas verheissungsvollere Antwort Man 
hatte ja mittlerweile auch schon im Viktoria- Lyceum in Berlin 
wissenschaftliche Fortbildungskurse für Lehrerinnen mit einer 
Abschlussprüfung eingerichtet, die aber, da sich keine bestimmten 
Aussichten für die Lehrerinnen öffneten, die sich dort aus- 
gebildet hatten, verhältnismässig wenig besucht wurden. 
Ähnliche Kurse wurden 1893 in Göttingen in unmittelbarer An- 
lehnung an die Universität auf Anregung von Frl. Vorwerk ins 
Leben gerufen. 



I) Vgl. Handbuch der Frauenbewegung, Teil IIL 



- 87 - 

1894 endlich hatte die in Aussicht gestellte „Erwägung^ im 
preussischen Kultusministerium zu einem Resultat geführt, das in 
den ministeriellen Bestimmungen vom 31. Mai über die höhere 
Mädchenschule und die wissenschaftliche Prüfung für Lehrerinnen 
niedergelegt ist Die wissenschaftliche Prüfung, der sich die 
Lehrerinnen nach fünfjähriger Amtsthätigkeit unterziehen durften, 
basiert auf der Voraussetzung wissenschaftlicher Studien an einer 
Universität oder in besonderen Fortbildungskursen. Die Anforde- 
rungen waren nicht im einzelnen in der Prüfungsordnung auf- 
geführt, doch gestalteten sie sich in der Praxis der Prüfungen 
etwa entsprechend den an den akademisch gebildeten Lehrer 
zweiter Ordnung gestellten, mit Ausnahme aller aus der Kenntnis 
der alten Sprachen und der Mathematik sich ergebenden höheren 
Ansprüche. In den Bestimmungen über die höhere Mädchenschule 
war den Forderungen der Begleitschrift dadurch Rechnung ge- 
tragen, dass einerseits thatsächlich der Stoff beschränkt und hier 
und da eine Vertiefung angebahnt war, dass andrerseits jedem 
Direktor eine Oberlehrerin als „Gehilfin** für die erziehliche Seite 
seines Amtes beigegeben werden sollte, eine Bestimmung, die 
allerdings praktisch keine besonders grosse Bedeutung hatte. 

Der Allgemeine deutsche Lehrerinnenverein liess durch eine 
Kommission Vorschläge zu einem Bildungsgang für Oberlehrerinnen 
entwerfen. Sie forderte eine realgymnasiale Vorbildung und im 
Anschluss daran den gleichzeitigen Besuch einer Universität und 
einer besonderen Oberlehrerinnenbildungsanstalt, die der metho- 
dischen Schulung diente. In der im Jahre 1900 erschienenen 
neuen und spezialisierten Prüfungsordnung für Oberlehrerinnen ist 
der alte Weg: Seminar, fünfjährige Praxis und Oberlehrerinnen- 
kurse festgehalten, die Anforderungen sind aber doch so hoch gestellt, 
dass die Prüfung den Namen einer wissenschaftlichen durchaus 
rechtfertigt. Die Einwände, die von selten des Allgemeinen 
deutschen Lehrerinnenvereins auf seiner siebenten Generalver- 
sammlung 1901 gegen diese neue Prüfungsordnung erhoben wurden, 
richteten sich demnach vor allem gegen den Bildungsgang, 
der von der grossen Majorität als unorganisch und unzweckmässig 
bezeichnet wurde. Oberlehrerinnenkurse, wie die Prüfungsordnung 
von 1894 sie vorgesehen, die von 1900 sie anerkannt hat, ent- 
standen im Laufe der Zeit in Königsberg und Bonn, in beiden 
Städten auf die Initiative von Lehrerinnen- bezw. Frauenvereinen. 
Sie erhielten nacheinander das Recht eigner Prüfungen. Bis 
heut haben im ganzen über 100 Lehrerinnen die wissenschaftliche 



— 88 — 

Prüfung bestanden. Zweifellos hat — wie das auchz. B. Gustav 
Cohn erwähnt') — die Arbeit der Lehrerinnen unter der Leitung 
der Professoren der Sache des Frauenstudiums die Wege gebahnt, 
dadurch, dass sie manche Zweifel an der geistigen Leistungsfähigkeit 
der Frau überwinden half und manches allgemeine Vorurteil gegen 
ihren Universitätsbesuch besiegte. In dieser ihrer Bedeutung be- 
gegnen sich die Oberlehrerinnenkurse mit den Bestrebungen, 
Frauen zum Universitätsbesuch die Vorbildung und die Zulassung 
zu ermöglichen. 

2. 
Mädehengymnasium und Frauenstudium. 

Vereinzelt hatten in den Jahren, als in der Schweiz das 
Frauenstudium grössere Dimensionen annahm, auch an deutschen 
Universitäten — Leipzig, Heidelberg, Halle — Frauen als ausser- 
ordentliche Hörerinnen studiert Das war eine Ausnahmeerscheinung, 
die nicht einmal als solche Dauer hatte. Bedeutungsvoller war 
es, dass 1886 der Allgemeine deutsche Frauenverein, der seit 1879 
schon an einem Stipendienfonds für studierende Frauen sammelte, 
durch bedeutende Summen, die ihm für diesen Zweck zur Ver- 
fügung gestellt wurden, in die Lage kam, das Frauenstudium 
praktisch unterstützen zu können. Durch die Berliner Petition war 
auch auf dies Gebiet der Frauenbildung die öffentliche Aufmerk- 
samkeit gelenkt. Und nun nahm, gleichzeitig mit einem neuen 
Vorgehen des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, ein für diesen 
besonderen Zweck gegründeter neuer Verein die Propaganda für 
das Frauenstudium auf; es war der im März 1888 auf Anregung 
von Frau J. Kettler gegründete Frauenverein Reform. Dieser 
Verein trug als erster in der bürgerlichen deutschen Frauen- 
bewegung die Nuance, die das Publikum mit dem Ausdruck 
„radikal^ bezeichnet. Er lehnte zunächst jede Mitarbeit an den 
übrigen Bestrebungen der Frauenbewegung ab und „beschränkte 
seinen Zweck ausschliesslich darauf, für die Erschliessung der auf 
wissenschafUichen Studien beruhenden Berufe für das weibliche 
Geschlecht zu wirken". Auf diesem seinem Arbeitsgebiet aber 
vertritt er die Ansicht, „dass die Frau gleich dem Manne zum 
Studium aller Wissenschaften Zutritt haben soll, nicht aber auf 
vereinzelte derselben (wie z. B. die Medizin oder das höhere Lehr- 



1) Vgl. Gustav Cohn: Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S. 905. 



- 89 - 

fach) beschränkt werden darf.*) Um dieses Ziel zu erreichen, 
wollte der Verein vorzüglich folgende Wege einschlagen: 

a) Errichtung von Mädchengymnasien mit dem gleichen Lehrplan, 
wie ihn die auf die Universität vorbereitenden Knabenschulen 
haben; 

b) Erlangung des Rechtes für diese Gymnasien, über die an 
denselben abgelegten Prüfungen amtliche Zeugnisse auszu- 
stellen, welche, wie die Maturitätszeugnisse der Knaben- 
Gymnasien und -Realanstalten, zum Studium an den betreffenden 
Hochschulen berechtigen; 

c) Zulassung des weiblichen Geschlechts zum Studium auf Uni- 
versitäten und anderen wissenschaftlichen Hochschulen; 

d) Erlangung der staatlichen Erlaubnis für Frauen, diejenigen 
auf wissenschaftlichen Studien beruhenden Berufe, deren 
Ausübung einer behördlichen Genehmigung bedarf, auch 
wirklich ausüben zu dürfen, soweit das praktisch durchführbar 
ist und sobald die betreffenden Examensnachweise geliefert 
sind. 

Der Ausgangspunkt für seine Forderungen ist die durchaus 
nüchterne Auffassung der Frauenfrage als einer Brotfrage. Durch 
eine sehr energisch betriebene Propaganda in Flugschriften der 
Vorsitzenden und in seinem Organ, der schon 1887 von Frau 
Kettler begründeten Zeitschrift „Frauenberuf*, sowie in Propaganda- 
Vorträgen einzelner Mitglieder brachte der Verein es bald auf eine 
stattliche Mitgliederzahl. 

Er reichte nun zunächst 1888 und 1889 eine Petition bei 
sämtlichen deutschen Unterrichtsministerien ein, in der die Zu- 
lassung von Frauen zum Maturitätsexamen an Gymnasien und 
Realgymnasien und zum Studium auf Universitäten und Hoch- 
schulen gefordert wurde. Der Petition des Frauenvereins Reform 
war schon eine des Allgemeinen deutschen Frauenvereins voran- 
gegangen, in der gebeten wurde, den Frauen den Zutritt zu dem 
ärztlichen und zum wissenschaftlichen Lehrberuf durch Freigebung 
der in Betracht kommenden Prüfungen und Lehranstalten zu er- 
möglichen. Als Begleitschriften waren der Petition eine Broschüre 
von Mathilde Weber „Ärztinnen für Frauenkrankheiten eine 
ethische und sanitäre Notwendigkeit"») und eine Abhandlung von 
Helene Lange „Frauenbildung"') beigefügt. Man konnte sich 
in Bezug auf die erste Forderung auf Erfahrungen stützen, zu 



I) VgL § X der Satzungen. 

«) I. Aufl. 18&7. 5. Aufl., Berlin 1893. 

^ Berlin 1888. 



— 90 — 

denen die Praxis einiger im Ausland ausgebildeter Ärztinnen — 
die ersten waren Dr. med. Franziska Tiburtius und Dr. med. 
Emilie Lehmus, Berlin, Dr. med. Kuhnow in Leipzig — schon 
Gelegenheit gegeben hatte.') In der Begleitschrift „Frauenbildung" 
wird in erster Linie auf die von der Verfasserin eingehend stu- 
dierten Verhältnisse des englischen Mädchenschulwesens verwiesen. 
Beide Petitionen wurden, soweit sie überhaupt beantwortet wurden, 
von den Unterrichtsministerien abschlägig beschieden.') Da die 
Antworten den Hinweis enthielten, dass die Regelung der medi- 
zinischen Prüfungen der Zuständigkeit des Reichs unterliege, 
wandte sich der Frauenverein Reform mit einer Petition, die nur 
auf das ärztliche Studium Bezug nahm, an den Reichstag, während 
er gleichzeitig seine erste Petition bei den Landtagen sämtlicher 
deutscher Staaten wiederholte. Auch der Allgemeine deutsche 
Frauenverein sandte seine Petition nun an die Landtage der 
deutschen Staaten, die über Universitäten verfügten, und an den 
Reichstag. In der Petitionskommission des Reichstags, die über 
die Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins und die des 
Vereins Reform verhandelte, wurde die Kompetenz in dieser Frage 
abgelehnt, da sie nur, soweit die Zulassung zum ärztlichen Beruf 
Sache der Gewerbeordnung sei, bestehe, soweit aber die Vor- 
bildung in Betracht komme, die Einzelstaaten zu befinden hätten. 
Es wurde aber anerkannt, dass die Frage wichtig genug sei, um 
im Plenum einmal zur Verhandlung kommen zu müssen, und 
deshalb der Antrag auf Übergehen zur Tagesordnung und schrift- 
lichen Bericht angenommen. So kam die Frage des Frauen- 
studiums am II. März 1891 zum ersten Mal im Deutschen Reichs- 
tag zu eingehender Verhandlung.») Hier wurde die Kompetenz 
entschieden behauptet, und zwar uneingeschränkt, soweit die Zu- 
lassung zum ärztlichen Beruf in Betracht komme, in Bezug auf 
das Frauenstudium überhaupt mindestens für das Reichsland. 
Die Mehrzahl der Redner, Schrader, Rickert, Harmening, 
Bebel, Wisser, erkannten die sanitäre Notwendigkeit von weib- 
lichen Ärzten und die Berechtigung des vollen Inhaltes der Pe- 
titionen unumwunden an; die Einwände der Opponenten — es 



I) Auch den philosophischen Doktorgrad hatten schon einzelne deutsche Frauen im 
Ausland erworbea, so iL a. Ella Mensch, Marie Nowack, Clfire Schubert; in den 
neunziger Jahren folgten in der juristischen Fakultflt Anita Augspur^ und Marie 
Raschke. 

*) Vgl. Louise Otto. Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen 
Frauenvereins. Leipzig 189a S. 78 ff. 

>) VgL die stenographischen Berichte. 



— 91 — 

sprachen nur zwei gegen die Forderungen der Petition — und 
ihre auf Heiterkeitserfolge berechneten Bemerkungen wurden ernst 
und entschieden zurückgewiesen. Trotzdem beschloss der Reichstag, 
wie zu erwarten war, über die Petitionen zur Tagesordnung Ober- 
zugehen. 

Dasselbe Bild geben im grossen und ganzen die Verhand- 
lungen der einzelnen Landtage.') In Württemberg wurde beschlossen, 
über die Petition des Frauenvereins Reform zur Tagesordnung 
überzugehen, die des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, soweit 
sie sich auf das ärztliche Studium bezog, der Staatsregierung zur 
Kenntnisnahme zu überweisen. In Weimar wurde 1890 die Petition 
des Allgemeinen deutschen Frauenvereins der Regierung zur 
Kenntnisnahme überwiesen, 1891 über die des Vereins Reform zur 
Tagesordnung Obergegangen. In Baiem verwies man 1890 den 
Allgemeinen deutschen Frauenverein an den Reichstag, 1892 er- 
widerte man dem Frauenverein Reform, dass man ein Bedürfnis 
zu Einrichtungen und Reformen im Sinne der Petition nicht an- 
erkennen könne. Die wohlwollendste Aufnahme fanden beide 
Petitionen in Baden. Man erkannte 1890 die soziale Bedeutung 
der Frage voll an, lehnte jedoch, wie in andern Einzelstaaten, ein 
selbständiges Vorgehen in der Sache ab und gab der Hoffnung 
Ausdruck, die grossherzogliche Regierung werde die Sache im 
Auge behalten und im Bundesrat und an den geeigneten Orten 
für die Beseitigung der dem Gesuch entgegenstehenden Schwierig- 
keiten eintreten. Ein bemerkenswerter Erfolg war dagegen die 
Entscheidung des badischen Landtags von 1892 über die Petition 
des jFrauenvereins Reform.J Die Petitionskommission stellte 
folgende Anträge: 

1. Das in der vorliegenden Petition hervortretende Streben der 
Frauen nach Erweiterung ihrer Erwerbsmöglichkeit, insbesondere durch 
Erschliessung einzelner auf wissenschaftlicher Vorbildung beruhenden 
Berufe ist gerechtfertigt und teilweise erfüllbar. 

2. Keinesfalls darf der Frau ein Beruf unter leichteren Bedingungen 
zugänglich gemacht werden, als dem Mann. Es muss darum für alle 
gelehrten Berufe das Maturitätsexamen gefordert werden. 

3. Zur Ablegung dieser Prüfung können Inländerinnen dem Examen 
an einem der bestehenden Gymnasien zugewiesen werden. Dagegen 



I) Die Darstellung von Gustav Cohn a. a. O., S. 3iff. Ober diese Verhandlungen ist 
insofern nicht ganz klar, als sie nur Ober die Petition des Frauenvereins Reform berichtet, 
und in dem Bericht Ober den wOrttembergischen Landtag Verhandlungen, die sich zum Teil 
nur mit der Eingabe des Allgemeinen deutschen Frauenvercins beschäftigen, auf die Petition 
des Vereins Reform bezieht. 



— 92 — 

ist die Schaffung von Mädchengymnasien zur Zeit ebenso unthunlich, 
wie die Zuweisung von Mädchen zum Unterricht an den bestehenden 
Knabengymnasien. 

4. Der Besuch von Vorlesungen auf der Universität kann auch 
fernerhin ausnahmsweise und widerruflich solchen Frauen gestattet 
werden, bezüglich deren die Fakultät es für zulässig erklärt. Er ist 
denjenigen Inländerinnen zu gestatten, welche das Abiturientenezamen 
abgelegt haben und im übrigen den für Studierende geltenden Er- 
fordernissen genügen. 

5. Die Grossherzogliche Regierung wolle auch fernerhin die Ent- 
wickelung der Frauenfrage wohlwollend im Auge behalten. 

In diesem Sinne beantragt Ihre Kommission, die Petition der 
Grossherzoglichen Regierung zur Kenntnisnahme zu überweisen. 

Die Anträge wurden vom Landtage angenommen. Im 
preussischen Abgeordnetenhause wurde 1890 die Petition des 
Allgemeinen deutschen Frauenvereins von der Kommission wegen 
unzulänglicher Begründung als nicht geeignet zur Erörterung im 
Plenum erklärt, später wurde sie auf Antrag des Abgeordneten 
Rickert zur Berichterstattung an die Kommission zurückverwiesen. 
Die Petition des Vereins Reform wurde im Juni 1891 im Ab- 
geordnetenhaus erst einmal von der Tagesordnung abgesetzt, weil 
der Kultusminister keinen in Bezug auf die Ärztinnenfrage sach- 
verständigen Kommissar geschickt hatte. 

In der vorangegangenen Sitzung der Unterrichtskommission 
(4. Mai 1891) war mit Majorität der Antrag angenommen, das 
Abgeordnetenhaus möge über den ersten Antrag, die Gründung 
von Mädchengymnasien betreffend, zur Tagesordnung übergehen, 
dagegen den eventuellen Antrag, Zulassung zum Maturitätsexamen, 
der königlichen Staatsregiening zur Erwägung überweisen. Daraufhin 
reichte der Frauenverein Reform eine neue Petition ein, in der er 
nur für ein von ihm zu errichtendes humanistisches Mädchen- 
gymnasium das Recht der Abgangsprüfung und für die mit dem 
Reifezeugnis entlassenen Schülerinnen die Zulassung zum medi- 
zinischen und philosophischen Studium forderte, einstweilen aber 
die Zulassung von Mädchen zur Ablegung der Maturitätsprüfung 
an irgend einem humanistischen Gymnasium und die Anerkennung 
dieses Examens von der Universität erbat. Dies letzte Petitum enthielt 
auch eine um dieselbe Zeit dem Abgeordnetenhaus eingereichte 
Petition des Vereins Frauenwohl Berlin, der ausserdem, unterstützt 
durch etwa 12000 Unterschriften, um Zulassung der Frauen zum 
ärztlichen Studium bat Die Verhandlungen Ober diese Petitionen 
in der Unterrichtskommission (11. März 1892) sind interessant 



— 93 — 

durch die Erklärung des Regierungskoramissars, der Unterrichts- 
minister habe bereits durch Verfügung vom 28. Februar 1892 die 
Universitätskuratoren ersucht, nach Anhörung des Senats und 
der einzelnen Fakultäten sich darüber zu äussern, ob und wie 
weit eine Abänderung der Bestimmungen ratsam erscheine, nach 
welchen Frauen weder als Studierende aufgenommen, noch als 
Gasthörerinnen zugelassen werden dürften. Dass diese Umfrage 
mit den Petitionen der Frauen irgend etwas zu thun habe, wurde von 
dem Redner aber entschieden in Abrede gestellt Der Antrag der 
Unterrichtskommission ging dahin: Das Haus der Abgeordneten 
wolle beschliessen, über die Petitionen, soweit sie die Errichtung 
eines Mädchengymnasiums und die Zulassung zum philosophischen 
Studium betreffen, zur Tagesordnung überzugehen, sie aber, soweit 
sie die Zulassung zum Maturitätsexamen an einem Gymnasium 
beantragen, der königlichen Staatsregierung zur Erwägung zu 
überweisen. Der Antrag wurde diesmal von dem Abgeordneten- 
haus am 30. März 1892 einer eingehenden Verhandlung unterzogen 
und angenommen. 

Damit ist die erste Etappe dieses Eroberungszuges ab- 
geschlossen. Ihre Merkmale sind zum grössten Teil typisch auch 
für die folgenden. Man hat sich auf der einen Seite bemüht, ein 
möglichst objektives Bild der Sachlage zu bekommen, wie das 
z. B. das Referat des Dr. Freiherm Richard König im Württem- 
bergischen Landtag und die Berichterstattung im preussischen 
Abgeordnetenhaus beweisen. Allgemein ist die Frage als ein 
wichtiger Teil der sozialen Frage gewürdigt; man hat geltend 
gemacht, dass Deutschland, das in der sozialpolitischen Gesetz- 
gebung andern Staaten vorangeschritten sei, in seiner Stellung 
zur Frauenfrage hinter den andern westlichen Kulturnationen in 
bedauerlicher Weise zurückbleibe. ') Man giebt die Notwendigkeit 
einer Erweiterung der weiblichen Erwerbsthätigkeit unumwunden 
zu, — auch fast durchweg die Gegner der Petition; ebenso wird 
das Verlangen nach weiblichen Ärzten als ein moralisch und 
sanitär begründetes auch bei den Volksvertretern anerkannt, die 
dem Inhalt der Petitionen nur teilweise und bedingt zustimmen. 
Es wurden — in der Reichstagssitzung vom 11. März 1891 — 
sogar in den bürgerlichen Parteien Stimmen laut, die in der un- 
beschränkten Zulassung der Frauen zu allen wissenschaftlichen 



1) Abg. Rickert in der Reichtagssitzung vom ii. Mfirz 1891. Abg. Seiffardt im 
preussischen Landtag. 18. Juni 1891. 



— 94 — 

Studien und Berufen nichts Ungeheuerliches fanden J) Auf der 
andern Seite war sowohl Regierungen als Volksvertretungen die 
Strittigkeit der Kompetenz ein willkommener Grund, sich der 
ganzen Frage gegenüber zunächst abwartend zu verhalten; und 
bei den Einwürfen gegen alle Vorschläge im Sinne der Petitionen 
wurde diese Seite der Frage neben den praktischen Schwierig- 
keiten, die der Erfüllung der Petitionen entgegenstanden, in den 
Vordergrund geschoben. Freilich wurden auch prinzipielle Be- 
denken der verschiedensten Art geltend gemacht. In einzelnen Fällen 
leugnete man die Notwendigkeit, den Wirkungskreis der Frau zu 
erweitem. „Ich glaube" äusserte der württembergische Abgeordnete 
Dr. Klaus-Gmünd, „der Wirkungskreis, der unsern Frauen zu- 
gewiesen ist, genügt. Es handelt sich bloss darum, in diesem 
Kreis den richtigen Punkt zu finden. Gute Köchinnen z. B. sind 
immer gesucht und gut bezahlt." Häufig wurde auch der Be- 
fürchtung Ausdruck gegeben, das Weib würde, „die Frische des 
Gefühls und die natürliche Schlichtheit weiblichen Empfindens" 
bei dem Studieren einbüssen. „Dieses Gemütsleben durch die 
Anregung alles Wissens, welches der Mann haben soll," schloss 
man weiter, „zu vernichten, hiesse die Frau unfähig machen, den 
Beruf als Ärztin zu erfüllen."*) Im Weimarer Landtag») meinte 
der Vizepräsident Appelius, wenn die intellektuelle Verschieden- 
heit der Geschlechter wirklich nur in der Erziehung ihren Grund 
habe, „dann sollten die Männer mit allen Mitteln dagegen an- 
kämpfen, dass das von den Frauen angestrebte Ziel erreicht wird. 
Uns reizt an den Frauen gerade die Gefühlswärme, die Naivetät 
und Frische, die sie vor den frühzeitig überarbeiteten und früh- 
gereiften Männern voraushaben, und der Reiz, den sie durch diese 
Eigenschaften auf die Männer ausüben, würde unwiederbringlich 
verloren gehen, wenn dieses Anmutendste an ihnen durch die 
Erziehung vernichtet werden würde. Ich meine, die Folge dessen, 
was die Frauen erstreben, würde nur eine Zunahme der Heirats- 
unlust der Männer sein und infolge dessen eine Zunahme der Ehe- 
losigkeit der Frauen! Ich wünsche, dass Sie diese Kehrseite der 
Medaille doch auch recht ins Auge fassen möchten. Meines Er- 
achtens kann überhaupt das, was heute die Frauen erstreben, erst 
in einem künftigen sozialistischen Staate verwirklicht werden, der 
auch die Ehe abgeschafft wissen will." Auf die Tendenz der 



1) Abg. Dr. Harmening, Schrader. 

*) Preuss. Abgeordnetenhaus. Sitzung der Unterrichtskommission vom xx. Mflrz 189a. 

*) Verhandlung vom 19. Mflrz 1891. 



— 95 — 

Petitionen nach dem sozialistischen Zukunftsstaat oder gar dem 
Nihilismus der russischen Studentinnen wurde auch des öfteren 
hingewiesen. Das Familienleben würde zu Grunde gehen, die 
Erziehung gefährdet werden, und eine verschrobene und über- 
spannte Jugend die wahrscheinliche Folge sein.») 

Eine kräftige Stütze fand die Ansicht, dass der ärztliche Beruf 
der Natur der Frau widerspräche, an den Gutachten von Medizinern, 
die jetzt, da die Frage der Zulassung auch in Deutschland aktuell 
wurde, zahlreicher vorlagen. Besonders auf den Vortrag des Ge- 
heimrats Waldeyer auf dem Kölner Naturforschertag von 1887, 
„das Studium der Medizin und die Frauen'), wird immer wieder 
zurückgegrifien. Daneben werden die Schriften von Professor 
Freund*), Fehling*) und von Riehl*) für die Beweisführung, 
dass die Frau unfähig sei zu wissenschaftlichen Berufen, heran- 
gezogen. Und schliesslich wird häufig hervorgehoben, dass noch 
keine Veranlassung sei, die Frage zu entscheiden, da noch keine 
Frauen vorhanden seien, die die Vorbedingungen zum medizinischen 
Studium erfüllt hätten. 



In mehrfacher Beziehung geben die hier skizzierten Verhand- 
lungen den Ausblick auf die weitere Entwicklung. 

Einmal enthalten sie schon jedes Für und Wider, das im Laufe 
der nächsten Jahre, während derer die Frage von der Tages- 
ordnung der Parlamente nicht verschwindet, geltend gemacht wird. 
Wie der Reichstag sich zur Entscheidung jener ersten Petitionen 
nicht kompetent erklärt hatte, so ging er auch in den nächsten 
Jahren, nach immer wieder gepflogenen eingehenden Debatten über die 
immer wieder eingereichten Petitionen zur Tagesordnung über. 
Dies Schicksal traf auch die mit fast 60 000 Unterschriften bedeckte 
Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins um Freigabe 
des medizinischen Studiums für Frauen, die 1893 dem Reichstag 
eingereicht wurde, die erste Massenkundgebung dieser Art in der 
Geschichte der deutschen Frauenbewegung. 

Dann aber enthalten sie die Ausgangspunkte für die Wege, 
die nun von der Frauenbewegung eingeschlagen wurden, um zum 



1) Reichstagssitzung vom ix. Mflrz. Abg. Hultzsch. 

*) Tageblatt der 6x. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Köln, 
18.-33. Sept 

*) Prof. Freund. Rede ziu* Eröffnung der Frauenklinik in Strassburg. 1888. 
*) Fehling. Die Bestimmung der Frau. Stuttgart 189a. 
») H. W. RiehL Die FamiHe. 1889. 



- 96 - 

Ziel zu kommen. Man schritt von der Propaganda zur That Im 
Herbst 1893 eröffnete der Verein Frauenbildungsreform (er hatte 
seinen Namen schon 1892 gewechselt), durch die wohlwollende 
Haltung des badischen Landtags ermutigt, in Karlsruhe das 
ersteMädchengymnasium; um dieselbe 2^itverwandelteHelene 
Lange die schon seit 1889 von ihr geleiteten Realkurse in Berlin 
in Gymnasialkurse mit dem Ziel, auf das deutsche Abiturium 
vorzubereiten. Ein halbes Jahr später eröflFnete der Allgemeine 
deutsche Frauen verein zu Leipzig gleichfalls Gymnasialkurse, deren 
Leitung er Frl. Dr. phil. Käthe Windscheid übertrug. Das 
Karlsruher Gymnasium sollte Mädchen vom vollendeten la. Lebens- 
jahr an in sechsjährigem Kursus durch den Lehrgang des 
humanistischen Gymnasiums führen ; in Berlin und Leipzig schloss 
man an die vollständig absolvierte höhere Mädchenschule einen 
37« — ^4Jährigen beziehungsweise 4Vajährigen Kursus. Das Karls- 
ruher Gymnasium hatte zunächst mit allerlei Schwierigkeiten zu 
kämpfen. „Zu hastig," heisst es in dem Bericht des Vereins über 
diese seine Gründung, „das heisst mit noch unzureichenden Mitteln 
unternommen, mit schweren Organisationsmängeln behaftet, war 
es mehrmals in Gefahr, Schiffbruch zu leiden." •) Doch gelang es 
schliesslich der Energie und Opferwilligkeit des Vorstandes und 
dem bereitwilligen Entgegenkommen der Stadt, die Anstalt durch 
diese Schwierigkeiten glücklich hindurchzusteuern. — Die Berliner 
Kurse stellten schon zu Ostern 1896 sechs ihrer Schülerinnen zum 
Examen, und gaben so den Anstoss zur Weiterentwicklung der Be- 
wegung, War durch die Zulassung dieser sechs Abiturientinnen zum 
Examen an einem Berliner Gymnasium ein Petitum der Frauen- 
vereine gewährt,*) so hatte auch die Regierung durch dies Ent- 
gegenkommen einen Weg beschritten, der zu weiteren Zu- 
geständnissen führen musste, und zugleich waren die guten 
Resultate der Prüfung eine wirksamere Beweisführung als alle 
theoretischen Abhandlungen über die gebtige Leistungsfähigkeit 
des Weibes. 

Mittlerweile hatten sich schon preussische Universitäten 
Frauen erschlossen. Vor allem Berlin und Göttingen den Teil- 
nehmerinnen an den Oberlehrerinnenkursen. Im Wintersemester 
1Ö95/96 zählte Berlin bereits 40, Göttingen 31 Hörerinnen, Ihre 
Zulassung zu den Vorlesungen war in jedem einzelnen Fall ab- 



1) VgL Das Mldchcngymnasium in Karlsruhe. Herausgegeben vom Verein Frauen- 
bildung - Frauenstudium. Wiesbaden Z9oa S. 15. 

>) In zwei einzelnen F&llen war diese Erlaubnis schon kurz vorher erteilt worden. 



— 97 — 

hängig von der Erlaubnis des Dozenten und der besonderen 
Genehmigung des Unterrichtsministers. Diese ministerielle 
Genehmigung wurde bald aufgegeben und statt dessen jeder 
Universität das Recht verliehen, Frauen auf Grund einer ent- 
sprechenden Vorbildung den Besuch der Vorlesungen zu gestatten. 
Die Zahl der Dozenten, die den weiblichen Hospitanten ihre 
Auditorien und Seminare erschlossen, wurde im Laufe der Zeit 
eine immer grössere, so dass jetzt nur noch in den medizinischen 
Fakultäten einzelner Universitäten ein geschlossener Widerstand 
gegen das Frauenstudium besteht. Einen interessanten Überblick 
über die Stellung deutscher Hochschullehrer zum Frauenstudium 
giebt die Sammlung von Gutachten, die Arthur Kirchhoff 
herausgegeben hat. *) 

Die Hoffnungen, auf Grund ihres Abituriums rite immatrikuliert 
zu werden, zu denen die Berliner Abiturientinnen sich berechtigt 
glauben mussten, gingen jedoch nicht in Erfüllung. Auch zu dem 
Examen pro facultate docendi ist den Frauen die Zulassung in 
Preussen bis heute verwehrt. Dagegen erlangten die ersten 
Abiturientinnen der Leipziger Kurse, die 1898 entlassen wurden, 
etwas günstigere Zusagen, da ihnen die Zulassung zum philo- 
logischen Staatsexamen sicher in Aussicht gestellt wurde. 

Das nächste Ziel war nun die Erweiterung und Vermehrung 
der gymnasialen Vorbereitungsanstalten für Mädchen. Man wählte 
da, entsprechend den ersten Anstalten, einen zweifachen Weg. 
Auf der einen Seite richtete man die Vorbildung nach der Weise 
der Berliner und Leipziger Gymnasialkurse ein, wie die Kurse in 
Königsberg und neuerdings in Hamburg. Auf der andern Seite 
vertrat man das vom Verein Frauenbildungsreform aufgestellte 
Prinzip einer möglichst vollkommenen Angleichung der Mädchen- 
an die Knabenbildung. Der Verein Frauenbildung - Frauenstudium, 
der 1895 ^^s dem Verein Frauenbildungsreform mit erweitertem 
Statut unter dem Vorsitz von Frl. Dr. von Doemming hervor- 
ging, hat diesem Prinzip entsprechend in seinen verschiedenen Ab- 
teilungen eine rege Propaganda entfaltet Das Karlsruher Gymnasium 
war im Herbst 1897 von der Stadt übernommen und der höheren 
Mädchenschule angegliedert worden. Es entliess 1899 die vier ersten 
Abiturientinnen. Entsprechend dem Karlsruher Vorbild gründete 
man ein sechsklassiges Mädchengymnasium in Stuttgart. In 

Die akademische Frau. Gutachten hervorragender Universitfltsprofessorea, Frauen- 
lehrer und Schriftsteller Ober die Befiüiigung der Frau zum wissenschaftlichen Studium un<l 
Berufe. Herausgegeben von Arthur Kirchhoff. Berlin 1897. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 7 



- 98 - 

Preussen scheiterten ähnliche Versuche an dem Widerstand des 
Unterrichtsministeriums, das gymnasiale Vorbildungsanstalten nur 
in der Form der Berliner Kurse konzessionieren wollte. Aus 
diesem Grunde musste die vom Verein Frauenbildungsreform 1899 
in Hannover begründete, an die städtische höhere Mädchenschule 
angegliederte Anstalt den Weg der Gymnasialkurse beschreiten 
und die Abteilung Frankfurt des Vereins Frauenbildung-Frauen- 
studium eine in weiterem Umfange geplante Gymnasialanstalt auf 
fünfjährige Kurse reduzieren. 

An dem Widerstand im Ministerium scheiterte auch die 
Gründung des ersten städtischen Mädchengymnasiums mit sechs- 
jährigem Kursus, das auf Anregung von Oberbürgermeister Bender 
1898 in Breslau ins Leben gerufen werden sollte. Auch hier 
wurden stattdessen Kurse mit fünfjährigem Lehrgang eingerichtet 
Einem neunj'ährigen Vollgymnasium, das man in Köln plante, 
wurde gleichfalls die ministerielle Bestätigung versagt. In München 
kommt es aus demselben Grunde noch nicht zur Gründung eines 
Mädchengymnasiums. 

Alle diese Vorgänge, die von Jahr zu Jahr wachsende Zahl 
der Abiturientinnen, die immer häufiger werdenden Promotionen 
von Frauen in Verbindung mit zahlreichen Petitionen, die in 
jeder Legislaturperiode dem Landtage um Immatrikulation der 
rite vorgebildeten Studentinnen eingereicht wurden, erreichten, 
wenn auch nur in einzelnen Fällen den gewünschten Erfolg, 
so doch im allgemeinen einen zwar sehr allmählichen, aber 
doch merkbaren Wandel in den Anschauungen und in der Be- 
handlung der Frage. *) Die Hauptschwierigkeit war immer wieder 
der Umstand, dass man in keiner Weise einen Zwang auf die 
Dozenten ausüben wollte, die entschlossen waren, den Frauen ihre 
Auditorien zu verschliessen. So sind die Frauen in diesem Punkte 
immer wieder abschlägig beschieden, ausgenommen in einem Bundes- 
Staat, der mit der Gewährung der Immatrikulation an Frauen 
neuerdings den Anfang gemacht hat: Baden, dessen beide Universi- 
täten, Heidelberg und Freiburg, zu Ostern 1901 die ersten Studen- 
tinnen rite immatrikulierten. 



1) Der Bericht Ober die Mitgliederversammlung des Vereins Frauenbildung^Fraucn- 
Studium vom Mai 1901 enthält im Anhang eine Zusammenstellung aller in Deutschland be- 
stehenden gymnasialen Unterrichtsanstalten für Mfidchen. (Vorsitzende jetzt : Frau Professor 
Steinmann, Freiburg i. Br.) 

S) VgL z. B. Verhandlungen im preussischen Abgeordnetenhaus vom Juli 1895. ^^ 
X897, April und Mai 1898, Mai 1899 etc. 



— 99 — 

Auf einem andern Gebiete aber, auf dem der Kampf die 
schärfsten Formen angenommen hatte, hat die Frauenbewegung 
ihr Ziel erreicht; das ist die staatliche Approbation der Ärztin. 

Nachdem 1887 Geheimrat Waldeyer auf dem Kölner Natur- ^ 
forschertag der Frau auf Grund ihrer Natur und Bestimmung die 
Befähigung zu wissenschaftlichen Berufen abgesprochen, hat die 
Frage der Ärztin wiederholt einzelne Mediziner und ganze Kor- 
porationen und Versammlungen beschäftigt und in den Fachkreisen 
selbst eine ganze Litteratur hervorgerufen. Den Waldeyerschen Stand- 
punkt vertreten Professor Albert-Wien, •) Runge -Göttingen,«) (x^ 
Penzol dt -Erlangen*) und andere. Ihre Abhandlungen haben 
nicht nur in den Frauenzeitschriften, sondern auch in medizinischen 
Kreisen zahlreiche Erwiderungen gefunden.«) Professor Penzoldt 
brachte auf dem Wiesbadener Ärztetag von 1898 die folgenden 
Thesen zur Annahme: 

I. Wenn vorläufig die Zulassung zum ärztiichen Beruf auf Grund 
der gleichen Bedingungen, wie beim Mann, nur gestattet, aber nicht 
(z. B. durch staatliche Mädchengymnasien; erleichtert wird, so ist 
zunächst kaum ein stärkerer Zudrang der Frauen und deshalb weder ^ 

besonderer Nutzen noch Schaden zu erwarten. 

n. Wenn aber auf Grund weiterer Zugeständnisse und bisher nicht 
übersehbarer Verhältnisse ein grösserer Zudrang entstehen würde, so 
wird I. kein erheblicher Nutzen für die Kranken, a. mehr Schaden als 
Nutzen für die Frauen selbst, 3. mindestens kein Nutzen für die 
deutschen Hochschulen und die Wissenschaft 4. eine Minderung des 
ärztlichen Ansehens, 5. keine Förderung des allgemeinen Wohles zu 
erwarten sein. — Aus diesen Gründen ist es nicht zweckmässig, gerade 
mit der Medizin den ersten Versuch einer Zulassung der Frauen zu 
den gelehrten Benifsarten zu machen. Speziell vom Standpunkte der 
ärztlichen Standesvertretung aus ist mindestens eine gleichzeitige Zu- 
lassung zu allen gelehrten Berufszweigen zu verlangen. 



I) Die Frauen und das Studium der Medizin. Wien 1895. 

*) Das Weib in seiner Geschlechtsindividualitflt Berlin 1896. 

S) Referat auf dem 96. deutschen Ärztetag in Wiesbaden. Jena 1898. 

<) VgL Dr. med. Langer. Die Frauen in der Heilkunde. Ein Beitrag zur Frauen- 
frage. Wiesbaden 1894. (EnthAlt eine ziemlich erschöpfende Obersicht flber die Litteratur 
bis zu diesem Zeitpunkt) Elisabeth Gnauck-KOhne. Das Universitfltsstudium der 
Frauen. Oldenburg 1891. Sidonie Binder. Weibliche Ärzte. Stuttgart 189a. Helene 
Lange. Prof. Albert u. d. med. Studium d. Frauen. «Die Frau." 3. Jhrg. No. 3. Dr. med. 
Agnes Bluhm. Der Stand des Frauenstudiums. Deutsche medizinische Wochenschrift 
1895, No. 39. Dr. M. Kronfeld. Die Frauen und die Medizin. Professor Albert zur 
Antwort. Zugleich eine Darstellung der ganzen Frage. Wien 1895. — Prof. Dr. O. Lassar. 
Das medizinische Studium der Frau. Berlin 1897. — Prof. Dr. Lehmann. Das Frauen- 
studium. WOrzburg 1898b — Dr. Heinrich Meyer. Professor Runge und die Frauen. 
Die Frau.* Sept. 1899. 



— lOO — 

Trotz dieser Stellungnahme des deutschen Ärztetages fand die 
Ärztinnenfrage eine für die Frauen günstige Regelung durch die 
lange geforderte Vereinbarung der verbündeten Regierungen. Die 
Vorberatungen für diese Regelung waren schon seit mehreren 
Jahren im Gange. 1896 hatte die deutsche Reichsregierung bei 
den Schweizer Behörden Erkundigungen eingezogen, inwieweit sich 
die Zulassung von Frauen zum medizinischen Studium bewährt 
habe. Im Frühjahr 1899 kam das Resultat dieser Vereinbarung in 
einem Bundesratsbeschluss zum Ausdruck. Danach soll die Zeit, in 
der die Frauen nur als Hospitantinnen studiert haben, dem vor- 
geschriebenen Universitätsstudium gleich gerechnet werden, so lange 
ihre förmliche Immatrikulation nicht erfolgen kann; auf Grund 
dieses Studiums sollen die Frauen dann unter denselben Be- 
dingungen wie die Männer zu den medizinischen, zahnärztlichen 
und pharmazeutischen Prüfungen zugelassen werden. Im Früh- 
jahr 1901 haben die ersten rite vorgebildeten deutschen Medi- 
zinerinnen, Schülerinnen der Berliner Gymnasialkurse, ihr Staats- 
examen gemacht. *) 

In den Mittelpunkt der Erörterung rückt nun, vor allem infolge 
des dauernd beibehaltenen Widerstandes einiger Dozenten gegen 
die Zulassung der Frauen zu ihren Vorlesungen, die Frage: Ge- 
meinsames Studium der Geschlechter oder besondere Frauenhoch- 
schulen? Die Frauenbewegung tritt für das erste entschieden ein, 
da sie von jeder Trennung des Frauenstudiums von den be- 
stehenden Fakultäten ein Sinken des Niveaus der weiblichen Aus- 
bildung befürchtet. Der von gegnerischer Seite ausgesprochenen 
Befürchtung gegenüber, dass das gemeinsame Studium zu Unzu- 
träglichkeiten führen könne, beruft sie sich auf die Erfahrungen, 
die in der Schweiz in dieser Beziehung gemacht worden sind, und 
die auch der deutschen Reichsregierung für ihre Beschlussfassung 
zur Verfügung gestanden hatten. «) Von den deutschen Medizinern 
ist es vor allem Professor Waldeyer, der die Trennung der Ge- 
schlechter für die klinischen Zweige des medizinischen Studiums 
entschieden fordert.») Auch wenn diese Forderung in den ent- 
scheidenden Kreisen die Majorität erhielte, würde ihre Erfüllung 



\j 



I) Vgl. Die Frau. Au^st 1901. 

S) Die Gutachten der Schweizer Professoren sind veröffentlicht und durch eine Privat- 
enqu^te unter Vertretern andrer Fakultflten vervoll stAndigl von Prof. Erismann in der 
Monatsschrift „Die Frau" 1899. Heft 9 und xo. 

*) VgL Dr. med. Franziska Tiburtius. Frauenuni versitflten oder gemeinsames 
Studium. .Die Frau" V. Jahrg. Heft xa Femer Heft 9 der freien kirchlichen Konferenz.. 
Berlin x9oa 



lOI — 

wohl an den praktischen, vor allem an den finanziellen Schwierig- 
keiten scheitern, und es ist vorauszusehen, dass das Frauenstudium 
in Deutschland sich auf dem eingeschlagenen Wege weiter ent- 
wickeln wird. 

Mit der Zulassung zum pharmazeutischen Studium war gleich- 
falls eine schon mehrfach ausgesprochene Forderung der Frauen- 
vereine erfüllt. In den letzten Jahren hatten der Verein Frauen- 
wohl-Berlin (1891) und der Berliner Frauenverein (1896) auf 
Anregung von Frl. Marie Mellien dem preussischen Abgeord- 
netenhause Petitionen dieses Inhaltes eingesandt, deren zweite der 
Regierung zur Erwägung überwiesen wurde. In den Fachkreisen 
war die ursprünglich schroff ablehnende Haltung gegen das Ein- 
dringen der Frauen allmählich wohlwollender geworden, wenn sich 
allerdings auch die Generalversammlung des Apothekervereins von 
1897 noch gegen die Frauen erklärte. 

In derselben Weise machte die Zulassung zum zahnärztlichen 
Studium einem unhaltbaren Zustand ein Ende. Seit nämlich Frau 
Dr. Henriette Tiburtius-Hirschfeld Ende der sechziger Jahre 
in Amerika ihre zahnärztlichen Studien absolviert hatte — als 
zweite Frau in Amerika, die in ein College of Dental Surgery 
Einlass fand — und in Berlin zu praktizieren begann, hatten etjva 
40 deutsche Frauen denselben Studiengang eingeschlagen — zum 
Teil auf die lebhafte Anregung hin, die Frau Dr. Tiburtius in 
jeder Weise zu geben verstand. *) 



XV. 

Das Problem der Frauenbewegung in seiner jüngsten 

Gestalttmg. 

Als die Unterrichtskommission des preussischen Abgeordneten- 
hauses am II. März 1892 über die Petition des Vereins Frauen- 
bildungsreform verhandelte, bezeichnete der Berichterstatter in 
einem Überblick über die vorhandene Litteratur als die Feinde 
der Frauenbewegung diejenigen, die eine von der Natur gegebene 
Verschiedenheit geistiger Veranlagung zwischen Mann und Frau 
behaupten, als ihre Freunde und Vertreter, die eine solche leugnen. 

Diese Äusserung stand unter dem Eindruck speziell der 
Kettlerschen Begleitschrift zu der Petition, die allerdings auf dem 

1) Die Frauenberufe sind hier nur insoweit berührt, als sie in Beziehung zur Frauen- 
bewegung stehen; vgL im Qbrigen Handbuch der Frauenbewegung, Teil m und Teil IV. 




— I02 — 

Gedanken beruhte, dass die bestehende Verschiedenheit nur auf 
Erziehung und soziale Stellung des Geschlechts zurückzuführen 
sei. Für die Stellung, die die Begründerinnen der Frauenbewegung 
zu dieser Frage eingenommen hatten, waren die Worte des 
Referenten zweifellos nicht zutreffend. Für sie aber lag der 
Schwerpunkt der Frage nicht auf psychologischem, sondern auf 
ethischem Gebiet. Sie glaubten keiner weiteren Begründung ihrer 
Forderungen zu bedürfen, als des sittlichen Postulats, dass man 
keinen Menschen in seinem Streben, sittliche Werte zu schaffen, 
beschränken dürfe. 

Da die Einwände, die der Frauenbewegung gemacht wurden, 
aber vor allem auf psychologischem Gebiet lagen, waren sie durch 
diese mit rechtlichen und sittlichen Argumenten arbeitende Beweis- 
führung nicht zu entkräften. So wurde es eine neue Aufgabe für 
die Vertreter der Frauenbewegung, den Angriffen auch auf phy- 
siologisch-psychologischem Gebiet zu begegnen. Dieser Aufgabe 
entspricht der Gedanke, die Forderung stärkerer Beteiligung der 
Frau am Kulturleben gerade auf die Thatsache der fundamentalen 
Verschiedenheit der Geschlechter zu gründen, der im letzten 
Jahrzehnt mehr und mehr zur Geltung kommt. So geht der viel- 
besprochene, auch von Gustav Cohn, wenn auch nicht eben in 
dieser Richtung eingehend gewürdigte Vortrag von Elisabeth 
Gnauck-Kühne auf dem VI. Evangelisch-sozialen Kongress in 
Erfurt 1895 von diesem Gedanken aus. Darin heisst es:') 

Die einzige Aussicht auf Verständigung und Klärung bietet eine 
prinzipielle Erörterung über die Berufsgrenzen der Geschlechter. 
Wir müssen einen objektiven Massstab finden, der über allen subjektiven 
Meinungen steht. Von den Männern wird der Begriff des Rechts bei 
der beruflichen Grenzregulierung zwischen Mann und Weib gern 
herangezogen. Das Recht ist aber etwas gewordenes, daher veränder- 
liches. Über das Recht lässt sich streiten, es bietet keinen unver- 
änderlichen, objektiven Massstab. Wir finden aber einen solchen in 
der Natur. Dieser Massstab hat auch den Vorzug, dass alle Welt- 
anschauungen mit ihm einverstanden sein werden. 

Was lehrt nun die göttliche Ordnung der Natur über die Arbeits- 
teilung von Mann und Frau? Die Natur sagt: Mann und Weib sind 
differenziert, weil sie verschiedenen Aufgaben gerecht werden sollen. 
Jeder dieser Schöpfungen liegt eine göttliche Idee zu Grunde. Das 
ewige Endziel ist das gleiche, der irdische Zweck ein verschiedener. 
Aus dieser elementaren Lehre der Natur ziehen wir zunächst zwei 
Schlüsse; i. dass jeder Versuch einer Aufhebung der Differenzierung 

1) Elisabeth Gnauck-Kohne. Die soziale Lage der Frau. Berlin 1895. S. 13 



— I03 — 

von Mann und Weib naturwidrig — also aussichtslos — ist, und 2., dass 
wir nur die Naturaufgabe des Weibes zu erfassen brauchen, um einen 
Fingerzeig für die prinzipielle Arbeitsteilung der Geschlechter zu haben. 

Als Naturaufgabe der Frau aber gilt unbestritten die Mutter- 
schaft An die Mutterschaft muss die Arbeitsteilung der Geschlechter 
anknüpfen. Geht man von dieser Thatsache aus, so gebührt der 
Frau als der Leiterin des häuslichen Wirtschaftsbetriebes das 
Gesamtgebiet der gewerblichen Thätigkeit, die sich aus der Haus- 
wirtschaft entwickelt hat. Es gebührt ihr, als der natürlichen 
Pflegerin der Kindheit, ein gewisser Anteil an der Schulerziehung 
und das Recht auf Ausübung der ärztlichen Kinderpflege. Es 
gebührt ihr als dem Mittelpunkt des häuslichen Familienkreises 
eine gewisse autoritative Stellung im kommunalen und kirchlichen 
Gemeindedienst. 

Die Ausführungen halten also an der Notwendigkeit fest, die 
Arbeitssphären der beiden Geschlechter sowohl auf beruflichem, 
wie auf politisch-sozialem Gebiet äusserlich bestimmt gegeneinander 
abzugrenzen. Das Verhältnis der neuen und der alten Sphäre 
der Frau zueinander wäre dann etwa dem Verhältnis konzen- 
trischer Kreise vergleichbar, deren Entfernung von einander durch 
die Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmt wird. 

In andrer Richtung liegen die Ergebnisse, die Helene 
Lange, von derselben Thatsache der spezifischen Veranlagung 
der Geschlechter ausgehend, für die Betrachtung der Frauenfrage 
gewinnt. 

Schon die bereits in andrem Zusammenhang erwähnte 
Begleitschrift über „Die höhere Mädchenschule und ihre Be- 
stimmung" (1887) steht ganz auf dem Standpunkt, dass es sich bei 
der Frauenbewegung darum handele, die eigensten Gaben der Frau 
zu höherer Entwicklung und gesteigerter Geltung für das Kultur- 
leben zu bringen. Ausdrücklicher wird in Vorträgen und Broschüren 
der folgenden Jahre dieser Gesichtspunkt betont. ») 

Der Anteil der Geschlechter an der Kultur bestimmt sich auch 
für Helene Lange nach der Art ihrer spezifischen Veranlagung, 
die bei der Frau auf ihrer Bestimmung zur Mutterschaft beruht. 
In dem Masse, als unter den modernen wirtschaftlichen Verhält- 
nissen das Familienleben aufgeht in dem Leben der Gesamtheit, 
als die Familienkultur sich wandelt zu einer sozialen, werden die 



1) VgL Das Erziehungsziel unserer Zeit Gera 1888. S. 13. Die ethische Bedeutung 
der Frauenbeweg^ung. Berlin 1889. S. xa ff. Ober Frauen- und Lehrerinnenvereine. Berlin 1891. 
S. zoff. 



— I04 — 

kulturellen Kräfte der Frau brach gelegt. Eine neue Arbeitsteilung 
zwischen den Geschlechtern wird notwendig. Für diese aber 
bedarf es keiner von aussen gegebenen, nach irgend welchen 
Gesichtspunkten vorgezeichneten Grenz- und Richtlinien. Bei 
voller Freiheit der Entwicklung wird die Natur der Frau, die 
durch unveränderliche Lebensbedingungen bestimmt, sich selbst 
unter allen Umständen treu bleiben wird, selbst das Gebiet des 
kulturellen Lebens finden, auf dem ihre spezifischen Anlagen und 
Kräfte zu möglichst vollkommener Entfaltung kommen können. 

In einer Abhandlung aus dem Jahre 1897 „Intellektuelle Grenz- 
linien zwischen Mann und Frau" ») finden die in jenen früheren 
Schriften als Ausgangspunkte vorausgesetzten, oder im Zusammen- 
hang mit andern Entwicklungsreihen angeführten Gedankenfolgen 
eine spezielle Ausgestaltung. Ausschlaggebend für den Anteil der 
Frau an der menschlichen Kultur, so wird hier ausgeführt, wird stets 
ihre Bestimmung zur Mutterschaft sein. Aber nicht in der Weise 
ausschlaggebend, dass gewisse mit der Mutterschaft unmittelbar 
verknüpfte Wirkensgebiete, das Haus, die Familie, nun die einzigen 
wären, innerhalb derer die Kulturarbeit der Frau sich vollziehen 
könnte, oder dass man ihr, an diese Wirkensgebiete anknüpfend, 
bestimmte erweiterte Grenzen setzen könnte. Die Bestimmtheit 
zur Mutterschaft ist hier vielmehr gefasst als die Summe aller der 
mit der physischen Bestimmung der Frau verknüpften psychischen 
Merkmale, „der Zug zum Persönlichen, Konkreten, jene schnellere 
und tiefere Fühlung mit menschlicher Eigenart, die der Urgrund 
ist des psychischen Altruismus, des Mitleids, der Liebe, die auch 
in ihren geistigsten Formen die Züge des Weibes trägt." Dieses 
Element ist bestimmt, die Arbeit des Mannes im Kulturleben zu 
ergänzen. Früher konnte sich diese Ergänzung in der Weise voll- 
ziehen, dass der Frau das Haus, dem Manne das öffentliche Leben 
gegeben wurde. Das war die einer früheren Kulturepoche ent- 
sprechende, mit ihren Lebensbedingungen organisch verknüpfte 
Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtem; den heutigen Verhält- 
nissen entspricht sie nicht mehr, sie wird zur äusserlich den Frauen 
aufgezwungenen, zur mechanischen. Bleibt in dem grossen kulturellen 
Werdegang, der die Funktionen der Familie als Kulturstätte mehr 
und mehr der Gemeinschaft überträgt, die Kulturarbeit der Frau 
dennoch nach wie vor auf die Familie beschränkt, so vermag sie 



I) Intellektuelle Grenzlinien zwischen Mann und Frau. Berlin 1897. Zweite Auf- 
lage Z899. 



— I05 — 

nicht mehr den spezifisch weiblichen Einsatz von geistigen Werten 
der Kultur zuzuführen, dessen diese bedarf. 

Um aber die Möglichkeit eines Ausgleiches zu gewähren und 
dauernd zu erhalten, ist es notwendig, dass der Frau im Beruf 
und im öffentlichen Leben volle Freiheit gegeben werde, die ihr 
angemessene Sphäre zu suchen: 

„So kann unsere Forderung nur sein: Gebt die mechanische 
Arbeitsteilung auf, damit die organische, die wesensgemässe 
Arbeitsteilung sich vollziehen kann. Gebt der Eigenart beider Ge- 
schlechter nebeneinander vollen Raum auf allen Kulturgebieten; nur 
dann wird sich herausstellen, wo etwa dennoch besondere Kräfte auch 
auf besondere Gebiete hinweisen; es liegt in der Natur der Sache, 
dass sie dann auch ohne mechanischen Stoss von aussen her diese 
Gebiete mit Vorliebe aufsuchen werden." 

Wie diese organische Arbeitsteilung sich gestalten wird, dar- 
über kann man nur Mutmassungen aufstellen. In Bezug auf die 
Beteiligung der Frauen am Berufsleben liegen selbst dafür die 
Voraussetzungen zu wenig klar. In welcher Form jedoch die durch 
die kulturelle Entwicklung bedingte Erweiterung des Mutterschafts- 
gedankens auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens sich voll- 
ziehen wird, das zeigt die Kulturgeschichte schon in einzelnen 
bedeutungsvollen Typen. 

„Wenn sich Sokrates für seine Lehre, Archimedes für seine Zirkel. 
Giordano Bruno für seine Philosophie töten Hess, so fand man bei den 
Ausgrabungen in Pompeji die Leichen der Mütter schützend über 
ihre Kinder gebeugt, so starb Arria dem Pätus zu Liebe; so opferte 
sich, in steter Erweiterung des Mutterschaftsgedankens, die heilige 
Elisabeth für ihre Armen, Florence Nightingale für ihre Kranken, 
Elisabeth Fry für die Gefangenen, Frances Willard und Josephine Butler 
für den Kampf gegen menschliches Laster." 

Nach dem Wandel, der in diesen grossen Typen sich darstellt, 
bestimmt sich der Anteil, den die Frau an der Kultur der Zukunft 
haben wird: 

„Überall da, wo es sich um ein lebendiges, hilfreiches Wirken von 
Mensch zu Mensch und für Menschen handelt, um die ganze weit- 
verzweigte Thätigkeit, die wir unter dem Namen soziale Hilfsarbeit zu- 
sammenzufassen pflegen, da ist, wie schätzenswert und wichtig die 
Mitarbeit des Mannes sein mag, die königliche Domäne der Frau der 
Zukunft" 



— io6 — 

Die Theorie der Frauenbewegung in der im letzten Jahrzehnt 
gegebenen Ausgestaltung ist das Facit aus der Verrechnung zweier 
Faktoren, die sich aus der modernen Kultur für die Betrachtung 
der Frauenfrage ergaben. Der eine ist der im öffentlichen Leben 
immer mächtiger werdende soziale Zug, in dem das erwachende 
soziale Gewissen die ethischen, — die Richtung des allgemeinen 
Interesses auf die wirtschaftlichen und politischen Probleme, die 
aus den gewaltigen Veränderungen des Gemeinschaftslebens er- 
wuchsen, die intellektuellen Momente darstellen. Dieser soziale 
Zug kennzeichnet die Frauenbewegung des letzten Jahrzehnts so- 
wohl in ihrer praktischen Arbeit, als auch in ihrer Propaganda- 
litteratur. ») Die Bildungs- und Erwerbsfragen treten dagegen sogar 
etwas zurück, oder sie erscheinen durch diesen Zug ihrerseits in 
einem andren Lichte. Man setzt die Erlösungsversuche der 
Frauen dem Emanzipationskampf der Arbeiterklasse parallel und 
bringt wohl die Summe des Erstrebten auf den Ausdruck: Mutter- 
sorge im öffentlichen Leben. 

Mit derselben Kraft wirkt auf die innere Entwicklung der 
Frauenfrage ein zweiter Faktor, der Individualismus, das gesteigerte 
Persönlichkeitsgefühl des modernen Menschen. Bei der Frau 
äussert sich diese Entwicklung in einer stärkeren Empfindung ihrer 
Geschlechtsindividualität, ihres Weibseins, die zu Emanzipations- 
forderungen auf dem engsten Gebiet des Verkehrs der Geschlechter 
und in ihrer stärksten Ausprägung zu einer entschiedenen Reaktion 
gegen die Frauenbewegung geführt hat. 

Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die Problem- 
debatten der jüngsten Zeit, zwischen diesen beiden Polen liegen all 
die tendenziösen Elemente, die in den jüngsten litterarischen 
Schöpfungen der Frauen zum Ausdruck kommen. 

Die Frauenfrage in ihren verschiedenen Formen giebt fast der 
gesamten litterarischen Frauenproduktion eine tendenziöse 
Färbung. Das Problem von Mann und Weib steht unbestritten 
im Mittelpunkt; bei den einen gewinnt es Gestalt in dem sieg- 
reichen oder erfolglosen Ringen der Frau um ihre geistige 
Persönlichkeit, bei den andern in dem rücksichtslosen, aller 
Schleier entratenden Hervorkehren ihrer geschlechtlichen Natur 
und ihrer Forderungen. 



1) Vgl. z. B. die Schriften von Marie Stritt, Eliza Ichenhae user, Elisabeth 
Gnauck-KOhne, Natalie von Milde, Anna Bernau, Anita Augspurg, Ika 
Freudenberg, Helene Lange; vor allem die Zeitschriften „Neue Bahnen*, „Die Frau", 
i^ie Frauenbewegung", das „Centralblatt des Bundes deutscher Frauen vereine*. 



— I07 — 

„Anna Stern" von Frieda von Bülow, das Frl. Halmschlag in 
Ilse Frapans „Wir Frauen haben kein Vaterland," die Elisabeth 
in Johanna Niemanns „Geschichte einer Trennung" gewinnen 
ihre geistige Unabhängigkeit trotz der Forderungen ihres Geschlechts. 
Sie suchen oder besitzen in dem Verhältnis zum Manne eine 
geistige Kameradschaft, an deren Bestehen ihre Beziehungen zum 
Manne überhaupt gebunden sind. In feinen psychologischen Reflexen 
erscheint dasselbe Problem in der „Ruth" von Lou Andreas- 
Salom6. ») In andre Beleuchtung rücken es Helene Böhlau 
(Das Recht der Mutter, Halbtier) und Gabriele Reuter (Aus 
guter Familie). Sie zeigen die Frau, die im Kampf um ihr geistiges 
Sein unterliegt, zu Boden gedrückt durch die Wucht der in 
Konvention und Heuchelei verhüllten Brutalität des Mannes, durch 
den Fluch des Jahrhunderte langen „Ausgeschlossenseins von 
allem geistig Lebendigen, des Stehengebliebenen, Unentwickelten, 
nur Körperlichen", der Verachtung, die auf dem Weibe liegt, 
der Verachtung, des Missbrauchtwerdens gerade in ihrem Weib- 
sein, um deretwillen die Befreiung der Frau nicht allein ihrer 
geistigen Persönlichkeit, sondern zugleich den Forderungen ihrer 
weiblichen Natur gelten muss. „Ich beschwöre Euch" ruft Isolde 
in Helene Böhlaus Roman „Halbtier" der Frauenbewegung zu, 

„thut etwas Königliches, etwas Freies ! Bereitet dem jungen, 

starken Weib ein Nest. Ein eignes Nest mitten in der harten, 

frechen Welt. Ohne dass ein Funke von Verachtung in 

eurem Blick aufsteigt, lasst in unangetasteter Reinheit das junge 
Weib ein Kind ihr eigen nennen dürfen. — Ein Kind und Arbeit! 
— Lasst sie nicht, in der Arbeit, nach einem Kind hungernd, wie 
ein Raubtier verlangen. Macht etwas Ganzes aus ihr! Breitet 
eure Flügel aus wie Glucken und lasst ihnen nichts geschehen! 
Schützt sie, und sie sind geschützt, sagt, sie sind ehrbar — und 
sie sind ehrbar."*) Eine geistig-sittliche Emanzipation, deren Ziel 
die Heiligsprechung der Mutterschaft an sich: das sollte nach 
ihrer Ansicht die moderne Frauenbewegung sein. 

Lag schon in dieser Rückkehr zu dem alten Ideal der femme 
libre ein entschiedener Widerspruch gegen die Ziele der Frauen- 
bewegung, so wird dieser zu einer ausgesprochenen Reaktion bei 
Laura Marholm, der eineglänzendeschriftstellerischeBegabungum 
die Mitte der neunziger Jahre einen ausserordentlichen Augenblicks- 



1) Lou Andreas-Salome hat auch in der theoretischen Debatte das Wort ergrifien. 
Vgl. »Der Mensch als Weib". Neue deutsche Rundschau. 1899. Heft IIL 
*) Helene Böhlau. Halbtier. Berlin 1899. S. 291 ff. 



— io8 — 

erfolg sicherte. ») Ihr ist das Weib „seelisch und physiologisch, 
eine Kapsel über einer Leere, die erst der Mann kommen muss 
zu füllen. Es weiss nichts von sich, es weiss nichts vom Manne, 
es weiss nichts von der grossen stummen Unabänderlichkeit des 
Lebens — nichts wird ihm offenbar in seinen Tiefen, ausser durch 
das Erlebnis mit dem Mann". 

Dem „erwerbenden denkenden Neutrum", das die Frauen- 
bewegung aus dem Weibe machen will, stellt sie das Weib als 
Geschlechtswesen, und nur Geschlechtswesen, gegenüber: „das 
Weibchen, das durch die Wälder rennt mit dem klagenden Ruf 
nach dem Gatten". An geistig hervorragenden Frauen der Zeit 
schildert sie mit hysterisch karikierender Analyse in all ihren 
Variationen das, was sie die Tragödie des modernen Weibes 
nennt, die schmerzliche und unüberbrückbare Spaltung der 
„dunklen Basis ihrer Weibnatur" und dem durch irreleitende Zeit- 
gedanken geweckten, ohnmächtigen Verlangen nach einem eigenen 
geistigen Sein. 

Den führenden Stimmen in dieser Problemlitteratur folgt eine 
Anzahl kleinerer Geister.«) Sie zu nennen erübrigt sich um so 
eher, als die Frauenbewegung selbst schon zu feste Formen an- 
genommen hatte, um von diesen mehr litterarischen Richtungen 
wesentlich berührt oder gar beeinflusst zu werden. 

XVI. 

Frauenfrage und Frauenbewegtmg im vierten Stande. 

1. 

Die Frauenft*age und die Sozialdemokratie. 

Ausschliesslicher, als das im Sinne ihrer Führerinnen lag, 
war die Frauenbewegung in ihrer Entwicklung innerhalb der 
Kreise des niederen und höheren Bürgerstandes geblieben, hatte 
sie ihre Aufgaben immer mehr den besonderen Bedürfnissen der 
Frauen dieser Kreise entsprechend gestellt. Wohl hatte man bei 
der Aufstellung des Grundprinzips des Allgemeinen deutschen 
Frauenvereins „Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihr im 
Wege stehenden Hindernissen" an die Not der Frau des vierten 
Standes so gut gedacht, wie an die berufslose Beamtentochter, 

1) Laura Marholm. Das Buch der Frauen. Paris und Leipzig 1895. — Zur Psycho- 
log^ie der Frau. Berlin. 

*) VgL Dr. PauIBcrgemann. Die werdende Frau in der neuen Dichtung. Leipzig 1898. 



— I09 — 

wohl ging — gerade im Gegensatz zum Lette verein — ein leb- 
haftes Gefühl von der Solidarität der Frauen aller Stände durch 
alle Kundgebungen des Vereins, und wieder und wieder finden 
wir die Arbeiterinnenfrage in irgend einer Form auf der Tages- 
ordnung. Die ersten Versuche, die Arbeiterinnen zu organisieren, 
gingen von Louise Otto und Marianne Menzzer, gingen von 
Mitgliedern des Allgemeinen deutschen Frauenvereins aus. 

Aber die Aufgaben auf dem einen und auf dem andern 
Gebiet hatten zu wenig Gemeinsames und zu viel Verschiedenes, und 
das Gemeinsame lag zu sehr in dem Ideellen, Abstrakten, das Ver- 
schiedene aber war greifbar, lag am Tage: hier kämpfte man um 
das Recht, arbeiten zu dürfen, dort zwang die Not die Mutter aus 
dem Hause, das ihrer Arbeit bedurfte, in die Fabrik, wo sie bei 
elendem Lohn und übermässiger Anspannung ihrer Kräfte wenig 
Interesse daran haben konnte, ob die bürgerliche Frauenbewegung 
davon zu überzeugen vermochte, dass „die Arbeit eine Pflicht 
und Ehre des weiblichen Geschlechts sei". Dazu war das Häuflein 
bürgerlicher Frauen, die der Frauenbewegung dienten, so klein 
und von seinen eigenen nächsten Zielen noch so weit und die 
Frauenfrage im vierten Stande ein so ungeheures Problem, dass 
die wenigen Versuche, die man zu machen im stände war, im 
Sande verlaufen mussten. 

Unterdessen war die Frauenfrage des vierten Standes aber 
bereits aufgenommen in das Programm, das für die proletarische 
Bewegung bis auf unsere Tage in steigendem Masse bestimmend 
werden sollte. In dem Manifest, mit dem Marx und Engels 1847 
den wissenschaftlichen Sozialismus begründeten, war auch 
der Frau, der Lohnarbeiterin gedacht, die, ihrem Hause entzogen, 
ihrem Mutterberuf entfremdet, die Arbeit des Mannes entwertend, 
schwerer noch als er unter der Ausbeutung des Kapitals leidet. 
Auch für sie giebt es keine Befreiung als durch Vernichtung 
des Klassenstaates. Auch an sie ergeht daher der Ruf: Proletarier 
aller Länder, vereinigt Euch! 

Was hier nur beiläufig als These aufgestellt war, fand seine 
eingehende Begründung in dem Buche von August Bebel: Die 
Frau und der Sozialismus. >) Bebel gebührt das Verdienst, das 



I) In erster Auflage erschienen Berlin 1879 und in wenigen Monaten vergriffen, 
trotzdem man unter dem Sozialistengesetz auf heimlichen Vertrieb angewiesen war. In 
zweiter, umgearbeiteter Auflage erschienen unter dem Titel : Die Frau in der Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft. Seitdem in vielen Auflagen. Obersetzt ins Schwedische, Polnische, 
Ungarische, Hollandische, Französische, Englische etc. 



— HO — 

Dogma von der sozialen und politischen Gleichberechtigiing der 
Frau aus den Prämissen der sozialistischen Theorie entwickelt 
und zu einem Bestandteil des sozialistischen Parteiprogramms 
gemacht zu haben. 

Bebeis Ausführungen über die Lage der Frau in Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft wurzeln in der materialistischen Geschichts- 
auffassung, der zufolge der soziale, politische und geistige Lebens- 
prozess seine ausschliesslichen Ursachen in den wirtschaftlichen 
Verhältnissen, in der Produktionsweise des materiellen Lebens hat 
Er weist nach, wie die bürgerliche Ehe aus der Gestaltung der 
bürgerlichen Eigentumsverhältnisse sich entwickelt hat und dass 
sie, wie andre soziale Lebensformen, den modernen Verhältnissen 
nicht mehr entspräche. Deshalb kann sie ihren Zweck nur teil- 
weise oder gar nicht erfüllen. Sie innerhalb der bestehenden Ge- 
sellschaftsordnung so umgestalten zu wollen, dass sie sittlichen 
und natürlichen Anforderungen entspricht, ist ein aussichtsloses 
Bemühen.') Weil nun unter den herrschenden Produktions- und 
Erwerbsverhältnissen die Ehe zur legitimen Befriedigung des Ge- 
schlechtstriebes keine ausreichende Möglichkeit giebt, so hat man 
die Prostitution für eine notwendige soziale Einrichtung erklären 
und staatlich sanktionieren müssen, und die unabsehbaren sittlichen 
und gesundheitlichen Schäden, die sie im Gefolge hat, zerrütten 
in deutlich erkennbarer Progressivität das Volksleben aller Kultur- 
staaten. Die Frau, die durch diese Zustände erniedrigt wird und 
am meisten unter ihnen leidet, hat Abhilfe gesucht und zunächst 
ökonomische Selbständigkeit, unbeschränkte Beteiligung am Erwerb 
verlangt. Wo man ihr diese in vollem Masse zugestanden hat, 
in der Industrie, zeigt sich wie überall, dass die bestehende 
kapitalistische Ordnung jeden Versuch, Besserung zu schaffen, 
nur neue Übel herbeiführen lässt, die wieder zur Schädigung der 
Frau führen. 

„Es muss also ein Gesellschaftszustand zu begründen versucht 
werden, in dem die gesamten Arbeitsmittel Eigentum der Gesell- 
schaft sind, ein Gesellschaftszustand, der die volle Gleichberechti- 
gung aller ohne Unterschied des Geschlechts anerkennt, der die 
Anwendung aller denkbaren technischen und wissenschaftlichen 
Verbesserungen und Entdeckungen in Verbindung mit der En- 
rollierung aller heute unproduktiv oder in schädlicher Richtung 
thätigen, und der Faulenzer und Nichtsthuer vornimmt und dahin 



1) Die Frau und der Sozialismus. la Aufl. S. 139 f. 



III 



wirkt, dass die zur Erhaltung der Gesellschaft notwendige Ar- 
beitszeit auf das geringste Mass verkürzt, die physische und 
geistige Entwicklung aller Gesellschaftsmitglieder aber auf das 
Höchste gehoben wird. Dadurch allein kann die Frau so gut wie 
der Mann ein produktiv nützliches und gleichberechtigtes Glied 
der Gesellschaft werden, kann sie alle ihre körperlichen und 
geistigen Fähigkeiten voll entwickeln, ihre geschlechtlichen 
Pflichten und Rechte erfüllen. Als Freie und Gleiche dem Manne 
gegenüberstehend, ist sie vor jeder unwürdigen Zumutung sicher." ») 
In der Richtung auf diesen Zustand entwickeln sich einerseits 
unsere wirtschaftlichen Verhältnisse, durch die die Frau je länger 
je mehr gezwungen wird, aus ihrer Häuslichkeit herauszutreten; 
nach dieser Richtung geht aber auch mehr und mehr das eigene 
Streben der Frauen, wie die Forderungen und Erfolge der Frauen- 
bewegung beweisen. Dass die Frau im stände sein wird, der 
Kultur dieselben geistigen Werte zuzuführen wie der Mann, erscheint 
dem Verfasser ausser Frage. Wenn sie jetzt noch keine voll- 
giltigen Beweise dafür erbringen konnte, so lag es in ihrer ge- 
drückten Stellung. Unter die gleichen Lebensbedingungen gestellt 
wie der Mann, würde sie sich zu gleicher Leistungsfähigkeit ent- 
wickeln. 

Die Stellung der Frau im Zukunftsstaat skizziert Bebel zum 
Schluss auf Grund seiner vorhergehenden Ausführungen mit 
wenigen Strichen: 

Die Frau ist in der neuen Gesellschaft sozial und ökonomisch 
vollkommen unabhängig, sie ist keinem Schein von Herrschaft und Aus- 
beutung mehr unterworfen, sie steht nunmehr dem Mann als Freie, 
Gleiche gegenüber, sie ist Herrin ihrer Geschicke. 

Ihre Erziehung ist jener des Mannes gleich, ausgenommen dort, 
wo die Geschlechtsverschiedenheit Abweichungen und eigenartige Be- 
handlung unumgänglich machen; sie kann unter naturgemässen 
Lebensbedingungen alle ihre physischen und geistigen Kräfte und Fähig- 
keiten entwickeln; sie kann für ihre Thätigkeit diejenigen Gebiete 
wählen, die ihren Wünschen, Neigungen und Anlagen entsprechen. 
Hier ist sie genau unter denselben Bedingungen wie der Mann thätig. 
Eben noch praktische Arbeiterin in irgend einem Gewerbe, ist sie in 
der nächsten Stunde Erzieherin, Lehrerin, Pflegerin, übt sie an einem 
dritten Teil des Tages irgend eine Kunst aus oder pflegt eine Wissen- 
schaft, und versieht in einem vierten Teil irgend eine verwaltende 
Funktion. Sie geniesst Studien, Vergnügungen und Unterhaltungen 



«) A. a. O. S. l^a f. 



— 112 — 

mit ihres Gleichen oder mit Männern ganz, wie es ihr beliebt und die 
Gelegenheit sich bietet. 

In der Liebeswahl ist sie so gut wie der Mann frei und ungehindert. 
Sie freit oder lässt sich freien und schliesst den Bund aus keiner 
andern Rücksicht, als auf ihre Neigung. Dieser Bund ist ein Privat- 
vertrag ohne Dazwischentreten irgend eines Funktionärs. 

Stellt sich Unverträglichkeit, Enttäuschung oder Abneigung heraus, 
so gebietet die Moral, die unnatürlich und darum unsittlich gewordene 
Verbindung zu lösen.») 

Voraussetzung ist die Aufhebung des Privateigentums und die 
staatliche Kindererziehung. 

Die praktische Konsequenz der ganzen Ausführungen ist die, 
dass die unterdrückte Frau ihre natürliche und einzig mächtige, 
zielbewusste Bundesgenossenschaft in der Proletarierbewegung zu 
suchen hat, dass andrerseits die Proletarier in ihrer Arbeit an der 
Erschafiiing des Zukunftsstaates auf die Heranziehung der Frau 
als gleichberechtigter Genossin zu unbeschränkter Mitarbeit ein 
Hauptgewicht zu legen haben. 

Inwieweit Prämissen und Folgerungen in Bebeis Aufbau ein- 
ander wirklich entsprechen, inwieweit sein Ausgangspunkt selbst 
wissenschaftlich anzuerkennen ist, inwieweit er mit der Durch- 
führung seiner Gedanken in das Gebiet der Utopie hinübergreift, 
das zu untersuchen liegt hier um so weniger Grund vor, als es 
für die Wirkung des Bebeischen Buchs kaum von Bedeutung ist. 
Diese vollzog sich, soweit sie eine praktische war, innerhalb der 
Partei, die seine theoretischen Grundlagen anerkannte, und findet 
ihren deutlichen Ausdruck in der Modifikation, die die Stellung 
der Frau innerhalb der Partei allmählich erfährt. 

Noch in den Beschlüssen des Eisenacher Parteitags 1869 
beschränkt man die Forderung des allgemeinen, gleichen, direkten 
und geheimen Wahlrechts auf alle Männer vom 20. Jahre an und 
berührt die Lage der Frau nur mit der Forderung „Einschränkung 
der Frauenarbeit". Der Gothaer Parteitag von 1875 stellt sich 
schon auf den in dem Buche Bebeis später eingehend begründeten 
Standpunkt, doch fast mehr mit der Tendenz, ihn zu verschleiern, 
als ihn ausdrücklich hervorzuheben. 

So wird in dem Programm ganz allgemein als Ziel der 
sozialistischen Partei hingestellt: Aufhebung der Ausbeutung in 
jeder Gestalt, Beseitigung aller sozialen und politischen 
Ungleichheit und es ist dabei an die Ausbeutung der Frau und 



») A. a. O. S. 337 f. 



— 113 — 

die Ungleichheit der Geschlechter auch gedacht; unter den Grund- 
lagen des Staats nennen die Beschlüsse: 

I. Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit ge- 
heimer und obligatorischer Stimmabgabe aller Staatsangehörigen vom 
20. Lebensjahre an für alle Wahlen und Abstimmungen in Staat und 
Gemeinde. 

4. Abschaffung aller Ausnahmegesetze, namentlich der Press-, 
Vereins- und Versammlungsgesetze. 

5. Verbot der Kinderarbeit und aller die Gesundheit und Sittlichkeit 
schädigenden Frauenarbeit 

In dem Erfurter Programm von 1891 aber heisst es aus- 
drücklich: 

Die sozialdemokratische Partei Deutschlands kämpft also nicht für 
neue Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für die Abschaffung 
der Klassenherrschaft und der Klassen selbst und für gleiche Rechte 
und gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechtes und der 
Abstammung. Von diesen Anschauungen ausgehend, bekämpft sie in 
der heutigen Gesellschaft nicht bloss die Ausbeutung und Unterdrückung 
der Lohnarbeiter, sondern jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung, 
richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder 
eine Rasse. 

Ausgehend von diesen Grundsätzen fordert die sozialdemokratische 
Partei Deutschlands zunächst: 

I. Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit ge- 
heimer Stimmabgabe aller über 20 Jahre alten Reichsangehörigen 
ohne Unterschied des Geschlechts. 

5. Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffent- 
licher und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem 
Manne benachteiligen. 

Ihrem Programm entsprechend hat die sozialdemokratische 
Partei auch ihre Organisation so modifiziert, dass Frauen innerhalb 
der Partei in derselben Weise arbeiten können wie die Männer. 
Auf dem Berliner Parteitag von 1892 wurde an die Stelle des 
Wortes „Vertrauensmänner" „Vertrauenspersonen" in die Ver- 
fassung eingefügt, um die Wahl von Frauen für diese Posten zu 
ermöglichen. Auf dem Gothaer Parteitag 1896 wurde Frau Clara 
Zetkin in den Parteivorstand gewählt, dem sie seitdem angehört. 
Auf dem Mainzer Parteitag, auf dem eine Veränderung der 
Organisation — Ersatz des Systems der Vertrauenspersonen durch 
fest organisierte Vereine — vorgenommen wurde, beschloss man 
auf Antrag der Genossinnen, in den Staaten das alte System bei- 
zubehalten, wo die Vereinsgesetze den Frauen die Teilnahme an 

Handbuch der Frauenbewegung. L Teil. 8 



— 114 — 

politischen Vereinen nicht gestatten, ausserdem die Vertrauens- 
personen der Genossinnen überall, wo das Vereinsrecht nicht 
hindernd im Wege stünde, als Gleichberechtigte an den internen 
Beratungen und Arbeiten der Gesamtpartei teilnehmen zu lassen. 

Im Parlament ist die sozialdemokratische Partei seit Anfang 
der siebziger Jahre bei jeder Gelegenheit für die Gleichberechtigung 
der Frau eingetreten. Am 13. Februar 1895 trat Bebel selbst in 
einer ausführlichen Begründung eines von seiner Partei ein- 
gebrachten Antrags für das politische Wahlrecht der Frau ein und 
brachte es damit zum ersten Mal im Deutschen Reichstag zur Sprache. 
In den Debatten um das bürgerliche Gesetzbuch vertrat die Partei die 
civilrechtliche Gleichstellung der Frau, und häufig — vor allem 1896, 
wo die Partei einen dahingehenden Antrag einbrachte — trat sie 
für unbeschränkte Vereins- und Versammlungsfreiheit für die 
Frauen ein. 

Damit war den Genossinnen die Richtung gegeben, nach der 
sie eine Hebung ihrer Lage versuchen mussten. Eine Frauen- 
bewegung giebt es für die Proletarierin nicht. Nicht gegen die 
Männer hat sie zu kämpfen, die ihr Erwerbsmöglichkeiten ver- 
schliessen, die sie sich eröffnen möchte, sondern gegen die 
Kapitalistenklasse, die sie schlimmer ausbeutet, als der Mann aus- 
gebeutet wird, und mit den Männern ihrer Klasse arbeitet sie an 
der Herbeiführung des Zukunftsstaates, der ihr erst die Freiheit 
geben soll, die ihre ganze Klasse für sie verlangt. 

Trotzdem aber ist eine Sonderorganisation der demokratischen 
Frauen notwendig geworden. Zunächst aus dem äusseren Grunde, 
dass die Arbeiterinnen in vielen Bundesstaaten (Preussen, Bayern, 
Braunschweig, Lippe, Anhalt, beide Reuss) durch die herrschenden 
Koalitionsverbote von den Organisationen der Männer aus- 
geschlossen waren. Dann aber auch, weil die besonderen Ver- 
hältnisse der proletarischen Frau eine besondere Handhabung der 
Agitation notwendig machen, die immer am verständnisvollsten 
und nachdrücklichsten von Frauen ausgeführt wird. Und schliesslich, 
weil die Frau, so einheitlich die Partei als solche für ihr 
Geschlecht eintrat, doch häufig genug den einzelnen Genossen 
gegenüber für Wahrung ihrer Interessen selbst einzustehen hat, 
weil schliessUch auch hier der Grundsatz sich bewahrheitete, dass 
keine Klasse von Individuen die Interessen irgend einer andern 
so zu vertreten vermag, als wären es ihre eigenen. 

So entschieden aber wie die im Klassenkampf stehenden 
Proletarierinnen den Ausdruck „sozialistische Frauenbewegung'* ab- 



— 115 — 

gelehnt haben, so energisch betonen sie immer wieder die voll- 
kommene Verschiedenheit ihrer Ziele und der Ziele der bürgerlichen 
Frauenbewegung, so beharrlich weisen sie den Gedanken ge- 
meinsamer Arbeit mit den bürgerlichen Frauen von sich. Vom 
Standpunkt der sozialistischen Frauen ist nicht etwa die Frauen- 
bewegung das weitere Gebiet, auf dem Frauen der verschiedensten 
Parteien gemeinsam für ihr Geschlecht kämpfen, sondern die 
Befreiung der Frau ist nur möglich durch Überwindung des 
Kllassenstaates, und die Proletarierin würde sich durch jeden 
Schritt von dem Boden ihres sozialistischen Bekenntnisses zugleich 
von dem einzigen Weg, ihre Befreiung zu erlangen, entfernen. 
Ausser diesen prinzipiellen sind es auch taktische Gründe, die den 
sozialistischen Führerinnen ein Zusammengehen mit der bürger- 
lichen Frauenbewegung auch auf „neutralen Gebieten" häufig 
verbieten. Sie wissen, dass sie mit jedem, wenn auch nur schein- 
baren momentanen Aufgeben ihrer Parteistellung in den weiteren 
Kreisen ihrer Anhängerinnen missverstanden werden und verwirrend 
wirken würden. Es ist für sie, wie für alle, die Führer der grossen 
Massen sein wollen, Lebensbedingung, ihr Programm durch keinerlei 
Kompromisse in den Augen der Leute, für die subtile Unterschiede 
unverständlich sein müssen, zu verwischen. Und da die Frauen 
des vierten Standes naturgemäss noch an politischem Verständnis 
hinter den Männern zurückstehen, da das Solidaritätsgefühl bei 
ihnen noch weniger entwickelt ist, so muss die Zurückhaltung der 
Führerinnen der bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber noch 
rigoroser sein, als die der Sozialdemokratie gegenüber den bürger- 
lichen Parteien überhaupt.») 

Auf dieser Grundlage hat sich die sozialistische Frauen- 
bewegung, die, soweit sie innerhalb der bestehenden Gesellschafts- 
ordnung praktische Reformen erstrebt, mit der Arbeiterinnen- 
bewegung zusammenfällt, selbständig neben der bürgerlichen 
Frauenbewegung entwickelt. «) 



1) Diese Stellung zur borgerlichen Frauenbewegung ist auch in dem Beschluss der 
Frauenkonferenz des Mainzer Parteitags 1900 nicht aufgegeben. Es wiu-de dort Oberein- 
stimmend die Ansicht geäussert, „dass kein Grund vorliege, die grundsatzliche Stellung der 
proletarischen Frauenbewegung zur bürgerlichen einer Revision su unterziehen. Inwieweit 
einzelne Genossinnen auf Gebieten, die ausserhalb der sozialistischen Bewegtmg liegen oder 
von dieser zur Zeit noch nicht erfasst werden können, mit Frauenrechtlerinnen oder andern 
bürgerlichen Elementen gelegentlich oder vorübergehend zusammenwirken könnten, das 
müsse dem persönlichen Ermessen, ihrem Geschmack, ihrem Taktgefühl xmd der Wichtig- 
keit besondrer Umstflnde überlassen bleiben.* 

>) Die Arbeiterinnenbewegimg findet hier niir so weit Berücksichtigung, als unbedingt 
zum Zusammenhang gehört. Eine eingehende Darstellung siehe in Teil IL 

8* 



— ii6 — 

2. 
Die Arbeiterinnenbewegung. 

Die Arbeiterinnenbewegung in Deutschland ist eine ununter- 
brochene Folge mühsamen Aufrichtens und rücksichtsloser 
Zerstörung, eine Sysiphusarbeit im eigentlichen Sinne des Wortes. 
Wenn mit unendlicher Mühe und Energie alle Schwierigkeiten 
überwunden sind, die den Organisationsversuchen aus der ge- 
drückten Lage der Arbeiterinnen erwachsen und der Verein zu 
einiger Blüte gebracht ist, so erfolgt die Denunziation wegen 
Verhandlung politischer Gegenstände und die Auflösung durch die 
Polizei. In Preussen giebt der § 8 des Vereinsgesetzes, der Frauen 
die Teilnahme an politischen Vereinen verbietet, in Verbindung 
mit dem reichsgerichtlichen Erkenntnis vom lo. November 1887 >) bis 
heute eine Handhabe zur Unterdrückung jedes Arbeiterinnen- 
vereins, der sich mit seinen Berufsinteressen beschäftigt. 

Die Führerinnen der proletarischen Frauen haben also zu den 
verschiedensten Formen der Organisation und Agitation greifen 
müssen, um diese gesetzlichen Bestimmungen zu umgehen. Da- 
durch kennzeichnet sich die Geschichte der Arbeiterinnenbewegung 
äusserlich; innerlich durch eine strengere Konzentration auf 
praktische Ziele, eine genauere Fühlung mit den durch Gesetz- 
gebung und Volkswirtschaft gegebenen realen Verhältnissen, alles in 
allem durch stärkere Ausprägung des Charakters eines Interessen- 
kampfes, als sie die bürgerliche Frauenbewegung kennzeichnet 

Was die Ziele der Arbeiterinnenbewegung betrifft, so handelt 
es sich um eine allgemeine Hebung der Lage der Proletarierin 
durch Belehrung und Aufklärung, durch Unterstützungskassen und 
Arbeitsnachweise, und, wozu diese beiden letzten Mittel schon 
hinüberleiten, schliesslich um Vertretung der Interessen der 
Arbeiterinnen in gewerkschaftlichen Organisationen. In allen 
Stadien ihrer Entwicklung hat die Arbeiterinnenbewegung zugleich 
die Gesetzgebung im Sinne eines erweiterten Arbeiterinnenschutzes 
zu beeinflussen versucht 

Es sind, abgesehen von den von bürgerlichen Frauen aus- 
gegangenen Organisationsversuchen, in der Arbeiterinnenbewegung 
drei Abschnitte zu unterscheiden, der erste bis 1886, der zweite 
bis 1895, der dritte von da bis heute. 

1) «Unter politischen Ge^enstAnden wird man alle An^legenheiten zu verstehen haben, 
welche Verfassung, Verwaltung, Gesetzgebung des Staats, der staatsbürgerlichen Rechte 
der Unterthanen und die internationalen Beziehungen der SUaten in sich begreifen.* 



— 117 — 

In der ersten Periode entstand durch die Anregung des 
Kulturbundes,*) aber auf eigene Initiative der Arbeiterinnen in 
Berlin ein „Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen", 
dessen Mitgliederzahl auf einige Tausende stieg. Seine Begründung 
im Zusammenhang mit der Thätigkeit des Kulturbundes führte zu 
der ersten entschiedenen Trennung der bürgerlichen und der 
proletarischen Frauenbewegung, bei der die Begründerin des 
Kulturbundes, Gräfin Guillaume-Schack, sowie Frau Marie 
Hof mann zur proletarischen Frauenbewegung übergingen und 
mit den Frauen Kreutz, Stägemann, Haase, Cantius, Ihrer 
und Leuschner die Leitung des Vereins übernahmen. Der 
Verein hatte sowohl in der Agitation zur Begründung ähnlicher 
Vereine, als in der Wahrung der materiellen Interessen der 
Arbeiterinnen durch Festsetzung von Lohntarifen mit den Unter- 
nehmern, als schliesslich in der Beeinflussung der Gesetzgebung 
bei Gelegenheit eines in Aussicht stehenden Zolls auf englisches 
Nähgarn bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen. Im Jahre 
1886 wurden jedoch alle in Verbindung mit dem Centralverein 
stehenden Berliner Arbeiterinnenorganisationen auf Grund des er- 
wähnten Paragraphen des Vereinsgesetzes, zu dessen Anwendung 
sie einer rigoros vorgehen- wollenden Polizei Gelegenheit genug 
gegeben hatten, aufgelöst. Ebenso verfuhr man mit ähnlichen 
Vereinen in andern preussischen Städten. 

Diese Auflösung, der ein — im Vereinsgesetz nicht be- 
gründetes — polizeiliches Verbot öffentlicher Frauenversammlungen 
folgte, zwang die sozialistischen Frauen, andre Wege zu wählen. 
Nach doppelter Richtung. Einmal drängte diese Massnahme sie 
zu zahlreicher Teilnahme an den Männerversammlungen, die sie 
bis dahin nur wenig besucht hatten ; und die Polizeibehörde wagte 
nicht, das gesetzlich nicht begründete Verbot der Teilnahme von 
Frauen an politischen Versammlungen (es handelt sich im § 8 
des Vereinsgesetzes nur um Vereine) nun wieder in Anwendung 
zu bringen. Erst jetzt nahm die Arbeiterinnenbewegung den 
dezidiert politischen Charakter an, den sie seither bewahrt hat, 
und die Frauen traten als Referentinnen und Rednerinnen 
bei Volksversammlungen und Arbeiterkongressen neben den 
Männern auf. 

Die Aufnahme der Frauen in die Gewerkschaften wurde aber 
erst mit Aufhebung des Sozialistengesetzes, unter dessen Herrschaft 



1) S. Kapitel XIQ. Die Frauenbewegung in den achtziger Jahren. 



— ii8 — 

Gewerkschaften als politische Vereine behandelt wurden, möglich. 
Auf der Berliner Gewerkschaftskonferenz von 1890 wurde nicht 
nur ein weibliches Mitglied in die Generalkommission der deutschen 
Gewerkschaften gewählt, sondern es wurden im Anschluss an diese 
Konferenz auf Antrag der Frauen von der Mehrzahl der Gewerk- 
schaften die Statuten so umgeändert, dass die Aufnahme weiblicher 
Mitglieder möglich wurde. 

Man versuchte aber andrerseits auch, für die besondere 
Agitation unter den Frauen doch wieder einen Mittelpunkt zu 
schaffen in einer Agitationskommission, die ohne Vorstand und 
Statuten, in äusserlich loser Verbindung, die zerstörte Arbeit von 
neuem begann und der es nach persönlicher Audienz zweier Mit- 
glieder bei dem Minister von Herrfurth gelang, Versammlungen 
zur Besprechung der Interessen der Arbeiterinnen, die in der ersten 
Zeit beständig untersagt oder aufgelöst worden waren, von da an 
unbehindert einberufen zu dürfen. Hier wurde vor allem die 
Forderung weiblicher Fabrikinspektion wiederholt erörtert und ver- 
treten, eine Forderung, die die sozialdemokratische Partei ebenso 
wie die der Verleihung des Wahlrechts für die Gewerbegerichte 
an die Arbeiterinnen, auch im Parlamente immer wieder mit 
Energie geltend machte. 

Ein Versuch der Agitationskommission, im Interesse der ver- 
heirateten Frauen und Heimarbeiterinnen, denen die Gewerkschaften 
nicht offen standen, wieder einen Frauenbildungsverein ins Leben 
zu rufen, wurde für alles bis dahin Aufgebaute wieder verhängnis- 
voll. 1895 wurde nicht nur dieser neue Verein, sondern auch die 
Agitationskommission als politischer Verein aufgelöst. Und wieder 
traf dasselbe Schicksal Agitationskommissionen in Frankfurt a. M., 
in Düsseldorf, Breslau, den Leipziger Arbeiterinnenverein und 
Frauenbildungs- und Fachvereine in allen Teilen Deutschlands, 
ein Vorgehen, das um so tiefer erbittern musste, als die bürgerliche 
Frauenbewegung unbeanstandet, ja, womöglich durch die Anwesen- 
heit städtischer und staatlicher Behörden offiziell sanktioniert, die- 
selben Dinge verhandelte. 

Man hat nun die Agitation unter den Arbeiterinnen an den 
einzelnen Orten weiblichen Vertrauenspersonen übertragen. Dieser 
Posten blieb, wie schon erwähnt, auf Antrag der Frauen für die 
Bundesstaaten, in denen das Vereinsgesetz politische Frauen- 
vereine verbietet, auch bestehen, als auf dem Mainzer Parteitag 
von 1900 das Institut der Vertrauenspersonen von der sozial- 
demokratischen Partei aufgegeben wurde. 



— 119 — 

Unter der Leitung der Vertrauenspersonen ist die Propaganda 
unter den proletarischen Frauen eine sehr ausgedehnte. Das ganze 
Jahr hindurch bereisen Agitatorinnen grosse und kleine Orte in 
allen Teilen Deutschlands, die sozialdemokratischen Tageszeitungen 
unterstützen diese Propaganda kräftig, den Mittelpunkt für die 
schriftliche Agitation bildet die von Frau Klara Zetkin heraus- 
gegebene Halbmonatsschrift: „Die Gleichheit."') 

Die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen hat 
einen kräftigen Aufschwung erst genommen seit der Gründung 
der „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands", die 
vor allem seit 1895 eine systematische, planvoll ins Werk gesetzte 
und ausgezeichnet geleitete Agitation unter den Arbeiterinnen er- 
öffnete. Der politisch-agitatorische Charakter tritt bei den von 
hier ausgehenden Bestrebungen hinter den rein gewerkschaftlichen 
zurück, obgleich selbstverständlich die sozialistische Grundlage für 
die gesamte Arbeit festgehalten wird. Für die gewerkschaftliche 
Organisation der Arbeiterinnen sind die Schwierigkeiten fast noch 
grössere als für die rein politische, da sie die Arbeiterinnen zu 
grösseren und vor allem andauernderen Leistungen heranziehen 
muss. Doch sind die Erfolge, wenn auch im Hinblick auf die 
Zahl der Industriearbeiterinnen gering, so doch mit Rücksicht auf 
die ausserordentlichen Schwierigkeiten immerhin bemerkenswert. 
Die Zahl der in centralisierten Verbänden organisierten Arbeiterinnen 
ist von 1892 — 1899 mit einigen Schwankungen progressiv von 4355 
auf 19 280 gestiegen. Daneben bestehen noch einzelne nicht ange- 
schlossene lokale Fachvereine, über die genaues statistisches 
Material nicht vorliegt.») 

xvn. 

Neue Aufgaben und neue Arbeitsgebiete. 

Die neue Ära in der Sozialpolitik, die, vorbereitet durch das 
Erstarken der Sozialdemokratie und den Einfluss des Katheder- 
sozialismus, mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes, dem 
kaiserlichen Erlass vom 4. Februar 1890, der internationalen 
Arbeiterkonferenz vom 15. bis 29. März und der Arbeiter- 
schutzgesetzgebung vom I. Juni 1891 einsetzte, hat in zwiefacher 
Beziehung einen Einfluss auf die Entwicklung der bürgerlichen 
Frauenbewegung in Deutschland geübt. Einmal stellt sie die 

>) Für alle Litteratur vgl. den Artikel Arbeiterinnenbewegung in Teil U. 
*) Eingehendes über die gewerkschaftlichen Organisationen s. Teil II u. IV. 



— I20 — 

Frauenbewegung vor neue Aufgaben von im engeren Sinne sozial- 
politischem Charakter — Agitation für weibliche Fabrikinspektion, 
für unbeschränkte Koalitionsfreiheit für die Frauen, für die Wähl- 
barkeit der Frauen zu Gewerbegerichten u. s. w. Andrerseits 
macht sich der Wandel, der sich in den sozialen Anschauungen 
massgebender Kreise in dieser Zeit vollzieht, auch in der Be- 
urteilung der Frauenfrage und Frauenbewegung geltend. Man 
wird vorurteilsloser in der Würdigung ihrer Ursachen und 
Ziele, man beginnt, wie auf andern Gebieten, so auch hier, seine 
Dogmen durch die Erkenntnis der ehernen Notwendigkeit in der 
wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung korrigieren zu lassen. 

Der Anfang der neunziger Jahre bedeutet für die Frauen- 
sache, wie in der Bildungsbewegung so auf sozialpolitischem 
Gebiet, eine Zeit kräftiger neuer Impulse. Die Begründerin der 
deutschen Frauenbewegung, Louise Otto, konnte vor ihrem Tode 
(1895) die Saat noch allenthalben spriessen sehen, der sie und 
ihre Helferinnen in jahrzehntelanger treuer Arbeit den Boden be- 
reitet hatten. Fast gleichzeitig ergreift die Frauenbewegung, von 
verschiedenen Centren ausgehend und unter verschiedenen Ge- 
sichtspunkten, eine Reihe neuer Gebiete, in der Wohlfahrts- 
pflege, in der Sittlichkeits- und Mässigkeitsbewegung, in 
den Rechtschutzbestrebungen, in den Berufsorganisationen. 



Eine in ihrer Arbeit ziemlich alleinstehende Vorläuferin auf 
dem Gebiete sozialpolitischer Frauenarbeit ist die Gräfin Butler- 
Haimhausen. Schon 1854 begann ihr Wirken mit der Er- 
ziehung armer Kinder aus dem bayrischen Landgerichtsbezirk 
Dachau. Ihr Gedanke dabei war, dem Bauernstande, der länd- 
lichen Bevölkerung tüchtige Kräfte zu erziehen, die aufwachsende 
Generation zu erhalten. Der von ihr zu umfassenderem Wirken 
auf diesem Gebiete gegründete oberbayrische Marienverein bildet 
jetzt in einer Anstalt in Indersdorf 180 Kinder in diesem Sinne 
aus. Ein andrer Versuch zu demselben Zweck war die Gründung 
einer Arbeiterkolonie in Georgenried (1869), ein Versuch, der aller- 
dings fehlschlug, weil es der Gründerin nicht glückte, Verständnis 
für ihre Ideen und die notwendigen Hilfskräfte zu finden. Ein 
Asyl ftlr Obdachlose und ein Heim für alte Dienstboten und kleine 
Pensionistinnen in München, die ihrem ersten Unternehmen etwa 
entsprechende Marienanstalt in Neuhausen verdanken ihrer 
Initiative ihre Entstehung. 



— 121 — 

Die letzte Schöpfung, an der sie beteiligt war, das Arbeite- 
rinnenheim in München, steht schon unter dem Eindruck 
der reichsstatistischen Erhebungen über die Lohnverhältnisse in 
der Wäsche- und Konfektionsbranche von 1889. Seine Begrün- 
derin, Frau Betty Naue, versuchte mit diesem Heim, dem eine 
Rechtsschutzstelle, eine Darlehns- und Unterstützungskasse, eine 
Werkstätte für Nadelarbeiten angegliedert ist, in kleinem Kreise 
den Arbeiterinnen zu helfen, denen ihre wirtschaftliche Lage 
Selbsthilfe unmöglich machte. 

« * 

Ein Ausgangspunkt für die neuen Wege, auf die die 
Frauenbewegung in dieser neuen sozialpolitischen Ära gewiesen 
wurde, war die Gesellschaft für ethische Kultur in Berlin, die 1892 
von Männern und Frauen begründet wurde. Ihr bedeutendster 
Führer Professor Georg von Giiycki, ein Vertreter des eng- 
lischen Positivismus, verwirklichte innerhalb der Gesellschaft den 
Gedanken der vollen Gleichberechtigung der Frau, den er wie 
die andern Führer der Gesellschaft vertrat. Eines der nächsten 
praktischen Ziele war eine von sozialpolitischen Gesichtspunkten 
geleitete Reform der privaten Wohlfahrtspflege. 

Für die Ausführung dieser Aufgabe ergriff eine Frau die 
Initiative, die in den wenigen Jahren, in denen sie der deutschen 
Frauenbewegung angehörte, in vieler Hinsicht einen bestimmenden 
Einfluss auf sie geübt hat, Frau Jeannette Schwerin.') Sie 
begründete im Frühjahr 1893 die Auskunftsstelle der Gesellschaft 
für ethische Kultur. Diese sollte eine Centrale darstellen, von der 
aus auf Grund eines sorgfältig gesammelten Materials über die 
Wohlfahrtseinrichtungen der Stadt Hilfsbedürftige den Vereinen 
und Anstalten zugewiesen wurden, die ihrer besonderen Be- 
stimmung entsprechend für sie einzutreten vermochten. 

Die erste Gelegenheit, ihre Kraft unmittelbar in den Dienst der 
Frauenbewegung zu stellen, fand sie in dem 1888 gegründeten 
Verein „Frauenwohl" ') in Berlin. Dieser Verein wurde als Frauen- 
gruppe der „deutschen akademischen Vereinigung" auf Anregung 
verschiedener Mitglieder 1888 ins Leben gerufen, „um die gleich- 



1) VgL Handbuch der Frauenbewegung, Teil IL Soziale Hilfsthfttigkeit Zeitschrift 
fOr ethische Kultur. Jahrg. 1899. No. 43 iL 44. Centralblatt des Bundes deutscher Frauen- 
vereine, z. Jahrg., No. zo. 

3) VgL Allgemeine deutsche Universitfltszeitung. IV. Jahrg. No. 7, S. 55. 



— 122 — 

strebenden Frauen zum gemeinsamen Wirken für alle berechtigten 
Frauenbestrebungen der Gegenwart zusammenzufassen". Man wollte 
„vor allen Dingen auch den über das Ziel hinausschiessenden 
Bestrebungen und den ungerechtfertigten Emanzipationsgelüsten, 
welche auch die gerechtfertigten Bestrebungen in den Augen der 
Welt geschädigt haben, durch massvolles Eintreten entgegen- 
wirken". Diese Tendenz kam auch in den Satzungen zum 
Ausdruck. 

Die nächsten Ziele des Vereins waren die Gewinnung eines 
wirksamen Einflusses der Frauen auf die Erziehung der Jugend, 
besonders der weiblichen, gründliche Reform des Mädchenschul- 
wesens, Ausdehnung der Erwerbsthätigkeit der Frauen, namentlich 
die Eröffnung neuer Berufsarten auf wissenschaftlichen und gewerb- 
lichen Gebieten, Zulassung der Frauen zu den bestehenden wissen- 
schaftlichen und gewerblichen Lehranstalten und die Neubegründung 
solcher für Frauen bestimmten Anstalten. 

Besprechungen und Verhandlungen über politische Gegen- 
stände waren laut § 4 ausdrücklich ausgeschlossen. Für die Ent- 
wicklung des Vereins bot Berlin insofern einen günstigen Boden, 
als der Letteverein sich mehr und mehr auf die Erhaltung und 
den Ausbau seiner Anstalten zurückzog und andre aus der 
Frauenbewegung erwachsene Vereine gleichfalls ihren speziellen 
Aufgaben dienten, so dass die Frauenbewegung in Berlin keine 
eigentliche Vertretung hatte. 

Der Verein, der von seiner Gründung an unter Leitung von 
Frau Minna Cauer stand, hielt sich in den ersten Jahren seines 
Bestehens in seinen praktischen Bestrebungen durchaus innerhalb der 
Richtung der Frauenbildungs- und Erwerbsvereine, richtete Garten- 
baukurse ein, photographische Kurse für Frauen u. dergl. m., 
und gründete Zweigvereine in Danzig, Königsberg, Breslau und 
Frankfurt a. O. 

Ein Schritt, der in seinen Konsequenzen über den bisher 
von der Berliner Frauenbewegung innegehaltenen Rahmen hin- 
ausführen sollte, war die Begründung der Mädchen- und Frauen- 
gruppen für soziale Hilfsarbeit, die auf Frau Cauers Anregung 1893 
ins Leben traten. Sie verfolgten den Zweck, Frauen und Mädchen zu 
freiwilligen Hilfsleistungen auf den verschiedenen Gebieten der Wohl- 
fahrtspflege auszubilden und systematisch zu verteilen. In das 
Komitee dieser Gruppen trat Frau Schwerin im Herbst 1893, — 
nicht ohne Bedenken, da sie erkannte, wie nahe die Gefahr 
dilettantischer Geschäftigkeit auf nicht beherrschten Gebieten bei 



— 123 — 

dieser Organisation lag; dass diese Gefahr in der weiteren Ent- 
wicklung der Gruppen vermieden wurde, ist ihrem Einfluss zu 
danken. Ihr durch nationalökonomische Studien und ernste soziale 
Arbeit gereiftes Urteil, ihr klarer Blick für das Durchführbare und 
im Augenblick Nächstliegende und Notwendige und für die Mittel, 
es zu erreichen, ihre organisatorischen Fähigkeiten gaben der Arbeit 
der Mädchen- und Frauengruppen mehr und mehr den Charakter 
einer Schule für eine spätere, gesetzlich autorisierte und berufs- 
mässige Mitarbeit der Frau im öffentlichen Leben. Aus ihren 
Schülerinnen sind der Frauenbewegung eine Reihe ihrer besten 
Kräfte erwachsen, und die freiwillige Arbeit, die dort mit dem 
Ernst berufsmässiger Pflichterfüllung geleistet wurde, war eine beredte 
Propaganda für die spätere Zulassung der Frauen zur gesetzlichen 
Armen- und Waisenpflege. 

Als zweite Vorsitzende des Berliner Frauenvereins (der als 
Zweigverein des Allgemeinen deutschen Frauenvereins 1894 von 
Helene Lange gegründet worden war) schuf Frau Schwerin 
ferner nach dem Muster der Hauspflege in Frankfurt a. M. die 
grosse Organisation der Berliner Hauspflege.') 

* * 

* 

Eine gleichfalls von Berlin ausgehende Gebietserweiterung 
der Frauenbewegung war die energische Wiederaufnahme der 
Sittlichkeitsbewegung durch den im Jahre 1889 von Frau Hanna 
Bieber-Böhm gegründeten Verein Jugendschutz in Berlin.«) 

Der Verein verfolgt einen doppelten Zweck. Er will einerseits, 
seinem Namen entsprechend, vorbeugend und rettend an der durch 
die staatlich sanktionierte Unsittlichkeit gefährdeten Jugend arbeiten, 
er will andrerseits durch Wort und Schrift die Unsittlichkeit be- 
kämpfen und im Sinne einer strengeren Auffassung der Geschlechts- 
moral auf das öffentliche Bewusstsein einwirken. 

In der Erfassung der Unsittlichkeit als einer zum Teil auf 
wirtschaftlich-sozialen Verhältnissen beruhenden Erscheinung — 
dem Schlafstellenunwesen, der Ausbeutung der Arbeiterinnen — 
versuchte der Verein durch Gründung von Heimen für erwerbs- 
thätige Mädchen, eines Kinderhortes und Kindergartens seinem 
ersten Zweck zu dienen, er versuchte auf Erhöhung der Löhne 



>) VgL Handbuch der Frauenbewegung, Teil IL 

S) S. die eingehende Darstellung der Sittlichkeitsbewegung. Handbuch der Frauen- 
bewegung, Teil n. 



— 124 — 

und früheren Geschäftsschluss bei den Arbeitgebern einzuwirken 
und gewährte unbemittelten Frauen und Mädchen unentgeltlichen 
Rechtsschutz. Er entfaltete eine rege propagandistische Thätigkeit 
durch Verbreitung zahlreicher aufklärender pädagogischer, 
hygienischer und ethischer Schriften. Man begann um diese Zeit 
in der Frauenbewegung hier und da auf die Sittlichkeitsfrage ein- 
zugehen. In den Erörterungen über die Notwendigkeit weiblicher 
Ärzte war das Gebiet häufig gestreift; Frau Marie Stritt hatte 
es 1891 auf der Generalversammlung des Allgemeinen deutschen 
Frauenvereins in einem Vortrag über häusliche Knabenerziehung 
berührt. Immerhin aber stand die Mehrzahl der an der Frauen- 
bewegung beteiligten Frauen der Aufnahme dieser Frage noch ab- 
lehnend gegenüber, und es ist das Verdienst von Frau Bieber, 
diese Ablehnung endgiltig überwunden zu haben. 

Eine Beeinflussung von Verwaltung und Gesetzgebung ver- 
suchte der Verein durch eine Petition an den Berliner Polizei- 
präsidenten um Anstellung von Polizeimatronen (1892) und auch 
diu"ch ein Immediatgesuch bei dem deutschen Kaiser (1893) um 
Abschaffung der staatlichen Protektion der Prostitution. Der 
Petition schlössen sich nacheinander im ganzen 47 Frauenvereine, 
darunter zahlreiche vaterländische, an. Sie hatte auch insofern 
einen kleinen Erfolg, als Frau Bieber aufgefordert wurde, 
bestimmt formulierte Vorschläge einzureichen, und als sie 
daraufhin die Zusicherung erhielt, dass ihre Vorschläge, ins- 
besondere die von ihr geforderte Überweisung jugendlicher 
Prostituierter zur Zwangserziehung bei der in Aussicht stehenden 
Gesetzesvorlage in Erwägung gezogen würden. 

Die von Frau Bieber ausgearbeiteten Vorschläge zur Be- 
kämpfung der Prostitution >) sind für die nächsten Jahre die 
Grundlage für das Vorgehen der Frauenbewegung in der Sittlich- 
keitsfrage gewesen. Sie bezogen sich auf vorbeugende erziehliche 
Massregeln, Errichtung von Kinderhorten, Abstellung des Schlaf- 
stellenunwesens, Überweisung erstmalig Inhaftierter zur Zwangs- 
erziehung, Anstellung von Polizeimatronen, weiblichen Untersuchungs- 
ärzten bei der Sittenpolizei und weiblichen Geftlngnisbeamten. 
Sie protestieren gegen die Anschauung, die Prostitution sei ein 
notwendiges Übel. Sie verlangen Vorbeugungsmassregeln in Bezug 
auf die Alkoholverheerung, hygienischen Unterricht an Schulen, 
Fortbildungsschulen und beim Militär, Bekämpfung der Mädel- 



I) Berlin 1894. 



— 125 — 

kneipen, Heraufsetzung des Schutzalters von i6 auf 21 Jahre und 
seine Giltigkeit für beide Geschlechter, Zuchthausstrafen für 
Arbeitgeber, die ihre Untergebenen zu unsittlichen Handlungen 
verleiten, Bestrafung der Verbreitung geschlechtlicher Krankheiten 
als fahrlässige Körperverletzung und Verpflichtung der Ärzte zur 
Anzeige Familienmitgliedern gegenüber.*) 



Durch die in dem Jahrzehnt von 1880 — 90 erfolgende Be- 
gründung der grossen deutschen Verbände der Alkoholgegner 
wurde auch die Frauenarbeit in der Bekämpfung des Alkoholismus, 
die bis dahin eine rein private und lokale gewesen war, organisiert 
und erweitert. An den verschiedensten Orten hatten schon 
vereinzelt Frauen in der Mässigkeitsbewegung gearbeitet, vor 
allem Ottilie Hoffmann in Bremen durch die Errichtung 
von Volkskaffeehäusem; in Bonn hatte Frl. Bertha Lungstras 
mit ihrem Asyl für erstmalig Gefallene ein Rekonvaleszenten- 
heim für trunksüchtige Frauen eingerichtet; Mathilde Weber 
hatte in einer Reihe von Schriften auf die soziale Be- 
deutung der Alkoholfrage hingewiesen. Eine von den Frauen 
ausgehende Agitation in grösserem Massstabe und damit die 
Möglichkeit der Beeinflussung weiterer Kreise ist erst durch 
Ottilie Hoffmann geschaffen worden. Sie sprach auf der 
Generalversammlung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins 1893 
über die Mässigkeitsbewegung und brachte sie dadurch zum ersten 
Mal innerhalb der eigentlichen Frauenbewegung zur Verhandlung. 
Man hat die Mässigkeitsbestrebungen seitdem als einen Teil der 
Frauenbewegung angesehen, in der Erkenntnis, dass der Alko- 
holismus mit der Unterdrückung, Brutalisierung und Erniedrigung 
der Frauen der niederen und höheren Stände im engsten Kausal- 
zusammenhang steht.') 

Im Anschluss an die Bestrebungen, die der Allgemeine 
deutsche Frauenverein aufgenommen hatte, als er für eine Ver- 
besserung der civilrechtlichen Stellung der Frau eintrat, wurde 
durch die Entstehung von Rechtsschutz vereinen ein neues 
Arbeitsfeld erschlossen. Der erste Rechtsschutzverein wurde in 
Dresden durch Adele Gamper und Marie Stritt begründet. Er 

*) Vgl. Handbuch der Frauenbewegung, Teil EL 
*) VgL Handbuch der Frauenbewegiing, Teil IL 



— 126 — 

verfolgte von Anfang an einen doppelten Zweck und stellte seine 
Arbeit in den Dienst der sozialen Hilfsthätigkeit einerseits, der 
eigentlichen Frauenbewegung andrerseits. Seine Mitglieder erteilen 
Frauen und Mädchen Rat und Auskunft in allen Rechtsfällen, in 
den einfacheren auf Grund eigener Kenntnisse, in schwierigeren 
unter Beistand von Juristen. Der Rechtsschutzverein giebt auf 
diese Weise vielen Frauen Gelegenheit zu einer ausserordentlich 
fruchtbaren und lehrreichen sozialen Hilfsthätigkeit, er erzieht die 
Klientinnen dazu, ihr Recht geltend zu machen, er zeigt den Rat- 
erteilenden die Wu*kung gesetzlicher Bestimmungen in den ver- 
schiedenen Volksschichten und liefert der Frauenbewegung für 
alle Schritte zur Verbesserung der Rechtsstellung der Frau das 
Thatsachenmaterial. Die Dresdener Gründung ist vorbildlich für 
eine Reihe weiterer Rechtsschutzvereine und Rechtsschutzstellen 
geworden, die in ca. 20 deutschen Städten nach und nach ent- 
standen. ») Durch Frl. Dr. jur. Marie Raschke ist kürzlich in 
Berlin eine Centrale für diese Bestrebungen geschaffen worden, 
wo das in den einzelnen Vereinen vorhandene Material gesammelt 
und wissenschaftlich verwertet werden soll. 



Hatte die sozialpolitische Entwicklung neue Wege auf dem 
Gebiete der Wohlfahrtspflege gewiesen, so begünstigte sie andrer- 
seits das Aufblühen der grossen weiblichen Berufsorganisationen. 
Wie in England, so sind in Deutschland die Künstlerinnen die 
ersten gewesen, die sich zu einer Berufsgenossenschaft zusammen- 
schlössen (Berlin 1865). Aber sie stehen unter so wesentlich 
andern Arbeitsbedingungen, dass sie für ähnliche Organisationen 
auf andern Berufsgebieten nicht vorbildlich wirken konnten. Hier 
hatten die Organisationsversuche an den beiden Extremen ein- 
gesetzt, bei den Arbeiterinnen auf der einen, den Lehrerinnen auf der 
andern Seite. Hier mehr zur Pflege wissenschaftlicher und päda- 
gogischer Interessen, dort unter dem Druck der wirtschaftlichen 
Not. In dieser Zeit folgt die grosse Organisation der Handels- 
gehilfinnen, die 1889 mit einer lokalen Gründung in Berlin begann. 
Die Anregung dazu ging von Herrn Julius Meyer aus, der 
im Februar des genannten Jahres einen Aufruf zur Gründung 
eines „kaufmännischen und gewerblichen Hilfsvereins für weib- 
liche Angestellte" erliess. Mit den Teilnehmerinnen, die sich auf 



1) VgL Handbuch der Frauenbewegung, Teil 11. 



— 127 — 

diesen Aufruf und ein weiteres Rundschreiben an die Berliner 
Geschäfte zusammenfanden, und unter Mithilfe von Geschäfts- 
inhabern und einigen Frauen bürgerlicher Kreise, die man für die 
Sache gewonnen hatte, wurde der Verein im Mai konstituiert. 
Man wählte als ersten Vorsitzenden den Gründer Herrn Julius 
Meyer, als zweite Vorsitzende Frau Minna Cauer. Dem Auf- 
sichtsrat gehörten verschiedene Geschäftsinhaber und Alteste der 
Kaufmannschaft an. Der Verein stieg schon im ersten Jahre 
seines Bestehens von 558 auf 1568 Mitglieder, im zweiten auf 2069, 
im dritten auf 2295 ^^^ zählt jetzt über 11 000 Mitglieder. Seine 
Einnahmen sind von 33000 Mark im ersten auf 232000 Mark im 
Jahre 1898 gestiegen. Der Verein rief eine Stellenvermittelung 
ins Leben, die sich kräftig entwickelte, gründete im Oktober 1890 
unter Leitung des Realgymnasialdirektors Prof. Dr. Schwalbe 
kaufmännische Fortbildungskurse mit Abendunterricht und im 
Oktober 1892 eine Handelsschule für Mädchen, vertrat durch eine 
Krankenkasse, Unterstützung in Notfällen, zinsfreie Darlehen, unent- 
geltlichen Rechtsschutz etc. die materiellen Interessen seiner Mit- 
glieder und entfaltete eine bedeutende und in vieler Hinsicht bahn- 
brechende sozialpolitische Thätigkeit im Interesse der Fach- 
genossinnen. Der Vorsitzende veranstaltete 1891 eine Enqudte 
über die Ausbildung und Stellung der Handelsgehilfin. Der 
Verein wurde durch den Reichskanzler um Abgabe eines Gut- 
achtens ersucht, als die Kommission für Arbeiterstatistik eine 
Untersuchung über die Arbeitsbedingungen des Verkaufspersonals 
anstellte, er trat für eine Höchstarbeitszeit von 10 Stunden für 
Erwachsene, 8 für Jugendliche, für Sitzgelegenheit, für den 8 Uhr- 
Ladenschluss, für gleiche Kündigungsfrist bei Chef und Ange- 
stellten ein, nahm zu dem neuen Handelsgesetz Stellung mit den 
Forderungen des Verbots der Konkurrenzklausel, der Beschränkung 
der Lehrlingszahl und des Fortbildungsschulzwanges und regte 
zur Gründung von neuen Vereinen in andern Städten an. Es 
bestehen jetzt in Deutschland ausser dem Berliner 14 Fachvereine 
weiblicher Angestellter mit im ganzen etwa 3000 Mitgliedern.») 

Der Hausbeamtinnenverein, der 1894 auf Anregung von 
Johanna Droysen und Frau Mathilde Weber begründet 
wurde, stand unter ganz andern Entwicklungsbedingungen, wie 
der der Handelsangestellten, da seine Mitglieder, Hausdamen, 

V^L Handbuch der Frauenbewegung, Teil IV: Die deutsche Frau im Beruf. 
Jahresberichte und „Festschrift des Kaufm. u. GewerbL Hilfsvereins weiblicher Angestellter 
zu Berlin zur Feier des zojflhrigen Bestehens. 1889—1899.'* 



— 128 — 

Stützen der Hausfrau, Kinderfräulein etc. infolge der Eigenart 
ihrer Stellung die mit der Verwaltung verbundenen Arbeiten nicht 
selbst in die Hand nehmen können. Diese liegen vielmehr ganz 
in der Hand von nicht berufsangehörigen Frauen. Der Verein 
sucht die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten durch eine 
Stellenvermittlung, die im letzten Jahre (1899/1900) bei 1833 Stellen- 
angeboten und 2063 Meldungen 787 Stellen besetzte, durch eine 
Darlehns- und Hilfskasse, durch Einrichtung von Heimen für 
stellenlose oder durchreisende Mitglieder, durch eine Hebung ihrer 
beruflichen Ausbildung. Der Verein steht unter dem Vorsitz von 
Frau Louise Fache und die Stellenvermittlung unter Leitung 
von Frau Anna Schmidt in Leipzig.») 

Eine Berufsorganisation, die in hervorragendem Masse den 
Bedürfnissen des in ihr vertretenen Standes entsprochen hat, ist 
der 1894 unter dem Vorsitz von Elisabeth Schneider und 
Maria Lischnewska begründete Landesverein preussischer 
Volksschullehrerinnen, der in den 7 Jahren seines Bestehens 
dank seiner ausgezeichnet organisierten Propaganda eine Mitglieder- 
zahl von ca. 3000 (etwa 3370 der in Preussen angestellten 
Lehrerinnen) erreichte und einige dreissig Ortsgruppen umfasst 
Er hat die Interessen seiner Mitglieder bei Gelegenheit der 1897 
erfolgenden staatlichen Regelung der Gehälter der Volksschullehrer 
kräftig vertreten, durch eine umfassende statistische Arbeit über 
die Gehaltsverhältnisse die Grundlage für weitere Aktionen ge- 
schaffen und durch seine Pensionszuschusskasse den Weg der 
Selbsthilfe beschritten. 

Er ist durch Petitionen und Ausarbeitung einer Denkschrift 
für eine Ausbildung der Volksschullehrerin eingetreten, die der 
sozialen Bedeutung ihrer Stellung gerecht wird und sie fähig 
macht, den umfassenden Anforderungen der Volkserziehung zu 
entsprechen. 

An dem Ausbau der Volksschule, an der Pflege aller mit ihr 
in Beziehung stehenden sozialpolitischen Aufgaben, der Waisen- 
pflege und Jugendfürsorge, der Veranstaltungen für Schul- 
entlassene u. s. w. hat der Verein lebhaft teilgenommen und sowohl 
innerhalb seines Kreises als auch durch die Teilnahme an den 
gemeinsamen Aufgaben an den Zielen der deutschen Frauen- 
bewegung mitgearbeitet •) 



I) VgL Handbuch der Frauenbewegung, Teil II und IV. 
S) Vgl Handbuch der Frauenbewegung, Teil HI und IV. 



— 129 — 

Von nicht minder grosser Bedeutung als die Versuche von 
Frauen, über die übliche symptomatisch verfahrende Privat- 
Wohlfahrtspflege hinaus auf sozialpolitischem Gebiet Fuss zu 
fassen, ist ohne Frage die wissenschaftliche Arbeit einzelner Frauen 
über nationalökonomische Fragen. 

Die deutschen Frauen folgten in dieser Arbeit dem Vorbild 
ihrer grossen englischen Vorgängerin Mrs. Sidney Webb. 

Wie sie als freiwillige Arbeiterin die Sweating-Stuben des 
Fastend von London besucht hatte, um die Lage der Konfektions- 
näherinnen zu erforschen,') so machte Elisabeth Gnauck- 
Kühne persönlich in Berliner Werkstätten ihre Studien zur Lage 
der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwarenindustrie.*) Die 
Frauenarbeit in der Konfektion behandelte Gertrud Dyhrenfurth 
in einem Beitrag zu den von Professor Schmoller herausgegebenen 
sozialwissenschaftlichen Forschungen*) und einen andern Zweig 
dieses Gewerbes Oda Olberg.*) Über die englischen Arbeiter- 
verhältnisse, speziell die Fabrikgesetzgebung in ihrer Beziehung 
auf Frauen weist die Fachlitteratur Arbeiten von Helene Simon*) 
auf. Auch Gertrud Dyhrenfurth hat über die Verhältnisse der eng- 
lischen Arbeiterinnen, speziell über die gewerkschaftliche Organi- 
sation unter ihnen, verschiedene Studien veröffentlicht*) 

Neben diesen Arbeiten rein wissenschaftlichen Charakters 
stehen journalistisch-populäre oder propagandistisch gefärbte Dar- 
stellungen auf fachwissenschaftlicher Grundlage, wie die Arbeiten 
von Jeannette Schwerin, ^ Lily Braun, Klara Zetkin,«) 
Henriette Fürth, Adele Gerhard, Alice Salomon. 

Dienen die Frauenarbeiten in der Nationalökonomie, die, wie 
Professor Herkner') sagt, „nicht ausgeschaltet werden können, 
ohne wichtige Glieder in der Kette der nationalökonomischen 



Vgl. Die Geschichte der englischen Frauenbewegung. 

*) Schmollers Jahrbuch XX. S. 373 — 44a Erinnerungen einer freiwilligen Arbeiterin. 
Die Hilfe (hrsg. von Naumann), x. Jahrg., No. 6 u. 7. 

3) Staats- und sozialwissenschafUiche Forschungen XV. Heft 4. Die hausindustriellen 
Arbeiterinnen in der Berliner Blusen-, Unterrock-,SchQrzen- und Trikotkonfektion. Leipzig 1898. 

*) Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion. Leipzig 1896. 

') Die Fabrik- und Sanitfltsinspektorinnen in England. Schmollers Jahrbuch XXL 
S. 899—997. Die englische Fabrikgesetzgebimg. Schmollers Jahrbuch XXIL S. 641—677. 
Ausserdem eine Reihe kleinere Arbeiten in der , Gleichheit* u. a. 

^ Braims Archiv VII. S. 166: Die gewerkschaftliche Bewegung unter den englischen 
Arbeiterinnen. Schmollers Jahrbuch XDC, S. 917: Ein Blick in die gewerkschaftliche Be- 
wegimg der englischen Arbeiter und Arbeiterinnen. 

^ In den Zeitschriften „Die Frau^S „Die Frauenbewegung^, JEthische Kultiu^. 

^ In Brauns Archiv und der Zeitschrift ,4^e Gleichheit^. 

^ Dr. H. Herkner: Das Frauenstudium, der Nationalökonomie. Berlin 1899. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 9 



— 130 — 

Forschungen preiszugeben, ohne den Stand unseres Wissens 
empfindlich zu verletzen" einerseits als ein unbestrittenes Beweis- 
material für die Befähigung der Frau zu wissenschaftlichem Studium 
überhaupt, so zeigten sie andrerseits in ihrer Eigenart, dass auf 
diesem Gebiete wissenschaftlicher Forschung Aufgaben liegen, die 
erst durch die Mitarbeit der wissenschaftlich gebildeten Frau eine 
befriedigende Lösung finden. Gerade dieser Gesichtspunkt ist in 
der Kritik, die diese Forschungen gefunden haben, von den ersten 
Nationalökonomen, so z. B. von Professor Konrad in einer 
Besprechung der Dyhrenfurthschen Studie») ausdrücklich hervor- 
gehoben. 

Ebenso bedeutsam ist der Anteil der Frauen an der National- 
ökonomie aber auch in praktischer Beziehung. Nichts war ge- 
eigneter, die Zweckmässigkeit weiblicher Gewerbeaufsicht in ein 
so helles Licht zu stellen, als diese Studien mit ihren scharfen 
Beobachtungen über konkrete Dinge speziell des häuslichen Lebens 
und der die Frau betreffenden Verhältnisse. Aber auch für die 
praktische Thätigkeit der Frauenbewegung selbst sind diese Arbeiten 
um so wertvoller, als ihre Verfasserinnen ihre Kraft und ihre 
Kenntnisse in irgend einer Form, zum Teil an leitender Stelle, 
auch praktisch innerhalb der Frauenbewegung verwerteten, auf 
wichtigen Gebieten die Führung übernahmen und das sozial- 
politische Verständnis ihrer Mitarbeiterinnen vertieften und klärten. 

xvm. 

Die Gründung des Btindes deutscher Frauenvereine. 

Mit der Vermehrung der Arbeitsgebiete der Frauenbewegung 
war eine rasche Zunahme der Vereine Hand in Hand gegangen, 
die die Bewegung innerhalb des vom Allgemeinen deutschen 
Frauenverein ursprünglich gegebenen Rahmens aufnahmen. In 
den verschiedensten Städten entstanden Frauenvereine auf An- 
regung des Allgemeinen deutschen Frauen Vereins, des Vereins 
Frauenwohl, des Berliner Hausfrauenvereins. An andern Orten 
entstanden solche spontan, um, sei es auf einzelnen Gebieten, sei 
es auf verschiedenen zugleich, der Frauenbewegung praktisch zu 
dienen und die ihr zu Grunde liegenden Gedanken zu verbreiten. 
Besonders in Süddeutschland, das bis dahin an der Frauen- 



I) Konrads Jahrbflcher. IH Folge., t6, Bd., S. a6BL 



— 131 — 

bewegung im ganzen wenig beteiligt war, entstanden neue Centren, 
von denen aus eine kräftige Propaganda durch Wort und That 
eingeleitet wurde. Der von Frl. Ika Freudenberg geleitete 
„Verein für Fraueninteressen" in München, der Nürnberger Verein 
„Frauenwohl" unter Leitung von Helene von Forster, der sich 
besonders durch seine in rascher Folge entstandenen zahlreichen 
Wohlfahrtseinrichtungen auszeichnet, sind hier in erster Linie zu 
nennen. Die Arbeit der schon bestehenden Vereine gewann an 
Ausdehnung und Initiative, Vereine, die auf irgend einem Gebiete 
der Wohlfahrtspflege gearbeitet hatten, erweiterten ihr Programm 
im Sinne der Frauenbewegung, so dass man wohl sagen kann, 
dass kaum eine bedeutendere Stadt in Deutschland existierte, in 
der nicht die Frauenbewegung durch irgend einen Verein ver- 
treten war. 

Der Gedanke des Zusammenschlusses all dieser Vereine auf 
der allen gemeinsamen Grundlage zur Förderung der gemeinsamen 
Aufgaben, die Einzelvereine nicht in Angriff nehmen konnten, lag 
nahe. Die unmittelbare Veranlassung dazu bot eine Anregung, 
die Frau Hanna Bieber-Böhm, Frl. Auguste Förster und 
Frau Anna Simson von der Weltausstellung in Chicago, wo 
sie den 1891 konstituierten National Council of Women of the 
United States kennen lernten, nach Deutschland brachten ; eine An- 
regung nämlich zur „Herstellung eines inneren Zusammenhanges 
zwischen allen Frauenvereinen, die ihre Arbeit in den Dienst des 
Familien- und Volkswohls stellen". Es wurde unter der Leitung 
von Frl. Auguste Schmidt, der Vorsitzenden des Allgemeinen 
deutschen Frauenvereins, ein provisorisches Komitee gebildet, das 
einen Satzungsentwurf ausarbeitete und in einem Aufruf alle 
„gemeinnützigen" deutschen Frauenvereine zum Beitritt aufforderte. 
Der Aufforderung entsprachen zunächst 34 deutsche Frauenvereine. 
Sie repräsentierten so ziemlich alle Richtungen und Interessen- 
gruppen der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung. Nur die 
Frauenbildungsreform -Vereine blieben dem von der Vorsitzenden 
Fr. Kettler mit Entschiedenheit festgehaltenen Prinzip treu, in 
keine Verbindung mit der übrigen Frauenbewegung zu treten.') 
Am 28. und 29. März fand die Konstituierung des Bundes in 
Berlin statt. Seine Grundlage giebt § 2 der Satzungen: 



') Im folgenden Jahre kam es Ober diesen Punkt innerhalb der Frauenbüdungsreform- 
Vereine zu einer Differenz, infolge derer die Vorsitzende ihr Amt niederlegte und die 
Vereine, nunmehr unter dem Namen FrauenbUdung-Frauenstudium, unter dem Vorsitz von 
FrU von Doemming dem Bunde beitraten. 

9* 



— 132 — 

Durch organisiertes Zusammenwirken sollen die gemeinnützigen 
Frauen vereine erstarken, um ihre Arbeit erfolgreich in den Dienst des 
Familien- und Volkswohls zu stellen, um der Unwissenheit und Un- 
gerechtigkeit entgegen zu wirken und eine sittliche Grundlage der 
Lebensführung für die Gesamtheit zu erstreben. Der Bund bietet 
Gelegenheit zum Gedankenaustausch, zu Vergleichen, zur Kenntnisnahme 
mustergiltiger Einrichtungen, zur Anregung neuer segensreicher 
Schöpfungen. — Er sieht ab von jeder Einmischung in die inneren 
Angelegenheiten der zu ihm gehörenden Vereine. 

Man entsprach, indem man sich auf diesen Boden stellte, dem 
Grundsatz des Amerikanischen Bundes, nur in solchen Fragen 
gemeinsames Handeln zu erstreben, in denen alle Obereinstimmten, 
nur solche Ziele aufzustellen „as all can heartily agree upon". 
War der Bund nun auch satzungsgemäss nicht eigentlich eine 
Vertretung der Frauenbewegung, sondern der philanthropischen 
Frauenarbeit, so stand es in Bezug auf seine Zusammensetzung 
mehr umgekehrt, da die vaterländischen Frauenvereine den Beitritt 
abgelehnt hatten und auch konfessionelle Frauenvereine, die doch 
einen grossen Teil der philanthropischen Frauenarbeit vertreten, 
an der Gründung des Bundes nicht beteiligt waren. Die Arbeit 
des Bundes gestaltete sich mehr der Zusammensetzung als den 
Satzungen entsprechend. 

Die Gründung des Bundes nötigte die bürgerliche Frauen- 
bewegung in ihrer Gesamtheit zum ersten Mal zu einer Stellung- 
nahme gegenüber der proletarischen, und diese führte in der 
konstituierenden Versammlung zu lebhaften Debatten. Es handelte 
sich darum, ob der Bund sozialdemokratische Frauen- und 
Arbeiterinnenvereine zum Beitritt auffordern solle. 

Für die Entscheidung dieser Frage kamen die verschiedensten 
Erwägungen in Betracht. Gegen die Aufnahme sprachen zunächst 
formale Gründe. In verschiedenen — und gerade den wichtigsten — 
Bundesstaaten verbot das Vereinsgesetz Frauen die Teilnahme 
an politischen Vereinen. Zweifellos musste der Bund in seine 
Arbeitsgebiete Fragen aufnehmen, die nach den der Polizeipraxis 
zu Grunde liegenden Anschauungen politische waren. Er war in 
Bezug auf seine Existenz, auf die Durchführung seiner bedeutsamen 
Ziele und Aufgaben, auf die Duldung angewiesen, die, entgegen 
dem Buchstaben des Gesetzes, von der Polizei der bürgerlichen 
Frauenbewegung gegenüber geübt wurde. Er würde diese Duldung 
riskiert haben in dem Augenblick, da er die, wenn auch eben des 
Vereinsgesetzes wegen nicht formell, so doch thatsächlich 



— 133 — 

auf sozialistischer Grundlage beruhenden Arbeiterinnenvereine auf- 
genommen hätte. Andrerseits waren viele der an der Kon- 
stituierung des Bundes beteiligten Vereine nicht unter Voraus- 
setzungen entstanden, die ein Zusammengehen mit den sozialistischen 
Vereinen gestatteten; man hätte diese Vereine preisgeben müssen; 
man hätte zu der für jeden Klarsehenden in ihrer eigentlichen 
Bedeutung unüberbrückbaren Spaltung zwischen bürgerlicher und 
proletarischer Frauenbewegung noch eine in die bürgerliche 
Frauenbewegung hineingetragen. Was eine eventuelle Aufforderung 
aber ganz bedeutungslos machte, war die sichere Aussicht, dass 
ihr nicht Folge geleistet werden konnte. Die sozialistischen Vereine 
konnten sich als solche, wie das auch vielfach von sozialistischen 
Führerinnen ausgesprochen ist, nicht auf den Boden stellen, den die 
Satzungen des Bundes angaben. Sie konnten es auch aus taktischen 
Gründen um so weniger, je weniger klar man sich in der bürger- 
lichen Frauenbewegung über die wahre Natur der bestehenden 
Differenzen war, je mehr man meinte, es handle sich nur darum, 
eine Verbitterung auf jener Seite zu überwinden. Die Vorsitzende 
präzisierte in ihrer einleitenden Ansprache über die Aufgaben des 
Bundes seine Stellung zur proletarischen Frauenbewegung dahin, 
dass der Bund Arbeiterinnenvereine von Herzen willkommen heissen 
werde, aber solche von unverkennbar politischer Tendenz nicht 
aufnehmen könne, da er nur aus Frauenvereinen, nicht aus 
politischen irgendwelcher Richtung bestehen solle und um dieser 
Vereine willen nicht von seiner Verfassung abweichen dürfe. 

In der Debatte über diesen Punkt kamen auf der einen Seite 
die schon skizzierten Argumente für den Standpunkt der Vor- 
sitzenden zur Sprache. Die Opposition war einerseits ein Protest 
gegen die Grundlage des Bundes überhaupt von seiten solcher 
Frauen, die später die Konsequenz ihrer Ansichten durch den Über- 
tritt zur Sozialdemokratie zogen, wie Frau Lily von Gizycki. 
Auf der andern Seite ging man von der irrigen Voraussetzung 
aus, dass der Ausschluss der sozialistischen Vereine einem Klassen- 
egoismus der bürgerlichen Frauen Rechnung .tragen solle. Die 
überwiegende Majorität der Versammlung stellte sich auf den Stand- 
punkt der Vorsitzenden. Vier Frauen, die diesen Standpunkt nicht 
teilten, Frau Minna Cauer, Frau Lina Morgenstern, Frau 
von Gizycki und Frau Gebauer erliessen dagegen eine öffent- 
liche Erklärung ihrer Stellungnahme. 



*) „Vorwärts* 31. Mftrz 1894. 



— 134 — 

Als Arbeitsgebiete für die nächste Thätigkeit des Bundes 
wurden von Frau B leb er die folgenden vorgeschlagen: 

1. Anschluss von Kinderhorten an alle Volksschulen. 

2. Einführung des Unterrichts der Gesundheitslehre (inkl. Kenntnis 
der schädlichen Folgen des Alkohols) in den Lehrplan der Schulen. 

3. Arbeiterinnenschutz: 

a) AnsteUung von weiblichen Fabrikinspektoren; 

b) Agitation behufs früherer Schliessung der Geschäfte und 
besserer Behandlung der kaufmännisch Angestellten. 

4. Verbreitung der Kenntnis aller die Frauen betreffenden Gesetze 
behufs: 

a) Änderung des bürgerlichen Gesetzbuches; 

b) Verbot und Bestrafung des bis jetzt vom Staat offiziell an- 
erkannten, entwürdigenden Gewerbes der Unsittlichkeit 

5. Zulassung der Frauen zu den Staatsprüfungen für den ärzt- 
lichen und den höheren Lehrberuf. 

6. Erziehung der Frauen für die öffentliche Armenpflege und ihre 
Zulassung zu derselben. 

In diesem Arbeitsprogramm waren alle Bestrebungen vertreten, 
die die damalige Frauenbewegung umfasste. Es ist mit einigen 
Erweiterungen und Modifikationen noch heute massgebend. 

Auch der Vorstand war eine Art Repräsentation der deutschen 
Frauenbewegung nach ihren Hauptgebieten und ihren bedeutendsten 
Lokalvereinen: Auguste Schmidt als Erste, Anna Schepeler- 
Lette, die Leiterin des Lette Vereins, als Zweite Vorsitzende, 
Anna Simson, Hanna Bieber-Böhm, Auguste Förster, 
Helene von Forster, Ottilie Hoffmann, Helene Lange und 
Betty Naue; auf der Generalversammlung von 1896 wurde der 
Vorstand noch um zwei Mitglieder erweitert: Frau Jeannette 
Schwerin und Frau Marie Stritt. Nach Ablauf des ersten 
Vereinsjahres gehörten dem Bunde bereits 65 Vereine an. 

XIX. 

Die Arbeit des Bundes und die Entwickltmg der Frauen- 
bewegung in den letzten Jahren. 

Da der Bund deutscher Frauenvereine alle Arbeitsgebiete der 
bürgerlichen Frauenbewegung umfasst oder in sich aufnimmt, da 
er insbesondere in den sozialpolitischen Fragen, an deren Lösung 
die bürgerliche Frauenbewegung mitzuarbeiten versucht, die ent- 
scheidenden Schritte gethan hat, so ist die Geschichte der deutschen 



— 135 — 

Frauenbewegung seit 1894 in gewissem Sinne in der des Bundes 
enthalten, oder ihre Entwicklung lässt sich mindestens in irgend 
einer Beziehung an die Arbeit des Bundes anknüpfen. Es kommen 
da vor allem in Betracht das Gebiet des Arbeiterinnenschutzes, 
der civilrechtlichen Stellung der Frau, der Sittlichkeits- und 
Mässigkeitsbewegung, des Kinderschutzes und einige Gebiete des 
Erziehungswesens und der weiblichen Berufsthätigkeit. 

Die Arbeit auf diesen speziellen Gebieten liegt in der Hand 
von Kommissionen, von denen die beiden ersten 1895 ^^f ^^^ 
MOnchener Generalversammlung zur Bearbeitung der Gewerbe- 
inspektions- und Rechtsfrage unter dem Vorsitz von Frau Stritt 
und Frau Simson begründet wurden; vier weitere traten auf der 
Kasseler Generalversammlung 1896 ins Leben, nämlich für Sitt- 
lichkeitsbestrebungen unter Frau Bieber-Böhm, für die Mässig- 
keitsbewegung unter Frl. Hoffmann, eine Kommission für Er- 
ziehungswesen unter Frau Henriette Goldschmidt, für Handels- 
gehilfinnen unter Frau Gau er; auf der Hamburger General- 
versammlung kamen noch zwei Kommissionen dazu: für Erwerbs- 
thätigkeit unter Frau Schwerin, für Kinderschutz unter Frau 
Berg und Frau von Forster. 

* * 

* 

Eine umfassende und in mancher Beziehung auch erfolgreiche 
Thätigkeit entfaltete der Bund auf dem Gebiet des Arbeiterinnen- 
schutzes. In der Persönlichkeit von Frau Jeannette Schwerin, 
die seit 1898 auch den Vorsitz in der Kommision führte, fand 
diese Arbeit auch über den Rahmen des Bundes hinaus eine 
selten geeignete Vertreterin. Es war zudem gerade auf diesem 
Gebiet ein besonders günstiger Moment für den Beginn der 
Bundesthätigkeit. Seit 1885 traten die sozialistischen Arbeiterinnen- 
vereine für die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren ein. Die 
Anstellung von Aufseherinnen in den Fabriken war mehr und 
mehr in Aufnahme gekommen. So erwähnen die Berichte der 
Gewerbeinspektion von 1893 z. B. schon weibliche Aufsichts- 
personen in den Betriebsräumen der Kgl. Militärwerkstätten in 
Spandau, solche in Altona, in Mittelfranken u. a. O., und die 
Institution findet in den folgenden Jahren mehr und mehr Eingang. 
1894 beginnt man behördlicherseits, der industriellen Frauenarbeit 
eine grössere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Auf ausdrückliche 
Weisung des Reichskanzlers an die Gewerbeaufsichtsbeamten, auf 



— 136* — 

die Durchführung und die Wirkungen der gesetzlichen Beschränkung 
der Arbeitszeit erwachsener Arbeiterinnen besonders zu achten, 
wird die Frauenarbeit in den Berichten eingehender behandelt als 
zuvor. Die Petition, die 1894 ^^ ^^" Reichstag und die Landtage 
aller Bundesstaaten eingesandt wurde, fand einen in mancher Be- 
ziehung bereiteten Boden und daher mindestens eine eingehende 
Erörterung. In Hessen wurde sie der Regierung zur Berück- 
sichtigung empfohlen, und in der Folge auch wirklich durch 
Anstellung einer Gewerbeaufsichtsbeamtin im Januar 1897 erfüllt. 
In Bayern beschloss der Landtag auf Antrag sozialistischer Ab- 
geordneten, die Regierung um Anstellung einer Fabrikinspektorin 
zu ersuchen. Der Reichsrat lehnte die Anstellung aber ab. >) Doch 
erklärte der Minister des Innern im Finanzausschuss, dass man 
die Reform im Auge behalten müsse. Im Herbst 1897 wurde 
dort die Beschäftigung weiblicher Hilfskräfte in der Gewerbe- 
inspektion für einzelne Dienstleistungen auf dem Verwaltungswege 
veranlasst. 1898 traten zwei „Funktionärinnen" dort ihr Amt an, 
die 1900 zu „Assistentinnen" befördert wurden. 

Im badischen Landtag wurde zuerst Übergang zur Tages- 
ordnung beschlossen; auf Antrag des Hofrats Ruemelin aber wurde 
die Petition des Bundes der Regierung zur Kenntnisnahme über- 
wiesen. Die Regierung ihrerseits erklärte, dass sie eine Prüfung 
des Ansuchens nicht von der Hand weise und grundsätzlich keine 
Gegnerin desselben seL Sie halte bei der notwendigen Aus- 
gestaltung der Fabrikinspektion auch die Einführung weiblicher 
Inspektoren für geboten. Für 1900 wurde auch dort die Anstellung 
einer Inspizientin beschlossen und Frl. Dr. von Richthofe n als 
die bis dahin einzige wissenschaftlich vorgebildete deutsche 
Fabrikinspektorin mit diesem Posten betraut. 

In Braunschweig ging man über die Petition „mit Heiterkeit" •) 
zur Tagesordnung über, in Sachsen- Weimar') und Sachsen Koburg- 
Gotha wurde sie der Regierung zur Erwägung, in Sachsen- 
Altenburg und im Königreich Sachsen zur Kenntnisnahme über- 
wiesen. In Sachsen- Weimar wurde 1897 auf dem Verwaltungs- 
wege eine Assistentin für die Fabrikinspektion angestellt. Auch 
in Sachsen erfolgte die Anstellung von fünf weiblichen Vertrauens- 

>) SiUungen vom 24. Januar 1896 und 13. März 1896. VgL BlAtter fOr administrative 
Praxis. Mönchen 1895/96, No. 91 u. 99. 

>) Soziale Praxis 1895, No. 93. 

*) In Weimar war sie erst abgelehnt, wurde dann aber gelegentlich einer auf Aus- 
gestaltung der Fabrikgesetzgebung abzielenden Arbeiterpetition auf Anregung eines sozial- 
demokratischen Abgeordneten wieder aufgenommen. 



— 137 — 

Personen für die Gewerbeinspektion im Jahre 1900. Eine von 
ihnen war die auf dem Gebiete des Rechtsschutzes, sowie in 
der Bewegung der Frauen gegen das bürgerliche Gesetzbuch schon 
bekannte Caecilie Dose. Der Landtag von Reuss j. L. beschloss 
1898 die Anstellung weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten. 

Eine sehr bedenkliche Klippe war zu überwinden, ehe man 
von einem eigentlichen Siege der weiblichen Gewerbeinspektion 
sprechen konnte. In verschiedenen Bundesstaaten nämlich meinte 
man dem vorhandenen Bedürfnis entsprechen zu können dadurch, 
dass man irgendwelche in der Wohlfahrtspflege thätige Frauen 
dazu bestimmte, die Beschwerden der Arbeiterinnen entgegenzu- 
nehmen. So hatten sich in Baden, ermutigt durch den Gewerbe- 
inspektor Wörrishöfer, Mitglieder des badischen Frauenvereins in 
einzelnen Städten, Heidelberg, Pforzheim, als Vertrauenspersonen 
erboten. In Württemberg hatte man gleichfalls mit der Anstellung 
einer Diakonissin in Calw die weibliche Gewerbeaufsicht eingeführt, 
Vertrauenspersonen ähnlicher Vorbildung und Lebensstellung berief 
man in Gmünd, Stuttgart, Göppingen, Heidenheim, Ludwigsburg, 
Reutlingen. Auch in Sachsen-Meiningen hielt man eine Diakonissin 
für genügend qualifiziert, und in Hamburg dachte man daran, die Rote 
Kreuz Vereine für die weibliche Gewerbeaufsicht heranzuziehen. 

Von allen Einsichtigen wurde dieser Weg als das beste Mittel 
bezeichnet, um die weibliche Fabrikinspektion von Anfang an zu 
diskreditieren. Die Kommission des Bundes trat mit aller Ent- 
schiedenheit dafür ein, dass das Amt der Gewerbeaufsichtsbeamtin 
in jeder Beziehung einen streng beruflichen Charakter trage und 
dass nur genügend qualifizierte, das heisst eigens für die Gewerbe- 
aufsicht vorgebildete Frauen damit betraut würden. Die Kommission 
begnügte sich nicht mit dem Protest. Sie richtete unter der 
Leitung von Frau Schwerin in den Wintern 1897 und 1898 in 
Berlin Kurse zur Ausbildung von Gewerbeinspektorinnen ein. Eine 
ähnliche Einrichtung wurde auf Anregung von Frau Schwerin im 
Frühjahr 1898 von dem Verein für Fraueninteressen in München 
getroffen. Eine der Teilnehmerinnen wurde bei der bald darauf 
erfolgenden Anstellung der „Funktionärinnen" berücksichtigt. 

Den von allen Seiten sich erhebenden Protesten gegen dies 
Surrogat der „wohlwollenden Damen", und wohl auch den Er- 
fahrungen, die man mit der Einrichtung machte, ist es zu danken, 
dass man, wie schon gesagt, in Baden davon zurückkam, dass 
man in Württemberg im Sommer 1899 eine Assistentin ordnungs- 
gemäss in den Gewerbeaufsichtsdienst einstellte. 



— 138 — 

In Preussen kam die Frage der weiblichen Gewerbeaufsicht 
im Abgeordnetenhause erst im März 1899 zum ersten Mal zur Ver- 
handlung. Die Petition des Bundes war seiner Zeit nur in der 
Kommission besprochen worden. Damals hatte der Handelsminister 
erklärt, dass die Einführung der weiblichen Inspektion in Preussen 
nicht erforderlich und zur Zeit nicht ausführbar sei. Man hatte 
damals vor allem geltend gemacht, dass die Fabrikinspektoren 
technische Kenntnisse haben müssten, sowohl um der in 
Preussen damals noch mit der Inspektion verbundenen Kesselrevision 
willen, als überhaupt, um dem Unternehmer erforderlichenfalls mit 
ihrem Rat zur Seite stehen zu können. Wo das nicht der 
Fall sei, wie bei den weiblichen Inspektoren naturgemäss, da 
wären sie lediglich Vertrauenspersonen der Arbeiter und würden 
damit leicht in einen Gegensatz zum Unternehmer treten. Be- 
merkenswert sind die Äusserungen des Handelsministers auch 
wegen der darin enthaltenen Behauptung, man habe in England 
mit den weiblichen Beamten schlechte Erfahrungen gemacht, eine 
Behauptung, die von dem englischen Parlamentarier Sir Charles 
Dilke in einem Brief an die „Soziale Praxis" auf das entschiedenste 
zurückgewiesen wurde. 1899 nun kam die Frage, auf Antrag 
des Abgeordneten Max Hirsch, im Plenum zur Sprache. Die immer 
wieder geltend gemachten Einwände, dass die Frauen zur Erfüllung 
einer selbständigen autoritativen Stellung nicht fähig seien, dass 
ihnen die nötige Objektivität mangele etc. wurden auch hier 
wieder vorgebracht. Trotzdem wurde dem von den verschiedensten 
Seiten betonten Bedürfnis insoweit Rechnung getragen, dass man 
der Regierung die Anstellung von „Gehilfinnen" der Gewerbe- 
inspektion, die selbst keine Anordnungen zu treffen, sondern nur die 
Wünsche und Beschwerden der weiblichen Arbeiter entgegen- 
zunehmen haben, zur Berücksichtigung anempfahl. Es wurde dem- 
entsprechend für 1900 die Anstellung zweier weiblicher Hilfskräfte 
in Berlin und München-Gladbach verfügt Eine schon früher von 
der Kommission des Bundes an die Regierung ergangene Bitte, 
die Beamtinnen aus dem Kreise der in Berlin vorgebildeten Frauen 
zu nehmen, wurde dahin beantwortet, dass man die Ausbildung 
der weiblichen Hilfskräfte entweder in besonderen Kursen, oder 
in den alljährlichen Instruktionskursen für jüngere Gewerbe- 
aufsichtsbeamte vornehmen werde. 

Dem Reichstag war die Petition der Kommission seiner Zeit 
gleichfalls eingereicht worden. Auch anderweitig hatte man den 
Wunsch geäussert, weibliche Aufsichtsbeamte auf Grund der 



— 139 — 

Reichsgesetzgebung anzustellen. Schon in der ersten Verhandlung 
hatte der Staatsminister die Kompetenz in dieser Angelegenheit 
den Einzelstaaten zugewiesen, dieselbe Entscheidung wurde aus- 
gesprochen, so oft bei der Beratung des Etats die Frage — durch 
sozialdemokratische Abgeordnete — zur Sprache gebracht wurde. 

Nachdem die Einführung der weiblichen Gewerbeinspektion 
so weit vorgeschritten war, dass an Stelle der Agitation die 
Erfahrungen für ihren Ausbau wirksam werden konnten, gab 
die Kommission des Bundes diese spezielle Arbeit auf und er- 
weiterte ihr Programm. Seit 1898 nannte sie sich Kommission 
für Arbeiterinnenschutz. Als solche stellte sie sich — entgegen 
z. B. der Haltung vieler englischer und französischer Vertreterinnen 
der bürgerlichen Frauenbewegung — mit aller Entschiedenheit auf 
den Boden eines besonderen Arbeiterinnenschutzes, der vor allem 
der Mutter, der Wöchnerin, gelten sollte. Die Kommission hat in 
den einzelnen Zweigvereinen des Bundes Anregung zu Enqu€ten 
über die einzelnen Gebiete der industriellen Frauenarbeit zu geben 
versucht. Sie hat im April 1899 eine Petition zum Entwurf der 
Gewerbenovelle betreffend die Lage der Handelsangestellten aus- 
gearbeitet; eine weitere Petition in Bezug auf Ausdehnung der 
Gewerbeaufsicht auf die Hausindustrie wurde zur zweiten Lesung 
der Gewerbegesetz-Novelle dem Reichstage eingereicht, und in 
einer dritten wurde Gewährung des aktiven und passiven Wahl- 
rechts zu den Gewerbegerichten an weibliche Arbeiter und Arbeit- 
geber gefordert. Einen Erfolg hatten diese Petitionen ebenso wenig 
wie eine 1900 von der Arbeiterinnenschutz- und der Rechts- 
kommission ausgearbeitete um Unterstellung der häuslichen Dienst- 
boten unter Unfall- und Krankenversicherung. Eine Petition zum 
Krankenversicherungsgesetz ist dem Reichstag für die Legislatur- 
periode 1901/ 1902 eingereicht. 

Von grösserer Bedeutung als diese Versuche zur Beeinflussung 
der Gesetzgebung waren zweifellos die Anregungen, die von den 
Kommissionsmitgliedern, in erster Linie von Frau Schwerin, aus- 
gingen, um in den Kreisen der bürgerlichen Frauenbewegung das 
sozialpolitische Verständnis zu wecken und zu sozialpolitischer 
Bethätigung anzuregen. 

Das zeigte sich z. B. in der entschiedenen Stellungnahme 
bürgerlicher Frauen in Berlin und Dresden zu Gunsten der Arbeiter 
bei dem grossen Konfektionsstreik von 1896, zu der die Initiative 
einerseits von Frau Schwerin und Frau Gnauck-Kühne, andrer- 
seits von dem Dresdener Rechtsschutzverein ausging. Das zeigte sich 



— 140 — 

auch in den Bemühungen, die, zum Teil mit Erfolg, in Berlin und 
in München gemacht wurden, um die Kellnerinnen zu organisieren 
bezw. zur Geltendmachung bestimmter Schutzforderungen für ihr 
Gewerbe zu sammeln. In München haben diese Organisations- 
versuche, von Frl. Ika Freudenberg geleitet, befriedigende 
Resultate erzielt. In Berlin bestand das zu diesem Zweck zu- 
sammengetretene Komitee aus bürgerlichen und sozialistischen 
Frauen. ') Es war damit der Beweis erbracht, dass einem ge- 
legentlichen Zusammenarbeiten beider um so weniger entgegensteht, 
je weniger ihm ein demonstrativer Charakter gegeben wird. 

Auch an der Internationalen Arbeiterschutzbewegung beteiligte 
sich die Kommission dadurch, dass sie bei dem Arbeiterschutz- 
kongress zu Paris 1900 den Antrag stellte, bei der geplanten 
Internationalen Vereinigung für Arbeiterschutz möge man das 
Prinzip aufstellen, den einzelnen Landeskomitees Frauen als Ver- 
treterinnen der weiblichen Arbeiterschaft beizuordnen. Der Antrag 
fand, soweit Deutschland in Betracht kam, dadurch seine Erledigung, 
dass die Vereinigung ihres politischen Charakters wegen laut § 8a 
des Vereinsgesetzes in Preussen Frauen nicht aufnehmen konnte. 

Durch den Tod von Frau Jeannette Schwerin im Sommer 1899 
traf die deutsche Frauenbewegung ein unersetzlicher Verlust: Die 
Anregungen, die sie gegeben, die neuen Aufgaben, die sie dem 
Arbeitsprogramm der Frauenbewegung eingefügt hatte, sind von 
der Kommission, nun wieder unter Leitung ihrer ursprünglichen 
Vorsitzenden, Frau AnnaSimson, thatkräftig weitergeführt Sie 
sind auch von jüngeren Kräften, vor allem durch Frl. Alice 
Salomon, aufgenommen und werden mehr und mehr in den Mittel- 
punkt der gesamten bürgerlichen Frauenbewegung gestellt werden. 



Eine Gelegenheit zu einer ersten geschlossenen Aktion der 
gesamten deutschen Frauenbewegung, bei der die Organisation im 
Bunde sich zum ersten Male in ihrer Notwendigkeit zu bewähren 
Gelegenheit hatte, bot die zweite Lesung des neuen Entwurfs des 
bürgerlichen Gesetzbuches. Seit Jahrzehnten war die deutsche 
Frauenbewegung dafür eingetreten, der Frau, insbesondere als 
Gattin und Mutter, durch das Familienrecht eine Stellung zu 
sichern, die den herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen, der 



1) VgL Handbuch der Frauenbewegung. Teil IL Arbeiterinnenbewegung, Sittlichkeits- 
bewegting. 



— 141 — 

stets gewachsenen inneren Selbständigkeit der Frau und ihren 
modernen Aufgaben entsprach. Es handelte sich vor allem um Auf- 
hebung des Mundiums des Mannes, um die Einführung der Güter- 
trennung als eheliches Güterrecht, um Zulassung der Frau zur 
elterlichen Gewalt in gleichem Umfange mit dem Mann, um den 
Protest gegen die der rechtlichen Stellung der unehelichen Kinder 
zu Grunde liegende Auffassung: zwischen einem unehelichen 
Kinde und dessen Vater besteht keine Verwandtschaft — und um 
Gewährung der elterlichen Gewalt auch an uneheliche Mütter. 

In der Überzeugung, dass nur von einer Massendemonstration 
der Frauen gegen die ihnen vom Gesetz zugedachte Stellung ein 
Eindruck auf die gesetzgebenden Körperschaften zu erwarten war, 
wurde von der 1895 eingesetzten Rechtskommission des Bundes 
eine rege Agitation unter den deutschen Frauen ins Werk gesetzt, 
an der sich die Bundesvereine lebhaft beteiligten, der einzelne 
bereits energisch vorgearbeitet hatten, — so der Verein Frauenwohl 
in Berlin, der Rechtsschutzverein in Dresden durch Ausarbeitung 
und Verbreitung von Broschüren'), ein Münchener Frauenkomitee 
durch Aufstellung und Verbreitung einer Resolution, die mit 
25 000 Unterschriften dem Reichstag eingesandt wurde. Der Bund, 
der damals etwa 50000 Mitglieder umfasste, hatte schon 1895 in 
einer von Frl. Auguste Schmidt und Frau Henriette Gold- 
schmidt verfassten Petition an den Reichstag mit einer Zusammen- 
stellung der Abänderungsvorschläge*) zu dem Entwurf Stellung 
genommen. Da die auf die erste Lesung folgende Kommissions- 
beratung den Wünschen der Frauen im wesentlichen nur durch die 
Gewährung des Vormundschaftsrechts an die Frau entsprach, 
wurde auf der Casseler Generalversammlung des Bundes im Mai 
1896 eine nochmalige energische Aufnahme der Agitation 
beschlossen. Durch Propagandareisen der Mitglieder der Rechts- 
kommission, Frl. Augspurg, Frau Proelss, Frau Marie 
Stritt, durch Verteilung neuer Flugblätter wurden in wenigen 
Wochen wiederum 25000 Unterschriften für eine Resolution 
gesammelt, die den Wünschen der Frauen noch einmal einen ent- 
schiedenen Ausdruck gab. Doch hatten auch diese neuen Be- 
mühungen auf die Verabschiedung des Gesetzentwurfs keinen 
Einfluss. Es blieb bei der Ende Juni erfolgenden zweiten Lesung 



I) Das deutsche Recht und die deutschen Frauen, herausgegebm vom Rechtsschutz- 
Verein Dresden 1895. Die Frau im neuen bürgerlichen Gesetzbuch von Sera Proelss 
und Marie Raschke. Berlin 1895. 

*) Heft n der Schriften des Bundes deutscher Frauenvereine. 



— 142 — 

bei den wenigen Zugeständnissen, die gemacht worden waren, und 
von denen die Zulassung der Frau zur Vormundschaft das 
wichtigste war. Den Frauen aber blieb nichts weiter übrig, als in 
Protestversammlungen wenigstens den Beweis zu liefern, dass die 
Stellung, die ihnen das bürgerliche Gesetzbuch anwies, dem Rechts- 
bewusstsein weiter Volkskreise nicht entsprach. Die bedeutendste 
dieser Versammlungen war die am 29. Juni im Konzerthause zu 
Berlin, die von Vertreterinnen der verschiedensten Richtungen der 
Frauenbewegung veranstaltet wurde. Als eine erste gemeinsame 
Kundgebung von Frauen aller Teile Deutschlands, zugleich eine 
Repräsentation der auf den verschiedensten Gebieten des geistigen 
und öffentlichen Lebens hervorragenden deutschen Frauen bildet 
diese Protestversammlung in der That ein bedeutungsvolles Datum 
in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung, bedeutungsvoll 
insofern als sie zeigte, dass der Gedanke der Frauenbewegung nicht 
mehr nur in den wenigen FOhrerinnen lebte, die die Öffentlichkeit 
kannte, sondern dass die weiten Kreise der innerlich selbständigen 
Frauen von ihm ergriffen waren. 

In der Zuversicht, dass diese Thatsache trotz der nun wieder 
für lange besiegelten niedrigen sozialen Einschätzung der Frau 
durch das Gesetz der weiteren Propaganda wenigstens innere 
Erfolge sicherte, hat die Rechtskommission des Bundes ihre 
Arbeit fortgesetzt. Noch vor dem Inkrafttreten des bürgerlichen 
Gesetzbuches wurden wiederum 50 000 Unterschriften für eine neue 
Petition an den Reichstag gesammelt, die natürlich nicht den Erfolg 
einer Abänderung des eben angenommenen Entwurfs haben konnte, 
sondern nur den indirekten, dass die Volksvertretung sich unter 
dem Eindruck der vorangegangenen Kundgebungen noch einmal 
mit den Forderungen der Frauen zu beschäftigen hatte, und dass 
das Bewusstsein, dem die greise Gräfin Butler-Haimhausen in 
dem Zuruf Ausdruck gab: „Deutsche Frauen, ihr habt einen 
Schlag ins Gesicht erhalten!"») in den Frauen selbst nicht wieder 
erlosch. 

Bis eine Revision des bürgerlichen Gesetzbuches Gelegenheit 
giebt, der Gesetzgebung gegenüber auf die Forderungen der Frauen 
zurückzukommen, hat die Rechtskommission des Bundes ihre 
Arbeit darauf konzentriert, über die Möglichkeiten, die das Gesetz- 
buch den Frauen zur Wahrung ihrer Rechte giebt, weitere Kreise 
aufzuklären und sie zur Geltendmachung ihrer Rechte anzu- 

I) Internationaler Kongress f&r Frauenwerke und Frauenbestrebungen. Berlin 1897. 
S. 70 f. 



-- 143 — 

regen. Die Zweigvereine, insbesondere die Rechtsschutzvereine 
haben sie darin durch Abhaltung von Rechtskursen etc. nach 
Kräften unterstützt. So ist im letzten Jahre 1900/1901 durch Ver- 
sendung von Flugblättern und Kontraktformularen eine umfassende 
Agitation für die Abschliessung von Eheverträgen aufgenommen.') 
Eine zweite Aufgabe hat sich für die Rechtskommission des 
Bundes aus der Stellung der Frau in Bezug auf das Vereins- und 
Versammlungsrecht ergeben. Die Bestimmungen des Vereinsrechts, 
die in den grössten deutschen Bundesstaaten Preussen und Bayern«) 
die Frauen von der Teilnahme an politischen Vereinen und deren 
Versammlungen ausschlössen, waren überall da zur Unterdrückung 
der Frauenbewegung angewendet worden, wo diese in höheren 
Orts missliebigen Formen aufgetreten war. So war die Macht, 
die mit diesem Gesetz aufgeboten werden konnte, zwar nicht der 
bürgerlichen Frauenbewegung direkt entgegengetreten, sie hatte 
ihr aber nach verschiedenen Seiten Beschränkungen auferlegt, und 
vor allem hatte sie die Arbeiterinnen in der so dringend not- 
wendigen beruflichen Organisation fortdauernd gehindert. Für 
ein Fortschreiten auf dem von der Frauenbewegung eingeschlagenen 
Wege sozialpolitischen Wirkens, wie es die Zeit gebot, war aber 
eine in allen Bundesstaaten gleichmässig gewährte volle Vereins- 
und Versammlungsfreiheit die unumgängliche Voraussetzung. In 
dieser Erkenntnis waren schon verschiedentlich, im Januar 1895 
von Frau Cauer, Frau von Gizycki und Frau Gerhard, 1897 
von neun Berliner Führerinnen der Frauenbewegung Petitionen 
an den Reichstag um eine reichsgesetzliche, Frauen und Männer 
gleichstellende Regelung des Vereins- und Versammlungsrechtes 
eingereicht. Sie wiesen darauf hin, dass der bestehende Zustand 
nicht nur die Entwicklung politischer Einsicht bei den Frauen 
selbst verhindere und ihnen die einzige Möglichkeit nehme, in einer 
auf die Gesetzgebung wirksamen Weise für ihre Interessen ein- 
zutreten, sondern auch die Gesamtheit dadurch schädigen müsse, 
dass die politisch ungebildete Frau den politischen Sinn der heran- 
wachsenden Generation verkümmern lassen müsse. Die Pe- 
titionen waren, trotzdem sie bei sozialdemokratischen und liberalen 
Volksvertretern energische Befürwortung gefunden hatten, erfolglos 
geblieben. 



I) Näheres Aber die Bewegung, die sich an das bfirgerliche Gesetzbuch anschloss, 
siehe Handbuch der Frauenbewegung, Teil IL 

*) Seit 1898 ist dort die Vertretung von Interessen der Erziehung und Krankenpflege 
den Vereinen mit weiblichen Mitgliedern gestattet. 



— 144 — 

Auch Erfahrungen, wie sie u. a. der Streik der Konfektions- 
arbeiterinnen 1896 hätte nahelegen müssen, Erfahrungen, die auf 
die Notwendigkeit beruflicher Organisation unter den Arbeiterinnen 
tausendfach hinwiesen, verfehlten in dieser Beziehung ganz ihre 
Wirkung.') Erfolglos blieb aber andrerseits auch ein Versuch, 
das Koalitionsrecht der Frauen zu beschränken, der 1898 in 
Sachsen gemacht wurde. Ein in diesem Sinne eingebrachter 
Antrag der konservativen Partei im sächsischen Landtag erhielt 
die Majorität der zweiten Kammer, fiel aber dann in der ersten, 
dank einer am 8. Januar 1898 unter Beteiligung der Volksvertreter 
einberufenen Protestversammlung der bürgerlichen Frauen. Der 
Bund deutscher Frauenvereine reichte im März 1899 eine Petition 
um ein einheitliches freies Vereinsrecht bei dem Reichstage ein, 
die schon, dank dem Eintreten liberaler Abgeordneter, eine 
günstigere Aufnahme erfuhr und dem Reichskanzler zur Berück- 
sichtigung überwiesen wurde. 

Ganz besondere Bedeutung gewann aber die Frage für die 
Frauen, als der Bund 1901 auf Grund des § 8a des preussischen Ver- 
einsgesetzes von der Gesellschaft für soziale Reform, der deutschen 
Sektion der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiter- 
schutz, ausgeschlossen werden musste. 

Dass durch diese Notwendigkeit die Gesellschaft selbst, zu 
der die ersten deutschen Sozialpolitiker gehören, zu dem Beschluss 
gedrängt wurde, für reichsgesetzliche Regelung des Vereinsrechts 
zu Gunsten der Frauen einzutreten, dürfte die Entscheidung der 
Frage in diesem Sinne ein gut Teil näher rücken. 



Eine ausserordentlich kräftige Förderung erhielt die Sittlich- 
keitsbewegung dadurch, dass sie im Bunde deutscher Frauen- 
vereine durch die „Kommission für Hebung der Sittlichkeit" ihre 
Vertretung fand. Es wurden auf diese Weise eine grosse Zahl von 
Vereinen zur Teilnahme an der Sittlichkeitsbewegung herangezogen, 
die ohne den Rückhalt am Bunde diese Frage nicht aufzunehmen 
gewagt haben würden. Eine auf der ersten Generalversammlung 
des Bundes vorgelegte Petition um Abschaffung der gewerblichen 
Prostitution wurde, mit den schon erwähnten •) Vorschlägen von Frau 
Bieber-Boehm zur Bekämpfung der Prostitution dem Reichstag 

') VgL die Reichstagsverhandlungen vom 99. Januar 1896. 
») Vgl S. 134 f. 



— 145 — 

eingereicht; in einer Eingabe an den Kultusminister wurde um Ein- 
führung der Gesundheitslehre in den Schulunterricht, in einer 
andern an den Minister des Innern um die Anstellung gebildeter 
Polizeimatronen nach englischem und amerikanischem Muster ge- 
beten. Beide Gesuche blieben jedoch erfolglos. Die Anstellung 
einer Ärztin, Frl. Dr. Hacker, bei der Berliner Sittenpolizei zur 
Untersuchung der erstmalig Inhaftierten September 1900 entsprach 
aber wenigstens einer in den Bieberschen Vorschlägen enthaltenen 
Forderung. Zu einer Wiederholung der ersten Petition gaben die 
Verhandlungen des Reichstags zu der vielbesprochenen lex Heinze im 
Winter 1900 Veranlassung. Die Beschlussfassung über dies Gesetz 
trug in einzelnen Punkten den Wünschen der Frauen Rechnimg, 
so vor allem durch die in § 362 enthaltene Bestimmung der Über- 
weisung der gemäss § 361 No. 6 Verurteilten in eine Erziehungs- 
anstalt, anstatt in ein Arbeitshaus. Als Stichprobe allerdings für 
die im Volke herrschenden sittlichen Anschauungen zeigten diese 
Verhandlungen und die sich daran knüpfenden Erörterungen in der 
Tagespresse, wie fest Jahrhunderte der Kompromisse und der still- 
schweigenden Duldung die Macht gegründet hatten, gegen die die 
Frauen kämpfen wollten, wie fest sie mit den moralischen Grundlagen 
des öffentlichen Lebens und seiner Institutionen verwachsen war. 

Unter diesen Umständen hat die Sittlichkeitskommission wohl 
zunächst nur ideelle Erfolge für ihre Arbeit zu erwarten. Sie legt 
daher den Schwerpunkt ihrer Thätigkeit in die Verbreitung ihrer 
Anschauungen in weiteren Kreisen. Durch Aufrufe und die Ver- 
sendung von Flugschriften hat sie versucht, auf erziehlichem Wege 
für ihre Ideen Boden zu gewinnen. In dieser Arbeit haben die 
Frauenvereine in allen Teilen Deutschlands sie unterstützt. Auch 
an den bereits von anderer Seite aufgenommenen Bestrebungen 
zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels hat sich der 
Bund durch eine Petition beteiligt. 

Zweimal haben die Vertreterinnen der Frauenbewegung auch 
in öffentlichen Protestversammlungen gegen Erscheinungen sittlich- 
sozialer Verkommenheit das öffentliche Gewissen angerufen. Die 
erste wurde gelegentlich der in Berlin vorgefallenen Inhaftierung 
eines unschuldigen Mädchens durch die Sittenpolizei; die andre 
im Winter 1901 nach dem Prozess Stemberg mit seinen 
erschreckenden Enthüllungen sittlicher Entartung unter starker 
Beteiligung abgehalten.*) 



I) VgL im Qbrigen Handbuch der Frauenbewegung, Teil IL 
Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL lO 



— 146 — 

In jüngster Zeit haben sich unter den Vertreterinnen der 
Frauenbewegung in Bezug auf die Sittlichkeitsfrage Gegensätze 
herausgestellt Die von der internationalen Föderation vertretenen 
Anschauungen sind neben der von Frau Bieber eingeschlagenen 
Richtung zur Geltung gekommen. An verschiedenen Orten, in 
Berlin, Hamburg, Dresden, Colmar, haben sich Zweigvereine der 
Internationalen Föderation gebildet, die ihrerseits auf den durch 
ihre Stellung in der Frage gewiesenen Wegen der Sittlichkeits- 
bewegung dienen. Da die beiden Richtungen in Bezug auf die 
vorbeugenden Massregeln miteinander übereinstimmen, hat sich im 
Bunde über die gemeinsamen Aktionen bisher noch ein Einver- 
ständnis auf beiden Seiten erzielen lassen. 



Während an die Thätigkeit dieser drei Kommissionen der 
Fortschritt der Frauenbewegung auf den betreffenden Gebieten 
und die Initiative auch weiterer Kreise angeknüpft hat, ist die 
Arbeit der übrigen Kommissionen zum Teil jüngeren Datums, zum 
Teil liegt sie mehr auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege, zum 
Teil sind die von der Kommission aufgenommenen Bestrebungen 
auch durch grosse Fachvereine vertreten, denen die Führung auf 
dem Gebiet zufällt So ist ihre Bedeutung bisher noch geringer. 
Die Mässigkeitskommission hat — abgesehen von einer Petition 
an alle deutschen Unterrichtsministerien um Einführung der Unter- 
weisung über die Gefahren des Alkoholgenusses in die Schulen 
und einem Aufruf ähnlichen Inhaltes an Lehrer, Leiter von 
Jünglingsvereinen etc. — ihren Schwerpunkt in der lokalen Arbeit 
ihrer Mitglieder.«) Die Kommission für Kinderschutz besteht erst 
seit 1898 und hat sich die Aufgabe gestellt, für die Einführung 
der Generalvormundschaft im Sinne des Taubeschen Ziehkinder- 
systems zu wirken. Da eine solche Arbeit auch nur lokaler Natur 
sein kann, so ist bis jetzt nur in einzelnen Städten versucht worden, 
auf die Einführung dieses Systems hinzuwirken. Die Kommission 
für Handelsgehilfinnen und die für Erziehungswesen geben den 
Interessen der Fachvereine eine Art Repräsentation und ihren 
Bestrebungen einen Vereinigungspunkt im Bunde. Die HandeLs- 
gehilfinnenkommission wirkt vor allem für die Organisation neuer 
Berufsvereine; die Kommission für Erziehungswesen ist bis jetzt 



I) VgL im abrigen Handbuch der Frauenbewegung, Teil IL 



— 147 — 

für die staatliche Regelung des Kindergartenwesens und für die 
Einführung der obligatorischen Fortbildungsschule durch Petitionen 
an die deutschen Regierungen eingetreten, ohne jedoch unmittelbare 
Erfolge erreichen zu können. Die „Kommission für Erwerbs- 
thätigkeit der Frau" unterhielt eine Auskunftstelle für Frauen- 
erwerb, die kürzlich zu einem Informationsbureau ftir alle Frauen- 
angelegenheiten erweitert ist 



Der Bund deutscher Frauenvereine hat sich auch nach aussen 
hin in den nun 7 Jahren seines Bestehens kräftig entwickelt Er 
zählt nach dem 10. Vorstandsbericht 137 Zweigvereine, die eine 
Zahl von über 70000 Mitgliedern vertreten. Diese Vereine re- 
präsentieren thatsächlich die deutsche Frauenbewegung, abgesehen 
von der in den ersten Anfängen bestehenden auf konfessioneller 
Grundlage. Der Modifikation, die durch die Entwicklung des 
Bundes seine ursprüngliche Grundlage erfahren hatte, wurde durch 
eine Statutenveränderung auf der Hamburger Generalversammlung 
1898 Rechnung getragen, durch die der § 2 die folgende Fassung 
erhielt: 

Der Bund deutscher Frauenvereine bezweckt die Vereinigung 
aller derjenigen deutschen Frauenvereine beziehungsweise Verbände 
solcher Vereine, welche die Förderung des Gemeinwohls und die 
Hebung des weiblichen Geschlechts auf geistigem und wirt- 
schaftlichem, rechtlichem und sozialem Gebiet anstreben, zu 
gemeinsamer Verfolgung dieser Ziele. 

Er will Gelegenheit zum Gedankenaustausch, zu Vergleichen, zur 
Kenntnisnahme mustergiltiger Einrichtungen, zur Anregung neuer, 
selbständiger Schöpfungen bieten. 

Der Bund sieht ab von jeder Einmischung in die inneren An- 
gelegenheiten der zu ihm gehörenden Vereine und beschränkt seine 
Thätigkeit auf diejenigen Arbeitsgebiete und Bestrebungen, denen die 
Bundesvereine zustimmen. 

An die Stelle der durch Arbeitsüberlastung zum Rücktritt 
gezwungenen hochverdienten Vorsitzenden Frl. Auguste Schmidt 
wurde durch die Generalversammlung von 1900 Frau Marie 
Stritt gewählt, in deren Händen die Bundesleitung seitdem liegt 
und die den steigenden Anforderungen des immer komplizierter 
werdenden Organismus in hervorragendem Masse gerecht wird. 

10* 



— 148 — 

Seit dem i. April 1899 besitzt der Bund ein eigenes Organ, 
das „Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine", das zuerst 
von Frau Jeannette Schwerin, dann seit deren Tode von Frau 
Marie Stritt herausgegeben wird und halbmonatlich erscheint. 



Die besonderen Verhältnisse, die in Deutschland die politische 
Entwicklung der Frau stärker zurückgehalten haben als in vielen 
andern Ländern, Verhältnisse, die äusserlich durch den Ausschluss 
der Frau von der dem Manne gegebenen Koalitionsfreiheit, innerlich 
durch die allgemein herrschenden Vorurteile gegen irgendwelche 
politische Bethätigung der Frau bezeichnet sind, haben es dem 
Bunde bisher unmöglich gemacht, für die politische Befreiung der 
Frau einzutreten. 

Diese Zurückhaltung ist eine taktische, nicht eine prinzipielle. 
Sie ist durch äussere Umstände aufgezwungen, nicht ein Ausdruck 
der inneren Stellung der deutschen Frauenbewegung zu der 
Forderung politischer Gleichberechtigung. 

Seit Louise Otto in das freiheitliche Programm der acht- 
undvierziger Bewegung das Wort von der pflichtgemässen Teil- 
nahme der Frauen am Staatsleben einsetzte, hat sich die Zahl der 
Frauen von Jahr zu Jahr gemehrt, die persönlich für das Frauen- 
stimmrecht eingetreten sind. Dass die Frage des Frauenstimmrechts 
nach dem Erscheinen der deutschen Übersetzung von John Stuart 
Mill, und bei Gelegenheit der Aufrichtung des norddeutschen 
Bundes und des Deutschen Reiches vielfach diskutiert wurde, ist 
bereits erwähnt. (S. 67 ff.) Die Forderungen der Frauen selbst 
sind seitdem nicht verstummt 

So hat Hedwig Dohm in einer 1876 erschienenen Schrift') 
mit der ihr eigenen glänzenden Beredsamkeit die Frauen dazu 
aufgerufen, ihr politisches Recht zu fordern, als den Schlüssel zu 
all den Rechten und Freiheiten, von denen sie heute noch aus- 
geschlossen seien. Auf einer von Frau Minna Cauer einberufenen 
öffentlichen Versammlung in Berlin (2. Dezember 1894) hat Frau 
Lily von Gizycki in einem Vortrag über „die Bürgerpflicht der 
Frau",«) das Wahlrecht, „die Anwendung der Prinzipien des 



*) Der Frauen Nattu* und Recht. Zwei Abhandlungen Ober Eigenschaften und Stimm- 
recht der Frauen von Hedwig Dohm. Berlin 1876. 
*) Als BroschOre erschienen. Berlin 1895. 



— 149 — 

modernen Staates — der allgemeinen Menschenrechte — auch 
auf die andre Hälfte der Menschheit, die Frauen" gefordert. 

In einer längeren Abhandlung hat Helene Lange») die Frage 
in ihrer Beziehung zu unsern modernen Verfassungsgrundsätzen 
und die Aussichten und Wege zu ihrer Lösung in Deutschland 
erörtert. Sie kommt zu dem Schluss: 

Sobald die Erkenntnis der Bedeutung der Frau für das Gemeinwohl 
in den Kreisen der Männer genügend Wurzel gefasst hat, dann, aber 
auch erst dann, wird der Augenblick gekommen sein, in dem die 
gesetzgebenden Faktoren, von der öffentlichen Meinung gedrängt, für 
das Frauenstimmrecht eintreten werden. 

Und so ist uns unser Weg gewiesen. Es gilt zunächst — und diese 
Arbeit haben wir schon mit Energie in Angriff genommen — die 
Hindemisse zu beseitigen, die uns am Leisten hindern. Es gilt einzu- 
dringen in die Arbeit der Gemeinden, in die Schulverwaltungen, die 
Universitäten, die verschiedenen Berufszweige, und überall zu zeigen: 
das kann die Frau. Es gilt, der „Dame** entgegenzutreten, die durch das 
parfümierte Taschentuch den „Armeleutegeruch** fernhalten möchte; 
es gilt das Laster in seinen Schlupfwinkeln aufzusuchen, die Kindlein 
zu uns kommen zu lassen, den Verwaisten und Verlassenen Pflegerinnen 
zu sein und unerschrocken die Wahrheit zu sagen über alles, was da 
faul ist auf sozialem Gebiet, mag uns noch so oft das allmählich doch 
etwas in Misskredit geratende „Un weiblich" entgegengeschleudert 
werden. Der Weg ist weit; aber er ist kein Umweg. Denn wir 
nehmen viel mit unterwegs, all das Rüstzeug, das wir für eine spätere 
Zeit brauchen. Und überdies: wir haben keine Wahl. Auch wer 
grundsätzlich nicht mit mir einverstanden ist, wer von einer Vor- 
bereitung im Prinzip nichts wissen will, wird mir zugestehen: »Du 
hast recht, vorzüglich weil ich muss.**«) 

Diese Ausführungen kennzeichnen durchaus die Taktik, die 
von der deutschen Frauenbewegung innegehalten wird. Mit der 
längst geforderten und zum Teil schon verwirklichten») Mitarbeit 
der Frauen 'in kommunalen Ämtern, in der Armen- und Waisen- 
pflege, ist der erste Schritt auf dem Wege zur politischen Gleich- 
berechtigung gethan. Der Bund deutscher Frauenvereine hat auf 



I) Frauenwahlrecht Zuerst erschienen in der Internationalen Revue nCosmopolis", 
August 1896; dann als BroschOre x. Aufl., Berlin 1897, a. Aufl., Berlin 1898. 

*) VgL auch die Broschüre von Eliza Ichenhaeuser: Die politische Gleidi- 
berechtigung der Frau. Berlin 1898, in der eine gut orientierende Obersicht Ober die Ent- 
wicklung, den Stand und die Wirkungen des Frauenstimmrechts im Auslande gegeben und 
gleichfalls am Schluss die Forderung der politischen Befreiung der deutschen Frau er- 
hoben wird. 

') VgL Handbuch der Frauenbewegung, Teil IL: Die Frau in der sozialen Hüfs- 
thfltigkeit 



— ISO — 

seiner Hamburger Generalversammlung beschlossen, für eine 
weitere Durchführung der auf diesem Gebiet bereits gemachten 
Anfänge einzutreten. 

Wenn auch bei den noch bestehenden vereinsgesetzlichen 
Beschränkungen und den allgemein noch giltigen Ansichten über 
die politische Emanzipation der Frau vorläufig die Vorbedingungen 
für eine geschlossene, erfolgreiche Agitation für das politische 
Stimmrecht fehlten, so hat doch auch die organisierte Frauen- 
bewegung die Öffentlichkeit nicht im Zweifel darüber gelassen, 
wie sie zu der Frage steht. 

Auf der Generalversammlung des Allgemeinen deutschen 
Frauenvereins in Stuttgart 1897 ist die Forderung der politischen 
Gleichberechtigung der Frau in einem Vortrag von Frau Marie 
Hecht gestellt worden. In allen offiziellen und nicht offiziellen 
Organen der Frauenbewegung ist sie wieder und wieder erhoben. 
Der 1899 gegründete Verband fortschrittlicher Frauenvereine hat 
sie zu einem Punkt seines Programms gemacht. 

In steigendem Masse haben auch im letzten Jahrzehnt die 
Frauen in öffentlichen Kundgebungen Stellung genommen zu all- 
gemein politischen Fragen, die nicht unmittelbar mit der Frauen- 
bewegung zusammenhängen. Veranlassung dazu boten u. a. das 
Volksschulgesetz, die sogenannte Zuchthausvorlage, die Haager 
Friedenskonferenz'), die Flottenvorlage, die Lex Heinze und in 
letzter Zeit der Zolltarif 



Wie der Bund deutscher Frauenvereine einer internationalen 
Anregung seine Entstehung verdankte, so trat durch ihn die 
deutsche Frauenbewegung in ihrer Gesamtheit in die Beziehungen 
ein, die sich in jüngerer Zeit mehr und mehr zwischen den Frauen 
der einzelnen Länder gefestigt haben. Der Bund gehört seit 1897 
dem International Council of Women an, der 1888 in Washington 
gegründet wurde und jetzt 12 grosse National verbände umschliesst •) 
Der International Council of Women hält alle fünf Jahre eine 
Generalversammlung ab, und verbindet damit einen Frauenkongress, 
der den Mitgliedern der verschiedenen Länder Gelegenheit giebt, 

I) Vgl Handbuch der Frauenbewegung', Teil IL 

*) Die nationalen Verbände in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Kanada, 
Deutschland, Schweden, Grossbritannien und Irland, Dflnemark, Holland, Neuseeland, 
NeusQdwales, Tasmanien, Italien, Frankreich. Der Anschluss von Österreich steht nahe 
bevor. (VgL die Darstellung der Frauenbewegung in Österreich.) 



— 151 — 

ihre Erfahrungen auszutauschen und Anregungen für ihre Arbeit 
zu gewinnen. Selbstverständlich hat der internationale Austausch 
für die Frauenbewegung nicht die praktische Bedeutung, wie sie 
z. B. für die Arbeiterfrage besteht, immerhin aber haben gerade 
die deutschen Frauen dadurch den nicht zu unterschätzenden Vor- 
teil, die Arbeit der zum Teil viel weiter vorgeschrittenen Frauen 
des Auslandes unmittelbar kennen zu lernen. 

Den internationalen Kongressen selbst kann man diesen Wert 
allerdings nicht unbedingt zuschreiben. Bis jetzt gilt es noch die 
Form zu finden, in der sie in vollem Masse fruchtbar gemacht 
werden können. Das Bestreben, die Hauptgebiete der Frauen- 
thätigkeit durch Referentinnen aller Länder vertreten zu lassen, 
hat zu einer solchen Überlastung des Programms geführt, dass die 
einzelnen Gebiete stets nur in sehr oberflächlicher und allgemeiner 
Form zur Darstellung kommen konnten, und dass vor allem der 
Meinungsaustausch stets sehr beschränkt werden musste. 

Der einzige offizielle Kongress des International Council seit 
dem Beitritt Deutschlands hat 1899 in London stattgefunden. Der 
nächste wird 1904 in Berlin sein. 

Man hat nun ausserdem mit besonderen internationalen Ver- 
anstaltungen andrer Art, Ausstellungen etc. internationale Frauen- 
kongresse verbunden; in Amerika, Frankreich, Belgien haben solche 
inoffiziellen Kongresse, von Vertreterinnen der betreffenden Länder 
einberufen, stattgefunden. 

Auch in Berlin hat vom 19. — 26. September 1896 ein inter- 
nationaler Frauenkongress getagt. 

Die Anregung dazu ging von Frau Lina Morgenstern aus. 
Sie fand bei den Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung 
eine geteilte Aufnahme. Viele der zur Teilnahme aufgeforderten 
Frauen, so unter anderm Auguste Schmidt, Anna Schepeler- 
Lette, Helene Lange, Elisabeth Gnauck-Kühne lehnten die 
Beteiligung ab, teils da sie an den Abmachungen mit dem Inter- 
national Council festhalten wollten und die in Zwischenräumen 
von 5 Jahren stattfindenden offiziellen Kongresse für völlig aus- 
reichend hielten, teils weil sie sich bei den mehr als 100 Referaten, 
die das Programm aufwies, keine fruchtbare Ausnutzung der 
wirklich wertvollen internationalen Anregungen denken konnten. 
Von bekannten deutschen Fohrerinnen beteiligten sich unter andern 
Minna Cauer, Jeannette Schwerin, Marie Stritt, Anita 
Augspurg, Frau Henriette Goldschmidt, Hanna Bieber- 
Böhm. 



— 152 — 

Der Kongress wurde beschickt von Amerika, England, 
Dänemark, Schweden, Finnland, Frankreich, Holland, Belgien, Öster- 
reich, Italien, Portugal, Armenien, Russland u. a. 

Soweit der Erfolg des Kongresses sich in der Kopfzahl des 
teilnehmenden Publikums und in der Beachtung durch die Presse 
ausdrückt, war er ein glänzender. Die Sitzungen waren von 
Anfang bis zu Ende gedrückt voll, und die Zeitungen brachten alle 
während der Kongresstage spaltenlange Berichte. Diese Berichte 
sind ein interessanter Gradmesser für die Anschauungen, mit denen 
man in den verschiedenen Kreisen des deutschen Publikums der 
Frauenbewegung noch gegenüberstand. Verhältnismässig wenige 
nehmen mit wirklichem Verständnis zu den Fragen und Forde- 
rungen, die der Kongress vor ihnen aufrollte, Stellung. Viele 
begnügen sich mit der blossen objektiven Berichterstattung ohne 
irgend welche Meinungsäusserungen. ») Andre würzen ihre Be- 
wunderung mit soviel Bemerkungen über Toilette und Aussehen 
der „Damen", dass ihre Anerkennung nicht eben ein Gewinn für 
die Frauenbewegung genannt werden kann. •) Wieder andre legen 
in einer Schlussbetrachtung ihren Standpunkt zu der ganzen Frage 
dar, ohne sich darin durch den Kongress besonders vorteilhaft 
beeinflusst zu zeigen.») Es trat eben dabei hervor, dass von einer 
wirklichen Einführung in die ausserdeutsche Frauenbewegung und 
ihre Bedeutung bei der Fülle und Kürze der Referate nicht wohl 
die Rede sein und dass der Kongress in dieser Richtung keine 
nachhaltige Wirkung üben konnte. Diese Thatsache wird auch von 
frauenfreundlichen Blättern in der Kritik des Kongresses hervor- 
gehoben. Man bedauerte, dass die Belastung des Programms eine 
Klärung der Ansichten, einen eingehenderen Erfahrungsaustausch 
in Einzelfragen nicht gestattet habe.*) 

An scharfen gegnerischen Äusserungen, die weniger dem 
Kongress, als der Frauenbewegung im allgemeinen galten, fehlte 
es zumal in der konservativen Presse natürlich auch nicht 
Der „Reichsbote" •) glossierte sogar die Referate über die Sittlich- 
keitsfrage mit der Äusserung: „Wehe unserer Frauenwelt, wenn sie 



1) Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, die Post u. a. 

*) Das Berliner Tageblatt u. a. 

*) Z. B. die Vossische Zeitung, arj. Sept 1896. 

*) S. die Kritik des Kongresses in der Nation, 3. Okt 1896. — Vgl ausserdem noch 
die anerkennenden Besprechungen in den Zeitschriften: die soziale Praxis, x. Okt 1896; 
die deutsche Rundschau, Novemberheft 1896. 

B) trj. Sept 1896 (No. aa8) und 3. Okt 1896, x. Beilage (No. 933), wieder abgedruckt 
in der .Zeitschrift fOr Innere Mission* Okt 1896; vgL auch die Kreuxzeitung (No. 457). 



— 153 — 

in die Hände dämonischer Weiber fällt, die nichts mehr von dem an 
sich haben, was die Zierde der deutschen und der christlichen 
Frau allezeit gewesen ist." 

Alles in allem hat der Kongress trotz der aus dem Programm 
sich ergebenden Mängel, als Demonstrationsmittel eine starke 
Wirkung geübt, die mehr durch den Gesamteindruck, als durch 
die sachlichen Einzelheiten der behandelten Themen erzielt wurde. 
Der Kongress hat, für den Augenblick wenigstens, eine breite 
Diskussion Ober die Frauenfrage entfesselt. Er hat vielen, die 
persönlich teilnahmen, von der Ausdehnung und Bedeutung der 
Frauenbewegung einen Begriff gegeben und speziell der Berliner 
Frauenbewegung eine Anzahl neuer Hilfskräfte zugeführt. 



Mit der oben gegebenen Skizze der Bundesthätigkeit ist selbst- 
verständlich die Arbeit innerhalb der gegenwärtigen deutschen 
Frauenbewegung nur insoweit geschildert, als die Vereine ihren 
gemeinsamen Überzeugungen in gemeinsamen Aktionen Ausdruck 
gaben. Sie umfasst in den mannigfaltigen Bestrebungen ihrer 
zahlreichen Ortsvereine ein Arbeitsgebiet, das hier nur in grossen 
Zügen umschrieben werden kann. Diese Bestrebungen gelten im 
wesentlichen der wissenschaftlichen, gewerblichen, hauswirtschaft- 
lichen ') Frauenbildung, der sozialen Hilfsthätigkeit und der Pro- 
paganda. 

In dem Masse als Staat und Kommunen sich der gewerblichen 
und hauswirtschaftlichen Frauenbildung anzunehmen begannen, 
als andrerseits sozialpolitische Fragen im allgemeinen mehr in den 
Vordergrund des Interesses gerückt sind, ist das Gebiet der sozialen 
Hilfsthätigkeit auch in den Frauenvereinen mehr in den Vordergrund 
getreten. So haben die Zweigvereine und Ortsgruppen des All- 
gemeinen deutschen Frauenvereins in Tilsit, Stettin, Berlin, Hamburg, 
Frankfurt, Leipzig, Nürnberg, der durch den Allgemeinen deutschen 
Frauenverein gegründete schwäbische Frauenverein, die Frauen- 
bildungs- und Erwerbsvereine in Breslau, Bremen, Cassel etc., die 
Vereine Frauenwohl in Berlin, Danzig, Königsberg u. a. auf den 
verschiedensten Gebieten moderner Wohlfahrtspflege die Initiative 
ergriffen: durch Aufnahme von Volksbildungsbestrebungen, durch 
Einrichtung von Wöchnerinnenfürsorge in Heimen und durch 



i) Vgl. darober Eingehendes: Handbuch der Frauenbewegung, Teil m und IV. 



— 154 — 

Hauspflege, durch Organisation der allgemeinen Wohlfahrtspflege, 
des Kostkinder wesens, durch Eintreten in die Gefangenen Fürsorge, 
Errichtung von Arbeiterinnenheimen u. s. w. 

Alle diese Bestrebungen sollten nicht nur ihrem unmittelbaren 
Zweck dienen, sie sollten zugleich einer zukünftigen kommunalen 
Thätigkeit der Frau in jeder Weise die Wege bahnen und die 
Gemeinden von den Vorteilen einer solchen Erweiterung des 
Wirkungskreises der Frau überzeugen. Thatsächlich hat die frei- 
willige soziale Arbeit auch mehrfach zur Eingliederung der Frauen 
in die städtische Armen- und Waisenpflege geführt. Neben dieser 
praktischen Arbeit treiben die in der Frauenbewegung stehenden 
Vereine meist zugleich eine propagandistische Thätigkeit, insofern 
als sie in öffentlichen und Vereinsversammlungen die Frauenfrage 
nach ihren verschiedenen Seiten erörtern und zu Fragen von 
aktueller Bedeutung für die Frauenbewegung in Resolutionen und 
Petitionen öffentlich Stellung nehmen. 

Die Propaganda wird in Deutschland weniger durch Flug- 
blätter, wie sie für England charakteristisch sind, als vor allem 
durch „Propagandareisen" der Führerinnen und sonstigen Ver- 
treterinnen der Frauenbewegung betrieben. Eine Art Organisation 
dieser Propaganda ist durch eine in Mannheim gegründete Central- 
stelle versucht, bei der von den Vereinen Rednerinnen erbeten 
werden können. 

Daneben ist die Flut von längeren Broschüren zur Frauen- 
bewegung von Jahr zu Jahr mehr angeschwollen. Eine umfassende 
propagandistische Arbeit leisten auch die im Dienste der Frauen- 
bewegung stehenden Zeitschriften: ausser den erwähnten Organen 
der grossen Vereine die Monatsschrift: „Die Frau" (hrsg. von 
Helene Lange) und „die Frauenbewegung" (hrsg. zuerst von 
Minna Cauer und Lily von Gizycki, dann von der ersten 
allein). 

Von grosser propagandistischer Wirkung sind die General- 
versammlungen des Allgemeinen deutschen Frauenvereins in 
Nürnberg (1893), Frankfurt (1895), Stuttgart (1897), Königsberg 
(1899) gewesen, die zur Gründung neuer Zweigvereine in den be- 
treffenden Städten oder ihrer Umgegend führten und neue Anregung 
für die Arbeit der bestehenden, häufig auch für weitere sozial- 
reformatorische Bestrebungen an den betreffienden Orten gaben. 
Dem Beispiel der grossen nationalen Verbände in der Berufung 
von Wanderversammlungen folgte man in Bayern durch die Ein- 
richtung bajrrischer Frauentage, die bisher zweimal, in München 



— 155 — 

und Nürnberg, stattfanden und die öffentliche Meinung in Bayern 
in hervorragendem Masse zu Gunsten der Frauenbewegung 
beeinflusst haben. Auch der kürzlich begründete Rheinisch- 
Westfälische Frauenverband, der die in vorsichtiger und plan- 
voller Organisationsarbeit nach und nach gegründeten Vereine in 
den Rheinlanden zu einem Provinzialverein zusammenfasste, be- 
absichtigt die Einrichtung solcher Frauentage. 

Es ist ein charakteristisches Zeichen für die wachsende An- 
erkennung der deutschen Frauenbewegung, dass diese Ver- 
sammlungen überall einen offiziellen Empfang von Seiten der 
städtischen Behörden fanden, dass die Frankfurter Versammlung 
des Allgemeinen deutschen Frauenvereins durch die Kaiserin 
Friedrich, die Stuttgarter durch die Königin von Württemberg 
besucht wurde. 

Mit der numerischen und geographischen Ausbreitung der 
Frauenbewegung, mit der Erweiterung ihrer Arbeitsgebiete und 
der fortschreitenden Ausgestaltung ihrer Organisation musste sich 
naturgemäss auch die Auffassung der einzelnen von den Zielen, 
die zu erstreben, den Wegen, die zu beschreiten waren, mehr und 
mehr individualisieren. Das hat in Bezug auf einzelne Fragen 
sowohl, wie in Bezug auf allgemeine Prinzipien zu einem Aus- 
einandergehen der Meinungen und schliesslich zur Konsolidierung 
einer Partei in der deutschen Frauenbewegung geführt, die sich als 
die „jüngere Richtung" bezeichnet und als solche in Gegensatz zu 
der Majorität des Bundes, als der „älteren Richtung", gestellt hat. 
Die Führung hatte dabei der Verein „Frauenwohl" zu Berlin, der 
seinen ursprünglichen Charakter mehr und mehr aufgegeben und 
seine Aufgabe ausschliesslicher in der Agitation und Propaganda 
gesucht hatte, da er glaubte, speziell mit Rücksicht auf seine 
Lokalisation in der Reichshauptstadt, der Frauenbewegung aut 
diese Weise bessere Dienste leisten zu können. Einen festen 
Zusammenschluss suchte die Partei in dem 1899 gegründeten 
„Verband fortschrittlicher Frauen vereine". Nach der von Frl. 
Maria Lischnewska gehaltenen Programmrede, in der die 
Ziele des Verbandes dargelegt werden, ') soll die neue Gründung 
den neuen Ideen und Forderungen jener jüngeren Richtung 
im Bunde eine nachdrückliche Vertretung sichern. Als solche 



1) Die Frauenbewegung vom 15. Okt. und x. Nov. 1899. 



- 156 - 

neuen Ideen werden bezeichnet: „die Sittlichkeitsfrage, das Frauen- 
stimmrecht, der soziale Gedanke der Einheit aller kämpfenden und 
erwerbenden Frauen, der endlich, und sei es nur in der Theorie, 
die Schranken zwischen der bürgerlichen und proletarischen Frau 
niederwarf." „Als neue Forderungen, welche in Wort und Schrift 
nachdrücklich zur Geltung gebracht und sogar teilweise ihrer 
Erfüllung näher geführt worden", werden genannt: „eine Reform 
des Familienrechts, der Eintritt der Frau in die kommunalen 
Ämter, die Gründung von wissenschaftlichen Vorbildungsanstalten 
für schulpflichtige Mädchen und endlich die hochwichtige Reform 
der Frauenkleidung". Es wird ausdrücklich erklärt, „dass von 
allen diesen Ideen, von allen diesen Forderungen nicht eine von 
den Frauen der älteren Richtung erhoben oder gar in der Öffent- 
lichkeit durchgesetzt worden ist". 

Dass der „jüngeren Richtung" die in dieser Erklärung für sie 
in Anspruch genommene Bedeutung nicht zukommt, beweist die 
Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Sie bietet genug Zeug- 
nisse dafür, dass die Idee des Frauenstimmrechts, wie der soziale 
Gedanke der Einheit aller kämpfenden und erwerbenden Frauen 
zu den Grundlagen der deutschen Frauenbewegung gehört hat. 
Auch die Reform des Familienrechts, der Eintritt der Frau in 
kommunale Ämter sind Forderungen, die seit Jahrzehnten auf den 
Frauentagen wie in der Presse vertreten sind, von denen die letzte, 
durch die praktische Wohlfahrtsarbeit in den Vereinen gestützt, 
schon verwirklicht zu werden beginnt. 

Auch waren eben die Vereine, bei denen die Initiative für die 
Inangriffnahme der Sittlichkeitsfrage, die Gründung von Mädchen- 
gymnasien gelegen hatte, sich eines Gegensatzes zu der im Bunde 
vertretenen Majorität nicht bewusst; sie hatten vielmehr dort volle 
Zustimmung für ihre Forderungen gefunden und keine Veranlassung 
gehabt, zur Vertretung ihrer Interessen einen neuen Zusammen- 
schluss zu suchen und sich an der Gründung des Verbandes zu 
beteiligen. Überdies war der in dem Verbände führende Verein 
Frauenwohl-Berlin in seiner Zusammensetzung so fluktuierend, >) 
dass auch er keine Anhaltepunkte für die Abgrenzung einer 
jüngeren Richtung zu bieten vermag; noch im Jahr vor der 



1) Schon 1894 war eine grössere Zahl von Mitgliedern und Vorstandsmitgliedern 
ausgetreten. Fünf Jahre spflter wiederholte sich derselbe Vorgang. Auch verschiedene 
Schwestervereine des Vereins Frauenwohl, so die grossen Vereine in Königsberg und 
Danzig, lösten ihre Verbindung mit ihm. 



— 157 — 

Gründung des Verbandes waren auf Grund von Differenzen mit 
der Leitung gerade die Persönlichkeiten ausgeschieden, die, 
wie Frau Bieber-Böhra und Frau Schwerin, auf den für 
die jüngere Richtung beanspruchten Gebieten Pionierarbeit 
geleistet hatten. 

Giebt der Inhalt des Programms also thatsächlich keine An- 
haltepunkte zur Abgrenzung einer jüngeren gegen eine ältere 
Richtung der deutschen Frauenbewegung, so ist ein solcher 
Gegensatz allerdings erkennbar in der Beurteilung und Wahl der 
Mittel und Wege, in der Art und Weise des öflfentlichen Auf- 
tretens. Als solcher kommt er vor allem in der Haltung der von 
Frau Minna Cauer herausgegebenen Halbmonatsschrift „Die 
Frauenbewegung" zum Ausdruck. Während die in der Frauen- 
bewegung arbeitenden Vereine neben der Propaganda die praktische 
Arbeit in der Errichtung von Erwerbs- und Ausbildungsgelegen- 
heiten, der freiwilligen Teilnahme an der Wohlfahrtspflege als die 
unumgängliche Voraussetzung jeder Erweiterung des weiblichen 
Wirkungskreises in den Vordergrund stellen, konzentrierte man 
sich auf der andern Seite immer mehr auf eine mit starken 
Mitteln wirkende Agitation. Man suchte sich als eine politische 
Macht zu beweisen und so durch Massenkundgebungen, durch 
agressive Resolutionen und scharf agitatorische Kritik den Einfluss 
zu gewinnen, der den Forderungen der Frauenbewegung zum 
Siege helfen sollte. Nun waren solche Mittel, der Frauenbewegung 
Gehör zu verschaflFen, zweifellos in gewissem Umfange durch die 
Zeit geboten, nachdem einmal die Arbeit der vorangegangenen 
Jahrzehnte die Frauenbewegung in der öffentlichen Anerkennung 
soweit gefestigt hatte, dass sie eine gewisse Resonnanz für der- 
artige Kundgebungen erwarten konnte. Auch der Bund deutscher 
Frauenvereine als solcher sowohl, wie die in seiner Majorität ver- 
tretenen Zweigvereine hatten diese Mittel anerkannt und ange- 
wendet, und wenn man auch über die Art und das Mass ihrer 
Anwendung vielfach abweichender Ansicht war, so hielt man 
doch allgemein die Mitarbeit von Kräften, die in dieser Richtung 
zu wirken im stände waren, für ausserordentlich wertvoll. Speziell 
die grosse agitatorische Thätigkeit des Vereins Frauenwohl zu 
Berlin in der Bewegung gegen das bürgerliche Gesetzbuch ist voll 
anerkannt worden. 

So würde sich auch aus diesem Umstände keine Parteienbildung 
innerhalb des Bundes ergeben haben, — zumal der Bundesvorstand 
Mitglieder zählt, die gerade nach der Richtung der äusseren Pro- 



- 158 - 

paganda ausserordentlich thätig sind — wenn die im Verband 
fortschrittlicher Frauenvereine zusammengeschlossenen Vereine 
sich nicht auf Grund ihres Vorgehens und ihrer Taktik als die 
einzig „zielbewusste" Partei des Bundes, als die „Radikalen" in 
einen Gegensatz zu den übrigen Vereinen gestellt und deren Wohl- 
fahrtsbestrebungen ostentativ gering angeschlagen hätten. Dieser 
Gegensatz, der vor allem seit der Hamburger Generalversammlung 
hervortrat, hat auf den Bundesversammlungen seither Organisations- 
fragen zu Machtfragen der Parteien gestempelt und auch gering- 
fügigen Meinungsverschiedenheiten eine prinzipielle Schärfe ge- 
geben, so dass die gemeinsame Arbeit dadurch merkbar erschwert 
worden ist. Es ist zu erwarten, dass sich die deutsche Frauen- 
bewegung als stark genug erweisen wird, in ihrer weiteren Ent- 
wicklung diesen Gegensatz zu überwinden. 

XX. 

Die Frauenbewegung in konfessionellen Kreisen. 

Seit die Ideen der Frauenbewegung weitere Verbreitung fanden, 
hat man begonnen, von dem Boden der christlichen Welt- 
anschauung eine Stellung zu ihnen zu suchen, sie mit dem im 
Kirchenglauben verfassten Christentum zu verbinden oder ihre 
prinzipielle Unvereinbarkeit mit den Grundsätzen des christlichen 
Bekenntnisse3 nachzuweisen. Man muss, wenn man die stetig an- 
gewachsene Litteratur auf diesem Gebiet übersieht, gestehen, dass 
die Lösungen der Aufgabe die denkbar verschiedensten sind. Auf 
der einen Seite hat man im Sinne des „mulier taceat in ecclesia" 
erklärt: „dass die Frauenemanzipation mit dem Wortlaut und mit 
dem Geist der ganzen Bibel im Widerspruch steht, soll man einem 
Christen nicht erst sagen müssen" ») — auf der andern Seite hat 
man behauptet, die Durchführung des christlichen Ideals der 
Gleichstellung der Geschlechter vor Gott, als sittlich freie Persön- 
lichkeiten, erfordere die Befreiung der Frau, sogar bis zur po- 
litischen Gleichberechtigung, wenn auch diese letzte zur Zeit noch 
nicht zu fordern sei.«) Es sind eine ganze Reihe von Namen zu 
nennen für diesen Standpunkt, von dem aus es als eine Pflicht 



Bettex: Natur und Gesetz. IV. Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig, m. Aufl., 
1898. S. 343 ff. 

^ Lic. Johannes Weiss a. o. Professor der Theologie. Frauenberuf. Evangelisch- 
soziale Zeitfragen, a. Reihe, 7. Heft Leipzig 1890. 



— 159 — 

der Kirche bezw. ihrer Diener erscheint, für die Frauenbewegung 
mit ihren letzten Konsequenzen einzutreten, neben Johannes 
Weiss vor allem Gustav Gerok. ') Andre Namen bezeichnen 
eine Stufenfolge zwischen diesen beiden Extremen, so Hermann 
Kötzschke,*) Wilhelm Bornemann,*) G. KOssner,*) 
Fr. Patzschke") u. a. m. Zuweilen auch wird geltend gemacht, 
dass das Evangelium unmittelbar keine Anhaltepunkte für die 
Beurteilung der Frauenfrage biete. Das geschah z. B., als aui 
dem Kongress für innere Mission in Bremen 1897 die Frage ver- 
handelt wurde: Welche Ziele und Schranken sind der Frauen- 
bewegung durch das Evangelium gesetzt? 

Zu einer Frauenbewegung kam es hier erst, als die Frauen selbst 
die Initiative dazu ergriffen. Eine der ersten Frauen, die den Ge- 
danken der Frauenbewegung auf kirchlichem Gebiet geltend 
machten, war Elisabeth Malo, die in einer auf kirchenhistorische 
Studien gestützten Schrift „Das Recht der Frau in der christlichen 
Kirche"*) die Giltigkeit des mulier taceat in ecclesia bestritt. 

Zu einer Organisation kam es in den Kreisen, die ihren 
Mittelpunkt in dem „ evangelisch - sozialen Kongress** gesucht 
hatten; sie ging in erster Linie von Frau Elisabeth Gnauck- 
Kühne aus. Sie begründete im Dezember 1894 ^ Berlin eine 
„evangelisch- soziale Frauengruppe". Die Gesichtspunkte, von 
denen hierbei ausgegangen wurde, enthalten die Ausführungen der 
Gründerin. Darin heisst es: 

„Es ist uns jahrelang schmerzlich gewesen zu sehen, dass die 
christlich-konservativen Kreise sich ablehnend gegen die aus wirt- 
schaftlichen Ursachen notwendig sich entwickelnde Frauenbewegung 
verhielten, während der politische Freisinn die Bewegung verständnis- 
voll unterstützte, und die Sozialdemokratie eifrig bemüht war und 
bemüht ist, ihre weibliche Gefolgschaft zu organisieren. Wir ver- 
suchten eine Änderung herbeizuführen, indem wir die Aufmerksamkeit 
des evangelisch-sozialen Kongresses auf die Frauenbewegung lenkten, 
und (wir erkennen es dankbar an) unsere Bemühungen sind nicht 
erfolglos gewesen. Indem die Vertretung des Kongresses sich ent- 
schlossen hat, Stellung zur Frauenfrage zu nehmen und die Angliede- 



I) Frauenabende. Sechs Vortrage zur Frauenfrage von Gustav Gerok. Stuttgart 1896. 
*) Der christliche Standpunkt in der Frauenfrage. Leipzig 1893. (a. Aufl.) 
3) Der Protestantismus und die Frauen. Magdeburg 1900. 

*) Zur Frauenfrage. Beitrag zu einer prinzipiellen Lösung derselben. Kiel und 
Leipzig 1901. 

*) Die Grenzlinien der Frauenbewegung. Breslau 1897. 

^ Dessau und Leipzig. 

7) Vgl. Mitteilungen des evangelisch-sozialen KongresfCS. Januar 1895. 



— i6o — 

rung von Frauengruppen zu gestatten, ist nunmehr religiös bestimmten 
Elementen der Bewegung ein Sammelpunkt und den christlich-konser- 
vativen Kreisen ein Beispiel gegeben, welches hoffentlich wirken wird." 

Die hier von selten des evangelisch -sozialen Kongresses in 
Aussicht gestellte Erörterung der Frauenfrage fand auf dem Er- 
furter Kongress im Juni 1895 statt. Man hatte, gegen den 
Wunsch einer Anzahl von Kongressmitgliedern, die dem Gedanken 
des öffentlichen Auftretens einer Frau uns3anpathisch gegenüber- 
standen, Frau Elisabeth Gnauck-Kühne selbst zu dem Haupt- 
referat über die Frauenfrage herangezogen. 

Ihr Vortrag Ober „die soziale Lage der Frau***) fasste die 
Frauenfrage nach ihrer verschiedenen Bedeutung, für die bürger- 
liche Frau und für die Arbeiterin, klar und knapp zusammen. 
Er kommt zu dem Ergebnis: 

Wir sehen, die Frauen der oberen Klassen sind entlastet, die der 
unteren belastet. Darin liegt schon ein Wink: die gebildeten Frauen 
sollen den hart bedrängten Mitschwestern zu Hilfe kommen. Sie haben 
es von Alters her gethan, aber in der neuen Zeit muss sich der Geist 
der Liebe neuen Forderungen anpassen. Mitarbeit an der wirtschaft- 
lichen, geistigen und sittlichen Hebung der Arbeiterinnen, das ist die 
Aufgabe, die der sozial höheren Frau gestellt ist; aber die wirtschaft- 
liche Hebung der Arbeiterinnen steht in erster Linie. Durch dies 
Thor gelangen wir in ihre Welt, durch dies Streben besiegen wir das 
furchtbare Misstrauen, das sie gegen uns hegen. Wenn wir dies Ziel 
erreicht haben, können wir an ethisch- religiöse Aufgaben denken, denn 
wer Ketten zerbricht, soll Gewissen binden, wer den Menschen frei 
macht, muss zugleich bemüht sein, ihn zur Herrschaft über sich selbst 
zu befähigen. Um aber zur Mitarbeit an der wirtschaftlichen Hebung 
der Arbeiterinnen geeignet zu sein, muss die gebildete Frau einmal 
ihre Ästhetik an den Nagel hängen und sich mit dem realen Leben 
und volkswirtschaftlichen Fragen beschäftigen. Liebe und guter Wille 
genügen nicht. Wissen und Urteil muss dazu kommen. In zweiter 
Linie muss die gebildete Frau sich klar machen, dass die Arbeite- 
rinnenbewegung, so gut wie die Frauenbewegung höherer Kreise, ein 
geistiges Moment hat, ein Kampf um ideales Gut ist. Die Arbeiterin 
will Mensch sein, sie will in erster Linie Brot haben, aber sie will 
auch nicht vom Brote allein leben, sie sehnt sich nach Freude, nach 
Licht, nach etwas höherem, für das sie selbst noch den rechten Namen 
nicht hat. In Naturlauten, aber desto ergreifender, dringt diese Sehn- 
sucht an das Ohr, welches hören will. 

Das Ziel ist gross, aber gross ist auch der Einsatz; Almosen — 
und seien sie noch so hoch — thun's nicht, wir müssen uns selbst 



1) VgL Kapitel XV. S. loa. 



— i6i — 

einsetzen, d. h. wir müssen unsere Erkenntnis in Thaten umsetzen, 
unbekümmert um Verleumdung, Verkennung, Anfechtung, verlorene 
Freundschaften. 

Aus dem alten Rom berichtet die Sage, dass einst ein furchtbarer 
Spalt klaffte, der sich nur schloss, als freiwillig ein Bürger hinein- 
sprang. Auch in unserem Volke klafft ein Spalt. Wer mithelfen will, 
dass er einst sich schliesst, muss bereit sein, im Notfalle sich selbst 
und sein persönliches Glück zu opfern. — Die Frauen der sozial 
höheren Stände suchen Lebenszweck und Arbeit: Hier haben sie 
beides ! 

Die prägnante klare Darstellung, die in ihrer Hervorkehrung 
der wesentlichen Momente eine auf umfassenden volkswirtschaft- 
lichen Kenntnissen beruhende Beherrschung des ganzen Gebietes 
bekundete, sicherte den Ausführungen von Frau Gnauck einen 
durchschlagenden Erfolg. Sie eroberte der Frauenbewegung weite 
Kreise, die ihr bisher sowohl mit ihrem Verständnis als mit ihren 
S3rmpathien ferngestanden hatten und fand in der gesamten Presse 
lebhafte Zustimmung. Die Stellungnahme der Versammlung wurde 
in den folgenden Thesen niedergelegt: 

Die Frauenfrage ist vorzugsweise eine Bildungsfrage und hat als 
solche gemäss den Anforderungen der Gegenwart neue Wege einzu- 
schlagen. In höheren und unteren Ständen ist die Frau für die 
Stellung der Hausfrau besser vorzubereiten. Zugleich ist und zwar 
auch staatlicherseits, Sorge zu tragen, dass verheiratete Frauen in 
Fachschulen für pflegende und gewerbliche Thätigkeit, in höheren 
Schulen für den ärztlichen und Lehrerinnenberuf gründlich vorgebildet 
werden können. 

Als wirtschaftliche Frage hat die Frauenfrage eine bessere Ver- 
sorgung der Frauen zu erstreben, geeignete Berufsarten für dieselben 
zu pflegen, neue Erwerbsquellen aufzusuchen, Überlastung zu ver- 
hindern, dem Familienleben die Thätigkeit der Mutter zu erhalten. 

Als soziale Frage hat die Frauenfrage die religiösen und sitt- 
lichen Kräfte der Frauenwelt für die Erneuerung der Gesellschaft in 
Einklang mit dem lebendigen Christentum richtig einzuordnen und zu 
stärken. Den Frauen sind gesetzlich Organisationen zum Zweck der 
Förderung ihrer Angelegenheiten zu gewähren. 

Als Rechtsfrage soll die Frauenfrage, ohne den Emanzipations- 
gelüsten zu dienen und die Einheit des christlichen Hauses wie des 
deutschen Familienlebens zu gefährden, die unverheiratete Frau vor 
dem Missbrauch ihrer Arbeitsstellung, die verheiratete vor dem 
Missbrauch der eheherrlichen Gewalt wirksam zu schützen suchen. 

Der praktische Erfolg von Frau Gnaucks Initiative, die 
evangelisch-soziale Frauengruppe, hat seitdem im Sinne der von 

Handbuch der Frauenbewegung. L Teil II 



— l62 — 

ihr gekennzeichneten Aufgaben gearbeitet.*) Sie hat vor allem bei 
Gelegenheit des grossen Konfektionsstreikes 1896 eine rege Thätig- 
keit zu Gunsten der Arbeiter entfaltet. 

Ein Fortschritt, der an den Erfurter Erfolg unmittelbar an- 
schloss, war die Behandlung der Frauenfrage in dem Programm der 
national-sozialen Partei, der „nicht konservativen christlich-sozialen", 
wie es die Versammlung vom November 1896 in Erfurt annahm. 

Der erste Entwurf dieses Programms*) berücksichtigte die 
Frauenfrage mit folgender These: 

Wir sind für Regelung der Frauenfrage im Sinne weiterer Zu- 
lassung des weiblichen Geschlechts zu geeigneten Berufen und grösserer 
Sicherung seiner persönlichen und ökonomischen Stellung auf dem 
Boden des bürgerlichen Rechts. 

In der von Pfarrer Naumann der Versammlung vorgelegten 
Fassung wurde die Frauenfrage nicht ausdrücklich berührt. Im 
Laufe der Diskussion wurde dann aber durch Frau Gnauck-Kühne 
die Wiederaufnahme der These in etwas veränderter Form durch- 
gesetzt: 

Wir sind für Regelung der Frauenfrage im Sinne einer grösseren 
Sicherung der persönlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frau und 
ihre Zulassung zu solchen Berufen und öffentlichen Stellungen, in 
denen sie die fürsorgende und erziehende Thätigkeit für ihr eigenes 
Geschlecht wirksam entfalten kann.^) 

In diesem Sinne sind seither die Zeitschriften, in denen die 
national-soziale Partei zu Worte kommt, für die Frauenbewegung 
eingetreten. 

« 

Eine besondere Stellung innerhalb der Frauenbewegung auf 
konfessioneller Grundlage nimmt der von Professor Zimmer 1894 
gegründete Evangelische Diakonieverein (eingetragene Genossen- 
schaft mit beschränkter Haftpflicht) ein, der die Aufgabe hat, die 
Bedürfnisse und Interessen der evangelischen Diakonie in Einklang 
zu setzen mit den Forderungen, die von der Frauenbewegung 
in bezug auf bessere Erziehung und wirtschaftliche Selbständigkeit 
der Frau gestellt sind.*) 



I) VgL auch Fr. Li pp mann. Die Frau im Kommunaldienst GOtdngen 18961 

<) VgL die Hilfe, 1896, Na 4a 

*) VgL Hilfe, 1896, No. 48 und 49. 

*) VgL Ober die AusQbung der Diakonie innerhalb dieses Vereins und Ober die von 
ihm begrOndeten Arbeiterinnenvereine: Handbuch der Frauenbewegung Teil II, Ober seine 
Erziehungsanstalten Teil UL 



— i63 — 

In den kirchlich-konservativen Kreisen, die der oben skizzierten 
Bewegung fern bleiben, hat man die Frauenfrage nur insoweit an- 
erkannt, als sie in der wirtschaftlichen Not und der Gefährdung 
der Familie durch die modernen industriellen Verhältnisse 
besteht, und als sie eine stärkere Heranziehung der Frau 
zur Liebesarbeit in der kirchlichen und mit Beschränkungen 
auch in der städtischen Gemeinde erfordert. Immerhin stellt die 
Summe der sozialen Arbeit, die innerhalb dieser Kreise von Frauen 
für die Frauen geleistet wird, auch einen Faktor in der Förderung 
der wirtschaftlichen und sozialen Hebung der Frau dar. 

Auf einem bestimmten Gebiet berühren sich die Forderungen 
der organisierten bürgerlichen Frauenbewegung mit denen der 
Frauen dieser Kreise am nächsten, das ist das Gebiet der 
Sittlichkeitsfragen. Wir stehen in Bezug auf den Kampf der 
christlich-konservativen Frauen gegen die doppelte Moral und ihre 
Folgeerscheinungen einer Bewegung gegenüber, die, von ganz 
verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend, im grossen und ganzen 
dieselben Ziele verfolgt, wie die Vertreterinnen der Sittlichkeits- 
frage in der bürgerlichen Frauenbewegung. 

Diese Bewegung hat sich in unmittelbarem Anschluss an die 
innere Mission und die deutschen Sittlichkeitsvereine entwickelt. 
Neben einem umfassenderen „Deutschen Frauenverein zur Hebung 
der Sittlichkeit", der nach einer Angabe von 1898 12000 Mit- 
glieder zählt, bestehen Frauen-Sittlichkeitsvereine in Berlin, Dresden, 
Hamburg, Hannover, Elberfeld, Elssen, Freiburg, Heidelberg u. s. w. 
Ober die Arbeit all dieser Vereine orientieren die von Superintendent 
Nie mann herausgegebenen „Frauenblätter", die seit 1900 den 
Untertitel „Organ für die deutsch-evangelische Frauenbewegung" 
statt des früher geführten „Organ der Sittlichkeitsbewegung für 
die deutsche Frauenwelt" eingetauscht haben. 

Die Bestrebungen dieser Vereine, soweit sie nicht in den 
Rahmen der sozialen Hilfsthätigkeit fallen, gehen gleichfalls auf 
Abschaffung der Reglementierung, auf gesetzlichen Kellnerinnen- 
schutz, auf erziehliche Beeinflussung der Öffentlichkeit im Sinne 
gleicher Moral und sittlicher Reinheit hinaus. Die Mittel sind 
Petitionen und Adressen an Behörden und städtische Magistrate, 
Aufrufe an die Armee und an die Studentenschaft, Frauen- 
versammlungen u. s. w. 

Es ist in dem Organ dieser Bewegung, den „Frauenblättem", 
zu verfolgen, wie mehr und mehr auch weitere Gebiete der Frauen- 
frage, Frauenbildungs- und -erwerbsfragen, in den Kreis der Be- 

II* 



— 164 — 

trachtung gezogen werden und wie auch die Erkenntnis von der 
Notwendigkeit, an der Frauenbewegung teilzunehmen, allmählich 
wächst. 

Diese wachsende Erkenntnis führte im Jahre 1899 zu einem 
Zusammenschluss „von Frauen, Jungfrauen und Frauen vereinen, 
die im Sinne des in Gottes Wort geoffenbarten Evangeliums an 
der Lösung der Frauenfrage und der religiös-sittlichen Erneuerung 
des Volkslebens arbeiten wollen" zu dem „deutsch-evangelischen 
Frauenbunde". An die Spitze des Bundes trat Frl. Gertrud 
Knutzen aus Cassel, die aber nach einem Jahr den Vorsitz an 
Frl. Paula Mueller in Hannover abgab. Der Verein verfolgt 
nach § 3 seiner Satzungen seinen Zweck 

„durch eigene Veranstaltungen und Unterstützung schon be- 
stehender verwandter Bestrebungen, beispielsweise 

a) Veranstaltungen zur Ausbildung für die christliche Liebes- 
thätigkeit, sowie für hauswirtschaftliche, gewerbliche, soziale, 
wissenschaftliche Berufsarbeit der Frauen, 

b) geeignete Stellenvermittlung, 

c) Hilfskassen und Heimstätten, 

d) Berufsvereine, 

e) Rechtsschutz." 

Von der Agitation für politische Rechte sieht der Verein ab. 
Er hatte bereits im ersten Jahre seines Bestehens 17 Ortsgruppen 
in verschiedenen deutschen Städten, im zweiten Jahre stieg ihre 
Zahl auf 22. Dazu kommen 28 angeschlossene Vereine. Im Sinne 
der aufgestellten Ziele sind auf den Generalversammlungen 
des Vereins die Fragen der Frauenbildung, sowohl der wissen- 
schaftlichen als der beruflichen und hauswirtschaftlichen, und der 
sozialen Frauenarbeit im Dienste der Kirche und der Kommunen 
erörtert worden. Einzelne Ortsgruppen haben auf dem Gebiete 
des Rechtsschutzes in der Weise der schon bestehenden Rechts- 
schutzvereine gearbeitet. 

Hervorzuheben ist unter anderm die Arbeit der dem evan- 
gelischen Frauenbund als Zweigverein angegliederten kirchlich- 
sozialen Frauengruppe in Berlin zur Organisation der Heim- 
arbeiterinnen, die einen christlichen Gewerkverein der Heim- 
arbeiterinnen ins Leben rief, dessen Interessen ein eigenes Organ 
„Die Heimarbeiterin" vertritt.*) 

Das Organ des deutsch -evangelischen Frauenbundes sind die 
von ihm herausgegebenen „Mitteilungen". 



I) VgL Handbuch der Frauenbewegung, Teil 11: Die Arbeiterinnenbewegung. 



- i65 - 

Auf dem Boden der katholischen Kirche besteht keine Frauen- 
bewegung im engeren Sinne. Nach der Interpretation des 
katholischen Dogmas, wie sie katholische Gelehrte mit Beziehung 
auf das Verhältnis der Geschlechter gegeben haben, ist der soziale 
Vorrang des Mannes vor dem Weibe ein fQr alle mal in der von 
Gott herrührenden patria potestas gegeben. ') So bestimmt sich 
das Wesen des Weibes in katholischer Auffassung als „die eigen- 
tümliche Seinsweise der Menschennatur, welche in Unterordnung 
vereint mit dem Manne bestimmt ist, das Menschengeschlecht dar- 
zustellen und zu entwickeln". Diese Auffassung hat kürzlich Frau 
Elisabeth Gnauck-Kühne nach ihrem Übertritt zum Katholizis- 
mus in einem Artikel der Kölnischen Volkszeitung*) „Unterordnung 
oder Einordnung?" zu widerlegen versucht, indem sie geltend 
machte, dass die spezifische Eigenart der Frau wohl eine Arbeits- 
teilung zwischen den Geschlechtern bedinge, die aber nicht in der 
allgemeinen, unbedingten Unterordnung des Weibes unter den 
Mann, sondern in ihrer gleichberechtigten Einordnung in den 
sozialen Organismus bestehen müsse. Ihren Einwänden begegnete 
P. Rösler in einer eingehenden Begründung und Bestätigung des 
von ihm vertretenen Standpunktes») unter der Aufschrift „Ein- 
ordnung durch Unterordnung"; und auch die weiterhin sich 
anschliessende Polemik änderte in der Position auf beiden Seiten 
nichts. 

Ist auch der Gedanke der Frauenemanzipation mit den Grund- 
anschauungen der katholischen Kirche unvereinbar, so hat sie doch 
durch ihre ausgedehnte charitative soziale Hilfsthätigkeit ihrer- 
seits an der Lösung der wirtschaftlichen Frauenfrage mitgearbeitet. 
Das Organ dieser Frauenbestrebungen auf katholischem Gebiet ist 
die in Freiburg erscheinende Zeitschrift „Charitas". *) 



Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, das langsame, 
äusserlich kaum merkliche Wachsen, Erstarken und Vordringen 
der ihr zu Grunde liegenden Idee, und die raschere Folge ihrer 
äusseren Errungenschaften in dem letzten Jahrzehnt verkörpert die 



1) P- I^<>sler, C. S. R.: Freiburger Kirchenlexikon, n. Aufl. Heft laa Vgl auch 
P. Ca th rein S. J. : Stimmen aus Maria Laach. April, Mai und Juni 1900. 

*) Vom II. Januar 1901. 

>) Kolnische Volkszeitimg vom 4. Februar 1901. 

*) VgL Eingehenderes Ober die charitative ThAtigkeit der katholischen Kirche: Hand- 
buch der Frauenbeweg^ung, Teil IL 



— i68 — 

auch in Österreich segensvoll gewirkt, hat die Geister und Kräfte 
geweckt und Einrichtungen geschaffen, die, trotz langer Reaktions- 
perioden, dauernde Errungenschaften geblieben sind. Es liegt 
nicht im Rahmen dieser Berichterstattung, die politische und wirt- 
schaftliche Erbschaft dieser Zeit zu verzeichnen, aber um die Ent- 
wicklung des derzeitigen Frauenrechtes in Österreich kennen zu 
lernen, wird man zurückblicken müssen auf die Regierungszeit 
der grossen Kaiserin und ihres edeln, erleuchteten Sohnes. Maria 
Theresia und Josef II., deren Reformarbeit noch immer unge- 
nügend gewürdigt wird, sind auch die Begründer des „Bürger- 
lichen Gesetzbuches" und der „Volksschule", zweier Einrichtungen, 
welche von grösster Bedeutung für die weibliche Bevölkerung sind. 
Am 3. Mai 1753 Hess Maria Theresia eine aus Vertretern aller 
deutschen Erblande bestehende Kommission zusammentreten, die 
einen „Codex Theresianus" beraten sollte. 

Die Kaiserin erlebte die Fertigstellung dieses Werkes nicht, 
das erst 1812 vollendet wurde und das heute noch zu Recht be- 
stehende Gesetzbuch ist. Aber es unterliegt keinem Zweifel, dass 
die Erinnerung an die ausgezeichnete Monarchin und hochbegabte 
Frau die Gesetzgeber beeinflusste. Unseren heutigen Anschauungen 
und Verhältnissen genügt dies „österreichische bürgerliche Ge- 
setzbuch" keineswegs, denn sein Personenrecht bestimmt die Ab- 
hängigkeit der Gattin von dem Gatten, kennt, so lange der Vater 
lebt, nur ein Vaterrecht und verfügt, dass vaterlose Kinder einen 
Vormund haben sollen, während für mutterlose Kinder keine Vor- 
münderin bestellt wird. 

Diese und andre Bestimmungen sind reformbedürftig, wogegen 
der vermögensrechtliche Teil des Gesetzbuches, bedenkt man, dass 
dieses im Jahre 1812 veröffentlicht wurde, in Erstaunen setzt. 
Denn es gewährt den Frauen das Eigentums-, Vertrags- und Erb- 
recht, das die Männer haben, und der vermögensrechtliche Teil 
des Eherechtes gestattet der Gattin die freie Verfügung über ihr 
eingebrachtes, ererbtes oder erworbenes Vermögen, wenn nicht 
durch einen Ehevertrag eine andre Bestimmung getroffen wird. 
Der § 1237 des österreichischen Bürgerlichen Gesetzbuches lautet: 
„Haben Eheleute über die Verwendung ihres Vermögens keine 
besondere Obereinkunft getroffen, so behält jeder Ehegatte sein 
voriges Eigentumsrecht, und auf das, was ein jeder Teil während 
der Ehe erwirbt und ihm auf was immer für eine Art überkommt, 
hat der andre keinen Anspruch. Im Zweifel wird vermutet, dass 
der Erwerb von dem Manne herrühre." 



— 169 — 

Wie das „österreichische Bürgerliche Gesetzbuch", das aus 
jener Zeit stammt, den Frauen in vielem gerechter wird, als manche 
neuste Institution, so unsere Volksschule. Maria Theresia schuf 
sie, von zwei Grundsätzen ausgehend: sie sollte allen Unterthanen, 
Männern und Frauen, gleich zugänglich, und sie sollte volkstümlich 
sein. Mit ihren denkwürdigen Worten: „Das Schulwesen ist und 
bleibt allezeit ein Politikum" befreite die fromme Regentin die 
Schule vom Einfluss des Klerus und machte sie zur Staats- 
institution. Kaiser Josef setzte die von seiner Mutter begonnenen 
Reformen fort. Er war es auch, der die erste weltliche Anstalt 
zur Ausbildung von Lehrerinnen und Gouvernanten errichtete 
(1786); es ist das heute noch bestehende Civil-Mädchen-Pensionat 
in Wien. 

Sieben Jahrzehnte einer bildungsfeindlichen Reaktion, die 1848 
nur eine kurze Unterbrechung erfuhr, hinderten die Fortentwick- 
lung des von den zwei grossen Herrschern Begonnenen. Die 
Reaktion erreichte ihren Höhepunkt durch den Abschluss des 
Konkordates. Wie Maria Theresias Ausspruch ein Programm ist, 
so bezeichnet eine Stelle aus dem Konkordate, die wir hier folgen 
lassen, die Grundzüge, die im Jahre 1855 für die Unterrichts- 
verwaltung massgebend wurden. 

„Der ganze Unterricht der katholischen Jugend — lautet sie — 
wird in allen, sowohl öffentlichen als nicht öffentlichen Schulen, der 
Lehre der katholischen Religion angemessen sein. Die Bischöfe aber 
werden kraft des ihnen eigenen Hirtenamtes die religiöse Erziehung 
der Jugend in allen öffentlichen und nicht öffentlichen Lehranstalten 
leiten, und sorgsam darüber wachen, dass bei keinem Lehrgegenstande 
etwas vorkomme, was dem Glauben und der sittlichen Reinheit zuwider- 
läuft. — Alle Lehrer der für Katholiken bestimmten Schulen werden 
der kirchlichen Beaufsichtigung unterstehen.** — 

Es ist wohl selbstverständlich, dass ein erweiterter Mädchen- 
unterricht in dieser Zeit nicht angestrebt wurde. 

Die Februarverfassung des Jahres 1861 brachte Wandlung, 
und ein Ergebnis des wiedererwachten Verfassungslebens ist das 
Reichsvolksschulgesetz.') Für den völligen Umschwung in Schul- 
angelegenheiten zeugt überdies die Errichtung einer Anstalt, die 
der fortschrittlichen Gesinnung des damaligen Gemeinderats der 
Reichshauptstadt ihr Entstehen dankt. Es ist dies das Pädagogium, «) 
das den Zweck hat, aktive Lehrer sowie Lehrerinnen mittelst 



1) Reichsgesetzblatt 1869, No. 6a. 
») 1866—1868 erbaut. 



— lyo — 

eines zweijährigen Nachmittags- und Abendschulunterrichtes fort- 
zubilden. Die k. k. Lehrerinnenbildungsanstalt in Wien wurde 
1869 eröflFnet und in den darauf folgenden Jahren eben solche in 
den Landeshauptstädten. Ihre Organisation knüpft ebenso wie 
die der Volks- und Bürgerschulen an die Theresianische Tradition 
an; der Unterricht ist an allen diesen Schulen der gleiche für das 
männliche und das weibliche Geschlecht. Die Lehrer- und 
Lehrerinnenbildungsanstalten sind unentgeltlich. Die Gehälter der 
Lehrer und Lehrerinnen sind an den meisten Orten die gleichen, 
nur beziehen die weiblichen Lehrpersonen ein kleineres Quartier- 
geld und sind die Schuldirektoren, mit wenig Ausnahmen, Männer. 
Die Ausnahmen beweisen, dass sie es nicht auf Grund von 
Gesetzesnormen, sondern einer Gepflogenheit sind ; wie in Wien eine 
definitive und eine provisorische Bürgerschuldirektorin angestellt ist, 
so üben das Amt auch in andern Landeshauptstädten Frauen aus. 
In den Bezirkslehrerkonferenzen besitzen die Lehrerinnen Sitz und 
Stimme. Sie haben das aktive und passive Wahlrecht für die Lehrer- 
vertretung im Bezirksschulrate. Dasselbe wurde ihnen durch eine 
Ministerial- Verordnung vom 8. Mai 1872 zugestanden. Dieses Recht 
haben die Lehrerinnen 1890 zum ersten Mal geltend gemacht und 
zwar unter Protest der männlichen Lehrerschaft. 

IL 

Die Leser, die auf die Jahreszahlen achten, sehen, dass die 
österreichische Volksschul-Gesetzgebung mit der Blütezeit des 
Liberalismus zusammenfällt. Wir werden noch öfter, besonders 
bei Besprechung des Wahlrechtes, Gelegenheit haben zu zeigen, 
dass die Fortschritte und Rückschritte im Wirtschafts- und Rechts- 
leben der österreichischen Frauen eng mit der politischen Lage 
zusammenhängen. Wie das Vermögensrecht, die Schulzgesetz- 
gebung und das Wahlrecht aus Zeiten stammen, in denen 
es noch keine Frauenbewegung gab, so wurden die ersten 
gewerblichen Fortbildungsschulen, so wurde der erste Frauen- 
verein, der die Erweiterung der weiblichen Erwerbsthätigkeit zum 
Zwecke hatte, von Männern ins Leben gerufen. Es ist bezeich- 
nend, dass es der „Verein für volkswirtschaftlichen Fort- 
schritt" war, der mit der Anregung zur Gründung des „Wiener 
Frauen-Erwerbsvereins" (1866) das Zeichen zur Mobilisierung 
gab. Er erkannte zuerst, dass die durch die veränderten Produktions- 
weisen hervorgerufene Notlage der Frauen kollektive Selbsthilfe 



— 171 — 

erheische, und kam ihnen in der Formulierung des Nötigen zuvor. 
Bis dahin hatte schon manche Österreicherin in Wort und Schrift 
die Mängel des Frauenrechtes besprochen ; aber wir glauben nicht 
fehl zu gehen, wenn wir von der Gründung des ersten Frauen- 
vereins, der seine Forderungen nach erweiterter Erwerbsthätig- 
keit formulierte und geschlossen an die Verwirklichung seiner 
Ziele ging, die österreichische Frauenbewegung datieren. Der 
„Wiener Frauen - Erwerbsverein " begann 1866 seine Thätig- 
keit mit der Errichtung von Nähschulen, Zeichenkursen, einer 
Fortbildungsschule und einer Handelsschule. Noch in demselben 
Jahre that sich eine Anzahl junger Mädchen zusammen, um den 
„Mädchen-Unterstützungsverein" zu gründen. In Prag und Brunn 
entstanden wenige Jahre später ebenfalls Frauenerwerbsvereine 
mit den Zielen ihres Wiener Vorbildes.*) 

Eine neue Phase für die Frauenbewegung bedeutete das 
öffentliche Eintreten der Frauen für die Gleichberechtigung der 
weiblichen Jugend an allem Unterrichte und allem Erwerbe, zu 
dem sie befähigt ist. Auf der dritten General-Versammlung des 
Wiener Frauen-Erwerbsvereines am 12. März 1870 wurde folgender 
Antrag eingebracht: „Der geehrte Verein möge zunächst der 
Gemeinde Wien eine Petition überreichen, welche um die Er- 
richtung von Parallelklassen für Mädchen an einem der Real- 
Gymnasien Wiens nachsucht Für den Fall jedoch, dass die 
Gemeinde Wien diese Bitte abschlägig beantworte, schlage die 
Antragstellerin') vor, bei der hohen Regierung um die Bewilligung 
zur Errichtung eines Real-Gymnasiums für Mädchen einzuschreiten, 
und eine solche Schule dann in eigene Verwaltung zu nehmen." 

Mit Ausnahme der Wahlrechtsforderung und des Protestes 
gegen die Legalisierung der Unzucht enthielt die ausführliche 
Begründung dieses Antrags die Forderungen, die noch heute das 
Programm der österreichischen Vorkämpferinnen ausmachen. Die 
Aufnahme, welche dieselbe fand, liefert den Beweis, wie günstig 
damals die Sachlage für die Frauen war. Allerdings gab es auch 
damals viele Stimmen, die gegen den Mittelschulunterricht der 
Mädchen waren, darunter ein Dr. Fr. Dittes; aber Männer, wie 
Regierungsrat Orges, Dr. Leopold Kompert, Hofrath Beer, 
Ritter von Dioszeghy stimmten zu. Eine bedeutende Schenkung 
wurde für den Fall der Errichtung der Schule in Aussicht gestellt; 
im Finanzausschuss des Abgeordnetenhauses beantragte der Vor- 

I) 1867 wurde auch in Budapest ein Landes-Frauenbildungsverein gegründet. 
>) Frau Marianne Hainisch. D. Red. 



— 172 — 

sitzende der Staatsschulden -Kontrollkommission, Dr. Heinrich 
Perger von Pergenau, und der nachmalige Justizminister, 
Professor Glaser, dass eine Summe für die Errichtung von 
höheren Mädchenschulen in das Budget einzustellen sei. Dr.Heinrich 
Jaques, ein berühmter Verteidiger, verfasste die Petitionen an 
die Kommune Wien und an das Ministerium für Kultus und 
Unterricht, die von dem Vereinsvorstande unterfertigt und über- 
reicht wurden. Das Ministerium Hess auch die Bitte nicht un- 
beachtet und forderte die Petenten auf, Delegierte zu entsenden, 
um den Mittelschulunterricht für Mädchen in Beratung zu ziehen. — 
Seit 1873 gewährt das Unterrichts -Ministerium dem Verein zu 
diesem Zweck auch eine namhafte Subvention. 

Der Verein errichtete 1871 eine vierklassige „höhere Bildungs- 
schule für Mädchen", die mehrere Wandlungen erfuhr, und seit 
Juli 1891 ein mit dem öffentlichkeitsrechte ausgestattetes Lyceum ist.') 

Hätten damals die massgebenden Frauen die Tragweite regel- 
rechter Mittelschulen, Oberhaupt eines paritätischen Mittelschul- 
und Fachunterrichtes für das weibliche Geschlecht erkannt, so 
wäre Österreich auf dem Gebiete führend geworden. — So ging 
die Gunst der Zeiten ungenützt vorüber. Was im Laufe der 
späteren Jahre geschaffen wurde, musste gegen die Zeitströmung 
errungen werden, die den Frauen, trotz der steigenden wirtschaft- 
lichen Bedrängnis, immer ungünstiger wurde. Nicht allein darin, 
dass die Schaffenslust erlahmte, macht sich die Ungunst bemerkbar, 
sondern nicht minder in dem Verkennen der Bedürfnisse, dem 
mangelnden Gerechtigkeitssinn und dem widerwilligen Gewähren. 
Unter den Schöpfungen jener Zeit nimmt das auf Anregung und 
unter Zuthun Rudolf von Eitelbergers 1868 geschaffene k. k. 
Gewerbemuseum eine erste Stelle ein. An dessen Kunstgewerbe- 
schulen wurden damals ohne Unterschied männliche und weibliche 
Schüler aufgenommen. Seit 1887 werden, wegen dauernder Ober- 
füllung, in die allgemeine Abteilung Frauen nicht mehr auf- 
genommen; in den Fachschulen und Spezial- Ateliers finden sie 
nur, soweit Platz vorhanden ist, Aufnahme; an dem vierjährigen 
Zeichenlehrerkurs des Museums können Frauen nicht teilnehmen, 
sondern dort nur die diesbezügliche Staatsprüfung ablegen. Die 
k. k. Fachschule für Kunststickerei und der k. k. Central-Spitzen- 
kurs, die beide insofern mit dem Museum in Verbindung stehen, 
als sie von ihm künstlerische Anregung erhalten, wurden bald 

1) In Graz besteht seit 1973 ein Lyceum, in Prag seit 1876; seither wurden in Wien 
und andern Stidten derartige Schulen errichtet. 



— 173 — 

darauf (1874 und 1879) geschaflFen. Diese Kunstinstitute sollen die 
Spitzen- und Stickereischulen, die an Orten errichtet wurden, wo 
solche Hausindustrie in Betrieb war, künstlerisch beeinflussen. 
Von 1876 bis 1895 wurden 18 derartige Schulen geschaflFen, und 
gewiss wird dadurch die Spitzenerzeugung vervollkommnet, aber 
um den Preis, dass ein Arbeitsgebiet erhalten wird, das Tageslöhne 
von 70 bis 90 Heller einträgt. 

Nicht allein das Konservatorium für Musik*) und darstellende 
Kunst und andre Kunstschulen, sondern alle Fachschulen, die 
für einen lohnenden Erwerb vorbereiten, weisen einen übergrossen 
Zudrang von Frauen auf. Die privaten Lehrstätten reichen nicht 
hin, die mangelnde staatliche Fürsorge wett zu machen, was 
leicht begreiflich ist, wenn man sich vergegenwärtigt, wie gering 
der weibliche Fachunterricht im Budget bedacht ist. Der Vor- 
anschlag für das Jahr 1899 bestimmte für sämtliche Mädchen- 
Arbeits- und Fortbildungsschulen der im Reichsrat vertretenen Länder 
19500 Gulden, für die Mittelschulen 34700 Gulden, 7 Prozent 
des Gesamtaufwandes für Schulzwecke. Diese Sachlage erklärt 
die Vereinsthätigkeit und die Privatanstalten. 

Im Jahre 1888 wurde in Wien der „Verein für erweiterte 
Frauenbildung" gegründet. Trotz der angestrengtesten Thätigkeit 
seiner Präsidentin *) und eines Vorstandes, dem die zielbewusstesten 
Vorkämpferinnen der Frauen und überdies Männer, wie Dr. Serafin 
Bondy, Hofrat Theodor von Gomperz angehörten, und 
trotzdem der Referent im Unterrichtsausschuss des Abgeordneten- 
hauses, Hofrat Professor Ad. Beer, seinen Einfluss zu Gunsten 
der Sache aufbot, gelang es erst im Herbst 1892, die erste Klasse 
des Gymnasiums zu eröffnen. Schon zwei Jahre früher war der 
czechische Verein „Minerva" in Prag ans Ziel gekommen, und 
seither unterhält der dortige deutsche Frauen-Erwerbsverein neben 
einem Lyceum auch eine gymnasiale Abteilung. In Wien gab 
schliesslich den Ausschlag für das Zustandekommen der gym- 
nasialen Mädchenschule der Direktor des Pädagogiums, Dr.Emanuel 
Hannak. Da er sah, dass von seinem Entschluss, die Leitung 
der neuen Anstalt zu übernehmen, ihre Aktivierung abhing, über- 
nahm er sie. Die gymnasiale Mädchenschule gedieh; nach den 
ersten sechs Jahren maturierten ihre Schülerinnen mit bestem 
Erfolg, und in diesem Jahre entliess sie zum vierten Male ihre 



>) Das Konservatorium wurde 1817 errichtet; im Studienjahre 1894 — 1895 wurde es 
besucht von 396 mflnnlichen und 497 weiblichen Schülern. 

^ Frau Marie Bosshardt van DemergheL D. Red. 



— 174 — 

Schülerinnen zur Ablegung der Matura. In Prag, Graz, Salzburg, 
Krakau und Czernowitz unterziehen sich auch alljährlich Mädchen, 
die teils in den genannten Anstalten vorgebildet sind, teils privaten 
Unterricht empfangen haben, mit gutem Erfolge der Reifeprüfung. 
Dennoch verhält sich die Unterrichtsverwaltung den gymnasialen 
Mädchenschulen gegenüber völlig ablehnend und gewährt ihnen 
keine Subventionen. Was sie allein in der Richtung zugestand, 
ist die Erlaubnis, an bestimmten Gymnasien die Reifeprüfungen 
abzulegen. ') Jedoch lässt die andauernde Agitation auch im 
Unterrichtsministerium die Frage eines Mittelschulunterrichtes für 
Mädchen nicht von der Tagesordnung verschwinden. In einem 
Erlass vom 24. März 1897 wurden die Landeschefs aufgefordert, 
auf die Vertreter der Länder und Städte, sowie auf die Landes- 
schulbehörden dahin zu wirken, dass sie dem Zuge der Zeit 
gemäss eine höhere Mädchenbildung ins Auge fassen sollten. Da 
dieser Appell ohne Wirkung blieb, veranstaltete das Ministerium 
für Kultus und Unterricht im Mai 1900 eine Enquete, zu welcher 
zum ersten Mal Frauen herangezogen wurden. Die HoflFnungen, 
die man an ihre Ergebnisse knüpfte, waren gross, aber noch 
grösser war die Enttäuschung, die das im Spätherbste 1900 er- 
scheinende Regulativ für die neuen Mädchenlyceen verursachte.') 
Es hatte sich schon in den Beratungen der Experten gezeigt, dass 
die Landesschulräte, die Mehrzahl der Direktoren und Professoren 
keineswegs Mittelschulen, sondern höhere Töchterschulen im 
Auge hatten. Dementsprechend wurde auch das Regulativ für die 
Mädchenlyceen verfasst. Die wichtigsten Bestimmungen sind, dass 
dem Unterrichte in der Muttersprache und in den modernen 
Sprachen viel mehr Zeit eingeräumt wird wie bisher, wogegen 
Mathematik, Naturkunde und Geschichte Einschränkungen erfahren; 
auchwirdausdrücklichgefordert, dass der gesamteUnterricht der 
Eigenart des weiblichen Geschlechtes angepasst werde. 
Die Beurteilung, die dieser Reformplan bei allen fand, denen die 
Mädchenbildung am Herzen liegt, war eine einmütig abfällige. 
In Lehrer- und Lehrerinnenkreisen wünscht man die Ausgestaltung 
der Bürgerschulen mit daran sich schliessenden Fortbildungs- und 
Fachschulen für Mädchen, während die in der Frauenbewegung 
Stehenden an einem dem männlichen gleichen Bildungsgange für 
die Mädchen festhalten, und zwar unbeschadet eines Fortbildungs- 



1) Durch das Mlnisterialverordnungsblatt vom 9^ März 1896 erhielten MAdchen die Er- 
laubnis, an besonders bezeichneten Gymnasien die Reifeprüfung abzulegen. 

*) Erlass des Ministeriums für Kultus und Unterricht, vom zz. Dezbr. igoo» Z, 34 551. 



— 175 — 

und Fachunterrichtes, der sich für die breiten Schichten der 
männlichen und weiblichen Jugend an die Börgerschulen zu 
schliessen hätte. Wie in den Volks- und Börgerschulen Knaben 
und Mädchen die gleiche Bildungsgrundlage erhalten, und die 
Universität den Hörern und Hörerinnen gleiche Pflichten auferlegt 
und gleiche Rechte gewährt, so streben wir auch regelrechte 
Mittelschulen für Mädchen an. Wir halten die beiden Enden in 
der Hand und streben den folgerichtigen Ausbau an. Die in 
Aussicht gestellte Verwendung minder vorgebildeter Mittelschul- 
lehrerinnen an den lycealen Mädchenschulen ») kann auch nicht eben 
als eine Begünstigung betrachtet werden, denn man fragt sich, wie 
es mit der Stellung und der Besoldung der Lehrerinnen beschaffen 
sein wird, die einen eigens für sie präparierten Unterricht erhalten 
und für die eigene Prüfungskommissionen eingerichtet werden sollen. 
Trotz der ablehnenden Haltung der betroffenen Kreise werden im 
kommenden Schuljahre die Lyceen probeweise nach dem neuen 
Plan eingerichtet. 

Erfreulicher ist, was über die Zulassung der Frauen zum 
Universitätsstudium zu berichten ist. Einzelne und Vereine sind, von 
einem Kreise aufgeklärter und wohlwollender Professoren unter- 
stützt, seit Jahren bemüht, durch Petitionen, Versammlungen und 
Flugschriften der Frauenwelt die Gewährung dieses Rechtes zu 
erringen. Der Umstand, dass für die zu gründenden, höheren 
Töchterschulen Lehrerinnen beschafft werden sollten, scheint das 
Ministerium Gautsch zu der Verordnung vom 23. März 1897 be- 
stimmt zu haben, durch die die philosophischen Fakultäten ordent- 
lichen und ausserordentlichen Hörerinnen zugänglich gemacht 
wurden.') Nun wandten sich, um auch die Zulassung zur medi- 
zinischen Fakultät zu erlangen. Einzelne und Vereine an das 
Ministerium. Der akademische Senat, an den das Ministerium die 
Petitionen zur Begutachtung gesandt hatte, verhielt sich in seiner 
Mehrheit zustimmend, während Einzelne heftig opponierten. Ein 
Mitglied dieser Opposition, der als Chirurg ausgezeichnete 
Professor Dr. E. Albert, Hess überdies eine Broschüre: „Die 
Frauen und das Studium der Medizin" erscheinen, die 
grösstes Aufsehen erregte. Es war nicht neu, dass Universitäts- 
professoren der Frauenbewegung entgegentraten; schon 1875 hatten 



1) Die Unterrichtsverwaltung führt eine Lyceal-Matura ein, welche zum ordentlichen 
Besuch der philosophischen Fakultflt und nach Absolvienmg derselben zur Ableg^ung einer 
eigenartigen Prüfung für das weibliche Lehramt an Lyceen berechtigt. 

3) Verordnung des Ministeriums für Kultus imd Unterricht vom 93. März 1897, Z. 7x55. 



— 176 — 

eine medizinische Koryphäe und ein Nationalökonom von Ruf sich 
in öffentlichen Vorträgen gegen die Erweiterung der weiblichen 
Berufssphären erklärt. Der Volkswirt hatte sich sogar zu dem 
Ausspruch verstiegen : „Dem Manne sei die Produktion, der Frau die 
Konsumtion zugefallen". Während damals nur Professor Brüll und 
eine Frau') entgegnet hatten, entfesselten die masslos heftigen An- 
griffe Hofrat Professor Alberts diesmal binnen wenig Monaten eine 
Anzahl Protestversammlungen und drei Gegenschriften.*) Auch 
wurde die Streitfrage wochenlang zum Gesprächsthema in Kreisen, 
die sich bis dahin nicht für die Frauenbestrebungen interessiert 
hatten, so dass in den letzten 25 Jahren nichts so sehr die Frauen- 
bewegung gefördert hat, als die Aussprüche tiefster Missachtung, 
die der Essay des Gelehrten enthielt. ') Noch in demselben Jahre, am 
15. April 1896, erschien das Verordnungsblatt des Ministeriums 
für Kultus und Unterricht, welches bestimmte, dass die Nostrifikation 
der von Frauen im Auslande erworbenen medizinischen Doktoren- 
diplome gestattet sei; eine grössere Anzahl ausserordentlicher 
Hörerinnen wurde an der medizinischen Fakultät inskribiert; es 
wurde sogar ein Stipendium für eine ordentliche Hörerin der 
Medizin an der Wiener Universität gestiftet *) Damit war jedoch 
die Wirkung des aufgedrungenen Kampfes noch nicht erschöpft, 
sie dauerte in einer den Frauen günstigen Stimmung fort. Im 
Frühling 1900, während die österreichischen Frauen zur „Marie 
Ebner-Eschenbach-Feier" rüsteten, wurden sie durch die Kunde 
erfreut, die philosophische Fakultät habe die gefeierte Schrift- 
stellerin zum Ehrendoktor ernannt. 

Fast gleichzeitig erschien von dem ordentlichen Professor 
Dr. Bernatzik ein Essay: „Über die Zulassung der Frauen zu 
den juridischen Studien". Gleich Professor Dr. Anton Menger, 
der schon wiederholt sich den Frauenrechtsbestrebungen geneigt 



Frau Marianne Hainisch. D. Red. 

*) lyProfessor Alberts Essay: Die Frauen und das Studium der Medizin, kritisch, 
beleuchtet von Professor Dr. £. Hannak." Wien 1895. „Die Frauen und die Medizin 
Professor Albert zur Antwort" von Dr. M. Kronfeld. Wien 1895. .Seherinnen, Hexen 
und die Wahnvorstellungen Ober das Weib im 19. Jahrhimdert" von Marianne Hain isch. 
Wien 1896L 

*) Im Abgeordnetenhause gab es eine lebhafte D ebatte, in der sich Abgeordnete aller 
Länder zu Gimsten der Frauen aussprachen, allen voran der seit Jahren bewahrte Ab- 
geordnete Dr. Kronawetter. 

*) Die Stifterin, Marie von Najmajer, hat seither 40000 Kronen ftkr den Bau eines 
Mldchengymnasiums gespendet, wie sie durch eine grosse Schenkung den Pensionsfonds der 
Schriftstellerinnen und KOnstlerinnen fundierte. Durch ihre Werke förderte sie indirekt die 
Frauenbewegung. Gurret Ol Eyn. Wien 1874 Der Stern von Novarra, Berlin x9oa Der 
Gottin Eigentum, Wien 1901. 



— 177 — 

gezeigt hatte, trat auch er für die Erweiterung der Frauenrechte 
ein. Auch überraschte der Hofrat im Unterrichtsministerium, 
Ritter von Haymerle, mit einer wertvollen Studie: „Der weib- 
liche Fachunterricht". Dieselbe bietet ein reiches Material und 
äusserst interessante Anregungen betreffs des Fachunterrichts. 
Bezüglich des weiblichen Mittelschulunterrichts teilt er jedoch den 
Standpunkt der Frauenbewegung nicht. Es ist gewiss, dass in 
massgebenden Kreisen einer oder der andre weibliche Doktor aus- 
nahmsweise noch immer annehmbarer erscheint, als ein durch- 
gehend gleiches Bildungsniveau für Männer und Frauen; so mag 
auch aus diesem Gesichtspunkte die Freigebung der medizinischen 
und pharmazeutischen Studien erfolgt sein. Immerhin empfingen 
wir sie dankbar am Schluss des Jahrhunderts.*) 

III. 

Das hohe Interesse, welches die Entwicklung des Schulwesens 
in Anspruch nimmt, aber auch der Umstand, dass die Frauen- 
bewegung in Österreich noch vorwiegend ein Kampf um Bildungs- 
und Erwerbsgelegenheiten ist, veranlasste die Breite dieser 
Darstellung. Einzelne Frauen arbeiten allerdings unentwegt und 
angestrengt für das Wahlrecht und für die Verwirklichung 
der Friedens-, Sittlichkeits- und Mässigkeitsideale, aber grösseren 
Kreisen fehlt leider noch die Teilnahme dafür. Was von 
kleineren Gruppen darin angestrebt und geleistet wurde, wollen 
wir im folgenden mitteilen. 

Während es sich seit Beginn der siebziger Jahre auch in den 
Landeshauptstädten regt und Frauenvereine bemüht sind, Mädchen 
eine bessere Ausbildung und einen besseren Erwerb zu verschaffen, so 
fehlt es dort noch ganz an einer zielbewussten Frauenrechts- 
bewegung. 

An der Agitation für das Wahlrecht beteiligen sich 
die sozialdemokratischen Arbeiterinnen, die im Anschluss an 
die männlichen Genossen das gleiche, allgemeine, direkte Wahl- 
recht anstreben; eine bürgerliche Wahlrechtsbewegung besteht 
jedoch nur unter den Frauen Wiens. Diese wurde bezeichnender- 
weise von den Lehrerinnen begonnen. Der Anlass dazu war der 
Beschluss des niederösterreichischen Landtages im Jahre 1888, der 



1) VerordnuQg des Ministeriums fQr Kultus und Unterricht im Einvernehmen mit dem 
Ministerium des Innern vom 3. Sept. 1900, betreffend die Zulassung von Frauen zu den 
medizinischen Studien etc. etc. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 12 



— 178 — 

den Frauen das aktive Landtagswahlrecht aberkannte, das sie durch 
27 Jahre ausgeübt hatten. Damals wurde die erste Petition um 
Wiedererlangung dieses Rechts an den Landtag gerichtet. 

Dieser ersten Wahlrechtskundgebung folgten andre, die meist 
vom Allgemeinen österreichischen Frauenverein ausgingen. Zwei 
allgemein zugängliche Wahlrechtsversammlungen zu Wien hatten 
Damen der besten bürgerlichen Gesellschaft zu Einberuferinnen. 
Das eine Mal galt es, dagegen vorstellig zu werden, dass jeder 
Packträger und Bediente durch die in Beratung stehende Wahl- 
ordnung für den Reichsrat in der fünften Curie wahlberechtigt 
werden solle, wogegen gebildeten Frauen das Wahlrecht vorent- 
halten bliebe. Die in dieser Versammlung beschlossene Petition 
wurde von einer Frauendeputation dem Ministerpräsidenten und 
mehreren Abgeordneten überreicht und, wie frühere und spätere, 
im Abgeordnetenhause eingebracht. 

Um die niederösterreichische Wahlrechtsbewegung, die eine 
historisch begründete ist, völlig zu verstehen, muss man zurück- 
blicken und sich des allgemeinen Frühlings erinnern, in dem es 
auch für die Frauen Frühling war. Es war im Jahre 1849, da 
die Gemeindeautonomie geschaffen wurde, dass den österreichischen 
Frauen in allen Landgemeinden und vielen Städten >) auf Grund 
ihrer Steuerleistung das aktive Wahlrecht für die Gemeinde- 
vertretung gewährt wurde; sie üben dieses Recht noch heute aus. 
Auf Grund der Februarverfassung (1861) wurden den Ländern 
Landtage zugestanden und das Wahlrecht für dieselben auf das 
Gemeindewahlrecht gegründet; dadurch wurden auch die Frauen 
wahlberechtigt. 

Aus dem Protokoll der dritten Sitzung des ersten Landtages 
für das Erzherzogtum Österreich unter der Enns vom 10. April 1861 
ist ersichtlich, wie der Regierungsvertreter und die damaligen 
Führer der liberalen Partei über die Frage urteilten, ob den Frauen 
nach dem Wortlaute des Gesetzes das Wahlrecht zustehe oder 
nicht. Sie entschieden mit grosser Majorität zu Gunsten der 
Frauen. Von da ab hatten die steuerzahlenden Frauen *) in Nieder- 
österreich, wie in Böhmen, Steiermark und andern Kronländern 
noch heute, das aktive Wahlrecht für den Landtag. Waren sie 
sich aber auch ihres Vorrechtes voll bewusst? — Gewiss ist, dass, 
als am 2. Oktober 1888 ein Beschluss des immer reaktionärer 



1) Wien hat ein eigenes Gemeindestatut, das Frauen niemals das Wahlrecht ein- 
räumte. 

-) Alles Wahlrecht beruhte damals auf dem Census. 



— 179 — 

werdenden Landtages bestimmte: Das Wahlrecht für denselben 
komme nur eigenberechtigten Personen männlichen Geschlechtes 
und den eigenberechtigten Frauen des Grossgrundbesitzes zu, die 
Frauen protestierten, und dass von da ab die Wahlrechtsbewegung 
von den fortschrittlichen Frauen Wiens stetig fortgeführt wurde. 
Diese können sich mit Recht darauf berufen, dass das Wahlrecht 
der Frauen in Österreich im Prinzip anerkannt ist, da die Frauen 
für die Landgemeinden und viele Städte das aktive Gemeinde- 
wahlrecht besitzen, da sie in den meisten Kronländern für die 
Landtage stimmberechtigt sind, und da die Grossgrundbesitzerinnen 
direkt und die Handels- und Gewerbetreibenden mittelst der 
Handels- und Gewerbekammern für den Reichstag wählen. 

Trotzdem schliesst das österreichische Vereins- und Versamm- 
lungsrecht die Frauen von politischer Beteiligung aus. Das hat 
jedoch nicht verhindert, dass im verflossenen Winter grosse Frauen- 
versammlungen — die erste von der Präsidentin des Allgemeinen 
österreichischen Frauenvereins einberufen — stattfanden, in 
denen die fortschrittlichen Reichsratskandidaten ihre Programme 
entwickelten, um die Frauen zur Beteiligung an der Wahlagitation 
anzuregen. 

Diese Art der Agitation ist nicht neu, sie wird in der christlich- 
sozialen Partei schon lange geübt. Nur geht sie dort nicht von 
Frauen, sondern von den männlichen Führern aus. Im Winter 
werden von dieser Partei allwöchentlich Frauenversammlungen 
einberufen, in denen die Liechtenstein, Lueger und Paters die 
Parole ausgeben, die der aus kleinbürgerlichen Kreisen rekrutierte 
„Wiener christlich-soziale Frauenbund", der 13 000 Mitglieder zählt, 
mit Eifer verbreitet. Sein Organ, dessen Leitmotive die Ver- 
kürzung der Schulpflicht und die Judenhetze sind — „Die öster- 
reichische Frauenzeitung" — ist sehr verbreitet, und die Wahl- 
erfolge der Partei werden zum Teil auf die guten Dienste des 
weiblichen Anhanges zurückgeführt. Dieser strebt nicht nach 
einem eigenen Einfluss auf die Gestaltung der Verhältnisse und 
steht daher trotz seiner lebhaften politischen Agitation der Wahl- 
rechtsfrage fern. 

Wie die Wahlrechtsbewegung der österreichischen Frauen 
heimatlichen Ursprungs ist, so nicht minder die Friedenspropaganda. 
Den Anstoss dazu gab ein Buch, das eben die 31. Auflage in 
deutscher Sprache erlebt hat und mit Ausnahme des Spanischen 

12* 



— i8o — 

in alle europäischen Sprachen übersetzt ist. Ja, man schreibt 
diesem Buche Einfluss auf das Zustandekommen der Haager 
Friedenskonferenz zu. Als im Jahre 1890 der Roman: „Die 
Waffen nieder" *) erschien, war die Wirkung eine so grosse, dass 
Minister Dunajewski bei Beratung des Militärbudgets im 
Parlament den Abgeordneten zurief: „Ich rate Ihnen, das Buch 
einer österreichischen Dame über den Krieg zu lesen, denn wer 
nach der Lektüre dieses Buches den Krieg noch verteidigen kann, 
den bedaure ich." 

Der Verfasserin desselben gelang es denn auch binnen wenig 
mehr als Jahresfrist, den österreichischen Friedensverein und eine 
österreichische Gruppe der Interparlamentarischen Union zu gründen. 
Seither vertrat und vertritt die Gründerin und Präsidentin des 
genannten Vereins Österreich auf den Friedenskongressen; sie 
war in Bonn, Antwerpen, Budapest, Hamburg und Paris; auch 
erstattet sie alljährlich in der Generalversammlung und bei ausser- 
ordentlichen Zusammenkünften Bericht über die internationale 
Friedenskonferenz. Der Verein unterhält nebenbei eine lebhafte 
Propaganda mittelst Flugschriften. Allerdings ist die Anteilnahme, 
die er für seine Ziele gewonnen hat, noch sehr gering. 

* 

Es ist nicht lange her, dass man hier zu Lande überhaupt 
an die Mithilfe der Frauen in der Bekämpfung der Unzucht denkt. 
Eine Engländerin, die einige Winter in Wien lebte, gab die An- 
regung dazu. Wenn auch ihre feine Bildung und ihre Zugehörigkeit 
zur guten Gesellschaft sie vor Missdeutung schützte, so wirkten 
Mrs. Butlers und andre Flugschriften, die sie im Kreise ihrer 
Bekannten verteilte, doch zunächst befremdend. Nur wenige 
begriffen die soziale Pflicht, die ihnen aus dem Stand der öffent- 
lichen Sittlichkeit erwächst. Unter diesen wenigen war der Vor- 
stand des Allgemeinen österreichischen Frauenvereins. Dieser 
Verein, dessen Programm das Frauen- Wahlrecht, die Organisation 
von Fachvereinen, die Eröffnung der Universität, die Errichtung 
von Fachschulen umfasst, der die erste Rechtsschutzstation für 
Frauen errichtete und in zahlreichen allgemein zugänglichen 
Frauenversammlungen auf Frauen aller Stände erziehlich wirkte, 
begann mutig den Kampf gegen die Tolerierung und Legiti- 

») »Die Waffen nieder" 1890. „Die Haager Konferenz, Tagebuchblfltter" 1899. „Das 
Maschinenzeitalter' 1900. Von Baronin Bertha Suttner. 



— i8i — 

mierung des Lasters. Die Präsidentin und einige durch Be- 
gabung und Persönlichkeit gleich geeignete Vorstandsmitglieder*) 
traten in mehreren Versammlungen mit Wärme gegen die 
Kasemierung und die polizeiliche Aufsicht auf. Die Wirkung 
war eine geteilte; eine grosse Anzahl Frauen fühlte sich verletzt 
und wandte dem Verein den Rücken zu, während andre begriffen, 
dass es sich um das sanitäre Volkswohl handle, um die Gesund- 
heit von Kind und Kindeskindem. So wurde eine Petition an 
das Abgeordnetenhaus beschlossen, die im April 1894 überreicht und 
auf Antrag des Abgeordneten Pernerstor fer dem stenographischen 
Protokoll einverleibt und der Sanitätskommission überwiesen wurde. 
Eine äusserst lesenswerte Broschüre*) giebt darüber Aufschluss, 
wie der Sanitätsausschuss des Abgeordnetenhauses sich seiner 
Aufgabe entledigte. Er brauchte drei Jahre, bis er seinen Bericht 
erstattete, dessen Inhalt ein Dokument erstaunlicher Anmassung 
und Unwissenheit ist. Darauf durften die Frauen die Antwort 
nicht schuldig bleiben, und sie gaben sie in einer grossen Frauen- 
versammlung, die in einer würdigen, selbstbewussten und treffenden 
Resolution zu der Frage Stellung nahm. — Ein Missgriff der Wiener 
Polizei, durch den im verflossenen Winter ein unbescholtenes 
Mädchen dem polizeilichen Verfahren unterworfen wurde, das 
gefallenen Mädchen gegenüber brutal und ungeeignet erscheint, 
lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Sittlichkeitsfrage. 
In einer gedrückt vollen Versammlung, welche die Herausgeberin 
der „Dokumente der Frauen" einberufen hatte, sprachen Männer 
und Frauen einmütig ihre Entrüstung über die behördliche 
Tolerierung und Legitimierung der Unzucht aus. Gleichzeitig unter- 
breitete der Allgemeine österreichische Frauenverein dem Ab- 
geordnetenhause eine Petition, in der um eine Enqu6te über die 
Sanitätskontrolle angesucht wurde. 

Die Prostitutionsfrage wird seit Jahren von Sozialpolitikern 
und Ärzten akademisch behandelt»); es ist das Verdienst des 
Sanitätsrats Hofrat Professor Max Gruber, sie vor der aka- 
demischen Jugend aufgerollt zu haben. Im Winter 1899 — 1900 hielt er 



1) Auguste Fickert, Rosa Mayreder, Marie Lang. D. Red. 

S) Die Broschüre heisst: »Zur Geschichte einer Petition gegen die Errichtung öffent- 
licher Häuser in Wien". Neueste Publikation des Allgemeinen Osterreichischen Frauen- 
vereins. Diese Broschüre enthält das Protokoll der von diesem Verein am aa Februar 1897 
einberufenen Versammlung und das Referat Frau Rosa Mayreders, das wohl zum Besten 
gehört, das in dieser Sache gesprochen wurde. 

5) Die Prostitution in Wien von Dr. Jos. Schrank, a Bände. Wien 1886. Dio 
Prostitution in Wien und Paris von Dr. W. Schlesinger. Wien 1868. 



— l82 — 

im Sozialwissenschaftlichen Bildungsverein einen diesbezüglichen 
Vortrag, und auf seine Anregung wurde im verflossenen Herbst 
bei Anlass der Inskription den Studierenden ein von vielen 
Professoren unterfertigter Aufruf eingehändigt, der eine Warnung 
vor geschlechtlichen Ausschreitungen enthält. 



Was die Mässigkeitsbestrebungen anbetrifft, so hat erst der 
im Frühling 1901 in Wien stattgehabte „Internationale Kongress 
gegen den Alkoholismus" den männlichen Bekämpfern des Alkohol- 
genusses weibliche Gehilfinnen zugeführt. Eine Genossenschaft 
ist im Entstehen, die alkoholfreie Speisehäuser zu gründen be- 
absichtigt. 

IV. 

Eine gedrängte Übersicht, wie das Vorstehende sie darstellt, 
kann auch die Schilderung der wirtschaftlichen Lage und Be- 
thätigung der Österreicherin nur sein; nur ein Spezialwerk könnte 
der grossen Verschiedenheit der Kronländer und ihrer weiblichen 
Bewohnerschaft gerecht werden. 

Als 1873 die Wiener Weltausstellung stattfand, schuf, trotz 
des Widerratens der führenden Frauen, ein wohlwollendes aber 
unklares Bestreben, der Frauenarbeit auch Geltung zu verschaffen, 
einen Frauenpavillon, der, wie alle derartigen Pavillons, kein Bild 
der Frauenarbeit gab, weil sich die Frauenarbeit in ihrer grossen 
unmessbaren Leistung im Familienleben gar nicht und in den 
meisten andern Arbeitsgebieten nicht gesondert darstellen lässt. 
Ein Bleibendes Hess diese Ausstellung aber zurück. Dr. F. Migerka, 
k. k. Sektionsrat im Handelsministerium, verfasste dazu einen 
erläuternden Text, durch den die Thatsache überliefert ist, dass 
damals schon in 95 Industrien und Gewerben Frauen mit- 
produzierten. Das Zahlen Verhältnis der Nichterwerbsthätigen zu 
dem der Erwerbsthätigen, allerdings aus einer späteren Zeit, ver- 
anschaulicht uns das Ergebnis der Volkszählung von 1890, das 
Dr. Rauchberg bearbeitet hat. ^ Aus dieser Arbeit entnehmen 
wir das Nachfolgende: 

Von den im Reichsrat vertretenen Ländern waren damals 
6245073 weibliche Personen, inklusive der Kinder und Ehefrauen 

ohne einen bestimmten Erwerb und 
5 961 211 weibliche Personen erwerbsthätig. 

») Dr. H. Rauch berg: „Die Bevölkerung Österreichs", Volkszählung 1890. Wien 1895. 



- i83 - 

Der Landwirtschaft, der Industrie und dem Handel gehörten 
Frauen in folgendem Verhältnis an: 



Landwirtschaft: 

Von je looo Personen Männer Frauen 

Selbständige 885 115 

Angestellte 957 43 

Arbeiter 350 650 

Familienangehörige . . 468 532 

Dienende 187 813 

Industrie: 

Von je 1000 Personen Männer Frauen 

Selbständige 819 181 

Angestellte 947 53 

Arbeiter 763 237 

Taglöhner 333 667 

Dienende 47 953 

Handel : 

Von je 1000 Personen Männer Frauen 

Selbständige 637 363 

Angestellte 924 76 

Arbeiter 762 238 

Taglöhner 618 382 

Angehörige 333 667 

Dienende 65 935 

Ohne eigene Folgerungen an das Vorstehende zu knüpfen, bitten 
wir die Leser, auf die Zahl der erwerbenden Frauen und den 
Prozentsatz der Dienenden zu achten. Zugleich weisen wir die- 
selben auf die Ergebnisse der Arbeiterinnen-Enquete. ') Diese, von 
der ethischen Gesellschaft angeregte und von den Fabiern und 
Personen aus allen Parteien unterstützte Aktion beleuchtet in den 
grellsten Farben die untergeordnete Stellung und die Notlage der 
meisten Arbeiterinnen. Die angeführten statistischen Erhebungen 
ergeben, dass die österreichischen Frauen einen grossen Prozentsatz 
der erwerbsthätigen Bevölkerung ausmachen und dass sie in vielen 

Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Lohnarbeiterinnen. Enqu&te über 
Frauenarbeit. Wien 1896. Redigiert von Dr. Michael Hainisch, Professor von Philip- 
powich und Otto Wittelshöfer. 



— i84 — 

Industrien und Gewerben mitarbeiten, sie ergeben aber auch, dass 
die Frauen aller Gesellschaftsklassen in Stellung und Lohn hinter 
den Männern zurückstehen. 

Als es vor 30 Jahren gelang, den ersten Telegraphistinnen 
Eingang in den öffentlichen Dienst zu verschaffen, erhoffte man 
für sie mit der Zeit eine ausreichende Existenz. Aber diese 
Hoffnung erwies sich als trügerisch, denn das Überangebot, das 
die Beschränkung der Frauen auf wenige Berufskategorien erzeugt, 
wird hier noch dadurch gesteigert, dass gerade dieBeamtinnenlauf bahn 
aus Standesrücksichten von den Mädchen gern gewählt wird. Das 
ergab und ergiebt für alle Beamtinnenstellen einen Massenandrang, 
der den Lohn sofort drückte, so dass der Handelsminister bald 
den Vorschlag machen konnte, aus Ersparungsrücksichten 
Mädchen auch zur Post zuzulassen. 

In den Staats-, Eisenbahn-, Bank- und Privat-Büreaus finden 
sie aus der gleichen Ursache Verwendung. Die Post-, Telegraphen- 
und Telephonmanipulantinnen, deren es sehr viele giebt, haben 
ein dauerndes, von der Konjunktur und der Saison unabhängiges 
Brot, aber der Tageslohn erreicht lange nicht den besserer 
Schneiderinnen, Näherinnen, Büglerinnen, Badedienerinnen und 
dergleichen", er beträgt täglich 2 Kronen im ersten, 2 Kronen 
20 Heller im zweiten, 2 Kronen 47 Heller im 3., 4. und 5. Jahre, 
und steigt sodann in Quadriennien , bis er im 37. Dienstjahre 
150 Kronen monatlich erreicht Die Manipulantinnen sind dem 
Pensionsverein für Landpostbedienstete obligatorisch zugewiesen 
und werden nach 10 Jahren pensionsfähig, wofür sie monatlich 
I Krone 68 Heller in den Fonds zu zahlen haben. Urlaub wird 
nur im Falle der Erkrankung gewährt. 

Seit einigen Jahren besitzen die Manipulantinnen Fachorgani- 
sationen. Die zahlreichen Privatbeamtinnen, deren Bezüge zwischen 
40 und 130 Kronen monatlich variieren, gehören zum Teil dem 
Beamtinnenverein an.») An Berufsorganisationen*) sind ferner 
besonders hervorzuheben die beiden grossen Lehrerinnenvereine; 
der von der einzigen definitiven Bürgerschuldirektorin aus- 
gezeichnet geleitete „Verein der Lehrerinnen und Erzieherinnen" 



») Die BUltter zur Vertretung der Fraueninteressen ^raucnlebcn" sind auch das Blatt 
der Beamtinnen. 

«) Fachvereine sind ferner: Der Pensionsverein der Post- und Telegraphenmani- 
pulantinnen. — Der Spar- und Unterstatzungsverein der Post- und Telegraphenmani- 
pulantinnen. — Die Beamtinnen-Sektion des Allgemeinen österreichischen Frauenvereins. — 
Der „Erste Wiener Gabelsberger Damenstenographen -Verein', der auch eine Schule 
unterhält 



- i85 - 

besitzt ein Heim im eigenen Hause und als Organ die Lehrerinnen- 
zeitung. Ausserdem besteht in Wien eine Anzahl kleiner Fach- 
vereine bürgerlicher Frauen. In den Landstädten Niederöster- 
reichs, in den Ländern Ober-Österreich, Salzburg, Steiermark, 
in Galizien, in der Bukowina, Istrien, Vorarlberg bestehen keine 
nennenswerten Frauen-Fachvereine, dagegen weisen Mähren*) und 
Böhmen sehr schöne Anfänge auf. Dem Verein der „kauf- 
männischen Angestellten" in Wien gehören bürgerliche und sozial- 
demokratische Frauen an. — Die letzteren haben ausserhalb 
Wiens, in Joachimsthal, eine Gewerkschaft der Tabakarbeiterinnen ; 
in Wien sind die Näherinnen und die Angehörigen der Wäsche- 
branche organisiert. Die „Arbeiterinnenzeitung" hat, obwohl die 
Zahl der Frauen-Fach vereine noch so gering ist, in den zehn 
Jahren ihres Bestandes dennoch mit Erfolg gewirkt. Denn die 
Zahl der den Gewerkschaften, Allgemeinen Gewerkschaften und 
Arbeiter-Bildungsvereinen angehörenden Frauen ist, bei der be- 
kannten Abneigung der Frauen, sich zu organisieren, immerhin 
nennenswert. Den beiden letzteren Organisationen gehören 66 080 
männliche und 4263 weibliche Mitglieder an.») Da Industrie und 
Gewerbe viel mehr Männer als Frauen beschäftigen, ist der 
Prozentsatz nicht so klein, als er auf den ersten Blick erscheint. 
Seit kurzer Zeit sind auf Wunsch der Arbeiterinnen besondere 
Frauensektionen innerhalb der Verbände gebildet. Eine Frauen- 
versammlung, die am 12. Februar 1901 stattfand, nahm auch dazu 
Stellung. Die anwesenden Rednerinnen traten für die Erwerbs- 
thätigkeit der Frauen, den Arbeiterschutz, Gewerbe- und Fabriks- 
inspektorinnen und die Wählbarkeit von Frauen als Beisitzerinnen 
bei den Gewerbegerichten ein. Die Resolution, in der diese Punkte 
zusammengefasst wurden, unterscheidet sich in nichts von ähnlichen 
Resolutionen und Petitionen der Bürgerlichen'), wie die Ziele der- 
selben und die der Arbeiterinnen in allem, was das Frauenrecht 
betrifit, die gleichen sind. Dennoch scheitern alle Versuche eines 
gemeinsamen Vorgehens. Aller Kontakt mit den Arbeiterinnen 
besteht, so weit er nicht persönlich, geschäftlich oder humanitär ist, 



*) Der czechische Verein »Vesna* in BrOnn entwickelt nach jeder Richtung der 
Frauenbewegung eine lebhafte Thfltigkeit im Dienste der nationalen Propaganda. 

•) Rechenschaftsbericht der Gewerkschafts-Kommission Österreichs. 1900, Verlag von 
Heuber, Wien VI, Copemikusgasse la. 

5) So wurde z. B. im April 1896 auf Anregung des Vereins fttr erw. Frauenbildung 
dem Abgeordnetenhause von 16 Vereinen eine Petition vorgelegt, welche gesetzliche Be- 
stimmungen aber das weibliche Lehrlingswesen, den Arbeitsvertrag und die Bestallung 
weiblicher Gewerbeinspektoren erbat. 



— i86 — 

darin, dass beispielsweise in Wien die Arbeiterinnen Vorträge 
besuchen, die von bürgerlichen Frauen im Rahmen des Volks- 
bildungsvereins gehalten werden, dass Bürgerliche und Arbeiterinnen 
an allgemein zugänglichen Frauenversammlungen teilnehmen und 
dass sie die von einer Bürgerlichen geschaffene Arbeiterinnen- 
Kochschule besuchen, zu der stets grosser Andrang ist. ') Diese 
Zurückhaltung, so bedauerlich sie ist, findet volle Erklärung darin, 
dass die Arbeiterinnen mit ihren männlichen Genossen im Klassen- 
kampf stehen und von dem Zusammengehn mit diesen mehr er- 
warten, als von dem Zusammenschluss der Frauen. Ganz aus- 
geschlossen erscheint derzeit ein Anschluss der in Schlössern 
erzogenen Adeligen, die Anteil an konfessionellen Wohlthätigkeits- 
vereinen haben, aber den frauenrechtlerischen Bestrebungen ab- 
lehnend gegenüberstehen. Die Exklusivität macht sie zu Welt- 
fremden, so dass selten eine Aristokratin sich an Veranstaltungen 
beteiligt, die das Wohlwollen für alle schafft. 

Eine schier unüberbrückbare Scheidewand zwischen den Ver- 
treterinnen der österreichisch-ungarischen Frauenbewegung bilden 
überdies die nationalen Gegensätze; sie scheiden solche, die sich 
sonst nahe stehen und bringen nur den einen Vorteil eines leb- 
haften Wettkampfes mit den deutschen Elementen. Die Czechinnen, 
Polinnen und Croatinnen haben neben den Wohlthätigkeitsvereinen 
Schul- und Erwerbsvereine, sie haben gymnasialen Unterricht und 
Zutritt zu den Universitäten, doch haben sie noch keine Frauen- 
rechtsbewegung. Den vollen Beweis für diese Behauptung liefern, 
sofern ihr Land in Betracht kommt, eben jetzt die ungarischen 
Frauen durch die Passivität, mit der sie den Entwurf zum neuen 
ungarischen Gesetzbuch hinnehmen. Derselbe ist auch in deutscher 
Sprache erschienen. Ohne Zweifel empfinden Einzelne das Un- 
genügende der ihnen in dem Entwurf angewiesenen Stellung, und 
es kommt nur darum nicht zu Versammlungen und Protest- 
erklärungen, weil Ungarn noch keine Frauenrechtsbewegung hat. 
Vielleicht ersteht sie jetzt, und das neugewählte Bureau des 
Budapester Beamtenvereins eröffnet damit seine Wirksamkeit. Bei 
der Ritterlichkeit gegen die Frauen, deren sich der Ungar rühmt, ist 
zu erwarten, dass die Frauen nicht erfolglos gegen ein Gesetz kämpfen 
werden, dessen Mutterrecht, so lange der Vater lebt, illusorisch ist.») 

*) Frau Katharina Migerka, die Verfasserin des ,4^äuslichen Glücks" und der 
«Stolzen Leni* Wien Szelinski, hat diese Kochschule gegründet und leitet sie. 

Eine Dienstmftdchen-Kochschule, von den Frauen Johanna Mcynert und Ottilie 
Bondy gegründet, erfreut sich auch grossen Zuspruchs. 

') Entwurf eines ungarischen allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches. Budapest xgox. 



— i87 — 

Das Entgegenkommen des gegenwärtigen Unterrichtsministe- 
riums erinnert an die Zeiten, da diesseits der Leitha der Weizen 
für die Frauen blühte. 

Im Dezember 1895 unterbreitete Minister Wlassics dem 
Könige die Vorlage, die den Frauen den Zutritt zu den philo- 
sophischen und medizinischen Studien gestattet, und 1896 wurde 
das erste Staatsgymnasium für Mädchen eröffnet. Ausserdem be- 
reitet eine höhere Staatstöchterschule in Budapest für höhere 
Berufe und die Matura vor. 1900 reformierte das Ministerium die 
Handelsschule für Mädchen. Präparandien bereiten für den Unter- 
richt an dieser Anstalt vor. 

Zu gedenken ist auch eines Vereines, der im verflossenen 
Winter gegründet wurde. Die Anregung, die der Sekretär der 
Londoner National Vigilance Association, Mr. A. Coote, gab, fand 
in Budapest einen aufnahmebereiten Boden, während sie in Wien 
abgelehnt wurde. 

In den grösseren Städten Siebenbürgens bestehen tüchtige 
Frauen vereine, welche die Erweiterung der Erwerbsthätigkeit 
anstreben, besonders dienen sie der dort betriebenen Haus- 
industrie, die ausserordentlich schöne Nadelarbeiten erzeugt. 



* 



Die nationalen Gegensätze hindern ein geschlossenes Zu- 
sammengehen aller in der Frauenbewegung arbeitenden Frauen 
der Monarchie. Ihr streng nationaler Standpunkt veranlasst sie, 
jeden Versuch, ein gemeinsames Vorgehen zum Erreichen gemein- 
samer Ziele anzubahnen, schroff zurückzuweisen. 

Dies zeigte sich klar, als die vom International Council be- 
stellte Ehren -Vicepräsidentin an die nichtdeutschen Vereine die 
Aufforderung richtete, einen Bund österreichisch -ungarischer 
Frauenvereine zu bilden. Auf zweimalige Aufforderung und die 
Zusendung von Broschüren erfolgte nicht eine Antwort, geschweige 
denn eine Beitrittserklärung. 

Die Bundesidee findet in Österreich leider noch wenig Anklang, 
und der Bund wird im kommenden Winter mit nur 12 Vereinen 
ins Leben treten müssen. 



— i88 — 

Wenn auch, wie die Betrachtung der österreichischen Frauen- 
bestrebungen zeigt, die Zahl der Frauen nur klein ist, die sich 
der letzten Ursachen ihres geringen Lohnes und ihrer Abhängigkeit 
bewusst sind, so hält doch diese kleine Zahl ihr Programm hoch : 
Gleichberechtigung am Unterrichte und im Erwerbsleben — gleiche 
Moral für Mann und Frau — Reform des Personenrechtes in der 
Ehegesetzgebung — gleiches Vereins- und Versammlungsrecht für 
beide Geschlechter — das passive Wahlrecht für alle Ver- 
tretungskörper. 

Noch sind wir fern vom Ziel und um so ferner, da der Tief- 
stand unseres politischen Lebens auch für die Frauenbewegung 
Stillstand oder Hemmung der Entwicklung bedeutet. Aber die 
günstige Flut wird wiederkehren, die alles erhebt und dem Lichte 
zuführt; wir halten unser Schifflein bereit; einmal landet*s beim 
gleichen Menschenrecht für Mann und Frau. 



ö"^^<> { u^•:^d^^•>^-o "^ <-^ 




Die Geschichte 
der Frauenbewegung in der Schweiz. 

Von Emllle Benz. 



I. 
Vorboten. 

JNachdera schon im ersten Viertel des i8. Jahrhunderts die 
trostlosen Zustände der Mädchenbildung in litterarischen Kreisen 
vielfach besprochen worden waren, fand diese Frage ihre erste prak- 
tische Lösung durch Leonhard Usteri in Zürich, der 1774 die 
erste Töchterschule gründete. Zwar wurde der Unterricht in 
engste Beziehung zum nüchternen Hausleben gebracht und ängstlich 
alles vermieden, was die Mädchen „ins Federkauen, in Brief- und 
Schriftstellerei" hineinführen konnte, aber unter der Leitung der 
Jungfrau Susanna Gossweiler entwickelte sich die Schule zu 
einer Musteranstalt, der bald ähnliche Neugründungen in Bern und 
Basel, Chur und Aarau folgten. Pestalozzi, der in Bezug aui 
das Anrecht an Bildung und Erziehung beide Geschlechter gleich 
wertete, errichtete 1806 in Yverdon neben seiner Knabenerziehungs- 
anstalt ein Mädcheninstitut, dessen Führung er 1809 der vortreff- 
lichen Erzieherin Rosette Kasthofe r, der späteren Frau 
Dr. Niederer, übertrug. Wenn Pestalozzi die Bildung der Frauen- 
welt namentlich mit Rücksicht auf den mütterlichen Beruf zu 
fördern suchte, so wies dagegen seine Jüngerin auch auf die Auf- 
gaben hin, die eine neue Zeit dem weiblichen Geschlecht ausser- 
halb des engen Kreises der Familie zuteilt. In ihrer Schrift 
„Blicke in das Wesen der weiblichen Erziehung" >) verlangte sie 
daher eine berufsmässige Vorbereitung auf dieselbe und eine Bildung, 
die auch das Dasein der Unverehelichten befriedigend gestalte. 



1) Berlin i8aa 



— 190 — 

Sie beklagt es, dass das Gebiet der Gemeinnützigkeit dem weiblichen 
Geschlecht verschlossen sei und die Frauen infolge ungenügender 
Vorbereitung und mangels jeglicher Organisation sich nicht an 
der Lösung ernster Kulturfragen beteiligen könnten. *) 

Im Anfange des 19. Jahrhunderts waren die Frauenvereine 
noch „Kulturphänomene", die nur bei Landeskalamitäten in die 
Öffentlichkeit traten, um sich nach der Hilfeleistung rasch wieder 
aufzulösen. Doch wies die französische Schweiz damals bereits 
mehrere wohlorganisierte Frauenvereine auf, die sich erfolgreich 
auf dem Gebiet der Gemeinnützigkeit bethätigten. Nach den 
dreissiger Jahren, als die Kantone dem Schulwesen vermehrte 
Fürsorge zuwendeten, machte die Einführung des Arbeitsunter- 
richts für Mädchen die Mitwirkung der Frauen notwendig. Es 
bildeten sich in der Folge lokale Frauenvereine, die neben ihrer 
offiziellen Mission auch die Förderung gemeinnütziger Bestrebungen 
auf ihr Programm nahmen. «) . 

Neue Impulse erhielt die Frage der weiblichen Erziehung 
durch Josephine Stadiin von Zug (1806 — 1875), einer Schü- 
lerin des Niedererschen Instituts, die 1841 in Zürich eine eigene 
Töchteranstalt errichtete. Um die Frauenwelt für eine bessere 
Erziehung des weiblichen Geschlechts zu interessieren, gründete 
sie den „Verein schweizerischer Erzieherinnen" und redigierte von 
1845 — 1849 eine Zeitschrift „Die Erzieherin", in der sie mit Wärme 
dafür eintrat, dass dem weiblichen Geschlecht in der öffentlichen 
Erziehung der Jugend und des Volkes die ihm gebührende Stellung 
eingeräumt werde. Nachdrücklich betonte sie der Frauen Recht 
und Pflicht, vom Staate die Errichtung geeigneter Anstalten zur 
Bildung weiblicher Lehrkräfte zu verlangen, ermunterte aber gleich- 
zeitig ihre Schwestern, selbst die Hand an den Pflug zu legen, 
so lange sich der Staat ablehnend verhalte. Anlässlich der 
Säkularfeier zu Ehren Pestalozzis 1846 legte sie einer Versamm- 
lung von 130 Frauen das Projekt eines schweizerischen weiblichen 
Seminars dar, das dann im Sommer 1847 eröffnet wurde. Um 
den erzieherischen Kräften der weiblichen Natur ein weites Feld 



') Derselbe Gedanke findet sich übrigens schon angedeutet in dem BOchlein «Kon- 
versations" von Hortensia Gugelberg von Moos, geb. von Balis (1658— 1715) zu 
Maienfeld im BUndnerland. Diese erste deutsch-schweizerische Schriftstellerin wird von 
ihren Zeitgenossen als eine Mutter der Armen, als Freundin der Schule und der Kirche, 
als gelehrte und eifrige Pflegerin der Wissenschaften gepriesen, die Bescheid wusste .in 
theologischen, historischen, medizinischen Sachen". 

*) J- }' SprOngli, Pfarrer. Bericht Ober Frauenvercine im allgemeinen und Ober 
den neu gestifteten Frauenverein Thalweil insbesondere. Zürich 1837. 



— 191 — 

der Bethätigung zu sichern, wurden an der Anstalt Lehrerinnen 
für Kleinkinderschulen, niedere und höhere Mädchenschulen aus- 
gebildet und ebenso die Kinder- und Krankenpflege als weib- 
licher Beruf ins Auge gefasst. Doch musste die Anstalt infolge 
der ungünstigen Zeitverhältnisse, sowie der Zurückhaltung gewisser 
Kreise schon 1853 geschlossen werden. 

Ungefähr zu derselben Zeit suchte Frau Vaucher-Guddinin 
(1803 — 1880) in Genf durch Einrichtung von Industrieschulen und 
Erwerbsvereinen, sowie durch Einführung einer nationalen weib- 
lichen Handarbeit (Tüllstickerei) sowohl den unbemittelten Mädchen 
aus dem Volke als auch den Töchtern des Bürgerstandes zu 
ökonomischer Unabhängigkeit zu verhelfen. Auch die städtischen 
Behörden entwickelten damals einen bemerkenswerten Eifer, die 
berufliche Ausbildung junger Mädchen auf dem Gebiete der 
nationalen Uhrenindustrie zu fördern. 1843 wurde eine Uhren- 
macherinnenschule gegründet, die in steigendem Masse frequentiert 
wurde, dann aber 1862 infolge geschäftlicher Krisen einging. 

n. 

Die prinzipielle Erörterung der Frauenfrage. 

Zu diesen ersten Versuchen, die Bildungs- und Erwerbsfrage 
praktisch zu lösen, gesellte sich nun auch die prinzipielle 
theoretische Erörterung der Frauenfrage. Als Pionierin der mo- 
dernen Frauenbewegung trat Mme. Marie Goegg geb. Pouchoulin 
(1826 — 1899), die Frau des ehemaligen badischen Revolutions- 
ministers Amand Goegg, energisch in der Öffentlichkeit für ihre 
humanitären Ziele ein, gründete 1868 die erste internationale Frauen- 
vereinigung und redigierte später während 10 Jahren das den 
Interessen der Frau gewidmete Blatt „La solidaritd". Als eifrige 
und unermüdliche Sekretärin der internationalen „Ligue de la paix 
et de la libert^" richtete sie 1868 an den Kongress dieses Bundes 
eine Adresse, um ihm die Bestrebungen der Association ans Herz 
zu legen. Dieses Discours-programme verlangt für die Frau ge- 
setzliche Gleichstellung mit dem Manne, das Recht auf Arbeit und 
Unterricht und überhaupt Gerechtigkeit und Freiheit für alles, was 
Menschenantlitz trägt. Doch fand sie zunächst bei den Frauen 

1) Die Musterschule am schweizerischen weiblichen Seminar, ein Beitrag zur Begründung 
einer Schule der Natur und des Lebens, den Erziehungsbehörden der schweizerischen 
Kantone ehrfurchtsvoll gewidmet von J. St. Zürich 1850. 



l/ 



— 192 — 

der Westschweiz für ihre Bestrebungen wenig Verständnis, wohl 
aber Gleichgiltigkeit, ja entschiedene Ablehnung, wurde sie doch 
im friedlichen Lausanne mit dem Rufe: A bas la p^troleuse! 
empfangen. 

Die Erfahrungen eines fünfzehnjährigen Liebeswerkes an den 
Insassen schweizerischer Frauengefängnisse veranlassten Lina 
Beck-Bernard') ums Jahr 1868, die Frauenfrage auch nach ihrer 
rechtlichen Seite hin „im Sonnenlichte eines freien Landes" öffent- 
lich zu erörtern. Sie macht aufmerksam auf die Ungerechtigkeit 
der bestehenden Civilgesetze, die das Weib als Jungfrau, Gattin, 
Mutter, Witwe dem Manne gegenüber zurücksetzen.«) In Bezug 
auf den aus dieser Unterordnung sich ergebenden ungenügenden 
Lohn für weibliche Arbeiten sagt sie: „Diese Ersparnis kommt 
der Gesellschaft teuer zu stehen. Der Ausfall an rechtmässigem 
Arbeitslohn findet sich zehn- und hundertfach wieder auf Seite 
der Entsittlichung." 

Ein Mann war es, der zum ersten Mal die wirtschaftliche 
Seite der Frauenfrage zur öfientlichen Diskussion brachte. 
J. J. Binder,') Inspektor der schweizerischen Rentenanstalt in 
Zürich, früher Lehrer, wies, angeregt durch die Schrift von Louise 
Otto „Das Recht der Frauen auf Erwerb", auf die praktischen 
Versuche im Ausland und insbesondere in Deutschland hin, wo 
eben in Berlin (Februar 1866) der Verein zur Förderung der Er- 
werbsfähigkeit des weiblichen Geschlechtes gegründet worden war. 
Da die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse eine steigende 
Zahl von Frauen von ihrem natürlichen Lebensberuf wegdrängten, 
verlangte er, dass alle Mädchen für eine besondere Berufsstellung 
vorbereitet und ihnen eine Reihe von Berufen eröffnet werden, 
die bis dahin der Mann fast ausschliesslich als sein Monopol be- 
trachtet hatte. (Bureaudienst der eidgenössischen Post, alle Zweige 
der kaufmännischen Arbeit, Schriftsetzerei, Buchbinderei, der 
ärztliche und der Lehrberuf etc.) Den Staat hält er für ver- 



*) Ober Frauengefftngiiisse. Vortrag an den schweizerischen Verein ftlr Straf- und 
Geflngniswesen. St. Gallen 1869. 

*) mWo ist der Mann, der in eine Association einwilligen wQrde, bei der seine ganze 
Habe vollständig in der Gewalt seines Mitteilhabers wäre, welcher verkaufen, verschenken, 
vergeuden könnte, ohne dass der wahre Eigentümer des Vermögens ein Recht hfltte, 
Einsprache zu erheben oder sich in die Sache zu mischen? Und doch ist dies die Lage, 
worin die Gesetzgebung das Weib versetzt bei der Ehe." 

3) Über den Ausbau der ZOrcherischen Sekundärschule und die Berufsbildung unserer 
Töchter. Gekrönte Preisschrift. Zürich 1866. Über die Bildung der Mädchen für Haus, 
'« Familie und Beruf. Separatabdruck aus der schweizerischen Zeitschrift für Gemeinnützigkeit. 

Zürich x86a 



\. 



— i93 — 

pflichtet, durch Gründung geeigneter Berufsschulen die Lösung 
dieser Frage in Angriff zu nehmen. Den Frauenvereinen aber 
möchte er neben der Aufsicht über die Arbeitsschulen eine ebenso 
dringliche als erfolgreiche Mission zu Gunsten der Berufsthätigkeit 
des weiblichen Geschlechtes zuweisen. 

Bei den verschiedenen männlichen Berufsgruppen, die ihr 
Monopol auf Arbeit bedroht sahen, stiess er auf gewappneten 
Widerstand. In Prosa und Poesie, in den Leitartikeln von Tages- 
zeitungen wie in Witzblättern wurden seine Projekte unbarmherzig 
zerzaust und lächerlich gemacht. Dass die Frauenvereine nicht 
imstande waren, ihn im Kampfe zu unterstützen, ist begreiflich. 
Ein Geschlecht, das jahrhundertelang vom öffentlichen Leben 
weggedrängt worden, kann nicht von heute auf morgen Aufgaben 
dieser Art lösen. Übrigens waren die Zeitläufe einer gründlichen 
Erörterung der Frauenfrage nicht günstig. Im Vordergrund des 
öffentlichen Interesses stand die Politik, und in den Verfassungs- 
kämpfen der schweizerischen Kantone verhallten die Stimmen wieder, 
die sich für die Rechte des weiblichen Geschlechtes erhoben. 
Zudem haben Herkommen und Sitte den schweizerischen Frauen 
von jeher eine entschiedene Zurückhaltung der Öffentlichkeit gegen- 
über auferlegt. Damit im Zusammenhang steht das Misstrauen, 
mit dem Neuerungen zunächst aufgenommen wurden und, bei dem 
vorzugsweise aufs Praktische gerichteten Sinn, eine gewisse Ab- 
neigung gegen die Erörterung abstrakter Prinzipienfragen. Der 
^osse Umschwung, der sich in der zweiten Hälfte des Jahr- 
hunderts in den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen vollzog, 
machte sich damals noch wenig spürbar, und so fehlte auch in dieser 
Beziehung eine wesentliche Bedingung zur Förderung der Frauen- 
bewegung. 

Das Schreckgespenst der Emanzipierten, das wohlwollende 
Biedermänner heraufbeschworen hatten, verfehlte unter solchen 
Umständen seine Wirkung auf einen grossen Teil der Frauenwelt 
nicht. Wie hätte sie sich sonst Ermahnungen wie die folgende 
ohne Widerspruch gefallen lassen können: „Lasst das Gebiet des 
öflFentlichen Lebens dem Manne und wartet in Geduld ab, bis er 
das irdische Jammerthal wieder zu einem Paradiese umgewandelt hat, 
und dann sollt ihr in demselben vollständig gleichberechtigt sein!" *) 

Anlässlich der Verfassungsrevision im Kanton Zürich 1868 
wurde das Volk eingeladen, dem Verfassungsrate seine Wünsche 



/ 



1) Julius Ca du ff. Ober Emanzipation der Frauen. Eine Vorlesung. Chur 1868. 
Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 13 



i^ 



— 194 — 

kundzugeben. Es gingen über 400 Petitionen ein, darunter drei 
jr aus Frauenkreisen, die letzteren bezeichnenderweise anonym. ') Die 
eine verlangte Wahlberechtigung und Wahlfähigkeit für das 
weibliche Geschlecht in allen sozialen und politischen Angelegen- 
heiten, die andre Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts 
mit dem männlichen in Bezug auf Ehescheidung, Erbrecht und 
Erziehung. Die dritte Petition, unterzeichnet „Frauen, die umsonst 
Sklavendienste verrichten müssen", fordert gerechte Teilung der 
ehelichen Errungenschaften, und eine andre Zuschrift, aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ebenfalls aus Frauenkreisen stammend, mit 
eingehender Motivierung strengere Handhabung der Sittenpolizei. 
Diese Petitionen beweisen immerhin, dass in kleineren Zirkeln die 
Frauenfrage lebhaft erörtert wurde. Während dieselben aber ad 
acta gelegt wurden, schickte sich der Kanton Zürich in aller Stille 
an, die Frage der Zulassung der Frauen zum Hochschulstudium 
praktischer Lösung entgegenzuführen. 

m. 

Die Zulassting zum Hochschulstudium. 

Anfangs der vierziger Jahrehatten zum ersten Mal zweiDamen, die 
schon genannte Josephine Stadiin (die spätere Pestalozzibiographin 
Frau Bürgermeister Zehnder-Stadlin) und Elise Siedler, Tochter 
des damals in Zürich wohnenden Landammanns Siedler von Zug, 
durch Spezialbewilligung der Erziehungsdirektion Zutritt zu 
Kollegien der philosophischen Fakultät erhalten. Ihr Beispiel 
fand 1864 und 1865 Nachahmung durch zwei russische Damen^ 
die Vorlesungen besuchten mit der ausgesprochenen Absicht, die 
medizinischen Prüfungen abzulegen. Die eine der beiden 
Studierenden wurde 1867 nachträglich immatrikuliert und dann 
zur Doktorprüfung zugelassen. In den beiden nächsten Jahren 
studierte neben drei Engländerinnen, einer Russin und einer 
Amerikanerin die erste Schweizerin Medizin. Von da an begann 
die Zahl weiblicher Studierender, darunter solcher mit ganz 
ungenügender Vorbildung, sich derart zu mehren, dass im Februar 
1870 sechs weibliche Studierende sich an den Senat mit dem 
Gesuch wandten, er möge beim Erziehungsrate um den Erlass 
einer Verordnung einkommen, die den Zutritt zur Hochschule nur 



1) Staatsarchiv des Kantons Zorich. 



— 195 - 

auf Grund eines Maturitätszeugnisses gewähre. „Ein grund- 
sätzlicher Beschluss in betreff des Frauenstudiums war bisher 
weder vom Erziehungsrat noch vom akademischen Senat gefasst 
worden; immerhin gingen beide Behörden von der Anschauung 
aus, dass wenn auch die Gesetzgebung es nicht ausdrücklich sage, 
über die gesetzliche Zulässigkeit des Anspruchs auf Zutritt zu den 
akademischen Studien für weibliche Studierende kein Zweifel 
bestehen könne." ') (Prof. Dr. G. v. Wyss.) Im Wintersemester 
1870/71 zählte man 22, im Jahr nachher 31 studierende Frauen; 
im Sommersemester 1872 stieg die Zahl derselben auf 63, von 
denen 51 Russinnen waren, im Winter 1872/73 auf iio, darunter 
96 Russinnen. Das Vorherrschen des russischen Elementes erregte 
Bedenken und gab der Öffentlichkeit Anlass zu Erörterungen, die 
der Sache des Frauenstudiums keineswegs förderlich waren. •) Die 
Verhältnisse drängten zu einer Entscheidung. Im Frühling 1873 
wurde durch Volksabstimmung das neue „Gesetz betreffend die 
Aufnahme von Studierenden an der Hochschule" in Kraft erklärt, 
das beiden Geschlechtern gleiche Rechte gewährt und für Kantons- 
bürger und Bürgerinnen einerseits, sowie für Aufnahme von 
Nichtkantonsbürgem beider Geschlechter einheitliche Bestimmungen 
aufstellt 

Nachdem im Sommer 1873 die Zahl der weiblichen Studierenden 
auf 112 angewachsen war, sank sie infolge des Befehls der 
russischen Regierung, der die 100 Russinnen zur Heimkehr ver- 
pflichtete, auf em Minimum. Im Jahre 1871 bestand die erste 
Schweizerin') das medizinische Konkordatsexamen und erlangte *^ 
dadurch das Recht der Ausübung der ärztlichen Praxis auf dem 
Gebiete der ganzen Schweiz. Auch der eidgenössische Schulrat 
hat sich für Zulassung von Frauen zum eidgenössischen 
Polytechnikum entschieden. Dem Vorgange Zürichs folgten nach 
und nach die andern schweizerischen Universitäten und Akademien: 
1872 Genf, wo Marie Goegg durch die von ihr lancierte „Petition 
des m^res de famille genevoises" den Stein ins Rollen brachte, 
Bern 1873, Neuenburg 1878, Basel und Lausanne 1890. Die Zu- 
lassung zu Universitätsstellungen überhaupt und zum akademischen 
Lehrstuhl ergab sich ohne besondere Schwierigkeiten. Die Frage 



I) Die Hochschule ZOrich in den Jahren 1833— 1883. Festschrift, im Auftrage des 
akademischen Senats verfasst ZOrich 1883. . / 

*) Hermann, Prof. Dr. Das Frauenstudium und die Interessen der Hochschule )/ 

Zorich. Zürich 1873. ProC Dr. Viktor Böhmer t. Das Studieren der Frauen mit 
besonderer ROcksicht auf das Studium der Medizin. Leipzig 187a. 

>) Dr. med. Marie Heim-VOgtlin von St. Gallen. 

13' 



— 196 — 

der weiblichen Dozentur wurde zum ersten Mal diskutiert und als 
natürliche Konsequenz der Zulassung der Mädchen zum Hochschul- 
studium behandelt als Frau Dr. jur. Kempin sich 1891 an der 
Hochschule Zürich hierfür meldete. 

So war den Frauen, wenn auch nicht ohne Kampf, die Gleich- 
berechtigung auf dem Boden des wissenschaftlichen Studiums zu- 
gestanden worden. Freilich machen die Schweizerinnen von diesem 
Recht nicht in solchem Umfange Gebrauch, als man erwarten 
könnte. Unter den an den Hochschulen des Landes studierenden 
Frauen sind die Schweizerinnen beträchtlich in der Minderzahl. 

Darum gingen auch die HoflFnungen, die Freunde der 
feministischen Bewegung an die Thatsache der Freigebung des 
Frauenstudiums geknüpft hatten, zunächst nicht in Erfüllung. So 
hatte die damals in Zürich erscheinende, von Herzog redigierte 
Zeitung „Der Republikaner", die 1868 mehrmals für volle gesetz- 
liche und bürgerliche Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes 
eingetreten war, den Frauen geraten, sich dadurch zu emanzipieren, 
dass sie das wissenschaftliche Feld bebauen, wissenschaftliche 
Berufsarten ausüben und sich hierfür in der Presse und in Ver- 
einen aussprechen. Noch ein volles Jahrzehnt blieb die Frauenfrage 
im Stadium theoretischer Erörterungen, bis endlich das einzige 
Mittel, das die Schwachen stark macht, die Verbindung zu gemein- 
samem Zweck, die schweizerische Frauenwelt zur aktiven Teilnahme 
an der Lösung der Kulturprobleme befähigte. 

IV. 

Entviricklung des Vereinslebens. 

Die ersten kräftigen Impulse zur Vereinigung schuf die Reform- 
bewegung, die vom Lande der Briten aus ihren Siegeszug durch 
die civilisierte Welt angetreten hatte. Als im Februar 1875 Frau 
Josephine Butler nach Genf kam, fand sie hier treue und 
begeisterte Mitarbeiter. Unter den Frauen war es vor allem 
Marie Goegg, die durch Wort und Schrift für die Sache 
des britischen Bundes eintrat. Im Anschluss an den inter- 
nationalen Sittlichkeitskongress in Genf, September 1877, bildeten 
sich in der Westschweiz die „Association des femmes 
suisses pour le relevement moral" und das „Comitd international 
des Dames de la Fdddration". Unter der Leitung von Aimd 
Humbert, Rektor in Neuenburg, und dessen Gattin breiteten sich 



- 197 — 

diese Vereine über die Westschweiz und später auch in der 
deutschen Schweiz aus. Nichts war so geeignet, den Mitgliedern 
dieser Verbände die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Ge- 
bundenheit des weiblichen Geschlechtes zum Bewusstsein zu 
bringen, als der auf der soliden Basis sozialer Hilfsthätigkeit 
ruhende Kampf gegen die doppelte Moral. 

Aber auch in der deutschen Schweiz regte es sich. Ein 
„Schweizer Frauenverband" bestand dem Namen nach schon seit 
1883. Auf Anregung der in St. Gallen 1879 gegründeten „Schweizer 
Frauenzeitung" konstituierte sich der Verein') im Juli 1885 in Aarau 
und erklärte sich für unverzügliches energisches Handeln auf dem 
Gebiete der hauswirtschaftlichen und beruflichen Bildung des 
weiblichen Geschlechtes. Eine Anzahl Mitglieder lösten sich bald 
vom Verbände ab und gründeten im März 1888 den Schweizerischen 
gemeinnützigen Frauenverein.') Nach § i seiner Statuten fördert 
er diejenigen gemeinnützigen Bestrebungen, die im Wirkungskreis 
der Frau liegen. Dieser Verein, der rasch an Boden gewonnen 
(im Sommer 1901 zählte er 50 Sektionen mit ca. 5000 Mitgliedern) 
leistet der Frauenbewegung, obwohl er eigentliche Reform- 
bestrebungen ausdrücklich nicht auf sein Programm genommen, 
wesentliche Dienste, indem er die Frauen zu gemeinsamer Thätig- 
keit auf sozialem Gebiet heranzieht und so in immer weitere Kreise 
das Verständnis für Fragen des Gemeinwohles trägt. 

Die eigentliche Reformbewegung fand um diese Zeit ihre Ver- 
treterinnen in Genf (Union des femmes)*) gegründet 1891, in Bern*) 
(Frauenkomitee) 1892 und in Zürich, wo mehrere Interessengruppen 
nebeneinander ähnliche Ziele verfolgten und Frau Dr. jur. Kempin 
für Reform journalistisch thätig war. („Frauenrecht" 1893 — 1894. 
Beilage zur „Züricher Post**.) Das Bestreben, den Boden kennen zu 
lernen, den man bebauen wollte, führte zur InangriflFnahme wertvoller 
Arbeiten. Angeregt durch die vom schweizerischen Gewerbeverein 
während der Jahre 1885 und 1886 veranstaltete Enquete über die Ver- 
hältnisse zwischen Meistern, Gesellen und Lehrlingen, hatte schon 1887 
der Schweizer Frauenverband im Einverständnis mit dem schweize- 



I) Prflsidentin Dr. med. Caroline Fahrner^ ZOrich. 

*) 1888 Vorsitzende Frau Boos-Jegher, Zürich, 1889 Frau Pfarrer Gschwind, 
Kaiseraugst, seither Frau Villiger-Keller, Lenzburg. 

') FrAsidentin bis 1898 Emilie Lasserre, seither Camille Vidart, Vizepräsidentin 
bis 1899 Marie Goegg. 

*) Frau von Steiger- Jeandrevin, Frau J.Ryff, Sekretärin, Helene von Sinner, 
denen sich später noch Frau C. von Wattenwyl, Frau E. Müller-Vogt, Helene von 
Mülinen anschlössen. 



— 198 — 

Tischen Handels- und Landwirtschaftsdepartement Erhebungen Ober 
den weiblichen Teil der Gewerbetreibenden aufgenommen. 1892 
begann das Frauenkomitee Bern seine Erhebungen über die 
philanthropische Frauenthätigkeit in der Schweiz und stellte die- 
selben auf den Zeitpunkt der schweizerischen Landesausstellung 
in Genf 1896 fertig. Durch diese Enquete, die der Bundesrat mit 
einem ansehnlichen Kredit unterstützte, konnten 5695 Vereine, An- 
stalten, Stiftungen ermittelt werden, „ein Denkmal der Solidarität 
der Frauen mit den Interessen der gesamten Nation". Ebenso hat 
die Union von Genf gelegentlich der Ausstellung die Frauenarbeit 
in Genf auf Grund umfassender Erhebungen zur Darstellung 
gebracht. ') 

Anlässlich der schweizerischen Landesausstellung in Genf 
fand, gleichzeitig von Zürich, Bern und Genf angeregt, ein Kongress 
für die Interessen der Frau statt. Sechs Damen und zwölf Herren 
teilten sich in die Aufgabe, die verschiedensten Seiten der Frauen- 
frage zu erörtern: Erziehung und Berufsbildung, Erwerb, Ver- 
sicherung gegen Arbeitslosigkeit, Beteiligung an der öffentlichen 
Verwaltung,Rechtsstellung.*) Eine „permanente nationale Kommission 
für die Interessen der Frau"^) wurde mit der Aufgabe betraut, für 
die Realisierung der gefassten Beschlüsse thätig zu sein. Durch 
diesen ersten Kongress erfuhr die Sache der Frauenbewegung in 
der Schweiz eine nachhaltige Förderung. Die einzelnen Interessen- 
gruppen hatten Fühlung miteinander gewonnen und brachten 
dadurch mehr Einheitlichkeit in ihre Bestrebungen. In unmittel- 
barem Zusammenhang damit stand die Bildung neuer Vereine, so 
1899 der Union des femmes de Lausanne*), der Gesellschaft für die 
Interessen der Arbeiterin in Genf») und der Union für Frauen- 
bestrebungen in Zürich.«) Übrigens trat in den Vereinen immer 
mehr das Bestreben hervor, die Mitglieder durch systematische 
Aufklärung und Bethätigung zu zielbewussten Vertreterinnen der 
Frauenbewegung heranzuziehen. Der Kongress hat auch die für 
die Frauenbewegung in der Schweiz charakteristische Thatsache 

1) Activitö de la femme ä Genöve. Travail publik k Toccasion de l'exposition nationale 
Genöve 1896, redigiert durch die Damen R. Rehfous, E. Martin, C. Montchal, 
L. Achard, M. J. Albert 

*) Bericht Ober die Verhandlungen des Schweizerischen Kongresses ftlr die Interessen 
der Frau, abgehalten in Genf, im September 1896. Redigiert vom Sekretariat der Kommission 
für die Förderung der Interessen der Frau. Bern 1897. 

S) Präsidentin Camille Vidart. 

4) Präsidentin Marguerite Duvillart 

V) Präsident Pfarrer M. H. Röhrich. 

•) Präsidentin Frau Boos-Jegher. 



— 199 — 

ins Licht stellt, dass sich hier stets Männer gefunden haben, die 
energisch für die Rechte der Frauen eintreten. Wo es sich um 
eine kräftige Aktion handelt, da wirken nicht selten Männer und 
Frauen zusammen. Ein Beispiel hierfür ist der Kampf um die 
Zulassung der Frau zum Anwaltsberuf im Kanton Zürich. Als im 
November 1886 Frau Dr. Kempin vor den Schranken des Bezirks- 
gerichts Zürich erschien, um einen Prozess zu führen, wurde sie 
abgewiesen, da zur Vertretung Dritter in Civilsachen der Besitz 
des Aktivbürgerrechtes erforderlich sei. Von Männern und Frauen 
wurde es als eine Unbilligkeit empfunden, dass eine Frau, die un- 
gehindert zu den juristischen Studien zugelassen worden sei, den 
Doktortitel und die Dozentenwürde erlangt habe, an der Ausübung 
des erlernten Berufes gehindert werde. Im Kampf ums Recht 
standen die „Züricher Post" und ihr Chefredakteur Nationalrat 
Curti im VordertreflFen. 1892 brachte derselbe im Kantonsrat eine 
Motion ein, wodurch die Frage an die Gesetzgebung gewiesen 
wurde. 1897 wurde der neue Gesetzesentwurf betreffend Zulassung 
zum Anwaltsberuf vom Kantonsrat mit 120 gegen 21 Stimmen an- 
genommen und passierte dann am 3. Juli 1898 glücklich die Volks- 
abstimmung. Damit wurde freilich ein neuer Widerspruch ge- 
schaffen, indem nun die Frau nach zürcherischem Recht wohl 
gerichtliche Funktionen ausüben, nicht aber der Vormund ihrer 
eigenen Kinder werden kann. 



V. 
Erwerbsleben tind öfiFentliche Stellungen. 

Hat sich das weibliche Geschlecht im Laufe von drei Jahr- 
zehnten unter dem harten Druck der Notwendigkeit Arbeits- 
gebiete erobert, die früher der Mann allein beherrschte, so ist 
immerhin noch die erwerbende Frau infolge ihrer bürgerlichen 
Unmündigkeit vielfach in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt. Diese 
Gebundenheit der Frau zeigt sich vor allem in den amtlichen 
Berufen, die ihr von der Öffentlichkeit übertragen werden. So 
verwendet der Bund seit 1870 im Verkehrsdienste auch Frauen, 
doch nur in untergeordneten Stellungen und mit niedrigerer Ent- 
lohnung als ihre männlichen Kollegen. 

Im Lehrberufe weisen nur 2 Kantone, Zürich und Aargau, für 
beide Geschlechter dieselben gesetzlichen Besoldungsansätze auf. 



— 2O0 — 

Von einem freien Wettbewerb kann nur mit Einschränkung gesprochen 
werden, da weibliche Lehrkräfte nicht gleichmässig auf allen Schul- 
stufen verwendet, sondern zum grössern Teil auf die Unterstufe 
verwiesen werden. Leitende Stellen, auch an Mädchenschulen, 
sind fast überall mit Männern besetzt, und vereinzelte Petitionen 
aus Frauenkreisen, wie z. B. in Genf, haben an dieser Thatsache 
bis heute wenig ändern können. 

In immer weitern Kreisen der Frauenwelt bricht sich daher 
die Erkenntnis Bahn, dass nur durch Sammlung aller Kräfte und 
zielbewusste Arbeit Fortschritte errungen werden können. Es ist 
auch nicht mehr zu früh, wenn die weiblichen Berufsgruppen die 
Bedeutung der Organisation erkennen. ') In einer Reihe von Vereinen 
arbeiten die Schweizer Frauen an der Aufgabe, die wirtschaftlich 
schwachen Schwestern im Kampf ums tägliche Brot erfolgreich zu 
unterstützen.*) Stellen- und Arbeitsvermittlung, Einrichtung von 
gewerblichen und allgemein bildenden Kursen, Fürsorge für billige 
Unterkunft und Ernährung, das sind die zumeist angewendeten Mittel. 
Die Organisierung weiblicher Erwerbsgruppen ist wesentlich auf die 
Initiative solcher Frauenvereine zurückzuführen. Das Recht der freien 
BerufsObung hat die Union Zürich den weiblichen Handelsbeflissenen 
durch rasches Eintreten gewahrt. Um sich in Zukunft die Kon- 
kurrenz der Frauen fern zu halten, hatte 1899 der schweizerische 
kaufmännische Verein, dessen Schulen vom Bunde subventioniert 
werden, beschlossen, die weiblichen kaufmännischen Kandidaten 
nicht mehr zur Lehrlingsprüfung zuzulassen. Die Union rekurrierte 
hierauf an die Bundesbehörden, und diese entschieden im Sinne 
der Eingabe dahin, die Verabfolgung der Bundessubvention sei in 
Zukunft an die Bedingung zu knüpfen, dass kaufmännische Schulen 
und Prüfungen auch dem weiblichen Geschlecht offen gehalten 
werden. 

Um die Förderung der spezifisch weiblichen Berufszweige und 
Erwerbsmöglichkeiten hat sich seit seiner Gründung in erfolg- 
reicher Weise der Schweizerische gemeinnützige Frauenverein 
bemüht. Eine Eingabe an die Kantonsregierungen befürwortete 
die Einführung des Koch- und Haushaltungsunterrichtes in den 
obern Klassen der Volksschule, für welchen Unterricht der Verein 



*) Schweizerischer Lehrcrinncnvcrein, gegründet 1893. Hilfsvercine für kaufmännische 
Angestellte. 

') S c h a p p i , Nationalrat : Arbeit, Verdienst, Besserstellung der unverheiratet bleibenden 
Frauen. Zürich 1889^ Eduard Boos-Jegher: Auf welche Weise kann am besten den 
bedürftigen Frauen Verdienst verschal werden? Zürich. 



— - 20I — 

die notwendigen Lehrkräfte in seinen Haushaltungsschulen und 
Seminarien heranbildet. 

Der Schweizerische gemeinnützige Frauenverein hatte 1893 in 
seiner Jahresversammlung zu Luzern auch die Ausbildung von 
Krankenpflegerinnen auf sein Arbeitsprogramm genommen. Neue 
Anregung brachte der Genfer Frauenkongress, an dem Dr. med. 
Anna Heer in Zürich das Projekt einlässlich erörterte und die L/ 
Gründung eines schweizerischen Verbandes diplomierter Kranken- 
wärterinnen und Vorgängerinnen sowie die Errichtung von 
Pflegerinnenheimen befürwortete. Die schon früher bestellte 
Krankenpflegekommission,*) unterstützt von der Opferwilligkeit 
der Frauenwelt, arbeitete dann so rüstig an der Ausgestaltung des 
schönen Projektes, dass das schweizerische Frauenspital mit 
Pflegerinnenschule in Zürich im März 1901 eröffnet werden konnte. 
Von Frauen geschaffen, für Frauen bestimmt, steht es auch aus- 
schliesslich unter weiblicher Leitung. 

Auf dem Gebiete der öffentlichen Verwaltung ist die Frau bis 
heute nur in sehr geringem Masse zur Mitarbeit herangezogen 
worden. (Beaufsichtigung der Mädchenarbeitsschule, der Kinder- 
gärten, des Haushaltungsunterrichts, des Kostkinderwesens etc.) 
Wohl ist man in weitgehendem Masse den Bildungsbedürfnissen 
der weiblichen Natur entgegengekommen, aber die daraus mit 
Naturnotwendigkeit sich ergebende Konsequenz, der akademisch 
gebildeten Frau ein entsprechendes Wirkungsfeld anzuweisen, ist 
noch kaum gezogen worden. Unter Hinweis auf die Erfolge der 
freiwilligen sozialen Hilfsthätigkeit hat der Schweizerische gemein- 
nützige Frauenverein im Jahre 1900 an die Kantonsregierungen 
das Gesuch gerichtet, den Frauen Sitz und Stimme in Armen- und 
Waisenbehörden zu gewähren. Das neue Zuteilungsgesetz der Stadt 
Zürich bringt die Zulassung der Frauen in Kommissionen der 
städtischen Schul- und Armenpflege. Anläufe, die in jüngster Zeit 
da und dort im Schweizerland gemacht worden sind, den Frauen 
eine intensivere Mitwirkung an der Schule zu sichern, hatten bis 
jetzt keinen nennenswerten Erfolg. Auf einen kräftigen Vorstoss, 
den die bernischen Frauen vereine unter Führung der „Schul- 
freundlichen"») unternahmen, antwortete die Regierung wohl mit 



>) Die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft hat ebenfalls seit 1880 ihr Augen- 
merk auf die Forderung von Haushaltungsschulen und Ausbildung von Haushaltungs- 
lehrerinnen gerichtet Erste Wanderlehrerin Frau Wyder-Ineichen, Luzern. 

*) Präsidentin Dr. med. Anna Heer, Qufistorin Dr. med. Marie Heim-Vögtlin. 

3) Präsidentin Frau Bundesrat Müller -Vogt 



— 202 — 

einem Gesetzesentwurf betreffend Wählbarkeit der Frauen in die 
Schulkommissionen, doch hat das Volk sich dagegen ausgesprochen. 
Wohl aber hat die Frage der Ausübung des Stimmrechts durch die 
Frauen, zunächst auf kirchlichem Gebiet, einen Fortschritt zu ver- 
zeichnen. Die „Eglise libre" des Kantons Waadt hat den Frauen 
1898 das Stimmrecht gewährt, und eine ähnliche Bewegung macht 
sich in der waadtländischen Nationalkirche geltend. Die Union 
des femmes in Genf hat nun ebenfalls Schritte gethan, um den 
Genferinnen dasselbe Recht zu sichern. 

Was die eidgenössische Verwaltung anbetriflFt, so funktionieren, 
seitdem infolge Bundesbeschlusses vom 20. Dezember 1895 auch 
die Mädchenfortbildungsschule subventioniert wird, 3 Frauen als 
eidgenössische Expertinnen für hauswirtschaftliches Unterrichts- 
wesen. Dagegen wurde 1898 die Eingabe der „permanenten nationalen 
Kommission für die Interessen der Frau" in Genf betreflFend An- 
stellung weiblicher Fabrikinspektoren vom eidgenössischen Fabrik- 
inspektorat in ablehnendem Sinne begutachtet, unter Berufung auf 
eine zukünftige Revision des eidgenössischen Fabrikgesetzes. Da- 
mit wurde die Lösung der Frage für einmal auf kantonalen Boden 
verwiesen, wo sich die Anstellung weiblicher Inspektoren zur 
Überwachung der kleinen Gewerbe und Geschäfte, in denen weib- 
liche Arbeitskräfte beschäftigt sind, insbesondere auch der Wirt- 
schaften, mehr und mehr als ein Bedürfnis herausstellt. Nachdem 
sich bereits die schweizerische Arbeiterpartei hierfür ausgesprochen, 
befasste sich auch der schweizerische gemeinnützige Frauenverein 
mit der Frage *) und richtete 1900 eine bezügliche Zuschrift an die 
Kantonsregierungen. 

VI. 

Rechtliche Stellting der Frau. 

Das wachsende Interesse, das die Frau den Rechtszuständen 
entgegenbringt, unter denen sie zu leben hat, regt sie zu Ver- 
gleichungen mit den bezüglichen Verhältnissen andrer Länder an. 
Dieselbe zeigt ihr, dass sie in mancher Beziehung besseres er- 
streben muss und dass es nicht mehr zu früh ist, die Gesetze 
auch einmal vom Standpunkt der Frauen aus zu werten. Aus 
der Erkenntnis, dass dieselben der gegenwärtigen wirtschaftlichen 



I) Weibliche Fabrikinspektoren. Referat, vorgetragen an der Jahresversammlung in 
Zorich 1899 von Frau Coradi-StahL (Bericht des schweizerischen gemeinnOtzigen Frauen- 
vereins, m. Jahrgang, No. i6). 



— 203 — 

und sozialen Stellung der Frau in vielen Fällen nicht gerecht 
werden, ergiebt sich die Verpflichtung, einerseits den unbemittelten 
Frauen in ihren Konflikten mit einer rückständigen Gesetzgebung 
mit Rat und That an die Hand zu gehen, andrerseits Auflclärung 
Ober die Rechtsstellung der Frau in immer weitere Kreise hinaus- 
zutragen. Es entstanden deshalb in Zürich, wo zuerst Frau 
Dr. Kempin initiativ vorgegangen, in Bern und Genf die Ein- 
richtungen für unentgeltliche Rechtskonsultationen sowie eigent- 
licher Rechtskurse für Frauen. 

Eine direkte Beeinflussung der Gesetzgebung ist dem weib- 
lichen Geschlecht gegenwärtig nur durch Petitionen möglich. Im 
Jahre 1887 beschritt die Sektion Zürich») des Schweizer Frauen- 
verbandes diesen Weg, um die Zulassung der Frau zur Vormundschaft 
und als Testamentszeuge, sowie die Beseitigung des sogenannten 
Sohnsvorteils*) und eine grössere Sicherheit der ehefraulichen 
Ansprüche auf die ehelichen Errungenschaften zu erwirken. 1893 
erfolgte endlich durch Volksabstimmung die Gleichstellung von 
Sohn und Tochter im Erbrecht. Ebenso that die 1893 in Genf 
gegründete Association pour la Rdforme de la condition legale 
de la femme ») anlässlich der Revision des Civilgesetzbuches Schritte, 
um der Ehefrau das Anrecht auf den Ertrag ihrer Arbeit zu 
sichern. *) 

Am 13. November 1898 hat sich das Schweizervolk grund- 
sätzlich mit gewaltigem Mehr für die Rechtseinheit ausgesprochen. 
Damit ist nun auch an die Frauen die Notwendigkeit heran- 
getreten, zu den Entwürfen für ein eidgenössisches Civil- 
und Strafrecht Stellung zu nehmen und ihre Wünsche aus- 



*) Präsidentin Frau E. Boos-Jegher. 

*) Zu früh kamen die Frauen mit ihrem Begehren sicherlich nicht. Schon 1855, 
anlfisslich der Berattmg des zürcherischen Privatrechts im Grossen Rate, hatte Heinrich 
Grunholzer in zwei glflnzenden Reden für die Beseitigung des Sohnsvorteils votiert. 
„Immer existieren noch alte Vorurteile gegen die Stellung des weiblichen Geschlechtes und 
es ist Pflicht, diese zu heben. Eine solche Ungleidiheit, wie sie jetzt statuiert werden will, 
existiert fast nirgends mehr. Und Zürich, das in so vielen Dingen vorausschritt, soll da in 
Humanitilt tmd Gerechtigkeit zurückbleiben?" Koller. Heinrich Grunholzer, Lebens- 
bild eines Republikaners. IV., S. 698 — 71a. 

«) Komiteemitglieder: Louis Bridel, H. Röhrich, Marie Goegg, Mathilde 
J. Albert u. a. 

4)LouisBrideL Le droit de la femme mari^ sur le produit de son travaiL 
Annexes: 

Lettre adress^e au Conseil d'Etat de Gen^ve, par le Comit^ pour la 
R^forme de la condition legale des femmes. Dossier des pidces remises 
ä M. le Conseiller d'Etat Dunant, pour la Commission charg^ de s'occuper 
de la revision du droit matrimoniaL Gen&ve 1893. 



— 204 — 

zusprechen. Schon 1894, als Professor Dr. E. Hu her, der 
Verfasser des Vorentwurfs für das civilrechtliche Gesetzbuch, an- 
lässlich der schweizerischen Juristenversammlung in Basel über 
das Thema „Die Grundlage einer schweizerischen Gesetzgebung 
über das eheliche Güterrecht" referierte, kamen die bezüglichen 
Wünsche der Frauen nicht nur durch die anwesende Juristin, 
Frau Dr. Kempin,') sondern auch durch Eingaben des Frauen- 
komites Bern und der Genfer Association zum Ausdruck. Im 
Herbst 1894 unterbreitete das Frauenkomitee Bern der Experten- 
kommission des I. Teilentwurfs des Civilgesetzbuches eine gedruckte 
längere Eingabe. Im Juni 1897 verwendete sich die Union für 
Frauenbestrebungen in Zürich, von der eine nachhaltige Bewegung 
für bessern Schutz der Kinder ausgegangen war, unterstützt von 
30 Vereinen aus allen Teilen der Schweiz, für schärfere und ge- 
nauere Bestimmungen im schweizerischen Strafrecht mit Rücksicht 
auf Verbrechen, die an Kindern begangen werden. Nachdem noch 
in Bezug auf andre Materien von verschiedenen Vereinen Ein- 
gaben gemacht worden waren, erwies sich immer mehr eine 
Einigung als unabweisbare Notwendigkeit. So ging denn das 
Frauenkomitee Bern im Frühling 1899 initiativ vor. Auf dessen 
Einladung kamen die Delegierten der verschiedenen Vereine zur 
Besprechung einer gemeinsamen Petition zusammen. Als Grund- 
lage für die Beratung diente eine schon 1897 von der Union für 
Frauenbestrebungen in Zürich ausgearbeitete Eingabe. Man einigte 
sich auf folgende Forderungen, i. In Bezug auf die vermögens- 
rechtlichen Wirkungen der Ehe: Als gesetzlicher Güterstand soll 
die Gütertrennung oder Güterunabhängigkeit gelten. Die Be- 
stimmung der ehelichen Wohnung soll nur in dem Fall dem 
Ehemann allein zustehen, wenn er auch allein für den Unterhalt 
von Frau und Kindern aufkommt. 2. In Bezug auf das Vormund- 
schaftswesen: Gleichstellung der mütterlichen mit der väterlichen 
Vormundschaft, und in Fällen, wo Uneinigkeit herrschen sollte, 
Schaffung der Möglichkeit, an die im Entwurf für andre Fälle 
vorgesehene Vormundschaftsbehörde appellieren zu können. Be- 
stellung eines Vormundes im Falle der Wiederverehelichung eines 



Emilic Kempin: Die Ehefrau im kOnftigen Privatrecht der Schweiz. ZOrich 1894. 
A. Mackenroth, Dr. jur., Rechtsanwalt: Ober die Rechtsstellung der Frau im Entwurf 
eines schweizerischen Civilgesetzbuches. Vier Vortrage. Zürich 1901. Prof. Dr. Eugen 
Hub er: Die Stellung der Frau im Entwurf eines schweizerischen Civilgesetzbuches. Vortrag, 
gehalten in der Jahresversammlung des Schweizerischen gemeinnützigen Frauenvereins den 
aa Juni 190X in Bern. Schweizer Blätter f. Wirtschafts- und Sozialpolitik. IX. Jahrgang 1901, 
Heft 16. 



— 205 — 

die elterliche Gewalt besitzenden Ehegatten, statt wie der Entwurf 
bestimmt, nur im Falle der Wiederverehelichung der Mutter. Die 
Pflicht zur Übernahme von Vormundschaften überhaupt soll sich 
auch auf weibliche Personen erstrecken. 3. In Bezug auf das 
Recht der geschiedenen Frau: Im Falle der Scheidung, sofern 
dieselbe nicht durch Verschulden der Ehefrau herbeigeführt wurde, 
soll es derselben freistehen, ihren Mädchennamen wieder anzu- 
nehmen oder den des Mannes (ihrer Kinder) weiterzuführen. 

Ein einigendes Moment lag in dieser gemeinsamen Arbeit und 
brachte allen Beteiligten zum Bewusstsein, dass unbeschadet der 
besondem Interessen, die der einzelne Verein an seinem Ort zu 
pflegen hat, das gemeinsame Vaterland auch noch eine Mission 
stellt. So wuchs aus dem Boden gemeinschaftlicher Interessen 
heraus der Gedanke des Zusammenschlusses. Zuerst nur von 
den vier Vereinen Union Genf, Zürich, Lausanne und den Frauen- 
konferenzen Bern gehegt, fasste derselbe in weitern Kreisen Wurzel, 
und so erfolgte im Mai 1900 die Konstituierung des „Bundes 
schweizerischer Frauenvereine", der im Sommer 1901 bereits 
26 Vereine mit ca. 9500 Mitgliedern zählt. Durch diesen Bund 
erhält auch die schweizerische Frauenwelt dem Ausland gegenüber 
eine angemessene Repräsentation, namentlich ist aber auch dadurch 
der Anschluss an den internationalen Frauenbund gesichert. Die 
zweite Generalversammlung des Bundes im April 1901 trat kräftig 
für Forderung der Gütertrennung als ordentlichen ehelichen Güter- 
stand ein, für die Erleichterung der Vaterschaftsklagen, besseren 
Kinderschutz und schärfere Bestrafung der an Kindern begangenen 
Sittlichkeitsdelikte. Einen Erfolg hat der Bund schweizerischer 
Frauenvereine bereits errungen, indem das eidgenössische Justiz- 
departement demselben eine Vertretung gewährt in der grossen 
Expertenkommission des künftigen schweizerischen Civilrechtes. 

Den Kampf gegen die doppelte Moral haben mit Eifer und 
Geschick die nationalen Vereine des kontinentalen Bundes geführt *) 
und dabei nennenswerte Erfolge erzielt, so in Bern, wo infolge 
einer Petition 1888 vom grossen Rat die AbschaflFung der Toleranz- 
häuser verfügt wurde, und in Zürich, wo nach vergeblichen An- 
läufen, in denen Frauen- und Männervereine Schulter an Schulter 



1) 1896 hat sich ein katholischer „Verein zum Schutze junger Mftdchen* gebildet, 
welcher 1897 internationalen Charakter erhielt Sitz des schweizerischen und internationalen 
Centralkomitees ist Freiburg, Prflsidentin Frau von Reynold, Freiburg. Siehe „Schweize- 
rische Rundschau^' (katholische Revue). Jahrgang I, 1900—1901, Heft 6. M. B. Zur Frauen- 
bewegung in der Schweiz 



— 2o6 — 

gearbeitet hatten, der verfassungsmässige Weg der Volksinitiative 
beschritten wurde, der dann zum Ziele führte. >) Dagegen wurde in 
Genf eine ähnliche Initiative 1896 verworfen. Aber gerade in- 
folge dieser Niederlage haben sich dort die Kräfte neuerdings 
gesammelt. Eine 1899 geschaffene Zeitschrift „Revue de Morale 
sociale" •) nimmt den Kampf wieder auf. Neue Hilfstruppen sind 
auf den Plan getreten, so die Ligue des femmes contre Talcoolisme. 

VII. 

Die Arbeiterinnenbewegting. 

Über die numerische Stärke der in der Schweiz beschäftigten 
Arbeiterinnen geben nachstehende Tabellen Aufschluss: 

Verhältniszahl der weibliehen Arbeiter. 

weibliche Arbeiter 
1888 1895 

Baumwollspinnerei 48,6 % 50,9 % 

Weissweberei 73,5 % 73»8 Vo 

Buntweberei 63,8 % 67,0 % 

Baumwollindustrie Oberhaupt . . 55,2 7« 57»3 "/o 

SeidenstoflFweberei 78,5 7o 81 »9 % 

Seidenbandweberei 75,3 7o 76,8 % 

gesamte Stickerei 53,9 •/© 56,0 »/o 

gesamte Textilindustrie .... 63,0 % 65,4 7o 

Schuhfabrikation 49,6 % 50,9 % 

Tabakindustrie 72,0 % 73fi */• 

Papierfabrikation 35,0 Vo 39, i Vo 

Uhrenindustrie und Bijouterie . 34,1 7« 34»2 7» 

Fabriken nur mit weiblichem Personal (abgesehen von allfälligem 
Aufsichtspersonal männlichen Geschlechts): 

Im I. Kreis 181 1 Arbeiterinnen in 69 Etablissements 

M II. » 793 »» »» 70 ,. 

„ m. „ 2986 „ „ 91 

Total 5090 Arbeiterinnen in 230 Etablissements. 
(Gesamtzahl der Etablissements 4933). 

1) Der Kampf gegen die Unsittlichkeit und der Entwurf eines schweizerischen Straf- 
gesetzbuches. Den schweizerischen Frauenvereinen gevridmet von Mentor. Zürich 1895. 

*) Redaktionskomitee: Louis Bridel, Alfred de Meuron, Henri Minod, 
Auguste de Morsler, Emma Pieczinska, Camille Vidart, William Viollier. 



— 207 — 



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— 208 — 

Was die Organisation der Arbeiterinnen betrifft, so reicht die- 
selbe bis in die siebziger Jahre zurück. Infolge der grossen geschäft- 
lichen Krise Ende des Jahrzehnts gingen aber die bestehenden 
Vereine zum grössten Teil ein. Um das Jahr 1885 erstanden neue 
Arbeiterinnenvereine zum Teil infolge der Initiative von Frau 
Guillaume-Schackin Lausanne. Anlässlich eines schweizerischen 
Arbeitertages 1890 konstituierte sich der Centralverband schweize- 
rischer Arbeiterinnen vereine. ') Derselbe erstrebt neben der sozialen 
und ökonomischen Besserstellung namentlich die sozialpolitische 
Erziehung und Aufklärung der Arbeiterinnen. 

Von Anfang an haben sich die Arbeiterinnen an die Arbeiter- 
partei angeschlossen, in deren Centralvorstand sie zur Zeit durch 
zwei Mitglieder vertreten sind, und haben sich dadurch einen 
starken Rückhalt geschaffen. Der Arbeiter hat übrigens ein Interesse 
daran, dass sich die Arbeiterin organisiere, da ihm die nicht 
organisierte bei Lohnbewegungen ein Hemmschuh werden kann. 
Der am 25. Januar 1891 in Zürich versammelte Gewerkschafts- 
kongress nahm daher eine Resolution an, die es den Gewerk- 
schaften zur Pflicht machte, die weiblichen Arbeiter ihrer Branche 
als gleichberechtigte Mitglieder in die Organisation aufzunehmen. 
Die meisten Arbeiterinnen sind daher auch Mitglieder des Gewerk- 
schaftsbundes und erhalten bei Streiks Unterstützungen. Der 
Konkurrenzkampf der Geschlechter ist anerkanntermassen in den 
Reihen der Arbeiterschaft nicht prinzipieller Natur, sondern 
beschränkt sich auf vereinzelte Vorkommnisse. 1889 kam die 
Typographia Bern, unterstützt durch 14 andre Sektionen des 
Gewerkschaftsbundes, beim Bundesrate mit dem Gesuche ein, die 
Frauen mit Rücksicht auf die gesundheitlichen Schädigungen, 
denen sie beim Buchdruckereigewerbe ausgesetzt seien, von dem- 
selben auszuschliessen, eine Fürsorglichkeit, für die ihnen die 
Setzerinnen nicht gedankt haben. Der Bundesrat ist übrigens auf 
das Gesuch gar nicht eingetreten. 

Die Arbeiterinnen vereine, namentlich in den Kantonen, die 
mit dem Erlass kantonaler Gewerbegesetze noch im Rückstande 
sind, halten es für ihre Pflicht, auf die dem eidgenössischen 
Fabrikgesetz nicht unterstellten kleinen Geschäfte, in denen Frauen 
arbeiten, ein wachsames Auge zu haben und begründete Be- 
schwerden an amtliche Instanzen weiter zu leiten. Die gemachten 
Erfahrungen veranlassten sie immer wieder, bei den Kanton- 



») Prftsidentin Frau V. Conzett, ZOrich. 



— 209 — 

regierungen um Erlass von Schutzgesetzen sowie um Anstellung 
von weiblichen Gewerbeinspektoren zu petitionieren, wobei sie 
von den Arbeitern nachdrücklich unterstützt werden. Beide Ge- 
schlechter sind auch gemeinsam in die Achtstundentagbewegung 
eingetreten, die durch den 1897 in Zürich abgehaltenen inter- 
nationalen Arbeiterschutzkongress nachhaltig gefördert wurde. 
Seit 1895 haben die Arbeiter bei den Behörden mehrfach 
Schritte gethan, den Arbeiterinnen sowohl mit Rücksicht auf 
ihr persönliches Wohl als das ihrer Familie eine wirkliche 
Sonntagsruhe zu sichern durch Freigebung des Samstag-Nach- 
mittags. Im Juni 1897 sprach sich auch die Delegiertenversammlung 
der schweizerischen Arbeiterinnenvereine einmütig dafür aus 
und trat dann mit dem Ausschuss des schweizerischen Arbeiter- 
bundes in Verbindung. Im Dezember 1900 hat nun derselbe dem 
Bundesrate in einlässlicher Motivierung eine bezügliche Petition 
eingereicht. 

Ein Zusammengehen mit der bürgerlichen Frauenbewegung 
hat nur in vereinzelten Fällen stattgefunden, und zwar nicht durch 
den Verband als solchen, sondern bloss durch lokale Arbeiterinnen- 
vereine, so z. B. wenn es galt, die gemeinsamen Interessen des 
Geschlechtes zu wahren, z. B. bei Fragen des Kinderschutzes und 
der Sittlichkeit. Dem neu gegründeten Bund schweizerischer 
Frauenvereine sind bis heute nur drei Arbeiterinnenvereine bei- 
getreten, der Verband als Ganzes hält sich fem. 

Dafür pflegen die Arbeiterinnen internationale Beziehungen, 
namentlich mit Deutschland. Zu wiederholten Malen haben 
Führerinnen der deutschen Arbeiterinnenbewegung, so Frau Clara 
Zetkin aus Stuttgart, Frau Ihrer aus Berlin, auf eigentlichen 
Agitationstouren die schweizerischen Genossinnen gesammelt und 
deren Organisation gekräftigt. 

Auch die Führer der schweizerischen Arbeiterpartei suchen 
durch dieselben Mittel, also durch Vorträge über Bedeutung und 
Ziel der Organisation und Behandlung andrer wichtiger Fragen 
die Arbeiterinnen für die Sache der Arbeiterschaft zu interessieren. 
Noch ist aber der Erfolg dieser Bemühungen kein bedeutender. 
Ganze grosse Berufsgruppen, Dienstboten, Kellnerinnen, sowie die 
zahlreichen weiblichen Angestellten in der Fremdenindustrie sind 
noch nicht organisiert Die Arbeiterinnen sind sozialpolitisch noch 
zu wenig erzogen, und daher steht die grosse Mehrzahl derselben 
sowohl den allgemeinen Arbeiterinnenvereinen als den Gewerk- 
-schaften noch lern. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeU. I4 



— 2IO — 

Allgemeine Arbeiterinnenvereine bestehen in Basel, Biel, Bem^ 
Burgdorf, Frauenfeld, St Gallen, Horgen, Kriens, Schaffhausen, 
Thalweil, Uzwil, Winterthur, Zürich. Ausschliesslich weibliche 
Gewerkschaften sind selten. (Gewerkschaft der Seidenarbeite- 
rinnen in Hoügg.) Wohl aber bestehen grosso gemischte Gewerk- 
schaften, so der Ostschweizerische Stickereiverband, der Appen- 
zellische Weberverein, der Centralverband der Schneider und 
Schneiderinnen. 



(sfio) 




Die Geschichte der Frauenbewegung 

in J^olland. 

Von Martina 0. Krämers. 



v-ybgleich es schon im siebzehnten Jahrhundert bei uns zu 
Lande einige berühmte Frauen gegeben hat — so Anna und 
Maria Tesselschade Visser (1584 — 1651 und 1596— 1649), die 
durch ihre Stellung in dem massgebenden litterarischen Salon ihrer 
Zeit einen gewissen Einfluss auf die Geschmacksbildung ihres 
Volkes gewannen, und die bekannte Gelehrte Anna Maria 
Schuurman (1607 — 1678), die Stütze der Labadistensekte — so 
kann doch von einer eigentlichen Frauenbewegung, die für die 
Hälfte der Menschheit wirtschaftliche und geistige Freiheit be- 
ansprucht, so wenig die Rede sein als im 18. Jahrhundert. Nur 
zwei Schriftstellerinnen, die sich durch Geist und Darstellungsgabe 
einen bleibenden Platz in der Romanlitteratur erobert haben, 
können wir aus dieser Zeit nennen: Elizabeth Wolf-Bekker 
(1738 — 1804) und Agatha Deken (1741 — 1804), ^^^ stets zusammen 
gearbeitet haben.') 

Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zeigen sich zwar 
schon die ersten Spuren der Frauenbewegung in Versuchen einer 
gründlichen Erziehung der Mädchen und besonderen Bildung 
weiblicher Lehrkräfte, doch blieb die öffentliche Thätigkeit der 
Frauen noch immer auf Kunst und Litteratur beschränkt. Als 
Schauspielerin war damals Frau Wattier-Ziesenis berühmt, 
Malerinnen wagten es noch nicht unter ihrem eigenen Namen ihre 
Arbeit auszustellen*), in der Litteratur aber, wo die romantische 
Schule in voller Blüte stand, dürfen wir stolz sein auf Frau 
A. L. G. Bosboom-Toussaint (1812 — 1886), deren historische 



1) Ihre bekanntesten Werke sind „Historie von Sara Burgerhard" 178a und „Historie 
von Willem Levend" 1784. 

^ Lebensskizze der Frau Bilders van Bosse in Elzevier's MonatsheflL 

14* 



— 212 — 



Romane, durch reiche geschichtliche Kenntnisse, tiefe Einsicht in 
das Menschenherz, Beherrschung der Sprache und eine tief 
religiöse Überzeugung ausgezeichnet, ihren Platz in unserer 
Litteratur behaupten werden.') So spielte diese tüchtige Frau, 
ohne es zu wissen oder zu wollen, eben durch ihre Tüchtigkeit 
und Begabung, ihre Rolle in der Frauenemanzipation; obgleich 
nach Erscheinen ihrer modernen Novelle Majoor Frans, deren 
Heldin die Männer und die Menschen überhaupt verachtet und 
ihre Kleidung vernachlässigt, bis ihr Vetter kommt und sie bekehrt, 
ihr Name von den Gegnern der Emanzipation mit Vorliebe als der 
einer Bundesgenossin genannt wird. 

Natürlich ist es unmöglich, den Zeitpunkt genau zu bestimmen, 
an dem die wirtschaftlichen Faktoren zu wirken beginnen, welche 
die Frauenbewegung hervorgerufen haben, namentlich die all- 
mählich stärker werdende Einschränkung des Arbeitsgebietes der 
Frau im Hause durch das Anwachsen der Grossindustrie; wohl 
aber lässt sich feststellen, dass die Erwerbsthätigkeit der Frau bei 
uns zu Lande angefangen hat im Beruf der Erzieherin. Eltern, 
die ihren Töchtern den Weg zur wirtschaftlichen Selbständigkeit 
öffnen wollten, Hessen sie zum Lehrerinnenexamen vorbereiten. Das 
war schon um 1848 nicht selten. 

Gegen 1860, zur Zeit des grossen Umschwungs der Ideen auf 
dem Gebiete der Religion«) und der Philosophie, •) kurz der ganzen 
Weltanschauung, wurde auch die Frauenfrage Gegenstand all- 
gemeiner Beachtung. Hierzu trugen die Schriften Multatuli's 
(Pseudonym für E. Douwes Dekker 1820— 1887) in nicht 
geringem Masse bei.*) Dieser Moralist, ein Stern erster Grösse 
in der Litteratur, hat durch seine Originalität und seine rücksichts- 
lose Kritik der bestehenden Zustände, vor allem der Ausbeutung 
der Kolonien, sich manche grimmigen Feinde gemacht, schwärme- 
rische Bewunderung erworben, und es schliesslich erreicht, dass 
jedermann ihn las und dass für Holland seine Bedeutung der eines 
Goethe gleicht. Er sah in der herrschenden Meinung über . die 
Minderwertigkeit der Frau die Folge jahrhundertelanger Knechtung. 



Historische Romane: Het Huis Lauernesse (1848), De Vrouwen uit het Leicestersche 
Tydvak, De Delftsche Wonderdokter (i88a). — Soziale Romane: Majoor Frans (1874), 
Raymond de Schryn werker. 

>) De Genestet's Leekedicbtjes. 

*) Opzoomer. Het wczcn der kennis. 

*) Max Havelaar i86a Idee«n 1863—1872, Minnebrieven 1861, Vorstenschool 1871, 
MUlioenenstudiCn x87a u. s. w. Eine schöne Parabel von Multatuli Ober die Unfreiheit der 
Frau ist Obersetzt im Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine i. Nov. 190a 



— 213 — 

Den grössten Unwillen erregte er dadurch, dass er die Ehe durch 
freie Liebe ersetzen wollte. Die Heldin seines berühmten Dramas 
„Fürstenschule" ist die edle Königin Louise, die ihr Volk liebt 
und das fein gesponnene egoistische Gewebe der politischen 
Parteien durchschaut. Es gelang dem Autor, für die Darstellung 
dieser Rolle eine junge, schöne, sehr begabte Frau zu gewinnen, 
die sonst bei den 1872 noch bei uns herrschenden Vorurteilen 
wohl nie die Bühne betreten hätte: das war Mina Kruseman 

(1839). 

Diese und ihre Freundin Betsy Perk waren die ersten Vor- 
kämpferinnen der Frauenbewegung in Holland; Emanzipation 
nannte man sie damals, und dieses Wort genügte, um alle an- 
ständigen Leute bald in unbändige „Heiterkeit", bald in die grösste 
Entrüstung zu versetzen. 1870 gründete Betsy Perk das Blatt 
„Onze Roeping", in welchem sie das Recht der Frau auf Aus- 
dehnung ihres Arbeitsgebietes vertrat, während „Ons Streven** 
ihren Forderungen auf sozialem, wissenschaftlichem und gesetz- 
lichem Gebiete Ausdruck gab. Beide Blätter gingen aber bald 
wieder ein, während „De Huisvrouw", ') das respektable, anständige 
Wochenblatt, das zu ihrer Bekämpfung gegründet worden war, 
noch jetzt besteht. Es erscheint unter dem fingierten Namen einer 
Frau C. von Amstel; für eine wirkliche Frau wäre es ja zu „un- 
weiblich" gewesen. Herausgeberin eines Blattes zu sein. Besseren 
Erfolg hatten Frl. Perk's Frauenvereine „Arbeid Adelt" (1871) und 
„Tesselschade" (1872), die bezweckten, der gebildeten, mittellosen 
Frau Absatz für Stickereien und dergleichen zu verschaffen, ohne 
dass jemand erfuhr, dass sie für Geld arbeitete, und so sehr ent- 
sprachen diese Bestrebungen dem Zeitgeist, dass sogar I. M. Königin 
Sophie öffentlich „Arbeid Adelt" mit ihrer Gönnerschaft beehrte. 

Ein wenig früher schon hatte Frau M. M. Storm 
van der Chijs (1814-— 1895)«) ^^^ ^t^f ihren Reisen, zumal in 
Cooper's Institute in New York, beobachteten Reformen in der 
Erziehung und wissenschaftlichen Bildung junger Mädchen in 
Holland einzuführen versucht. 1864 erlangte sie dafür die Mit- 
wirkung der angesehenen „Gesellschaft zum Allgemeinen Nutzen" 
(gegr. 1784), die sich schon lange mit Volksbildungsbestrebungen 
beschäftigte. Diese verschaffte ihr Gelegenheit, in den grossen 
Städten Vorträge über Mädchenerziehung zu halten; und 1867, im 



Bureau, Rotterdam. Wijnhaven 113. 

^ Kurze Lebensskizze in dem BlaU Vrouwenarbeid S. 6x, das 1898 wahrend der Aus- 
stellung im Haag erschienen ist 



— 214 — 

Jahre des Erscheinens von John Stuart MilFs „Subjection of 
Women", hatte sie die Freude, in Haarlem die erste höhere 
Töchterschule eröffnet zu sehen. Frau Storms Vorträge und ihre 
Zugehörigkeit zur wissenschaftlichen Gesellschaft für nieder- 
ländische Litteratur trugen dazu bei, die Leute an das öffentliche 
Auftreten von Frauen zu gewöhnen. 

Die Holländer mit ihrem eng begrenzten Sprachgebiet lesen 
viel in fremden Sprachen und nehmen daher oft Anteil an aus- 
ländischen Bewegungen, von denen man bei uns hier zu Lande 
nicht viel merkt. Das erklärt, warum die Frauenbewegung, die 
seit Mina Kruseman und Frau Storm eingeschlafen schien, 
plötzlich mit Frl. W. Druckers Auftreten 1890 einen so grossen 
Aufschwung nahm. 

Die Erwerbsthätigkeit der Frau in der Fabrik, als Steinträgerin, 
in der Landwirtschaft u. s. w. war inzwischen wie überall so auch 
in Holland im Zunehmen begriffen. Der Allgemeine Nieder- 
ländische Arbeiterverein sprach sich in seiner Generalversammlung 
von 1877 gegen die Frauenarbeit') aus und suchte für Verbot 
oder wenigstens Einschränkung der Frauenarbeit die Unterstützung 
der Frauen selbst. Das gelang auch insoweit, dass einige 
sozialistische Frauenvereine an der grossen öffentlichen Kund- 
gebung im Haag 1889 für ein Gesetz, das den Kinderschutz (1874) 
auf die Arbeiterinnen ausdehnen sollte, teilnahmen. Schon waren 
einige Male Frauen in den Versammlungen des A. N. A. V. als 
Rednerinnen aufgetreten, und eine hatte sogar in dem Organ 
der Sozialdemokraten „Recht für Alle", das Wahlrecht für die 
Frauen beansprucht. •) Auch wurden die Frauen zur Mitgliedschaft 
in dem Bunde für Allgemeines Wahlrecht (1885) herangezogen, 
um sie auf diese Weise auch für die Ziele der Partei zu inter- 
essieren und damit zu erreichen, dass sie sich der Teilnahme ihrer 
Männer an den Versammlungen nicht widersetzten. 

Frl. W. Drucker') war seit 1888 als Journalistin in der Ar- 
beiterbewegung thätig. Die Fragen, die sie besonders beschäftigten, 
waren die Lage der unehelichen Kinder und die Fachbildung der 
Arbeiterinnen. Bald gewann sie die Überzeugung, dass die Frauen- 



1) B. Bymholt, G«schiedenis der Arbeidersbeweging in NederUnd, § 167. 

'S) Recht voor Allen, i88x, 188a. 

^ FrL Druckers Adresse ist Sarphatipark 6x, Amsterdam. 



- 215 - 

frage nicht, wie die Sozialdemokratie meint, durch den Klassen- 
kampf zu lösen ist; und am 9. Oktober 1889 gründete sie mit 
fünf Gesinnungsgenossinnen in Amsterdam den „Freien Frauen- 
verein", der in seinen Statuten klar die politischen und 
ökonomischen Forderungen der Frauen ausspricht und aus- 
drücklich erklärt, sich keiner Partei im Staate anschliessen zu 
wollen. Das war der Anfang der zielbewussten Frauenbewegung 
in Holland. 

Zahllos sind die Verdächtigungen und Angriffe, die der Fr.- 
Fr.-V. von seiten der Presse und des Publikums hat dulden 
müssen. Das alles wäre gewiss unerträglich gewesen, wenn das 
Bewusstsein, für eine gute und gerechte Sache zu kämpfen, die 
Führerinnen nicht ganz erfüllt hätte. Dieses Bewusstsein war es 
auch, was Frl. Drucker für die Rechte ihres Geschlechtes einzu- 
treten drängte, als am 7. Februar 1890 in Amsterdam der Verein 
zur Bekämpfung der Prostitution (1879) und der Frauenbund zur 
Hebung der Sittlichkeit (1884) eine öffentliche Versammlung 
hielten zu Gunsten einer Petition für Abschaffung der polizeilichen 
Untersuchung von Prostituierten. 

Hiermit kommen wir auf die Anfänge der Frauenbewegung, 
wenigstens der Frauenorganisation, in den höheren Ständen. Frau 
Douairiere Klerck, geb. Gräfin v. Hogendorp') war, als sie 
Frau Josephine Butler und deren Arbeit kennen lernte, so tief 
erschüttert von dem sozialen Elend der Prostitution, dass sie mit 
einigen Gesinnungs- und Standesgenossinnen 1884 den Frauenbund 
zur Hebung der Sittlichkeit gründete, der sich der bekannten 
Föderation Abolitionniste Internationale') anschloss und seine 
Thätigkeit bis in die untersten Volksschichten erstreckte. Dieser 
Verein entspricht in Bezug auf seine Ausgangspunkte und Ziele 
genau dem schon bestehenden „Verein zur Bekämpfung der 
Prostitution" unter dem Vorsitz von Herrn Pastor Pierson; die 
Frauen wurden zu einer Sonderorganisation nur durch den 
Umstand genötigt, dass dieser Verein, der gleichfalls der Inter- 
nationalen Föderation angehört, keine weiblichen Mitglieder auf- 
nimmt. Ohne die Weigerung des Vorsitzenden, weibliche Mitglieder 
aufzunehmen, würde die niederländische Frauenbewegung heute 
einen grossen eifrigen Verein weniger zählen. Beide Vereine 
stehen auch in religiöser Hinsicht auf demselben Standpunkt und 



1) Frau Douair Klerck 's Adresse ist Alexanderstr. iz, den Haag. 
>) GegrOndet auf dem Genfer Kongress von 1877. 



— 2l6 — 

betrachten als den Hauptfaktor in der Prostitution nicht die wirt- 
schaftlich-sozialen Verhaltnisse, sondern die Sünde. 

Frl. Drucker war darin freilich andrer Ansicht. Auf ihre An- 
regung beschloss die Versammlung in Amsterdam 1890 eine 
Petition an die Regierung — um Aufhebung des Gesetzes- 
paragraphen, der die recherche de la paternitd verbietet. ') Unter- 
schriften wurden im ganzen Lande gesammelt. In der Propaganda 
für diese Bittschrift hat der Fr. Fr.-V. eifrig mitgearbeitet, und 
dadurch bildeten sich seine Rednerinnen. Gelegentlich wurden 
diese auch vom Bund für Allgemeines Wahlrecht in Anspruch 
genommen. 

In der grossen Versammlung dieses Bundes in Heerenveen 
(ao. Mai 1890) trat Frl. Drucker auf und hielt gegen die Erwartung 
ihrer Hörer eine warme Verteidigungsrede für das Frauenwahl- 
recht. Sie erklärte, sie sehe in der Ausdehnung des Männer- 
wahlrechts nur eine neue Erniedrigung für ihre niederländischen 
Schwestern. Dieser Ausspruch erregte einen Sturm, der sich bis 
heute noch nicht gelegt hat, denn es giebt noch Sozialdemokraten 
genug, die dem ungebildeten Mann das Wahlrecht gesichert haben 
wollen, ehe sie daran denken, auch nur eine einzige Frau heran 
zu lassen. •) Es ist kein Wunder, dass der Fr. Fr.-V. sich seitdem 
stets sehr für das Frauenwahlrecht interessierte, und dass er viel 
für die Gründung des Vereins für Frauenwahlrecht gethan hat, 
die am 5. Februar 1894 stattfand. 

Von 1894 an nimmt die Frauenbewegung eine solche Aus- 
dehnung an, dass eine chronologische Behandlung keine gute 
Obersicht mehr geben kann. Ich behandle also getrennt die 
Organisation der Frauenbewegung, die Stellung der Frau im Recht, 
in der Erwerbsthätigkeit, in der Kunst und Litteratur. 

* * 

vr 

Was die Organisation betrifft, so giebt es bei uns mehr 
als 500 Vereine, die in ihrem Vorstand Frauen haben oder ganz 
aus Frauen bestehen.») Diese können aber nicht alle im eigent- 
lichen Sinne zur Frauenbewegung gerechnet werden; die 
meisten treiben nur ein wenig Philanthropie in althergebrachter 

') Bürgerliches Gesetzbuch. Art. 34a. 

*) Mr. P. J. Troelstra, Worden van Vrouwen 1898. Cornelic Huygens. 
Sodalisme en Feminisme 1898. 

3) Der Bund niederlAndischer Frauenvereine besitzt die Liste der Namen und Adressen 
dieser Vereine. 



— 217 — 

Weise. Hier sollen nur die erwähnt werden, die zielbewusst an 
sozialen Reformen arbeiten. 

Der Verein für Frauenwahlrecht (1894)») zählt jetzt 
15 Abteilungen, die monatlich Versammlungen halten und ge- 
legentlich Eingaben an staatliche oder städtische Behörden ein- 
reichen. Der Verein schloss sich an das von den Sozialdemokraten 
am 12. November 1899 gegründete Komitee für Allgemeines Wahl- 
recht an, das eine Umgestaltung der Konstitution erreichen will, 
denn auch der Frauenwahlrechtsverein strebt eine solche Ver- 
änderung an: Die Streichung des Wortes „männliche" vor „Ein- 
wohner" in Artikel 80. Der Verein zur Verbesserung der 
sozialen und gesetzlichen Lage der Frau in Holland«) (1894) 
wurde gegründet von vier Rechtsgelehrten und vier Damen, die 
seinen Vorstand ausmachen, und ist in besonderem Masse in der 
Lage, durch Petitionen zu wirken, da die Herren der Regierung 
angehören und aus diesem Grunde stets den geeigneten Moment 
für die Kundgebung der Wünsche der Frauen zu benutzen wissen. 
Der — oben schon erwähnte — Freie Frauenverein') (1889) ver- 
anstaltet gelegentlich Enqueten über Frauen in Gewerkvereinen u. dgl. 
und sorgt dafür, dass die Frauen auf in- und ausländischen Kon- 
gressen nicht fehlen, wo ihre Interessen zur Sprache kommen. — 
Der Verein zur Förderung der Interessen der Frau*) (1895) 
hat als eine Art von Toynbee- Arbeit den Rotterdamschen Nachbar- 
verein gestiftet und arbeitet an der Bildung und der Hebung der 
sozialen Lage der Frau. — Der Frauenbund (1894)*) thut dasselbe 
in Groningen und beschäftigt sich in letzter Zeit viel mit der Lohn- 
verbesserung der Näherinnen. — Der Frauenbund zur Inter- 
nationalen Abrüstung (1898)«) wurde in der ersten Begeisterung 
für das Manifest des Zaren gestiftet, macht aber im Ausland mehr 
von sich reden als in unserem Vaterlande selbst. — Der AUge- 
meineNiederländische Fr auen verein Tesselschade (1872) 
hat 29 Abteilungen und arbeitet durch Stellennachweise und 
Schaffung von Fachbildungsgelegenheiten praktisch für die Er- 
höhung der Erwerbsfähigkeit der Frau aus der Bürgerklasse, die 



I) Vorsitzende : Frau A. W. L. VersluysPoelmaiL, Oosterparkstraat aai, Amsterdam. 
^ Vorsitzende: Mejonkvrouw Jeltje de Bosch Kemper, Zandpad 6. Amsterdam. 
3) Vorsitzende: FrL W. Drucker, Sarphatipark 6i, Amsterdam. 
*) Vorsitzende: Frl. A. Dobbe, Prins Hendrikhade 47, Rotterdam. 
^ Vorsitzende: Mevrouw Z. M. Schilthuis-Mesdag, Noorderhaven, Groningen. 
^Vorsitzende: Frau B. Waszklewicz- van Schilfgaarde, Stationsweg 85, 
den Haag. 

^ Vorsitzende: Mejonkvr. J. de Bosch Kemper. 



— 2l8 — 

sich ihren Unterhalt verdienen muss. Neuerdings hat er ein 
Examen für Kinderwärterinnen eingerichtet, und vielleicht weist 
Tesselschade auch hier wieder der Regierung den Weg, wie einst 
beim Examen für Handarbeitslehrerinnen, deren Diplome jetzt vom 
Staate anerkannt werden. 

Unter den kooperativen Vereinen nenne ich De Voorpost 
(1896), ') eine Gesellschaft von Schneiderinnen auf genossenschaft- 
licher Grundlage, und unter den Gewerkvereinen den Näherinnen - 
bund (1897), der sich kürzlich mit den männlichen Fachgenossen 
verbündet hat zu einem Allgemeinen Schneiderbund (1901) 
und schon viermal bei Arbeitseinstellungen gesiegt hat. — Auf 
dem Gebiet der Sittlichkeit arbeiten ausser dem oben genannten 
Frauenbund von Frau Douair. Klerck van Hogendorp noch ver- 
schiedene Vereine. Der Verein Gegenseitiger Frauenschutz 
(Mutualit^ Matemeile 1897)*) schützt bedürftige Wöchnerinnen, 
gleichviel ob sie verheiratet sind oder nicht und ohne die 
Zugehörigkeit zu einer Konfession zur Bedingung zu machen. 
Er berücksichtigt in erster Linie die, welche mehr als 2 Jahre 
Mitglied des Vereins gewesen sind. 1900 hat der Verein in 
Rotterdam ein Hospiz eingerichtet. — Der Neo-Malthusianische 
Bund (1881)») bestand anfangs nur aus Männern, arbeitet aber 
jetzt mehr unter den Frauen der Arbeiterklasse. 

Der Kinderbund (1881)«) wirkt unter Kindern aller Stände, 
die zu kleinen Klubs vereinigt werden und unter Leitung einer 
Dame spielen, lesen oder Ausflüge machen. Zweck des Bundes 
ist, den Kindern, dem zukünftigen Volk, Gerechtigkeit und Mitgefühl 
für alles Lebende anzuerziehen und Roheit und Mutwillen zu 
bändigen. — Der Bund gegen Vivisektion (1897) steht unter 
derselben Leitung. — Der Vegetarierbund (1896)») zählt auch 
viele von den Mitwirkenden der beiden vorigen Vereine zu seinen 
Mitgliedern. — Gegen den Alkohol kämpfen viele Vereine, meist 
zugleich aus Männern und Frauen bestehend ; wir nennen nur den 
Niederländischen Frauenbund für Abstinenz (1897). •) — 



1) Vorsteherin: FrL Meta Hugenholtz, Willemsparkweg: la, Amsterdam. 
^ Vorsitzende: Frau H. Bosman-Frank, Plan tage weg 97, Rotterdam. 
') Vorsitzende: Frau M. W. H. Rutgers -Hoitsema, HaringvUet 5a, Rotterdam. 
*) Vorsitzende: Frau C. van der Hucht-Kerkhoven, Surinamstraat 38, den Haag. 
Die beste Kraft des Bundes ist FrL Marie Jungins, deren Lebensskizze zu finden 
ist in: De Hollandsche Revue 1901. 

*) Vorsitzender: Herr de Clercq, Laren N. H. 

*) Schriftführerin: Frau N. Steindyk-Flothnis, ic Helmersstraat 136« Amsterdam. 



— 219 — 

Der Verein für Verbesserung der Frauenkleidung (1899)') 
hat ein Monatsblatt mit Mustern für Reformkleidung und ein 
Verkaufslokal „De Wekker", Zeestraat 31, den Haag, wo eine 
kooperative Schneiderinnengesellschaft arbeitet. — Der Verein 
Ost und West (1899)*) giebt Auskunft über Wohnung, Er- 
ziehung u. dergl. an Leute, die aus den Kolonien kommen oder 
dahin gehen. 

Ich kann diesen Abschnitt Ober unsere Frauenvereine nicht 
schliessen, ohne die Frauenblätter zu erwähnen, denn die meisten 
sind Vereinsorgane. So haben die Frauenbünde zur Internationalen 
Abrüstung und zur Hebung der Sittlichkeit und die Vereine 
Tesselschade, Vegetarierbund, Kinderbund, Antivivisection, Frauen- 
wahlrecht und Kleidungsreform jede ihr Monatsblatt. Dazu konunt 
noch Belang en Recht'), das zwar Organ von drei Vereinen 
ist, aber dessen Redaktion im übrigen selbständig ist. Es enthält 
Berichte über die wichtigsten Ereignisse in der Frauenbewegung 
im In- und Ausland und vertritt die Ansicht, dass Ausnahme- 
gesetze für Arbeiterinnenschutz ein Segen sind und dass das 
Wahlrecht allen Männern eher zukommt als den Frauen. Die 
entgegengesetzte Ansicht vertritt das unabhängig von irgend einem 
Verein erscheinende halbmonatliche Blatt Evolutie,*) das stets 
kampfbereit dasteht, wenn die Frau vergessen oder gar angegriffen 
wird. Dann haben wir noch De Vrouw,») von der taktvollen 
warmherzigen Frau Nellie van Kol gegründet „für die gegen- 
seitige Erziehung der Mütter und Frauen", wie sie sagt. Jetzt 
enthält es noch gute Winke über Kindererziehung und dient 
ausserdem der theoretischen sozialistischen Propaganda. 

In rechtlicher Beziehung stehen in Holland die Frauen den 
Männern nur gleich, soweit das Strafgesetz in Betracht kommt, 
im Bürgerlichen Gesetzbuch herrscht hier noch immer der Geist 
Napoleons«) und sein Code. 1838 in Holland eingeführt, hat er 



*) Vorsitzende: Frau J. Bonman-de Lange, Villa Vall' di Reno, Scheveningen. 

*) Vorsitzende: Frau N. van Zuylen-Tromp. 

3) Redaktion: FrL R v. d. Mey, v. Baerlestraat 98, Amsterdtm. 

*) Redaktion: FrL Drucker und Frau Haver, Sarphatipark 61, Amsterdam. 

s) Redaktion: FrL Ida Heyermans, Binnen weg laSi Rotterdam. 

*) Wetsartikelen, waarmit blijkt, dat de vrouw reden huft over achterstelling te klagen 
en op herziening daarvan aan te dringen, gesammelt für den Verein zur Forderung der 
Fraueninteressen von Frau M. W. H. Rutgers-Hoitsema, Rotterdam 1895. 



— 220 — 

seitdem nur wenige Veränderungen erfahren, obgleich schon 1880 
ein Komitee ernannt wurde, um die nötigsten Reformen zu be- 
raten. Bei der Revision der Konstitution 1887 fand die Frau nur 
insoweit Erwähnung, als man sie ausdrücklich von dem Wahlrecht 
ausschloss. Unsere erste Ärztin, Frau Dr. Aletta Jacobs, hatte 
es nämlich gewagt, ihren Namen auf die Wählerliste eintragen zu 
wollen. 

1889 wurde ein neues Fabrikgesetz erlassen, das die Frauen 
den Kindern unter 16 Jahren gleichsetzt, durch das Verbot, sie 
länger als bis 7 Uhr abends arbeiten zu lassen; die ihnen gestattete 
Arbeitszeit jedoch blieb 11 Stunden täglich, mithin lange genug, 
um ihnen, den Männern gegenüber, deren Arbeitszeit noch gar nicht 
eingeschränkt ist, die Konkurrenz nicht allzu sehr zu erschweren. 
1895, unter van Houtens Ministerium, wurden ein paar geringfügige 
Beschlüsse zu Gunsten der verheirateten Frau gefasst: sie bekam 
das Recht, über ihre Ersparnisse in der Postsparkasse selbständig 
zu verfügen, und falls eine gerichtliche Vorladung an sie ergeht, 
wie z. B. bei Scheidungen, diese Vorladung selbst in Empfang zu 
nehmen. 1900 wurde der Frau die Befugnis eingeräumt, Vor- 
münderin auch über andre als eigene Kinder zu werden, unter 
der Bedingung jedoch, dass ihr Mann nichts dagegen habe; femer 
erhielt sie von dem niederländischen Gesetzgeber die wertvolle 
Zusage, dass im Gesetz fortan nicht mehr von „väterlicher Gewalt", 
sondern von „elterlicher Gewalt" die Rede sein solle. ') Allein 
diese Gewalt beruht nach wie vor beim Vater allein, wie es das 
römische Recht und der Code Napoleon bestimmt haben. 

Hat also die Frau in Bezug auf ihre rechtliche Stellung wenig 
Wohlwollen seitens der Regierung erfahren, so ist sie doch zu ver- 
schiedenen Ämtern zugelassen worden, die ihr früher verschlossen 
waren : in der Schulinspektion und in Prüfungskommissionen hat sie 
jetzt ihren bleibenden Platz, und auf dem Pariser Congres des 
Oeuvres et Institutions feminines 1900 liess sich unsere Regierung 
durch eine Delegierte vertreten. 

Wenden wir uns nun zur Erwerbsthätigkeit der Frau. 
Damit geht es bei uns wie in allen andern Ländern: die Zahl der 
weiblichen Berufe und die der weiblichen Angestellten wächst sehr 

') A. W. L. Versluys-Poelman. Hoc worden de bc langen behartigd van hea, 
die geen kiesrecht bezitten? 1901. 



— 221 — 

schnell. Bei der letzten Berufszählung 1889O waren in 380 von den 
836 darin aufgezählten Berufen Frauen thätig, und gewiss wird 
die Zählung vom vergangenen Jahr noch eine starke Zunahme 
der Frauenarbeit aufweisen. Ihre Resultate stehen aber noch nicht 
vollständig zur Verfügung. Ziehen wir jedoch in Betracht, dass 
am I. Januar 1890 im Telephondienst 78 Frauen angestellt waren, 
während ihre Zahl am i. Januar 1898 schon 163 betrug und dass die 
Buchhalterinnen sich in dieser Zeit von 69 auf 142 vermehrt hatten, 
so können wir nicht zweifeln, dass die Frauen sich dem Arbeits- 
markt in immer grösserer Zahl zuwenden. Natürlich gestattet es 
hier der Raum nicht, eine Darstellung des Gesamtgebietes der 
Frauenarbeit zu versuchen. Ich will also nur von einigen Be- 
rufen sprechen, die früher für ausschliesslich männlich galten. 

Die niederländischen Universitäten öffneten sich dem Studium 
der Frauen ohne Schwierigkeit, sobald sich die erste Frau, Aletta 
Jacobs (1879 als Arztin promoviert), dazu meldete, und jetzt haben 
wir 12 weibliche Doktoren der Medizin, 8 Zahnärztinnen und viele 
Studentinnen in der medizinischen sowie in den andern Fakul- 
täten. 1878 gestattete ein Königlicher Erlass den Frauen die Teil- 
nahme an der Prüfung für Post- und Telegraphenbeamte und 
ebenso an der für Apotheker. In diesem Beruf waren 1889 schon 
326 weibliche Angestellte thätig. Im Post- und Telegraphendienst 
hängt übrigens die Anstellung weiblicher Kräfte ganz von der 
Willkür des Ministers ab, bald lässt er '/a ^^r Geprüften zu, 
bald V««- I^äs Eindringen der Frau in die besser bezahlten Be- 
rufe geht eben nicht ohne Kampf ab. Die dabei immer wieder 
auftauchenden Argumente, das Weib sei zu schwach oder stehe 
zu hoch u. s. w. brauche ich hier nicht zu wiederholen. Thatsache 
ist, dass drei Berufsgenossenschaften, der Zahnärzte (1898), der 
Handelsangestellten (1901) und der Spezereiwarenhändler (1896) 
die Frauen ausgeschlossen haben. Dies verhindert freilich die 
Thätigkeit der Frauen in diesen Erwerbszweigen nicht, es könnte 
sie aber veranlassen, für geringeren Lohn zu arbeiten. In dieser 
Erkenntnis nimmt der niederländische Lehrerverein die Lehrerinnen 
als gleichberechtigte Mitglieder auf. Wie weit andre Berufs- 
verbände noch von diesem Standpunkt entfernt sind, das geht 
deutlich hervor aus der Enquete, die der Freie Frauenverein 1891 
über die Zulassung der Frauen unter den Gewerkvereinen ange- 



1) Marie Jungins; Beroepsklapper, getrokken mit de uitkomsten der beroepstelling 
van 1889. 



— 222 — 

stellt hat. ») Kürzlich wurde in Amsterdam ein Verein von Kranken- 
pflegerinnen •) gegründet, der zwar hauptsächlich aus Frauen 
besteht, aber doch auch Männer vom Fach zulässt. 

Die steigende Berufsarbeit der Frauen hat 1899 ^^^ Regierung 
veranlasst, versuchsweise eine Adjunkt -Fabrikinspektorin anzu- 
stellen. Die Probe fiel so gut aus, dass 1900 noch zwei andre 
Vize-Inspektorinnen ernannt sind. 

Der enge Raum dieser Skizze gestattet nicht, eingehender über 
die Leistungen der Frauen in der Kunst und Litteratur zu 
sprechen. Nur einige hervorragende Namen seien genannt. So 
ist z. B. Minka Bosch Reitz als Bildhauerin bekannt, Th^rese 
Schwarze als Malerin, Frl. Oosterzee hat ein bekanntes 
Oratorium komponiert, und die Kinderlieder von Catharina 
van Rennes erfreuen sich grosser Beliebtheit. 

Über den Anteil der Frauen an der Litteratur ist vollends 
eine erschöpfende Darstellung im Rahmen dieser Skizze nicht 
möglich. Es scheint mir geboten, mich auf die Erscheinung der 
Frauenbewegung selbst in der Litteratur zu beschränken. Da ist 
Frau Cdcile de Jong van Beek en Donk*s Roman „Hilda 
van Suylenburg" in erster Linie zu nennen. In dem Schicksal 
der Heldin dieses Buches, einer jungen Ärztin, hat die Verfasserin 
alle Momente der Frauenbewegung zur Darstellung gebracht, die 
Langeweile der reichen, übersättigten Frau, die Zurücksetzung des 
Mädchens gegen ihren Bruder, den vorurteilsvollen Dünkel, der 
das Mädchen in ihre „eigene Sphäre" zurückweist, die Ungerechtig- 
keit des Gesetzes und den Spott der Welt über die Frau, die ihrem 
Leben Inhalt geben will.») Der Roman erschien gerade vor der 
Ausstellung von Frauenarbeit im Sommer 1898 und gewiss 
haben das Buch und dieses Unternehmen sich gegenseitig in ihrer 
Wirkung stark unterstüzt. Wie ein aufgestörter Bienenschwarm 
folgte diesem Roman eine Menge von „offenen Briefen" u. dergl. 
an die Verfasserin, teils bewundernd, teils tadelnd, doch eins war 
klar: Frau de Jong van Beek en Donk hatte ihre Landesgenossen 
geweckt aus dem Schlafe. 

Die ganz entgegengesetzte Betrachtung des Frauenlebens zeigt 
Anna Savornin Lohman's Novelle: „Das Eine, was not ist."*) 



1) Evolutie 1897. 

*) Vorsitzende: Frl. A. Bukhuis, Burger Ziekenhuis, Amsterdam. 
>) Mevrouw C Goekoop-de Jong van Beek en Donk, Hilda von Suylenburg. 
Herausgegeben von Scheltema en v. Holkama, Amsterdam 1897. 
*) Frl. A. de Savornin Lohman: Het eene noodige. 



— 223 — 

Hier bildet unerwiderte Liebe den Kern des Lebens der Hejdin, und 
den Tod des Geliebten kann sie nicht überleben. 

In Cornelie Huygens vielbesprochenem Tendenzroman 
„Barthold Meryan", der 1897 erschien, ist die Charakterentwicklung 
Hauptsache und die Verteidigung der Sozialdemokratie die Grund- 
tendenz. 

Die Broschüren von Dr. Cox>) upd Prof. C. Winkler«) gegen 
die Frauenbewegung, die auch um diese Zeit erschienen und 
eine Reihe von Entgegnungen hervorriefen, gehören eigentlich 
nicht zur Litteratur. 

Um diesen Überblick zu vervollständigen, muss ich noch er- 
wähnen, dass manche Zeitungen und Revuen in Holland Frauen 
als Korrespondentinnen und Mitarbeiterinnen beschäftigen. 

* * 

Ich schliesse die Übersicht über die verschiedenen Be- 
strebungen der niederländischen Frauenbewegung von 1894 — 1898, 
um zu zeigen, wie das Jahr 1898 sie vereinigte in der Ver- 
anstaltung der Ausstellung von Frauenarbeit. 

Der Plan der Ausstellung') entstand bei Frau Pekelharing- 
Doijer in Groningen, aber an der Ausführung haben die Haager 
Frauen den grössten Anteil, weil die Leiterin des Ganzen Frau 
Goekoop, die Verfasserin der Hilda v. Suylenburg, in Haag 
wohnte und dort auch die Ausstellung stattfinden sollte. Jede 
Abteilung hat ziemlich unabhängig von den andern gearbeitet, und 
so waren wir alle überrascht, als wir das Ganze dastehen sahen. 
Die Ausstellung gewährte einen Überblick über das Gesamtgebiet 
der Frauenarbeit. Und wenn jede von uns sich auch in 
Bezug auf ihr Fach bewusst war, dass die Frauen noch wenig 
tüchtige Arbeiten aufwiesen, und dass sie bei besserer Bildung 
und Erziehung weit mehr leisten könnten, so stellte die Frauen- 
arbeit im ganzen sich doch bedeutender dar, als wir gedacht 
hatten. Auch die S3niipathie, welche die Ausstellung fand, war 
grösser, als wir gehofit hatten. Die Zuschüsse an Geld (5000 F. 



1) Dr. Coz : Over de Aequivalentie van Man on Vrouw, 1896. 

^ Dr. C Winkler cur: De Vrouw en de Studie, 189a 

*) Die besten Berichte Ober die Ausstellung enthalt das Blatt Vrouwenarbeid, welches 
wAhrend ihrer Dauer auf dem Terrain selbst von FrL Johanna Naber redigiert wurde. 
Übrigens hat die Presse im In- und Ausland nicht unterlassen, von dieser Arbeit der nieder- 
ländischen Frauen zu sprechen. Auch sind die Jahresberichte des Vereins „Nationale Aus- 
stellung^ interessant Sekretärin ist Frl. M. Gallo, Prins Hendrikstraat 90, den Haag, die 
gewiss bereit sein wird, alle verlangten AuskQnfte zu geben. 



— 224 — 

von der Regierung, 1500 F. von der Stadt den Haag, 1000 F. 
von der Gesellschaft zum allgemeinen Nutzen) und das freundliche 
Entgegenkommen des Publikums übertrafen unsere Erwartung. 
Die Frauenbewegung war mit einem Schlage populär geworden. 

Auch die Resultate der Ausstellung waren nicht gering: Ein 
lebhaftes Gefühl der Zusammengehörigkeit erwachte unter den 
Frauen; Frauenvereine und Genossenschaften wurden . gegründet; 
Königin und Regierung sahen ein, dass die weibliche Hälfte der 
Staatsbürger nicht länger einfach übersehen werden könne und 
dass ein Orden auch die Brust einer Frau zieren *) und Ungerechtig- 
keit des Gesetzes auch Frauen empören könne.*) Der Reinertrag 
der Ausstellung ergab 22000 F. 

Das neu erwachte Solidaritätsgefühl der niederländischen 
Frauenwelt fand seinen Ausdruck in der Gründung des Bundes 
niederländischer Frauenvereine, die in drei Zusammenkünften 
(29. Oktober 1898, 15. März 1899 und 24. Mai 1899) beschlossen, 
und durch die Annahme von Satzungen und einer Geschäftsordnung 
ausgeführt wurde. 12 Damen aus Holland gingen 1899 nach 
London, um, teils als Delegierte, teils als Rednerinnen, an dem 
Kongress des Frauenweltbundes teilzunehmen.*) Obgleich noch 
alle katholischen Frauen vereine und einige sozialdemokratische 
Gewerkvereine sich vom Bunde fernhalten, so ist doch wohl vor- 
auszusehen, dass er einst sein wird, was er nach der Idee seiner 
Vorsitzenden Frau Douair. Klerck van Hogendorp sein soll: 
die Zusammenfassung und der Inbegriff der ganzen Frauen- 
bewegung in Holland. Bis jetzt gehören ihm 32 Vereine an, 
welche die verschiedensten Fraueninteressen vertreten.^) 

Die 22 000 F., welche die Ausstellung eingetragen hat, werden 
so viel irgend möglich zum Heil aller Frauen, der reichen und 
armen, angewandt werden. Am 9. April 1901 ist dazu ein Verein 
für Frauenarbeit») gestiftet worden, der den Auftrag hat, eine 
Auskunft- und Arbeitsnachweisstelle für alle niederländischen 
Frauen zu gründen. Wir hoffen, dass seine Arbeit zum Segen 
aller sein wird. 



-••»- 



I) Nach der Vorsitzenden der Ausstellung sind bis heute schon 5 andre Damen damit 
beschenkt worden. 

*) Gesetz Ober elterliche Gewalt und Vormundschafl, z9oa 

') Council Transactions, Band I der Londoner Kongressberichte. 

*) Der erste Jahresbericht des Bundes niederländischer Frauenvereine, und sobald er 
gedruckt sein wird, auch der zweite, sind zu haben bei der SchriftfQhrerin FrL M.G. Kramers, 
Eendrachtsweg aS, Rotterdam. 

^ Vorsitzende: Frau T. P. B. Haver, Ruyschstraat X19, Amsterdam. 



Die Geschichte 
der englischen Frauenbewegung. 

Von Gertrud Bäumer. 



1. 
Litteratur. 

-tLine zusammenhängende Darstellung der englischen Frauen- 
bewegung, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde, existiert 
nicht. Die wenigen historischen Skizzen, die die vorhandene Litteratur 
aufweist, behandeln nur einzelne Zweige der Frauenbewegung ge- 
sondert: Bildungsbewegung, Stimmrechtsbewegung etc. Es entspricht 
das dem Charakter der Entwicklung der Bewegung in England. Seit 
den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts, d. h. von der Zeit an, da 
wir es mit einer organisierten Frauenbewegung zu thun haben, sondern 
sich die einzelnen Gebiete sehr scharf voneinander ab. Dementsprechend 
empfiehlt es sich, die Litteratur für diese Zeit im Zusammenhang mit 
der Behandlung dieser Teilgebiete anzuführen. 

Über die Lage der Frau in England ohne spezielle Berück- 
sichtigung der Frauenfrage orientiert das allerdings etwas dilettantisch 
geschriebene Buch von Georgiana Hill: Women in English Life. 
From Medieval to Modern Times. London 1896. 2 Bd. 

Zur allgemeinen Orientierung über die Frauenfrage kommt zunächst 
in Betracht die Sammlung von Theodore Stanton: The Woman 
Question in Europe, London 1884. Sie enthält fünf Essays über die 
englische Frauenbewegung und zwar: i. Die Frauenstimmrechts- 
bewegung von Mrs. Millicent Garrett Fawcett; 2. die Frauen- 
bildungsbewegung von Maria G. Grey; 3. Frauen in der Medizin von 
Frances Elizabeth Hoggan, M. D.; 4. die Berufsbewegung von 
Jessie Boucherett; 5. Frauen als Philanthropinnen von Henrietta 
O. Barnett. Die Essays sind wertvoll, da sie sämtlich auf best- 
möglicher Orientierung beruhen. Die Verfasserinnen besprechen ihr 
eigenes Arbeitsfeld. Doch einerseits kommt bei dieser Behandlung 
der Einzelgebiete die Zeit, ehe sie sich voneinander sondern, über- 
haupt nicht zur Behandlung; andrerseits fehlen manche Seiten der 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 15 



— 226 — 

Bewegung, die nicht unter diese Überschriften passten, und der Zu- 
sammenhang aller Gebiete untereinander tritt nicht hervor. Auch wäre 
dem Buch, da es nur bis in den Anfang der achtziger Jahre führt, eine 
neue Auflage bezw. ein Nachtrag zu wünschen. 

Die wichtigsten Daten der englischen Frauenbewegung, sowie eine 
Übersicht über den gegenwärtigen Stand und bibliographische Notizen 
vor allem zu praktischen Zwecken giebt das „Handbook for Women 
engaged in Social and Political Work", hrsg. von Helen Blackburn, 
Bristol 1895, das sich durch vorzügliche Klarheit und übersichtliche 
Anordnung auszeichnet, und das viel umfangreichere Englishwoman's 
Year-Book, hrsg. von Emily Janes, das für jede Information über 
den augenblicklichen Stand der englischen Frauenbewegung und über 
die wichtigste Litteratur zu benutzen ist, und, da es jährlich erscheint» 
jeden Fortschritt und jede Änderung registriert. 

Schliesslich wären noch die Berichte der Internationalen 
Kongresse zu erwähnen, in deren verschiedenen Sektionen auch die 
verschiedenen Seiten der Bewegung in England beleuchtet werden. 
Über das Buch von C. C. Stop es: British Freewomen, das auch hierher 
gehört, vergleiche die Fussnote zu dem folgenden Abschnitt. 

Alles übrige ist wesentlich biographischer Natur. Die umfang- 
reichste Sammlung biographischer Skizzen, und diejenige, die auch 
den Hauptmomenten in der Entwicklung der Frauenbewegung am 
meisten gerecht wird, ist die von Edwin A. Pratt: Pioneer Women 
in Victoria*s Reign. London 1897. Einiges Verwendbare bietet auch 
die Sammlung von Mrs. Henry Fawcett: Some Eminent Women of 
our Times. London 1889. 



I. 

Einführung. 

Frauenrechte, Frauenbildung und Frauenbewegung in England 

vor 1800. 

IVlan kann bei der englischen Frauenbewegung ebenso wenig 
im Zweifel sein wie bei der deutschen, dass sie nach wirtschaft- 
lichen und geistigen Ursachen und Zielen eine Bewegung de& 
19. Jahrhunderts ist. Wie dort, so sind auch hier vereinzelt in 
früheren Jahrhunderten schon Forderungen geltend gemacht, die 
denen der Neuzeit mehr oder weniger verwandt sind, hier wie 
dort sind sie für das Wesen der ganzen Frage interessant genug, 
um hier Beachtung zu verdienen, ohne dass man sie eigentlich mit 
der modernen Frauenbewegung in einen historischen Zusammen- 
hang bringen könnte. In Bezug auf einen Punkt aber erfordert 



— 227 — 

die Darstellung der Frauenbewegung in England ausserdem ein 
Zurückgreifen in frühere Zeiten, einen Punkt, der mit der englischen 
Verfassung im Zusammenhang steht, in Bezug auf die Voraus- 
setzungen nämlich des Frauenstimmrechts in der Munizipal- und 
Reichsverwaltung. ») 

Nach den englischen Verfassungsurkunden nämlich ist die Frage 
der politischen Rechte der Frau offen gelassen. Ihre Entscheidung 
hängt ab von der Interpretation der Worte homo, man, subject. 
Dass diese Worte nach der herrschenden Anschauung Frauen 
einschlössen, davon haben wir bis in die Neuzeit hinein zahlreiche 
Beweise. So handelt eine Parlamentsakte unter Heinrich VI. *) von 
der Bedeutung des Wortes „parium" mit Bezug auf „Femes, Dames 
de grande estate". Dass das Kapitel der Magna Charta, um dessen 
Auslegung es sich handelt, für Frauen auch Geltung hat, scheint 
als selbstverständlich angenommen zu sein. Ein andres Mal — 
unter Heinrich IV. — wird bei der Entscheidung eines Rechtsfalls 
gesagt, dass zweifellos zu allen Zeiten das Gesetz gegolten, dass 
eine „Dame" „Peer de Realm" und zu den Privilegien und Pflichten 
dieses Amtes berechtigt sein konnte.') Zahlreich sind die Beweise 
auch, dass dieses Recht thatsächlich ausgeübt worden ist. *) Aller- 
dings ist diese Gleichberechtigung mehr ein Mittel zur Erhaltung 
des Familienbesitzes als der Ausdruck einer Rechtsanschauung in 
Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter. Sie schwindet deshalb 
in dem Masse, als das Bürgertum in den Vordergrund des 
politischen Lebens tritt, sie schwindet, als der englischen Re- 
naissance mit ihrer von Frauen geführten, feinen gesellschaftlichen 
Kultur und ihren platonischen Staatsidealen die rohen Zeiten des 
Commonwealth und der Restauration folgten. Die politischen 
Demonstrationen der Londoner „trades men's wives" zur Zeit 
Cromwells, auf die in englischen Quellen zuweilen hingewiesen wird, 
können doch kaum anders beurteilt werden, denn als Zusammen- 
rottungen fanatisierter Volksmassen, wie sie überall und zu allen 



1) Ober dieses Thema giebt das Buch von Charlotte Carmichael Stopes: British 
Freewomen. Their Historical Privilege (London 1894) eine Zusammenstellung des Materials. 
Allerdings auch nicht mehr als eben eine Materialsammlung, bei der hfiufig eine bestimmte 
agitatorische Absicht auf Auswahl, Zusammenstellung und Verwertung störend eingewirkt 
hat, und die — trotz der Belege aus den Quellen — nur mit Vorsicht zu benutzen ist 

^ Statutes of the Realm 90. Henr. VL s. 9. p. 331. 

')Chisholm Anstey: Notes iipon the RepresenUtion of the People Act ,i867*. 
London 1867. S. 84. 

*) Vgl. die von C. C. Stopes a. a.O. herangezogenen Belege, auch Chisholm Anstey 
a. a. O. tmd „On some supposed Constitutional Restraints upon the Parliamentary Franchise* 
von Gh. Anstey in den Transactions of the Social Science Society 1867. 

15* 



— 228 — 

Zeiten stattgefunden. Dass sie dem populären Bewusstsein von 
der Stellung der Frau nicht entsprechen, zeigt die Fassung einer 
Petition, mit der die gentlewomen und tradesmen's wives von 
London im Jahre 1641 in Scharen vor dem House of Commons 
erschienen, und die Hinrichtung des Erzbischofs Laud verlangten 
— mit vielen Entschuldigungen, da ihre That „seltsam und ihrem 
Geschlecht nicht wohl zukommend erscheinen möchte". Dass 
das Publikum diese Ansicht teilte, beweist ein zeitgenössisches 
Couplet, das zweifellos auf dies Ereignis hinweist mit den Versen: 

The Oysterwomen lock'd their fish up 
And trudg'd away to cry „No Bishop". 
Diese selbe Zeit aber weist auch Fälle auf, aus denen hervor- 
geht, dass die Anschauungen jener schon erwähnten Entscheidung 
unter Heinrich IV. über die Berechtigung von Frauen zur Peers- 
würde ins Schwanken geraten waren. So kämpfte Anne Clifford, 
die Gräfin von Dorset, Pembroke und Montgomery, der die Peers- 
würde ihres väterlichen Erbes durch männliche Verwandte ent- 
zogen worden war, vergebens um die Anerkennung ihres Rechtes; 
sie gelangte erst nach dem Tode ihrer Verwandten in Besitz ihrer 
Würde.«) So werden auf Veranlassung des High SheriflF die 
Stimmen, die einige Frauen bei den Parlamentswahlen in Suffolk 
abgegeben hatten, wieder ausgeschaltet, da er der Meinung war, 
„dass es eines gentleman sehr unwürdig, und bei solch einer 
Wahl höchst unehrenhaft sei, von ihren Stimmen Gebrauch zu 
machen, obgleich sie gesetzlich wohl zuzulassen gewesen wären".*) 
So weist Sir Edward Coke, der berühmte Rechtsgelehrte des 
17. Jahrhunderts, das Zeugnis einer Frau vor der Commons' Bar 
zurück mit Berufung darauf, dass eine Frau in der Gemeinde 
nicht reden sollte; so verteidigt er die von ihm geforderte Aus- 
schliessung der Geistlichen vom Stimmrecht gegen den Vorwurf 
der Ungerechtigkeit damit, dass auch Frauen Gesetzen unterworfen 
seien, bei deren Abfassung sie keine Stimme hätten.^) Dass der 
Rechtsgelehrte die Thatsache unberücksichtigt lässt, dass gesetzlich 
dieser Ausschluss der Frauen nicht existiert, ist ein Beweis, wie 
belanglos diese Thatsache der allgemein geltenden Praxis gegen- 
über war. Für die städtischen Verwaltungen scheinen die Dinge 
etwas anders gelegen zu haben. Zweimal im Laufe des 18. Jahr- 

*) Cobbett: Parliamcntary History of England from thc Norman Conquest to the 
Ycar 1803. London 1807. U. Bd., S. 1073. 
•) C. C. Stopcs a. a. O. S. iia ff. 
•) C. C. Stopes. S. 107 ff. 
*) pFourth Institute." 5. 



— 229 — 

Hunderts, 1739 und 1788, hat der Court of King's Bench einen Prozess 
über die Stimmberechtigung der Frauen zu entscheiden. Es 
handelte sich in beiden Fällen um die Besetzung eines Amtes der 
parish von London, und um die doppelte Frage, ob Frauen dies 
Amt — eines Küsters das erste, eines Armenpflegers das zweite 
Mal — bekleiden und ob sie eine Stimme in der Wahl hätten, durch 
die die Besetzung erfolgte. Beide Male wurden die Fragen durch 
den Gerichtshof bejaht. Der erste Fall, der um seiner Schwierigkeit 
willen viermal von dem Hof verhandelt wurde, ist interessant 
durch die zahlreichen Belege, die zur Begründung des Urteils 
herangezogen wurden ') und durch die Aufzählung des Lord Chief 
Justice von Amtern, die von Frauen versehen würden. Er nennt 
da: Constable, Overseer, Govemor of a Poorhouse, Gaoler, Keeper 
ofaPrison, Churchwarden, Clerk of the Crown in the King's Bench. 
Der zweite ist für die herrschenden Verhältnisse noch be- 
zeichnender, da er durch die parish von London veranlasst wurde, 
die, wie es in den Akten*) heisst, „hartnäckig darauf bestand, eine 
Frau als Armenpflegerin zu haben," wie es nach ihrem Brauch 
zulässig sei. Der Court of King s Bench entschied, dass die parish 
von London kein Recht habe, in diesem Fall nach ihrem Brauch 
zu verfahren, da es sich um ein durch Parlamentsakte geschaffenes 
Amt handle; trotzdem aber sei gegen einen weiblichen Armen- 
pfleger nichts einzuwenden, vorausgesetzt, dass die betreffende 
Person die sonstigen Qualifikationen besässe: „Die einzige Frage 
ist," bemerkte der Chief Justice am Schluss, „ob irgend etwas in 
der Natur des Amtes liegt, das Frauen unfähig macht, es zu er- 
füllen. Und wir denken, das ist nicht der Fall."') 

Es ist charakteristisch, dass der Besitz solcher Rechte für die 
soziale Stellung der englischen Frau des 17. und 18. Jahrhunderts 
thatsächlich bedeutungslos war. Im Gegenteil wurde die Korruption 
des gesellschaftlichen Lebens nach der Restauration und die damit 
verbundene Geringschätzung, ja, Verachtung der Frau in dieser 
Zeit Anlass zu der ersten Äusserung von Gedanken, die man als 
eine Art erstes Programm der englischen Frauenbewegung be- 
zeichnet hat. Ich meine die Schriften von Mary Asteil*) (1668 [?] 

») Sir John Strange: Reports of adjudged cases in the Courts of Chancery, Ring's 
Bench etc. published by his son. Bd. II, S. 1115. 

*) Term Reports a. 395. 

3) Chisholm Anstey a. a. O. S. 89. 

*) Vgl. aber Mary Asteil Ballard: Memoirs of Several Ladies of Great-Britain. 
Oxford 175a; femer den Artikel von Rev. Canon Overton im Dictionary of National 
Biography. 11. Bd., vor allem: Karl D. Bolbringim Journal of Education. London 1891. 
S. 199, S. 340 ff. 



— 230 — 

bis 1731). Im Jahre 1694 veröffentlichte sie anonym: A Serious 
Proposal to the Ladies by a Lover of their Sex; 1696 folgte: 
An Essay in Defence of the Female Sex, der Prinzessin, späteren 
Königin Anna gewidmet, und schliesslich im Jahre 1700 erschienen: 
Some Reflections upon Marriage. ') Die Verfasserin, eine auf 
kirchlichem und politischem Gebiet sehr produktive Essayistin, 
übt in allen drei Schriften eine scharfe Kritik an den gesellschaft- 
lichen Zuständen ihrer Zeit, an den unnatürlichen und sittlich 
anfechtbaren Beziehungen der Geschlechter zueinander. In dem 
ersten Essay ist diese Kritik knapp und gemessen, in dem zweiten 
und dritten voll bitterster Ironie, einer so feinen Ironie, dass sogar 
Dr. Bülbring in seiner Charakteristik sie für Ernst hält. Sie 
protestiert in ihren Abhandlungen auf das allerentschiedenste da- 
gegen, dass die Unterordnung des Weibes unter den Mann natur- 
gewollt und die Geringschätzung der Frau gerecht sei. Nach dem 
Geschmack der Zeit, entwirft sie in „moralischen Charakteren" 
mit einer erstaunlichen Feinheit und Leichtigkeit Typen der 
Männer ihrer Zeit, um das Gegenteil zu beweisen. An eine Um- 
gestaltung der sozialen Verhältnisse zu Gunsten der Frau denkt 
sie nicht, sie fordert vielmehr, gerade weil die Aufgabe der Frau, 
Unterwerfung unter einen vielleicht geistig oder sittlich tiefer 
stehenden Mann, so unendlich schwer sei, für die Frau eine bessere 
Erziehung. In den Grundsätzen, die sie dafür aufstellt: Kenntnis 
von Dingen, nicht von leeren Worten, ist der Einfluss Lockes 
unverkennbar. Ihr Ideal einer Frauenbildungsanstalt ist ein Kloster, 
in dem Frauen durch Erwerbung nützlicher Kenntnisse, durch 
Übung in Werken der Barmhersngkeit und Anleitung zur Erziehung 
von Kindern und eine gesunde, einfache Lebensweise für das 
Leben vorgebildet werden sollen, damit sie einst würdigere Auf- 
gaben erfüllen „als eine Farce zur Unterhaltung ihrer Gebieter 
zu spielen".«) 

Mary Astells Schriften scheinen zu ihrer Zeit stark gelesen 
worden zu sein, sie haben alle mehrere einander ziemlich rasch 
folgende Aufllagen erlebt. Missdeutungen und Veränderungen, bis 
zur Verdächtigung ihres eigenen Lebens, scheinen aber die Haupt- 
antwort der massgebenden Kritik in den Wochenschriften gewesen 
zu sein.') 



1) Sämtlich in London erschienen. 

S) Reflections upon Marriage. Z70& S. 6a. 

*) Tatler. Ko. 3a vom 33. Juni und No. 63 vom 3. September 1709. 



— 231 — 

Bemerkenswert ist die Kritik, die Mary Astells erste Schrift 
von einem bedeutenden Zeitgenossen erfuhr, keinem geringeren- 
nämlich als Daniel Defoe. Seinem Essay upon Projects ox 
Academies») ist ein besonderer Abschnitt hinzugefügt über eine 
Akademie für Frauen. Er denkt sich darunter eine Anstalt etwas 
freieren Charakters als Mary Astells Kloster. Hier sollen Frauen 
in allem Wissen, nach dem sie verlangen, vor allem aber in den 
„understandings of the sex", d. h. in der Kunst einer sowohl 
leichten und anmutigen, als auch gehaltvollen Unterhaltung unter- 
wiesen werden. „Denn", so sagt er, „ich wage die kühne Behauptung 
aufzustellen, dass man durchweg ganz auf dem falschen Wege ist in 
der Art, Frauen zu behandeln. Ich kann mir nicht denken, dass 
der allmächtige Gott sie zu so zarten, herrlichen Geschöpfen 

machte und sie mit solchen Reizen ausstattete mit Seelen, 

derselben Vervollkommnung fähig wie die des Mannes, alles nur, 
damit sie Haushälterinnen, Köchinnen und Sklaven wären." •) An 
eine Verwirklichung seines Planes denkt Defoe nicht. „Ich überlasse 
die Ausführung" so schliesst er, „jenen glücklichen Tagen, wenn 
sie jemals kommen werden, da Männer weise genug sein werden, 
ihn zu beherzigen." 

Im i8. Jahrhundert kamen diese „glücklichen Tage" jedenfalls 
nicht mehr. Die Wochenschriften sind voll von Klagen über die 
Thorheit, Launenhaftigkeit und Putzsucht der Frauen, von einer 
erweiterten Bildung aber fürchtet man allgemein schlimme sittliche 
Folgen. Im Tatler vom 9. November 1710 wird zur Verbesserung 
der weiblichen Erziehung eine „Damenbibliothek" vorgeschlagen, 
„die mit nichts ausgestattet werden^soll, das der ,Ostentation* und 
der ,Impertinenz* Nahrung giebt, sondern das Ganze soll so für 
den Gebrauch meiner Studenten hergerichtet (digested) sein, 
dass sie in ihrem Wissensdrang nicht über ihre Sphäre hinaus- 
gehen, sondern dass ihr Wissen nur eine ,gebildete Unschuld* sei". 

Von den Frauen selbst wird nichts mehr gefürchtet, als der 
Schein der Gelehrsamkeit, wie sehr, das zeigen etwa die Briefe 
der Lady Montagu. •) Es ist geradezu ein Ideal, wie in Deutschland 
unter den Anakreontikem, dass die Mädchen nichts weiter seien 
als „lebendige Puppen für die Männer". 



1) H. M o r 1 e y. The Earlier Life and Works of Daniel Defoe. Carlixbrooke Library, 
m. Bd. 1889. S. 144. 

•) H. Morley a. a. O. S. 152. 

>) The leUers of Mrs. Elizabeth Montagu published by Matthew Montagu 
Esqu. London 1809 ff. 



— 2^2 — 

n. 

Mary Wollstonecraft-Godwin. 

Ein ungeheurer Schritt trennt Mary Wollstonecraft') von 
den Anschauungen, dem Wesen der eben besprochenen Zeit 
Sie ist eine der ersten, die die Sonne des neuen Jahrhunderts 
grüsste, eine der ersten aus jener Generation von Idealisten, deren 
Bild in der Geschichte im Jugendglanz festgehalten wird, weil 
ihnen auf Säen und HoflFen niemals eine Ernte wurde. 

In England äusserte sich der Einfluss Rousseaus ebenso stark, 
doch andersartig als in Deutschland. Es ist mehr der Gedanke 
der Kritik an den hergebrachten Zuständen auf Grund der Ver- 
nunft, der in England zündete. Eine ansehnliche Partei 
rationalistischer Revolutionisten diskutierte eifrig Pläne für eine 
Neueinrichtung des Staates auf der Grundlage der Vernunft, der 
angeborenen Freiheit des Individuums, der „Menschenrechte". 
Mary Wollstonecrafts ganzes Wesen steht in dem Bann dieser 
Gedanken. •) Eine harte Kindheit unter dem Druck eines gewalt- 
thätigen Vaters, der die Mutter misshandelt, eine Jugend, während 
der die Sorge für die Familie allein auf ihren Schultern lag, hatten 
in ihr ein leidenschaftliches UnabhängigkeitsgefQhl genährt, das 
ihre politischen Theorien heiss durchflutete. Und so kommt sie 
zu der Frage: wo steht die Frau in dieser Neugestaltung der Ge- 
sellschaft auf Grund der Vernunft? und so antwortet sie daraui 
mit einer Proklamation der Frauenrechte. 

Die „Verteidigung der Frauenrechte" •) ist nach dem Bericht 
Godwins in den Memoiren über seine Gattin innerhalb sechs 
Wochen konzipiert und ausgeführt, sie ist eine Augenblicks- 
schöpfung, mehr ein leidenschaftlicher Kriegsruf, als eine kühl 
und besonnen entwickelte Apologie. Sie ist voll bitterer Anklagen 
und heisser Entrüstung — Anklagen, denen sie auch einmal in 



*) Biographisches über Mary Wollstonecraft-Godwin: W. Godwin: Memoirs of the 
Author of the Vindication of the Rights of Woman. London 1798. Elizabeth Robin 
Pennell: Mary Wollstonecraft-Godwin. London 1885. Emma Rauschenbusch-Clough, 
Ph. D. : A Study of Mary WoUstonecrafl and the Rights of Woman. London, New York 
and Bombay 1898. Helene Richter: Mary WoUstonecraft, die Verfechterin der Rechte 
der Frau. Wien 1897. 

«) Vgl. A Vindication of the Rights of Mcn in a letter to the Right Honorable Edmund 
Burke. London 179a 

3) A Vindication of the Rights of Woman, with Strictures on Political and Moral 
Subjects. London 179a. Französische Übersetzung: Paris und Lyon 189a. Neue Ausgaben: 
1844, 1891 von Mrs. Henry Fawcctt, 189a von Elizabeth E. Pennell. Deutsche Ober- 
setzung von P. Berthold. Dresden und Leipzig 1899. 



— 233 — 

einem Roman „Women's Wrongs" *) Gestalt zu geben versuchte. 
Sie ist unsystematisch und voller Wiederholungen, aber klar und 
trefiend im einzelnen. 

Wie die Kritik der Vernunft aui politischem Gebiete die 
Autorität des Königs ihres göttlichen Nimbus entkleidet, so muss 
sie auch das angeblich göttliche Recht der Ehemänner und die 
Pflicht der Frau zur Unterwerfung als nichtig erweisen.') Es ist 
eine notwendige Folgerung aus den Prämissen, die in der Theorie 
von der angebomen Freiheit des Individuums liegen, dass die 
Frau sittlich ebenso hoch steht wie der Mann, dass ihre sittliche 
Vervollkommnung sich unter denselben Bedingungen vollzieht, 
„denn wenn irgend eine Klasse der Menschheit so geschaflFen ist, 
dass sie notwendig in Prinzipien erzogen werden muss, die nicht 
strenge von der Wahrheit abgeleitet sind, dann ist der BegriflF der 
Tugend eine konventionelle Lüge."') Mit dem Stolz der voll- 
wertigen sittlichen Persönlichkeit, die sie für die Frau in Anspruch 
nimmt, protestiert sie gegen die gesellschaftliche Stellung ihres 
Geschlechts, die Galanterie, die in jedem Fall mehr ihren körper- 
lichen Vorzügen gilt und deshalb im Grunde beleidigend ist. 
Gleiche sittliche Kraft hat aber gleiche intellektuelle zur Voraus- 
setzung, denn die Tugend geht hervor aus Erkenntnis. Wenn die 
Frau augenblicklich sittlich und intellektuell tief steht, so ist das 
keineswegs, wie Rousseau behauptet, ihrer Natur entsprechend, 
sondern eine Folge ihrer Erziehung und ihrer sozialen Stellung. 
Sie fordert gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen in 
öffentlichen Schulen, und zwar Erziehung zu Bürgern des Staats. 
Energisch wendet sie sich gegen Rousseaus Prinzip, dass die Frau 
vor allem zur Rücksicht auf ihren Ruf erzogen werden solle. 
„Ich fürchte, dass in der Frauenwelt die Moral heimlich dadurch 
untergraben wird, dass man der Form mehr Wichtigkeit beilegt 
als dem Wesen." *) Eine solche Erziehung aber soll die Frau in 
erster Linie für die besonderen Pflichten ihres Geschlechtes, für 
ihre Mutterpflichten befähigen. Eine ebenso unumgängliche Vor- 
bedingung für die würdige Erfüllung dieser Pflichten ist eine 
andre soziale Stellung. „In welchem Lichte immer ich den 



*) The Wrongs of Womcn. Posthumous Works. London 1798. In der Vorrede sagt 
sie, sie wolle „das Elend und die Bedrückung darstellen, die besonders Frauen treffen, und 
die entstehen aus parteiischen Gesetzen und Sitten." 

^ P. Bert hold, a. a. O. S. 43. (Ich zitiere die Stellen nach der deutschen Ausgabe, 
da sie am leichtesten zugänglich ist) 

3) A. a. O. S. 83- 

*) A. a. O. S. 149. 



— 234 — 

G^enstand betrachten mag/ sagt Mary Wollstonecraft darOber, 
,,so führen Nachdenken und Erfahrung zu dem Schluss: die Frauen 
können zur Erfüllung ihrer besonderen Pflichten nicht anders 
geführt werden als durch ihre Befireiung von allen Schranken und 
ihre Teilnahme an den angeborenen Menschenrechten.** ^^i^ 
diesem Gesichtspunkt aus fordert sie fOr die Frau Teilnahme an 
der Gesetzgebung und die Eröffnung männlicher Berufe, vor allon 
des ärztlichen, auch verschiedener „Gewerbe und Geschäfte**, 
damit sie vor „gemeiner und legaler Prostitution** ') bewahrt seien. 
Die Frage der Prostitution in ihrer Verbindung mit der wirtschaft- 
lichen Unselbständigkeit der Frau behandelt Mary Wollstonecraft 
mit rücksichtsloser Ehiüchkeit Die Prostitution erscheint ihr 
schon ab eine Folge davon, „dass die Frauen zur Unthätigkeit 
erzenen und gewöhnt sind, ihren Unteriialt vom Manne zu er- 
warten, im Austausch g^en ihre Person, die sie ihm gaben^'.') 
Mit fast leidenschaftlicher EIntschiedenheit tritt Mar\' Wollstonecraft 
für die Forderung gleicher Moral ein; nur gleiche Moral für 
beide Geschlechter gewährleistet die Moral Oberiiaupt Diese 
Wahrheit gilt aber auch auf intellektuellem Gebiet, und so kommt 
die Verfasserin zu dem Schluss: „Wenn die Frau nicht durch Er- 
ziehung dahin geführt wird, die Gef^Lhrtin des Mannes zu werden, 
wird sie den Fortschritt von Kenntnis und Moral aufhalten. Die 
Wahiiieit muss allen gemeinsam sein, oder sie wird wiiiauigslos 
in ihrem Einfluss auf die Gesamtheit** *) 

Cber den Eindruck, den die „Verteidigung der Frauenrechte* auf 
das Publikum machte, bringt Godwin in seinen Memoiren eine Notiz: 
„Das Publikum bildete sich im allgemeinen sehr verschiedene 
Ansichten Ober den Charakter des Werkes. — — — Die 
temperamentvolle und scharfe Art, in der die Verfasserin das 
ganze System der Galanterie und die Art der Huldigungen verwirft, 
die man dem weiblichen Geschlecht g^enüber gewöhnlich anwendet, 
entsetzte die meisten. Das Neue daran berührte sie wie etwas 
Verkehrtes.* •) Die Verteidigung der Frauenrechte wird ab eine 
Parteischrift der Revolutionisten aufgefasst, obwohl die Revolu- 
tionisten selbst dieser Anwendung ihrer Theorie von den Menschen- 
rechten etwas verdutzt gegenüberstanden. Sie err^ einen Ent- 



I) A. a. O. S. 199. 
s^> A. a. O. S. 16a. 
») S. 67- 

*) A. *. o. s. ra. 

^> W. Godwin: Memoin of the Anthor a. s. w. S. 8x. 



— 235 — 

rüstungssturm in der guten Gesellschaft, und eine Flut von Satire 
und plumper Persiflage. Wohlwollende Kritiker anerkennen ihren 
pädagogischen Wert und betrachten das übrige als Phantasterei. ") 
Den Frauen der Zeit redete sie vollends in fremden Zungen. 
Hannah More, deren Wirken für weibliche Erziehung doch mit den 
pädagogischen Gedanken Mary Wollstonecrafts manche Berührungs- 
punkte aufwies, lehnt das Buch nur auf den „absurden" Titel 
„Frauenrechte" hin schon ab. „Ich habe sicher soviel Freiheit als 
ich nötig habe", meint sie, „jetzt, da ich ein altes Mädchen bin, 
und als ich ein junges war, hatte ich vermutlich mehr als gut für 
mich war. Unstetigkeit und Launenhaftigkeit ist, glaube ich, wirklich 
nur zu charakteristisch für unser Geschlecht, und es giebt vielleicht 
kein Tier, das seine gute Führung so sehr dem Zustande der 
Unterordnung verdankt als die Frau." Und Hannah Mores Freund 
und Verehrer Horace Walpole spricht von Mary WoUstonecraft 
als der „Hyäne in Unterröcken". •) 

Mary WoUstonecraft, so stark die Wirkung ihrer Persönlichkeit 
war, hat für ihr Programm keine Jünger und erst recht keine 
Jüngerinnen gefunden, niemanden, der es für die Erziehung 
kommender Generationen wirksam machte. Es blieb historisch 
unfruchtbar. Das Bild aber der schönen, stolzen Frau hat als die 
erste dichterische Verkörperung des „neuen" Weibes in der 
Litteratur eine Stelle gefunden. 

An ihrem Grabe in Chelsea unter der Trauerweide fand 
Shelley sechzehn Jahre nach ihrem Tode das Kind, dessen Geburt 
ihr das Leben kostete. Die kleine Mary Godwin wurde seine 
Frau. In der Cythna der „Revolt of the Islam" zeichnete er die 
Gestalt der Verteidigerin der Frauenrechte: 

The wild eyed women throng around her path 
From their luxurious dungeons, from the dust 
Of meaner thralls, from the oppressor's wrath, 

Or the caresses of his sated lust. 

Thus she does equal laws and justice teach 
To women outraged and polluted long.') 
Der Gedanke der Frauenbewegung sollte aber, nachdem die 
Zeit dieser rationalistischen Enthusiasten vorüber war, von ganz 
andrer Seite wieder zur Diskussion gestellt werden. 

>) Analytical Review, Mätz 179a. Monthly Review, Juni 179a. Cridcal Review, April 
und Juni 179a. Looker-on, 7. April 179a. 

S) Letters of Horace Walpole: Edited by Peter Cunning. London 1859. Bd. IX, 
S. 385, 45a. 

<) The revolt of the Islam. 18x7. S. 43. 



— 236 — 

m. 

Die Philosophie Radicals und das Frauenstimmrecht« 

Wie die Litteratur und das Theater in Deutschland, so steht 
in England in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts political 
economy, Staatswissenschaft und Nationalökonomie, im Mittelpunkt 
des Interesses. Die Frage der politischen Rechte der Frau wird 
im Zusammenhang mit Theorien vom Staat und der Repräsentation 
des Volkes Gegenstand der Erörterung. Bentham, der Führer 
der Philosophie Radicals, legt kein besonderes Gewicht auf die 
Frage des Frauenstimmrechts, aber er giebt zu, dass man keinen 
stichhaltigen Grund dagegen anführen könne. Sein Schüler aber, 
James Mill, beantwortet die Frage in seinem berühmten Artikel 
„On Government" in der Encyclopaedia Britannica mit dem viel- 
umstrittenen Satz in Kapitel VII:') „Eins ist ziemlich klar, dass 
alle die Individuen, deren Interessen unstreitig in denen andrer 
Personen eingeschlossen sind, ohne Beeinträchtigung ausgeschaltet 
werden können. Unter diesen Gesichtspunkt fallen: Alle Kinder 
bis zu einem bestimmten Alter aufwärts, deren Interessen aufgehen 
in denen ihrer Eltern. Unter diesen Gesichtspunkt fallen auch Frauen, 
da die Interessen von beinahe allen entweder in denen ihrer Väter 
oder in denen ihrer Gatten aufgehen." Seine Argumentation fand in 
der Schule Benthams selbst Widerspruch. William Thompson 
bestreitet in einem umfangreichen und bis zur Umständlichkeit peinlich 
disponierten Buch: „Appeal of One Half of the Human Race, 
Women, against the Pretensions of the other Half, Men, to retain 
them in Political and thence in Civil and Domestic Slavery" *) die 
Berechtigung der Millschen Argumente zunächst von dem Boden 
aus, auf dem Mill fusst. James Mill behauptet, die Regierung sei 
notwendig, um die Liebe zur Macht, die der Grundzug der mensch- 
lichen Natur ist, in den Schranken zu halten. Jedem muss durch 
eine Vertretung in der Regierung die Möglichkeit gegeben sein, 
sich gegen Übergriffe der Machtliebe des andern zu sichern. 
Wenn James Mill nun aber, so argumentiert Thompson, sagen will, 
die Frauen bedürfen keiner Vertretung in der Regierung, so könnte 
er es nur unter der Voraussetzung, dass in dem Verhältnis zu 
den Frauen die Liebe zur Macht bei den Männern nicht vorhanden 
wäre. Mit einer solchen Annahme aber erführe die Grundlage 

*) Enc>'clop. Britan. Supplement. 1804, p. 50a 
*) London 1805. 



— 237 — 

seines ganzen Systems eine so starke Beschränkung, dass sie nicht 
mehr tragfähig wäre. Sie ist nach Thompsons Ansicht auch nicht 
tragfähig. Thompson erbaut sein eigenes System auf einem 
andern Zuge der menschlichen Natur, den er für entscheidender 
hält, der Liebe zum Glück und der Abneigung gegen den Schmerz. 
Von hier aus nun stellt er drei Fragen und erörtert sie eingehend : 
I. Besteht thatsächlich und notwendig eine Identität der Interessen 
von Männern und Frauen? 2. Wenn sie besteht, wäre das ein 
genügender Grund, oder überhaupt ein Grund, dass die einen oder 
die andern, Männer oder Frauen, ihrer bürgerlichen oder politischen 
Rechte beraubt würden? und 3. giebt es irgend eine Gewähr für 
Gleichheit der Genüsse im Verhältnis zu Fleiss und Fähigkeiten, 
ausser durch gleiche bürgerliche Rechte? oder eine Gewähr für 
gleiche bürgerliche als durch gleiche politische Rechte? Die 
Antwort auf die drei Fragen geht deutlich aus der Art der Frage- 
stellung hervor. Seine Forderung ist daher: volle politische 
Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. 

Er bezeichnet sich, indem er diese Forderung erhebt, als den 
ersten, der „das vergessene Banner, das die Hand einer Frau vor 
fast dreissig Jahren kühn entfaltete, wieder aus dem Staub erhoben 
hat". Diesmal sollte es nicht wieder in Vergessenheit geraten; 
unübersehbare und unwiderlegliche Faktoren wirkten zusammen, 
um die Blicke immer weiterer Kreise auf dies Banner zu richten. 
Das sind die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, die das 
schufen, was die Nationalökonomen die Frauen frage nennen. 

IV. 

Die Frauenfrage in Grossbritannien. 

Der Census von 185 1 war es, der der Allgemeinheit eine 
Frauenfrage in unwiderleglichen Zahlen zum Bewusstsein brachte. 
Es zeigte sich, dass von 7 043 701 Frauen 3 107 791 erwerbsthätig 
waren, dass von 1841 auf 1851 die Gesamtzahl der Frauen im 
Verhältnis von 7 zu 8, die Zahl der erwerbenden Frauen aber im 
Verhältnis von 3 zu 4 gestiegen war. 1 210 663 unverheiratete 
Frauen sind in der Industrie beschäftigt. Das Verhältnis der 
männlichen zur weiblichen Bevölkerung, besonders in den grossen 
Städten, ist für die Frauen ausserordentlich ungünstig. So waren 
z. B. nach dem Census von 185 1 in Glasgow 83455 Männer von 
über 20 Jahren gegen 100574 Frauen, in Edinburg gar 47049 Männer 



— 238 — 

gegen 64 638 Frauen. Für diesen Überschuss von unverheirateten 
Frauen nun bot sich wenig andres als die Möglichkeiten 
„Heiraten, Sticheln, Sterben oder Schlimmeres".*) Sticheln 
und Sterben aber wird man kaum als zweierlei aufTühren 
können, wenn man bedenkt, dass eine Nadelarbeiterin, wenn sie 
es leisten konnte, von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends zu arbeiten, 
4 pence täglich verdiente. Das sind die Verhältnisse, gegen die 
der weithin vernommene „Song of the Shirt" seine furchtbare 
Anklage richtete. Für die Fabrikarbeiterinnen lagen die Dinge 
nicht viel besser. Überall kämpften sie, mit unzureichenden Löhnen, 
ohne Schutzbestimmungen, mühsam gegen die Konkurrenz der 
Männerarbeit. In diesen Jahren war es, als in den Porzellan- 
fabriken von Staffordshire die Frauen, die dort beim Bemalen des 
Porzellans beschäftigt waren, von ihren männlichen Mitarbeitern 
gezwungen wurden, ohne Handgestell zu malen, damit die Gefahr 
der Konkurrenz geringer würde.*) Die Arbeitgeber waren ge- 
zwungen, diese Massregel zu sanktionieren. Dieselbe Berufsnot, 
eine noch grössere vielleicht, bestand für die Frauen gebildeter 
Stände. Die Akten der Governesses Benevolent Institution, die 
um diese Zeit gegründet wurde, bieten dafür beredte Zeugnisse. 

Während der Umschwung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
einerseits viele Frauen in eine Thätigkeit ausserhalb des Hauses 
zwang, erschliesst er der Frau speziell andrerseits auch wieder 
neue Arbeitsfelder, macht er vor allem das Eintreten der Frau in 
die öffentliche soziale Fürsorgethätigkeit an vielen Stellen not- 
wendig, wo man ihrer sonst entraten zu können glaubte. 

Schon ehe man die Thatsache dieses Umschwungs in ihrer 
ganzen Ausdehnung und Bedeutung übersah, vollzog sich unter 
ihrer Wirkung auf den einzelnen, unter dem Eindruck ihrer einzelnen 
Symptome, die sich der Erfahrung aufdrängten, allmählich schon 
eine Veränderung der Ansichten über Stellung und Bildung der 
Frau. So schnell allerdings nicht, als dass nicht 1832 bei Ein- 
führung der Reform-Bill die neugewährten repräsentativen Rechte 
unbeanstandet auf „male persons" beschränkt worden wären. 
Unbeanstandet, denn es wurde mit dem Ausdruck male person ja 
nur die seit Jahrhunderten in der Praxis angenommene Interpretation 
des Wortes „man" ausdrücklich ausgesprochen. Dasselbe geschah 
1835 durch die Municipal Corporations-Act in Bezug auf das kom- 
munale Wahlrecht, 1838 durch die Irish Poor-Law Act für die 

>) Barbara Leigh Smith: Women and Work. London 1857. 
*) Edinburgh Review, April 1859. 



— 239 — 

Ämter der Armenpfleger in Irland. Eine Petition von Mary 
Smith aus Stanmore um das parlamentarische Stimmrecht für 
unverheiratete weibliche Steuerzahler wurde 1832 im Parlament 
als ein guter Witz angesehen. ») Charakteristisch dafür, wie voll- 
ständig fem man der Frage im Parlament stand, ist es auch, dass 
dann und wann einmal die logische Unanfechtbarkeit des Frauen- 
stimmrechts herangezogen wird, um damit gegen andre logisch 
mögliche, aber der Landessitte widersprechende oder aus andern 
Gründen undurchführbare Dinge zu argumentieren.*) Abgesehen 
davon aber hat die Frauenbewegung entschieden an Boden ge- 
wonnen. Einerseits war — von konservativer und deshalb weniger 
dem Vorurteil ausgesetzter Seite — die Frage der weiblichen 
Erziehung aufgenommen und theoretisch ein gut Teil, praktisch 
allerdings kaum merklich gefördert In den „Strictures on Female 
Education" von Hannah More, in Maria Edgeworth's „Prac- 
tical Education" in einem feinen und scharfen Artikel von Sidney 
Smith (1810), und auch andren weniger populären Büchern wurde 
ein ernster Protest gegen die „accomplishment"-Erziehung erhoben 
und der Reform damit wenigstens insofern vorgearbeitet, als die 
Vorurteile gegen eine tiefere Bildung der Frau ins Wanken ge- 
rieten und der Glaube an das herrschende System erschüttert 
wurde. 

Eine sehr umfangreiche Litteratur aber über das Thema 
Frauenfrage entstand schon in den dreissiger Jahren. Es würde 
zu weit führen, auf all diese mehr oder weniger wertlosen Schriften 
näher einzugehen. Eine interessante Besprechung dieser Litteratur 
und zugleich ein charakteristisches Dokument für den Stand des 
Für und Wider ist ein Artikel in der Westminster Review von 
1841») „Woman and her social Position*. Die Verfasserin Mrs. 
Margaret Mylne konstatiert, dass, nach der Menge der ein- 
schlägigen Litteratur zu schliessen, die Lage der Frau augen- 
blicklich Gegenstand allgemeiner Diskussion sei. Eine reformatorische 
Partei betont, dass die Gesetze, die die Lage der Frau in Familie 
und Gesellschaft bestimmen, durch gerechtere ersetzt werden 
müssten. Diese Reformpartei hat in einzelnen Fragen schon den Sieg 
gewonnen, so in der Erziehungs- und Berufsfrage. Es gilt nicht 
mehr für einen Segen, dass die Frau unwissend sei, und es gilt 
nicht mehr für unladylike, dass sie beruflich arbeitet. Auch darin, 



>) Hansard: Parliamcntary Debates. Third Series. Vol. XIV. London 1833, p. 1086. 
3) So einmal 1833 von Sir Robert Peel, einmal 1896 von Fox. 
3) Vol. XXXV. p. 34. 



— 240 — 

dass die Ehegesetze entwürdigend seien, herrscht ziemlich all- 
gemeine Übereinstimmung. Die Forderung aber, dass die Frau an 
der Repräsentation des Volkes teilnehme, stellt zur Zeit nur 
eine extreme Partei. 

Eine Seite der ganzen Frage, auf der man mit der Praxis eher 
begonnen, als mit theoretischen Erwägungen, wird in dieser Skizze 
nicht berührt, das Gebiet der sozialen Hilfsarbeit. *) 

Schon zu Ende des 18. Jahrhunderts hatte Hannah More 
in der Gegend von Bristol, Mrs. Trinmer in Brentford mit der 
Errichtung von Armenschulen begonnen. «) In grösserem Massstabe 
und unter grösseren sozialpolitischen Gesichtspunkten nimmt Mary 
Carpenter diese Arbeit wieder auf mit der Begründung der 
Ragged Schools (1846), der Reformatory Schools, (Klingswood 
bei Bristol 1852) und der berühmten Red Lodge School for Girls 
(1854). Auf die Wirksamkeit von Elizabeth Fry unter den 
Gefangenen von New-Gate folgte Louisa Twinings Arbeit in 
der Workhouse-Visiting- Society, die sie begründen half. Ein 
Hauptzweck dieser Gesellschaft war es, dem Mangel an Frauen- 
hilfe in der Verwaltung der Armenhäuser, soweit das auf privatem 
Wege möglich war, abzuhelfen. Louisa Twining behauptete: 
„Keine Inspektion durch Männer, auch nicht durch die wohl- 
wollendsten, die die Armenverwaltung beschäftigen mag, kann all 
diese Dinge entdecken und heilen, diese Dinge und viele andre, 
von denen ich hier nicht sprechen kann, die ich aber immer ver- 
sucht bin, zu nennen, wenn ich höre, dass Parlamentsmitglieder 
und Armenaufseher durch unsere Armenhäuser gegangen sind und 
proklamieren, dass alles zufriedenstellend und in Ordnung sei. 
Seit vielen Jahren steht die Überzeugung in mir fest, dass ehe 
nicht Frauen auf irgend eine Weise mehr Anteil an der Verwaltung 
und Beaufsichtigung unsrer Armenhäuser haben, keine wirksamen 
Hilfsmittel gefunden werden können."*) Von noch grösserer Be- 
deutung war für die Heilung der augenblicklichen doppelten Not- 
stände, der Berufsnot und des Mangels an geeigneten Kräften in 
der sozialen Fürsorgethätigkeit, die durch FlorenceNightingale 



1) Edwin Pratt. Pioneer Womc» in Victoria's Rcig^ QberMary Carpenter S. 194 
und Louisa Twining S. 161. Mrs. Henry Fawcett Eminent Women of our Times: 
Elizabeth Fry S. i. Hannah More S. an, 

*) Wie schwerwiegende Notstflnde in dieser Beziehung herrschten, zeigt vielleicht der 
Umstand, dass im Jahre 1854 fast die Hälfte der Frauen, die heirateten, ihren Namen nicht 
schreiben konnten. 

*) Transactions of the Social Sdence Congress. m. Annual Meeting. 



— 241 — 

organisierte weibliche Krankenpflege*) und Mrs. Chisholmes*) 
Arbeit für die Auswanderer und in den Kolonien. 

So ergeben sich deutlich zwei Faktoren, deren Zusammen- 
wirken schliesslich zur Begründung einer organisierten Frauen- 
bewegung in England führt, die wirtschaftliche Not des weib- 
lichen Geschlechts und die in der Krisis der dreissiger und 
vierziger Jahre auf den Höhepunkt getriebene Not und Verwahr- 
losung der unteren Volksschichten; Berufsnot, Mangel an Be- 
schäftigung, ein Überfluss von Kräften auf der einen, — eine schier 
unübersehbare Fülle von Arbeit und ein Mangel an Kräften auf 
der andren Seite. 

V. 
Die Konstituierung der englischen Frauenbewegung.') 

Waren auf einzelnen Gebieten der sozialen Fürsorgethätigkeit 
bereits Frauen mit dem Anspruch auf ihr Teil Arbeit aufgetreten, 
so fehlte doch noch die Zusammenfassung all dieser Einzel- 
ansprüche unter einen Gedanken, von dem aus sich wieder neue 
praktische Konsequenzen ergeben hätten. Diese Zusammenfassung 
vollzog Anna Jameson in drei Schriften, diese praktischen 
Konsequenzen verwirklichten zum ersten Mal Barbara Leigh 
Smith, Bessie Rayner Parkes, Jessie Boucherett und eine 
ganze Reihe ihrer Mitarbeiterinnen. 

Anna Jameson ist als Begründerin der englischen Frauen- 
bewegung nie populär geworden. Wer sich näher mit ihr be- 
schäftigt, wird sich darüber nicht wundem. Sie ist eine Sechzigerin, 
als sie in die Frauenbewegung eintritt; ein ganzes Leben hatte 
sie ästhetischer und intellektueller Verfeinerung und Bereicherung 
gewidmet. Die Kunstschätze Italiens waren ihr so vertraut wie die 
Dichter-Salons Deutschlands und die amerikanischen Seen und 
Wälder. Und dies Leben hatte die innere Festigkeit und Klarheit, 
aber auch die überfeine Sensitivität und Zurückhaltung nach aussen 



Edwin Pratt: a. a. O. S. ii8 ff. 

«) Edwin Pratt: a. a. O. S. 45 ff. 

3) Litteratur: The Englishwoman's Journal. London 1858 ff. Barbara Leigh Smith. 
Womcn and Work. London 1857. Bessie Rayner Parkes. Essays on Woman's Work. 
London 1865. Annajameson. Sisters ofCharity. London 1855. Communion of Labour. 
London 1856. A new edition enlarged and improved with a prefatory letter to the Right 
Hon. Lord John Russell, President for the National Association for the Promotion of 
Social Science, on the Present Condition and Requirements of the Women of England. 
London 1859. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 16 



— 242 — 

hin gebildet, die sie selbst sagen lässt: „Für jede Wahrheit, an die 
ich glaube, könnte ich leiden — was es auch immer wäre — oder 
sterben, wenn es nötig wäre, und doch fühle ich, dass ich kaum 
einen Streich darum führen, geschweige denn eine Wunde schlagen 
könnte.^ Sie weiss zugleich auch, dass ihre Stärke nicht darin 
liegt, eine soziale Massenbewegung zu führen, dass sie nur vor- 
übergehend einen Posten einnimmt, der leer ist Aber gerade ihre 
Persönlichkeit, ihre feine und tiefe Bildung, die sie für einen 
litterarischen Kampf geeigneter machte, als irgend eine ihrer 
Zeitgenossinnen es war, bewies sich für den Anfang der englischen 
Frauenbewegung ganz besonders bedeutungsvoll und gab ihr ausser- 
dem die Stellung, die sie befähigte, die ganze Bewegung den 
Gesichtspunkten zu unterwerfen, die sie selbst geltend machte. In 
den drei Essays, die sie in den Jahren 1855, 1856 und 1859 ver- 
öffentlichte: Sisters of Charity, Communion of Labour und dem 
einer späteren Auflage dieser beiden Vorträge beigefügten Brief 
an Lord Russell, fasst sie alle Forderungen, die von den Frauen 
gestellt werden, in die eine zusammen: gleiche Verteilung der 
Arbeit unter beide Geschlechter. Sie weist den Ausdruck „Frauen- 
rechte" als einseitig weit von sich. Die Frauenbewegung ist ihr keine 
woman question, sondern eine human question, sie ist ihr auf das 
innigste verknüpft mit der „tief gewurzelten, heiligen Überzeugung, 
dass das grösste soziale Bedürfnis unserer Zeit eine vollkommenere 
Einheit des häuslichen Lebens sei und eine vollkommenere soziale 
Gemeinsamkeit von Männern und Frauen". „Wir bitten nicht," 
heisst es in ihrem Brief an Lord Russell, „von den Männern 
getrennt zu werden, sondern ihnen näher kommen zu dürfen, nicht 
nur als Anhang und Zierart von des Mannes äusserer Existenz,, 
sondern als ein Teil seines Lebens angesehen zu werden und 
alles dessen, was in dem wahren Sinn dieses Wortes eingeschlossen 
liegt". Die grosse Gefahr der Zeit sieht sie in dem Heranwachsen 
eines Antagonismus zwischen Mann und Weib, dessen Ursache 
nicht die Frau ist, die durch wirtschaftliche Verhältnisse gezwungen 
ihre Forderungen stellen muss, sondern einerseits die herablassende 
höhnische Art und Weise, wie die Männer diesen Forderungen 
begegnen, andrerseits und vor allem aber die doppelte Moral. 
Darüber spricht sie mit vornehmer, feiner Zurückhaltung, aber mit 
der Aufrichtigkeit, zu der sie sich „durch ihr Alter berechtigt fühlt". 
Dass der Mann der Frau gegenübertritt mit diesem Bewusstsein 
der Freiheit zur Ausschweifung, die Frau dem Manne in dem 
Gefühl der Gefahr, der ihr Geschlecht ausgesetzt ist, das ist das 



— 243 — 

geföhrlichste Hindernis einer gesunden „Communion of Labour". 
Anna Jameson fordert zunächst, dass in allen öffentlichen 
Institutionen der Erziehung und Wohlfahrtspflege, in Gefängnissen, 
Armen- und Krankenhäusern, die für Frauen und Kinder mit 
bestimmt sind, ein Teil der Verwaltung in den Händen fähiger 
und intelligenter Frauen liegt, dass das mtltterliche Element darin 
so gut wie das väterliche vertreten sei, und zwar nicht geduldet, 
sondern autorisiert. Die Erfüllung dieser Forderung würde aller- 
dings eine bessere Erziehung der Frau zur Voraussetzung haben, 
dann erst werden die Missstände, unter denen die Gesellschaft 
jetzt leidet, beseitigt werden auf dem einzigen Wege, den man 
mit Recht als .,radikal" bezeichnen kann. „Man kann durch einen 
Druck von aussen eine Regierungsform ändern, aber nicht das 
Leben der Gemeinschaft; das muss leben und wachsen nach dem 
organischen Gesetz einer Entwicklung, die, um gesund und dauernd 
zu sein, allmählich sein muss.*' 

Mrs. Jamesons Schriften, vor allem der Brief an Lord Russell, 
hatten durch ihren überzeugten, entschiedenen und zugleich warmen 
Ton, durch die massvolle Besonnenheit der Forderungen, und 
nicht zum mindesten durch ihre weiche, klassische Sprache einen 
mächtigen Erfolg, gerade in den Kreisen, die die Abneigung 
gegen „Radicalism" und „Americanism" bisher der Frauenbewegung 
fem gehalten hatte. 

In ähnlich weitblickender, überzeugender und durchaus sach- 
licher Form, von einer Autorität, die bereits durch andre Arbeiten 
sich die Anerkennung ihrer Kompetenz gesichert, wurde etwa um 
dieselbe Zeit (1859) die wirtschaftliche Lage der englischen Frauen 
dargestellt, von Harriet Martineau. Sie kommt zu dem un- 
anfechtbaren und einleuchtenden Ergebnis: „Die Ära der weiblichen 
Industriearbeit hat eingesetzt, unbestreitbar und unabänderlich."») 

Den Spuren dieser beiden Führerinnen folgen eine Reihe von 
Frauen, die, in kleinen, verschwindend kleinen Dimensionen zuerst, 
ihre Forderungen zu verwirklichen streben. In kleinen Di- 
mensionen, aber mit dem Blick auf das Ganze, auf Ursachen und 
Wirkungen im sozialen Leben, und deshalb an verschiedenen 
Punkten zugleich einsetzend. Damit beginnt eine Verzweigung der 
englischen Frauenbewegung in verschiedene Strömungen, die, trotz- 
dem Fortschritte auf dem einen Gebiet natürlich durch Fortschritte 
auf dem andern mit bedingt sind, doch in ihrem äusseren Verlauf 



I) Edinburgh Review. April 1859. 

i6^ 



— 244 — 

sich wenig berühren. Unter einem doppelten Gesichtspunkt wird 
zunächst versucht, der wirtschaftlichen Not der Frauen entgegen- 
zuarbeiten: durch die Hebung ihrer wirtschaftlichen Selbständigkeit 
in der Ehe und durch Versuche, ihr weitere Berufe zugänglich zu 
machen, bezw. sie dazu vorzubilden. 

1. 
Agitation zur Änderung der Ehegesetze. 

Im Sommer 1855 hessen Barbara Leigh Smith*) (später 
Mme. Bodichon) und Bessie Rayner Parkes eine Petition in 
England zirkulieren, die eine Änderung der herrschenden Ehe- 
gesetze verlangte, nach denen Eigentum und Arbeitsverdienst der 
verheirateten Frau unbeschränkt dem Manne zur Verfügung 
standen. Als Anna Jameson diese Petition unterzeichnete, that 
sie es, wie sie sagt, nicht einem abstrakten Prinzip zu Liebe, 
sondern aus der Erfahrung heraus, dass dies Gesetz die Frau 
wirtschaftlich unendlich schädige. Und das ist der Gesichtspunkt 
gewesen, der in England, wo Begriffe nichts gelten, man aber „den 
Staub küsst vor einer Thatsache", vor allem Eindruck machte. 
Die Petition verlangte übrigens nur, was thatsächlich schon in 
wohlhabenden Klassen üblich war. Es waren nämlich, Schritt für 
Schritt den Bedürfnissen entsprechend, die sich herausstellten, 
durch die Courts of Equity Möglichkeiten geschaffen worden, 
durch trustees, Kontrakte etc. die Bestimmungen des Common 
Law zu umgehen, ein Weg, der natürlich mit grossen Kosten ver- 
bunden war. Die Law-Amendment-Society nahm sich der Sache 
an und arbeitete eine Bill aus, die im Februar 1857 dem Ober- 
haus und später auch dem Unterhaus vorgelegt wurde. Eine 
Folge dieser Agitation war jedenfalls die „Act to amend the Law 
relating to Divorce and Matrimonial Causes" in England. Dies 
Gesetz gestattete der Ehefrau, die von ihrem Gatten verlassen 
worden war, sich um „Schutz" ihres Eigentums, d. h. des nach 
der Verlassung erworbenen, an die Polizeibehörde zu wenden. 
Es erleichtert ferner die Ehescheidung, die bisher nur durch eine 
Parlamentsakte in jedem einzelnen Fall vollzogen werden konnte 
und daher ebenfalls nur für reiche Leute möglich war, dadurch, 
dass sie einer besonderen Abteilung des High Court of Justice 
übertragen wurde. Wie schwer die alten Scheidungsgesetze und 

1) Vgl. auch: B. L. Smith. A brief Summary in piain language of the most important 
laws concerning women. Together with a few observations thereon. London 1854. 



— 245 — 

die wirtschaftliche Abhängigkeit der Ehefrau schon auf den Frauen 
gelastet hatte, das bewies zu allgemeinem Erstaunen die ganz 
unerwartet grosse Zahl von Frauen, die nach dem Inkrafttreten 
des neuen Gesetzes den „Schutz" nachsuchten und zugleich be- 
wiesen, dass sie zum Unterhalt der Familie durch selbständigen 
Erwerb mitbeitrugen. 1861 bestimmte eine weitere Akte, dass 
jede Frau, die von ihrem Gatten misshandelt worden war, von 
der Verpflichtung mit ihm zu leben, befreit und in Bezug auf ihr 
Eigentum wie eine alleinstehende Frau angesehen werden sollte. 
Dass die geschaffenen Verbesserungen, die nur das Eigentum der 
eheverlassenen Frau schützten und durch die immer noch keine 
Handhabe geboten wurde, den Mann zur Erhaltung seiner Familie 
zu zwingen, noch nicht genügten, liegt auf der Hand. Es sind 
vielleicht weniger prinzipielle Gründe gegen eine weitere Aus- 
dehnung der Bestimmungen zu Gunsten der Frau, als vielmehr die 
Besorgnis, mit alten Überlieferungen zu schnell zu brechen, die 
hier in Betracht kommen. Man kann das aus der Thatsache 
schliessen, dass die Kommission, die 1861 ein bürgerliches Ge- 
setzbuch für Indien ausarbeitete, der Frau völlig freie Verfügung 
Ober ihr Vermögen zuerkannte. In England wurde diese Frage 
erst wieder in Angriff genommen, als durch Fortschritte auf 
andern Gebieten die Frauenbewegung in ein neues Stadium ge- 
treten war. 

2. 
Die Gesellschaft zur FÖFdeFung der Erwerbsthätigkeit der Frauen. 

In dem Englishwoman*s Journal, das im März 1858 von 
Barbara Leigh Smith, Anna Jameson und Bessie Rayner Parkes 
begründet wurde, schuf die junge Bewegung sich ein Organ. Die 
ersten Jahrgänge der Zeitschrift geben ein sehr lebendiges Bild 
von der Arbeit, die zuerst in Angriff genommen wurde. In der 
Nummer vom September 1859 entwickelt Jessie Boucherett*) ihren 
Plan zu einer „Gesellschaft für Frauenerwerb". Eine solche müsste 
Klassen für kaufmännische Berufe und bestimmte Gewerbe — etwa 
Drucken, Frisieren, vielleicht auch Uhrmacherei — einrichten und 
mit einem Informationsbüreau verbunden sein, das Beschäftigungs- 
nachweise giebt und das Material über Frauenberufe sammelt. 
Als ein Zweig der Nationalen Gesellschaft zur Förderung der 

'1) Edwin Pratt. A. a. O. Employment for Women, S. x. Vgl. auch Theodore 
S t a n t o n. Woman Question in Europe. S. 90 ff. 



— 246 — 

Sozialwissenschaflen trat diese Gesellschaft Weihnachten 1859 ins 
Leben. An der Spitze stand Graf Shaftesbury als Präsident 
und ein Komitee aus Damen und Herren. Das BQreau war zu- 
nächst mit dem des Englishwoman's Journal vereinigt. In den 
Versuchen, Frauen fOr die verschiedenen kaufmännischen Berufe 
vorzubilden, musste man weiter zurückgehen, als man erwartet 
hatte und neben dem Unterricht in der Buchführung auch ein- 
fachen Schreib- und Rechenunterricht einführen. In einer andern 
Klasse wurden Schreiber für Rechtsanwälte etc. vorgebildet Die 
Gesellschaft wirkte zu gleicher Zeit propagandistisch durch Flug- 
schriften, Adressen etc. So wandte man sich vielfach an Kauf- 
leute mit der Bitte, Frauen in Läden und Comptoiren zu be- 
schäftigen. Gab es doch merkwürdigerweise 1851 in England nur 
1742 Handelsgehilfinnen. Der Verein unterstützte auch die Victoria 
Women's Printing Press, die durch Miss Faithfull, zum Teil mit 
Schülerinnen der Gesellschaft für Frauenerwerb als Setzerinnen, 
1860 eröffnet wurde. Eine Reihe von Tochtergesellschaften ent- 
standen im Anfang der sechziger Jahre in allen grösseren Städten 
Englands: 1860 in Newcastle on Tyne und in Edinburgh; 1862 
in Dublin, Leicester, Nottingham, Aberdeen etc. Es ist nicht 
möglich, die mühsame Insektenarbeit all dieser Vereine, die mit 
erfit frauenhaftem Blick jede neue Erwerbsmöglichkeit erspähten, 
die kleinsten und allerkleinsten Mittel und Wege nicht verschmähten, 
im Detail darzustellen. Es fehlte bei alledem nicht an den grossen 
nationalökonomischen und sozialpolitischen Gesichtspunkten. Der 
Gedanke an weibliche Berufsorganisationen, den schon 1856 die 
Gesellschaft der Künstlerinnen verwirklicht, wird im English- 
woman's Journal wiederholt angeregt, ebenso ein Plan entworfen, 
die Stelle der Zwischenmeister in den Konfektionsbranchen durch 
Vereinsdepots zu ersetzen. Zur Ausführung solcher Pläne fehlten 
in jener Zeit des schweren Anfangs natürlich sowohl Mittel als 
Arbeitskräfte. 

1853 wurde im Comittee der „Electric and International 
Telegraph Company" der Plan erwogen, Frauen in den 
Telegraphendienst einzustellen, und bald darauf wurden acht 
Schülerinnen in dem Office der Gesellschaft für den Telegraphen- 
dienst vorgebildet. 



247 



3. 
Maria S. Rye und die Female Middle Class Emigration Society. 

Ein andrer Weg, den Tausenden brotloser Frauen eine Existenz 
zu verschaffen, war leichter zu gehen. Es ist der der Aus- 
wanderung. ') Eine bedeutungsvolle Vorarbeit auf diesem Gebiet 
hatte Mrs. Chisholm, „die Heilige des fünften Erdteils" unter 
den australischen Kolonisten und die auf ihre Anregung 1849 
gegründete „British Ladies' Female Emigration Society" geleistet. 

Im Jahre 1861 entwickelte Miss Rye auf der General- 
versammlung des sozialwissenschaftlichen Kongresses in Dublin 
einen Plan, gebildeten Frauen durch Darlehen die Auswanderung 
in die Kolonien zu ermöglichen, wo man ihrer bedurfte, während 
im Vaterlande trotz aller Frauenerwerbsvereine niemals für alle 
gesorgt werden könne. Ihr Plan erfuhr allgemeine Billigung. 
Charles Kingsley sagte, dass er „von allen Plänen, Damen aus der 
Erzieherinnenklasse zu helfen, der einzige sei, den ein praktischer 
Mann mit ungemischter Befriedigung betrachten könne". Im Mai 
1862 wurde die „Female Middle Class Emigration Society" gebildet, 
als deren Sekretärin Miss Rye und Miss Jane Lewin gleich im 
ersten Jahre eine grosse Zahl von Erzieherinnen in die Kolonien 
entsandten. Miss Rye's Hauptinteresse wendete sich allerdings 
später den Frauen der unteren Volksschichten zu. Im Oktober 
1862 ging sie im Auftrage der Regierung selbst mit hundert 
Frauen nach Neuseeland und besichtigte dort und in Australien 
die Vorkehrungen für die weiblichen Auswanderer, regte dort auf 
den verschiedensten Gebieten, Krankenpflege, Erziehung etc. not- 
wendige Reformen an und wurde bei ihrer Rückkehr mit der 
Leitung eines eigenen Auswanderungsbüreaus in London offiziell 
von der Regierung betraut. Durch dies Bureau wurden jährlich 
300 Frauen nach Australien geschickt, während Miss Rye durch 
persönliche Agitation noch eine zahlreiche Auswanderung nach 
Canada ermöglichte. 

Ein weiteres Stadium dieser Arbeit mag, obgleich es nicht 
mehr dem hier besprochenen Zeitraum angehört, hier gleich mit 
berührt werden. Miss Rye musste einen verhältnismässig grossen 
Prozentsatz von Frauen, die sich zur Auswanderung meldeten, 
zurückweisen, da sie ihrer Unwissenheit und Verwahrlosung wegen 



») E. Pratt a. a. O. S. ai ff. 



— 248 — 

den Anforderungen, die an Kolonisten gestellt werden, nicht ge- 
wachsen waren. Einer Anregung aus Amerika folgend, beschloss 
sie, verwahrloste Kinder in besonderen Anstalten für diese Aus- 
wanderung zu erziehen, oder sie in den Kolonien als Blinder schon 
Erziehungsanstalten zu Obergeben, in denen sie auf das Leben dort 
vorbereitet wurden. Ihr Plan wurde ausgeführt und wuchs sich 
aus zu einer grossen Institution, die bis zu Miss Rye's Rücktritt 
aus dieser Arbeit (1895) ca. 4000 Mädchen nach Kanada über- 
gesiedelt und dort versorgt hat. 

4. 
Die ersten Versuche zur Hebung der Frauenbildong. 

Die unmittelbare Veranlassung zu einer Frauenbildungs- 
bewegung ergab sich gleichfalls aus den wirtschaftlichen Verhält- 
nissen. Sie setzt ein bei der Lehrerinnenbildung. Die Mass- 
nahmen, die hier ergriffen wurden, um der wirtschaftlichen Not 
zu begegnen, wirkten auf die Reform der Mädchenbildung über- 
haupt zurück. Durch die Reform der Lehrerinnenbildung, oder 
besser gesagt, die Schöpfung einer Lehrerinnenbildung wurde erst 
ein Stand geschaffen, der nachher die Reform der Frauenbildung 
in die Hand nahm. 

Im Jahre 1843 wurde die Governesses* Benevolent Society 
zum Zweck wirtschaftlicher Fürsorge für die wirtschaftlich kaum 
existenzfähigen Erzieherinnen geschaffen. Sie erkannte schliesslich 
die beste Fürsorge in einer tüchtigen Berufsbildung und errichtete 
unter Mithilfe der Professoren von King's College, besonders des 
Professors Maurice, Abendklassen für Erzieherinnen in London, 
deren Erweiterung im Jahre 1848 zur Eröffnung von Queen's 
College führte. Queen's College sollte seine Schülerinnen in allen 
Zweigen weiblicher Bildung unterrichten und Befähigungszeugnisse 
ausstellen. Die Tagesklassen wurden auch von berufslosen 
Frauen und Mädchen zu allgemeiner Fortbildung besucht Die 
Fächer, in denen unterrichtet wurde, waren Englisch, Französisch, 
Deutsch, Latein, Griechisch, Mathematik und Arithmetik, Geschichte, 



I) Litteratur: Alice Zimmern. The Renaissance of Girl's Education. London 
1898. C. S. Bremner. Education of fprl^ ^^^ Women in Great Britain. London 1897. 
Karl Heinrich Schaible. Die höhere Frauenbildung in Grossbritannien. Karlsruhe 
1894. (Nicht durchaus zuverlässig in Bezug auf die alten Universitäten.) Annie E. 
Ridley. Frances Mary Buss. London 1895. Blanche Athena Clough. A Memoir 
of Anne Jemima Clough, London. New York 1897. Education in thc Nineteenth Century. 
Edited by R. D. Roberts, M. A., D. Sc. Cambridge 1901. 



— 249 — 

Geographie, „Natural Philosophy" und Religion. Es ist ein Beweis 
dafür, wie sehr dies Unternehmen einem allgemeinen Verlangen 
entgegenkam, dass gleich für das erste Semester sich aoo Frauen 
meldeten, eine Zahl, die an Bedeutung gewinnt, wenn man die 
immer noch sehr lebhafte Animosität der Zeit gegen eine .tiefere 
Frauenbildung mit in Betracht zieht. 

Gleichzeitig mit den Vorbereitungen für die Gründung von 
Queens College begann Mrs. Reid ihre Bemühungen für die 
Gründung einer ähnlichen Anstalt. Bedford College hatte schwerer 
um seine Existenz zu kämpfen, als Queen's. Ihm fehlte die Unter- 
stützung bekannter männlicher Namen, da Mrs. Reid ihr Prinzip, 
dass Frauen die Bedürfnisse weiblicher Bildung am besten be- 
urteilen, gleich von Anfang an durch die Wahl eines vorzugs- 
weise weiblichen Komitees bethätigte. Erst 1869 wurde es 
inkorporiert, und 1879 trat es — infolge der Zulassung von 
Frauen zu den Graden an. der Universität London — in die Reihe 
der akademischen Bildungsanstalten Englands ein. Dies Stadium 
seiner Entwicklung jedoch gehört einer andern Periode der eng- 
lischen Frauenbewegung an. 

Durch Queen s und Bedford College wurde ein Lehrerinnen- 
stand erzogen, der die Reform der Frauenbildung von Grund auf 
nun in die Hand nahm. Unter den Schülerinnen von Queen's 
war Miss Buss, die Begründerin der ersten englischen High-School 
für Mädchen, und Miss Beale, die später das Cheltenham-College 
zu seiner vorbildlichen Bedeutung erhob. Beide hatten mit ihren 
jungen Anstalten eine noch mühsamere Pionierarbeit zu leisten, 
als Queen's und Bedford, noch mehr Vorurteile zu besiegen, noch 
mehr Schwierigkeiten, ihren Unternehmungen die Mittel, und vor 
allem, bei dem Mangel der genügend vorgebildeten Lehrerinnen, 
die Arbeitskräfte zu verschaffen. 

Hand in Hand mit diesen praktischen Versuchen, den Stand 
der Frauenbildung zu heben, gingen andre, die öffentliche Auf- 
merksamkeit für die Frage zu erwecken. Barbara Leigh Smith 
gab auf dem Glasgower Kongress der sozialwissenschaftlichen 
Gesellschaft einen Bericht über die bestehenden Mädchenschulen, 
deren Leiter ohne die geringste Vorbildung meist die Schule als 
eine neue Erwerbsquelle ansahen, nachdem sie sonst irgendwie 
Schiffbruch gelitten. Um für die Leistungen dieser Hunderte von 
kleinen Privatanstalten irgend einen Massstab zu finden, wurde 1862 
ein Komitee in London gebildet, als dessen Sekretärin Miss 
Emily Davies arbeitete, und das sich die Ausdehnung der in 



— 250 — 

Oxford und Cambridge eingerichteten Examen für Nichtmitglieder 
der Universität') zum Ziel setzte. Nach einem zunächst privaten 
Versuch, Mädchen die von der Universität ausgegebenen Arbeiten 
mit anfertigen zu lassen, bat man den Vice-Chancellor von Cam- 
bridge um offizielle Zulassung der Mädchen zu diesen Prüfungen. 
1865 wurden sie schon in sechs Städten abgehalten und bewiesen 
sich als ein ausgezeichnetes Mittel, die zahlreichen Unzulänglich- 
keiten der Mädchenbildung ans Licht zu stellen. 

Eine andre Gelegenheit, diie Frauenbildung zu heben, bot 
sich dem Komitee in der Ernennung einer Königl. Kommission 
zur Inspektion einer bestimmten Kategorie von Knabenschulen. 
Auf eine Petition des Komitees wurden die Mädchenschulen in 
diese Inspektion einbezogen und einige, auf erziehlichem Gebiet 
schon bewährte Frauen aufgefordert, Berichte einzuliefern. Die 
Resultate dieser Untersuchungen, durch Miss Beale aus den 
20 Bänden der Inspektionsberichte zusammengestellt, und die Vor- 
schläge, die von den Kommissaren im Anschluss daran gemacht 
waren, hatten allerdings — wie nach dem Urteil der Sach- 
verständigen alle Inspektionsberichte königlicher Kommissionen in 
England — nur den Erfolg, dass man sich offiziellersei ts bei dem 
Geschehenen beruhigte. Desto kräftiger aber setzte die Privat- 
initiative nun wieder ein, und zwar jetzt in der Form grosser 
Frauenbildungsvereine, deren Arbeit die Frauenbildungsbewegung 
in England in ein zweites Stadium hinüberfohrte. 

5. 
Zusammenfassung. 

Blickt man von etwa 1865 auf die Entwicklung der englischen 
Frauenbewegung von Mary WoUstonecraft an zurück, so ist eins 
auffallend und für die weitere Entwicklung bedeutungsvoll. Der 
Charakter eines Rechtskampfes der^Frau gegen den Mann wird von 
der englischen Frauenbewegung mehr und mehr aufgegeben, ihre 
Arbeit gründet sich mehr und mehr auf die ruhige Erkenntnis, dass 
wirtschaftliche Verhältnisse die bisherige rechtliche und soziale 
Stellung der Frau, die bisherige Form der Arbeitsteilung zwischen 
Mann und Frau unhaltbar gemacht, dass man einerseits ihrer Er- 
werbsarbeit ein weiteres Gebiet und günstigere Bedingungen schaffen 



Die vrissenschaAIichen Prüfung^en in England sind keine Staatsprüfungen, sondern 
Einrichtungen der grossen PrOfungskOrperschaften von Oxford und Cambridge und be- 
sonderer, nur zu PrOfungszwecken organisierter Syndikate, wie z. B. der London University. 



— 251 — 

müsse, dass man auf der andern Seite die weibliche Hilfe zur 
sozialen FOrsorgethätigkeit, die immer grösseren Ansprüchen gegen- 
übergestellt wurde, heranzuziehen habe. Dass die Lösung der 
Frauenfrage unter diesen Gesichtspunkten zu einer gemeinsamen 
Aufgabe von Männern und Frauen gemacht wurde, so gut wie 
die jeder andern sozialen Frage, ist neben der Besonnenheit der 
Führerinnen vor allem dem Einfluss der grossen National 
Association for the Promoting of Social Science zu danken, die 
von ihrer Gründung an die Mitarbeit der Frauen in Anspruch 
nahm, deren Kongresse das Forum waren, auf dem jede neu auf- 
tauchende Einzelfrage der Frauenbewegung zuerst verhandelt 
wurde, die den von Anna Jameson ausgesprochenen Gedanken 
von der „Gemeinsamkeit der Arbeit" widerspruchslos verwirk- 
lichte, so verwirklichte, dass man fast sagen kann, man kann 
aus den Akten dieser Kongresse die englische Frauenbewegung 
studieren. 



VI. 

John Stuart Mül.^ 

„Seit zwanzig Jahren", heisst es im Englishwoman's Journal 
vom September 1860, „ist niemand in England, dessen Meinung 
von Recht und Unrecht bei einer politischen Massnahme so sehr 
geachtet ist, wie John Stuart Mill. Ob man mit ihm über- 
einstimmt oder nicht, man muss ihn studieren und Stellung zu 
ihm nehmen." Es ist John Stuart Mill, der die Frauenbewegung 
in England, als die Zeit dazu gekommen war, zur Verfolgung ihrer 
letzten Konsequenz, der vollständigen politischen Gleichberechtigung 
der Geschlechter führte und dadurch zugleich all ihrer Einzelarbeit 
den Zusammenschluss und neue kräftige Impulse gab. Als die 
Zeit gekommen war — auch der Gedanke des Frauenstimmrechts hatte 
in dem eben geschilderten Zeitabschnitt in England schon soweit 
Boden gefasst, dass eine kleine Partei seine Ausführung in Betracht 
zu ziehen begann. 

Elizabeth Cady Stanton, die Führerin der amerikanischen 
Frauenbewegung, führt die Bewegung für das Frauenstimmrecht 
in England zurück auf ein bestimmtes Ereignis, den grossen Anti- 



1) Principles of Political Economy. London 1848. Considerations on representative 
govemment. 1861. Essay on Liberty. 1859. Subjection of Woman. London 1869. Deutsch : 
Die Hörigkeit der Frau, übersetzt von Jenny Hirsch. 3. Aufl. Berlin 1891. 



— 252 — 

sklavereikongress in London im Juli 1840. *) Im Anfang dieses 
Kongresses kam es zu einer sehr lebhaften Diskussion Ober die 
Zulassung der weiblichen Delegierten, die von amerikanischen 
Antisklavereivereinen nach London geschickt waren. Und so fem 
lag den Engländern noch die Möglichkeit, dass Frauen an einer 
öffentlichen Männerversammlung teilnehmen konnten, dass trotz 
aller Gründe, die in diesem Fall in Betracht kamen, die weiblichen 
Delegierten auf die Zuschauertribünen geschickt wurden. Dass 
dieser Fall in der Presse diskutiert und wohl auch unter dem 
Gesichtspunkte der Teilnahme der Frau am politischen Leben 
besprochen wurde, ist selbstverständlich. Doch berechtigt der 
Verlauf der Stimmrechtsbewegung in England keineswegs dazu, 
ihn als eine Art Ausgangspunkt darzustellen. Eher könnte 
man der Anteilnahme der Frauen an der grossen Anti-Com Law 
Bewegung von 1841 und den folgenden Jahren eine solche 
Bedeutung zugestehen. Zehn Jahre später, im Juli 1851, 
erschien in der Westminster Review ein Artikel über „Enfran- 
chisement of Women" von Mrs. Mill, John Stuart MilFs 
Gattin. Sie knüpft an an die grossen Woman's Right's Con- 
ventions in Amerika*) und widerlegt die Gründe, die gegen das 
Heraustreten der Frau aus „ihrer Sphäre" erhoben werden. Am 
Schluss erwähnt sie, das am 13. Februar 1851 eine Versammlung 
demokratischer Frauen in Sheffield eine Resolution zu Gunsten 
des Frauenstimmrechts gefasst und dem Oberhaus eingereicht 
hätte. Im aristokratischen England war nicht viel Aussicht, dass 
r. der Aufruf der „women of the democracy ol Sheffield" •) grossen 
Eindruck machte, und „Americanism" wurde nur das Schlagwort 
für die Gegner der Frauenbewegung. 

1865 kam John Stuart Mill ins Parlament. Unter welchen 
Gesichtspunkten er die Frauenfrage betrachtet, das hat er verstreut 
in einzelnen seiner Werke, in den „Prinzipien der Nationalökonomie", 
„Utilitarismus und repräsentative Regierung", „Über Freiheit" 
gesagt, das hat er zusammengefasst in einer überaus sorgfältigen, 
auf breiteste Basis' gestellten und in sich doch vollkommen 
geschlossenen Abhandlung „Die Hörigkeit der Frau".*) Zeitlich 



I) Elizabeth Cady Stanton. Eighty Ycars and More. New York 1898. S. tQu 
History of Woman Suffrage edited by E. C. Stanton, S. B. Anthony und M. J. Gage. 
Rochestcr, London, Paris 1876- 1885. L Bd. 

>) New York. Tribüne for Europe. October 29 th. 1850. 

>) Histor>' of Woman Suffrage, HL Bd., S. 837. 

<) Die Citate sind nach der 3. Auflage der deutschen Obersetzung v. Jenny Hirsch. 
Berlin 1891. 



— 253 — 

folgt sie zwar der parlamentarischen Thätigkeit Miirs, doch als 
die Theorie, die seinem Eintreten für das Frauenstimmrecht zu 
Grunde lag, mag sie wohl an den Anfang gestellt werden. Seine 
eigene Einleitung fordert gewissermassen dazu auf: „Die vor- 
liegende Arbeit hat den Zweck, so klar es mir irgend möglich ist, 
die Gründe darzulegen, welche mich von der frühesten Zeit an, wo 
ich mir überhaupt eine Meinung über gesellschaftliche und staat- 
liche Verhältnisse zu bilden vermochte, zu einer Ansicht bestimmten, 
die ich seitdem unverrückt festgehalten habe, und die, weit ent- 
fernt, schwächer oder schwankender zu werden, sich durch die 
Erfahrungen und das Nachdenken des reiferen Lebens bei mir nur 
immer stärker befestigt hat. Diese Ansicht, welche ich begründen 
will, ist die, dass die Grundregeln, nach welchen die jetzt be- 
stehenden gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden 
Geschlechtern geregelt werden — die gesetzliche Unterordnung 
des einen Geschlechts unter das andre — an und für sich ein 
Unrecht und gegenwärtig eins der wesentlichsten Hindemisse für 
eine höhere Vervollkommnung der Menschheit sei, und dass es 
deshalb geboten erscheine, an Stelle dieser Grundregeln die der 
vollkommenen Gleichheit zu setzen, welche von der einen Seite 
keine Macht und kein Vorrecht zulassen und von der andern 
keine Unfähigkeit voraussetzen." •) 

Damit ist Grundlage, Ziel und Art der Beweisführung in dieser 
Abhandlung angedeutet. 

Die Stellung der Frau ist in unserer modernen gesellschaftlichen 
Einrichtung wie ein erratischer Block, ein Überbleibsel aus einer 
andern Zeit. Sie ist thatsächlich eine Ausprägung des Faustrechts. 
Als auf allen Gebieten des sozialen Lebens im Laufe der Zeiten 
das Recht des Stärkeren einer auf abstrakten Prinzipien beruhenden 
Gerechtigkeit allmählich wich, als man mit dem Grundsatz auf- 
räumte, dass jemand durch seine Geburt zu bestimmten Ämtern 
ausersehen, von bestimmten ausgeschlossen sei, da wirkten 
besondere Umstände, die natürliche Anziehungskraft der Ge- 
schlechter, die vollständige, unlösbare, persönliche Abhängigkeit 
der einzelnen Frau von dem einzelnen Mann zusammen, um den 
Sieg dieses Prinzips im Verhältnis der Geschlechter zu verhindern. 
In diesem Lichte betrachtet, kann die augenblickliche Lage der 
Dinge, ihr ehrwürdiges Alter, die allgemeine Zustimmung, die sie 
bei Männern und Frauen findet, keinerlei Argumente für die zu- 



>) Jenny Hirsch a. a. O. S. i. 



— 254 — 

künftige Gestaltung des Verhältnisses der Geschlechter hergeben. 
Die Frage muss vielmehr von neuem gestellt und ausschliesslich 
nach Gründen der Gerechtigkeit und der Zweckmässigkeit 
geprüft werden. Es darf dabei weder die Erfahrung, die, wie man 
zu sagen pflegt, für den bestehenden Zustand spricht, noch die 
„Natur der Frau" ins Feld geführt werden. Soweit man von Er- 
fahrung reden kann, zeigt sie nur, dass jeder Fortschritt in der 
Entwicklung der Menschheit von einer Hebung der Lage der Frau 
begleitet gewesen ist. Und über die „Natur der Frau" kann man 
nichts aussagen, weil man sie nicht kennt. Die Frau ist unter 
den Verhältnissen, unter denen sie lebte, naturgemäss noch nicht 
zu voller, freier Selbstdarstellung gekommen, und selbst wenn das 
wäre, so müsste auf Grund einer bestimmten Theorie über den 
Einfluss der Umstände auf den Charakter noch konstatiert werden, 
inwieweit die Unterschiede der Geschlechter „natürlich", inwieweit 
sie durch Erziehung und Lebensstellung entwickelt sind. „Als 
gewiss und unumstösslich" so heisst es dann weiter, „lässt sich eins 
festhalten: die Frau wird dadurch, dass man der Entfaltung ihrer 
Natur einfach freien Spielraum lässt, nicht verleitet werden, etwas 
zu thun, was durchaus gegen dieselbe ist."*) 

Auf Grund der Gerechtigkeit und der Zweckmässigkeit unter- 
wirft John Stuart Mill nun zunächst die Stellung der Frau in der 
Ehe einer Kritik. Kein Mensch ist so vollständig, so in jedem 
Augenblick Sklave wie sie nach den englischen Ehegesetzen, ein 
Zustand, der nicht dadurch gemildert wird, dass sie häufig genug 
thatsächlich diese Stellung nicht einnimmt, weil „weder in An- 
gelegenheiten der Familie noch in Angelegenheiten des Staates 
Macht ein Ersatz für Freiheit sein kann."*) Dagegen ist „die 
Gleichheit der Eheleute vor dem Gesetz nicht allein die einzige 
Art, das eheliche Verhältnis nach beiden Seiten mit der Gerechtig- 
keit in Übereinstimmung zu bringen und zu einer Quelle wahren 
Glücks für beide Teile zu machen, sondern auch das einzige 
Mittel, das tägliche Leben der Menschheit im höheren Sinne des 
Wortes zu einer Schule moralischer Veredlung zu gestalten."*) 
In einem dritten Kapitel behandelt Mill die Gleichberechtigung der 
Frau im Beruf. Weil wirtschaftliche Abhängigkeit allein die Frau 
in dem Zustande der Hörigkeit erhalten kann, verschliesst man 
ihr die Berufe. So hoch schätzt er die Bedeutung der wirtschaft- 



») J. Hirsch a. a. O. S. 38. 
*) J. Hirsch a. a. O. S. 53. 
^ A. a. O. S. 6a 



— 255 — 

liehen Unabhängigkeit der Frau in ethischer Beziehung ein, dass 
er an einer andern Stelle die Ansicht ausspricht: Selbst wenn die 
erwerbende Frau die Löhne so drücken würde, dass Mann und Frau 
zusammen nun nicht mehr verdienen, als vorher der Mann allein, so 
würde doch der Umstand, dass die Frau mit ihrem Unterhalt von 
ihm nicht völlig abhängig ist, ein vollkommenes Äquivalent sein. 
Er fordert volle Freiheit des Wettbewerbs, die erst die Befähigung 
der Frau erweisen und Missgriffe von selbst korrigieren würde. 

Dazu würde aber unbedingt gehören: politische Gleich- 
berechtigung. 

Sehr fein und tiefgreifend sind Mill's Ausführungen über die 
Befähigung der Frau zu geistiger Arbeit und die Art, in der 
sie die Arbeit des Mannes auf diesem Gebiet zu ergänzen be- 
stimmt ist 

Am Schluss endlich stellt der Utilitarier Mill die Frage: cui 
bono und führt aus, wie durch die Befreiung der Frau "zunächst 
ein sittlicher Fortschritt zu erwarten sei: „Alle in der Menschheit 
vorhandenen selbstischen Neigungen, alle Selbstvergötterung und 
ungerechte Selbstbevorzugung wurzeln in der gegenwärtigen Be- 
schaffenheit des Verhältnisses zwischen Mann und Frau und ziehen 
ihre hauptsächliche Nahrung aus demselben." •) Ein weiterer Vor- 
teil würde die Verdoppelung der dem Dienst der Menschheit zu 
Gebote stehenden Summe von Kräften sein. Die Ehe, die bis jetzt, 
wie notwendig ein Verhältnis zwischen Menschen ungleicher Rechte, 
eine beständige Quelle des Missverstehens ist, würde zu einer 
sittlichen Arbeitsgemeinschafl werden, und die Frau selbst würde 
erst den Grad von Glückseligkeit erlangen, den die Gesellschaft 
ihr zu verschaffen verpflichtet ist 

Niemals aber wird die Stellung der Frau vor dem Gesetz 
prinzipiell eine andre werden, wenn sie nicht das volle Wahl- 
recht, die Möglichkeit voller, selbständiger Vertretung ihrer 
Interessen in der Regierung des Landes hat — 

Den Weg dazu half John Stuart Mill den Frauen beschreiten, 
sobald es in seiner Macht stand. Mit den Führerinnen der Frauen- 
bewegung in London, Mme. Bodichon (Barbara Leigh Smith), 
Jessie Boucherett, Bessie Rayner Parkes, bildete er ein 
Komitee zur Sammlung von Unterschriften für eine Petition um das 
Frauenstimmrecht. John Stuart Mill hatte versprochen, diese Petition 
dem Unterhaus einziu*eichen, sobald sich hundert Frauen bereit 



I) A. a. O. S. xia. 



— 256 — 

fänden, sie zu unterzeichnen. Sie wurde mit 1499 Unterschriften 
eingereicht, und wenn auch das Unterhaus sie gar nicht ernst 
nahm, so sorgte MilFs Autorität dafür, dass sie in der Öffentlich- 
keit allgemeines Aufsehen erregte. MilFs Plan ging dahin, in die 
Reform-Bill, deren Verhandlung bevorstand, eine Klausel einzu- 
fügen, die die Frauen den Männern in der Repräsentation des Volkes 
gleichstellte. Das Komitee setzte seine lebhafte propagandistische 
Thätigkeit fort.') Mrs. Bodichon brachte die Frage vor dem 
sozialwissenschaftlichen Kongress von 1866 zur Sprache, und die 
öffentliche Meinung wurde so rasch dafür gewonnen, dass im 
nächsten Jahr schon 13497 Unterschriften abgegeben wurden. In 
andern Städten Grossbritanniens, in Manchester und Edinburgh, 
gründeten sich gleichfalls Komitees, das eine mit dem Nachfolger 
Stuart Mills in der parlamentarischen Vertretung der Frauensache, 
Jacob Bright, und Lydia Becker an der Spitze, das Edin- 
burgher unter Leitung der Schwester Jacob Brights Eva Mc 
Laren. Die drei zusammen bildeten eine National Society for 
Woman Suffrage, um eine gemeinschaftliche Aktion gegebenen 
Falls zu ermöglichen. In einer glänzenden Rede beantragte John 
Stuart Mill am 20. Mai 1867 im Unterhaus ein Amendement zur 
Cl. 4 der Reformbill«), das dort gebrauchte Wort „man" durch 
„person" zu ersetzen, und so die Frauen einzuschliessen. Bedenkt 
man, wie wenig man in England an ein öffentliches Hervortreten 
der Frauen gewöhnt war, wie ganz vereinzelt erst Frauen die 
Rednertribünen bestiegen hatten, so ist das Resultat der Ab- 
stimmung, 73 Stimmen für, 194 gegen Mill, ganz ausserordentlich 
günstig. Ein Grund dafür ist jedenfalls die Überzeugungskraft 
des Satzes, dass die Pflicht des Steuerzahlens das Wahlrecht 
involviere, ein Satz, der dem Engländer als die Grundlage der 
Repräsentation des Volkes in Fleisch und Blut übergegangen ist 
Merkwürdigerweise wurden die wahlberechtigten Personen nicht 
wie in der Bill von 1832 als „male person" bezeichnet, sondern 
als „man", und da die Bill von 1832 nicht etwa die alten Wahl- 
gesetze ausser Kraft gesetzt hatte, sondern ihre Bestimmungen 
nur für die neugeschaffene Klasse von Wählern galten, da femer 
nach einer besonderen Akte, der sogenannten Lord Brougham's 

*) History of Woman Suffrage., vol. HI, S. 840 ff. Theodore Stanton. Woman 
Question in Europe, S. a. Mrs. Bodichon. Reasons for the Enfranchisement of Women. 
Read at the Meeting of the National Association for the Promotion of Social Science at 
Manchester 1866. Objections to the Enfranchisement of Women considered. 1866. 

«) Speech of John Stuart Mill M. P., hrsg. von der Central National Society for 
Women's Suffrage. 



— 257 — 

Act, der Ausdruck „man" Frauen einschloss, so konnte es 
allerdings eine juristische Frage werden, ob die neue Re- 
presentation of the People Bill nicht — aus Versehen — doch 
auch für Frauen Geltung habe. So Hessen sich etwa 7000 Frauen 
in Manchester und der Umgegend als Wähler registrieren.') Die 
Revisoren strichen ihre Namen zum Teil von den Listen, und so 
kam die Frage zur Entscheidung des Court of Common Pleas, der 
gegen die Stimmberechtigung der Frauen entschied. 

Ein erster thatsächlicher Erfolg der durch John Stuart Mill in 
Fluss gebrachten Bewegung war die Verleihung des Stimmrechts 
für Munizipalverwaltungen an weibliche Steuerzahler durch die 
Municipal- Franchise -Act von 1869. Wertvoll wurde diese Er- 
rungenschaft für die „suffragists^ auch dadurch, dass, da die Ballot- 
Act noch nicht in Kraft war, man leicht konstatieren konnte, dass 
die Zahl der von Frauen abgegebenen Stimmen zu der der stimm- 
berechtigten Frauen in genau demselben Verhältnis stand, wie bei 
den Männern, dass also Frauen von ihrem Stimmrecht in ganz 
gleicher Weise Gebrauch machten. Ein zweiter Fortschritt war 
die Elementary Education Act, durch die Frauen das aktive und 
passive Wahlrecht für die School - Boards bekamen. 1872 wurde 
dies Gesetz auf Schottland ausgedehnt 

John Stuart Mill verlor seinen Sitz im Parlament schon 1868, 
er starb fünf Jahre später, aber die Impulse, die er gegeben, 
wirken noch lange fort, und auf den verschiedensten Gebieten. 
Sein Wirken leitet einen zweiten Abschnitt der englischen Frauen- 
bewegung ein. 



*) C. C.Stopes a. a. O. S. 139. Chisholm Anstey. Notes upon the Representation 
of the People Act 1867. R. Pankhurst The Right of Women to vote under the Reform 
Act 1867. Fortnightly Review. Sept 1868, 

Handbuch der Frauenbewegung. L Teil. 17 



— 258 — 

Geschichte der englischen Frauen- 
bewegung von 1870—1900. 

vn. 

Die Bewegung zur civilrechtlichen Befreiung der Frau. > 

Seit fast einem Jahrzehnt war in der familienrechtlichen 
Stellung der Frau nichts geändert, trotzdem die Beweise daftlr» 
dass die getroffenen Verbesserungen noch nicht zureichend waren,, 
sich mit der Ausbreitung der Frauenerwerbsthätigkeit von Jahr 
zu Jahr mehrten. Im April 1868 legte die juristische Abteilung 
der nationalen sozialwissenschaftlichen Vereinigung eine neue Bill 
vor, die den Paragraphen ändern sollte, nach dem bei der Heirat 
das Vermögen der Frau unter allen Umständen gesetzlich dem 
Manne zufällt. Von einer Änderung der Bestimmungen in Bezug 
auf die Haftbarkeit des Gatten für die Erhaltung von Frau und 
Kindern ist in dieser Bill abgesehen, da mit dem Verluste des 
Anrechts auf das Eigentum der Frau diese Haftbarkeit sich ver- 
minderte. Diese Bill ist verschiedene Male eingebracht worden^ 
es sind über 100 Petitionen und an 100 000 Unterschriften zu ihren 
Gunsten eingereicht. Erst 1870 ging sie, allerdings durch die 
Amendements der Lords bedeutend verklausuliert und abgeschwächt, 
in der Form durch, dass der Frau die Verfügung über ihr Ar- 
beitsverdienst zugestanden und mit bestimmten Beschränkungen 
auch deponiertes Geld als ihr getrenntes Eigentum erklärt wurde. 
Eine neue Married Women's Property Act, die im Jahre 1872 ein- 
gebracht wurde, wurde nach der zweiten Lesung nicht weniger 
als 13 mal verschoben, dagegen wurde 1873 die Macht der Frauen 
über ihre Kinder bemerkenswert erweitert. Bis 1839 hatte die 
Mutter keine gesetzliche Macht über ihre Kinder während Lebzeiten 
des Vaters, und wenn dieser starb, so ging seine Macht auf einen 
von ihm ernannten Vormund über. Durch die Infant's Custody 
Act von 1839 wurde der Judge in Equity ermächtigt, auf eine 
Petition der Mutter dieser zu gestatten, ihre Kinder, die durch 
Gatten oder Vormund ihr entzogen waren, zu bestimmten Zeiten 
zu besuchen. Kinder unter 7 Jahren durften ihr nicht entzogen 



1) Vgl. hierzu die entsprechenden Nummern der Engliswomon's Review of Social and 
Industriat Questions, einer Fortsetzung des Englishwoman's Journal, auch Arthur 
Rackham Cleveland. Woraen under the English Law. London 1896. 



— 259 — 

werden. 1873 nun wurde dieses Recht der Mutter auf Kinder bis 
zu 16 Jahren ausgedehnt. Zum Unterhalt unehelicher Kinder ist 
die Mutter durch Akte von 1845, 1872 und 1873 in erster Linie 
verpflichtet, doch geht die Tendenz dahin, den Vater immer mehr 
dazu heranzuziehen. Nach einer nicht sehr bedeutungsvollen 
Amendment Act von 1874 in Bezug auf die Haftbarkeit des Gatten 
für die Schulden der Frau kam es schliesslich 1882 zu der Married 
Women's Property Act, die der Frau vollkommen selbständige 
Verfügung über ihr Vermögen in der Ehe zusichert. 1886 wurden 
durch die Guardianship of Infants Act ihre Vormundschaftsbefug- 
nisse soviel erweitert, dass sie auch hierin dem Manne nahezu 
gleichsteht. 

Seltsamerweise wurde erst durch einen Prozess von 1891, den 
famosen „Clitheroe Gase", die Frage entschieden, ob ein Mann 
das Recht habe, seine Frau ihrer Freiheit zu berauben. 



Vffl. 

Die moderne Entwicklung des Frauenstudiums. 

1. 
High - School - Companies. 

Seit 1870 ist auch in der Erziehungsbewegung ein rascherer 
Fortschritt unverkennbar. Auf dem sozialwissenschaftlichen 
Kongress von 1871 regte Mrs. William Grey die Gründung eines 
nationalen Verbandes zur Verbesserung der Erziehung der Frauen 
aller Stände an, die alle bereits bestehenden Vereine gleicher 
Richtung umfassen sollte. Derartige Vereine existierten schon in 
mehreren Städten, ihre Mitglieder waren zum grössten Teil Lehre- 
rinnen. In London hatte Miss Davies selbst einen Lehrerinnen- 
verein gegründet unter dem Vorsitz von Miss Buss. Bedeutender 
ist der North of England Council for Promoting the Higher 
Education of Women, an dessen Spitze Mrs. Josephine Butler 
stand, und dessen Gründung vor allem Miss A. J. Clough zu 
verdanken war. Der nationale Verband kam unter dem Vorsitz 
der Prinzessin Luise zu stände und konnte schon 1872 sein erstes 
Hauptwerk beginnen, die Gründung der Girl's Public Day School 
Company, die die Gründung von High-Schools nach dem Muster 
von Miss Buss' Schule unternahm und es bis zum Jahre 1898 auf 
34 Schulen brachte. 1883 wurde eine zweite Gesellschaft, die 

17* 



— 26o — 

Church School- Company, begründet. Die von ihr geleiteten 
Schulen, ca. 25 an der Zahl, vermitteln eine streng auf dem Grunde 
der High-Church beruhende Bildung, während die Schulen der 
andern Gesellschaft ihrem Religionsunterricht keine konfessionelle 
Färbung geben. So vollzieht sich verhältnismässig rasch, und 
ohne nennenswerten Widerspruch zu finden, eine Bewegung, die 
die höhere Mädchenbildung schliesslich auf das Niveau der höheren 
Knabenbildung erhebt. 

2. 
Das Fpauenstudium in Cambridge und Oxfords) 

Von dem North of England Council war an den Senat von 
Cambridge eine Petition gerichtet worden um Einrichtung höherer 
Examen für Frauen. Die Gewährung dieser Bitte machte ein 
neues Unternehmen notwendig. Queen's und Bedford College 
waren nämlich nicht in der Lage, den Zuschnitt ihrer Kurse diesen 
höheren Examen anzupassen, und so wurde von Miss Emily 
Davies ein Komitee einberufen zur Gründung einer Anstalt, die 
zu den bestehenden Mädchenschulen in demselben Verhältnis 
stehen sollte, . wie die Universitäten zu den öffentlichen Knaben- 
schulen. Am 16. Oktober 1869 wurde ein neues Frauencollege in 
„Benslow House", Hitchin, eröffnet, in dem zunächst Theologie, 
„Classics", Englisch und Mathematik studiert werden konnten. 
Als dies College 1873 als „Girton College" in die Nähe von Cam- 
bridge übersiedelte, dachte man daran, den Frauen auch die volle 
akademische Anerkennung ihres Studiums zu verschaffen und ver- 
pflichtete sich, von Zeit zu Zeit Schritte zu thun, um die Zu- 
lassung von Frauen zu den Degrees von Cambridge zu erlangen. 

Die Betonung dieser Zulassung als seines eigentlichen Ziels 
unterschied das Girton-Untemehmen von einem andren, das um 
dieselbe Zeit in Cambridge eingeleitet wurde und später zur 
Gründung von „Newnham College" führte. 

Es handelte sich hier um einen von Mr. Sidgwick, einem 
Philosophen aus der Schule John Stuart Mills, eingeleiteten 
Versuch, Frauen, die das soeben eingerichtete höhere Examen 
bestehen wollten, die Vorlesungen dortiger Professoren zugänglich 
zu machen und ihnen ein Intematsleben am Ort zu ermöglichen. 
Man meinte auf diesem Wege schneller dem dringenden Bedürfnis 

») Vgl. ausser den schon genannten Quellen die Jahresberichte der Colleges. 
Helene Lange: Frauenbildung, Berlin 1889. A Brief History of Girton College. 



— a6i — 

nach einer guten Lehrerinnenbildung zu entsprechen, als wenn 
man das Frauenstudium sofort dem kostspieligen Männerstudium 
voll angliche und so vielen die Gelegenheit ganz verschlösse. So 
eröffnete das Komitee Mr. Sidgwick's 1871 unter der Leitung von 
Miss Clough in Cambridge ein Heim für studierende Frauen, das 
1876 als Newnham College in einem eingenen Hause etabliert 
wurde. 

In der ersten Zeit ihrer Entwicklung haben Newnham und 
Girton jedes seine eigene Tendenz bewahrt, Girton die prinzipielle, 
Newnham die mehr vermittelnde Stellung. In Girton machte man 
es von Anfang an zur Ehrensache, dass die Schülerinnen das 
Degree-Certificate erlangten, das nur verliehen wurde, wenn alle 
Bedingungen für das entsprechende Universitätsexamen erfüllt 
waren. Es existierte zwar ein sogenanntes College- Certificate für 
diejenigen, die Latein und Griechisch durch Englisch, Französisch 
und Deutsch zu ersetzen wünschten, und ausserdem ein Certificate 
in proficiency, das verliehen wurde, wenn das Examen nur in ein- 
zelnen Gegenständen gemacht wurde; das letzte ist aber nur einmal, 
das College - Certificate niemals nachgesucht worden, und beide 
wiu-den später aus dem Statut entfernt. 

Auch in Newnham trat ganz von selbst das sogenannte „Higher 
Local"-Examen mit der Zeit zurück gegen das Degree- Examen. 
Diese Degree-Examen wurden auf Ersuchen der Colleges von den 
Examinatoren der Universität in genau derselben Weise abgehalten, 
wie die für die männlichen Studenten. Immerhin aber waren es 
noch besondere Frauenexamen ohne offiziellen Charakter. Als 1879 
die London University Frauen ihre Grade öffnete und 1881 eine 
Schülerin von Girton ein besonders glänzendes Mathematikexamen 
ablegte, kam man bei dem Senat von Cambridge unter Hinweis 
auf die Leistungen der Colleges um offizielle Zulassun^zu den 
Tripos- Examen ein.») Am 24. Februar 1881, dem „Comme- 
moration-day" von Newnham und Girton, wurde mit 398 Placets 
gegen 32 Non placets vom Senat diese Bitte gewährt. Allerdings 
erwerben die Frauen damit nicht den eigentlichen Degree des 



I) Der von der philosophischen Fakultät der Universitflt Cambridge verliehene Gracl 
ist der Bachelor of Arts. Er kann durch zwei Examen erworben werden, das gewöhnliche 
pass-ezamination tmd das viel schwerere tripos-ezamination. Durch das erste wird der 
ordinary degree des Bachelor of Arts, durch das rweite der degree of Honours' des B. A.. 
erworben. Das Examen fQr den ordinary degree berechtigt zugleich zur Teilhaberschaft an^ 
allen Privilegien und BesitztQmem der Universitflt und zum Stimmrecht fQr die Verwaltung^ 
Aus diesem Grunde ist die Zulassung der Frauen zu dem gewöhnlichen B. A. mit gan« 
besonderen Schwierigkeiten verknüpft, die ffir das schwerere tripos nicht bestehen. 



— 202 — 

Bachelor of Art with Honours, sondern nur die Zulassung zum 
Examen mit einem Zeugnis der Universität, nachdem sie es be- 
standen. Auch die Zulassung zu den Vorlesungen ist noch nicht 
offiziell, sondern nur „by courtesy" der Dozenten. In Bezug auf 
die Erlangung von Privilegien, Stimmrecht in der Verwaltung der 
Universität etc. haben Girton und Newnham verschiedene Ansichten 
vertreten. Von Girton ging 1887 eine Petition um unbeschränkte 
Zulassung der Frauen zu den Degrees an den Senat, von Newnham 
aus wurde sie nicht unterstüzt, Professor Sidgwick war gegen Be- 
stimmungen, die die bis jetzt gestattete Einschiebung von modernen 
Sprachen an Stelle von Latein und Griechisch in dem Previous- 
Examination ausgeschlossen hatte, und Miss Clough teilte diese 
Ansicht Die Petition ging nicht einmal in die Kommission. Zehn 
Jahre später (1897) wurde sie noch einmal eingereicht Ein 
Syndikat, das ernannt wurde, um über sie zu beraten, schlug dem 
Senat vor, den Frauen Titulargrade zu geben. Der Antrag wurde 
— unter heftigen Kundgebungen der Studentenschaft — mit 
1707 Non placets gegen 661 Placets abgelehnt 

Die ersten Anfänge einer ähnlichen Entwicklung in Oxford 
reichen noch etwas weiter zurück als diie Gründung des Cambridger 
Colleges, nämlich bis in das Jahr 1865, doch kam es dort später 
als in Cambridge zu eigentlichen Resultaten. Aus einem Komitee, 
das 1873 mit Frau Professor Max Müller an der Spitze zur Or- 
ganisation von Frauenkursen in Oxford gegründet wurde, ent- 
stand 1878 die „Association for the Education of Women", deren 
Zweck es war, ein Unterrichtssystem mit Beziehung auf die Oxford- 
Prüfungen einzurichten. Mit der Zeit wird diese Vereinigung eine 
autoritative Körperschaft für das Frauenstudium in Oxford, 
die die Vermittlung zwischen den Frauen und der Universität in 
Bezug auf Vorlesungen, Examen etc. übernimmt. Seit 1893 hat 
diese Körperschaft eine Art offiziellen Charakters, dadurch dass 
ein Mitglied des Hebdomadae Council von Oxford hineindelegiert 
wird. Mit den Colleges von Oxford, Somerville, Lady Margaret, 
St Hug's und St Hilda's steht die Association nur in loser Ver- 
bindung, sie sind Privatunternehmungen, die zuerst nur als Halls 
of Residence gedacht waren und den Charakter von Colleges erst 
später annahmen. Die Prüfungen der Frauen in Oxford werden 
nicht von der Prüfungsbehörde der männlichen Studenten, sondern 
von der Abteilung für die Local Examinations abgehalten, die aber 
die Prüfungsaufgaben dieser Behörde benutzt Die Erfüllung der 
Vorbedingungen, die für die Männer verpflichtend sind, wird in 



— 26s — 

Oxford von den Frauen nicht verlangt. Um die auszuzeichnen, die 
sie dennoch erfüllen, verleiht die Association ihnen besondere 
Zeugnisse, auf denen das vermerkt ist. 1895 niachte man auch in 
Oxford den Versuch, für die Frauen offizielle Anerkennung ihrer 
Examen zu erlangen; er schlug wie in Cambridge fehl. 

3. 
Das Fpauenstudlum an den neueren ünivepsitäten. 

Rascher und einfacher als in Cambridge und Oxford ent- 
wickelten sich die Verhältnisse für die studierenden Frauen an 
den neueren Universitäten. In London steht die Zulassung zu 
den Examen in engem Zusammenhang mit den Bemühungen der 
Frauen, die ärztliche Carriere sich zu erschliessen. Nach einigen 
unwesentlichen Präliminarien wurden 1879 Frauen in London zu 
allen „degrees, honours and prizes" der Universität zugelassen, 
und 1882 wurde diese Bestimmung noch so viel erweitert, dass 
nun beide Geschlechter vor der London University in jeder 
Beziehung gleich stehen. 

Die so erschlossenen neuen Aussichten mussten auch dem 
Frauenstudium in London neue Impulse geben. Bedford College 
erweiterte seine Pensa so, dass es für die Examen der London 
University vorbereitete. Um einem Bedürfnis abzuhelfen, das sich 
aus dem interkonfessionellen Charakter von Bedford College ergab, 
wurde Westfield College in Hampstead auf der Grundlage der 
High Church gegründet. 

Ein 1886 gemachter grossartiger Versuch einer eigentlichen 
selbständigen Frauenuniversität, die ihre eigenen Grade verleiht, 
die Gründung des Holloway-College, schlug fehl, das heisst, endigte 
damit, dass Holloway sich immer mehr an die London University 
anschloss. 

Dem Beispiel von London sind die übrigen grossbritannischen 
Universitäten sehr bald gefolgt. Seit 1880 steht die Victoria 
University mit ihren Colleges in Liverpool, Manchester und Leeds 
Frauen offen, ebenso wie seit 1895 Durham College. Am un- 
beschränktesten ist die Zulassung von Frauen in der Universität 
von Wales, Aberystw3rth, die 1883 die ersten Studentinnen hatte 
vmd 1889 den Paragraphen in ihr Statut aufnahm: Weibliche 
Studenten sollen zu allen Vorteilen und Vergünstigungen des 
College zugelassen sein, und Frauen sollen wählbar sein für den 
Governing body, den Council und den Senate. 



— 204 — 

In Schottland sind durch die Royal Commission, die durch 
die Scotch Universities Act von 1889 ernannt worden ist, 189a 
die Universitäten ermächtigt worden, Frauen zuzulassen. Ebenso 
ist den Frauen die Zulassung von der Royal Irish University» 
die 1879 gegründet wurde, gewährt. 

4. 
Die Epöflliung des medizinischen Stadiums fOr Frauen. >) 

Der Eigentümlichkeit des englischen Universitätswesens ent- 
sprechend, in dem Medizin ein für sich bestehender, in besonderen 
Anstalten gepflegter Studienzweig ist, hat die allmähliche Er- 
schliessung des ärztlichen Berufes für Frauen seine besondere 
Geschichte. 

Im Jahre 1850 kam Elizabeth Blackwell nach voran- 
gegangenen Studien in Amerika und Genf nach London und er- 
hielt die Erlaubnis, am Bartholomew Hospital klinische Studien 
zu machen — merkwürdigerweise mit Ausschluss der Abteilung 
für Frauenkrankheiten. War dies eine durchaus persönliche Ver- 
günstigung, durch die keineswegs ein Präcedenzfall geschaffen 
werden sollte, so sorgten die Londoner Führerinnen der Frauen- 
bewegung, Barbara Leigh Smith und B. R. Parkes dafür, 
dass die durch Elizabeth Blackwell gegebene Anregung weiter 
wirkte Als 1858 Elizabeth Blackwell nach England zurückkehrte, 
wurde sie auf ihr Ersuchen als erste Frau in das Medical Register 
der vereinigten Königreiche eingetragen. Sie blieb für lange Zeit 
die einzige, da ihre Eintragung nur auf Grund ihrer im Ausland ab- 
solvierten Examen geschah, die nach dem Inkrafttreten der 
Medical Act von 1858 im Ausland erworbene Approbation jedoch 
nicht mehr zur Eintragung berechtigte. In England selbst ver- 
schlossen sich die medizinischen Ausbildungsanstalten und Prüfungs- 
syndikate den Frauen hartnäckig. 1856 wurde Miss Jessie 
Meriton White mit der Anfrage, ob eine Frau das medizinische 
Diplom erwerben könne,«) 1862 Miss Elizabeth Garrett mit der 
Bitte um Zulassung zur Immatrikulation abgewiesen. Die einzige 
Prüfungsbehörde, die einwilligte, Miss Garrett zu prüfen, war die 



>) Litteratur: Dr. Elizabeth Blackwell. Pioneer Work in opening the Medical 
Profession to Woraen. London 1895. Edwin Pratt. A. a. O. S. 9a. Robert Wilson. 
Aesculapia Victriz. London 1886. Theodore Stanton. A. a. O. S. 63> Edith 
A. Huntley. Womcn and Medicine. London 1886. Die Berichte der Schools of Mediane 
for Women, des New Women's Hospital etc. 

*) Der Briefwechsel bei Barbara Leigh Smith. .Women and Work" im Anhang. 



— 265 — 

Society of Apothecaries. Miss Garrett nahm die erforderlichen 
Vorlesungen privatim, machte 1865 das Examen und wurde als 
zweiter weiblicher Arzt in England registriert. Angesichts der 
Energie, mit der Miss Garrett ihren Zweck verfolgt hatte, und der 
Meldung von zwei weiteren Kandidatinnen schien aber die Furcht 
vor der Konkurrenz, zu der vereinzelte Fälle noch keinen Grund 
gaben, zu erwachen, und die Anerkennung der Vorbereitung durch 
private Vorlesungen wurde zurückgezogen. An der Universität 
Edinburgh verlief die Sache ähnlich. Miss Jex Blake wurde 
mit vier andern Studentinnen zunächst zugelassen und in 
gesonderten Klassen ein Semester unterrichtet. Als fünf neue 
Studentinnen dazu kamen, wurde, nach heftigen Demonstrationen 
der Studenten, die zum Teil allerdings auf ein nicht ganz takt- 
volles Verhalten der Studentinnen in der Geltendmachung ihrer 
Rechte zurückzuführen waren, die Erlaubnis zurückgezogen unter 
der Begründung, dass die Universität seiner Zeit ihre Befugnisse 
überschritten habe, als sie Frauen zuliess. Auch die Entscheidung 
des Court of Session, an den die Studentinnen sich wandten, fiel 
zu ihren Ungunsten aus, und sie appellierten nun an das Parlament. 
Die Entscheidung ihrer Angelegenheit durch eine Parlamentsakte 
konnten die Frauen natürlich in Edinburgh nicht abwarten, sie 
gingen deshalb nach London und beschlossen, ein eigenes Frauen- 
college zu errichten. Miss Garrett, die inzwischen in Paris 
promoviert hatte und seitdem in einem kleinen, von ihr selbst er- 
richteten Hospital für Frauen und Kinder in London praktizierte, 
hatte zunächst ihre Bedenken gegen eine Lösung der Frage, die 
das medizinische Frauenstudium von dem der Männer ganz ab- 
schloss. Da aber thatsächlich die Dinge so lagen, dass Frauen 
keine Vorlesungen hören, in keinem Hospital zur klinischen Praxis 
zugelassen werden, kein Examen bestehen konnten, das zur Aus- 
übung des ärztlichen Berufs berechtigte, Hess sie sich für den 
Plan gewinnen. Mit Hilfe des in London allgemein bekannten 
und hochgeschätzten jungen Doktor Anstie wurde 1874 ^^ 
Henrietta Street in London die Medical School of Women eröffnet. 
24 hervorragende Londoner Ärzte bildeten das Komitee, Dr. Anstie 
selbst, der zum Dean bestimmt war, starb vor der Eröffnung; an 
seine Stelle trat Mr. Norton, seit 1883 bekleidet Mrs. Garrett- 
Anderson selbst diese Würde. Trotzdem die Women's Medical 
School ihre Lehrer nur aus den Kreisen der anerkannten Medical 
Colleges gewählt hatte, hatte sie doch zuerst mit nicht geringen 
Schwierigkeiten zu kämpfen. Zur Praxis in Hospitälern Hess man 



266 



Frauen nicht zu. und die im Ausland erworbene klinische Aus- 
bildung Hess man nicht gellen. Im Sommer 1877 dachte man 
daran, die Women's Medical School zu schliessen, da die Sache 
aussichtslos schien. Da wurden durch eine Parlamentsakte die 
Prüfungskörperschaften ermächtigt, Frauen zuzulassen. Irland ging 
mit dieser Zulassung voran, Edinburgh bat das Parlament, sich 
von dieser Ermächtigung ausschliessen zu dürfen. In London 
wurde das Royal Free Hospital 1877 den Frauen erschlossen und 
etwas spater die medizinischen Grade der Londoner Universität. 

Seitdem ist der Fortschritt der Bewegung ein steter. Eine 
Ausbildungsgelegenheit nach der andern wurde den weiblichen 
Studierenden zugänglich gemacht. Die Ausbildung der Frauen 
vollzieht sich zum Teil in besonderen FraucncoUeges: der London 
Schoo! of Medicire for Women in London, dem Edinburgh 
Medical College for Women, der Queen Margaret College School of 
Medicine for Women in Glasgow, oder zum Teil in getrennten, 
zum Teil in gemischten Klassen der männlichen Colleges, so in 
den irischen Medical Colleges, in dem University of Durhara 
College: seit 1899 hat die Victoria University im Queens College 
in Manchester Frauen zu den Klassen der mannlichen Studierenden 
Zutritt gewährt; auch in Liverpool und Leeds hören die Geschlechter 
diejenigen Vorlesungen zusammen, die unserm deutschen Physikum 
vorausgehen. 

Die Prflfungssyndikate, die Frauen zulassen, sind folgende: 

1. Die Universität London. 

2. Die Königliche Universität von Irland. 

3. Die Königliche Universität von Schottland. 

4. Die vereinigten Colleges von Irland. 

5. Die Society of Apothecaries, London. 

6. Die Schottischen Universitäten. 

7. Die Universität Durham. 

8. Die Victoria-Universität. 

Folgende Zahlen geben einen Überblick über die Ausübung des 
ärztlichen Berufes durch Frauen. Es praktizierten im Jahre 1900 
in England und Wales: 181 (darunter 97 in London) 
in Schottland: 53 (davon 24 in Edinburgh, 17 in Glasgow) 
in Irland: 19. 

Dazu kommen noch 186 in England ausgebildete Ärztinnen 
in den Kolonien, vorzugsweise in Indien. 




— 207 — 

An 52 Hospitälern Grossbritanniens und in 25 offiziellen 
Ämtern, Schuldeputationen etc. sind weibliche Ärzte beschäftigt. ») 
Eine eigenartige Gründung ist das New Women s Hospital in 
London, in dem Frauen nur von Frauen behandelt, gepflegt und 
bedient werden. Es enthält 42 Betten. Die leitenden Ärztinnen 
sind Mrs. Scharlieb M. D. und Mrs. Garrett Anderson M. D. 



IX. 

Die moderne Entwicklung der Frauenarbeit.') 

1. 
Neue Aufgaben auf dem Gebiet der Frauenarbeit. 

Es ist der natürliche Lauf der Dinge, dass die kleine Women's 
Employment Society, die berufen war, überall die kleinen Anfänge 
zu schaffen, nach Jahrzehnten die Dinge ihrer eignen Schwere 
überlassen konnte und an Bedeutung verlor. Die technische Aus- 
bildung der Frauen wurde mehr und mehr von leistungsfähigeren 
Körperschaften oder von den Kommunen übernommen, ») die für alle 
Arten von Berufen Vorbildungskurse und Anstalten einrichteten. 
Die Erweiterung der Berufsgebiete vollzog sich, nachdem sie ein- 
mal in Beschlag genommen, von selbst. In welchen Verhältnissen, 
mögen nachfolgende Zahlen aus einigen der Hauptberufsarten 
illustrieren. Frauen waren beschäftigt in England und Wales: 

nach dem Census von 1861 1891 

als Comptoristinnen 404 17859 

im „Civil Service** 1 931 8 546 

1) Englishwonuui's Yearbook 1901. S. 1x5— la^. 

S) Litteratur: Theodore Stanton a. a. O. S.90 ff. Edwin Pratt. A. a.O.S. x ff. 
Gertrud Dyhrenfurth. Die gewerkschaftliche Bewegung unter den englischen Arbeite- 
rixmen. Dabei eine ausfahrliche Angabe der Quellen, auf die hier verwiesen wird. Weitere 
bibliographische Angaben im Englishwoman's Yearbook von X90X. S. XX4. An 
Berichten kommen in Betracht : Berichte des Hauptinspektors der Fabriken imd Werkstätten. 
Die Berichte der Kgl. Arbeitskommission von 1893 über Frauenarbeit. Die Berichte von 
Miss Coli et vor dem Board of Trade X894 (C 7564) 1898 (C. 8794) und in dem Journal of 
the Royal Sutistical Society. June 1898. Ferner die Publikationen des Women's Industrial 
Council, der Women's Trade Union League, des Scottish Council of Women's Trades, des 
Industrial Law Committee, der Women's Cooperative Guild. Die Abhandlimgen der Fabian 
Society u. a. m. An Zeitschriften die Women's Trades Union Review, hrsg. von Gertrude 
TuckwelL Die Women's Industrial News, The Labour GazeUe. Eine ausführliche Angabe 
der Quellen ist im Rahmen der Abhandlung nicht möglich. Ich habe daher nicht die grossen 
grundlegenden Werke (Mrs. Sidney Webb etc.) genannt, sondern möglichst die Stellen, wo 
Auskimft Ober neue Publikationen zu erlangen ist Das Englishwoman's Year-Book enthalt 
alle Adressenangaben 

*) VgL Handbuch der Frauenbewegung, Teil UL 



i86i 


1891 


i68 


2469 


419 


4527 


388 


1340 


952 


2240 



— 268 — 

nach dem Census von 

in der Photographie 

im Druckereigewerbe 

im Apothekergewerbe 

im Buchhändlergewerbe 
Es bedarf keiner Erwähnung, dass damit, dass die Frauen- 
arbeit diese Dimensionen annimmt, der Frauenbewegung ganz 
neue Aufgaben erwachsen. Es handelt sich jetzt nicht mehr um 
einzelne Schritte und einzelne Massnahmen, sondern um die Lösung 
von volkswirtschaftlichen Problemen, um Prinzipienfragen, um die 
Behandlung der Frauenarbeit durch die Gesetzgebung und den 
Staat, um die Organisation der Frauenarbeit im Grossen. Das 
ist das Charakteristische der zweiten Epoche in der Frauenberufs- 
bewegung, die mit den siebziger Jahren eintritt. Was im Sinne 
der alten Frauenerwerbsbewegung noch geschehen konnte, liegt 
auf dem Felde der Stellenvermittlung und des Arbeitsnachweises. 
Auf dieses Gebiet hat sich die Arbeit der alten Gesellschaft zur 
Förderung des Frauenerwerbs, die noch immer besteht, allmählich 
beschränkt. Die moderne Aufgabe für die Arbeitsvermittlung ist 
Centralisation. Eine Anzahl von Gesellschaften zu diesem Zweck mit 
den verschiedenartigsten Tendenzen entstanden in den letzten Jahr- 
zehnten. Die bedeutendsten sind die Associated Guild of Registries ») 
und das Central Bureau for the Employment of Women, «) die 
beide in London ihren Sitz haben und sich Ober ganz Gross- 
britannien erstrecken. Der erste Verband steht in Verbindung 
mit der National Vigilance Society und sieht seinen Hauptzweck 
darin, Frauen gegen die Gefahren der privaten Stellenvermittlungen 
und Agenten zu schützen. Seine Thätigkeit besteht in der 
Sammlung und Verbreitung von Listen empfehlenswerter Ver- 
mittlungsbureaus. Die zweite Gesellschaft verfolgt lediglich den 
Zweck der Centralisation, um einen Ausgleich zwischen Angebot 
und Nachfrage, eine Vermittlung zwischen den Beruf suchenden 
Frauen und den betreffenden Ausbildungsanstalten, und wiederum 
zwischen diesen und den Arbeitgebern herzustellen. 

Zum Teil ist auch die Stellenvermittlung ein Arbeitszweig von 
Institutionen, die den Fraueninteressen auf einer breiteren Basis zu 
dienen bestimmt sind. Dahin gehört das 1897 von Mrs. Wynford 
Philipps gegründete Women's Institute,') das ein Mittelpunkt für 



1) zz Eccleston Square. London S. W. 

*) 60 Chancery Lane. London W. C. 

*) Z5 Grosvenor Crescent, Hyde Park Corner, London W. 



— 269 — 

„Women Workers" aller Art bilden soll, eine Bibliothek und eine 
Art Archiv anlegt, um jede Information über Fraueninteressen 
geben zu können. 

2. 
Die gewerkschaftliche Bewegung unter den Frauen. 

Die eigentlichen Lebensfragen auf dem Gebiete der Frauen- 
arbeit hat die gewerkschaftliche Bewegung der Frauen zum Teil 
direkt aufgenommen, zum Teil doch wenigstens angeregt oder in 
Betracht gezogen. 

Die Ziele der gewerkschaftlichen Bewegung unter den Frauen 
ergeben sich teils aus den Misständen, die der Lage des modernen 
Arbeiterstandes Oberhaupt eigentümlich sind, teils aus den 
besonderen Schwierigkeiten, unter denen die Arbeiterin als Frau 
zu leiden hat. Hier können diese Schwierigkeiten: Überangebot 
der Arbeitskräfte, Ausnutzung der weiblichen Arbeitskraft bei 
geringen Löhnen, gesundheitschädliche Arbeitsbedingungen etc. 
selbstverständlich nur erwähnt werden. In bestimmten Grenzen 
ist hier die Fabrikgesetzgebung mit ihrem System von Schutz- 
bestinunungen, ist die Gewerbeinspektion zur Sicherung ihrer 
Durchführung eingetreten. In bestimmten Grenzen — denn einmal 
entzogen sich gewisse Seiten des Arbeitsverhältnisses ihrem Ein- 
fluss, zweitens war die Arbeiterin selbst zu unwissend und zu ab- 
hängig, um die ihr gesetzlich zustehenden Rechte unter Umständen 
dem Arbeitgeber gegenüber geltend zu machen, und schliesslich 
fehlte eine Instanz, die die Gesetzgebung mit etwa neu eintretenden 
Bedingungen des Arbeitsverhältnisses beständig in Fühlung erhielt. 
Diese Aufgaben konnten nur durch eine gewerkschaftliche Organi- 
sation gelöst werden, die auf dem Gedanken beruhte, die Arbeite- 
rinnen selbst zu richtiger Beurteilung ihrer Lage und zur Ver- 
tretung ihrer Interessen zu erziehen, die aber zunächst von 
gebildeten Frauen für die Arbeiterinnen unternommen und in 
Bezug auf die Bedienung des Apparats noch zum grossen Teil 
auf ihre Mitwirkung angewiesen ist. 

Auf einen Aufruf von Mrs. Patterson in der Labour-News 
und unter ihrer Leitung trat 1874 in London ein Komitee zur 
Gründung einer „Women's Protective and Provident League" zu- 
sammen. (Man behielt diesen harmloseren Namen, um erst, als 
die League sich in der öffentlichen Gunst befestigt hatte, sich 
„Women's Trades Union Provident League" zu nennen.) Ihr 



— 270 — 

Programm ruht zunächst auf sehr breiter Grundlage, es umfasst 
folgende Punkte: 

1. eine propagandistische Thätigkeit zu entfalten, durch Ein- 
berufung von Meetings und Verbreitung von Schriften die Prinzipien 
der Organisation durch Gewerkvereine bekannt zu machen. 

2. Die Kosten für die zur Organisation erforderlichen einleitenden 
Arbeiten, für Drucksachen etc. zu tragen und gegen geringe Vergütung 
das Lokal, in welchem die Vereine ihre Geschäfte erledigen können, 
zu beschaffen. 

3. Die Funktion eines Einigungsamtes zu übernehmen. 

4. Für Bildungsmittel jeglicher Art Sorge zu tragen. 

5. Urteile über gesetzliche Massregeln und genaues Material über 
die verschiedenen weiblichen Arbeitszweige zu sammeln. 

6. Überhaupt ein Mittelpunkt zu werden für alle Bestrebungen, das 
materielle und geistige Wohl der Arbeiterinnen zu heben.») 

Den Schwerpunkt ihrer Thätigkeit legt die Liga in die Or- 
ganisation. Die erste Arbeiterinnenkategorie, mit der ein Versuch 
gemacht wurde, waren die Buchbinderinnen Londons, deren 
Organisation schon in den ersten acht Monaten 270 Mitglieder und 
einen Kassenfonds von 80 SS aufzuweisen hatte und noch heute 
besteht. Ihr folgt eine Organisation der Arbeiterinnen der Be- 
kleidungsbranche, Schneiderinnen, Putzmacherinnen und Mäntel- 
näherinnen, dann der Arbeiterinnen der Hutfabrikation, der 
Hemden- und Kragennäherinnen und der Tapeziererinnen, deren 
Organisation sich gleichfalls kräftig entwickelte und heute noch 
besteht. 

Schon im zweiten Jahre nach ihrer Gründung trug die Liga 
ihre Propaganda in die Provinz und gründete Gewerkschaften in 
den Industriebezirken von Glasgow, Sheffield, Manchester unter 
Arbeiterinnen der verschiedensten Gewerbe dort und leistete bei 
der Gründung andrer grosser Organisationen, wie der „General 
Union of Weavers and Textile-workers" wertvolle Mithilfe. Auch 
ausserhalb der Liga und unabhängig von ihr entstanden einzelne 
Trades Unions, die hier nicht einzeln aufgezählt werden können. 
Irland wurde erst 1891 in die Bewegung hineingezogen. 

Durch eine Ausgestaltung der Organisation der Liga nach 
dem Plane von Lady Dilke ist eine engere Verbindung des 
Centralkomitees mit den von ihm gegründeten oder sonst ent- 
standenen Gewerkschaften erreicht. Es ist bei den besonderen 



') G. Dyhrenfurth a. a. O. S. 178, 179. 



— 271 — 

Verhältnissen der Frauenindustrie natürlich, dass die Liga später- 
hin mehr die Organisationsprinzipien des Neu-Unionismus annahm, 
da die Leistungsfähigkeit der Arbeiterinnen für die von den alten 
Trades - Unions verfolgten Zwecke nicht ausreichte, eine aus- 
reichende Selbsthilfe für die Frauen ausgeschlossen und das Ein- 
treten des Staates für sie unumgänglich nötig war. 

Selbstverständlich sind die Schwierigkeiten, mit denen die 
Liga in ihrer organisatorischen Thätigkeit zu kämpfen hätte, sehr 
gross, in den Reihen der ungelernten Arbeiterinnen, die ja in der 
Frauenarbeit überwiegen, fast unüberwindlich. Die Löhne sind zu 
niedrig, um die Beiträge aufzubringen, die Arbeit eine zu unregel- 
mässige, die Furcht vor Entlassung, im Hinblick darauf, dass der 
Posten der ungelernten Arbeiterin sofort wieder besetzt werden 
kann, zu gross, die Arbeiterinnen in grossen Industriebezirken, 
wie in Birmingham, zu sehr zerstreut in Heimwerkstätten und 
Kleinbetrieben, ihre Interessen derartig zwischen Beruf und Familie 
geteilt, dass sie schwer zu einem Solidaritätsgefühl kommen. 

Eine grosse Schwierigkeit für die Entwicklung der Gewerk- 
schaften ist auch der Mangel an Arbeitskräften zu ihrer Leitung, 
teils wegen der Überlastung, teils wegen der Unfähigkeit der 
Arbeiterinnen. Eine Reihe von Trades Unions gingen wegen 
mangelhafter Geschäftsführung des Vorstandes wieder ein. Zu 
kräftigen Organisationen entwickeln sich die ausschliesslich weib- 
lichen Gewerkschaften selten. Die Gewerkschaftsbewegung unter 
den Frauen ist fast ausschliesslich nur da vorwärts gekommen, wo 
sie sich den männlichen Gewerkschaften angegliedert haben. 

Es ist begreiflich, dass die Arbeiter sich zunächst den 
Koalitionsbestrebungen der Frauen so gut widersetzten, wie sie 
sich der Frauenarbeit überhaupt feindlich gegenübergestellt hatten. 
Sie konnten sich bald der Einsicht nicht verschliessen, dass die 
Koalition ein wertvolles Mittel sei, dem lohndrückenden Einfluss 
der Frauen entgegenzuwirken. Hatte sich doch der Mangel an 
Solidaritätsgefühl unter den Frauen, ihre Unfähigkeit zu ge- 
schlossener Vertretung ihrer Interessen oft genug darin für die 
Männerarbeit verhängnisvoll gezeigt, dass die Stellen, die von 
Männern auf dem Wege des Streiks verlassen, von Frauen unter 
noch weit ungünstigeren Bedingungen eingenommen wurden. 
Lady Dilke erzählt auch, wie die Frauen in der File-Industrie in 
Sheffield das Sweating-System, gegen das die Männer geschlossen 
kämpfen, wieder einführen, indem sie in der Hausindustrie Mädchen 
für geringen Lohn als „Lehrlinge** annehmen. 



— 272 — 

So kamen die Männer dazu, die Frauen in ihre Geweric- 
schaften aufzunehmen. Vereinzelt war das schon in den ersten 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geschehen, wie 1824 in Lancashire, 
in grossem Umfange aber und aus der vorher erwähnten Einsicht 
heraus erst, seit die Liga ihre Arbeit begonnen hatte. 1875 schon 
wurde die Frage von Miss Simcox vor den grossen Gewerk- 
schaflskongress gebracht und die Zusicherung erlangt, dass man 
die Bewegung der Frauen unterstützen wolle. Seit Mitte der 
achtziger Jahre hat das Eindringen der Frauen in die männlichen 
Gewerkschaften ständig und rasch zugenommen. Genaue Angaben 
sind über den Umfang der gewerkschaftlichen Organisation unter 
den Frauen nicht zu machen, wegen der ausserordentlichen 
Schwankungen, denen die Verhältnisse hier unterworfen sind. Im 
Jahre 1898 sind von 826 735 Frauen in Fabriken und 250 380 in 
Werkstätten 116 016 Frauen organisiert. Das sind etwa 10 Prozent ') 
Von den männlichen Gewerkvereinen nehmen 25, zum Teil grössere 
Distrikte umfassend, zum Teil das ganze Reich, weibliche Mitglieder 
auf. Dem stehen 13 Trade Unions mit ausschliesslich weiblichen 
Mitgliedern gegenüber. Die Textilarbeiterinnen sind fast durch- 
gehend mit den Männern zusammen organisiert, die Ladnerinnen 
haben gar keine gesonderte Organisation. 

Was nun die Leistungen dieser Gewerkvereine betrifft, so ist es 
selbstverständlich nur möglich, die Hauptaufgaben ihrer Thätigkeit 
zu berühren. 

Da die Women's Trade Union-League zu dem Zweck ge- 
gründet war, das Arbeitsverhältnis zwischen Arbeiterinnen und 
Unternehmern in gerechtem Sinne zu regeln, so stiess sie natürlich 
zuerst auf heftigen Widerstand bei den Arbeitgebern, der in jedem 
einzelnen Fall erst aufgegeben wurde, wenn man einsah, dass die 
Koalition der Arbeiterinnen nicht mehr zu verhindern war, und 
der im ganzen genommen erst durch den Druck der öffentlichen 
Meinung, die die Liga für sich eroberte, allmählich aufhörte. Die 
Streiks haben seit Gründung der Liga nicht zugenommen. Wohl 
sind die Arbeiterinnen hier und da durch die Arbeit der Liga erst 
so gekräftigt, dass sie einen Streik beginnen konnten, das wird 
aber dadurch ausgeglichen, dass die Liga andrerseits durch Ver- 
breitung genauer Kenntnis der Marktbedingungen von ungerechten 
und unbesonnen inscenierten Streiks zurückhielt und sehr viele 
Verbesserungen auf dem Wege der Verhandlungen mit den Unter- 
nehmern erreichte. 



Annual Report of the Chief Inspector of Factories and Workshops for 1898. 



— 273 — 

Eine weitere wichtige Arbeit der Liga liegt auf dem Gebiet 
5es Arbeiterinnenschutzes im engeren Sinne. Seit ihrer Be- 
gründung hat die Liga daran gearbeitet, Einfluss auf die Gesetz- 
gebung zu gewinnen. Der erste wichtige Schritt war die von 
Mrs. Patterson selbst auf dem Gewerkvereinskongress von 1877 
erhobene Forderung weiblicher Fabrikinspektion. Es dauerte 
sehr lange, bis dieser Forderung Geltung verschafft war. Auf den 
Jahresversammlungen von 1890, 1891 und 1892 trat die Women's 
Liberal Federation in die Agitation mit ein und verlangte Fabrik- 
inspektorinnen für alle Gewerbe, in denen Frauen in hohem 
Prozentsatz beschäftigt waren. Zur Erfüllung dieser Forderung 
kam es vor allem durch die Mitarbeit von vier Frauen bei der 
Enquete der Labour Commission von 1892. 1893 wurden Miss 
Paterson und Miss Abraham zu Fabrikinspektoren ernannt. Miss 
Abrahams Name war bereits verknüpft mit einem Erfolg der Liga 
auf dem Gebiet des Arbeiterinnenschutzes, nämlich mit dem Kampf 
der Wäscherinnen um Ausdehnung der Fabrik- und Werkstätten- 
gesetze auf ihr Gewerbe. 1894 werden zwei weitere Fabrik- 
inspektorinnen angestellt, 1895 noch eine, und die Pflichten wurden 
nun auf Grund der gemachten Erfahrungen genau begrenzt Augen- 
blicklich giebt es sieben weibliche Fabrikinspektoren, die zusammen 
ein besonderes Women's Department in der königlichen In- 
spektionsbehörde bilden. An der Spitze dieses Departments steht 
Miss Anderson als Principal Lady Inspector. 

Was die Liga im übrigen für den Arbeiterinnenschutz gethan 
hat, geschah meist auf dem Wege, dass sie ihre Forderungen auf 
dem Gewerkschaftskongress vertrat und das parlamentarische 
Department dieses Kongresses veranlasste, sie geltend zu machen. 

In der jüngsten Zeit waren es besonders die Arbeiterinnen in 
Töpfereien und Zündholzfabriken, die der Fürsorge der Liga be- 
durften. Eine ganze Zahl von Aufrufen, Flugschriften und 
Memoranden über die Zustände in den Potteries sind von der 
Liga verfasst, nachdem eines der Mitglieder an Ort und Stelle 
Untersuchungen gemacht hatte. Besondere Schutzgesetze, die lead- 
rules für die Töpfereien, stehen bevor. Auch in andrer Weise 
hat die Liga für die Arbeiterinnen in den genannten Betrieben zu 
sorgen gesucht Sie hat einen Fonds gesammelt zur Unterstüzung 
solcher, die durch Vergiftungskrankheiten arbeitsunfähig werden, 
und damit schon vielen Kranken geholfen. 

Überhaupt hat die Liga — das führt uns auf das dritte Feld 
ihrer Bethätigung — durch Wohlfahrtseinrichtungen jeder Art, 

Handbuch der Frauenbewegung. L Teü. Xo 



— 274 — 

durch Organisation von Klubs, durch Einrichtung von Bibliotheken 
und Unterhaltungsabenden, durch Errichtung einer Penny-SparkassCt 
durch einen ausgedehnten Arbeitsnachweis in London die Lage 
der Arbeiterinnen zu verbessern gesucht. Auf diese Seite ihres 
Wirkens im einzelnen einzugehen, verbietet sich im Rahmen dieser 
Darstellung um so mehr, als gerade auf diesem Gebiet die Be- 
strebungen der Trade Union League, die zuerst auf eine sehr breite 
Basis gestellt waren, zum Teil von andern Organisationen mit 
aufgenommen wurden, die wiederum ihre Aufgaben Ober den für 
die Trade Unions gebotenen Rahmen hinaus auf weitere Kreise 
der arbeitenden Bevölkerung und auf andre Gebiete noch er- 
streckten. Von diesen sind die wichtigsten der „Women's 
Industrial Council" und das „Industrial Law Committee" 
einerseits, die „Women's Cooperative Guild** andrerseits. 

Der Women's Industrial Council ist 1894 gegründet worden 
auf Grund von Erfahrungen, die die Trade Union Association 
bei Organisationsversuchen im Eastend von London machte. Es 
ergab sich dabei die Notwendigkeit einer so eingehenden und 
mannigfaltigen Vorarbeit, dass die Trade Union Association ihre 
Kräfte daran zersplittert hätte. Zu diesem Zweck wurde nun von 
Mitgliedern der verschiedensten Organisationen der Women's 
Industrial Council gegründet unter dem Vorsitz von Lady 
Aberdeen. Er hat seit seinem Bestehen auf den aller- 
verschiedensten Gebieten der Frauen- und Kinderarbeit durch 
Enqueten und Recherchen, durch Anregung zur Organisation^ 
durch die Verbreitung von Informationen über industrielle Fragen, — 
man hat z. B. die Fabrikgesetzgebung zu leichterer Einprägung in 
Reime gebracht — durch eine ständige und eine zirkulierende 
Bibliothek u. s. w. die Arbeit der Trades Unions und Clubs ergänzt 
Seine Thätigkeit verteilt sich auf verschiedene Kommissionen: 
für Enqueten und Recherchen, für organisatorische Arbeit, für 
Statistik, parlamentarische Angelegenheiten und Gesetzgebung. 
Sein Organ ist eine Vierteljahrsschrift: The Woman's Industrial 
News. Erhebungen sind z. B. gemacht über Frauenarbeit in ver- 
schiedenen Industrien, in der Blumenfabrikation, im Buchdruck- 
gewerbe, in der Buchbinderei etc., über gewerbliche Beschäftigung 
von Schulkindern, über die Beschäftigung der aus den Volks- 
schulen entlassenen Mädchen u. s. w. Der Industrial Council hat 
sich auch mit Untersuchungen über Unfälle der Dienstmädchen, 
über die Beschäftigung von Frauen und Mädchen, die Armenunter- 
stützungen erhalten, mit der Frage der Unterbringung erwerbs- 



— 275 — 

thätiger gebildeter Frauen beschäftigt. Er hat auf seinen Arbeits- 
gebieten, z. B. in der Frage der gewerblich thätigen Schulkinder, 
die Anregung gegeben, dass das Parlament Missstände ins Auge 
fasste und Massregeln zu ihrer Abstellung beriet. Eine grosse 
Organisation, die auf seine Anregung entstand, ist die Club's 
Industrial Association, der 31 Arbeiterinnenklubs angehören und 
die vor allem der Verbreitung der Fabrik- und Werkstättengesetze 
dient. 

In derselben Weise arbeitet in Schottland der gleichfalls unter 
dem Vorsitz von Lady Aberdeen stehende Scottish Council for 
Women's Trades und der Liverpool Women's Industrial Council. 

Eine Ergänzung der Arbeit des Industrial Council ist das 
Industrial Law-Committee, eine Centrale für Rechtsschutz, die auf 
jede Weise, durch Popularisierung der Schutzgesetze unter den 
arbeitenden Frauen und unter allen in der Wohlfahrtspflege 
beschäftigten Personen, durch Vertretung der Rechte der Arbeiterinnen 
vor den betreffenden Behörden etc., für die Durchführung der zu 
ihrem Schutz geschaffenen Gesetze Sorge trägt. 



In der Genossenschaftsbewegung (Cooperative - Movement) 
kommen Frauen natürlich in erster Linie als Konsumenten der 
Distributiv- Genossenschaften, der eigentlichen Konsumvereine, in 
Betracht An der geschäftlichen Verwaltung dieser Unternehmungen 
sind sie noch wenig beteiligt. Unter den Produktivgenossen- 
schaften sind weibliche Unternehmen erst in kleinen Anfängen 
vorhanden. Der Gedanke, durch genossenschaftliche Werkstätten 
dem Übel der Zwischenmeister abzuhelfen, hat allerdings schon 
in der allerersten kleinen Women's Employment Society — gerade 
wie ursprünglich auch in der deutschen Frauenbewegung — zu 
Versuchen in dieser Richtung gelockt, die Ausführung ist aber 
hier wie dort ungeahnten Schwierigkeiten begegnet. So ist es 
nur zu einzelnen dauernden Gründungen gekommen, die in ihrer 
Vereinzelung naturgemäss noch keine Bedeutung für den Arbeits- 
markt haben. 

In der Einsicht, dass auf diesem Gebiet noch eine grosse er- 
ziehliche Arbeit zu leisten ist, ehe man an praktische Versuche 
geht, hat die Gründung der Women's Cooperative Guild, des 
Frauen-Genossenschaftsbundes, im Jahre 1883 veranlasst. Die An- 
regung dazu ging von dem späteren Unterrichtsminister Acland 

i8* 



— 276 — 

aus. Der geschäftliche Charakter tritt in ihr ganz hinter den 
erziehlichen und sozialen zurück. Sie soll die Frauen zum Studium 
und zur Ausführung genossenschaftlicher und andrer Methoden 
sozialer Reform, sowie verbesserter Methoden der Haushalts- 
führung erziehen und den Einfluss der Frau in der gesamten 
Genossenschaftsbewegung stärken. Mitglieder des Bundes sitzen 
im Centralvorstand des grossen Genossenschaftsverbandes und in 
verschiedenen seiner Kommissionen. Der Bund beschäftigt sich 
vor allem damit, die ärmsten Schichten der Bevölkerung über 
hygienische und hauswirtschaftliche Fragen aufzuklären und ihnen 
Mittel an die Hand zu geben, durch die sie ihre Lebenshaltung 
verbessern, vor allem mit Bezug auf die Wohnfrage. Er hat 
einen ausserordentlich günstigen Einfluss geübt auf das Verhalten 
der Frauen in den Konsumvereinen, indem er dem Verlangen der 
Beteiligten nach hohen Dividenden, die die Vereine zur Herauf- 
schraubung ihrer Preise nötigen und damit ihren Nutzen gerade 
für die ärmste Bevölkerung beschränken, entgegenarbeitet. Der 
Bund steht unter Leitung von Miss Margarete Ciewelyn Davies 
und umfasst in seinen Sektionen, Distriktsverbänden und Zweig- 
vereinen ca. 13 000 Einzelmitglieder. ») 

X. 
Die Stimmrechtsbewegung nach John Stuart Blills Tode.^ 

Die Bewegung zur Erlangung des Frauenstimmrechts hat die 
moderne Entwicklung des englischen Staatswesens zu einem 
liberalen Repräsentativsystem bis heute begleitet, bis heute, ohne 
zum Ziel zu kommen. Die Regierung] nahm, schon als 1870 
Sir Jacob Bright als Nachfolger Mills die Women's Disabilities 
Removal Bill einbrachte, Stellung dagegen. Schwerwiegender war 
es aber noch, dass Gladstone und Sir John Bright sich als 
Gegner des Frauenstimmrechts zeigten. In einer längeren Rede 
zu Sir Jacob Bright's Bill am 3. Mai 187 1 erkannte Gladstone 

I) Vgl. Die Jahresberichte. Deutsche Berichte von Helene Simon in verschiedenen 
Jahrgängen der .Gleichheit". Alice Salomon. Centralblatt des Bundes deutscher Frauen- 
vereine 1901, No. xa. Eine zusammenfassende Darstellung von Eduard Bernstein. 
Wochenbericht deutscher Konsumvereine 1901, No. 45 und 46. 

*) Litteratur: Theodore Stanton a. a. C, S. i. — History of Woman Suffrage, IQ. Bd. 
S. 848flr. — Mrs. Ashton Dilke. Wm. Woodall M. P. Woman Suffrage. Imperial 
Parliament series. London. Publikationen der National Union of Woman Suffrage Societies, 
der Women's Local Government Society. — Woman Suffrage Journal 1870 ff. — Parliamentary 
Debates. — HelenBlackburn. A Handbook for Women etc. London 1895. 



— 277 — 

allerdings an, dass die Ausschliessung der Frauen von der Ver- 
tretung des Volkes in vielen Fällen einer Ungerechtigkeit nahe 
käme, so z. B. für die Gutsbesitzerinnen, aber er drückt sich 
darin sehr vorsichtig und sehr bedingt aus, verkleidet seine 
Äusserungen mit vielen „soviel ich urteilen kann" und „ich bin 
nicht sicher ob" und verlässt das Haus bei der Abstimmung ohne 
zu stimmen. Um so wertvoller war die Erklärung D' Israelis auf 
ein Memorial, das ihm 1873, ^^^ ^ ^ ^^^ Frauen unterzeichnet, 
überreicht wurde. Er stimmt zu, dass es eine Anomalie sei, wenn 
die Stimmberechtigung der house-holders und rate-payers nicht 
gilt, im Fall diese Frauen sind, während in dem Stimmrecht für 
die Lokalverwaltung dieser Unterschied nicht gemacht wird. Er 
sieht darin eine Schädigung der besten Interessen des Landes und 
ist sicher, dass der Übelstand durch die „Weisheit des Parlaments 
aufgehoben wird". 

Die Propaganda der Stimmrechtler war unterdessen zu immer 
grösserer Ausdehnung und immer festerem Zusammenschluss 
gelangt. Seit 1870 hatte man in dem Women's Suffrage Journal 
ein Organ für die Bewegung geschaffen. Miss Lydia Becker, 
die Herausgeberin der Zeitschrift, ist überhaupt bis zu ihrem Tode 
die Hauptführerin der Stimmrechtsbewegung. Die Zahl der 
einzelnen Frauenstimmrechtsvereine wuchs ständig, und ihre 
Zusammenfassung in einem Centralkommitee, in das alle Zweig- 
vereine Delegierte entsendeten, ermöglichte in jedem Augenblick 
eine einheitliche Aktion. Die Propaganda wurde durch öffentliche 
Versammlungen — das Woman Suffrage Journal berichtet von 
167 in England und Schottland während des Jahres 1872 — und 
durch die Presse getrieben. Ganz besonders charakteristisch für 
England sind kurze Flugblätter, die entweder Äusserungen einfluss- 
reicher oder populärer Personen zu Gunsten des Frauenstimm- 
rechts, Resolutionen von Versammlungen etc. verbreiten, oder 
aber unter eindrucksvollen Überschriften, in kurzen möglichst 
einfachen Thesen bestimmte Seiten der Frage beleuchten, wie 
„Religion und Politik", „25 Gründe für das Frauenstimmrecht", 
„Warum Frauen das Stimmrecht verlangen" etc. Später hat man 
auch wohl Enqueten über die Stellung bestimmter Gruppen von 
Personen zum Stimmrecht gemacht, so unter wissenschaftlich und 
litterarisch hervorragenden Frauen, unter Geistlichen etc. Diese 
Flugblätter werden von den Vereinen zu Tausenden unter das 
Publikum gebracht und sind für die praktischen Engländer ebenso 
charakteristisch als zweckmässig. Um einen Begriff von der Aus- 



— 278 — 

dehnung der Bewegung zu geben, sei erwähnt, dass im Jahre 187a 
829 Petitionen mit 350093 Unterschriften eingereicht wurden. 
Dank der lebhaften Propaganda der Stimmrechtsvereine, der Be- 
währung des Frauenstimmrechtes in der Munizipalverwaltung und 
auch wohl der Einftlhrung der Ballot-Act, durch die der ruhige 
Vollzug der Wahlen gesichert wurde, hatte sich die parlamentarische 
Lage des Frauenstimnwechts 1875 bedeutend gehoben. Die Ab- 
stimmung über die Women's Disabilities Removal Bill, die bis 
1879 jährlich eingebracht wurde, ergab in diesem Jahr 170 ayes 
gegen 205 noes. Die Gegner des Stimmrechts filhrte diese That- 
sache ihrerseits zum Zusammenschluss, um die „Integrität des 
Stimnwechts gegen die Agitation für die Ausdehnung des parla- 
mentarischen Stimmrechts auf Frauen zu erhalten". Thatsächlich 
ebbt die Bewegung in den folgenden Jahren auch etwas ab, und 
von 1879 — 1884 wird die Women's Disabilities Removal Bill nicht 
eingebracht. 

Eine neue Stärkung erfährt die Bewegung diu-ch die Ver- 
leihung des Frauenstimmrechts auf der Insel Man. Bekanntlich 
hat diese Insel eine von England unabhängige Verwaltung, die 
für ihre Beschlüsse nur der Genehmigung der Königin bedarf. 
Die elektive Körperschaft der Insel Man ist das House of Keys, 
das dem englischen Unterhaus entspricht. 1880 wurde dort eine 
liberale Wahlreformbill eingebracht, und mit 16 gegen 3 Stimmen 
ein Amendement dazu angenommen, das den weiblichen Steuer- 
zahlern das Stimmrecht verlieh. Nachdem die Bill dreimal mit 
Streichung des Amendements aus dem Oberhaus, dem Council, 
zurückkam, und dreimal von dem House of Keys, das diese 
Beschränkung nicht annehmen wollte, wieder hinaufging, wurde 
das Amendement schliesslich in der Form Gesetz, dass es weib- 
lichen Hauseigentümern das Stimmrecht gab. Damit waren etwa 
700 Frauen auf Man wahlberechtigt. — Es mag hier gleich voraus- 
genommen werden, dass 1892 diese Berechtigung auf alle weib- 
lichen Steuerzahler ausgedehnt wurde. — 

Ein weiterer indirekter Fortschritt der Frauenstimmrechts- 
bewegung ist die 1882 erlassene Municipal- Franchise -Bill für 
Schottland, die Frauen das Stimmrecht in den Verwaltungen von 
Städten bis zu einer bestimmten Einwohnerzahl hinauf verlieh. 
Auch die Annahme der Married Women's Property Act von 1882') 
und die Aufhebung der staatlichen Reglementierung des Lasters 



») Vgl s. »59. 



— 279 — 

(Contagious Diseases Act) 1886 wirkt mit dahin, Stimmung für 
das Frauenstimmrecht zu machen. Dasselbe Jahr bringt die 
Erklärung der liberalen Partei zu Gunsten des Frauenstimmrechts 
in einer Resolution ihrer Generalversammlung. 

Eine neue Aussicht schien sich zu bieten durch die Einführung 
einer neuen Franchise- Bill im Jahre 1884. War doch häufig genug 
gesagt worden, dass die wichtige Frage des Frauenstimmrechts 
erst bei einer allgemeinen Umgestaltung des Wahlrechts mit er- 
ledigt werden könne. Eine solche war die Bill von 1884, die 
weitere 2 Millionen Männer in die Repräsentation mit einbezog. 
Aber nun wurde von Gladstone umgekehrt geltend gemacht, dass 
„die Last, die das Schiff trug, nach Ansicht der Regierung schon so 
gross sei, wie es sie nur irgend zu tragen imstande sei," dass ein 
Amendement von solcher Tragweite den Erfolg der Bill zweifelhaft 
machen würde, dass er, Mr. Gladstone, sich „dem Vorschlag, die 
Sache in diese Bill einzufügen, so kräftig widersetzen würde, wie 
es in seiner Macht stünde und dass er jede Verantwortung ablehne, 
wenn es Mr. Woodall (der das Amendement einbrachte) gelingen 
sollte, bei der Kommission die Annahme seines Amendements 
durchzusetzen". Die Folge dieser Stellungnahme Mr. Gladstone's 
war, dass die Bill diesmal zum ersten Male stärkere Unterstützung 
bei den Konservativen fand — und mit 271 gegen 135 Stimmen 
abgelehnt wurde. Die eigentümliche Konstellation der Frauen- 
stimmrechtsfrage mit den Tendenzen der politischen Parteien in 
England wird überhaupt für die Entwicklung der Sache bedeutungs- 
voll. Innerlich steht die Forderung des Frauenstimmrechts dem 
Programm der Liberalen am nächsten, andrerseits würde seine 
Gewährung unzweifelhaft eine Stärkung der konservativen Partei 
herbeiführen. So ist die Frage im letzten Jahrzehnt ein Spielball 
der Parteien geworden, und jedesmal, wenn sie eingebracht wird, 
besteht die Gefahr, dass sie von Amendements erstickt wird, die 
Parteistandpunkte zur Geltung bringen. Eine andre parlamentarische 
Schwierigkeit ist die, dass die Womens Disabilities Removal 
Bill, als eine von einem einzelnen Mitglied eingebrachte, nur an 
Mittwoch - Nachmittagen verhandelt werden darf, und da diese 
Nachmittage gegen Ende der Sessionen meist von der Regierung 
belegt werden, ist es ausserordentlich schwer, die Bill überhaupt 
durch eine Geschäftsperiode zu bringen. 

Von 1884 bis 1897 ^st keine Women's Suffrage Bill wieder 
über die zweite Lesung hinausgekommen. 1886 passierte sie mit 
einer Majorität von 57 Stimmen die zweite Lesung, ging aber nicht 



— 28o — 

mehr in die Kommission, da das Parlament aufgelöst wurde. Den 
grössten Erfolg hatte sie im Jahre 1897, als sie von Mr. Faithfull 
Begg zu einer sehr günstigen Zeit mit der Majorität aus allen 
Parteien durch die zweite Lesung gebracht wurde» Ihren Gegnern 
aber gelang es, die dritte Lesung durch absichtliche Dehnung der 
in der Tagesordnung unmittelbar vorangehenden „Verminous 
Persons' Bill" (verminous persons = mit Ungeziefer behaftete 
Personen) zu verhindern. Seitdem ist keine Bill wieder ein- 
gebracht worden. Die Zusammensetzung des neuen Parlaments 
(von 1900) scheint aber der Frauenstimmrechtsbewegung günstige 
Aussichten zu sichern. Indessen hat die Frauenstimmrechtsbewegung 
günstige Resultate in der Munizipalverwaltung zu verzeichnen. 

1888 ging die County Electors Act durch, die die Grafschafts- 
verwaltung in die Hände eines Grafschaftsrates legte, der von 
Steuerzahlern gewählt wurde. Da die Wahlberechtigung für diese 
Körperschaften durch dieselben Bestimmungen geregelt wurde, wie 
sie für die Munizipalwahlen seit 1882 bestanden, so erhielten steuer- 
zahlende unverheiratete bezw. verwitwete Frauen das aktive Wahl- 
recht für die County Councils. Ein Versuch von Miss Cobden 
und Lady Sandhurst, eine Auslegung durchzusetzen, nach der 
Frauen auch das passive Wahlrecht besassen, endigte mit einer 
Entscheidung des Gerichtshofes, die sie des bereits eingenommenen 
Amtes als county-councillors wieder entsetzte.*) Die County Electors 
Act in Schottland erklärte entsprechend den Bestimmungen des 
dortigen Munizipalwahlrechtes auch verheiratete Frauen für stimm- 
berechtigt 

Der wichtigste Schritt aber ist die Local Government Act 
von 1894, durch die in Bezug auf Parish und District Councils 
folgendes bestimmt wurde: 

Clause 3. Niemand soll durch Geschlecht oder Heirat davon aus- 
geschlossen sein, Mitglied eines Parish-Council zu sein oder dazu erwählt 
zu werden. 

Clause 20. Niemand soll durch Geschlecht oder Heirat davon aus- 
geschlossen sein, Waisenpfleger zu sein oder dazu erwählt zu werden. 



I) Lady Sandhurst und Miss Cobden hatten sich in den county-council von London 
wflhlen lassen auf Grund des § ii der Munizipalacte von x88a, der alle fOr wählbar erklärte, 
die zur Zeit der Wahl wahlberechti^ waren, und, durch die vielberufene Lord Brougham*s 
Act kommentiert, auch Giltigkeit fQr die Frauen habe, während der § 63 derselben Act nur 
die Frauen zulässt, ,wo das Stimmrecht in Frage kommt*. Der Gerichtshof, dessen Ent- 
scheidung der durch Lady Sandhurst geschlagene Wahlkandidat anrief und das Berufungs- 
gericht erklärten sich gegen die Wählbarkeit der Frauen. (VgL Law Reports. Supreme 
Court of Judicature. Bd. aa. 1889.) 



— 28l — 

Clause 43. In Bezug auf diese Act soll eine Frau nicht durch 
Heirat davon ausgeschlossen sein, auf der Wahlliste irgend einer Lokal- 
verwaltung zu stehen, oder Wähler für irgend eine lokale Autorität zu 
sein, vorausgesetzt, dass ein Ehegatte und seine Frau nicht beide durch 
dasselbe Eigentum qualifiziert seien.! 

Damit erhalten die Frauen also das aktive Wahlrecht für alle 
Lokalverwaltungen, wobei nur für County- und Town-Councils die 
verheirateten Frauen ausgeschlossen sind, und das passive Wahl- 
recht für Parish und District Councils. ») 

Eine noch weiter gehende Bestimmung enthält die Irish Local 
Government Act von 1898, die Frauen in den Lokalverwaltungen 
gleichberechtigt neben die Männer stellt. 

In den englischen Parish-Councils sind seit 1894 schon über 
hundert Frauen thätig gewesen, einige auch an leitender Stelle. 
Der Parish-Council verteilt die ihm obliegenden Ämter unter sich, 
dahin gehört das des overseers, der die Armen- und Schulsteuem 
zu erheben hat, die wahlberechtigten Personen registriert; der 
parish-council verwaltet das Eigentum der parish, den Ankauf und 
die Verpachtung von Grund und Boden; ihm unterstehen die 
Wasseranlagen und der Wegebau, Strassenbeleuchtung und Be- 
aufsichtigung, die Einrichtung und Verwaltung von öflFentlichen 
Bade- und Waschanstalten, von Volksbibliotheken und B^;räbnis- 
plätzen u. s. w. Dieselben Funktionen etwa liegen den städtischen 
Verwaltungsbehörden ob. Eine besondere Art Behörde stellen 
die bis 1900 bestehenden Londoner Vestries dar. Für sie waren 
Frauen wählbar, während sie es für die entsprechende Behörde 
einer grösseren inkorporierten Provinzstadt nicht gewesen wären. 
Den Vestries liegt die Ausführung der Public-Health und Highway- 
Act ob, sie sind somit eine Art Sanitäts- und Baupolizei. Im 
Jahre 1899 waren in den Vestries 12 Frauen thätig, vorzugsweise 
in den Sanitätskommissionen, und man hat gerade hier, in der 
Kunst, die niederen Schichten der Bevölkerung zur Beobachtung 
hygienischer Vorschriflen zu erziehen, ihren Einfluss ausser- 
ordentlich vorteilhaft gefunden. Durch die London Government 
Act nun von 1900 werden die Vestries in sogenannte Metropolitan 
boroughs verwandelt, deren Befugnisse nur wenig — nämlich 
um die Aufgabe des „housing of the poor" — erweitert waren. 
Durch diese Umwandlung konnten nun entweder Frauen von der 
bisherigen Arbeit ausgeschlossen werden, da sie für Borough- 

1) In District-Coundls können sie nur nicht den Vorsitz führen, da dieses Amt zugleich 
das des Sherifif in der Grafschaft einschliesst, zu der der Distrikt {^ört 



— 282 — 

Councils nicht wählbar waren, oder aber sie erhielten die 
Qualifikation auch für die neue Behörde, das würde aber ihre 
Wählbarkeit zum Amt der Aldermen und des Lord Mayor in sich 
geschlossen haben. 

Trotz der eifrigsten Bemühungen der Women's Local 
Government Society, trotz warmer Reden der Freunde des 
Frauenstimnu-echts im Unterhaus und Oberhaus, wo Lord Salisbuiy 
selbst und der Erzbischof von York für die Frauen eintraten, 
trotz der Erklärung der Londoner Behörde zu Gunsten der Frauen, 
ging die Act, die die Frauen aus der Londoner Verwaltung aus- 
schloss, durch und trat im November 1900 in Kraft. 

Doch zweifelt man nicht, dass es den Frauen binnen kurzer 
Zeit gelingen wird, die verlorenen Posten zurückzugewinnen. 

Der Arbeit der Vereine, die das Frauenstimnwecht zum Ziel 
haben, steht somit noch viel zu erreichen bevor. Ihre aus- 
gezeichnete Organisation und die Leistungsfähigkeit ihrer 
Führerinnen, vor allem der Mrs. Henry Fawcett im Vorstand 
der National Union of Women's Suffrage Societies, machen es 
zweifellos, dass sie Erfolg haben werden. Die Union besteht 
augenblicklich aus vier grossen englischen, einem schottischen 
und einem irischen Verbände. 

XI. 

Die politischen Frauenvereine. 

Eine spezifisch englische Erscheinung sind die grossen 
politischen Frauenvereine. Sie entstanden in den achtziger Jahren, 
und man würde sie nicht zur Frauenbewegung rechnen dürfen, 
wenn ihnen nicht zum Teil der Gedanke zu Grunde läge, die 
Frauen zur Ausübung des Stimmrechts zu befähigen, sie zu 
politischen Interessen, zur Beurteilung politischer Fragen zu er- 
ziehen, damit sie einmal im politischen Leben ihre Stelle ausfällen. 

Am wenigsten tritt dieser Gedanke in der Ladies' Primrose 
League, dem weiblichen Zweige der grossen konservativen Partei- 
organisation, in England und Schottland hervor. Die Ladies' 
Primrose League hat die drei grossen Ziele des Konservatismus: 
Erhaltung der Religion, der Verfassung, d. h. des Throns, des 
Ober- und Unterhauses, Erhaltung der „Imperial Ascendency** des 
Britischen Reiches, durch Versammlungen, Vorträge, die Presse, 
durch Unterstützung der Wahl konservativer Kandidaten zu fördern. 
Ihre Bedeutung für die Wahlagitation ist nach der Versicherung 



- 283 - 

aller sehr gross. Zur Ladies* Primrose League gehören über 
iV* Millionen Frauen in 2346 Zweigvereinen. 

In der liberalen Partei ist eine Scheidung eingetreten. Die 
Women's National Liberal Association steht in demselben Ver- 
hältnis zur liberalen Partei, wie die Ladies* Primrose League zur 
konservativen. Sie verfolgt nur die Ziele der grossen National 
Liberal Association der Männer. Daneben aber entstand 1884 
unter der Führung von Lady Carlisle die Women's Liberal 
Federation, die neben der Förderung liberaler Prinzipien im 
allgemeinen ein besonderes Ziel aufstellte: gerechte Gesetzgebung 
für Frauen und Kinder. Dieselben Ziele bestehen für die Schottische 
Liberal Federation unter Lady Helen Munro-Fergusan. Die 
grosse seit der Gründung der Federation noch nicht zur Ruhe 
gekommene Streitfrage ist es nun, inwieweit dies zweite Ziel für 
die politische Agitation massgebend gemacht werden soll. Soll 
für einen liberalen Kandidaten gearbeitet werden, auch wenn man 
weiss, dass er gegen das Frauenstimmrecht stimmen wird? oder, 
um das übliche Schlagwort zu gebrauchen, soll Women s Sufirage 
zur „test question" gemacht werden? Eine starke Partei in der 
Federation, die sogenannten „practical suffragists'', stellen immer 
wieder auf der Generalversammlung diese Forderung; sie ist bis 
heute immer wieder abgelehnt worden. Die Women*s Liberal 
Federation arbeitet hauptsächlich unter den Frauen der Arbeiter- 
klasse, mit denselben Mitteln, wie die Prinu*ose League. Sie ist 
entschieden die in politischer Beziehung selbständigste Frauen- 
organisation. Sie hat das am deutlichsten in der letzten Zeit durch 
eine Erklärung ihrer Generalversammlung von 1900 und 1901 zu 
Gunsten der Unabhängigkeit der Transvaalstaaten gezeigt 

Eine Abzweigung der Women's Liberal Federation ist die 
Women's Liberal Unionist Association, die sich 1888, durch die 
Irland-Politik Gladstone's veranlasst, von den Liberalen trennte 
und besonders konstituierte. Sie steht unter dem Vorsitz von 
Lady Cavendish und zählt Mrs. Fawcett zu ihren Vorstands- 
mitgliedern. 

xn. 

Die Sittlichkeitsbewegung in England. 

Aus der englischen Sittlichkeitsbewegung gehört streng ge- 
nommen nur ein Kapitel zur Frauenbewegung, die Bewegung 
gegen die staatliche Reglementierung des Lasters; die Rettungs- 
arbeit, die Rescue- und Vigilance-Bestrebungen sind deshalb nicht 



— 284 — 

eigentlich dazu zu zählen, weil sie sich nur mit der persönlichen 
Fürsorge für die einzelnen Opfer dieser Verhältnisse, nicht aber 
mit Massnahmen für eine Änderung der Verhältnisse an sich 
beschäftigen. Sie fallen damit in das grosse Gebiet der philan- 
thropischen Arbeit. 

Bis zum Jahre 1864 bestand in England keine staatliche 
Reglementierung. Nach verschiedenen wieder aufgegebenen Ver- 
suchen, das Pariser System einzuführen, wurde schliesslich 1864 
die erste „Contagious Diseases Act" erlassen, durch die in 19 Sce- 
und Garnisonstädten eine Kontrolle über die Prostituierten ein- 
geführt wurde. Durch weitere Acte von 1866, 1868 und 1869 
wiu"de dieses Kontrollsystem noch ausgestaltet und erweitert; aber 
schon ehe dieser letzte Schritt gethan war, erhob sich der Protest 
der Frauen, setzte die Sittlichkeitsbewegung der Frauen ein. 
Harriet Martineau veröflFentlichte in den Daily News einen 
scharfen Protest gegen das Kontrollsystem, jedoch ohne einen 
nennenswerten Erfolg. Zwei Arzte wandten sich, nachdem die 
Akte von 1869 in Kraft getreten war, an Mrs. Josephine Butler, 
die Frau eines englischen Theologen, mit der Bitte, einen Protest 
der Frauen gegen das Gesetz zu veranlassen. Dieser Protest,') 
den die in der Frauenbewegung führenden englischen Frauen, 
Florence Nightingale, Harriet Martineau, Mrs. Jacob 
Bright, Mary Carpenter, Lydia Becker und über 200 andre 
Frauen unterzeichneten, wendete sich gegen das Gesetz mit 
moralischen, politischen und hygienischen Gründen. Die Frauen 
protestieren gegen eine Massnahme, die die Unsittlichkeit ermutigt 
und gegen ihre Konsequenzen schützt; sie protestieren als 
Bürgerinnen eines freien Staates gegen ein Gesetz, das die 
Freiheit der Frau der diskretionären Gewalt der Polizei ausliefert; 
sie protestieren gegen eine Bestimmung, die ihren sanitären Zweck 
gar nicht einmal erfüllen kann.') 

Dieser Protest wurde der Ausgangspunkt ftlr den „nationalen 
Bund der englischen Frauen". Trotzdem das Vorgehen der 
Frauen von der Presse lange Zeit totgeschwiegen wurde, lenkte 
es doch die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Sache, und leitete 
eine Bewegung ein, die sich bald in einer ganzen Reihe von Ver- 
bänden in allen Teilen Englands organisierte. Durch öffentliche 
Versammlungen, durch Versuche zur Beeinflussung der Wahlen, 



1) Daily News, i. Jan. 187a VgLauch: Josephine Butler. Personal Reminiscences 
of a Great Crusade. London 1898. 

>) Vgl. Actes du Congrte de Genive. Tome I. NeufchAtel iBrjS. 



- 285 — 

durch Petitionen und Adressen an das Parlament, an die Regierung 
oder an einzelne einflussreiche Parlamentsmitglieder, durch Ver- 
breitung von Flugschriften suchte man die Opposition gegen die 
Akte zu stärken. Der Kampf, zumal in den der Reglementation 
schon unterworfenen Städten, führte zuweilen sogar zu tumul- 
tuarischen Scenen, die Mrs. Butler geradezu in Lebensgefahr 
brachten, doch fand man Anhänger in allen Bevölkerungsklassen. 
In dem Shield (1870) schufen sich die Abolitionisten ein Organ. 
Im Parlament wurde die Zurückziehung der Contagious Diseases 
Act von 1869 durch eine von Mr. Fowler eingebrachte Bill 1870 
gefordert. Das Resultat war die Einsetzung einer Kommission, 
um die Ausführung und die Resultate der Act zu untersuchen. 
Auf ihren Bericht hin brachte die Regierung 1872 selbst Ab- 
änderungsvorschläge zur Contagious Diseases Act ein, die einige 
Zugeständnisse an die Abolitionisten enthielten, aber das Kontroll- 
system in etwas andrer Form über das ganze Reich ausdehnen 
sollten. Sie fanden jedoch im Parlament keine Unterstützung und 
wurden fallen gelassen. 

Als 1874 die politische Konstellation die abolitionistische 
Sache in England für eine Weile in den Hintergnmd drängte, be- 
schlossen ihre entschiedensten und thatkräftigsten Vertreter, die 
Bewegung auf dem Kontinent zu entfachen, in der Erkenntnis, dass 
die fast allgemeine Verbreitung des Kontrollsystems auf dem 
Kontinent einen Druck auf England ausüben musste. An der 
Spitze dieses „Kreuzzuges durch das zivilisierte Europa" stand 
wieder Mrs. Butler, die in Frankreich, Italien, der Schweiz eine 
Reihe von Anhängern gewann und überall Anregung zur Gründung 
von Landeskomitees gab. 1877 schlössen sich diese zusammen in 
der „Fdddration Britannique, Continentale et Gdn^rale** auf dem 
Kongress von Genf, der von über 500 Delegierten besucht war. 
Die weitere Entwicklung der Föderation, an der Josephine 
Butler immer einen hervorragenden Anteil hatte, gehört nicht in 
den Rahmen dieser Darstellung. 

In England gewann die Opposition fortdauernd an Breite und 
Entschiedenheit Allein im Jahre 1875 wurden 2219 Petitionen 
mit 200000 Unterschriften um Zurückziehung der C. D. A. dem 
Parlament eingereicht. Die Abstimmung im Parlament, wo die 
Sache 1876 wieder aufgenommen wurde, ergab schon eine be- 
deutend geringere Majorität zu Gunsten der Akte. Trotzdem hielt 
sich diese Majorität während der Dauer des derzeitigen Parlaments, 
d. h. bis 1880. Auch dann mussten die Abolitionisten ihre Propaganda 



— 286 — 

noch sechs Jahre fortsetzen, bis endlich 1886 das Siegel der 
Königin die Vernichtung des Kontrollsystems zur Thatsache machte. 



Die oben gegebene Darstellung beschäftigt sich nur mit der 
Frauenbewegung im eigentlichen und engsten Sinne. 

Das ausserordentlich umfassende Gebiet der weiblichen Wohl* 
fahrtspflege in England, die grossen Arbeitsgebiete der Charity- 
Organisation-Society, der Rettungsgesellschaften, die Beteiligung 
der Frauen an der Settlement-Bewegung und an den in allen Be- 
völkerungsschichten bestehenden Clubs, die grossartigen Frauen- 
Temperenzbestrebungen u. s. w. auch nur annähernd ihrer 
Bedeutung entsprechend zu würdigen, ist innerhalb des g^^benen 
Raumes nicht möglich. Es sei nur erwähnt, dass die im Jahre 
1888 gegründete „National Union of Women Workers of Great 
Britain and Ireland" die philanthropische Frauenarbeit im Inter- 
national Council of Women vertritt und in seinen Sektionen eine 
Centralisation der Reformarbeit nach ihren einzelnen Gebieten 
versucht hat Die Wirksamkeit des National Council scheint jedoch 
noch zu kurz, um die Idee seiner Gründung vollständig zu ver- 
wirklichen. ') 



Die Entwicklung der Frauenbewegung in den britischen 
Kolonialgebieten, in Canada, Indien und den Südseeländem, ist 
durch die durchaus eigenartigen kulturellen und ethnologischen 
Verhältnisse, aus denen sie hervorgeht, in so besonderer Weise 
bestimmt, dass eine erschöpfende oder auch nur einigermasseu 
gründlich orientierende Darstellung viel mehr Raum beanspruchen 
würde, als ihr im Interesse des einheitlichen Charakters dieser 
Sammlung gegeben werden kann. 

Um seiner praktischen Bedeutung für die Frauenbewegung 
der übrigen Kulturländer willen sei hier nur ein Gebiet der Frauen- 
frage in den Südseekolonien berührt, wenigstens insoweit als die 
Thatsachen kurz registriert werden sollen, das ist das Frauen- 
stimmrecht. 

In drei von den sieben Staaten der Australischen Föderation 
besitzen die Frauen das politische Wahlrecht, in Neuseeland, Süd- 



1) Näheres s. English Woman's Yearbook. 1901. p. 939. 



— 287 — 

australien und Westaustralien. In Victoria, NeusOdwales und 
Tasmania steht seine Einführung bevor. 

Den Anfang dazu machte Neuseeland. Eine Anzahl von 
Parlamentsmitgliedern, Sir John Hall, Sir H. Atkinson, Mr. Ballance, 
treten seit 1890 für die Ausdehnung des Stimmrechts auf die 
Frauen ein. Gleich der erste dahin zielende Antrag, der im Unter- 
hause eingebracht wurde, erhielt die Majorität; doch wurde die 
Bill mehrere Male vom Oberhause verworfen, bis sie 1893 mit 
einer Stimme Majorität durchging. ') 

In Süd-Australien kam die Frage im Parlament schon 1885 
zum ersten Mal zur Sprache. Mr. Stirling, ein Professor der 
Universität Sidney, brachte im Unterhaus den Antrag ein. Da die 
Geschäftsordnung allen von „private members" eingebrachten 
Bills sehr geringe Chancen giebt, in einer Legislaturperiode zur 
Erledigung zu kommen, so war erst Aussicht auf Erfolg, wenn 
die Regierung die Frauenstimmrechtsbill selbst einbrachte. Das 
geschah 1893, und 1894 wurde sie angenommen. Ob diese Bill 
wie die von Neu-Seeland das passive Wahlrecht einschliesst, 
darüber sind die Berichterstatter verschiedener Ansicht. Während 
Ostrogorski •) und Eliza Jchenhaeuser ') annehmen, dass der Wort- 
laut der Act nur das aktive Wahlrecht berühre, geht aus der 
Darstellung einheimischer Berichterstatter, so des Agent General 
for South Australia Mr. Cockburn, der Mrs. Chatterton in Bezug 
auf Neu-Seeland, hervor, dass gesetzlich der Wahl von Frauen in 
die gesetzgebenden Körperschaften nichts entgegenstehe. Eine 
praktische Bedeutung hat diese Frage im eigentlichen Sinne noch 
nicht gewonnen; doch ist in Süd- Australien bei der Wahl von 
Delegierten für die interkoloniale Konvention, die über die 
Föderation der Kolonien zu beraten hatte, ein weiblicher Kandidat, 
Miss Spence, aufgestellt worden. 

Die Beteiligung der Frauen an den Wahlen ist in beiden 
Staaten eine rege, das Verhältnis der Zahl der abgegebenen 
Stimmen zu der der Stimmberechtigten ist bei beiden Geschlechtern 
etwa gleich. Einen Einfluss auf das Verhältnis der Parteien im 
Parlament scheint das Frauenstimmrecht, so lange es besteht, nicht 



>) VgL The Working of Womcn's Suffrage in New-Zealand and South-Australia. By 
Hon. W. P. Reeves and Hon. L A. Cockburn. Published by the National Union of 
Women's Suffrage Sodeties. London 1899. Mrs. Chatterton. Neuseeland und seine 
Frauen. Monateschrift „Die Frau*. August 1895. Eliza Ichenhaeuser. Die politische 
Gleichberechtigung der Frau. Berlin 1898. 

s) Die Frau im öffentlichen Recht Leipzig 1897. S. 54. 

5) A. a. O. S. 48 ff. 



— 288 — 

ausgeübt zu haben; die Erwartung, dass klerikale und konservative 
Elemente durch die Frauen gestützt werden würden, ist nicht in 
Erfüllung gegangen. Von allen Seiten wird jedoch hervorgehoben, 
dass die Frauen bei der Abgabe ihrer Stimmen ein starkes Gewicht 
auf die moralischen Eigenschaften des Kandidaten legen, und in 
dieser Beziehung ein gewisser Einfluss ihrer Beteiligimg an den 
Wahlen zu konstatieren sei. Umgekehrt habe der Besitz der 
politischen Rechte die Frauen entschieden auf ein höheres 
intellektuelles Niveau erhoben, und die Mitverantwortlichkeit habe 
ihr Interesse an der Wohlfahrt des Landes gehoben. 

In West-Australien wurde 1900 den Frauen das politische 
Wahlrecht gegeben. 

In Victoria ist die Frauenstimmrechtsbill schon mehrere Male 
im Unterhaus angenommen, im Oberhaus aber, jedoch mit stets 
sich vermindernder Majorität, bis jetzt verworfen. Auch in 
Tasmania hat sie bereits die dritte Lesung im Unterhaus passiert, 
und ihre Annahme scheitert, wie in Neu -Süd -Wales bisher auch, 
nur noch an dem Widerstand des Oberhauses, der aber fraglos 
auch nicht mehr von zu langer Dauer sein wird. Nach einer im 
September 1901 in englischen Blättern veröflFentlichten Notiz ist in 
Neu -Süd -Wales das aktive und passive Wahlrecht den Frauen 
inzwischen verliehen worden. 




Die Geschichte 
der Frauenbewegung in Dänennark. 

Von Kirstine Frederiksen. 



I. 

IVLan kann in der kulturellen Entwicklung des Frauenlebens 
zwei Strömungen wahrnehmen, die einerseits nebeneinander her- 
laufen, andrerseits sich kreuzen und gegeneinander fliessen. Die 
eine ist die grosse allgemeine Kulturbewegung, die die ganze 
Menschheit in die Höhe hebt und einem Dasein entgegenführt, 
das nach und nach immer weniger rauh, immer weniger abhängig 
von den äusseren Verhältnissen und den eigenen physischen 
Kräften des Menschen sein wird. Das kommt nicht zum wenigsten 
der Frau und dem Kinde zu gute, und es würde keine Frauenfrage 
^eben, wenn diese Bewegung die einzige wäre. Aber mit der 
Entwicklung geht eine Differenzierung vor sich, die die Geschlechter 
voneinander entfernt und die Frau ausserhalb einer Reihe der 
wichtigsten Interessen des Lebens stellt Namentlich tritt das 
hervor zu Zeiten des Verfalles. In primitiven Verhältnissen teilen 
Männer und Frauen die Beschwerden des Lebens miteinander. 
Auf alten römischen Grabdenkmälern sieht man Mann und Frau 
Hand in Hand abgebildet; in der Kaiserzeit passt dieses S3rmbol 
nicht länger. Da ist die Frau ein Luzusgegenstand geworden, 
das Leben wird für sie zu einem Fest gestaltet, aber Würde und 
Bedeutung, wie nur Arbeit sie zu verleihen vermag, hat sie ein- 
gebüsst Und so überall auch in der modernen Civilisation. Es 
ist Aufgabe der Frauenbewegung, diese Bewegung zu regulieren 
und die alte Gleichstellung wieder zu erobern, das alte Zusammen- 
arbeiten wieder aufzunehmen, ohne doch von dem, was gewonnen 
wurde, sei es nun die reichere Ausgestaltung der Persönlichkeit 
oder seien es Neubildungen innerhalb des Gesellschaftslebens — 

Handbuch der Frauenbewegung:. L Teil. I9 



— 290 — 

etwas aufzugeben. Einige historische Hinweise auf die Stellung 
der Frau sind deshalb zum Verständnis der jetzigen Fordeningen 
der Frauenemanzipation notwendig. 



In der Geschichte unseres kleinen Landes machen sich ebenso 
wie anderwärts Strömungen bemerkbar, die eine freie Aus- 
gestaltung der weiblichen Individualität fordern und andre, die 
dieselbe hemmen. Manchmal sind diese Strömungen Folgen der 
nationalen Entwicklung, oft auch kommen sie in Verbindungmit andern 
Einflüssen von aussen her. Niemals jedoch könnte bei uns eben- 
sowenig als in unsem nordischen Schwesterländem jene an« 
gestammte Selbständigkeit verwischt werden, die das Erbe unserer 
gemeinsamen Vorzeit ist und die in den Frauengestalten der 
Vikingerzeit sowohl als später in der Stellung der verheirateten 
Frau im Mittelalter zum Ausdruck kam. „Sie war'', sagt ein jetzt 
lebender Historiker*) darüber, „des Burgherren Stolz, des Hauses 
Meisterin, höfisch in den Sitten, bewundert und angebetet vom 
Mann ob ihrer Würde und Hoheit." Und die adelige Frau in der 
Übergangsperiode zur neuen Zeit nennt er „die Stütze des Mannes 
in allen seinen Angelegenheiten, Vorsteher des Haushaltes, Rechen- 
schaftsführer, eingesetzt als Rechtsverweser über Eigentum und 
Güter und gut vertraut mit den Begebenheiten des Staatslebens und 
am Hofe.'' Jedoch war sie in einer Beziehung ungünstiger gestellt als 
die Frauen der Vorzeit: die katholische Kirche liess keine Scheidung^ 
zu, und man verlobte die Töchter oft in ihrer frühesten Kindheit. 
Nur wenige besassen die Selbständigkeit der später so bekannt 
gewordenen Birgitte Gjoe, die, nachdem man sie in ihrem 
II. Jahre verlobt hatte, 15 Jahre hindurch dagegen kämpfte, bis 
sie die Auflösung der Verlobung erlangt hatte.«) 

Die Reformation hatte unter anderm auch die Wirkung, dass 
die Frauen fast alle ihre Kräfte auf das Heim konzentrierten. 
Gottesfurcht und Häuslichkeit waren die Tugenden, um deretwillen 
man sie schätzte; Gebetbuch und Kochbuch war ihre Litteratur, 
und mit niedergeschlagenen Augen und gefalteten Händen sieht 
man sie überall abgebildet. Noch 1653 wünscht der Adelsherr 
Kristen Skeel nicht, dass seine Töchter etwas andres lernen sollen 
als die Bibel und die deutsche Sprache. 



1) J. A. Fredericia. Traek af Kvindeidealets omdannelse. Tilskueren 1898. 
7) Thora Broderten. Kvinden og Samfundet No. 5, 190X. 



— 291 — 

Indessen hatte schon zu Ende des 16. Jahrhunderts eine neue 
Woge des geistigen Lebens die Frauen emporgetragen und höher 
zum Licht erhoben. Sie war gekommen mit der Renaissance, 
wie ja die Frauenemanzipation in der Geschichte stets da 
eintritt, wo ein Durchbruch starken PersönlichkeitsgefQhls und 
freiere Entfaltung der Individualität den Charakter der Zeit be- 
stimmt. 

Unsere Litteraturgeschichte nennt aus dieser Zeit eine Reihe 
adeliger Frauen. Auch klassische und wissenschaftliche Studien 
wurden mit Eifer betrieben. Birgitte Thotts Übersetzung des 
Seneca ist eins der bedeutendsten Prosawerke des 17. Jahrhunderts. 
Auch die abenteuerlich phantastische Richtung der Zeit fand durch 
die Frauen ihre Vertretung. Sophie Brahe, die Schwester des 
berühmten Astronomen Tycho Brahe, trieb mit Eifer astronomische 
Studien. Sie durchstreifte, zum Teil sogar zu Fuss, Europa, um 
ihren Geliebten, Erich Lange, der sie über der Goldmacherei zu 
vergessen schien, zu suchen; heiraten konnte sie ihn erst, da ihr 
Haar weiss war. In ihrem berühmten Gedicht „Urania an Titan" 
beweist sie sowohl dichterisches Talent als klassische Gelehrsamkeit. 
Das Leben der Königstochter Leonora Kristine war noch selt- 
samer und tragischer. 23 Jahre lang musste sie ihre Treue gegen 
den Mann, mit dem man sie einst in ihrem neunten Jahre verlobt 
hatte, in schmachvoller Gefangenschaft büssen. Ihr „Jammers- 
winde" ist das hervorragendste Memoirenwerk in der dänischen 
Litteratur, und in einer ungedruckten Schrift „der Stolz der 
Heldinnen" preist sie mit Nachdruck die weibliche Individualität 
vor der des Mannes. 

Auch zu handeln verstanden diese Renaissancefrauen. „Kein 
ruberes Geschlecht" — sagt der obengenannte Historiker — „zeigt 
uns eine solche Reihe von Frauen, die eine politische Rolle 
spielen, wie die des 17. Jahrhunderts vor Einführung der Allein- 
herrschaft". Er hätte hinzufügen können „auch kein späteres". 
Betrachtet man diese Frauen mit den Augen unserer Zeit, so 
staunt man über ihr mannhaftes Äussere, über ihre plumpen Worte, 
über ihre derbe Rücksichtslosigkeit, sich allen möglichen Abenteuern 
auszusetzen. Wenn es jedoch darauf ankam, verwandelte sich 
die kecke Abenteuerin in eine formvolle Hofdame. Leonora 
Kristine setzte im Jahre 1647 am französischen Hof alles in Er- 
staunen durch ihre Würde und zarte Anmut, die sich in ihrem 
ganzen Auftreten kund gaben, sowie auch durch die Beweise von 
Geist und Verstand, die sie zu geben wusste. 

19* 



— 292 — 

Zum Schluss des Jahrhunderts löst denn auch unter dem starken 
Einfluss von Frankreich und dem Versailler Hof her der Typus 
der Dame den der gelehrten Frau ab, die zugleich mit dem alten 
dänischen Adel in den Hintergrund gedrängt wird. Dieser neue 
Typus zeigt sich viel langlebiger und zäher als irgend ein früherer. 
Trotzdem Holberg in „Zille Hans Dotters Verteidigung des 
Frauengeschlechts" dafür eintritt, dass das Weib die Kraft und 
das Recht besitze, eine gleiche Ausbildung zu erhalten wie der 
Mann, so denkt man doch erst gegen Schluss des Jahrhunderts 
daran, ihr eine sorgfältige Bildung angedeihen zu lassen. Da tritt 
sogar ein Basedow als Lehrer des späteren Schöngeistes der 
Friderike Brun auf Da verschreibt man „Fran^aises" aus dem 
Ausland — sogar aus Deutschland — da errichtet man „Töchter- 
schulen" für Mädchen nach Muster der „Bürgertugendschulen" für 
Knaben. Aber es ging damit wie mit so vielen Ideen des 18. Jahr- 
hunderts. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielt die 
Romantik das Übergewicht, und damit gewannen andre Interessen 
die Oberhand. Zuvor öffnete sich bei uns unser einziger, berühmter 
litterarischer Salon. KammaRahbek spielt für unsere Litteratur 
die gleiche Rolle wie Mlle. Lespinasse für die französische — und 
wir erhielten in Frau Gyllemburg, der Mutter Heibergs, eine 
Schriftstellerin, die einiges vom Freisinn des 18. Jahrhunderts und 
nicht wenig von dessen Leichtsinn besass, sowie in Heibergs Frau 
eine Schauspielerin von soviel Intelligenz und Anmut, dass sie 
für einen Teil der dramatischen Litteratur formgebend und be- 
stimmend wirkt Aber die Zeit war und blieb rein ästhetisierend, 
und das weibliche Ideal blieb ein Gemisch von Ingenue und 
Klosterfräulein. „Ein junges Mädchen muss bis zu ihrer Hochzeit 
im Komodenkasten ihrer Mutter autbewahrt werden" dekretierte 
Frau Heiberg, und ihr Mann, seiner Zeit der Hohepriester der 
Ästhetik, verspottete in seinem Stück „Die Aprilnarren" die 
modernen Mädchenschulen. i) Der sonst freisinnige Dichter Paul 
Möller fand es „widerwärtig'', dass Damen daran denken wollten, 
zu schriftsteilem, und in „Adam Homo", dem Hauptwerk der 
Periode, finden wir die Karikatur der emanzipierten Frau. 
Baronesse Mille ist ein litterarisches Seitenstück zu Dickens be- 
rüchtigter Mrs. Jellaby. Es bedurfte einer nationalen Erhebung 
von untenher, um andre Verhältnisse herbeizuführen. Im 
Jahre 1848 machte das dänische Volk — ungeachtet der un- 



1) Ida Falbe Hansen. Vort Hjem II S. 70 



— 293 — 

mittelbaren Folgen des Krieges — sich frei von zweifacher Vor- 
mundschaft: erstens von der geistigen Abhängigkeit von Deutsch- 
land und der deutschen Litteratur und zweitens von der inneren 
Abhängigkeit von einer absoluten Regierung. Zu derselben Zeit 
begannen die Frauen zum ersten Mal das Bedürfnis nach lebendiger, 
freier Entwickelung und nach allseitiger Wechselwirkung mit der 
Gesellschaft zu empfinden und ihr Recht darauf geltend zu machen. 

n. 

Die Bürgerrechte, die König Friedrich VII. durch das Ver- 
fassungsgesetz von 1848 seinem Volke verlieh, kamen den Frauen 
nicht zu gute, und die Einführung des politischen Stimmrechtes 
machte die Scheidewand zwischen beiden Geschlechtem nur noch 
grösser. >) Die Männer setzten nicht länger ihre besten Kräfte ein, 
um in ästhetischen Salons mit klugen und schönen Frauen geist- 
reichen Verkehr zu pflegen. Ihr Ehrgeiz nahm bald eine andre 
Richtung, ihre Interessen erweiterten sich; das wirkliche Leben 
mit seinen grossen, schweren Forderungen trat an sie heran. Die 
Frauen Hessen sich jedoch nicht ohne Protest von den Interessen 
der Zeit ausschliessen. Im Jahre 1850 erschienen „Zwölf Briefe" 
von Clara Raphael mit einem Vorwort von Heiberg, worin er 
das Buch wegen seines litterarischen Wertes empfiehlt und zugleich 
mitteilt, dass hinter dem Pseudonym eine kaum zwanzigjährige 
junge Dame in „erster Jugendblüte" verborgen stehe. Den Inhalt 
bezeichnet er als „neue Bekenntnisse einer schönen Seele". 

Die 12 Briefe sind ein Gemisch von Dichtung und Wahrheit. 
Die Verfasserin, deren eigentlicher Name Mathilde Fibiger 
war. gehörte einer der gebildetsten Familien der Hauptstadt an. 
Sie hatte bis dahin ausschliesslich ihrer eigenen Ausbildung und 
ihrem Vergnügen gelebt. Da jedoch im Jahre 1848 der grösste 
Teil ihrer männlichen Verwandten und Freunde — viele als frei- 
willige Vaterlandsverteidiger — in den Krieg zogen, wurde auch 
sie von Begeisterung und Opfermut erfüllt und fand es unmöglich, 
das egoistische und gedankenlose Jungemädchenleben weiter fort- 
zusetzen. Sie wollte sich in die Reihen derer stellen, die etwas 
leisteten, und beschloss — als Privatlehrerin aufs Land zu gehen l 



') Litteratur. Clara RaphaeL xa Briefe. (3. Aufl. 1893.) Margrethe Fibigei'. 
Qara Raphael (1891). Pauline Worm. Die Vernünftigen (1856). »Kvinden og Samfundet* 
(»Die Frau und die Gesellschaft") 1885— 1901. Fr. Thomassen. Mitteilungen Ober dflnische 
Schulverhaltnisse 1900. 



— 294 — 

So waren die Verhältnisse damals, dass schon dies eine Grossthat 
bedeutete! 

In ihrer ländlichen Umgebung, wo das junge schwärmerische 
Mädchen nur geringes Verständnis fand und wohin die Neuig- 
keiten vom Kriegsschauplatz nur ein- oder zweimal die Woche 
ihren Weg fanden, verfolgte sie mit klopfendem Herzen den Gang 
der Begebenheiten. Auch hier wurde sie gemartert durch ihre 
Unthätigkeit; sie beschloss daher, der Tradition des Jahrhunderts, 
der Überlegenheit des Mannes an Wissen und Macht, der Be- 
schränktheit und der Eitelkeit der Frauen den Fehdehandschuh 
hinzuwerfen. Schillers „reine Jungfrau", das Mädchen von Orleans, 
wurde ihr Ideal — ihr Buch endigt damit, dass Clara Raphael 
alias Mathilde Fibiger mit Baron Axel eine platonische Ehe eingeht, 
da dieser ihr uneigennützig gelobt, sich mit ihr der geliebten Idee, 
dem Kampfe für die Befreiung der Frauen, zu weihen. 

Nicht eine äussere Gleichheit zwischen Mann und Frau erstrebte 
Mathilde Fibiger. Worauf es ihr ankam, war die persönliche Ent- 
wicklungsfreiheit. „Du willst wissen", schreibt sie, „wohin meine 
Absichten mit den Frauen gehen, ob ich sie völlig emanzipiert 
haben will, so dass sie alle Rechte und Geschäfte der Männer 
teilen sollen. Nein, tausendmal nein. Was die Geschäfte angeht, 
so sind die unseren der Freiheit im Denken bedeutend weniger 
im Wege, als die eueren. Ich will lieber Nähjungfer sein als 
,etwas auf einem Kontor*, und Du wirst niemals den Tag erleben, 
an dem Du mich mit einer Pfeife im Mund, vertieft in eine 
wissenschaftliche Untersuchung, in einer verstaubten Studierstube 
finden wirst.')** — Das Leben belehrte sie jedoch eines besseren. 

Das kleine Buch wurde der Ausgangspunkt einer langan- 
dauernden und heftigen litterarischen Fehde in Zeitungen und 
Broschüren. Der alternde Heiberg, der Clara Raphael so ritterlich 
in die Litteratur eingeführt hatte, der aber in Wirklichkeit ihrer 
„Idee** ganz fem stand, zog sich bald — nicht ohne Beeinflussung 
seitens seiner Frau — zurück und liess zu, dass das junge, fein- 
fühlige Mädchen von einer Menge der gewandtesten und schärfsten 
Federn verurteilt und vernichtet wurde. Sie veröffentlichte noch 
einige Bücher, in denen sie ohne Scheu in Form von Romanen 
die ernsthaftesten moralischen Probleme behandelte. Sie schlugen 
jedoch nicht durch. Ein Platz zweiten oder dritten Ranges in der 
Litteratur war nichts für Mathilde Fibiger. Sie warf ihren Ehrgeiz 



1) CL RaphaeL Tolv Breve. S. 40. 



— 295 — 

über Bord, freilich nicht ohne Schmerz. „Wüsstet Ihr nur", schreibt 
sie, „was es heisst, ein Wickelkind zu sein an Verstand und 
Erkenntnis, aber begabt mit dem göttlichen Willen und Sehnen, 
Göttliches zu schaffen."») Aber sie verstand, dass das, was die 
Frauen zu lernen hatten, war „Mensch" zu werden, „Mitbürgerin", 
dass es in erster Linie galt, festen Fuss zu fassen in der Wirk- 
lichkeit, in der Arbeit. Sie wurde unsere erste Telegraphistin 
und opferte ihre letzte schwache Kraft, um diese mechanische 
Arbeit tadellos auszuführen. 

An der Seite Mathilde Fibigers stand die ungefähr gleichaltrige 
Pauline Worm, eine Predigertochter aus Jütland, die schon 
in ihrer Jugend sich in ihrem Gerechtigkeitssinn gekränkt 
gefühlt hatte, als sie sah, dass weibliche Gutsbesitzer, die ebenso 
wie die Männer ihre Steuern bezahlen mussten, keine Stimme im 
Rat besassen. Neben ihrer belletristischen Thätigkeit beteiligte 
sie sich mit bedeutenden und logisch scharfen Beiträgen an 
dem Streit über die Frauensache. In einem ausgezeichneten 
Roman „Die Vernünftigen" schildert sie mit nicht geringem Humor, 
wie die trägen Fluten des Philistertums über dem Haupte eines jungen 
Mädchens, das etwas andres als das Gewöhnliche will, zusammen- 
schlagen. Alles deutlich ganz aus eigener Erfahrung. Obwohl 
in ihrem Inneren ebenso feinfühlig wie Mathilde Fibiger, zeigte sie 
nach aussen hin eine robustere Seite. Sie hielt im Lande umher 
Vorträge, arbeitete kräftig für die Volksaufklärung und darbte als 
Lehrerin in einer kleinen Provinzstadt. Als man ihr endlich durch 
Gewährung einer kleinen Dichtergage das Leben in Kopenhagen 
ermöglichte, war es zu spät. Sie starb nach wenigen Jahren 1883. 

m. 

Diese beiden hervorragenden Frauen und mehrere ihrer Zeit- 
genossinnen wurden nicht das, wozu sie bestimmt zu sein schienen: 
Führerinnen ihrer Geschlechtsgenossinnen, sie gewannen nur 
wenige Freunde, verdienten kaum das trockene Brot und erreichten 
niemals die Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit, die sie so 
glühend ersehnten. Ihre Arbeit aber bat Frucht getragen. Die 
persönliche Innigkeit, mit der sie auch die kleinsten Aufgaben, die 
sie sich stellten, ausführten und die Uneigennützigkeit ihres 
WoUens und ihrer Handlungsweise war ein leuchtendes Vorbild 



1) Mathilde Fibiger. CL RaphaeL S. 94. 



— 296 — 

für die Frauen der nächsten Generationen, denen es vergOnnt war, 
ihre Pläne auszuführen. Als im Jahre 1871 ein dänischer Frauen- 
verein gegründet wurde, konnten beide nur mit warmen Wünschen 
und einem guten Rat hier und da beitragen. Übrigens war 
Mathilde Fibiger eine so aristokratische Natur, dass sie sich kaum 
jemals in einem Verein wohlgefühlt haben würde. Pauline Worm 
dagegen, für die die Frauensache eine „Volkssache* bedeutete, 
würde, wenn sie gelebt hätte, nun für uns zu einer dänischen 
„Aunt Susan" geworden sein. 

In demselben Jahre, in dem Mathilde Fibiger ihrem tiefgefbhlten 
Schmerz über die Unterdrückung der Frauen Ausdruck gab, 
eröffnete die kaum 24jährige Natalie Zahle in aller Stille das, 
was sie eine „Schlechte-Lehrerinnen- Verhütungsanstalt" nannte und 
begann damit die Grundsteinlegung des Gebäudes, das als das 
stolzeste Monument der Bethätigung der dänischen Frauen im 
19. Jahrhundert vor uns steht. 

Sie hatte, wie Ida Falbe-Hansen bemerkt,*) den Vorteil, in 
jungfräulicher Erde zu arbeiten, ohne durch Traditionen beeinflusst 
zu werden, da Mädchenschulen kaum existierten und jedenfalls von 
Staat und Kommune völlig unabhängig waren. Sie hatte ein feines 
Verständnis für alles Neue, das in der Luft lag, und eine glückliche 
Hand darin, ohne sich nach rechts oder links abziehen zu lassen, 
ihrem Ziele zuzusteuern. Der höheren Mädchenschule schloss sie, als 
der Staat 1859 den Frauen das Recht zugestand, das Lehrerinnen- 
examen zu machen, ein Lehrerinnenseminar an, das nun das 
grösste und angesehenste unseres Landes ist. Ausserdem er- 
weiterte sie ihre Anstalt noch durch eine Musikschule und eine Haus- 
haltungsschule, die erste hier im Lande. Nachdem eine tapfere, 
junge Vorkämpferin, Nielsine Nielsen, 1875 sich und andern 
Zutritt zur Universität verschafil hatte, richtete Natalie Zahle 
bald an ihrer Schule eine Lateinklasse für Mädchen ein. Als 
1881 an den Knabenschulen ein neues Realexamen eingeführt 
wurde, erwirkte sie, dass dieses auch für die Mädchenschulen 
gelten sollte mit Heraufsetzung der Altersstufe von 15 aut 
17*) Jahre. So wurde die Mädchenschule als festes Glied in die 
allgemeine Schulorganisation des Landes eingefügt An vielen 
Orten, namentlich in der Provinz, hielt man es nun für praktisch, 
beide Schulen zu verbinden zu einer „Gemeinschule für Knaben 



>) Thomassen: Meddelelsen om Dansk skoleforbold. S. 14 u. w. 
«) A- Ä, O. S. 17. 



— 297 — 

und Mädchen". An einzelnen Orten ist dies auch mit den 
Lateinschulen geschehen. In Kopenhagen bis jetzt jedoch nur in 
einer ganz neuen, von Frl. Adler geleiteten Schule. Jetzt, da 
Frl. Zahle sich nach sojähriger unablässiger Thätigkeit von ihrem 
Vorsteherinnenposten zurückzieht, steht sie da als allgemein aner- 
kannte erste pädagogische Kraft des Landes, und es existiert wohl 
kaum eine Schule, die nicht von ihrem warmen und reichen Geiste 
beeinflusst wäre. Die weitere Leitung ihrer eigenen Schule, ihres 
Lebenswerkes, hat sie ihrer ausgezeichneten Jüngerin und viel- 
jährigen Mitarbeiterin Frl. Henriette Skram übergeben. 

Eine jüngere, ebenfalls aus Frl. Zahles Seminar hervor- 
gegangene Kraft, Frl. Theodora Lang, „Jütlands Frl. Zahle", 
hat mit Hilfe von namentlich cand. mag. Ida Falbe-Hansen 
für eine einheitliche Organisation der Mädchenschulen des Landes, 
besonders mit Bezug auf die Regelung der Gehalts- und Pensions- 
verhältnisse des Lehrerinnenstandes, gewirkt und die Forderung 
vertreten, dass die Mädchenschulen gleich den privaten Knaben- 
schulen vom Staate unterstützt werden sollen. 

Nachdem die weiblichen Ärzte den Weg zur Universität 
gebahnt hatten, versuchten sich die Frauen in fast allen Zweigen 
der Wissenschaft, sogar in der Jurisprudenz, trotzdem in Bezug 
auf dieses Studium für Frauen noch keine praktischen Aussichten 
vorhanden sind; nur die Theologie hält noch Stand. Seither 
haben 23 Frauen das medizinische, 11 das philologische (cand. 
T^^S-)* ^5 ^^ Examen pro facultate docendi, 2 nationalökonomische 
Examen abgelegt. Bis 1901 haben im ganzen 250 Studentinnen 
die Universität besucht Während 1885 auf i weiblichen Studenten 
165 männliche kamen, kommen jetzt auf i weiblichen nur 13 männ- 
liche. Auf den verschiedenen Gebieten, z. B. der Geschichts- 
schreibung, Journalistik und Litteratur — nicht zu reden von der 
Schule — macht sich die gründlichere Bildung der jüngeren Frauen 
in erfreulicher Weise bemerkbar. 

In den Kunst- und Handwerksschulen sind jetzt auch 
Frauen zugelassen, und sie leisten seitdem Tüchtiges vor allem 
auf dem Gebiet des Kunstgewerbes. Die Berufsstatistik von 
18901) weist in Bezug auf die Frauenarbeit in Dänemark folgende 
Zahlen auf: 



1) Eine neuere steht nicht zur Verfügung. 



— 298 — 

Selbständig Erwerbsthätige: 

Immaterieller Erwerb 8 186 

Post, Tel^raph, Eisenbahn 60 

Landwirtschaft ^79^ 

Industrie 25793 

Handel 5795 

Transport zu Land 34 

Transport zur See 17 

Fischerei 35 

Arbeiterinnen (ohne Specification) . . . 6373 

Lohnarbeit wechselnder Art 16045 

Mithelfende Erwerbsthätige: 

Post, Telegraph, Eisenbahn 103 

Landwirtschaft 12909 

Industrie ^493^ 

Handel 3062 

Transport zu Land 4 

Transport zur See 47 

Fischerei 38 

Ein wichtiges Moment in der Entwicklung der Frauenbewegung 
bilden die Frauen-Lesevereine, deren es einen (1872 gestifteten) in 
der Hauptstadt und drei in der Provinz giebt Der Gedanke hierzu 
ging ursprünglich von Stockholm und Kristiania aus, fand aber 
in Kopenhagen, das wohl nicht mit Unrecht das Athen des Nordens 
genannt wird, weit mehr Anklang. Die Vorsitzende unseres hiesigen 
blühenden Vereins ist augenblicklich Frl. Sophie Alberti. 

IV. 

Die Hauptrolle in dem Kampf für die Befreiung der Frau hat 
der Verein „Dansk Kvindesamfund** gespielt Das Verdienst, 
diesen gestiftet zu haben, fällt F r e d e r i k B aj e r und seiner Frau zu — 
beide wohl bekannt durch ihr eifriges Wirken in der Friedens- 
frage. In den ersten zehn Jahren waren es wesentlich pädagogische 
Bestrebungen, denen sich der Verein widmete. Es wurde eine 
Handelsschule (Vorsteherin Frl. Test mann), eine Zeichen- und 
Industrieschule (Vorsteherin Frau Charlotte Klein, die kürzlich 
anlässlich des 25. Jubiläums der Schule vom KOnig durch die 
Verdienstmedaille in Gold geehrt wurde) gestiftet Später wurde 



— 299 — 

eine Fachschule für Nähterinnen gegründet. Frau MarieRowsing, 
die eine Reihe von Jahren Vorsitzende von Dansk Kvindesamfund 
war, unterstützte namentlich weibliche Studierende und später 
weibliche Handwerker. Bei ihrem Tode im Jahre 1888 wurde 
von Dansk Kvindesamfund und dem Leseverein gemeinsam ein 
Hilfsfonds für weibliche Handwerker gestiftet. Die zuerst aus- 
gebildeten jungen weiblichen Tischler stehen augenblicklich an 
der Spitze von zwei der vornehmsten Werkstätten der Hauptstadt. 

Die Zeit von 1880 bis 1890 war hierzulande eine politisch 
stark bewegte Zeit. Man fand „Kvindesamfund" nicht radikal 
genug und gründete einen fortschrittlichen Verein, in dem man 
Politik studierte (Vorsitzende Frau Johanne Meyer), sowie den 
Wahlrechtsverein (Vorsitzende Frau Lina Luplau), wo man das 
Gelernte praktisch durchzuführen strebte. Letzterer ist wieder in 
Kvindesamfund aufgegangen. 

Aber auch im „Kvindesamfund" wird jugendkräftig und eifrig 
gearbeitet. Er entfaltet unter Leitung von Astrid Stampe, 
Feddersen, Ida Falbe - Hansen, Svend Högsbro und 
Kirstine Frederiksen eine rege agitatorische und organi- 
satorische Thätigkeit. Es wurden Kreisabteilungen im ganzen 
Lande gebildet, Flugschriften zehntausendweis ausgesandt und 
Vorträge gehalten. So existierte bald kaum ein Winkel im Lande, 
wo nicht der Wunsch wach war, „etwas von der Frauenbewegung 
zu hören". Zu den Vortragenden gehören in erster Linie Anne 
Brunn, Birgitte Berg-Nielsen und Louise Nörlund. Jede 
dieser drei Frauen arbeitet augenblicklich mit Eifer und Erfolg 
an ihrer speziellen Aufgabe: Abschaffung der reglementierten 
Prostitution, Einführung wissenschaftlicher Haushaltungslehre und 
Erlangung des Frauenwahlrechts. 

Den grössten Eindruck machte im Jahre 1887 ein Vortrag von 
Elisabeth Grundtvig über „die Forderung der gleichen Moral". 
Georg Brandes, seit 1870 Führer der litterarischen Jugend, hatte 
bereits 1869 Stuart Mills Buch über die Unterdrückung der Frauen 
in dänischer Sprache herausgegeben und dadurch viel dazu bei- 
getragen, die Schlafenden zu wecken und Stimmung ftlr die Sache 
der Frauen zu schaffen. Noch bedeutenderen Einfluss hatten die 
älteren Dichter Hostrup, Björnsen, Ibsen und Lie durch ihre 
meisterhafte Behandlung der Probleme des modernen Frauen- 
lebens. Die jüngeren Schriftsteller jedoch stiessen dadurch, dass 
sie die sinnliche Liebe vor allem in den Vordergrund stellten, die 
Frauenwelt ungemein ab. Der genannte Vortrag, der vor einem 



— yK> — 

Publikum von Frauen allein gehalten wurde, stellte an die Ver- 
sammelten die Frage: „Wollt Ihr in dieser Beziehung den Männern 
gleich sein? Wir streben alle nach Glück, aber macht zügellose 
Ungebundenheit glücklich?" Das wurde von Brandes und seinen 
Anhängern als ein Angriff auf seine Persönlichkeit und seine 
schriftstellerische Thätigkeit aufgenommen. Bjömsen und Hostnip 
traten in dem Kampf, der lange und bitter geführt wurde, auf 
Frl. Grundtvigs Seite. Kvindesamfundet wurde dabei für lange 
Zeit von seinen natürlichen Kampfgenossen, den Radikalen, ge- 
trennt und kam dabei in eine sehr isolierte Stellung, da die 
Konservativen auch nicht dulden wollten, dass Frauen in diesen 
Dingen eine selbständige Meinung öffentlich aussprachen. Es 
zeigte sich in diesem Punkt also ein wirklich tiefes Nichtüber- 
einstimmen der Parteien, die sonst gemeinsam für die Frauensache 
eingetreten waren. Der Vortrag hatte gewirkt wie ein plötzlicher 
Lichtstrahl in der Finsternis, der einem erst zeigt, wie viel weiter 
man noch vom Ziele, der Klarheit und Einigkeit, entfernt ist, als 
man ahnt. 

V. 

In den neunziger Jahren war die Lage der Dinge wieder eine 
andere. Die höhere Bourgeoisie hatte begonnen, die Frauen- 
frage aufzunehmen, und es war nachgerade modern, sich dafür zu 
interessieren und dafür zu arbeiten. Es wurde eine „Ausstellung 
der Frauenarbeit" veranstaltet und wird von da an bis heutigen Tags 
daran gearbeitet, einen „Bau der Frauen" aufzuführen. (Frau 
Emma Gad.) Ausser verschiedenen neuen Blättern für Frauen 
wurde auch ein sogenanntes „Damenblatt" gegründet. 

Auch die Organisation der fortschrittlichen Frauen machte 
rasche Fortschritte. Weibliche Schriftsteller und Künstler organi- 
sierten sich zu „Cirkeln". (Vor allem auf die Initiative von Frau 
Axelline Lund.) Auch die Arbeiterinnen organisierten sich und 
zwar in einer Anzahl (bis iiooo), die alle andern Vereinigungen 
von Frauen zusammengenommen weit übersteigt; die Arbeiterinnen 
zeigten sich in der gemeinsamen Vertretung ihrer Interessen weit 
reifer und massvoller, als man hätte erwarten können. Ihre Or- 
ganisation ist eine durchaus selbständige. Die Initiative dazu ging 
nicht, wie anderswo, von bürgerlichen Frauen aus. Zur Frage 
des Arbeiterinnenschutzes stellten sie sich erst ablehnend, erst der 
Einfluss der sozialistischen Männerorganisationen hat ihre An- 
schauungen zu Gunsten des Schutzes gewandelt. 



— 301 — 

Im Jahre 1899 konstituierte sich ein „Bund dänischer Frauen- 
vereine" (National Council), in dem sich 15 Frauenvereine zu 
gemeinsamer Arbeit verbanden, (Leiterinnen sind Charlotte 
Norrie und Henni Forchhammer), und die dänischen Frauen 
nahmen aufs regste teil am internationalen Frauenkongress in 

London. 

VI. 

Auch die gesetzgebende Macht folgte der Bewegung, wenn 
auch nur langsam. Im Jahre 1859 hatten die Frauen persönliche 
Mündigkeit sowie gleiches Erb- und Erwerbsrecht') mit dem Mann 
bekommen, im Jahre 1880 erhielt die verheiratete Frau Verfügungs- 
recht über ihren eigenen Erwerb und 1899 eine begrenzte Mit- 
verfügung über das gemeinsame Vermögen. Dagegen ist den 
Frauen nur in geringem Masse das Recht eingeräumt worden, am 
öffentlichen Leben teilzunehmen. Auf Island, wo die Verfassung 
demokratischer ist, erhielten die unverheirateten Frauen das Stimm- 
recht für kommunale Wahlen (1882) und für die Wahl der Geist- 
lichen (1886). An der letzteren nehmen sie besonders lebhaft teil, 
und ihr Einfluss hat mehrere Male den Ausschlag g^eben. In 
Reykjavik nehmen die Frauen auch teil an den Beiratswahlen. 

Aus Kopenhagen, sowie aus den Provinzen sind von den 
Frauen immer und immer wieder Petitionen mit vielen tausend 
Unterschriften eingereicht worden, um wenigstens die gleichen 
Rechte wie unsere isländischen Schwestern zu erhalten. Das 
Volketing, das von den Liberalen beherrscht wird, hat sich jedesmal 
den Wünschen der Frauen angeschlossen, das konservative Landsting 
aber hat sich beständig ihren Forderungen widersetzt Erst in 
dem letzten Jahre des 19. Jahrhunderts bat das Landsting seine 
gegnerische Stellung aufjg^eben und die Durchfillhrung der Re- 
formen wartet nur auf günstige Gelq;enheit 

E4n kleiner Anfang ist gemacht, indem man bereits seit 
mehreren Jahren Frauen dazu verwendet, die Erziehung und 
Unterbringung von Ziehkindern zu besorgen« Ohne Gesetzes- 
änderung, wohl aber unter Protest von der konservativen Seite, 
hat man angefangen, Frauen in die Scbulkommission zu wählen. 
Hier wie überall zeigt es sich, dass, wenn Reformen erst £aits 
accomplis sind, der Protest vencbwinükt, und man findet es nun 
nur natOrlidi und richtig, dssi die Frauen auch ihren Anteil an 
dem grossen kulturdkn l>^b^} <fer Ce^^eflschaft haben. 



J -u. rr^^i 



*) JCrp«rU««<abit^ 1€^vml JUktr 4mi fCe4Ut, UmM Wi4 <i#w4rtx >^v v^uIUa. 



Die Geschichte 
der Frauenbewegung in JSforWe^en. 



Von Glna Krog. 



Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der nationalen Wieder- 
geburt Norwegens, werden auch die ersten Schritte gethan, um 
die rechtliche und soziale Stellung der Frauen zu verbessern. 

Verfolgt man die Geschichte des 19. Jahrhunderts rückwärts, 
um die Marksteine zu finden, die die Fortschritte in der Stellung 
der Frauen in Norwegen kennzeichnen, so bleibt man schliesslich 
bei einigen Gesetzen aus der Mitte des Jahrhunderts stehen. 

1854 wurde beschlossen, dass das Erbrecht für beide Ge- 
schlechter gleich sein solle. 

1863 wurde die Grossjährigkeit für Frauen wie für Männer 
auf das gleiche Lebensalter festgesetzt. 

In diesen Entscheidungen ist eine Anerkennung des Menschen- 
rechts der Frauen ausgesprochen; doch ist diese Anerkennung 
kaum als Ausdruck der Gesinnung des ganzen Volkes anzusehen; 
sie ist vielmehr dem Umstände zuzuschreiben, dass eine Anzahl 
Männer von hervorragend humaner Anschauungsweise damals die 
führende Stellung innerhalb des Storthings einnahmen. 

Auf diese ersten Anfänge folgt denn auch eine Reihe von 
Jahren, in denen nennenswerte Fortschritte nicht zu verzeichnen 
sind. Erst in den achtziger Jahren erscheinen wieder einige 
bedeutungsvolle Gesetzesbestimmungen; doch verdanken diese ihr 
Entstehen — im Gegensatz zu den eben erwähnten — mehr 
Forderungen, die von aussen ausdrücklich gestellt wurden, als 
einer von der Gesetzgebung ausgegangenen Initiative. 

In den dazwischen liegenden Jahrzehnten hatte sich nämlich 
die Frauenbewegung in den Anschauungen des Volkes eine festere 
und breitere Grundlage geschaffen, das Gerechtigkeitsgefühl war 



— 303 — 

bewusster geworden und zu kräftigerer Entwicklung gekommen, 
besonders bei den Frauen selbst. Nach und nach hatte man dann 
einsehen müssen, dass die Gesetzgebung, weit davon entfernt, 
bahnbrechend vorzugehen, den ReformansprQchen von seiten der 
Frauen ablehnend gegenüberstand. Trotzdem sind bis auf unsere 
Zeit so viele Fortschritte zu verzeichnen, dass wir die Hoffnung 
haben dürfen, eines Tages das 1854 B^onnene vollendet und 
Bruder und Schwester in jeder Beziehung gleichgestellt zu 
sehen. 

Vielleicht haben die Frauen in Norw^en mehr als in andern 
Ländern unter dem jahrelangen Druck des Schweigens gelitten. 
In ihren oft harten Lebensverhältnissen, bei der ständigen Er- 
mahnung zu Demut und Unterwerftmg — die nicht zum wenigsten 
von Seiten der Geistlichen kam — waren sie schliesslich in eine 
Resignation hineingeraten, die der geistigen Lähmung gleichkam. 
Das kam in mannichfachen Zeugnissen zum Ausdruck, doch ge- 
wannen diese Zeugnisse erst die volle Überzeugungskraft der 
Wahrheit, als in der Mitte des Jahrhunderts eine Frau ihre Stimme 
erhob, um für die Unterdrückten das Wort zu fahren. Es war 
Camilla Collett (1813 — 1895), ^^ ^^ste grosse Frau des neuen 
Norwegens. Ihr Name steht in so reinen und tiefen Zügen auf 
dem dunklen Grunde ihrer Zeit, dass er niemals verwischt 
werden kann. 

Anfangs in Romanen und Erzählungen, dann in ausgesprochen 
polemischen Schriften, deckt sie die sozialen Missverhältnisse auf. 
Lange verklangen ihre Worte, wie eine Stimme in der Wüste; 
allmählich aber gewann sie in den grossen Schriftstellern der 
siebziger Jahre, in Henrik Ibsen, BjOmstjeme Bjömson u. a. 
mächtige Bundesgenossen. 

Noch aber gehörte die Frauenbewegung fast ausschliesslich 
der Litteratiu* an. Ein jüngeres Geschlecht musste heranwachsen, 
um sie in das Leben hinauszutragen. Die starke politische und 
nationale Bewegung, die in diesen Jahren durch das Land ging, 
weckte auch neues Leben bei den Frauen. Sie fingen an, sich 
allmählich nach gemeinsamen Interessen zusammenzuschliessen, 
und als sie soweit gelangt waren, erkannten die Einsichtigsten unter 
ihnen bald, dass sie sich auch vereinen müssten, wenn sie etwas fOr 
ihre eigene Sache erreichen wollten. Einige Auisätze von Frauen 
in Zeitschriften und Zeitungen erregten allgemeines Aufsehen; und 
1884 wurde die erste grössere Organisation: „Verein zur 
Förderung norwegischer Frauenbestrebungen" (N. K. F.),. 



— 304 — 

dessen Mitglieder sowohl Männer wie Frauen waren, gegründet*) 
Sein Programm war: den Frauen Norwegens die Rechte und die 
Stellung in der Gesellschaft zu schaffen, die ihnen zukommen. 
Die nächste Zeit brachte die lebhaftesten Erörterungen der Frauen- 
bestrebungen und ihrer leitenden Gedanken, sowohl von seiten 
des Publikums als in der Presse; im Jahre 1887 gründete der 
Verein eine Zeitschrift zur Frauenfrage, die Halbmonatsschrift 
Nylaende, die noch besteht und sich immer mehr verbreitet«) 

Im Jahre 1887 trugen die Frauen einen bedeutsamen Sieg davon, 
indem die gesetzlich autorisierte Prostitution, die in den grösseren 
Städten bestand, aufgehoben wurde. Später wurden, besonders 
von Seiten der Ärzte, immer wieder Versuche gemacht, das System 
wieder einzuführen; aber die Freunde der Frauenbewegung waren 
auf der Hut, und bis jetzt sind diese Bestrebungen ohne Erfolg 
geblieben. 



I Was besonders dazu beitrug, die Frauenbewegung aus dem 

Gebiete der theoretischen Erörterung in das des wirklichen Lebens 
hinüberzuführen, ist der Umstand, dass die einzige Universität des 

' Landes den Frauen geöffnet wurde. Im Jahre 1882 wurde den 

Frauen das Recht zugestanden, das Examen artium und das 

i Examen philosophicum abzulegen; und im Jahre 1884 erlangte 

; folgende Bestimmung gesetzliche Giltigkeit: „Weiblichen Studenten 

ist gestattet, sich den Examen der Universität zu unterziehen, die 

I akademischen Grade zu erwerben, sämtliche der Universität 

gehörigen Legate und Stipendien mit zu geniessen;" (das letztere 
allerdings unter dem Vorbehalt, dass keine entgegengesetzten 
Bestimmungen vorliegen.) 

Am Ende des Jahres 1900 hatten 297 Frauen das Examen 
artium bestanden. Das Staatsexamen ist in demselben Zeitraum 
von folgenden Frauen abgelegt worden: in der Theologie von 
I Kandidatin, in der Jurisprudenz von 3, in der Medizin von 18, 
in den sprachlich -historischen Fächern von 2, in Mathematik und 

I Naturwissenschaften von 2, zusammen 26 Kandidatinnen. Dieselben 

Examina berechtigen die Männer zur Anstellung im Staatsdienst; 



Der erste Vorsitzende des Vereins und sein eigentlicher GrOnder ist der jetzige 
BOrgermeister in Kristiania, R E. Bern er; die Leitung ging aber bald nachher in die Hflnde 
der Frauen Ober. 

*) Seit 1894 wird sie indessen nicht mehr vom N. K. F. herausgegeben, sondern von 
■der Verfasserin dieses Artikels. 



— 305 — 

Vorschläge, die Frauen auch in dieser Beziehung den Männern 
gleichzustellen, sind bereits zur Diskussion gelangt. Es würde in- 
dessen eine Änderung in der Verfassung selber nötig sein, um 
diese Wünsche zu verwirklichen (nur für die Ämter an der 
Universität besteht diese Notwendigkeit nicht); in diesem Jahre 
nun ist im Storthing der einstimmige Beschlusss gefasst worden, 
dass aus der Verfassung kein Hindernis für die Anstellung von 
Frauen im Staatsdienst abgeleitet werden solle. Mit andern 
Worten: es sollen Reformen in dieser Richtung jetzt durch die 
Gesetzgebung bewerkstelligt werden können. 

Es kann nun ein dahin zielendes Gesetz entweder für alle 
Staatsanstellungen gemeinsam, oder für die einzelnen Gruppen 
gegeben werden. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass, wenn 
Frauen sich zu Staatsanstellungen meldeten, man ihnen auch die 
Zulassung gewähren würde. 

Der schwerste Kampf wird künftig wohl um die Besetzung 
der Pfarrstellen auszufechten sein. 

Die Zulassung der Frauen zur ärztlichen Praxis hat keines 
besonderen Gesetzes bedurft. Im Jahre 1894 liess sich die erste 
Ärztin in Kristiania nieder, und heute praktizieren Ärztinnen in 
den meisten grösseren Städten. Zwei Ärztinnen sind als Sach- 
verständige am Gericht ernannt Eine ist als Schulärztin, eine 
andre im Bureau des Gesundheitsamtes thätig. Zwei Medizinerinnen 
sind jetzt an die Universität Kristiania berufen worden; die eine 
als Konservator am zootomischen Museum, die andre als 
Assistentin am botanischen Laboratorium. 

Die ersten Frauen, die öffentliche Stellungen in Norwegen 
bekleideten, waren die Hebammen. Schon in dem alten Gesetz 
von 1687 finden sich Bestimmungen über ihre Thätigkeit; freilich 
ist ihnen die erforderliche Ausbildung erst in späterer Zeit gewährt 
worden. 

Die erste Zahnärztin wurde im Jahre 1872 vom Staate 
approbiert, jetzt sind deren viele praktisch thätig. Durch das 
Gesetz über die Ausbildung der Apotheker — erlassen im Jahre 
1884 — erlangten die Frauen auch die Erlaubnis zur Leitung von 
Apotheken. Im Postwesen, in den Telegraphen- und Telephon- 
ämtern, in den Bureaus der Regierung, in öffentlichen 
Banken, in Strafanstalten und Gefängnissen finden wir weib- 
liche Beamte. Auf Anregung des „Vereins zur Förderung 
norwegischer Frauenbestrebungen" hat man angefangen, weibliche 
Aufseher in den Gefängnissen für trunksüchtige Frauen anzustellen. 

Handbuch der Frauenbeweg^ung^. L TdL SO 



— 30Ö — 

Am I. Juni 1900 wurden so in Kristiania zwei besonders für 
Frauen eingerichtete Gefängnisse in Dienst gestellt und zwei 
Frauen mit der Aufsicht daselbst betraut Staatlich angestellte 
Fabrikinspektorinnen giebt es in Norwegen noch nicht.*) 

Seitdem durch das Gesetz von 1889 die norwegische Volks- 
schule ihre heutige Gestalt erlangt hatte, bewarben sich immer 
mehr Frauen um die Stellungen an den Volksschulen und an den 
Seminarien; sie können auch die Leitung der Seminarien über- 
nehmen, falls alle Zöglinge derselben weiblich sind. Am Unter- 
richt in den staatlichen höheren Schulen sind dag^en die 
Frauen wenig beteiligt, und die Aussichten dazu sind augen- 
blicklich sehr gering. Der Grund hiervon ist nicht zum wenigsten 
in einem neuen Gesetz zu suchen, das theoretisch Männer und 
Frauen gleichstellt, gleichzeitig aber in den Universitätsexamen 
so hohe Anforderungen für die höheren Stellungen an diesen 
Schulen erhebt, dass Jahre vergehen werden, ehe eine grössere 
Anzahl von Frauen sich zur Besetzung solcher Stellen vorbereitet 
haben wird. Das ist um so bedauerlicher, als das gesamte Schul- 
wesen Norwegens auf dem Prinzip der gemeinsamen Erziehung 
beider Geschlechter beruht. Von der Seite der Schule aus könnte 
daher allmählich eine reaktionäre Bewegung sich entwickeln, 
welche dann die Frauenbewegung im ganzen bedrohen würde. 

Dem Volksschulgesetz von 1889 zufolge werden Frauen in die 
Schulbehörde und in den Ausschuss des Aufsichtsrats gewählt 
In die „Vormundschaft" eine neue Institution, der die Aufsicht 
über die verwahrlosten Kinder zusteht, müssen immer einige 
Frauen gewählt werden. 

Am I. Januar 1901 ist ein Gesetz in Kraft getreten, wonach 
Frauen in die Armenverwaltung gewählt werden können; in 
den Ausschuss des Aufsichtsrats der Armenverwaltung müssen 
Frauen gewählt werden. 

Einige Male sind Frauen als Mitglieder in königliche Kom- 
missionen gewählt worden, zum ersten Male auf Antrag des 
„Vereins zur Förderung norwegischer Frauenbestrebungen". 



Eines der ersten Ziele, welche die Freunde der Frauen- 
bewegung in Norwegen sich steckten, war, die öflFentliche Meinung für 

Die Verfasserin verzichtet darauf, die amtliche Berufsstatistik anzuftüiren, da die 
Resultate der letzten Zählung noch nicht vorliegen und die der vorletzten so wenig mehr 
zutreffen, dass sie nur irreftUiren wtirden. Die Red. 



— 307 — 

die Verbesserung der rechtlichen Stellung der Ehefrau zu 
gewinnen. Es wurden Vorschläge laut, die dahin gingen, der ver- 
heirateten Frau volle Mündigkeit zuzusprechen; von mehreren 
Seiten kam die Forderung der Gütertrennung. Das Gesetz von 1888 
bewilligte die erste dieser Forderungen; in Bezug auf die zweite 
kam es zu einem Kompromiss. Die GrundzOge dieses Gesetzes 
sind in kurzem folgende: 

Die verheiratete Frau hat das gleiche Mündigkeitsrecht wie 
die Unverheiratete. In Bezug auf die wirtschaftliche Seite beruht 
das Gesetz auf dem Grundsatze, dass die Vermögensverhältnisse 
zwischen den Eheleuten auf die Weise durch Ehekontrakt ge- 
ordnet werden, die ihnen selbst als die zweckmässigste erscheint 
(Es versteht sich, dass dies unter Beobachtung der näheren Be- 
stimmungen dieses Gesetzes zu geschehen hat.) 

Ist keine besondere Verabredung getroffen, so tritt Güter- 
gemeinschaft ein. Wird diese nicht gewünscht, so muss dies im 
Ehekontrakt ausgesprochen sein; doch kann dieser Ehekontrakt 
sowohl vor als nach der Ehe geschlossen werden. 

Das Gemeingut der Eheleute wird vom Manne verwaltet. 
Dies bedeutet selbstverständlich eine grosse Einschränkung der 
prinzipiell anerkannten Mündigkeit und des Verfügungsrechts der 
Frau (doch ist das Dispositionsrecht des Mannes gewissen gesetz- 
lichen Einschränkungen unterworfen). 

Die Freunde der Frauenbestrebungen sind femer für die 
unverheirateten Mütter und ihre Kinder eingetreten. Das 
Gesetz von 1892 hat bestimmt, dass der Vater verpflichtet ist, bis 
zum 15. Lebensjahre des Kindes teilweise, unter Umständen auch 
ganz, die Ausgaben zu tragen, die der Unterhalt und die Erziehung 
des Kindes erfordern. Diese Kosten werden nach den pekuniären 
Verhältnissen des Vaters und nach denen der Mutter berechnet. 
Unter besonderen Umständen kann der Vater auch noch über das 
15. Lebensjahr des Kindes hinaus durch das Gesetz verpflichtet 
werden, dem Kinde Zuschüsse zu leisten. 

Der Vater ist auch dazu verpflichtet, seinen Verhältnissen 
entsprechend, die Kosten der Niederkunft der Mutter, sowie^ die 
Ausgaben für eine ausreichende Pflege während des Wochenbettes 
zu tragen. 



In Norwegen vollziehen sich wie im übrigen Europa die 
gleichen Umwälzungen auf dem Gebiete weiblicher Arbeit; aber 

20* 



— 3o8 — 

bekanntlich sind es weniger die Bestrebungen für die Emanzipation 
der Frauen als die Entwicklung der Grossindustrie, die den Anstoss 
zu diesen Umwälzungen gegeben hat. Die Freunde der Frauen- 
bestrebungen haben daher die besondere Aufgabe, die Arbeit 
der Frauen soviel wie möglich zu heben und die Freiheit der 
Arbeit zu schützen. 

Das Gesetz vom Jahre 1892, die Arbeit in Fabriken betreffend, 
bestimmt, dass Frauen in den ersten sechs Wochen nach ihrer 
Entbindung nicht arbeiten dürfen; ferner, dass Frauen und Kinder 
in Bergwerksbetrieben und dergleichen nicht zur Arbeit eingestellt 
werden sollen; endlich, dass Kinder und Frauen nicht zur Be- 
aufsichtigung, zur Reinigung u. s. w. von Maschinen gebraucht 
werden dürfen. 

Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die sich gegen diese Ein- 
schränkungen, am meisten gegen die letztgenannte, ausgesprochen 
haben. 

Andrerseits gehen die Bestrebungen dahin, den Frauen den 
Zutritt zu so vielen Bildungsanstalten und Erwerbszweigen wie nur 
möglich zu verschaffen, um dadurch gleichzeitig die grosse gegen- 
seitige Konkurrenz auf dem. bisherigen, verhältnismässig kleinen 
Arbeitsgebiet zu verringern. 

Der Verein „zur Förderung norwegischer Frauenbestrebungen" 
(N. K. F.) hat sich in den letzten Jahren durch Errichtung von 
Fachschulen und Haushaltungskursen der Arbeit auf dem speziellen 
Gebiete der Frau mit erfreulichstem Erfolge angenommen. Hoffent- 
lich wird es dahin kommen, dass wir Hochschulen für Frauen, 
sowohl für Hauswirtschaft wie für Kinderpflege, erhalten. 

Die Freunde der Frauenbewegung haben stets versucht, die 
Ansprüche der Frauen auf gleichen Lohn bei gleicher Leistung 
zu vertreten; aber meist ohne Erfolg. Auch die weiblichen Fach- 
vereine, von denen innerhalb der verschiedenen Arbeitsgebiete 
viele existieren, versuchen natürlich, die Löhne für weibliche 
Arbeit zu heben. Die vielen erfolglosen Bestrebungen in dieser 
Richtung haben den Frauen klar gemacht, dass, ehe nicht ihre 
bürgerliche Stellung der der Männer gleich ist, ihre Arbeit nie 
eine rechte Würdigung und die Interessen des Hauses nie einen 
genügenden Schutz finden werden. 



Eine lebhafte Agitation ist ins Werk gesetzt, um den Frauen 
das kommunale und staatsbürgerliche Stimmrecht zu verschaffen. 



— 309 — 

Am Ausgange des Jahrhunderts hatten die Frauen nur auf einigen 
Spezialgebieten das Stimmrecht So durften sie, dem Gesetz von 
1894 über Verkauf und Ausschank von Branntwein zufolge, wie 
die Männer, nach vollendetem 25. Jahre ihre Stimme in Bezug 
auf Erweiterung und Fortführung des Branntweinvertriebes abgeben; 
auch wurden die Frauen, infolge eines etwas späteren Gesetzes, in 
Kirchengemeindeversammlungen stimmberechtigt, wenn es sich um 
Fragen wie Änderung oder Aufhebung von freiwilligen Festopfem 
handelte. 

Im Jahre 1895 wurde in Kristiania ein Verein zur Erlangung 
des Stimmrechts für Frauen gestiftet. Seine Mitglieder waren nur 
Frauen. Der Verein war anfänglich klein, aber sein Programm 
gross: kommunales und staatsbürgerliches, aktives und passives 
Wahlrecht für die Frauen unter denselben Bedingungen wie für 
Männer. Es fanden sich sofort einige Abgeordnete, die sich der 
Sache annahmen und den dahingehenden Antrag vertreten wollten, 
und 1890 kam die Sache zum ersten Male im Storthing zur Ver- 
handlung. 1892 wurde sie zum zweiten Male vorgelegt und trug 
bei der Abstimmung den Sieg davon, indem 58 Abgeordnete dafür 
und 56 dagegen stimmten. 

Da nun zu einer Verfassungsänderung eine grössere Majorität 
(zwei Drittel) erforderlich ist, so kam zunächst noch kein praktisches 
Resultat dabei heraus. Trotzdem schien die Sache der Frauen 
durchaus nicht hoffnungslos. Die gesetzlichen Bedingungen für das 
politische, wie für das kommunale Stimmrecht waren die gleichen, 
da das erste als Voraussetzung des letzteren betrachtet wurde; 
und das Stimmrecht war damals auch für die Männer sehr beschränkt. 

Aber es entstand nun eine starke politische Bewegung, die die 
Forderungen der Frauen ganz in den Hintergrund drängte. Es 
erhoben sich energische Forderungen für das allgemeine Stimm- 
recht der Männer, und man trennte das kommunale Stimmrecht 
von dem staatsbürgerlichen, da man herausgefunden hatte, dass 
zur Änderung des ersteren nur ein gewöhnliches Gesetz und ein- 
fache Majorität erforderlich war. So wurde 1896 das kommunale 
Stimmrecht für Männer bedeutend erweitert In der nun folgenden 
Storthings-Periode war die liberale Partei mit so überwältigender 
Majorität vertreten, dass eine Änderung des Grundgesetzes zu 
Gunsten des allgemeinen Stimmrechts für Männer durchgesetzt 
wurde. 

Es schien nun, als ob die Forderungen der Frauen ganz 
vergessen wären. Um so eifriger mussten diese an ihre Interessen 



— 3IO — 

erinnern. 1897 wurde neben dem Verein für Stimmrecht der 
Frauen eine neue, grosse, über das ganze Land sich erstreckende 
Organisation ins Leben gerufen: der Landesverein für das 
Stimmrecht der Frauen, der in vielen Bezirken und Städten 
seine Zweigvereine hat Durch diese Vereine sind dem Storthing 
unablässig in Adressen und Petitionen die Wünsche der Frauen 
nahegelegt worden, und nun, im ersten Jahre des neuen Jahr- 
hunderts, haben die Frauen einen grossen Sieg zu verzeichnen. 
Am 25. Mai wurde im Storthing folgende Bestimmung zum ge- 
setzlichen Beschlüsse erhoben: Frauen, die auf dem Lande 
300 Kronen und in den Städten 400 Kronen jährliches Einkommen 
mindestens versteuern, sowie diejenigen Frauen, deren Männer die- 
selben Steuern bezahlen, sollen stimmberechtigt und innerhalb der 
Kommune wählbar sein. >) Zu gleicher Zeit ist freilich das all- 
gemeine kommunale Stimmrecht für Männer durchgegangen, so 
dass die Frauen in bedeutender Minorität sind; doch können sie 
trotzdem ziemlich viel Einfluss erlangen. 

Es herrscht infolge dieses Gesetzes unter den Frauen, sowohl 
in den Städten wie auf dem Lande, grosse Freude, und man 
bereitet sich schon auf die nächsten Gemeindewahlen (Oktober bis 
Dezember 1901) vor; sowohl die einzelnen Frauen als auch die 
Vereine sind in voller Thätigkeit. 

Ausser den Fachvereinen und den erwähnten Vereinen zur 
Förderung der Fraueninteressen giebt es im Lande eine grosse 
Zahl von Vereinen, die entweder ganz aus Frauen bestehen oder 
in deren Vorstande die Frauen vertreten sind. Trotzdem existiert 
in Norwegen noch kein nationaler Bund (National Council of 
Women), aber wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis ein 
solcher gegründet wird. Im Sommer 1902 wird in Kristiania eine 
Versammlung zur Förderung der Bestrebungen nordischer Frauen 
zusammentreten, in welcher die Sache zur Erörterung kommen soll; 
hoffentlich mit dem Resultate, dass ein norwegischer „National 
Council" dem „International Council of Women" beitreten kann, 
ehe dessen grosse Versammlung im Jahre 1904 stattfindet. 

Noch eine Reform, welche von der grössten Bedeutung sein 
wird, ist vor kurzem durchgeführt worden. Einer Königlichen 
Verordnung zufolge ist es jetzt gestattet, bei Trauungen anstatt 
des alten, nach dem Muster des in Luthers TraubOchlein ent- 
haltenen Rituals abgefassten, das Gehorsamsgebot für die Frauen 



I) Königliche Sanktion erhielt dies Gesetz am og. Mai. 



- 311 — 

und den Fluch des Sündenfalles enthaltenden Rituals ein neues 
zu Grunde zu legen. Dies neue Ritual ist ganz in evangelischem 
Geiste abgefasst. 

Während Camilla Collett auf litterarischem Gebiete die 
erste Vorkämpferin für die Emanzipation der Frauen in Norwegen 
war, istAastaHansteen die erste gewesen, die öffentlich für diese 
Ideen gesprochen hat Sie wandte sich gegen die herrschende Aus- 
legung der Bibel und gegen die Auffassung, die die Autoritäten 
der Theologie und Philosophie damals von den Frauen hatten. 
Sie fand in jener Zeit, in den sechziger bis siebziger Jahren, so 
gut wie keine Anhänger. Als sie aber von einem längeren 
Aufenthalt in Amerika zurückkehrte, fingen die Begriffe an, sich 
zu klären. Sie ist jetzt 76 Jahre alt, aber voll jugendlicher 
Begeisterung. Erst wenn man ihren Erzählungen aus vergangenen 
Tagen zuhört, versteht man, welche enormen Fortschritte die 
Frauenfrage in Norwegen gemacht hat. Als einmal der Bann des 
Schweigens gebrochen war, schien es, als ob die Sitten und 
Gebräuche des Landes, sein Kampf um seine Entwicklung auch 
unsern Interessen zu Hilfe kämen.») 

Was nun die Leitung der Arbeit zur Förderung der Frauen- 
frage anbetrifft, so mag wohl hier und da ein Fehlgriff gemacht 
worden sein; aber im grossen und ganzen ist der Gang dieser 
Arbeit der rechte gewesen. Indem man die ethische Seite der 
Frauenfrage in den Mittelpunkt stellte, die ideellen Forderungen 
und grossen Prinzipien aufrecht erhalten hat, sind gleichzeitig die 
praktischen Interessen, sowohl die grossen wie die kleinen ge- 
fördert worden. 

Die Freunde der Frauenbestrebungen in Norwegen haben 
gezeigt, dass ihnen nichts zu gering und nichts zu gross gewesen 
ist, wo es die Freiheit und die Gerechtigkeit galt. 

In diesem Geiste können wir auch hoflFen, unsere Sache weiter- 
geführt zu sehen. 




1) Eingehenderes Material zur Geschichte der Frauenbewegung in Norwegen enthalt 
das Buch der Verfasserin dieses Artikels: Gina Krog. Norske kvinders sociale og retslige 
stiUing. Z894. D. Red. 



Die Geschichte 
der Frauenbewegung in Schweden. 

Von Maria Cederschioeld. 



ISchon seit die grosse französische Revolution die Gleichheit 
aller vor dem Gesetz proklamiert hat, haben Stimmen sich dafür 
erhoben, dass diese Gleichstellung nicht nur für die eine Hälfte 
des Menschengeschlechts — die Männer — sondern auch für die 
andre — die Frauen — Geltung haben müsse. Die Veränderungen, 
die das 19. Jahrhundert auf allen Gebieten des sozialen Lebens 
und damit auch im Leben der Frau vollzogen hat, haben diesen 
Forderungen Aktualität und erhöhte Kraft verliehen. Infolge der 
Anwendung von Dampf und Elektrizität ist die Verteilung der 
Arbeit eine andre geworden, und vieles, was früher die Arbeit 
der Frau im Hause herstellte, hat heute die Grossindustrie in die 
Hand genommen. Viele Frauen sind dadurch in die Lage versetzt, 
sich nach einer Thätigkeit ausser dem Hause und nach Erwerbs- 
quellen auf einem Gebiet umsehen zu müssen, das vorher aus- 
schliesslich das der Männer war. Damit aber die Frau die 
Konkurrenz mit dem Manne wenigstens bis zu einem gewissen 
Grade aufnehmen könne, muss sie suchen, sich vor allem Berufs- 
gebiete zu erschliessen, auf denen sie ihre Anlage und Begabung 
entfalten kann, bedarf sie einer den Forderungen ihrer neuen 
Thätigkeit einigermassen entsprechenden Erziehung, muss sie über 
ihre Person und ihr Eigentum so frei verfügen können wie der 
Mann und gleich diesem einen gewissen Einfluss auf die Gesetz- 
gebung besitzen. 

Die Bestrebungen, der Frau die Rechte zu verschaffen, deren 
Besitz für sie durch die neuen Verhältnisse zur Notwendigkeit 
geworden war, nahmen ihren Anfang in den anglo-sächsischen 
Ländern, England und den Vereinigten Staaten Nordamerikas, und 
verbreiteten sich von dort binnen kurzem über fast alle zivilisierten 



— 313 — 

Länder. In Schweden fanden sie günstigen Boden, denn seit 
uralten Zeiten hat dort die Frau eine relativ freie und hohe Stellung 
eingenommen. 

Schon frühe war ihr Menschenwert anerkannt, und zu einer 
Zeit, in der der Mord eines Menschen sich noch mit einer an 
seine Angehörigen zu erlegenden Geldbusse sühnen Hess, war die 
Summe, die der Mord einer Frau heischte, nicht geringer als 
diejenige, die für die Ermordung eines männlichen Familienglieds 
zu entrichten war. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts führte der 
grosse Gesetzgeber Birger Jarl, der Grundsteinleger der schwedischen 
Hauptstadt, strenge Gesetze gegen den Weiberraub ein sowie 
eine Bestimmung, die der Tochter jedesmal die Hälfte des dem 
Sohne zufallenden Vermögensanteils sicherte. 

Auch in mancher andren Beziehung war die soziale und recht- 
liche Stellung der Frauen in Schweden besser als in vielen andern 
Ländern. 

Keine Periode in der Geschichte der schwedischen Gesetz- 
gebung ist indessen an Reformen zur Verbesserung und Hebung 
der Stellung der Frauen so reich gewesen, als die Mitte des nun 
zu Ende gegangenen Jahrhunderts. Zu dieser Zeit fand im 
schwedischen Reichstag die Sache der Frauen ihre Vertreter in 
mehreren seiner bedeutendsten Mitglieder, die sich ihrer mit 
anerkennenswerter Energie und Ausdauer annahmen, und ihnen, 
wenn oft auch erst nach harten Kämpfen, einen Sieg um den 
andern errangen. Unter diesen Vorkämpfern für die Rechte der 
Frau ist in erster Linie der ebenso bedeutende Politiker als hervor- 
ragende Journalist und Industrielle LarsJohanHiertazu nennen. 

Eine der ersten und wichtigsten Reformen, durch welche die 
gesetzliche Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne anerkannt 
wurde, war die Bestimmung von 1845, die den Töchtern 
gleiches Erbrecht wie den Söhnen, der Ehefrau den 
gleichen Anteil am gemeinsamen Besitztum der Ehegatten wie 
dem Manne einräumte. 

Bis zum 19. Jahrhundert stand die unverheiratete Frau lebens- 
lang unter der Vormundschaft zuerst des Vaters, nach seinem 
Tode des Bruders oder eines andern männlichen Verwandten, die 
verheiratete Frau unter der des Ehemannes (erst die Witwe wurde 
mündig). Im Jahre 1809 erkannte jedoch der Reichstag dem 
König das Recht zu, die unverheiratete Frau auf dem Wege könig- 
licher Gnade für mündig zu erklären. Das Jahr 1858 brachte die 
Bestimmung, dass die Unverheiratete mit zurückgelegtem 25. Lebens- 



— 314 — 

jähr nach bei Gericht erfolgter Anmeldung ihre Mündigkeit er- 
langen könne. Dieser Vorbehalt fällt 1863 weg, und seit 1884 
erreicht die unverheiratete Frau gleich dem Manne mit zurück- 
gelegtem 21. Lebensjahr ihre Volljährigkeit. Mit dieser erhält sie 
das Recht freier Verfügung über ihr Vermögen sowohl als ihre 
Person, da die gesetzliche Bestimmung, nach der die Frau zur 
Eheschliessung der Erlaubnis der Eltern oder nach deren Tode 
des Bruders oder sonst eines männlichen Verwandten bedurfte, im 
Jahre 1872 (beim Adel erst 1882) ihre Giltigkeit verlor. 



Wenden wir uns nun den Gebieten zu, die sich der weiblichen 
Arbeit eröffnet haben und sehen wir, in welchem Masse die Frau 
sie beschritten hat. 

Die für die Frau am besten geeignete Thätigkeit, in der zu- 
gleich ihre natürlichen Anlagen am nützlichsten verwendet werden, 
ist wohl ohne Zweifel die der Lehrerin und Erzieherin des heran- 
wachsenden Geschlechts. Als um die Mitte des verflossenen Jahr- 
hunderts ein lebhafte Bewegung zur Förderung und grösseren 
Ausdehnung des allgemeinen Volksunterrichts sich geltend machte 
und Volksschulen fast in allen Gemeinden angelegt wurden, 
beantragte L. J. Hierta in richtiger Erkenntnis der weiblichen 
Begabung auf diesem Gebiet schon 1851, es möchte die 
Berechtigung zur Anstellung an Volksschulen auch 
Frauen erteilt werden. Von dieser Berechtigung, die den Frauen 
1853 zuerkannt wurde, wurde späterhin ein so ausgedehnter 
Gebrauch gemacht, dass im Jahre 1899 die Zahl der an den 
schwedischen Volksschulen angestellten Lehrerinnen 9950, die 
sämtlicher männlicher Lehrer 5322 betrug. Die Volksschul- 
lehrerinnen, die ihre Ausbildung an Volksschullehrerinnenseminarien 
(in Stockholm und 4 Provinzstädten) erhalten, unterrichten sowohl 
Knaben als Mädchen auf verschiedenen Stufen. Unter der Zahl 
der ordentlichen Lehrer an diesen Seminarien muss stets mindestens 
eine weibliche Kraft sein; gewöhnlich sind es deren mehrere. 

Im Jahr 1861 wurde in der Hauptstadt ein höheres Lehrerinnen- 
seminar gegründet, an dem seither Hunderte von Lehrerinnen ihre 
Ausbildung gefunden haben, die sie teils im Privatunterricht, teils 
an den zahlreichen höheren Töchterschulen verwerten, die fast in 
sämtlichen Städten entstanden sind und von denen viele Staats- 
oder Gemeindeunterstützung geniessen. 



— 315 — 

Das Jahr 1870 eröffnete den Frauen die Universitäten, 
indem es ihnen die Berechtigung zur Ablegung des Maturitäts- 
examens, zum Studium der Medizin und der Ablegung der 
medizinischen Examina (diese Berechtigung erstreckt sich seit 1873 
auf alle Examina mit Ausnahme derjenigen der theologischen 
Fakultät), sowie zur Ausübung des ärztlichen Berufes brachte. 
Kurz darauf richteten eine oder zwei höhere Töchterschulen der 
Hauptstadt Gymnasialkurse ein, 1872 bestand die erste Frau das 
Reifeexamen, und die Zahl der Mädchen, die dies Examen ab- 
legen, ist seither von Jahr zu Jahr gestiegen. 

Es ist bemerkenswert, dass die Berechtigung zum ärzt- 
lichen Beruf den Frauen in Schweden erteilt wurde, ohne dass 
dazu ihrerseits, wie es in vielen andern Ländern, z. B. England 
und Nordamerika, der Fall war, Anstrengungen gemacht worden 
wären. Erst 1888, also 18 Jahre nachdem die Erlaubnis erteilt 
war, legte eine Frau, Fräulein Karolina Widerström, die voll- 
ständigen medizinischen Examina ab. Heute haben wir 18 Arztinnen, 
von denen eine als Assistent an der medizinischen Hochschule 
(Karolinska Institutet) in Stockholm angestellt ist, fünf in der 
Hauptstadt und die übrigen in den grösseren Provinzstädten 
praktizieren. Einige dieser weiblichen Ärzte sind Spezialisten für 
Frauenkrankheiten und Geburtshilfe, andre behandeln auch innere 
Krankheiten. 

Die weiblichen Studierenden der Medizin, deren Zahl an den 
verschiedenen Universitäten augenblicklich recht beträchtlich ist, 
betreiben ihre sämtlichen Studien einschliesslich der praktischen 
Übungen gemeinschaftlich mit den männlichen Studenten — aller 
Unterricht an den schwedischen Universitäten ist gemeinsam für 
beide Geschlechter. 

Das Recht zur Anstellung an den öffentlichen Krankenhäusern 
wie im Staats- oder städtischen Dienst überhaupt besitzen die 
weiblichen Ärzte zur Zeit noch nicht; doch liegt dem König 
gegenwärtig eine von 31 Ärztinnen und weiblichen Studierenden 
der Medizin unterzeichnete Petition vor, die darum einkommt, den 
weiblichen Ärzten diese Berechtigung zu verschaffen. Indessen 
können die weiblichen Ärzte zu Mitgliedern des Schwedischen 
Ärztevereins gewählt werden. 

In der philosophischen Fakultät erlangte 1883 die 1900 
verstorbene Historikerin Fräulein Ellen Fries als erste Frau die 
Doktorwürde, die nach ihr noch von 4 andern Frauen erworben 
wiu-de. Ausserdem hat eine grosse Anzahl weiblicher Studierenden 



— 3i6 — 

das Kandidatenexamen dieser Fakultät bestanden, um sich danach 
teils dem Unterricht an den höheren Töchterschulen, vereinzelt auch 
an höheren Unterrichtsanstalten für Knaben, teils litterarischer 
Thätigkeit zu widmen. 

Innerhalb der juridischen Fakultät hat eine Frau, Fräulein 
Elsa Escheissohn, den höchsten wissenschaftlichen Grad, den 
eines Doctor juris erlangt. Sie ist jetzt Dozent für Civilrecht an 
der juridischen Fakultät der Universität Upsala, wo sie in dieser 
Eigenschaft Vorlesungen hält. Dagegen blieb ihre Bewerbung um 
eine vakant gewordene Professur ohne Erfolg. Ungeachtet ihrer 
anerkannt hervorragenden Begabung, ihrer Tüchtigkeit und 
bedeutenden Kenntnisse wurde ihr Ansuchen mit der Begründung 
abgewiesen, dass sie als Frau nach schwedischem Recht nicht 
befähigt sei, eine Professur an einer staatlichen Universität zu be- 
kleiden. An der freien nichtstaatlichen Universität der Hauptstadt, 
Stockholms Högskola, hingegen hatte die berühmte russische 
Mathematikerin Frau Sonja Kovalewska bis zu ihrem Tode 1891 
eine Professur inne. Ausserdem haben an dieser Hochschule 
weibliche Studierende der Chemie, Physik und Mathematik An- 
stellung als Assistenten gefunden. 



Soviel über die Thätigkeit der Frauen innerhalb der sogenannten 
gelehrten Laufbahnen. Seit 1891 besitzen sie ausserdem das 
Recht, Apotheker, seit 1861 dasjenige, Zahnärzte zu werden ; eine 
nicht geringe Zahl weiblicher Zahnärzte praktiziert mit Erfolg in 
der Hauptstadt sowohl als in mehreren Provinzstädten. Ebenso 
sind nach abgelegten Prüfungen die Frauen beflähigt, Feldscher 
zu werden, ein Gewerbe, das gar nicht wenige betreiben. Die 
schwedischen Hebanunen stehen höher als die der meisten andern 
Länder, insofern sie längere und schwierigere Lehrkurse durch- 
zumachen haben; schon seit 1829 besitzen Hebammen, die die 
erforderlichen Prüfungen abgelegt haben, das Recht, sich bei der 
Entbindung der ärztlichen Instrumente zu bedienen. Für die 
praktische wie theoretische Ausbildung der Krankenpflegerinnen 
ist gut gesorgt, in erster Linie durch die Kurse des „Sophienheims" 
(gestiftet von der Königin Sophia) und die des Roten Kreuzes. Auch 
steht dieser Beruf nunmehr in hohem Ansehen, und es widmen 
sich ihm zahlreiche junge Mädchen aus den guten Familien. 

Eine Menge Frauen sind als Gymnasten beschäftigt. Sie 
erteilen als solche entweder den Turnunterricht an Mädchen- und 



— 317 — 

Volksschulen, oder sie haben Patienten in privater Behandlung. 
Ihre Ausbildung erhalten sie zum Teil im „Gymnastischen Central- 
institut" mit zweijährigem Kurs, zum Teil in ärztlicherseits ver- 
anstalteten Privatkursen. 

Verordnungen aus den Jahren 1845, 1859 und 1863 haben der 
unverheirateten volljährigen Frau, der Witwe und, mit Zustimmung 
des Mannes, auch der verheirateten Frau das Recht verliehen, 
selbständig Handel zu treiben. 

Vom Staate werden eine recht beträchtliche Anzahl Frauen 
im Post-, Telegraphen- und Eisenbahndienst verwendet, wenn es 
auch nur die untergeordneteren, am wenigsten gut bezahlten, 
darum aber nicht minder anstrengenden Stellen sind, die ihnen 
offen stehen. 

Auch als Buchhalterinnen, Schreiberinnen, Kassiererinnen in 
den Banken, den Versicherungsgesellschaften, Handelskontoren 
und Verkaufsläden finden zahlreiche Frauen Anstellung. Sie haben 
sich im allgemeinen auf diesen Posten grosses Vertrauen und Hoch- 
achtung vor ihrem Fleiss, ihrer Redlichkeit, ihrem Ordnungssinn 
und ihrer Pflichttreue zu erwerben gewusst, sind aber trotzdem 
in der Regel bedeutend schlechter bezahlt als die männlichen An- 
gestellten. 



In einer Beziehung nehmen die Schwedinnen eine höhere 
Stellung ein als die Frauen der meisten übrigen Länder, sie haben 
nämlich das gleiche kommunale Stimmrecht wie die Männer. 
Seit alten Zeiten ist in Schweden das kommunale Stimmrecht an 
den Grundbesitz geknüpft gewesen, dessen Inhaber männlichen 
oder weiblichen Geschlechts sein konnte, und die heute geltenden 
kommunalen Bestimmungen von 1862 bauten auf alter Grundlage. 
Nach diesen Bestimmungen hat demnach die Frau, wenn sie die 
sonst dazu erforderlichen Bedingungen erfüllt, d. h. volljährig ist, 
zum mindesten 500 Kronen Einkommen versteuert und in den Wahl- 
listen aufgeführt ist, Stimmrecht in kommunalen Angelegenheiten. 
Dies gilt auch für die verheiratete Frau, die im eigenen Namen 
Steuer für ein ihr persönlich zugehörendes Besitztum zahlt. 

Das kommunale Wahlrecht bedeutet Sitz und Stimme in den 
Kommunalversammlungen, wo die welüichen Angelegenheiten der 
Landgemeinden entschieden und die „Landthingsmänner" gewählt 
werden, die Berechtigung zur Wahl der Stadtverordneten in den 
Städten, Stimmrecht in den „Kirchenversammlungen**, die über 



— 3i8 — 

die kirchlichen Angelegenheiten der Gemeinden beschliessen, zahl- 
reiche die Volksschulen betreffende Fragen behandeln, und unter 
anderm deren Ausgabenetat bestimmen, sowie bei der Wahl der 
Pastoren, der Küster, etc. 

Die Berechtigung zur Wahl der Stadtverordneten und 
Landthingsmänner verleiht den Frauen in demselben Masse wie 
den Männern einen indirekten Einfluss auf die Wahl der 
Abgeordneten der ersten Kammer des Reichstags, die in 
den Städten von den Stadtverordneten, auf dem Lande von den 
Landthingsmännern gewählt werden. 

Einfluss auf die Wahl der Abgeordneten der zweiten Kammer 
besitzen die Frauen dagegen nicht. Im Jahre 1887 stellte der 
Abgeordnete F.T.Borg im Reichstag den Antrag, Frauen, die im 
übrigen die erforderlichen Qualifikationen besässen, das aktive und 
passive Wahlrecht zur zweiten Kammer zu gewähren. Der Antrag 
wurde abgelehnt, hatte aber immerhin in der zweiten Kammer 44 
von 99 abgegebenen Stimmen für sich erhalten. Der bedeutendste 
schwedische Frauenverein, „Fredrika Bremer Förbundet" legte 1899 
dem König eine Petition vor, die die Erreichung des politischen 
Wahlrechts für die Frauen zum Zweck hatte, bis jetzt aber zu 
keinem Resultat geführt hat. 

Infolge eines Reichtagsbeschlusses von 1889 können Frauen 
zu Mitgliedern der Armenkommissionen, die die öffentliche 
Armenpflege besorgen, sowie des Schulrats, dem in den einzelnen 
Distrikten die Verwaltung der Volksschulen obliegt, gewählt 
werden. Zur Arbeit in diesen beiden Verwaltungszweigen haben 
die Frauen sich besonders tüchtig erwiesen, und ihre Kräfte werden 
hier mehr und mehr in Anspruch genommen. So zählt in allen 
Stockholmer Gemeinden (mit Ausnahme einer einzigen) der Schul- 
rat weibliche Mitglieder, deren Fleiss und Befähigung allgemeine 
Anerkennung finden. 



Vor Gericht hat die Frau das Recht, nicht nur als Zeuge, 
sondern auch als Sachführer aufzutreten. Das Recht, bei der 
Aufsetzung von Testamenten als Zeuge zu dienen, besitzt sie 
schon seit 1857. Unverheiratete Frauen und Witwen sind so gut 
wie die Männer zur Vormundschaft befähigt, die Witwe ist 
ausserdem von Rechts wegen der Vormund ihrer Kinder, wenn 
ihr auch deren nächster männlicher Verwandter väterlicherseits 



— 319 — 

als Berater beigegeben ist. Die verheiratete Frau dagegen kann, 
als selbst unter der Vormundschaft des Mannes stehend, nicht 
Vormund sein, und die Witwe, die eine neue Ehe eingeht, verliert 
das Recht der Vormundschaft über ihre Kinder aus erster Ehe. 

Es ist verhältnismässig schwer gewesen, solche Reformen in 
der Gesetzgebung zu Wege zu bringen, die die Lage der ver- 
heirateten Frau zu verbessern bestimmt waren. Noch immer 
stellt das Gesetz sie unter die Vormundschaft des Mannes. Wie 
schon erwähnt, wurde ihr 1845 allerdings der Anspruch auf die 
Hälfte des ehelichen Vermögens zuerkannt, dieses Recht blieb 
aber zu Lebzeiten des Mannes latent, insofern ihm das Recht 
uneingeschränkter willkürlicher Verfügung über das eheliche Ver- 
mögen, also seinen Anteil sowohl als den der Frau, zustand, mit 
alleiniger Ausnahme des auf dem Lande befindlichen Grundbesitzes, 
den die Frau mit in die Ehe brachte. 

Die verheiratete Frau gegenüber den Missbräuchen der Vor- 
mundschaft des Mannes sicherer zu stellen, war daher frühzeitig 
schon ein Punkt, auf den die Bestrebungen der Freunde der 
Frauenemanzipation sich konzentrierten. Als erster unter diesen 
Vorkämpfern stand Lars Johan Hierta, dessen Namen wir in der 
Geschichte der schwedischen Frauenfrage um die Mitte des 
19. Jahrhunderts fast auf jeder Seite begegnen. Einmal ums andre 
(siebenmal insgesamt) beantragte er in den fünfziger und sechziger 
Jahren im Reichstag mehr oder weniger weitgehende Beschränkungen 
der ehemännlichen Vormundschaft. Indessen war er der Ansicht, 
dass auf einen Erfolg nicht zu rechnen sei, solange nicht die 
Frauen selbst ihre Sache in die Hand nähmen. Kurz vor seinem 
Tode, 1872, gründete er gemeinsam mit seiner jüngsten Tochter 
Frl. Anna Hierta (nunmehr Frau Retzius) den „Verein für 
das Eigentumsrecht der verheirateten Frau" (Föreningen 
för Gift Kvinnas Eganderätt), den ersten schwedischen Frauen- 
verein, dessen vornehmste Aufgabe war, „dahin zu wirken, dass 
das Gesetz der Ehefrau das Recht zuerkenne, über ihr vor oder 
in der Ehe ererbtes oder erworbenes Eigentum, somit also auch 
über den Erwerb ihrer persönlichen Arbeit zu verfügen." Dank 
Hierta's unermüdlichen, nach seinem Tode vom Verein für das 
Eigentumsrecht der verheirateten Frau fortgesetzten Anstrengungen 
wurde 1874 ein Sieg errungen. Das eheliche Güterrecht erfuhr 
tiefgehende Veränderungen: Die Ehefrau erhielt das Recht, einmal 
den Erwerb ihrer persönlichen Arbeit, sodann dasjenige Besitztum, 
das durch Ehevertrag der Verwaltung des Mannes entzogen 



— 320 — 

wurde und endlich das ihr durch Schenkung oder Vermächtnis 
persönlich zugefallene Vermögen selbst zu verwalten. 

Der Verein für das Eigentumsrecht der verheirateten Frau 
entfaltete dann über 20 Jahre lang eine lebhafte Thätigkeit, gab 
allerhand Broschüren heraus, veranstaltete Zusammenkünfte, Vor- 
träge, Diskussionen u. s. w. Im Vereinsvorstand befanden sich 
Männer und Frauen, unter den ersteren zahlreiche auf allerlei 
Gebieten des sozialen Lebens hervorragende Persönlichkeiten, vor 
allem viele Reichstagsmitglieder; genannt seien hier: Contreadmiral 
Freiherr O. Stackeiberg, der Schriftsteller S. A. Hedin, der 
Landshöfding Graf H. G. E. Hamilton, der Revisionssekretär 
C. Lindhagen. Besonders thätig unter der Zahl der weiblichen 
Mitglieder waren Hiertas beide Töchter, Frau Ebba Lind 
von Hageby und Frau Anna Retzius und Frau Ellen 
Ankarsvärd. Mehr als einmal gelang es dem Verein, dem 
Reichstag Anträge vorgelegt zu sehen, die das Eigentumsrecht 
der verheirateten Frau zum Gegenstand und verschiedentliche 
Reformen in der Gesetzgebung bezüglich des ehelichen Güterrechts 
zur Folge hatten. So verbleibt nunmehr der feste Grundbesitz 
in der Stadt, der einem der Eheleute als Erbe zugefallen, dessen 
persönliches Eigentum; das Recht der Ehefrau, Gütertrennung zu 
verlangen, hat Ausdehnung erfahren etc. Noch ist indessen die 
Bestimmung von der Vormundschaft des Mannes stehen geblieben, 
wenngleich die erlangten Veränderungen sie bedeutend beschränkt 
haben. 

Der Verein erweiterte 1886 sein Programm, um für die 
Besserung der Stellung der Frauen auch auf andern Gebieten 
wirken zu können. Seiner Thätigkeit in erster Linie verdankten 
auch die Frauen 1889 das schon erwähnte Recht der Wählbarkeit 
zu Mitgliedern des Schulrats und der Kommission für Armen- 
pflege. Der Verein Hess es sich ausserdem angelegen sein, für 
die Wahl einer grossen Zahl von Frauen in diese Behörden sowie 
dafür zu arbeiten, dass die Frauen grösseren Gebrauch von ihren 
kommunalen Rechten machten. Unter den dem Reichstag vor- 
gelegten Anträgen, die direkt oder indirekt sich auf die Ver- 
besserung der Lage der Frauen bezogen, und die der Verein 
unterstützte, verlangt einer die Erhöhung des heiratsfähigen Alters 
der Frau, das ein Beschluss des Reichstags 1891 auch von 15 auf 
17 Jahre hinaufrückte. 

Zwölf Jahre nach der Gründung des Vereins für das Eigentums- 
recht der verheirateten Frau, 1884, entstand der Fredrika Bremer- 



— 321 — 

Verein, benannt nach der berühmten schwedischen Schriftstellerin 
Fredrika Bremer (geb. 1801, gest. 1865), die weit über die 
Grenzen ihres Vaterlandes hinaus gekannt war und deren Schriften 
in der alten und neuen Welt gelesen und bewundert wurden. 
Sie war eine thatkräftige Bannerträgerin der Frauenemanzipation, 
und ihr Roman „Hertha", der 1858 erschien, trug in hohem Masse 
dazu bei, die Frauenfrage zu einer Tagesfrage zu machen, indem 
er ein grelles Licht auf die bezüglich der weiblichen Erziehung 
und Bestimmung herrschenden Vorurteile warf. 

Die Gründerin des Fredrika Bremer- Vereins war die Freifrau 
Sophie Adlersparre geb. Lejonhufond. Schon seit 1858 
gab sie, zuerst in Gemeinschaft mit Frau Rosalie Olivecrona, 
später allein, die „Zeitschrift für s Haus" („Tidskrift för Hemmet") 
heraus, die 27 Jahre lang das Organ der Frauenfrage in Schweden 
war und wertvolle Beiträge zu den Fragen der weiblichen Er- 
ziehung, der Stellung der Frau in der Familie und im sozialen 
Leben, der weiblichen Arbeitsgebiete etc. lieferte. 

Zweck des Fredrika Bremer- Vereins ist „für eine gesunde und 
ruhige Entwicklung der Arbeit, für die Förderung der Frauen in 
sittlicher und intellektueller sowohl als in sozialer und ökonomischer 
Hinsicht zu wirken". Der Verein übt eine vielseitige Thätigkeit 
teils durch sein Vereinsbureau in der Hauptstadt, — dessen Aufgabe 
es u. a. ist, Auskunft einzuholen und zu erteilen in allem, was 
weiblichen Unterricht und weibliche Thätigkeit betrifft, Frauen in 
juridischen und ökonomischen Angelegenheiten zu beraten, Arbeit 
suchenden Frauen der gebildeten Klassen Stellen zu vermitteln, — 
teils durch seine zahlreichen Komitees. Wir nennen unter diesen 
das sog. Gesetzkomitee, das die Bestrebungen des „Vereins für 
das Eigentumsrecht der verheirateten Frau" fortftlhrt, dessen 
Programm und Vermögen es übernommen hat. Ein andres 
Komitee hat verschiedene Stiftungen in seiner Verwaltung, aus 
denen an junge Mädchen und Frauen, die sich auf praktischem 
oder theoretischem Gebiet ausbilden wollen, Stipendien zu ge- 
werblichen oder wissenschaftlichen Studien verteilt werden. In 
Verbindung mit dem Fredrika Bremer- Verein steht eine Krankenr 
kasse, aus der Lehrerinnen oder ihnen gleichgestellte Frauen gegen 
einen geringen jährlichen Beitrag Unterstützung in Krankheits- 
fällen erhalten. Der Verein giebt eine eigene Zeitschrift, „Dagny", 
heraus, die zugleich das bedeutendste Organ für Frauenfragen in 
Schweden ist. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 21 



— 322 — 

Im Jahr 1896 entstand der Bund Schwedischer Frauen- 
V ereine, ein Glied in dem grossen Internationalen Frauen- 
bund (International Council of Women). Der Nationalverband 
Schwedischer Frauen, der unter anderm die Förderung der ge- 
meinsamen Arbeit derjenigen Vereine zum Zweck hat, an deren 
Vorstand Frauen beteiligt sind, umfasst heute 13 solcher Ver- 
einigungen. Diese sind: 

Der Fredrika Bremer-Verein, über dessen Ziel und Thatigkeit 
wir bereits berichtet haben; 

der Wohlthätigkeitsverein, der nach dem Vorbild der 
englischen „Charity-Organisation Society^ gestiftet, die gemeinsame 
Arbeit der verschiedenen Zweige philanthropischer Thatigkeit bezweckt 
und im allgemeinen die Wohlthdtigkeit nach gesunden und rationellen 
Prinzipien zu ordnen sucht, der Bettelei entgegenarbeitet etc.; 

dasCentralkomitee fQrArbeitshorte fQrKinder(Arbetsstugor 
for barn), gegründet von Frau Anna Hierta-Retzius, das sich die Auf- 
gabe gestellt hat, armen Kindern Unterricht in den verschiedenen 
Zweigen nützlicher Handarbeit zu erteilen, dadurch Liebe zur Arbeit 
in ihnen zu erwecken und sie vor den Versuchungen des Strassen- 
lebens zu bewahren. Solche Werkstätten für Kinder sind in den 
verschiedensten Teilen Schwedens errichtet worden (im ganzen 40, 
12 davon in Stockholm) und haben zu den glücklichsten Resultaten 
geführt; 

der „Verein der Freunde der Handarbeit". Sein Ziel ist 
die Veredelung des häuslichen Kunstgewerbes in vaterländischer und 
künstlerischer Richtung; 

der „Neue Idun", ein Frauenklub für litterarische, künstlerische 
und soziale Interessen, der sich im Winter monatlich einmal abends 
zu Diskussionen, Vorlesungen, Musikvorträgen, Kunstausstellungen etc. 
zusammenfindet ; 

der „Frauenklub ", dessen permanentes Klublokal mit Bibliothek 
und Lesezimmer versehen ist. Wie im „Neuen Idun** finden auch 
hier gesellige Zusammenkünfte statt, die indessen einen mehr 
demokratischen Anstrich haben; 

der Stockholmer Frauenturnverein, der die weiblichen 
Gymnasten der Hauptstadt zusammenführt; 

der Schwedische Frauen-Tierschutzverein, dessen Namen 
Zweck und Ziel desselben andeutet; 

der „Friedensverein der Schwedischen Frauen*, der für 
den allgemeinen Frieden und Schiedsgerichte zwischen den Nationen 
arbeitet; 

der „Schwedische Frauenverein zur Verteidigung des 
Vaterlandes*, der die Vaterlandsliebe zu fördern strebt und daneben 
Mittel zur Verstärkung der Verteidigung des Landes sammelt; 



— 323 — 

der „Frauenverband zur Verteidigung Schwedens zur 
See" mit ähnlichem Zweck; 

der „Gothenburger Mädchenschulenverein**, eine Ver- 
einigung der Lehrerinnen an den höheren Töchterschulen der zweiten 
Stadt Schwedens; 

der Verein „Stockholms Lesesalon", gegründet i866, um 
Bildung suchenden Frauen und Männern Lesezimmer mit einer wohl 
ausgestatteten Bibliothek zu bieten. 

Indessen bilden diese dreizehn Vereine, die sich dem 
Schwedischen Frauenbund angeschlossen haben, nur einen kleinen 
Teil der gegenwärtig existierenden, die Gebiete weiblicher Arbeit 
und die weiblichen Interessen repräsentierenden Vereinigungen, 
von denen die meisten und grössten im Dienste der Wohlthätigkeit 
stehen. Auf dem weiten Felde der charitativen Thätigkeit haben 
zu allen Zeiten die Frauen in den vordersten Reihen gestanden, 
und was im besonderen die Wohlfahrtspflege in Schweden 
betrifft, so giebt es wohl kaum ein einziges Gebiet derselben, auf 
dem nicht edle, warmherzige und opferwillige Frauen ihre besten 
Kräfte eingesetzt hätten als Gründerinnen wie als Leiterinnen und 
Mitarbeiterinnen. Es würde uns zu weit führen, wollten wir all 
die vielen Zweige der Liebesarbeit unter den Armen und Kranken, 
den Altersschwachen und Unglücklichen aufzählen, unter den 
Verbrechern und Gefallenen, und vor allem andern unter den 
Kindern, den kranken sowohl als den gesunden, alle die barm- 
herzigen Stiftungen, die Kranken- und Altersheime, die Krippen, 
Kinderbewahranstalten, Kinderkrankenhäuser etc., alle Vereine 
für Krankenpflege, für die Speisung armer Schulkinder, für 
Ferienkolonien, die Vereine zur Förderung der Massigkeit und 
Sittlichkeit etc., die Frauen ihre Entstehung und ihre Fortdauer 
verdanken. 

Von den zahlreichen Frauen, die auf diesen verschiedenen 
Gebieten gegenwärtig eine leitende Stellung einnehmen, seien nur 
einige wenige genannt, so Frl. Elsa Borg, Stifterin und 
Leiterin einer Frauenbibelanstalt, die in Verbindung mit 
mehreren Kinderheimen, Rettungsheimen u. a. steht; Frl. 
Beatrice Dickson, die in Gothenburg eine philanthropische 
Thätigkeit in grossem Massstab entfaltet, besonders der Trunk- 
sucht entgegenarbeitet; Frl. Mathilda Fryxell, die für Ent- 
haltsamkeit und Sittlichkeit wirkt; Frau Anna Hierta-Retzius, 
die Gründerin der Arbeitshorte für Kinder (Arbetsstugor), der 
Kochschulen u. a. m., die ausserdem die Initiative zu vielen 

21* 



— 324 — 

andern Unternehmungen ergriffen oder solche unterstützt hat, 
besonders auf dem Gebiet der präventiven Wohlthätigkeit; 
Frl. Agnes Lagerstedt, deren Thätigkeit unter der ärmsten 
Bevölkerung Stockholms derjenigen von Octavia Hill in London 
zu vergleichen ist und eine Besserung der herrschenden traurigen 
Wohnungsverhältnisse bezweckt; Frau Agda Montelius, die 
Seele des „ Wohlthätigkeitsvereins" ; Frl. Anna Roos, Vorsteherin 
des „Christlichen Vereins für die weibliche Jugend". 

Unter den arbeitenden Frauen existieren in mehreren 
Gewerben Fach vereine, gewöhnlich in Verbindung mit einer 
Krankenkasse; dies ist z. B. der Fall bei den Hebammen und 
Nähterinnen. Eine andre weibliche Arbeiterorganisation ist der 
„Allgemeine Stockholmer Frauenklub", der einen mehr sozial- 
demokratischen Charakter trägt. 

Obwohl Frauen in grosser Anzahl in den Fabriken und 
andern industriellen Unternehmungen Verwendung finden, besitzen 
wir keine besonderen Gesetze zum Schutz der arbeitenden 
Frauen, wenn man die 1900 in Kraft getretenen Verordnungen 
ausnimmt, nach denen Frauen in den ersten vier Wochen nach 
einer Entbindung nicht zu industrieller Arbeit und Frauen über- 
haupt nicht zu unterirdischer Arbeit in Gruben oder Steinbrüchen 
verwendet werden dürfen. Im Handwerk- finden Frauen nur aus- 
nahmsweise Verwendung; indessen giebt es weibliche Setzer, 
Buchbinder, Uhrmacher, Tapezierer, Photographen. 

Fabrik und Werkstatt liegen weit ab von den sonnigen Höhen 
der Wissenschaft, der Litteratur und Kunst; sowohl die einen als 
die andern fallen jedoch in den Rahmen dieses kleinen Aufsatzes, 
da wir auf beiden Gebieten der Frau begegnen. 

In der Litteratur hat die Frau in Schweden hohe Ahnen: 
einer der vornehmsten Schriftsteller des schwedischen Mittelalters 
war eine Frau, die heilige Birgitt a. Auch zur schwedischen 
Litteratur des 19. Jahrhunderts haben die Frauen nicht geringe 
Beiträge geliefert. Zu Anfang des Jahrhunderts treffen wir eine 
Dichterin, Frau Anna Maria Lenngren (geb. 1755, gest. 1817), 
die selbst in der damaligen hohen Blüte der schwedischen 
Litteratur eine hervorragende Stelle einnahm. Den besten Beweis 
für den Wert ihrer von Witz und Satyre übersprudelnden 
Dichtungen dürfte ihre immer noch grosse Popularität und der 



— 325 — 

Umstand sein, dass sie heute noch zu den ersten unter den 
schwedischen Dichtern gezählt wird. 

Die meisten unserer schwedischen Schriftstellerinnen finden 
wir indessen auf dem Gebiet des Romans und der Novelle. An 
erster Stelle unter ihnen steht Fredrika Bremer, die auf mehr als 
einem Gebiete bahnbrechend war. Niemand hat das schwedische 
Familienleben in so liebenswürdiger, so charakteristischer Weise 
geschildert, wie sie es in den besten ihrer „Bilder aus dem Alltags- 
leben" („Teckningar ur Hvardagslifvet") gethan hat. Ihre Zeit- 
genossinnen, die an Popularität ihr gleichkamen, wenn sie auch 
nicht den erziehlichen Einfluss ausüben konnten, waren die 
Freifrau Sophie vonKnorring, die ihre Schilderungen vorzugs- 
weise den aristokratischen Kreisen der Hauptstadt entnahm und 
Frau Emilie Flygare-Carlön, der vor allem die Schilderungen 
des Lebens der schwedischen Westküstenbevölkerung gelungen sind. 

Unter den älteren Schriftstellerinnen nennen wir auch die sehr 
produktive Frau Marie Sophie Schwartz, deren Romane gleich 
denen von Fredrika Bremer und Frau Carlen zum grossen Teil 
in fremde Sprachen übersetzt wurden, und Frau Josephine 
Wettergrund, die vor allem durch ihre humoristischen Novellen 
und Skizzen bekannt geworden ist. 

Im letzten Viertel des Jahrhunderts sind viele talentvolle 
Schriftstellerinnen aufgetreten, von denen wir nur die bedeutendsten 
erwähnen. Es sind dies Frau Anne Charlotte Leffler-Edgren, 
später Herzogin de Cajanello, die eine Reihe von Schilderungen 
„aus dem Leben", ausserdem mehrere stark tendenziöse Dramen 
schrieb; Frau Alf hild Agrell, die ihre Kunst auf den Gebieten 
des Tendenzdramas, der Dorfgeschichten, der Reiseskizzen und 
Humoresken versucht hat; Frl. Mathilda Roos, die ihre 
Motive anfänglich dem Gesellschaftsleben entnahm, später aber 
psychologische Studien von grösserer Tiefe und Feinheit ver- 
öffentlichte. 

Von viel Originalität und Begabung zeugten Frau Viktoria 
Benedictson's („Ernst Ahlgren") Romane und Schilderungen 
aus dem Volksleben, die man denen von George Eliot verglichen 
hat. Nicht weniger originell, aber bedeutend phantasiereicher und 
poetischer ist Selma Lagerlöf, die besonders durch ihre 
„Gösta Behrlings Saga", Schilderungen aus dem alten Vermland, 
eine grössere Popularität gewonnen hat als irgend eine der jetzt 
lebenden schwedischen Schriftstellerinnen. 



— 3^6 — 

Unter unsem jüngsten Autorinnen nenne ich Frl. Annie 
Qviding, die in allerneuester Zeit in einigen wirkliches Talent 
verratenden Tendenz-Romanen Schäden der Gegenwart mit geist- 
voller Schärfe gekennzeichnet hat. 

Auf dem Gebiet der geschichtlichen Forschung nahm Ellen 
Fries, der erste weibliche Doktor philosophiae in Schweden, einen 
hervorragenden Platz ein, vor allem durch ihre „Schilderungen 
aus dem Familienleben des Schwedischen Adels älterer Zeiten", 
die von grossem kulturhistorischem und biographischem Inter- 
esse sind und speziell wertvolle Beiträge zur Geschichte der 
Frau in früheren Zeiten liefern. 

Zahlreiche weibliche Schriftstellerinnen haben sich mit sozialen, 
litterarischen und pädagogischen Gegenständen beschäftigt, vor 
allem die schon genannte Freifrau Adlersparre nebst ihrer 
Mitarbeiterin in der „Zeitschrift fürs Haus**, Frau Rosalie 
Olivecrona. An dieser Stelle sind ausserdem zu erwähnen 
Frl. Eva Fryxell, Frl. Anna Sandström, die Herausgeberin 
einer seit vielen Jahren bestehenden pädagogischen Zeitschrift 
„Verdandi**, in der eine Menge neuer Ideen auf dem Gebiete des 
Unterrichts zur Besprechung kommen. 

Keine unserer schwedischen Schriftstellerinnen der Gegenwart 
hat indessen soviel von sich reden machen als Ellen Key, die 
sowohl kürzere Aufsätze als grössere Arbeiten besonders über 
soziologische, litterarische und pädagogische Fragen in grosser 
Zahl veröffentlicht hat. Anfänglich eine warme Freundin und 
Vorkämpferin der Frauensache, ist sie in ihren späteren Arbeiten 
offenbar unter dem Einfluss der Strindbergschen Richtung gegen 
jene aufgetreten. Dank ihrer grossen Belesenheit, ihrem oft 
beredten wenn auch etwas schwülstigen Stil, ihrer Fähigkeit, an- 
erkannte Wahrheiten mit ihren eigenen neuen Theorien zu ver- 
flechten, hat Ellen Key besonders bei der Jugend Anhänger gefunden. 
Andrerseits haben ihre Schriften und die darin vertretenen An- 
schauungen scharfen Protest von Seiten bedeutender, besonders 
vieler weiblicher Kritiker hervorgerufen, die es verstanden haben, 
die in ihren Lehren liegende Gefahr, den Mangel an Logik in 
ihrer Darstellung, die oft fast komische Schwülstigkeit ihres 
Stils hervorzuheben. Besonders hat sich die vor kurzem er- 
schienene Broschüre „Ellen Keys lifsäskädning och foerfattareskap" 
(Die Lebensanschauung und die schriftstellerische Thätigkeit Ellen 



— 3^7 — 

Keys) von Dr. C. D. von Wirsön, Sekretär der Schwedischen 
Akademie, in dieser Richtung verdient gemacht. 



Von den Künsten wird vorzugsweise die Musik vom 
schwedischen Volk geliebt und gepflegt, und vielleicht am meisten 
von den schwedischen Frauen, die häufig schöne Stimmen besitzen. 
Eine beträchtliche Anzahl unserer Sängerinnen haben sich auch Welt- 
ruhm errungen, vor allem Jenny Lind und Christina Nilsson. 

Der Unterricht an der Musikakademie steht seit 1856 auch 
weiblichen Schülern offen, und unter den Lehrern sowie den 
Ehrenmitgliedern der Akademie sehen wir mehrere Frauen. 

Auch als Komponistinnen haben verschiedene Frauen sich 
hervorgethan. Unter ihnen dürften an erster Stelle zu nennen 
sein Frl. Elfrida Andröe, Frl. Helena Munktell, die unter 
anderm eine Oper komponiert hat, Frau Laura Netzel („Lago''), 
Frl. Walborg Aulin. 

Seit 1866 haben weibliche Eleven Zutritt zum Unterricht an 
der Akademie der Freien Künste, und eine grosse Zahl 
schwedischer Frauen widmet sich der Malerei. Andre unserer 
Künstlerinnen, vor allem Frau Jenny Nyström Stoopendahl 
und Fräulein Ottilie Adelborg beschäftigen sich vorzugsweise 
mit Zeichnungen und der Illustration von Büchern. Auch die 
Bildhauerkunst besitzt eine Anzahl weiblicher Jünger. 

Eine Frau, Frau Lea Ahlborn, war über 40 Jahre als 
Graveurin an der Kgl. Schwedischen Münze angestellt und hat als 
solche alle in dieser langen Zeit geprägten Münzen sowie über 
150 Medaillen graviert. 

Das weibliche Haus- und Kunstgewerbe, besonders die Kunst- 
weberei und die Kunststickerei, ist in Schweden seit Jahrhunderten 
in Schloss und Hütte gepflegt worden. Insbesondere haben die 
schwedischen Bäuerinnen sich durch ihre Geschicklichkeit in diesen 
und andern Zweigen des Kunstgewerbes ausgezeichnet Zu Ende 
des 19. Jahrhunderts hat man viel gethan, um das nationale 
Kunstgewerbe, das im Kampfe mit der Fabrikindustrie unter- 
zugehen droht, wieder aufleben zu lassen, ihm eine künstlerischere 
Richtung zu geben und die alten Vorlagen zu erhalten und zu 
veredeln. 

Diese Bestrebungen wurden zuerst von dem Verein „Bikupan** 
(der Bienenkorb) aufgenommen und dann fortgesetzt von dem schon 



— 328 — 

genannten Verein der „Freunde der Handarbeit", gegründet 1874 
von der Freifrau Adlersparre, Frau Hanna Winge u. a. m., der 
jetzt eine vielumfassende Thätigkeit übt, und schon mehrmals mit 
grossem Erfolg sich an Weltausstellungen beteiligt hat. „Die 
Freunde der Handarbeit" haben viele Nachfolger erhalten, unter 
denen Selma Giöbels „Svensk konstslöjd" (schwedisches Kunst- 
gewerbe) den ersten Platz einnimmt. In Verbindung mit den 
Bestrebungen zur Erhaltung^ und Veredelung des Kunst- und Haus- 
gewerbes sind rings im Lande Webschulen entstanden, die Unter- 
richt in einfachen sowohl als in kunstvolleren Webereien erteilen. 

Diese und ähnliche Schulen, sowie die stets zahlreicher 
werdenden Kochschulen und die in letzter Zeit sich geltend 
machenden, besonders von demVerein „Bamavärd" (Kinderpflege) ver- 
tretenen Bestrebungen, jungen Mädchen Gelegenheit zu theoretischer 
und praktischer Ausbildung in allem zu geben, was die Pfl^;e 
und Wartung der Kinder im zarten Alter betriflft, sind ein Beweis 
dafür, dass die Reformbestrebungen zur Besserung der Stellung 
der Frauen in Schweden keine einseitige Richtung genommen 
haben oder etwa es darauf absehen, die Frau den Arbeitsgebieten 
zu entfremden, die die Natur selbst ihr angewiesen hat. 

Jene Bestrebungen suchen vielmehr vor allem der Frau das 
Recht und die Möglichkeit zu verschaffen, ihre natürlichen Anlagen 
auszubilden, sei es in praktischer, wissenschaftlicher, künstlerischer 
oder irgend einer andern Richtung und diesen Anlagen gemäss 
ihre Arbeit frei und ungehindert wählen und ausfahren zu können. 
Ihr Ziel ist ferner, den Frauen, die freilich selbst keinen aktiven 
Anteil an der Verteidigung des Vaterlandes nehmen können, 
immerhin aber die Mütter und Erzieherinnen der Landesverteidiger 
sind, eine Stimme zu verschaffen, wo es sich darum handelt, Gesetze 
zu stiften, die für Frauen und Männer, für sie selbst wie flör ihre 
Nachkommen Giltigkeit haben sollen. Und die Vorkämpfer dieser 
reformatorischen Arbeit setzen diese um so hoffnungsvoller und 
zuversichtlicher fort, als sie der Überzeugung sind, dass die 
Emanzipation der Frau nicht nur den Frauen selbst, sondern auch 
dem Vaterlande und der ganzen Menschheit zum Heile dienen wird. 




Die Geschichte der Frauenbewegung 

in Finnland. 



Von Alexandra Grlpenbepg. 



Über 600 Jahre lang gehörte Finnland zu Schweden und 
wurde nach dem schwedisch - russischen Kriege von 1808 — 1809 
mit Russland vereinigt. Ermattet und fast verblutet in dicht auf- 
einander folgenden Kriegen schlief das finnische Volk nach der 
Vereinigung mit Russland Jahrzehnte lang. Keine von der fran- 
zösischen und amerikanischen Revolution ausgehende Anregung 
reichte bis zu unserem entlegenen Lande. Aber während des 
Schlafes trieb die zähe Lebenskraft des Volkes Tausende von 
frischen Schösslingen , darunter unsere Frauenbewegung, wenn 
diese auch noch mehrere Dezennien gebrauchte, ehe die ersten 
Blättchen sich zeigten. 

Sobald es nämlich dem finnischen Volke zum Bewusstsein 
kam, dass es als Nation noch nicht tot sei, wurde die Hilfe der 
Frauen notwendig. Gegen Ende der dreissiger Jahre richtete ein 
junger Student durch die Zeitungen eine warme, beredte Auf- 
forderung an die Frauen Finnlands, sich an der grossen nationalen 
Arbeit zu beteiligen und in die Herzen ihrer Kinder Liebe zu dem 
finnischen Vaterlande, der verachteten finnischen Sprache zu 
pflanzen. „Ohne die Mitwirkung der Frauen," sagt er, „können 
die kommenden Generationen nie für eine grosse Idee gewonnen 
werden." Dieser Aufruf, dessen Verfasser unser grosser Dichter 
Zacharias Topelius war, ist wohl der erste öffentliche Appell 
an die Frauen unseres Landes gewesen, einer ideellen Arbeit ihren 
Beistand zu schenken. Jedoch bis jetzt hatte noch kein Gedanke 
Ober die untergeordnete Stellung der Frau Form und Gestalt ge- 
wonnen. Man begehrte bei Gelegenheit ihre Hilfe in den wichtigsten 
Lebensfragen, ohne zu bedenken, dass sie vorläufig nur den 
Platz eines Zuschauers einnahm mit dem starken Gitterwerk der 



— 330 — 

Sitte und des Gesetzes zwischen sich und der menschlichen 
Kulturarbeit. 

Die erste Anregung kam von Schweden durch die Arbeiten 
der berühmten Schriftstellerin Fredrika Bremer. Ihre Schilde- 
rungen des häuslichen Lebens wurden gelesen, ja sogar ver- 
schlungen, überall, wo man in unserem Lande die schwedische 
Sprache verstand, und manche Frau bewahrte ihre mahnenden 
Worte im Herzen, lange bevor sie die volle Bedeutung derselben 
für ihr Geschlecht ahnte. Das Erscheinen von Fredrika Bremers 
Roman „Hertha" war die Veranlassung zum ersten öffentlichen 
Meinungsaustausch über die Frauenfrage in unserem Lande. In 
den Rezensionen dieses Buches benutzte man nämlich die Ge- 
legenheit und wies darauf hin, dass eine selbständige, energische 
und denkende Frau wie Hertha wohl achtungswert sein könne, 
aber nie liebenswürdig und geliebt, weil sie die Hilflosigkeit der 
Schwäche entbehre, die in der Stärke des Mannes eine Stütze 
sucht und findet Die erste finnische Frau, die sich zur Ver- 
teidigung ihres Geschlechtes aufwarf, war eine Zeitgenossin von 
Fredrika Bremer, Frau Fredrika Runeberg, die Gemahlin 
unseres grossen Nationaldichters Johan Ludwig Runeberg. Ohne 
Zweifel übten Fredrika Bremers Schriften direkten Einfluss auf 
sie aus, aber ihre schriftstellerische Thätigkeit ist selbständig. So 
sehr war sie ihrer Zeit voraus, dass sie schon in ihren Schilde- 
rungen aus dem Frauenleben aus den fünfziger Jahren folgende 
Forderungen für das weibliche Geschlecht aufteilte : Höhere 
Bildung, Fachbildung, das Recht Medizin zu studieren, Eigentums- 
recht und Mündigkeit für die verheiratete Frau, sowie Freiheit in 
der Wahl des Berufs. In den sechziger Jahren veröffentlichte 
Frl. Adelaide Ehrnroth in der Presse einige Aufsätze, die 
gleichfalls die Ungerechtigkeiten und Missstände in der Stellung 
der Frau darlegten. Diesen beiden Frauen stand der Dichter 
Topelius zur Seite, der immer zum Beistand bereit war, wenn es 
die Sache der Frau galt Unter anderm regte er in den siebziger 
Jahren als damaliger Universitätsrektor die Frage an, ob den 
Frauen in derselben Weise wie den Männern das Recht gewährt 
werden solle, an der Universität zu studieren. Man musste die 
Sache jedoch aus politischen Gründen fallen lassen. Mit dichterischer 
Intuition erfasste Topelius die Bedeutung der Bestrebungen, welche 
die Entwicklung der Frauen und die Hebung ihrer Stellung im 
Auge hatten. Das beweisen seine Gedichte zur Erinnerung an 
Fredrika Bremer (1866), sowie an Emma Irene Iström, 



— 331 — 

Finnlands ersten weiblichen Magister der Philosophie (1882), und 
von beiden Widmungen kann man sagen, dass sie das Programm 
der Frauenbewegung in der edelsten Auffassung wiedergeben. 
Seine Mitwirkung war von um so grösserer Bedeutung, da der 
Hauptwiderstand gegen die Frauensache in jener Zeit in unserem 
Lande, wie anderswo auch, von religiös-konservativer Seite aus- 
ging. Da Topelius' Lebensanschauung eine positiv christliche 
war, fielen seine Worte doppelt schwer in die Wagschale. 

In den siebziger Jahren wurde nach einer weit ausgesponnenen 
Polemik in Helsingfors eine sogenannte Frauenakademie gegründet, 
an der Universitätslehrer Vorträge für Damen hielten. Auf Wunsch 
wurden auch Zeugnisse ausgestellt; das Unternehmen war jedoch 
ganz und gar privater Natur, und die Hörerinnen brauchten sich 
keinem Eintrittsexamen zu unterwerfen. 

Zu jener Zeit fingen die Frauen selbst an, hier und da mit 
Zeitungsartikeln, die die Stellung der Frau betrafen, hervorzutreten, 
jedoch stets unter einem Pseudonym. Es mögen hier unter anderm 
folgende Namen genannt werden: Elisabeth Stenius, Constance 
Ekelund (die Sittlichkeitsfrage), Florence von Schoultz. Die 
erste Frau, die in finnischer Sprache die Sache der Frauen führte, 
war die später so berühmte dramatische Schriflstellerin Frau 
Minna Canth. Gleich vielen andern ihrer Zeitgenossen empfing 
sie starke Eindrücke von Henrik Ibsen, dessen Werke man damals 
in Finnland zu lesen und aufzuführen begann und die lebhafte 
Diskussionen hervorriefen. Im Mittelpunkt dieser Erörterungen 
stand im Anfang der achtziger Jahre zunächst die Frage einer 
höheren Frauenbildung. 1882 erliessen die Damen der Stadt 
Knopio die Aufforderung, ein Mädchenlyceum zu eröffnen, das 
die Schülerinnen zur Universität vorbereitete. (Die Frauen können 
nämlich auf ein besonderes Gesuch hin die Erlaubnis erhalten, 
das Maturitätsexamen abzulegen.) Das gab den Anstoss zu einer 
Geldsammlung für eine finnische Schule, die Knaben und Mädchen 
gemeinsam aufnehmen und das Recht der Entlassungsprüfungen 
für die Universität erhalten sollte. Schon früher war die Gründung 
einer gleichen schwedischen Schule privatim diskutiert worden, 
und schon 1883 trat diese ins Leben. Die erste finnische Schule 
für Knaben und Mädchen wurde 1886 eröffnet. 

Eine andre Frage, die gleichzeitig lebhaft besprochen wurde, 
war das Eigentumsrecht der verheirateten Frau, um das bei den 
Landtagen von 1882 und 1885 petitioniert worden war. Die erste 
Petition, die das Bestimmungsrecht der verheirateten Frau über 



— 332 — 

ihren Arbeitsverdienst zum Gegenstand hatte, wurde 1882 von dem 
Volksschullehrer Svedberg, einem Vertreter des Bauernstandes 
im Landtage, vorgetragen. Mittelbare Unterstützung fanden diese 
Petitionen durch Frau Canths Drama: „Die Frau des Arbeiters**, 
das gleichzeitig (1885) zur Aufführung kam und eine lebhafte 
Polemik hervorrief Diese hatte durch die Gründung des „finnischen 
Frauenvereins" (1884), der schon seit 1883 unter dem Namen 
„Diskussionsverein" existiert hatte, neue Nahrung erhalten. Dieser 
erste Versuch der Frauen, sich zu gemeinsamer Arbeit für die 
Hebung ihres Geschlechts zu organisieren, wurde, wie aus der 
damaligen Zeitungspresse hervorgeht, Gegenstand vieler Scherze 
und mancher Angriffe. Unter der Leitung seiner Gründerin und 
ersten Vorsitzenden, Frau Elisabeth Löfgren, der Frl. Alma 
Hjelt als Schriftführerin eine treue Mitarbeiterin war, wuchs der 
Verein trotz aller äusseren und inneren Schwierigkeiten, und sein 
Programm klärte und entwickelte sich. Der finnische Frauen- 
verein hat nunmehr 20 Filialen auf dem Lande. Er wirkt durch 
Vorträge, Litteratur, Zeitungsaufsätze etc. für Reformen auf dem 
Gebiet der rechtlichen Stellung der Frau und überhaupt ftlr eine 
edlere Auffassung von der Persönlichkeit der Frau und ihrer Auf- 
gabe im Hause und in der Gesellschaft. Der Gesetzgebung gegen- 
über sucht der Verein seine Zwecke dadurch zu fördern, dass er 
die Initiative zu Petitionen an den Landtag ergreift. So ist er 
für die Eröffnung der Universität für die Frauen, das politische 
Stimmrecht der Frauen, die kommunale Wählbarkeit der Frauen, 
die Erhöhung des Heiratsalters der Frau über das im Gesetz zu- 
gelassene 15. Jahr, die Mündigkeit der Frau im Alter von 21 Jahren, 
Erweiterung der Rechte für die Frau betreffs Ausübung des Lehr- 
berufes, die Wählbarkeit der Frau in die Armenhausdirektion 
und zur Vorsteherin von Armenhäusern, die Abschaffung der 
Prostitution etc. eingetreten. Ebenso wirkt der Verein für die 
Hebung der Frau durch Schriften, Versammlungen, Vorträge und 
praktische Unternehmungen, zum Beispiel durch Elementarkurse 
für Dienstmädchen, Arbeiterinnen in den Städten und Bäuerinnen, 
sowie durch Kochkurse für Dienstmädchen. Die ambulatorischen 
Koch- und Handarbeitskurse für Bäuerinnen und der Unterricht 
in der Gartenpflege spielen ebenfalls eine grosse Rolle. Ein eigen- 
tümlicher und für unsere Verhältnisse bezeichnender Zug ist die 
volkstümliche Tendenz und der demokratische Charakter dieses 
Vereins. Die Filialen desselben zählen zum grössten Teil Bauern- 
frauen zu ihren Mitgliedern, und fast alle seine Unternehmungen 



— 333 — 

beabsichtigen in erster Linie das Beste der Frauen aus den niederen 
Volksschichten. Unserm Lande eigentümlich sind auch die Ver- 
sammlungen, die der Verein auf dem Lande veranstaltet und in 
denen sich Zuhörerscharen von 300 — ^400 Personen aus den Dörfern 
der Einöde zusammenfinden, um die prima principia der Frauen- 
frage aufzunehmen. 

Im Jahre 1885 wurde der „Konkordia- Verband für Frauen- 
stipendien" gestiftet, der eine für unser Land grossartige Wirk- 
samkeit ausübt durch Verteilung von Stipendien an Frauen auf 
verschiedenen Arbeitsgebieten. Gegen Ende der achtziger Jahre 
entstanden mehrere neue Schulen für Knaben und Mädchen. 
1882 gründete man zwei Zeitschriften für Frauenfragen, nämlich 
„Koti ja Yhteiskuuta" (finnisch: Das Heim und die Gesellschaft), 
redigiert von Fräulein Alexandra Gripenberg, die in demselben 
Jahre auch Vorsitzende des „Finnischen Frauenvereins** wurde 
und diese Ämter jetzt noch inne hat, sowie „Hemmet och Sam- 
hället" (schwedisch: Das Heim und die Gesellschaft) ein Titel, der 
später mit „Nutid" (Die Jetztzeit) vertauscht wurde; redigiert 
wurde diese Zeitschrift nacheinander von Frau Alli Trygg- 
Helenius und den Fräulein Rosina Wetterhoff, Helena 
Westermarck, Maikki Friberg und Annie Furuhjelm. 

Der Widerstand, welcher der Frauensache bis Anfang der 
achtziger Jahre entgegengebracht wurde, kam, wie schon gesagt, 
hauptsächlich von religiös- konservativer Seite. Seit der Mitte der 
achtziger Jahre jedoch mehrten sich die Angriflfe seitens der 
naturalistischen Gegner. Diese richteten sich zunächst gegen die 
Sittlichkeitsbestrebungen, welche die Freunde der Frauensache in 
Finnland mit Recht als unzertrennlich von der Idee der Frauen- 
bewegung ansahen. Der Widerstand erreichte seinen Höhepunkt 
in der Polemik, die in den neunziger Jahren durch Nietzsches 
Lehren hervorgerufen wurde, die von einigen seiner Adepten im 
Norden ins Schwedische umgearbeitet worden waren und denen 
sich viele der sogenannten Freunde der Frauensache anschlössen. 

Der Weg war indessen geebnet, und immer weitere Kreise 
des weiblichen Geschlechtes wendeten der organisierten Arbeit 
für die Frauensache ihr Interesse zu. 1892 entstand „die Union, 
Verband für Frauenfragen in Finnland**, deren Gründerm und 
Vorsitzende Fräulein Lucina Hagman ist. Die Union wirkt in 
Helsingfors durch Versammlungen, Diskussionen, Landtagspetitionen, 
Vorträge, Herausgabe von Zeitschriften, Zusammenkünfte der 
Mütter, Vorträge für die arbeitenden Klassen etc. Auf Veranlassung 



— 334 — 

der Union wurde dem letzten Landtage eine Petition betreffend 
die Wählbarkeit der Frau zu kommunalen Ämtern eingereicht, 
welche die Majorität der Stände und nunmehr auch die Fürsprache 
des Senats erlangte. 

Gegen Ende der neunziger Jahre bildeten sich innerhalb der 
Arbeitervereine besondere Frauenverbindungen, die im Anschluss 
an das Programm der sozialistischen Arbeiterpartei die Verwirk- 
lichung der sozialen und politischen Ziele derselben im Auge haben. 
Ebenso entstanden Dienstmädchenvereine, Fachvereine der Nähe- 
rinnen, Ladenmädchen, Tagelöhnerinnen, Fabrikarbeiterinnen etc- 
Diese sind Unterabteilungen der männlichen Arbeitervereine, und 
ihre Funktionäre sind nicht selten Männer. Da sie ihre Wirk- 
samkeit eben erst begonnen haben, ist ein Überblick darüber kaum 
möglich. Im allgemeinen verfolgen sie die gleiche Richtung wie 
die Bestrebungen der sozialistischen Arbeitervereine im Ausland. 

Die neuste von Frauen gebildete Verbindung ist der „Martha- 
Verein", der im Jahre 1900 gestiftet wurde und den Zweck hat, 
unter den Bauernfrauen nützliche, allgemeine und hauswirtschafUiche 
Kenntnisse zu verbreiten; das Amt der Vorsitzenden versieht 
Fräulein Cely Mechelin. 

Auch die Missions- und Wohlthätigkeitsvereine sind wichtige 
Faktoren für die Entwicklung der finnischen Frau gewesen. Die 
letztgenannten, besonders die in den vierziger Jahren gebildeten 
sogenannten „Frauenvereine", üben eine weitverzweigte philanthro- 
pische Wirksamkeit aus. Der „christliche Verein junger Mädchen* 
und der „christliche Verein weiblicher Studenten" arbeiten für die 
Förderung des religiösen Lebens der weiblichen Jugend. Seit 
1867 existiert eine Diakonissenanstalt, zu deren Stiftung unter 
anderm einereiche, philanthropisch gesinnte Dame, Frau Aurore 
Karamzine, eine Zeitgenossin von Zach. Topelius, beigetragen hat, 
der Finnlands Frauen die grösste Achtung und Liebe entgegen- 
bringen. Auch an der Versorgung der Blinden, Krüppel und 
Schwachsinnigen nehmen die Frauen thätigen Anteil. 



Eine summarische Übersicht über die augenblickliche Stellung 
der Frau in Finnland würde ungefähr folgendes ergeben: 

Die unverheiratete Frau wird mit 21 Jahren mündig und er- 
hält damit unumschränktes Recht über ihr Vermögen. Sie hat 
kommunales Stimmrecht, falls sie Kommunalsteuern zahlt, ist 



— 335 — 

wählbar für den Schulrat, die Schuldirektion, die Armenhausbehörde, 
zur Armenhausvorsteherin und kann zum Vormund ernannt 
werden. Frauen können periodische Zeitschriften herausgeben, 
Versammlungen berufen, Handwerke betreiben und angestellt 
werden an den Banken und der Kommunalverwaltung als Kontorist, 
Buchhalter und Kassierer, an der Post als Expediteur, als Vor- 
steher einer Postexpedition, als Schreiber und Buchhalter, an der 
Eisenbahn als Schreiber, bei den Staatsbehörden als Kanzlist und 
Abschreiber, sowie als Telegraphist und Landtagsstenograph. Auf 
besonderes Gesuch hin können Frauen das Lehramt in den Sprachen 
und im Zeichnen an den höheren Staatsschulen für Knaben über- 
nehmen sowie die Erlaubnis erhalten, an der Universität Examen 
abzulegen und die Apothekerlaufbahn zu betreten. Im Schuljahre 
1897 — 1898 zählten die Volksschulen des Landes 43 795 Mädchen 
(gegen 50246 Knaben) und 1401 Lehrerinnen, und die zu den 
Seminarien gehörigen Normalschulen und Kindergärten 486 Mädchen 
und 9 Lehrerinnen. Im Schuljahre 1898—99 hatten die staatlichen 
höheren Töchterschulen 1758 Schülerinnen, die vom Staat unter- 
stützten privaten Schulen für Knaben und Mädchen (Lyceen, 
Bürgerschulen und Realschulen) 1897 Mädchen und 200 Lehrerinnen, 
die privaten, vom Staat unterstützten Töchter-, Vorbereitungs-, 
Elementar- und Kleinkinderschulen 2972 Schülerinnen und 
318 Lehrerinnen. Im Jahre 1900 studierten 6 Damen am Poly- 
technikum, 40 hatten die Erlaubnis nachgesucht, das Apotheker- 
examen ablegen zu dürfen, iii Mädchen machten das Maturitäts- 
examen, 8 das Examen als Kandidaten der Philosophie, 2 das 
medizinische und i das philosophische Licentiaten-Examen, i das 
medizin. Kandidatenexamen, i das Medicophil. Examen und i das 
höhere Verwaltungsexamen. Im Herbst 1900 waren 398 weibliche 
Studierende an der Universität eingeschrieben. 

Mehrere weibliche Ärzte praktizieren in Helsingfors und in 
den Provinzstädten, und einige Frauen haben sich höheren wissen- 
schaftlichen Studien gewidmet. Der erste weibliche Arzt war 
Rosina Heikel (1878). Auf praktischen Gebieten geben die 
Handarbeits-, hauswirtschaftlichen und Kochschulen den Frauen 
Gelegenheit zur Ausbildung. Die letztgenannten sind neueren 
Datums, dagegen existieren Webe- und Meiereischulen schon seit 
längerer Zeit In den Volkshochschulen giebt es ebenfalls 
praktische Abteilungen für Frauen. In den Städten stehen dem 
weiblichen Geschlechte die höheren und niederen Handwerker- 
schulen offen. Die Industrie-, Handfertigkeits- und Zeichenschulen 



— 336 — 

nehmen Schülerinnen auf, ebenso das Musikinstitut in Helsingfors. 
In der Entbindungsanstalt in Helsingfors sind Kurse für Hebammen 
eingerichtet und in den Krankenhäusern solche für Kranken- 
pflegerinnen. In der Gartenbau- und Kochschule der Frau Nora 
Pöyhönen in Haapavesi sowie in einigen Hauswirtschaflsschulen 
wird Unterricht in der Gartenpflege erteilt (halbjähriger Kursus). 
Diese Seite der praktischen Frauenerziehung, wie die Fachbildung 
der Frauen im allgemeinen ist jedoch noch in ihrem allerersten 
Entwicklungstadium. Zur Erlernung des Ackerbaues haben die 
Frauen bis jetzt keine Gelegenheit gehabt; in diesem Frühjahr 
aber hat der Senat, veranlasst durch eine Petition des finnischen 
Frauenvereins, bekannt gemacht, dass kein gesetzliches Hindernis 
der Aufnahme von Frauen in die Ackerbauschulen im Wege stehe» 
sondern dass sie zugelassen werden sollten, wenn sie sich an- 
meldeten. 

Was die Rechtsstellung der verheirateten Frau betrifft, so 
ist dieselbe vor dem Gesetz nicht mündig, sondern steht unter der 
Vormundschaft des Mannes. Seit 1889 kann sie über ihren 
Arbeitsverdienst verfügen, und ein Gesetz aus demselben Jahre 
spricht ihr auch grössere Rechte über ererbtes Eigentum zu, aber 
mit Beibehaltung der Vormundschaft des Mannes. Vor dem 
Gesetz ist der Vater der einzige Vormund des Kindes, und die 
Frau kann zu Lebzeiten des Mannes nicht über die Erziehung, die 
spätere Beschäftigung und den Beruf des Kindes bestimmen. In 
der Hand des Vaters liegt auch das Bestimmungsrecht über die 
Heirat der Tochter, das Gesetz fügt aber hinzu, dass die Mutter 
in dieser Angelegenheit ihren Rat geben könne. In diesem Punkt 
ist gleichwohl die Sitte bei uns, wie in andern Ländern, dem 
Gesetz vorausgeeilt, indem die Mütter keineswegs ohne Einfluss 
auf die Erziehung der Kinder sind, sondern in der Regel gerade 
in ihren Händen die Sorge dafür ruht. 

Überhaupt kann man sagen, dass einzelne Forderungen der 
Frauenbewegung schnell Boden gewonnen haben, obgleich die 
tiefere Auffassung ihrer ethischen Bedeutung fehlt. In materieller 
Beziehung sieht man ein, dass das Haus nicht mehr wie früher 
allen weiblichen Mitgliedern Arbeit verschaffen kann, und dass 
diese infolgedessen das Recht haben müssen, sich ihr Auskommen 
ausserhalb zu suchen. Die Väter und Brüder sind zufrieden damit, 
dass sie nicht, wie vor dem, allein die Sorge für die unverheirateten 
weiblichen Anverwandten zu tragen haben, aber man ist noch 
weit davon entfernt, etwa das Recht der verheirateten Frau auf 



— 337 — 

Mündigkeit, Eigentumsrecht und Mitvormundschaft über die Kinder 
allgemein anzuerkennen. Dank dem Umstand, dass die Haupt- 
beschäftigung unseres Volkes der Ackerbau ist, dessen Neben- 
zweige, die Viehzucht und die Milchwhtschaft, der Mehrzahl der 
Frauen Arbeit geben, ist die finanzielle Seite der Frauenfrage 
noch nicht so brennend geworden, wie in den Ländern der Gross- 
industrie. Aber auch bei uns wird der Kampf für die Freiheit der 
Frauen, ihr Arbeitsfeld selbst wählen zu dürfen, schwer werden. 
Die Frauenbewegung hat jedoch schon so schöne Siege errungen, 
dass ihre Freunde berechtigt sind, hoffnungsvoll in die Zukunft 
zu blicken. 




Handbuch der Frauenbewegung. I TeiL 33 



Die Geschichte 
der Frauenbewegung in F^u^^land 

Von H. Bessmertny. 



V on der angesehenen und geachteten Stellung der slavischen 
Frau in der vorchristlichen Zeit legen Sagen, Legenden und 
Sprichwörter jetzt noch Zeugnis ab. Die Unterjochung des 
Weibes nahm allmählich immer mehr zu, je tiefer das Christentum 
in Russland eindrang. 

„Trotz der aktuellen günstigen Wandlungen lässt sich der 
Einfluss der frühem Abhängigkeit der russischen Frau auch heute 
noch verfolgen in den Spuren von Ceremonien und Gebräuchen 
und in festen Überzeugungen, die im Volksbewusstsein noch 
leben.« «) 

Peter der Grosse befreite die Frau vom patriarchalischen Joche 
durch das Edikt vom Jahre 1704, durch das den Eltern und An- 
gehörigen verboten wurde, die Töchter zur Ehe zu zwingen. 
Katharina die Grosse bahnte Erziehungsreformen an, um das 
geistige Niveau der Frauen zu heben und legte den Keim zu 
gesetzgeberischen Massnahmen zu Gunsten der Frauen, der aller- 
dings viel später unter Nikolaus I. in der ersten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts in dem Gesetze zur Blüte gelangte, das beiden Ehe- 
gatten ein gleiches Eigentumsrecht zugestand. 

Doch sowohl die administrativen Massnahmen, als die Ein- 
wirkungen der westeuropäischen Kultur berührten nur die Ober- 
fläche der Gesellschaft, ohne in ihren inneren Organismus zu 
dringen. 

„Meine Jugend war sorglos, ohne jeden Ernst und ohne ein 
andres Ziel, als das des Vergnügens," sagt die berühmte 
N.W. Stassowa und kennzeichnet damit zugleich das Leben der 
ganzen bürgerlichen und vornehmen Frauenwelt in den dreissiger 
und vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. 



>) M. Bubnowa. „Rechte der russischen Frau* 



— 339 — 

Zur täglichen Geistesnahrung der sogenannten gebildeten 
russischen Frau gehörte damals unbedingt der französische Roman. 
Da drangen die Romane der George Sand in Russland ein, die 
ungeachtet vieler Überschwänglichkeiten Wahrheiten enthielten, die 
geeignet waren, die russische Frau zu ihrem Menschheitsbewusst- 
sein zu erwecken. Die Anschauungen der George Sand verfochten 
Alexander Herzen, Belinsky und auch zum Teil Turgenjew, 
und es begann unter den Frauen ein Hinausstreben aus den engen 
Schranken und ein lebhafter Bildungsdrang sich geltend zu machen, 
den begabte Frauen, wie die schon genannte Stassowa (die 
Schwester des Kunstkritikers), die Lichalschowa u. a. durch 
Selbststudien zu befriedigen suchten. Zum Glück für die fort- 
schrittliche Geistesrichtung in Bezug auf die Frauenbildung wurde 
ihr von der Kaiserin Maria Alexandrowna und von dem ein- 
flussreichen Schulrat der Petersburger Gymnasien, N. A. Wischne- 
gradsky, eine rege Teilnahme entgegengebracht. Rascher und 
energischer vorgehend, als der frühere Kultusminister Norow, 
der sich 1856 schon für den Plan höherer Töchterschulen interessiert 
hatte, erreichte es Wischnegradsky, durch die Gunst der Kaiserin 
unterstützt, dass seine Idee von Töchterschulen für alle Stände 
1858 zum Gesetz erhoben wurde. Die Bildung, die bisher ein 
Monopol der Adligen und Reichen war, wurde in den weiblichen 
Mariengymnasien allen Mädchen ohne Unterschied des Ranges 
und Standes zugänglich. Kaum hatte Wischnegradsky, sein 
Programm erweiternd, die Pädagogischen Kurse im Anschluss 
an die Mariengymnasien 1859 vorbereitet, als die Wogen der 
reaktionären Entrüstung über ihm und der ganzen Frauenbildung 
zusammenschlugen. Der letzteren war jedoch ein Bollwerk im stillen 
erbaut sowohl durch die Sympathie der Kaiserin und des Prinzen 
von Oldenburg, als auch durch das erwachte Selbstbewusstsein 
und den Bildungstrieb der Frauen. Die Gymnasien wurden 
besonders von den Töchtern des Mittelstandes sehr stark besucht, 
weil diese sich schon mit dem Gedanken einer spätem Berufs- 
thätigkeit beschäftigten und die dazu erforderliche Grundlage erlangen 
wollten. 

1860 wurden die Pädagogischen Kurse mit drei Klassen und 
einem dreijährigen Kursus für 250 Schülerinnen eröffnet, die das 
Mädchengymnasium absolviert oder ein Privatinstitut besucht haben 
mussten. Die Gesellschaft söhnte sich um so rascher mit diesem 
Institut aus, als der grosse Moment der Aufhebung der Leibeigen- 
schaft und mit ihm eine mächtige ökonomische Staatsumwandlung 



— 340 — 

bevorstand. Der genetische Zusammenhang zwischen der Bauem- 
und Frauenemanzipation musste damals schon erkannt werden» 
wo man sich sagen musste, dass mit der Befreiung von ao Millionen 
Bauern, deren Sklavenarbeit die Schätze der Magnaten angehäuft 
hatte, die Stellung der unbeschäftigten Söhne und Töchter fortan 
eine völlig unhaltbare sein werde. Den Söhnen öffneten sich die 
Staatsämter, die Töchter aber mussten den Kampf ums Dasein 
aufnehmen. Der Beginn der sechziger Jahre stellte nach jeder 
Richtung hin das Morgenrot der weiblichen Geistesaufklärung dar. 
Von der Überzeugung durchdrungen, dass die rationelle Kinder- 
erziehung die Grundbedingung zur geistigen Erweckung sei, machte 
Frau Zebrikowa durch ihre Schrift „Der Kindergarten" aul 
das Fröbelsche Erziehungssystem aufmerksam, nachdem die 
deutschen Kindergärten und besonders der in Dresden von Bertha 
von Mahrenholtz-Bülow gegründete, schon früher die Auf- 
merksamkeit der gebildeten russischen Frauen erregt hatte. 1863 
eröffnete Frl. C. A. Lüghebel den ersten russischen Kindergarten 
in Petersburg,') der neun Jahre lang existierte. Das Bedürfnis 
eines staatlichen Schutzes für diese Erziehungsstätte gab die An- 
regung zur Organisation einer Fröbelgesellschaft, zu der die 
Damen Eugenie Werter und Pauline Sattler die erste 
Initiative ergriffen haben. Ihnen schlössen sich Frau So ko Iowa, 
Prof. Rauchfus, der berühmte Pädagog Paulson an, und im 
Laufe des Jahres 1869 wurde das Programm einer Fröbelgesell- 
schaft sorgsamst ausgearbeitet Im Mai 1871 erlangte sie die 
obrigkeitliche Bestätigung. Zunächst wurde von der Gesellschaft 
ein Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen ins Leben 
gerufen, in dem folgende Gegenstände auf dem Lehrplan standen: 
die Grundzüge der Anatomie, Physiologie, Hygiene, Psychologie, 
Pädagogik, Erziehungslehre, Zoologie, Botanik, femer: Singen, 
Zeichnen, Modellieren, Gymnastik und Fröbel-Handfertigkeiten. 

Müttern und Erzieherinnen wurde in einem besondem Kursus 
dieselbe Belehrung gewährt. 1876 musste das Fröbelseminar wegen 
Mangel an Raum vom Alexander-Gymnasium nach dem Michael- 
Palais verlegt werden, und damals betrug die Zahl der Semina- 
ristinnen ca. 40. Sie erhielten alle erst auf Grund des Abgangs- 
zeugnisses vom Gymnasium die Berechtigung zum Besuche des 
Fröbel-Seminars oder der Fröbel-Kurse. Im Jahre 1897 eröffnete 
die Gesellschaft eine Schule für Kinderwärterinnen, nach denen 



1) Enter russischer Frauenkalender von 190a 



— 341 — 

die Anfrage sich fortdauernd steigert. Auch Volkskindergärten 
und Ferien -Kolonien sind aus der Fröbel- Gesellschaft hervor- 
gegangen und tragen zum physischen und ethischen Gedeihen der 
Volksjugend bei. Die Fröbel -Kurse haben für die russische 
Frauenbewegung noch eine besondere kulturhistorische Be- 
deutung insofern, als aus ihnen später „Höhere Frauenkurse" 
hervorgingen. 

Auf dem ersten Petersburger Naturforscher -Kongress 1867 ^) 
regte der Akademiker Bestuschew-Rjumin, unter dem Hinweis 
auf die grosse erzieherische Leistungsfähigkeit der Frauen, den Ge- 
danken an, sie in die historisch-philologischen und mathematisch- 
physikalischen Kenntnisse einzuführen. Auch andre Gelehrte 
stimmten diesem Plane bei, der jedoch kein Echo bei der Regierung 
fand und daher erst 1878 durch Bestuschew selbst verwirklicht 
wurde. In diesem Jahre gründete er die sogenannten „Bestuschew- 
Kurse oder Hohem Frauenkurse", deren Frequenz*) für die Jahre 
1882 — 1896 sich folgendermassen stellte: 1346 Frauen besuchten 
in der Zeit die Kurse, von denen, nach vorschriftsmässig ab- 
solviertem Examen, 514 Lehrerinnen verschiedener Anstalten wurden, 
19 Schulvorsteherinnen von Gymnasien, 200 von ländlichen Mädchen- 
schulen, 91 Privatlehrerinnen, 49 zum Studium der Medizin über- 
gingen, 20 Feldscherinnen und Accoucheurinnen, 19 Zahnärztinnen 
und Masseusen, 62 Schriftstellerinnen, 32 Landwirtinnen, 79 An- 
gestellte in Eisenbahn-Bureaus, Kanzleien, Banken, Labora- 
torien, in Observatorien, Bibliotheken und Lesehallen. 511 ver- 
heirateten sich, und zwar 66 vor dem Examen und 445 nach dem 
Examen. 

Inzwischen waren die Bestuschew -Kurse angeblich wegen 
nihilistischer Umtriebe zwei Jahre geschlossen und wurden erst 
1889 laut Verfügung des Ministerkomitees unter dem Namen der 
„Höhern Frauenkurse" wieder eröffnet. 

Die Riesenkämpfe, die die russischen Frauen ausgefochten 
haben, drehten sich besonders um die Zulassung zum Medizin- 
studium, deren erste Ansätze sich schon im Jahre 1757*) nach- 
weisen lassen. Damals beschloss das Medizinal-Kollegium unter 
dem Direktor CondoYdi, die Hebammen zu den Vorlesungen über 
Anatomie, Geburtshilfe und andre medizinische Wissenschaften 
einzuladen. Die begabtesten der Zuhörerinnen wurden zur 



1) Russischer Frauenkalender xgoz. 

«) Journal „Gottes Welt" 1898. 

') Pauline Tarnowsky. Aperfu sur llnstruction M^dicale des Femmes en Russie. 



— 342 — 

„Hebammen-Expertise" in Petersburg und Moskau zugezogen. 
Diese Versuche des Medizinal-Kollegiums wurden aber bald ver- 
nachlässigt, und bis zur zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr- 
hunderts geschah nichts zur Förderung des weiblichen Medizin- 
studiums. 

In den Jahren 1859/60 machte sich bereits eine gewisse Be- 
wegung in dieser Richtung geltend, indem die ganze russische 
Jugend dem wissenschaftlichen Studium im allgemeinen und dem 
der Naturwissenschaften, die in Europa einen so glänzenden 
Aufschwung genommen hatten, im besondern, eine feurige 
Begeisterung entgegenbrachte. 

1861 reichte die erste Pionierin im Medizinstudium Nadjeschda 
Suslowa (die Tochter eines Bauern) der Akademie der Medizin 
ein Gesuch ein, den Vorlesungen beiwohnen zu dürfen. Ihr folgte 
bald die Bokowa und die Kochdwarowa-Rjudnjewa. Sie 
genossen nur kurze Zeit die Gastfreundschaft der Akademie, deren 
Thüren sich 1863 vor ihnen schlössen. In dem weiblichen Studium 
der Medizin erblickte die Regierung den Gipfel der Frauen- 
bewegung, die einen revolutionären Einfluss auf die ganze russische 
Jugend ausüben könnte. Eine besondere wissenschaftliche Kom- 
mission, welche die Frage im Prinzip erwägen sollte, ob es geraten 
sei, die Frauen zum Medizinstudium zuzulassen, lehnte diese 
Möglichkeit rundweg ab und kennzeichnete die Zulassung der 
ersten Frauen zum Auditorium nur als ein vorübergehendes, zu- 
fälliges Entgegenkommen seitens der Akademie. Wenn der Lern- 
durst und der Wagemut der russischen Frauen damals noch 
eine Steigerung erfahren konnte und sollte, so gab die ablehnende 
Haltung der Behörden dem Frauenstudium gegenüber den unfehl- 
barsten Anstoss dazu. Die genannten Frauen und noch viele 
andre zogen nach Zürich, um ihre Studien fortzusetzen. Die 
eigenartige psychische Veranlagung der russischen Frau drängte 
sie mehr zum Studium der Medizin, als dem jeder andern Wissen- 
schaft. Bei den allermeisten Frauen kamen hierbei, ebensowenig 
wie beim Besuch der höhern Frauenkurse, die etwaigen wirtschaft- 
lichen Erfolge kaum in Betracht. Es galt zunächst den Hunger nach 
Kenntnissen und Arbeit zu befriedigen. Die Gesellschaft stand 
dem weiblichen Medizinstudium sympathisch gegenüber. Da sich 
auf diesem Gebiet alle bestimmenden Momente der russischen 
Frauenbewegung konzentrieren, so bedeutet eine historische Be- 
trachtung des Frauenstudiums somit auch die der gesamten 
russischen Frauenbewegung. 



— 343 — 

Die Suslowa und Kochdwarowa-Rudnjewa hatten, nach 
glänzend in der Schweiz absolvierten Studien, 1867 und 1868 
durch ehrende Doktordiplome den Beweis der weiblichen Be- 
fähigung zum Medizinstudium erbracht und viele ihrer Mit- 
schwestem zum Studium im Auslande ermutigt. Der damalige 
Kultusminister D. Tolstoi leitete auf Anregung des Dr. Kosloff 
eine Umfrage bei den Professoren ein betreffs ihrer Stellung zum 
medizinischen Frauenstudium. Ein grosser Teil der Urteile ging 
dahin, dass die neue Bethätigung die Frauen vom Hause und von 
ihrer natürlichen Bestimmung abziehen würde. 

Einer der leidenschaftlichsten Gegner des Frauenstudiums war 
Prof. Walt her in Kiew, und seine Abhandlungen über das zur 
Aufnahme wissenschaftlicher Gedankengänge unfähige Frauen- 
gehirn in dem Journal „Zeitgemässe Medizin" ') fanden um so 
mehr die Billigung des Ministers Tolstoi, als er selbst mit Wider- 
willen an jeden tiefgreifenden Umschwung im Frauenleben dachte. 
So wäre der ganze Plan medizinischer Frauenkurse dem völligen 
Zusammenbruch nicht entronnen, wenn der liberale Kriegsminister 
D. Miljutin sich seiner nicht mit aller Wärme angenommen hätte. 
Ihm war die Medizinische Kriegsakademie unterstellt, und er war 
daher befugt, auf die entgegengesetzten Urteile grosser Gelehrten, 
wie Zddkauer und Krassowsky, sich berufend, dem Kaiser 
Alexander II. einen Plan zur Gründung von medizinischen Frauen- 
kursen zu unterbreiten. Er wies auf das Bedürfnis einer erhöhten 
ärztlichen Hilfe hin durch die Statistik von der grossen Sterblich- 
keit in der Provinz, ferner auf die Emigration der gebildeten 
weiblichen Jugend nach ausländischen Hochschulen und auf die 
Gefahr, die darin liege, die Blüte der Nation, die den Fortschritt 
ersehne, zu Gegnern der Regierung zu erziehen. . Als sehr 
günstiger Umstand kam noch die Thatsache hinzu, dass die 
reiche Aristokratin Mlle. Lydia Rodstwennaja 50000 Rubel 
für die weiblichen Medizinkurse stiftete. Auf diese Weise war von 
dem freisinnigen Monarchen kaum eine Ablehnung zu erwarten, 
und er genehmigte am 6. Mai 1872 die Eröffnung der Kurse für 
„Gelehrte Hebammen" im Anschluss an die Medizinisch-chirurgische 
Akademie. Die ersten 90 Studentinnen bewährten sich zum 
grossen Teile vortrefflich und leisteten Bewundernswertes im 
Kriege von 1877. Zehn Jahre fast existierten die Kurse ohne 
Störung; sie hatten 1000 Frauen eine Lehrstätte gewährt, die so 



I) ,Die FrauenArzte in praktischer ThAtigkeit* von Dr. Herzenstein. 



— 344 — 

ernstlich ausgenutzt wurde, dass mehr als 700 ihr Examen machten 
und die Praxis antraten. Eine strenge Prüfung ging der Aufnahme 
in die Kurse voran, und von 1209 Geprüften wurden 959 — also 
fast 80 Prozent — aufgenommen, die im Alter von 20—40 Jahren 
standen und teils das G3rmnasium, teils Privatinstitute absolviert 
hatten. Sie gehörten mit 85 Prozent den privilegierten Klassen 
an und unter ihnen waren der Konfession nach 572 Angehörige 
der russischen, 38 der katholischen, 17 der lutherischen Kirche 
und 169 Jüdinnen. *) Von 796 Studentinnen in den ersten 8 Jahren 
waren 84 Verheiratete und Witwen; von 712 Mädchen heirateten 
in dieser Zeit 116, und es ist bemerkenswert, dass in den höheren 
Semestern die Heiratsfrequenz zunahm. 
Es verheirateten sich von 

90 Studentinnen des I. Semesters o 

97 



III 
118 



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14 


[V. 


»» 


20 


V. 


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77 



315 

also ein Viertel. 

Von den ersten 90 Studentinnen waren teils aus Gesundheits- 
rücksichten, teils aus andern Gründen nur 17 abgefallen, während 
die andern die erste medizinische Ausbildung in Europa voll- 
ständig genossen und nach der Aussage des Dr. Tschemesow 
im Journal „Der Arzt" von 1880 „ungewöhnlich fleissig waren 
und eine abgeschlossene medizinische Bildung sich erwarben, wie 
sie bei Männern nicht zu finden war." 

Im Jahre 1881 wurde General Wannowsky zum Kriegs- 
minister ernannt. Er erklärte es als unzulässig, dass die Frauen- 
kurse im Militär-Hospital und der Medizinischen Kriegsakademie, 
resp. dem Kriegsministerium unterstellt wären, sie sollten vielmehr 
dem Ministerium des Innern oder dem der Volksaufklärung unter- 
stellt werden. Da diesen Ministerien jedoch keine Machtbefugnis 
über die in St. Petersburg vorhandene einzige Militär-Medizin- 
Akademie zustand, veröffentlichte General Wannowsky 1882 ein 
Dekret, durch das die weiblichen MedLzinkurse aufgelöst würden, 
sobald die gegenwärtigen Studentinnen ihre Studien beendet hätten. 
1886 wurden die Kurse endgiltig geschlossen. 

Mit Kaiser Alexanders HI. Billigung arbeitete eine Kommission 
jahrelang daran, die Frage neuer Kurse ihrer Lösung näher zu 
bringen. Die verschiedensten Typen von Kursen kamen zur 

') Dr. HerzensteixL Die FrauenArzte in praktischer ThAtigkeit 



— 345 — 

Beratung, und als man sich über die Zweckmässigkeit eines 
Instituts einigte, und der Kaiser seine Einwilligung zu demselben 
gab, stellte sich der Mangel an Mitteln wieder hemmend in den 
Weg. Der Generosität Moskauer Frauen ist es zunächst zu danken, 
dass unter Kaiser Nicolaus II. 1897 ^^^ selbständiges Medizinisches 
Institut für Frauen in Petersburg errichtet wurde, das jetzt unter 
dem Kultusministerium steht Gegenwärtig zählt das Institut 
500 Studentinnen, die sich der besten Lehrkräfte und der vor- 
züglichsten Lehrmittel, sowie auch eines Internats für ca. 150 Damen 
erfreuen, dessen Gründung der Initiative von Frau Lichatschew 
zu danken ist 

Für die praktische Thätigkeit der Arztinnen ergiebt das 
„Medizinische R^;ister'' von 1897 folgende Statistik >)• 

In Petersburg giebt es 147 Frauenärzte, von denen 52 an nach- 
stehenden Instituten angestellt sind: Duma (Magistrat), Stadtschulen 
fbr Mädchen und G3rmnasien, Findelhaus, Krippen« Laboratorium« 
Waisenhaus, Gesellschaft zur Beschaffung billiger Wohnungen etc. 
In den andern russischen Städten sind ca. 500 Arztinnen, und 
ca. 100 entfalten ihre Wirksamkeit auf dem Lande und als Fabrik- 
ärztinnen. Ausserdem erfüllen einige eine wichtige sanitäre und 
kulturelle Mission in Aschabad« Taschkend, Samarkand und andern 
mittelasiatischen Städten, wo die Religion den einbeimischen Frauen 
die Inanspruchnahme der männlich-ärztlichen Hilfe verbietet 

Zur Vergrösserung des gerichtlich-medizinischen Personals 
sollen Frauenärztinnen zur Gerichts-Expertise herangezogen werden. 
Eine mit der Erörterung dieser Frage jetzt betraute Kommission 
will die weibliche Expertise filr Frauen und Kinder durchfilhren, 
während die Frauenärztinnen nch mit dieser Beschränkung nicht 
zufrieden geben wollen.*) 

Sowohl die Gesellschaft, als die Umversttäts-Professoren, die 
Gd>fldeten und die Ungebildeten sind alle auf gleicbe Weise von 
dem bedeutsamen Nutzen überzeugt, den die Frauenärztinnen durch 
ihre TOcbtigkeit, ihre Ausdauer und völlige Hii^pabe an ihren 
Beruf der ruscrischen Bevölkerung gd>racbt haben. AuchinMoskau 
wird die Gründung einer Medizinischen Frauenakadrmir bereit 
in die Wegt geleitet, obsdion sich Stimmen erbeben« dass ein ge- 
meinsames Studium von Mätu^am und Frmien an der Universität 
lesciit durcfafilhrbar wäre. Dr. Herzenstein') erinnert an die 



>> }wnu»^ J/3tt Wels C-yttcr- iKflB ak^. 



— 346 — 

gemeinsame Arbeit weiblicher und männlicher Studenten während 
der sechziger und siebziger Jahre in der Anatomie unter Professor 
Grube und in der Klinik unter Professor Eichwald und bei 
Professor Leshaft, wo nicht ein einziger unliebsamer Fall zu 
verzeichnen war. 

Es sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass all die Extra- 
vaganzen russischer Studentinnen, von denen meistens Gegner und 
Gegnerinnen der Frauenbewegung zu erzählen wissen, zum grossen 
Teile auf Unwahrheit und Übertreibung beruhen. Dies bezeugten 
z. B. deutsche Studentinnen, die in Zürich mit russischen jahre- 
lang zusammen waren und ihren Enthusiasmus für die Wissen- 
schaft, sowie ihren unermüdlichen Lerneifer nicht genug bewundem 
konnten. 

Mit der Erlangung der Medizinischen Frauenkurse hat die 
russische Frauenbewegung einen bedeutenden Fortschritt gemacht 
und sich das Wohlwollen des Kultusministeriums, dem das Institut 
unterstellt ist, erworben. Man kam in diesem und auch in 
andern Regierungsorganen zu der Einsicht, dass den befriedigenden 
Resultaten des medizinischen Frauenstudiums auch ähnliche auf 
andern wissenschaftlichen Gebieten entsprechen würden, wofür die 
Kowalewskojain der Mathematik, die Berlin in der Jurisprudenz 
den überzeugendsten Beweis eingebracht haben. Zur Hebung der 
sinkenden Landwirtschaft wurden im Mai 1900 die Landwirtschaft- 
lichen Kurse für Frauen bei Moskau eröfinet, die von Professoren 
der ehemaligen Petrowsky-Rosumowsky- Akademie geleitet werden. 
Bahnbrechend gingen hierbei die agronomischen Fraueninstitute 
der Baronesse Budberg (bei Kowno) und der Frau Grinjewa 
(bei Kiew) voran. Die Bestrebungen zur dentistischen undpharma- 
ceutischen Bethätigung setzten zuerst in Warschau in den achtziger 
Jahren ein. Während zahnärztliche Kurse schon seit ca. zehn Jahren 
existieren, bot die pharmaceutische Ausbildung viele Schwierig- 
keiten sowohl in Bezug auf die Universitätsvorträge, die gemein- 
sam von Frauen und Männern nicht besucht werden dürfen, als 
auch hinsichtlich der Anstellung als Provisor, was inmitten eines 
männlichen Apothekenpersonals nicht gestattet war. Seit 1900 
wird den weiblichen Apothekerinnen die Konzession zur Gründung 
eigener Apotheken erteilt, und in den Pharmaceutischen Kursen für 
Männer und Frauen, die zu Moskau eröfinet werden sollen, wird 
bald den Frauen die Gelegenheit zu der notwendigen Ausbildung 
geboten werden. 



— 347 — 

Die grosse Sterblichkeit im Volke unter den Wöchnerinnen 
und den Säuglingen veranlasste die junge Kaiserin, ihre Teilnahme 
der Hebung der Frauengesundheit zuzuwenden. Es sind infolge- 
dessen die Hygienischen Kurse und neue Frauenarbeitshäuser in 
Petersburg in letzter Zeit ins Leben gerufen sowie 1900 eine 
Herberge für fremde weibliche Arbeiterinnen, Institute, die unter 
dem Protektorat der Prinzessin Eugenie Maximilianowna 
Oldenburg stehen. 

Diese Prinzessin, wie die Herzogin von Sachsen-Altenburg 
sind auch an der Spitze der Sittlichkeitsbewegung, die schon zu 
Beginn der sechziger Jahre von der Gräfin Lamberg, der Fürstin 
Dondukond-Korsakow, von den Frauen Stossowa und 
Philosophowa in die Wege geleitet wurden. Sie gründeten ein 
„Heim für Gefallene", die „Nähwerkstätte", die 44000 Frauen 
jährlich beschäftigt, die Sonntagsschulen, die Gesellschaft zur Be- 
schaflFung billiger Wohnungen und legten den Grund zu der 1901 
organisierten „Russischen Gesellschaft für Frauenschutz". 

Nicht sowohl wegen der durch ihre Anregung hervorgerufenen 
Wohlfahrtseinrichtungen, als wegen ihrer Hauptarbeit: das soziale 
Empfinden und das soziale Pflichtgefühl in der gebildeten russischen 
Frauenwelt geweckt zu haben, verdienen die genannten Frauen 
und Frau Trüb nikowa sowie manche andern an die Spitze der 
russischen Frauenbewegung gesetzt zu werden. Die segensreichen 
Organisationen wie Frauen- und Kinderasyle, Jugendschutz, 
Stellenvermittlung, Arbeitsnachweis , Arbeiterinnenheime, Volks- 
unterhaltungen u. dergl. m. suchen die Vertreterinnen der Frauen- 
bewegung auch in der Provinz einzuführen durch Vereins- 
bildungen im Anschluss an die „Gesellschaft zur gegenseitigen 
Unterstützung der Frauen" von 1895, deren treibende Kräfte gegen- 
wärtig Frau Dr. Schabanowa und Frau Bubnowa in Petersburg 
darstellen. Diese Gesellschaft fördert auch die Herausgabe und 
Verbreitung des Journals „Die Frauensache" und bemüht sich 
durch verschiedene Propagandamittel die Frauen zu erwecken und 
die sozialen Strömungen zu ihrer Kenntnis zu bringen. 

Durch die Bemühungen der Redaktion des Journals „Die 
Frauensache" tritt eine Aktien-Gesellschaft demnächst zusammen 
unter dem Namen „Gesellschaft von Verlegerinnen", um die 
Arbeiten der Frauen auf wissenschaftlichen, künstlerischen und 
kunstgewerblichen Gebieten zu fördern. Der ganze Verlagsbetrieb 
wird bei einer weiblichen Druckerei in Moskau von Frauen 
ausgeführt werden, für die zugleich eine Schule und ein Asyl ge- 



- 348 - 

schaffen werden sollen. *) Eine sehr wichtige Institution ist das 
von Frau Philosophowa und andern Damen angeregte und 
unter dem Protektorat der jungen Kaiserin 1900 gegründete 
„Arbeitshaus für gebildete Frauen". Hier findet das intelligente 
weibliche Proletariat im oft tödlichen Kampf ums Dasein eine 
rettende Zuflucht, angemessene Beschäftigung und Verpflegung. 
Laut dem Jahresbericht •) erhielten 283 Frauen Hilfe durch Arbeits- 
zuweis, Verpflegung und Aufenthalt im Arbeitshause von morgens 
um 10 bis abends um 6 Uhr. Sechzig Frauen erlernten dort gratis 
Maschinenschreiben und Stenographie, und mehrere die Buch- 
führung. Fünfzig Frauen gelangten durch das Arbeitshaus zu 
festen Anstellungen mit einem Gehalt von 10 — 60 Rubel monatlich 
in Staats- und Privatbüreaus. 



Die Schriften von Gleb Uspensky und seiner Schule, und 
später die Schriften Gorkys haben das Interesse der russischen 
Intelligenz in den letzten Jahren auf das Leben der Arbeiter gerichtet 
und die Bestrebungen der Frauenbewegung, das Los der Arbeite- 
rinnen zu verbessern, noch verstärkt. Schriften und Broschüren 
führten zur Gründung des Arbeiterinnenklubs 1897, der jetzt in 
Petersburg vier Filialen mit einem Heim, einer Schule, einer 
Bibliothek und Unterhaltungsabenden besitzt. Es wurde mit Hilfe 
der Dorfschullehrerinnen und durch Vorträge versucht, das Selbst- 
bewusstsein der Arbeiterin zu wecken. Die unglaubliche physische 
und moralische Ausbeutung der Tabaksarbeiterinnen auf den 
Plantagen im Kaukasus und im Kubanischen Rayon*) veranlasste die 
Frauenbewegung jetzt, sich um eine verbesserte Fabrikinspektion 
für die Frauen jener Distrikte zu verwenden, was vorderhand zu 
einer Enquete der Regierung führte, um die Sachlage dort genau 
festzustellen. 



Eine grosse gesetzliche Errungenschaft für alle Frauen und 
besonders für die arbeitenden, stellt der jüngst veröffentlichte Erlass 
dar, demzufolge Frauen auf nachweislich berechtigten Grund hin 
Separatpässe verlangen dürfen.*) 



1) ^J^eterburgskija Wjedomosti^* 7. Mai Z90Z. 
*) „Novojc Wrcmja" vom 4. Juni 1901. 
*) ^Rossija^ No. 87, 1901. 
*) Bubnowa a. a. O. 



— 349 — 

Da die Frau bisher nur mit Erlaubnis des Mannes einen Pass 
erhalten konnte, der für jede Reise nach dem In- und Auslande 
unumgänglich ist, so kann sie sich jetzt von einem unwürdigen 
Gatten entfernen und Arbeit suchen, wo es ihr beliebt. Von 
grösserer Tragweite noch ist diese Verfügung hinsichtlich ihres 
Einflusses auf die Ehescheidungen, die einen der härtesten Punkte 
der weiblich-bürgerlichen Rechtsstellung bildet und von den gesetz- 
gebenden Organen selbst als auf die Dauer unhaltbar erachtet 
wird. In Bezug auf die güterrechtliche und personenrechtliche 
Stellung ist die russische Frau dem Manne ebenbürtig. Seit 
Alexander III., von 1892 an, besitzen die Frauen das Stimmrecht in 
der städtischen Selbstverwaltung unter denselben Bedingungen wie 
bei den Wahlen zu den Kreisversammlungen, d. h. sie nehmen 
durch Stellvertreter an der Thätigkeit der Wahlkollegien teil. ») 

Nicht jede gesetzgeberische Massnahme zu Gunsten der Frauen 
lässt sich genau auf den Einfluss der Frauenbewegung zurück- 
führen, mit der sie im Grunde dennoch in Beziehung zu setzen wäre. 
Denn gewöhnlich haben bürgerliche oder adelige Frauen die Ver- 
treter der hohen Administration erst diskret für die Reformen zu 
gewinnen gesucht. Die Biographie der jetzt noch lebenden Frau 
Philosophowa, die dem hohen Beamtenstande angehört, gewährt z. B. 
eine Einsicht in die unausgesetzte Propaganda der russischen 
Frauenbewegung, die von Beginn der sechziger Jahre bis heute 
betrieben werden musste, um die hier erwähnten Bildungs- und 
Wohlfahrtsanstalten organisieren zu können. Mit elementarer Kraft 
setzte die Frauenbewegung in Russland ein, und sie hatte insofern 
etwas geradezu Überwältigendes an sich, als in die Reihen der 
Kämpfenden vorzugsweise die Armen und Enterbten eintraten. 
Nicht Glück und Güter suchten sie, sondern Licht und Wahrheit, 
und ihr brennender Lemdurst wurde weder durch Hunger, noch 
durch Leiden und Entbehrungen jeder Art geschwächt. Zähigkeit, 
Entsagungsfreudigkeit und ein begeisterter Lerntrieb sind die 
unleugbaren Eigenschaften der russischen Frau, durch die sie in 
verhältnismässig kurzer Zeit eine soziale Machtstellung und eine 
Welt geistiger Freiheit und Klarheit sich erobert hat. 

— ^^S^ö — 



>) M. Ostrogorski. Die Frau im öffentlichen Recht. Deutsch von Franziska 
Steinitz. Leipzig 1897. 



Die Geschichte der Frauenbewegung 

in Polen. 



Von J. Moszezeüska« 



obgleich wir in allen Jahrhunderten der Geschichte sporadisch 
Beispiele dafllr finden, dass die Frau bestrebt war, sich aus ihrer 
unterdrückten Lage zu befreien, die ihr zugewiesene Nebenrolle 
gegen eine einflussreichere zu vertauschen, so ist doch die eigent- 
liche Frauenbewegung in allen Ländern eine Folgeerscheinung des 
nun verflossenen Jahrhunderts gewesen. Sie kann als unmittelbares 
Ergebnis der fast gleichzeitig sich vollziehenden Umwälzung auf 
politisch-sozialem und auf wirtschaftlichem Gebiete angesehen 
werden; der Anwendung des Begriffs der Freiheit und Gleichheit 
auf die politische Lage der breitesten Volksschichten einerseits, 
des Aufschwungs der Grossindustrie mit seinen wirtschaftlichen 
Verschiebungen andrerseits. 

Ganz bedeutend wirkte auch der Einfluss des Auslandes auf 
die polnische Frau, indem er alle die Regungen und Empfindungen 
weckte, in denen sich unser Streben mit dem der Frauen aller 
Länder vereinigt 

Die Hauptrolle spielte indessen in unserm Lande ein Faktor 
von ungemeiner Wichtigkeit, der die Entwicklung der Frauen- 
bewegung in Polen entscheidend beeinflusst hat und noch heute, 
sei es nun fördernd oder hemmend, immer gleich lebhaft auf sie 
einwirkt. Ich meine den politischen Untergang des Landes, die 
damit verbundenen historischen Ereignisse und ihre Konsequenzen. 

Der politische Untergang war das erste grosse Ereignis, das 
die polnische Frau zwang, eine tiefere Einsicht in die Lage ihres 
Landes und in die eigene Stellung sich zu verschaffen; das 
ungeheure Unglück trieb sie, dem Manne zur Seite zu stehen als 
Gefährtin seines Missgeschicks, seiner Verbannung, seiner Ein- 
samkeit in der Fremde. 



— 351 — 

In der Epoche, die auf die Teilung Polens folgte, fand sich eine 
Anzahl schriftstellerisch begabter Frauen, die, den Bedürfnissen der 
Zeit Rechnung tragend, den Männern in ihren Bemühungen hilfreich 
zur Seite standen. Die Fürstin Czartoryska versuchte, durch 
kleinere Schriften eine bessere Bildung im Volke zu verbreiten. 
Die in ihrer Zeit hochgeschätzte und in weiten Kreisen bekannte 
Kiemen ty na Hofmanowa, geborene Tanska, erstrebte eine 
Reform der Frauenerziehung, und ihre bedeutendsten Werke 
dienen diesem Zwecke. Freilich war ihr Programm noch in sehr 
bescheidenen Grenzen gehalten. Ihr Hauptbestreben war, die 
Frauen von der ihnen anhaftenden Sentimentalität zu befreien, sie 
von ihrer Vergnügungssucht zu heilen, ihnen das Nachäffen der 
Franzosen abzugewöhnen; dagegen suchte sie die Liebe zu ihren 
höchsten Pflichten, den Pflichten der Mutter, der Gattin und der 
Staatsbürgerin, in ihnen zu erwecken, auch ihr Interesse für die 
traditionellen Pflichten der Hauswirtschaft zu gewinnen. Zur 
Erfüllung dieser Pflichten verlangte sie, dass die Frauen sich 
Kenntnisse erwerben sollten, nicht viele, aber gründliche. Sie 
wurde nicht müde, den Frauen die häuslichen Tugenden ans Herz 
zu legen. Dagegen bemühte sie sich, ihr individuelles Streben 
und ihren Ehrgeiz zu beschränken; denn die Überzeugung von den 
höheren Fähigkeiten des Mannes war für sie ein unerschütterliches 
Dogma. Trotzdem stammt eben aus ihrem Munde das Wort, das 
später allen Emanzipationsbestrebungen als Losungswort dienen 
sollte. Da schon dazumal, vielleicht infolge der Lücken, welche die 
napoleonischen Kämpfe in die Reihen der polnischen Jünglinge 
gerissen hatten, eine grosse Anzahl unverheirateter Frauen in den 
besten Gesellschaftskreisen zu finden waren, wollte Hofmanowa 
versuchen, diese mit ihrem Geschicke auszusöhnen, und zeigte 
ihnen die selbständige Arbeit als einen reizvollen Lebenszweck. 
Eine ihrer Heldinnen liess sie diesen Gedanken in die Worte fassen: 
„Bin ich als Frau denn eine Null, die nur durch die neben ihr 
stehende Ziffer Wert erhält?" Seit ihrem Auftreten begann die 
Rolle „einer Null" den Frauen immer weniger zu genügen; um 
so weniger, als die plötzliche Veränderung der Lebensbedingungen 
diese Rolle immer unbefriedigender, ja zuletzt unmöglich machte. 

Die Revolution des Jahres 1831, die darauf folgenden Ver- 
bannungen und Massenauswanderungen entvölkerten das Land, 
beraubten es aller edleren männlichen Elemente und schufen 
so eine verzweifelte Öde im innem Leben des Volkes. Ganz 
vortrefi'lich zeichnet eine andre Schriftstellerin: Narcyza 



- 352 — 

Zmichowska — unter dem Namen Gabriela als bedeutende 
Dichterin bekannt — die damalige Sachlage, und zwar in der 
Vorrede der von ihr herausgegebenen gesammelten Schriften der 
Hofmanowa, deren Schülerin sie war. Das Dogma von dem 
höheren Werte des Mannes fand angesichts der thatsächlichen 
Verhältnisse immer weniger Erwähnung und Anerkennung, und die 
Rolle der Frau als blosse Mitarbeiterin und untergeordnete Hilfskraft 
liess sich immer schwieriger durchführen. Feurige und thatkräftige 
Frauen, aufgewachsen im Sonnenglanz der enthusiastischen 
romantischen Poesie, deren wunderbare Blüte gerade in jene Zeit 
fiel, unter dem Eindruck der Heldenkämpfe ihres Volks, suchten 
vergebens in ihrer Umgebung Männer, deren Überlegenheit sie 
bewundern und auf deren Kraft sie sich stützen konnten. Sie 
mussten erkennen, dass sie nicht nur sich selber raten und helfen, 
sondern auch selbständig auf das Wohl des Landes bedacht sein 
mussten, dass sie selbst für die Zukunft zu kämpfen haben würden, 
wenn sie nicht in trostloser Indolenz und Apathie untergehen 
wollten. Dass für diese hohen Lebenszwecke eine Schar be- 
geisterter Anhängerinnen sich fand, ist das Verdienst der eben 
erwähnten, unter dem Namen Gabriela bekannten Dichterin, einer 
der imponierendsten weiblichen Erscheinungen in unserer Litteratur. 
Leider ist diese hochbedeutende Frau in der Weltlitteratur zu 
wenig bekannt, obgleich sie noch heute Staunen erregen würde 
durch die Eigenart ihres Programms, durch die Weite ihres 
Gesichtskreises, durch den Schwung und die Grösse ihrer Gedanken. 
Es scharte sich um Narcyza Zmichowska ein Kreis wahl- 
verwandter Frauen, die unter dem Namen der „Enthusiastinnen'' 
eine grosse Wirkung auf unsere Frauenbewegung ausgeübt haben. 
In erster Linie erstrebten sie für ihre Schicksabgefährtinnen das 
Recht höherer Bildung, die Möglichkeit, ernste Studien zu pflegen, 
um sie so zu befähigen, an den sozialen Fragen und an dem 
Wohle des Landes wirksamen Anteil zu nehmen und sich auf 
diese Weise von den Fesseln der Konvention zu befreien, die das 
Weib nur zum Schmuck des Salons bestimmte. Ihre Idee war, 
die Frauen zu Menschen im edelsten und umfassendsten Sinne 
des Wortes zu machen, zu Menschen, die lieben, kämpfen, arbeiten 
und leiden, im Dienste höherer Ideale leben und diesen Idealen 
alle die kleinlichen Interessen, die bisher ihre Existenz fast aus- 
schliesslich ausgefüllt hatten, freudig zum Opfer bringen. ») 

I) Hipolit Skimborowicz hat in seinem Essay : „Gabriela und die Enthusiastinnen** 
und Piotr Chmielowski in seiner Studie Ober Narcyza Zmichowska die Charakter^ 
Skizzen dieser Frauen gezeichnet 



— 353 — 

Die Enthusiastinnen waren im edelsten Sinne demokratisch 
gesinnt, sie wirkten thatkräftig für eine bessere Bildung des Volkes 
und machten besonders Propaganda für die Aufhebung der Leib- 
eigenschaft. Ihre Bestrebungen waren getragen von der Be- 
geisterung für Freiheit und Gleichheit, die damals die Völker 
Europas erfüllte und die Erhebung des politischen Idealismus im 
Jahre 1848 zur Folge hatten. 

Dieses Jahr wurde den Enthusiastinnen verhängnisvoll. Ihre 
hervorragendsten Mitglieder fielen der politischen Verfolgung zum 
Opfer; Narcyza Zmichowska musste in der Festung Lublin über 
zwei Jahre schwerer Haft erdulden. 

Dies Martyrium der Enthusiastinnen wurde gewissermassen 
die politische Weihe für die polnischen Frauen. 



Nach dem Jahre 1850 trat in Polen, wie überall, eine Zeit 
konservativ-klerikaler Reaktion ein. Der Kreis der Enthusiastinnen, 
zerrissen und gelichtet, fand keine neuen Jünger, und das indolente, 
von den Sorgen des täglichen Lebens erdrückte Volk, das nur 
Auge und Ohr für seine nächstiiegenden Bedürfnisse hatte, war 
unfähig, die Ideen dieser wenigen Frauen aufzunehmen und an- 
zuerkennen. Die Frauenfrage verschwand von der Tagesordnung 
und kam erst später in andrer Gestalt und unter andren Ver- 
hältnissen wieder in den Vordergrund des Interesses. 

Die Aufhebung der Zollgrenze zwischen dem Königreich 
Polen und Russland eröfihete unserer Industrie und unserem 
Handel neue und verheissungsvoUe Aussichten und lenkte die 
allgemeine Aufmerksamkeit auf wirtschaftliche Fragen. Allmählich 
entwickelte sich bei uns eine nach dem Vorbilde der übrigen 
Staaten Europas sich gestaltende Industrie. Wenn auch der 
Aufruhr von 1863 die Gemüter eine zeitiang von ihren friedlichen 
Zielen ablenkte, so hat doch diese verhängnisvolle Katastrophe 
nur eine desto mächtigere Reaktion zur Folge gehabt, sie hat eine 
tödliche Abneigung gegen politische Bewegungen und Kämpfe 
hervorgerufen und das Streben nach inneren Reformen und zweck- 
mässig ineinander greifender Thätigkeit geweckt. Dies Streben 
war um so mehr am Platze, als die Befreiung der Bauern einen 
plötzlichen Umschwung der Lebensverhältnisse zur Folge hatte 
und die angestrengteste Arbeit und gespannteste Aufmerksamkeit 
der Bevölkerung nötig war, um eine Krisis zu vermeiden und eine 
ruhige Weiterentwicklung zu ermöglichen. Polen bevölkerte sich 

Handbuch der Frauenbewegung. L Teil. 23 



— 354 — 

rasch, fremde Kapitalien flössen in das Land, die Städte wuchsen 
mit amerikanischer Schnelligkeit, da überall Fabriken entstanden, 
die bürgerliche Intelligenz, dies beweglichste und dem Fortschritt 
geneigteste Element, spielte eine immer wichtigere Rolle. Auf 
dieser Stufe der Entwicklung tauchte die Frauenfrage wieder auf, 
und zwar als Wirkung derselben Ursachen, die sie fast in allen 
staatlichen Gemeinschaften zu einer bedeutsamen und aktuellen 
gemacht hatten. Jetzt war nicht nur von idealen, sondern von 
praktischen Zielen die Rede; jetzt handelte es sich nicht um ein 
Aposteltum, sondern um die Freiheit selbständigen Erwerbes, uni 
Wafien im Kampf ums Dasein. 

Eine Reihe junger Leute, denen die Unmöglichkeit politischer 
Bestrebungen nur den Ausweg liess, mit der Feder für ihre Ideale 
einzutreten, übernahmen in der Öffentlichkeit den Kampf für diese 
Ideen. Die Geschichte der Litteratur hat die Anschauungen dieses 
Kreises den „Warschauer Positivismus" getauft. Mit Eifer versuchte 
man, die Ideen der Gelehrten und Denker des Westens zu ver- 
breiten, besonders die Werke von J. Stuart Mill, dessen „Hörigkeit 
der Frau" die eifrigsten Leserinnen und Anhängerinnen fand. Für 
die Rechte der Frauen trat auch der Schriftsteller Ed. Pradzynski 
mit seinem Werke: „Über die Rechte der Frauen" ein, ebenso 
Alexander Swietochowski, Redakteur der damals ver- 
breitetsten Zeitschrift „Die Wahrheit"; endlich alle bedeutenden 
Schriftstellerinnen, mit Elise Orzeszkowa an der Spitze. 

Hier muss nun bemerkt werden, dass die traurige politische 
Lage der Bewegung die engsten Grenzen zog. Die tiefe Unzufrieden- 
heit mit der gesetzlichen Stellung der Frau fand ihren Ausdruck 
nur in der Presse, und auch hier nur soweit, als die strenge 
Censur es zuliess. So war denn eine Gleichstellung der Frau 
mit dem Manne nicht zu erkämpfen; denn in politischer Beziehung^ 
hatten ja auch die Männer keinerlei Rechte, und in sozialer 
Hinsicht war in einem Staate ohne Verfassung nicht die geringste 
Hoffnung auf Besserung der Zustände. Das einzige, was zu er- 
reichen möglich war, die öffentliche Meinung filr die Frauen zu 
gewinnen, war verhältnismässig leicht, wie überall, wo es sich nur 
um theoretische Grundsätze, nicht aber um deren praktische 
Folgerungen handelt; aber während so zunächst nur der Weg 
theoretischer Diskussion ofien war, um für die Ideen der Erwerbs- 
thätigkeit und Studienfreiheit der Frau Propaganda zu machen^ 
zwang andrerseits die gebieterische Not zu härtester praktischer 
Bethätigung. 



— 355 — 

Unter diesem Zwange suchten eine wachsende Menge brotloser 
Frauen an jedem nur irgend zugänglichen Punkte eine Arbeits- 
möglichkeit zu gewinnen. Sie drangen in die Fabriken ein, in die 
Werkstätten, Ateliers und Bureaus. Selbstverständlich war von 
staatlichen Anstellungen nirgends die Rede, da ja selbt die Männer 
unserer Nationalität in ihrem eigenen Lande bis auf geringfügige 
Ausnahmen keine solchen fanden, sondern alle Stellen von den 
Eroberem besetzt wurden. Aber der Fabrikant, wie alle andern 
privaten Arbeitgeber, bedient sich nur zu gern der Frauen als 
Arbeitskräfte, da sie billiger sind und sich bekanntlich leichter 
ausnützen lassen. Es arbeiten bei uns Frauen in allen möglichen 
Berufen und auf den verschiedensten Gebieten, am meisten 
in der Industrie als Fabrikarbeiterinnen, Blumenarbeiterinnen, 
Näherinnen, Handschuhmacherinnen u. s. w., auch im Kunst- 
gewerbe, das sich hier gut entwickelt und viele Frauen be- 
schäftigt. Die ausgedehnteste Verwendung findet die Frauenarbeit 
im Handel; Buchhalterinnen, Kassiererinnen, Korrespondentinnen 
werden gerne engagiert, hauptsächlich aus Berechnung, da sehr 
selten ihr Gehalt dem eines Mannes gleich ist. Doch werden 
sie auch ihrer speziellen Eigenschaften, ihrer Pünktlichkeit und 
Gewissenhaftigkeit, halber überall gewünscht. Der Staat be- 
schäftigt die Frauen im Postwesen und in der Telegraphie; die 
städtischen Verwaltungen im Telephondienst. In jüngster Zeit 
sind einem diesbezüglichen Befehl zufolge auch Frauen am Gericht 
und an der Eisenbalm angestellt worden. Doch kann eine richtige 
Polin kaum hoffen, eine derartige Anstellung zu erlangen, da sie 
vorzugsweise mit Töchtern und Witwen russischer Beamten besetzt 
werden; das gleiche ist mit den staatlichen Lehrerinnenstellen der 
Fall. Privatlehrerinnen haben wir eine unzählige Menge, die in 
Häusern und höheren Töchterschulen unterrichten. — Die Zahl 
der arbeitenden Frauen wird noch vergrössert durch eine Anzahl 
Masseusen, Zahnärztinnen, Apothekerinnen, Kindergärtnerinnen, 
Schriftstellerinnen, Übersetzerinnen und Künstlerinnen aller Art. 

Leider fehlt es an einer amtlichen Statistik der Frauenarbeit. Die 
Kommission für Frauenarbeit, die eine Abteilung des Vereins 
für Beförderung der Industrie und des Handels bildet, 
erstrebt auf privatem Wege die Herstellung einer statistischen 
Darstellung, wird aber durch die strengsten Massregeln an dieser 
Arbeit immer wieder gehindert. Die Kommission verfolgt nicht nur 
den Zweck, über das Verhältnis der Arbeiterinnenzahl zu den 
Arbeitsgelegenheiten Klarheit zu erlangen, sondern sie will auch 

23* 



— 356 — 

nach genauer Prüfung der augenblicklichen Arbeitsverhältnisse 
den arbeitsuchenden Frauen Anleitungen über die einzuschlagenden 
Wege geben. Den gleichen Zweck verfolgt auch die seit vier 
Jahren bestehende Zeitschrift „Das Steuer", von Frau Rein- 
schmidt-Kucsalska in Lemberg redigiert; doch dauern diese 
Bemühungen schon Jahre, ohne dass sie angesichts der grossen 
Schwierigkeiten, die die Behörde ihnen bereitet, ihrem Ziele 
merklich näher gekommen wären. 

Auch die Frage des Frauenstudiums, obleich in der theoretischen 
Erörterung längst ein überwundener Standpunkt, entzieht sich 
thatsächlich völlig unserem Einflüsse. Die Universität Warschau 
ist den Frauen verschlossen, und erst kürzlich wurden die Frauen 
in Krakau und Lemberg zum Studium zugelassen. Bis jetzt suchten 
unsere Frauen ihre höhere Bildung im Auslande, wo sie die Hör- 
säle von Bern, Genf und Zürich füllten oder in Paris Medizin 
und Naturwissenschaften studierten; einige wenige widmeten sich 
dem Studium der Staatswissenschaften, wie die in Berlin bekannte 
Frau Dr. Daszynska, die eine Zeit lang in der Humboldt- 
Akademie nationalökonomische Vorträge hielt 

Die im Auslande geprüften Ärztinnen fanden anfänglich ohne 
Schwierigkeiten in ihrer Heimat die Möglichkeit zur Ausübung 
ihres Berufes. Nachdem sie das Staatsexamen bestanden hatten, 
gestand man ihnen das Recht zu, in derselben Weise wie ihre 
männlichen Kollegen an Ort und Stelle ihre Thätigkeit zu entfalten. 
Die erste praktizierende Ärztin war Fräulein Dr. Tomaszewicz, 
die sich schon im Jahre 1879 in Warschau niedergelassen hatte 
und binnen kurzem sich einer ausgedehnten Praxis erfreuen konnte. 
Bald darauf Hessen sich auch Frau Dr. Ciszbiewicz und andre 
alsÄrztinnen nieder. Nachdem während der Regierung Alexanders III. 
die medizinischen Kurse für Studentinnen in Petersburg aufgehoben 
worden waren, entzog man den Frauen auch das Recht, das 
medizinische Staatsexamen in Russland abzulegen. Erst vor 
kurzem ist ihnen die Erlaubnis dazu wieder gegeben worden. 
Während dieses Zwischenraumes von zehn Jahren blieb also den 
polnischen Ärztinnen nichts andres übrig, als entweder in Frank- 
reich oder der Schweiz, in der Türkei, in Egypten u. s. w. zu 
praktizieren oder sich in ihrer Heimat als Masseuse oder Zahn- 
ärztin niederzulassen. Als im Innern Russlands die Cholera aus- 
brach, verlangte man in den Gegenden, wo es an ärztlicher Hilfe 
fehlte, auch nach weiblichen Ärzten, so dass nun die polnischen 
Ärztinnen in den Seuchegebieten Gelegenheit fanden, ihre Kennt- 



— 357 — 

nisse zu verwerten. Als sie aber später in ihr Land zurückgekehrt 
waren, verloren sie von neuem das Recht der Praxis. Die neueste 
Wandlung zu Gunsten der Frauensache wird wahrscheinlich nicht 
unerheblich dazu beitragen, die Zahl der Ärztinnen zu vergrössem. 
Die polnischen Frauen, welche Naturwissenschaften studiert 
haben, sind hauptsächlich als Lehrerinnen thätig oder sie widmen 
sich wissenschaftlichen Studien. So ist besonders Frau Curie- 
Sklodowska zu erwähnen, die durch Entdeckung zweier neuer 
Elemente sich in der gelehrten Welt einen Namen gemacht hat 



Ein Zusammenschluss der polnischen Frauen in Vereinen, 
Gesellschaften, Klubs und Korporationen ist begreiflicherweise 
aus politischen Gründen ungemein schwierig. Die russische 
Regierung betrachtet alle Versuche in dieser Richtung mit sehr 
übelwollendem Auge, ftlhrt allerorts die strengste Kontrolle ein 
und wittert überall geheimpolitische Ziele. Dass die Frauen im- 
stande sein sollten, die Interessen ihres Geschlechtes über die 
politischen zu stellen, wird nicht angenommen. Etwas mehr Ver- 
ständnis finden die rein humanitären Bestrebungen, denen infolge- 
dessen auch die Mehrzahl der polnischen Frauen ihre Zeit und 
Arbeit opfert. Die geringe Anzahl der zum Wohl der Frauen 
bestehenden Einrichtungen ist folgende: 

1. Die Kommission für Frauenarbeit, die als eine Sektion 
der Gesellschaft für Beförderung der Industrie und des 
Handels arbeitet. Sie beschäftigt sich mit dem Stellennachweis 
für Arbeitsuchende, sucht die Fachausbildung zu befördern und 
die Arbeit überhaupt zu organisieren. Der Kommission verdanken 
wir Abendkurse für gewerbliches und technisches Zeichnen; der 
Eintritt der Frauen in die Zünfte, die Einführung von Sommer- 
ferien für Näherinnen sind ihr Werk, ebenso wie ihr viele wichtige 
Anregungen im Gebiete der Frauenfrage zu danken sind. 

2. Das Asyl für Lehrerinnen, das neben humanitären 
allgemeinere soziale Zwecke verfolgt. Es finden dort nicht nur 
viele alte und arbeitsunfähige Lehrerinnen Unterkunft, es wird auch 
den Beschäftigungslosen ein Asyl und diesen wie den Mittellosen 
Auskunft und Unterstützung gewährt. 

3. Darlehnskasse für Lehrerinnen und Kinderpflegerinnen, 
ausschliesslich von Frauen gegründet und geleitet, eine Institution, 
die sich durch ihre Zweckmässigkeit grosser Beliebtheit erfreut. 



- 358 - 

Es hatten vor drei Jahren die intelligentesten Frauen Warschaus 
den Entschluss gefasst, einen Verein zu gründen, der alle 
arbeitenden Frauen sammeln, das SolidaritätsgefOhl wecken, die 
edelsten Frauenbestrebungen thatkräftig fördern und die Grundlage 
zu wirksamer gegenseitiger Hilfsleistung bilden sollte. Die Statuten 
dieses Vereins, der den Namen „Selbsthilfe" tragen wollte, wurden 
zur Bestätigung den betreffenden Behörden vorgelegt. Zuerst ver- 
langte man verschiedene Änderungen, die dem Verein einen mehr 
philanthropischen Charakter geben sollten. So sollte beispiels* 
weise der Name des Vereins nicht Selbsthilfe, sondern Hilfe 
sein. Schliesslich wurde nach langen Verhandlungen das ganze 
Projekt verworfen. Man schien in diesem Falle das Entstehen 
eines Vereins verhindern zu wollen, der Frauen aller Stände und 
der verschiedensten Bildung die Gelegenheit zur Verständigung 
gegeben hätte. Ein solcher Verein hatte nach Ansicht der 
Regierung eine zu demokratische Färbung; er hätte dazu bei- 
getragen, die Klassenunterschiede auszugleichen, auf die sich doch 
einzig und allein die Ordnung des absoluten Staates stOtzt. 

Ausser den eigentlichen Frauenvereinen existieren in Warschau 
noch einige gemeinnützige Vereine, in denen die Frauen eine 
bedeutende Rolle spielen, in denen sie mit den Männern vereint 
gemeinnützige Bestrebungen verfolgen und zwar mit erfreulichen 
Resultaten. Zu diesen Vereinen gehört die junge, aber ungemein 
tüchtige und strebsame „hygienische Gesellschaft**, wie auch 
die ebenfalls erst seit kurzem bestehende Kasse für Schriftsteller, 
die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in materieller wie in geistiger 
Hinsicht die Interessen der Schriftsteller zu fördern. 



Einer grösseren politischen Freiheit als unser Land kann sich 
Galizien erfreuen und kann infolgedessen mit Stolz auf seine 
sichtbaren Erfolge in der Frauenbewegung zurückblicken. Dabei 
muss freilich in Betracht gezogen werden, dass der von der 
russischen Regierung auf das polnische Land ausgeübte Druck 
alle temperamentvollen Elemente dazu brachte, nach Galizien aus- 
zuwandern, um dort ein Feld ihrer Thätigkeit zu suchen. So trat 
dort eine Reihe von Institutionen ins Leben, mit Statuten, die in 
Russland niemals Bestätigung erlangt hätten. Vor dreissig Jahren 
bereits, als kaum die Frage des Frauenstudiums auftauchte, wurde 
in Krakau das „Museum des Dr. Baraniecki** eröffnet, in dem 
Professoren der dortigen Universität Vorträge über verschiedene 



— 359 — 

wissenschaftliche Gebiete vor erwachsenen Frauen hielten, die in 
grosser Anzahl aus entfernten Provinzen herbeiströmten. Dies 
war die erste Stätte höherer Bildung für die Frauen unseres 
Landes. 

In Krakau und Lemberg bestehen ferner zwei Frauenvereine 
unter dem Namen „Leseanstalt für Frauen", in denen sich die ganze 
Bewegung konzentriert. Diese Vereine haben den Charakter von 
Klubs; sie bilden den Sammelpunkt für alle intelligenten Frauen, 
von dem aus Anregungen nach allen Seiten ausgehen, wo jede 
wichtige Angelegenheit zur Besprechung und Erörterung gelangt 
und viel fruchtbringende Arbeit geleistet wird. Es werden in den 
Leseanstalten nicht nur Vorträge über soziale und wissenschaftliche 
Fragen gehalten; es werden dort auch ganze Cyklen populärer 
Vorlesungen organisiert, die alle möglichen Gebiete und die 
Interessen der verschiedensten Gesellschaftsklassen berühren. Be- 
sonders zeichnet sich die Leseanstalt in Krakau durch Regsamkeit 
und Energie aus. 

In diesen beiden Städten bestehen auch Lehrerinnenvereine, 
die sich nicht nur Bestrebungen wie die des Warschauer Asyls 
widmen, sondern auch den Volksschullehrerinnen behilflich sind, 
ihre Berufsbildung zu vertiefen und zu erweitern und höhere 
Diplome zu erlangen. 

Nennenswert ist auch die in Krakau unter dem Namen 
J. J. Kranaczki bestehende Gesellschaft, geleitet von Fr. Bey wid. 
Diese Gesellschaft unterstützt arme Studentinnen im Lande und 
auch auswärts. 

Ehe das Kaiserliche Reskript den Frauen die Universität 
öffnete, entstand in Lemberg die Gesellschaft akademischer 
Kurse für Frauen. Dort hielten während des Wintersemesters 
die Universitätsprofessoren Vorträge für Frauen, die ihre Bildung 
in irgend welcher Richtung zu vervollkommnen wünschten. Da 
jedoch diese Vorträge gewissermassen ad usum delphini eingerichtet 
wurden, so erfreuten sie sich keiner besonderen Beliebtheit, be- 
sonders als im Herbste 1897 ^^^ Frauen der Zutritt zu den Vor- 
lesungen innerhalb der philosophischen Fakultät in Lemberg 
gewährt wurde. Jetzt dürfen die Frauen an dieser Universität 
auch Medizin und Rechtskunde studieren. Weil nur diejenige Frau 
Studentin werden darf, die das Reifezeugnis eines Gymnasiums 
besitzt, so wurde im Jahre 1896, zufolge einer Anregung von 
privater Seite, ein Frauengymnasium in Krakau gegründet, das im 
Jahre 1900 die ersten Abiturientinnen entliess. Im Jahre 1897, 



— 3^ — 

also unmittelbar darauf, entstanden ähnliche Gymnasien in Lemberg 
und Przemy61. Die letzten fünf Jahre bedeuten überhaupt für 
Lemberg einen wichtigen Fortschritt auf dem Gebiete der Frauen- 
bewegung. 

Im Jahre 1897 beteiligten sich die Frauen zum ersten Male 
an den Landtagswahlen und zwar auf Grund der dort giltigen 
Bestimmungen, welche gewissen Frauen, die Grundbesitz haben, 
die Abgabe ihrer Stimme durch einen Vertreter gestatten. Das 
gleiche Recht steht selbständig erwerbenden Frauen, Redakteurinnen 
u. s. w. zu. Zwölf Frauen aus der Stadt Biala hatten sich auf 
diese Bestimmung berufen und verlangt, dass ihr Name in die 
Wählerlisten eingetragen werden sollte. Infolge des Widerstandes 
der Wahlkommission appellierten die Frauen an die höhere 
Instanz und gewannen die Sache. Diesem Beispiele folgten auch 
Frauen andrer Städte, hielten in Lemberg eine vorbereitende Ver- 
sammlung, stimmten einmütig und gaben bei der Wahl ihres 
Kandidaten den Ausschlag. In demselben Jahre wurde zum ersten 
Mal eine Frau in den Schulrat gewählt, das heisst in die Behörde, 
bei der die höchste Instanz in Schulangelegenheiten liegt 

Auch ausser in den bereits erwähnten Richtungen sind die 
galizischen Frauen thätig. Selbstverständlich stehen hier wie überall 
die intelligenten, regen Geister, die arbeitenden, selbständigen und 
wissenschaftlich gebildeten Frauen leitend an der Spitze. Die Schul- 
gesellschaft, welche sich eifrig mit der Erhebung der Volksbildung 
beschäftigt, verdankt ihren Bemühungen einen guten Teil ihrer 
Erfolge; auch nehmen die Frauen regen Anteil an politischen 
Bestrebungen, um so mehr, als die österreichischen Gesetze der 
Frau nicht verwehren, in Versammlungen zu sprechen. 

Endlich erweisen sich die Frauen als Verfasserinnen von 
Volksbüchern, als Redakteurinnen und Mitarbeiterinnen an Volks- 
zeitungen sehr tüchtig. Zu den begabtesten und hervorragendsten 
gehört Frau Mar ja Wystanek in Lemberg, der die dortige 
Volkspartei zu grossem Danke verpflichtet ist. 

Überhaupt zeichnet sich die Polin durch die Lebhaftigkeit des 
Interesses aus, das sie sozialen und politischen Angelegenheiten 
entgegenbringt; sie besitzt in hohem Grade die Fähigkeit, sich von 
einer Idee durchdringen zu lassen und dieser Idee in selbstloser 
Weise zu dienen. 

Diese ihre Vorzüge werden auch von ihren Landsleuten ge- 
würdigt und hochgeschätzt. 



■•••- 



Die Geschichte 
der Frauenbewegung in Frankreich. 

Von Anna Pappritz. 



I. 
EinfÜhning. 

„Lyie französische Revolution hat die Rechte des Mannes 
proklamiert, aber nicht die der Frau!" Dieser Ausspruch bildet 
in Frankreich den Ausgangspunkt aller Reden und Schriften, die 
für die Befreiung und Hebung des weiblichen Geschlechtes ein- 
treten. Die volltönenden Worte Libertd, Fraternitd, Egalitd, 
die vor mehr als hundert Jahren, einem zweiten Evangelium gleich, 
wie mit Glockenklängen die Welt durchhallten, eine neue, bessere 
Zeit verkündend und die Menschheit in einen wahren Taumel der 
Hoffnungsseligkeit versetzend, werden zur schrillen Dissonanz, zur 
bitteren Ironie, sobald wir sie auf die andre, die weibliche Hälfte 
der Menschheit anwenden. Und doch haben die Frauen einen 
nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Verlauf der Revolution 
ausgeübt; sie haben das Feuer geschürt, den grossen Gedanken 
der Befreiung mit gleicher Begeisterung vertreten wie ihre männ- 
lichen Volksgenossen. Michelet nennt sie geradezu: die Avant- 
garde der Revolution.») 

Die politische Reife dieser Frauen, ihr thatkräftiges Eingreifen 
in die Verhandlungen wie in die Ereignisse kann uns nicht wunder- 
bar berühren in einem Lande wie Frankreich, wo die Frauen von 
jeher, von Jeanne d'Arc bis auf Madame de Pompadour, von 
Madame de Maintenon bis auf Charlotte Corday, einen so 
hervorragenden politischen Einfluss ausgeübt haben, wie kaum 



1) Michelet. Les femmes de la r^volution. S. a.Histoire de laR^olution fran9aise. 
Paris 1879. 



— 3^ — 

in einem andern Staate Europas. Doch nicht nur durch die Mittel 
der Intrigue und der schlauen Beeinflussung, welche die grossen 
Gemahlinnen und Courtisanen der französischen Könige und 
Staatsmänner so meisterhaft handhabten, sondern auch auf voll- 
kommen legale Weise bethätigten sich die französischen Frauen 
der vorrevolutionären Zeit im Staatsleben. Als Witwen von 
Lehnsherren und Erbinnen der Lehnsherrschaften wurden sie mit 
der Würde eines Pair de France bekleidet, und als solche sehen 
wir sie wiederholt aktiv in der Geschichte auftreten. *) Unter der 
Regierung Franz I. wurden die bis dahin auf die Zahl von 12 
beschränkten Pairschaften vermehrt, mit Ausschluss der Frauen; 
doch wurde diese Massregel durch die späteren Könige bei 
Gründung neuer Pairschaften nicht immer berücksichtigt So sehen 
wir die Duchesse d'Aiguillon als Pair de France und 
Gouverneur du Hävre sich um das Jahr 1685 sehr um die Küsten- 
befestigung verdient machen. Auch die Äbtissinnen der grossen 
Klöster spielen eine Rolle; sie geben nicht nur Beweise von hervor- 
ragenden administrativen Talenten, sondern führen häufig, wie 
uns TAbbaye de Fontevrault*) berichtet, mit geistlichen und 
weltlichen Behörden einen ebenso erbitterten wie geschickten 
Kampf um ihre Rechte, die ihnen von seiten der Männer vielfach 
bestritten wurden. ') Seit der Gründung der Etats G^neraux hatten 
die Damen des Adels (auch die Unverheirateten) und die Äbtissinnen 
das aktive Wahlrecht; in der letzten Berufung derselben am 
24. Januar 1789 heisst es wörtlich: „Les femmes poss^dant 
divis^ment, les fiUes, veuves, ainsi que les mineurs jouissant de la 
noblesse, pourront se faire repr^senter par des procureurs, pris 
dans Tordre de la noblesse." 

Während die Frauen das Recht hatten, in den £tats Gdn^raux 
sich durch von ihnen gewählte Delegierte vertreten zu lassen, 
besassen sie für die £tats Provincjaux auch das passive Wahlrecht. 
Davon machte u. a. die durch ihre Briefe so berühmt gewordene 
Mme. de S^vign^ Gebrauch; wir sehen sie an den Ver- 
sammlungen der Etats de Bretagne teilnehmen.*) 

War die Anteilnahme der Frauen an den öffentlichen Ämtern 
und an der Regierung des Landes in der vorrevolutionären Zeit 

1) Henri Martin. Histoire de France. Paris 1838—54. Bericht der Mme. Vincent 
auf dem Internationalen Frauenkongress zu Berlin, Sept. 1896. Berlin 1897. 

*) Edouard. Fontevrault et ses monuments. Marseille 1874. 

') Legouv^. Histoire morale des femraes. IV^me. ^dit. Paris 1864. 

*) Mme. Vincent Bericht auf dem Internationalen Frauenkongress zu Berlin 1896. 
Berlin 1897. 



— 3^3 — 

durchaus keine unbedeutende, so wäre es doch eine falsche Auf- 
fassung der Sachlage, von Frauenrechten zu sprechen. Die 
öffentliche Stellung dieser Frauen beruht vielmehr nur auf durch 
Frauen ausgeübten Vorrechten des Adels, die mit einem Besitz, 
einer Stellung zusammenhingen. Es ist uns auch nicht bekannt, 
dass diese am öffentlichen Leben teilnehmenden Frauen je eine 
grundsätzliche Änderung der Stellung ihres Geschlechtes angestrebt 
hätten. Nur vereinzelt traten Frauen schon in der vorrevolutionären 
Zeit für die Emanzipation ihres Geschlechts ein, so im 15. Jahrhundert 
Christine de Pisan in ihrem „Citd des Dames". Auch MUe. 
deGournay, die Adoptivtochter Montaignes, proklamierte die 
Gleichberechtigung der Geschlechter und Jacquette Guillaume 
publizierte im Jahre 1665 eine Schrift: „Les dames illustres, ou 
par bonnes et fortes raisons il se prouve, que le sexe feminin 
surpasse en toute sorte de genre le sexe masculin.*) Durch die 
französische Revolution wurden die Vorrechte des Adels ab- 
geschafft und damit die Frauen aus den von ihnen auf Grund 
dieser Vorrechte verwalteten Ämtern und Stellungen gedrängt. 
An ihnen war es nun, auf den Trümmern der Feudalherrschaft, 
Hand in Hand mit dem siegenden Bürgertum, sich an Stelle der 
Vorrechte Menschenrechte zu erobern. 

U. 

Die Frauenbewegung der französischen Revolution. 

Als Frankreich im Jahre 1789 die Devise Liberte, Egalit^, 
Fratemit^ auf seine Fahnen schrieb und die Menschenrechte 
proklamierte, machten auch die Frauen ihren Anspruch an diese 
Rechte geltend. Eine Anzahl Pariserinnen beantragte am 28. Ok- 
tober 1789 bei der Nationalversammlung die Einführung gleicher 
politischer Rechte für beide Geschlechter, und OlympedeGouges 
ergänzte die „Ddclaration des droits de Thomme", indem 
sie in demselben Jahre der Königin Marie Antoinette die 
„Ddclaration des droits de la femme" überreichte. „Das 
Gesetz" — schrieb sie — „soll der Ausdruck des gesamten Volks- 
willens sein".") In den Jahren 1789 bis 1793 wurden in zahl- 
reichen Frauenversammlungen, die sich unter dem Namen „Socidtd 

») Paris 1865. 

^ Olyrope de Gouges par Lacour. Revue de Paris, z. Sept 1898. Dr. Käthe 
Schirmacher. Le F^minisme aux Etats-Unis, en France, dans la Grande-Bretagne etc. 
Paris X89B. 



— 3^4 — 

des femmes republicaines et r^volutionnaires", „Amies de la 
Constitution" etc. konstituierten, Petitionen, die sämtlich für die 
volle politische, ökonomische und gesetzliche Gleichberechtigung 
der Frau eintraten, verfasst und an die damaligen Machthaber 
entsandt. In diesen sogenannten Clubs nahmen neben Mme. Roland 
und Olympe de Gouges eine führende SteUung ein: Mme. Tallien» 
Th^roigne de Mdricourt, Rose Lacombe, Mme. Robert 
n^e Kdralio, welche die erste Frauenzeitung mit ausgesprochen 
feministischer Tendenz „Le Journal de Tfitat et du Citoyen" 
gründete. Doch begnügten die Frauen sich keineswegs damit, 
durch Petitionen ihre Wünsche zu befürworten; sie wohnen den 
Beratungen des Konvents, der Nationalversammlung bei und 
nehmen« oft als das treibende, anspornende Element, vielfach mit 
den Waffen in der Hand, aktiven Anteil an allen grossen politischen 
Ereignissen und Umwälzungen jener Zeit. Theodore Stanton, 
der Herausgeber von „Woman Question in Europe" *) sagt über 
die Geschichte der Frauen jener Zeit: „die Geschichtsschreiber 
der französischen Revolution haben die Rolle, welche die Frauen 
in jener Epoche spielten, niemals voll gewürdigt, teils aus Vorurteil, 
teils weil das Material schwer zugänglich ist".«) Einer der be- 
deutendsten Freunde, die der Frauensache in jenen Tagen erwuchsen, 
war Condorcet, der edle, weitsichtige und kühne Sekretär der 
Akademie der Wissenschaften. In seinem Entwurf einer Konstitution 
der französischen Republik, den er im Auftrag des Konvents ver- 
fasste und demselben im Juni 1793 vorlegte, erklärte er die völlige 
Gleichberechtigung aller Bürger, ohne Unterschied des Geschlechtes.') 
Und in seiner Schrift: „Sur Tadmission des femmes au droit de 
citd"*) sagt er: 

Au nom de quel principe, au nom de quel droit €carte-t-on dans 
un fitat r^publi^ain les femmes des fonctions publiques? Je ne le vois 
pas. Le mot reprdsentation nationale signifie reprdsentation de la 
nation. Est-ce que les femmes ne fönt point partie de la nation? Cette 
assemblöe a pour but de constituer et de maintenir les droits du peuple 
fran9ais. Le droit d'dlire et d'dtre diu est fondd pour les hommes sur 
leur titre de crdatures libres et intelligentes. Les seules limites posdes 

1) London 1884. 

*) Die besten Charakterbilder finden wir bei Michelet ,4üstoire de la R<^volution 
fran^aise**, Paris 1879 und rX.es femmes de la r^volution'' s. a. bei Lairtuillier J.es 
femmes c^libres de 1789 ä 1795 «^ ^cur influenae dans la Rövolution^, Paris 1840, und bei 
Henri Martin ,4üstoire de la Revolution fran9aise de 1789 k 1799'% Paris z88a. 

») Condorcet. Oeuvres compl., Brunswick 1804. 

*) Condorcet. Sur l'admission des femmes au droit de cit^. Journal de la socitftö 
de 1789 V. 3. Vn. 179a 



— 3^5 — 

ä ce droit sont la condamnation ä une peine afflictive ou infamante et 
la minorite. Est-ce que toutes les femmes ont eu des ddm^l^s avec le 
procureur de la republique; et ne lit-on pas dans nos lois cette 
ddclaration: tout individu des deux sexes, äg^ de vingt et un an, est 
majeur? Arguera-t-on de la faiblesse corporelle des femmes? Alors il 
faudra faire passer les reprdsentants devant un jury mddical, et rdformer 
tout ceux qui ont la goutte chaque hiver. Opposera-t-on aux femmes 
leur d^faut dinstruction, leur manque de g^nie politique? II me semble 
qu'il y a bien de reprdsentants qui s'en passent. Plus on interroge le 
bon sens et les principes rdpublicains, moins on trouve un motif serieux 
pour dcarter les femmes de la politique. L'objection capitale elle-mßme, 
Celle qui se trouve dans toutes les bouches, Targument qui consiste ä 
dire, qu'ouvrir aux femmes la carriere politique, c'est les arracher ä la 
famille, cet argument n'a qu'une apparence de soliditd. D'abord il ne 
s'applique pas au peuple nombreux des femmes qui ne sont pas dpouses, 
ou qui ne le sont plus; puis, s'il dtait ddcisif, il faudrait au m6me titre 
leur interdire tous les ^tats manuels et tous les etats de commerce; 
car ces dtats les arrachent par milliers aux devoirs de famille, tandis 
que les fonctions politiques n'en occuperaient pas cent dans toute la 
France. Enfin, une femme cdldbre trancha la question par un mot 
sublime: „La femme a le droit de monter ä la tribune, puisquelle a le 
droit de monter ä Tdchafaud!" 

Die von Condorcet entworfene Konstitution wurde zwar vom 
Konvent acceptiert, trat aber niemals in Kraft. Im Gegenteil, noch 
in demselben Jahre, am 9. Brumaire 1793, wurde durch Aufhebung 
der Frauenklubs und Gesellschaften allen frauenrechtlerischen Be- 
strebungen die Lebensader unterbunden. Die Teilnahme der 
Frauen an der politischen Bewegung war den Machthabern, vor 
allem Robespierre und Danton, nur so lange wertvoll er- 
schienen, als sie deren Einfluss zur Erreichung ihrer eigenen 
Zwecke für notwendig hielten. Doch als die Frauen sich nicht 
damit begnügen wollten, nur Werkzeuge zu sein, sondern für sich 
eine selbständige politische Anteilnahme forderten, steUte man 
diesen Wunsch als gefährlich und unweiblich hin. Das Comitd 
de la süretd g^ndrale ersuchte den Konvent, „im Interesse der 
öffentlichen Sicherheit" alle Frauenversammlungen zu verbieten, 
und der Citoyen Amar begründet diesen Antrag mit der Be- 
hauptung, dass die Frauen nicht fähig wären zu ernstem Nach- 
denken und grossen Entschlüssen, dass ihr Platz am häus- 
lichen Herde sei! Einige Tage nach dem Erlass dieses Dekrets 
erschienen in der Nationalversammlung einige Abgesandte der 
Frauenklubs, um gegen die Aufhebung derselben zu protestieren, 
doch kaum begannen sie ihre Rede, als sämtliche Männer sich 



- 366 - 

erhoben und „Zur Tagesordnung" riefen, so dass den Frauen nichts 
andres übrig blieb, als sich unter einer Flut von Spott- und Schimpf- 
reden zurückzuziehen. Zwölf Tage später versuchten sie noch 
einmal Schritte bei der Gemeindeversammlung, wurden aber mit 
heftigem Murren empfangen, und der Bürger Chaumette erhob 
sich und sagte: „Ich beantrage, dieses Murren im Protokoll zu 
verzeichnen. Es ist eine Huldigung, dargebracht der guten Sitte. 
Der Raum, wo der Magistrat seine Beratungen pflegt, muss jedem 
Wesen verboten werden, das die Natur beleidigt"*) 

Trotz alledem war es unmöglich, die Frauen gänzlich aus dem 
politischen Leben zu verdrängen. Mit uneigennütziger Begeisterung 
vertreten sie nach wie vor die hohen Prinzipien der Freiheit und 
Gleichheit, obgleich sie für ihr eignes Geschlecht fürs erste keine 
Rechte bringen sollten. 

m. 

Die Frauenfrage als soziales Problem. 
Der Saint-Simonismus. George Sand. 

Die Ära Napoleon Bonapartes, die der ersten Republik den 
Todesstoss versetzte, hat auch, auf lange Zeit hinaus, alle Frauen- 
bestrebungen mit eiserner Faust erstickt Der antifeministische 
Geist jenes Zeitalters, dem der erste Konsul, spätere Kaiser 
Napoleon den Stempel seines Willens aufdrückte, spiegelt sich 
vornehmlich in dem Gesetzbuche wieder, das nach ihm Code 
Napoleon benannt, noch heute, bis auf geringe Modifikationen, als 
französisches Recht gehandhabt wird. Während der Beratung 
desselben äusserte der Konsul im Staatsrat: „Es giebt etwas, 
was nicht französisch ist, nämlich, wenn eine Frau thun darf, was 
ihr gefällt", und in Bezug auf die Ehegesetze sagte er: „Ein Ehe- 
mann soll eine absolute Herrschaft über die Handlungen seiner 
Frau ausüben; er hat das Recht ihr zu sagen: Madame, Sie 
werden nicht ausgehen, Sie werden nicht das Theater besuchen, 
Sie werden mit der oder jener Person nicht verkehren." Auf 
diese Weise wurden durch das subjektive Empfinden eines Mannes, 
der persönlich darunter gelitten, dass seine eigne Gattin sich alle 
erdenkliche Freiheit nahm, Gesetze geschaffen, die eine schwere 
Ungerechtigkeit gegenüber der weiblichen Hälfte der Nation be- 
deuten, ein Unrecht, unter dem noch heute Millionen von Frauen 



1) Legouv^. Histoire morale des femmes. Paris 1864. 



— 3^7 — 

schwer zu leiden haben. Die für die Frau verhängnisvollen 
Punkte dieser Gesetzgebung sind folgende: 

I. Im Code Penal: a) das Schutzalter des jungen Mädchens, 
besser gesagt des weiblichen Kindes, reicht nur bis zum 13. Jahr; später 
ist es sozusagen vogelfrei, b) Es fehlt überhaupt jede gesetzliche Be- 
stimmung, die das Verbrechen des weissen Sklavenhandels ahndet. 

II. Im Code Civile : a) der Artikel 340 „la recherche de la paternite 
est interdite" ist, wie die oben angeführten Paragraphen des Strafgesetz- 
buches nur zu geeignet, das männliche Laster zu schützen und die verführten 
und betrogenen Mädchen dem Elend preiszugeben, b) Der Ehemann 
ist der gesetzliche Vormund seiner Frau, er darf ihr nicht einmal eine 
Generalvollmacht erteilen; auch der Verdienst, die Ersparnisse der 
Frau sind Eigentum des Mannes, c) Die Mutter hat kein gesetzliches 
Recht auf ihre Kinder; keine Frau kann Mitglied eines Familienrates 
sein, d) Frauen können nur Vormünder ihrer eignen Kinder und 
Enkel werden, e) Keine Frau darf als Zeugin beim Etat civil (Standes- 
amt) fungieren, f ) Im Fall des Ehebruchs von seiten der Frau ist der 
Mann berechtigt sie zu töten, falls er sie in flagranti ertappt. 9) Die 
Frauen sind von allen Bürgerrechten ausgeschlossen; sie haben weder 
das aktive noch das passive Wahlrecht bei den kommunalen und 
politischen Wahlen. 

Haben wir auch keine Beweise dafür, dass die Frauen Frank- 
reichs damals ein Verständnis für die Geringschätzung hatten, die 
ihre Stellung im Code Napoleon zum Ausdruck brachte, so ist es 
doch auch kein Zufall, dass gerade die geistig hervorragenden 
Frauen der Zeit Napoleons erbitterte Feindinnen waren: Mme. 
de R^camier, Mme. de Rdmusat und Mme. de Stael.*) 

Ohne im geringsten von Emanzipationsgedanken auszugehen, 
nahmen diese Frauen doch den lebhaftesten Anteil am politischen 
Leben. Bei der hervorragendsten von ihnen, Mme. de Stael, be- 
deutete dieser Anteil thatsächlieh eine politische Rolle. Sie blieb 
nicht bei dem tiefsten Mitgefühl für die königliche Familie stehen, 
sondern sie entwarf einen Fluchtplan und versuchte, nachdem 
dieser verworfen und die Flucht missglückt war, die Königin durch 
ihre Verteidigung „R^flexions sur le proces de la reine" zu retten. 
Auch auf die spätere Politik versuchte sie Einfluss zu gewinnen,, 
so durch die 1795 verfassten „R^flexions sur la paix, adress^es 
ä M. Pitt et aux Fran9ais". Ihr Auftreten gegen Napoleon zu 

1) I. A. S^gur. Les femmes, leurs conditions et leurs influences dans l'ordre sociaL 
Paris 1803. 

^ Vergl. i^Mömoires de Mme. de Römusat", Paris 1879 — i88a ^Lettres de Mme. 
de Remusat'S Paris 1881. „Essai sur l'öducation des femmes'S Paris 184a, und Souvenirs, 
et correspondance tir^s des papiers de Mme. de Rtfcamier, Paris X859. 



- 368 - 

Gunsten einer konstitutionellen Verfassung führte sie in die Ver- 
bannung. 

Niemals hat Mme. de Stael den Wunsch nach Gleichberechtigung 
der Geschlechter ausgesprochen, aber ihr Name gehört zur Ge- 
schichte der Frauenbewegung, da sie das, was die Frauenbewegung 
erstrebt, die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben, spontan 
verwirklichte. 

Die Restaurationsperiode hatte den Frauen keine Verbesserung 
ihrer Lage gebracht; im Gegenteil wurde durch den einen einfluss- 
reichen Staatsmann jener Zeit, M. deBonald, das Dogma von der 
Inferiorität der Frau mit ganz besonderem Nachdruck betont') 

Erst mit dem Aufblühen der sozialistischen Schule Saint- 
Simon's sollte nach und nach eine andre Auffassung über Wert 
tmd Stellung des weiblichen Geschlechtes Platz greifen. Die Lehre 
Saint-Simon's, seiner Anhänger und Nachfolger, stellt, wenn auch 
in phantastischer Form, die erste Konzeption des modernen 
Sozialismus dar. Sie waren bestrebt, durch ein neues Christen- 
tum der werkthätigen Nächstenliebe«) eine vollkommene Umwälzung 
der modernen Gesellschaftsform herbeizuführen und das soziale 
Problem zu lösen. Saint-Simon, der sich aller Unterdrückten und 
Rechtlosen aufs nachdrücklichste annahm, forderte auch die 
Emanzipation, die Gleichberechtigung des Weibes: 

„Les femmes, ä peine sorties de la servitude, sont encore partout 
tenues en tuteile et frapp^es d'interdiction religieuse, politique, sociale; 
rhomme lui seul constitue Imdividu social. Le mariage est un acte 
purement individuel. Les femmes seront d^finitivement affranchies, 
rindividu social sera Thomme et la femme; toute fonction religieuse, 
scientifique, industrielle sera exerc^e par un couple.') 

Diese Strömung blieb nicht ohne Einfluss auf die geniale 
Frau, die bereits mit grossem Mut in ihren belletristischen Schriften*) 
für die persönliche Emanzipation der Frau, für das Recht der 
sittlich-freien Persönlichkeit auf dem Gebiet der sexuellen Moral 
eingetreten war. George Sand wurde zu einer glühenden An- 
hängerin der sozialistischen Bewegung und stellte ihre Feder 
mit der ihr eignen Begeisterung in den Dienst dieser Sache. 
Sie wird die Mitarbeiterin der führenden Männer jener Periode; 



1) Beaumont. Esprit de Mg^r. de Bonald. Paris 187a 

*) G. Weill. L'^cole Saint-Simonienne. Paris 1896. CharUty. Histoire du Saint- 
Simonisme. Paris 1896. 

3) Oeuvres, Band a, S. aag. Paris 1865— 1878. 

*) George Sand. Indiana. Paris 1832 — Elle et lui. 1859 ~ Consuelo. 1842 — 
Horace. 184a — Valentine. 1839 und viele andre. 



— 3^9 — 

mit Leroux, Viardot und Lammenais zusammen redigiert 
sie die „Revue ind^pendante** und den „Eclaireur de llndre'*. 
Später schrieb sie für Ledru- Roll in Artikel, gründete eine eigne 
Wochenschrift. „La Cause du peuple** und erliess die von der 
innigsten Liebe zum Volke überströmenden „Lettres au peuple**. 
In der zwölften Nummer des Bulletin de la Rdpublique finden wir 
eine erschütternde Schilderung des Elends der Frau aus dem 
Volke und der Schmach der Prostitution.») Bis in ihr hohes Alter 
hat George Sand mit regem Geiste am politischen und sozialen 
Leben ihres Volkes teilgenommen. Der Samen, den sie mit vollen 
Händen ausgestreut, begann überall zu keimen und zu spriessen. 
Die Frauenbewegung, die sie machtvoll ins Leben gerufen, sollte 
von nun an nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden. 

Im Jahre 1832 erblickte die erste frauenrechtlerische Zeitung 
„La femme nouvelle" das Licht der Welt, und vier Jahre später 
publizierte Mme. Poutret de Mauchamps die „Gazette des 
femmes", in der sie die politische Gleichberechtigung der Frauen 
forderte. Sie basierte diese Forderung auf den Wortlaut der 
Konstitution vom Jahre 1830, in der mit dem Ausdruck „les 
Fran9ais" stets beide Geschlechter gemeint seien, und trat auch 
in einer Petition an den König Louis Philippe für die politische 
Befreiung der Frau ein. 

Zu ihren Anhängern zählte u. a. Chateaubriand, der ihr 
schrieb : „Rechnen Sie mich zu Ihren Abonnenten, Sie verteidigen 
eine grosse und edle Sache".») Im Jahre 1838 forderte sie die 
Zulassung der Frauen zu den Universitäten. Alle diese Petitionen, 
obgleich klar und bestimmt gefasst und in durchaus massvoller 
und sachlicher Weise begründet, hatten das Schicksal, in den 
Parlamenten mit Hohn und Spott überschüttet und unberücksichtigt 
bei Seite gelegt zu werden. Auch Frauen, wie die Schrift- 
stellerinnen Mme. de Girardin und Mme. de M^ritens stellten 
ihre Kräfte in den Dienst der Sache. 

Von ganz besonderer Wirkung aber waren zwei Werke aus 
männlicher Feder: Laboulaye, Recherches sur la condition civile 
et politique des femmes depuis les Romains jusqu'ä nos jours, ') 
und Legouv^, Histoire morale de la femme.*) 



1) VergL A. Brunnemann. Geor^ Sand 'und ihre Bedeutung fOr die Frauen- 
bewegung. Zeitschrift „Die Frau", Berlin., Juni 1901. 
^ Stanton. Woman Question in Europe. 
3) Paris 1843. 
*) Paris 1864. 

Handbuch der Frauenbewegung. L TeiL 24 



— 370 — 

IV. 
Maria Desraimes. 

Die Revolution von 1848 hatte, statt dem weiblichen Ge- 
schlechte die geforderten Rechte zu erkämpfen, die Frauenbewegung 
in der bürgerlichen Gesellschaft etwas in Misskredit gebracht 
Man identifizierte sie vielfach mit der Sache des Sozialismus und 
machte sie für die Übertreibungen und Phantastereien der Anhänger 
und Nachfolger Saint-Simons verantwortlich. Jeanne Desroin* 
Desroches war die eifrigste Vertreterin und Märtyrerin der 
Frauenbewegung der zweiten Revolution; sie gründete mit 
Eug^nie Niboyet und anderen politische Vereine und Zeitungen» 
wie: „la Politique des femmes", „rOpinion", „la Voix des 
femmes", u. a. Unter den 900 Mitgliedern des Constituent war 
Victor Considdrant, der bekannte Jünger Fouriers, der einzige 
Freund der Frauensache, der für die politische Gleichberechtigung 
eintrat. Mit dem Jahre des Staatsstreiches 1851 erhob auch in 
Bezug auf die Frauen die Reaktion ihr Haupt; in der Kammer 
wurde von einem M. Chapot sogar der Vorschlag gemacht, den 
Frauen das Recht zu nehmen, Petitionen, die politische Angelegen- 
heiten berühren, der Volksvertretung einzureichen. Dank den Be- 
mühungen einiger einsichtsvollerMänner wie Laurent, Schoelcher 
und Crdmieux wurde dieser Vorschlag abgelehnt. Auch Jeanne 
Desroin, die damals als politische Gefangene in St. Lazare interniert 
war, hatte einen glühenden Protest gegen diese Massregel erhoben. 

Der bedeutendste Vertreter der Reaktion unter dem zweiten 
Kaiserreich war der Philosoph Proud'hon, der in seinem 1858 er- 
schienenen Buche „La justice dans Tdglise et dans la rdvolution**, '). 
die Ansicht ausspricht, dass sich die Frau zum Mann verhält, wie 
2 zu 3. Die Inferiorität des Weibes ist seiner Ansicht nach etwas 
Naturgewolltes und damit Unabänderliches. Von ihm rührt auch 
der bekannte Ausspruch her, das Weib sei „la courtisane ou la 
mdnagere" — nichts andres. Dieses Buch rief eine Flut von Ent- 
gegnungen hervor. Mme. Jenny P. d'Hdricourt schrieb „La 
femme affranchie",*) Mme. Juliette Lambery (Mme. Adam) 
, Jddes antiproudhoniennes sur Tamour, la femme et le markige. * '> 
Professor Acollas nennt dies Werk „die beredteste und schlagendste 



») Paris 185a 
>) Bnixelles 1860. 
3) Paris 1858. 



— 371 — 

Zurückweisung der absurden Ideen Proud'hon's über die Frauen". >) 
Einen andern, wenn auch für die Frauenfrage nicht weniger ver- 
hängnisvollen Standpunkt vertritt Michelet in seinen beiden Werken : 
„La femme"') und „L'amour". Fern von jedem Cynismus oder 
jeder männlichen Überhebung, vielmehr getragen von einem mitleids- 
vollen Idealismus, stellt er die Frau als „Kranke" dar, die der 
dauernden Schonung und Fürsorge bedürfe und deswegen selbst 
in moralischer Beziehung ein grösseres Recht auf Nachsicht 
beanspruchen könne, als der Mann. Jedoch haben diese Autoren, 
weder im guten noch im bösen Sinne, einen wirklich nachhaltigen 
Einfluss auf die Beurteilung der Frauenfrage ausgeübt 

Geradezu epochemachend dagegen sind eine Reihe von 
Werken, die diese Frage vom sozialökonomischen Gesichtspunkt 
aus beleuchten: Jules Simon, „L*ouvriere",') Leroy-Beaulieu, 
„Le travail des femmes au XIX. siecle",*) Mlle. Daubi6, „La 
femme pauvre au XIX. siecle", •) Eugene Pelletan, „La loi de 
progres" und „Les droits de Thomme".«) In den sozialpolitischen 
Anschauungen, die diese Werke vertreten, ist der Boden zu suchen, 
auf dem die modernen Reformbestrebungen erwachsen sind, die 
wir unter dem Namen „Frauenbewegung** zusammenzufassen 
pflegen. 

Die beiden Persönlichkeiten aber, welche diese Ideen am 
tiefsten erfassten und am thatkräftigsten zum Ausdruck brachten, 
sind M. L^on Richer und Maria Desraimes. Der von ver- 
schiedenen Seiten aufgeworfene Vorwurf, die französische Frauen- 
bewegung vertrete nur die Interessen der bürgerlichen, begüterten 
Klasse und fordere lediglich für diese Rechte, Stellungen und 
Ämter, ist ein durchaus ungerechter, denn gerade die Erkenntnis 
von dem Elend der arbeitenden Klasse war die Triebfeder, welche 
die begüterten Frauen anspornte, um ihre eigne Befreiung zu 
kämpfen. Sie gingen dabei von der richtigen Voraussetzung. aus, 
dass sie durch Kenntnisse allein Einfluss und Macht gewinnen 
könnten, um im stände zu sein, denen zu helfen, die sich aus 
eigner Kraft niemals emporzuheben vermögen. 



i)Stantona.a.O. Laboulaye. Recherches sur la condition civile et politique des 
femmes depuis les Romains jusqu'ä nos jours. Paris 1843. 
3) Paris 1860. 
3) Paris 1861. 
*) Paris 1873. 
*) Paris 187a 
«) Paris 1857 und 185a 

24* 



— 372 — 

Aus der Verschmelzung der revolutionär - sozialistischen 
Richtung einerseits und der individualistisch -emanzipatorischen 
Tendenz andrerseits wurde der grosse Gedanke der Solidarität 
aller Frauen geboren, welcher allein das weibliche Geschlecht zur 
Erkenntnis seiner sozialen Pflichten erziehen und zur Bethätigung 
derselben befähigen konnte. Sehen wir in Rose Lacombe und 
Thdroigne de Mdricourt die Vertreterinnen der ersten Richtung, 
bewundem wir in George Sand die grosse Vorkämpferin der 
persönlichen Emanzipation, so ist Maria Desraimes die Ver- 
körperung der modernen, Sozialreform atorischen Frauenbewegung. 
Sie war sich ihrer schweren Aufgabe ganz bewusst und unter- 
schätzte in keiner Weise die Schwierigkeiten, die Vorurteil und 
Tradition ihr in den Weg legten. „Unsere Gesellschaft", sagte 
sie einst *), „ist so weise eingerichtet, dass sie der sittenlosen Frau 
volle Bewegungsfreiheit und jeden Einfluss einräumt, die sitten- 
reine Frau dagegen in jeder Weise hemmt und beschränkt Steigt 
eine Frau auf die Schaubühne, demoralisiert sie, zieht sie herab, 
so bringt man ihr Ovationen dar. Eine Frau, die auf die 
Tribüne steigt, um über Recht und Tugend zu sprechen, wird mit 
Hohn und Spott überschüttet". Maria Desraimes hat diesen Hohn 
und Spott nicht gescheut, obgleich wohl für jede Frau und für 
eine Französin ganz besonders kein geringer Heldenmut dazu 
gehört, gerade das Odium der Lächerlichkeit auf sich zu nehmen. 
Der treuste Helfer und Freund Maria Desraimes war L^on Richer, 
der Seite an Seite mit ihr für eine Verbesserung der Lage des 
weiblichen Geschlechtes kämpfte. 

Auch die dritte Republik hatte den Frauen keine ihrer be- 
rechtigten Forderungen gewährt. Sie wurden nicht müde, immer 
wieder von neuem um ihre Rechte zu petitionieren. So stellte 
Mme. Am^lie Bosquet im Jahre 1871 an die National- 
versammlung die Forderung einer Umänderung von dreissig 
Paragraphen des Code zu Gunsten der Frauen. Ihre Wünsche 
blieben selbstverständlich unberücksichtigt, aber schliesslich begann 
nach und nach auch unter den Deputierten ein vertieftes Ver- 
ständnis und eine grössere Anerkennung für die Bedeutung der 
Frauenfrage Platz zu greifen. In dem von verschiedenen Politikern 
gestellten Antrag, den verheirateten Wählern das Recht auf zwei 
Stimmen zu gewähren, kann man schon einen Ausdruck dieses 
Verständnisses erblicken. Obgleich diese Anträge abgelehnt 



») Maria Desraimes. feve dans THumanitö. Paris 1895. 



— 373 — 

wurden, so sind sie doch immerhin ein Beweis dafür, dass man 
auch von Seiten mancher Männer eine gerechte Vertretung der 
Familie für notwendig hielt. 

Eine gewichtige Stimme in dem Kampf um die Prinzipien war 
Victor Hugos Meinungsäusserung. In einem Briefe an L^on Richer 
schreibt er:*) „Der Mann hat sein Recht, er hat es sich selbst 
gegeben; die Frau hat keine andern Gesetze als die ihr vom 
Manne vorgeschriebenen; darum finden wir alle Vorrechte auf 
Seiten des Mannes, alle Pflichten auf Seiten der Frau. Daher 
stammt eine grosse Verwirrung, daher stammt auch die Hörigkeit 
der Frau. Eine Reform ist notwendig. Sie muss eintreten, im 
Interesse der Civilisation, der Gesellschaft, der Menschheit" 

Ermutigt durch das immer wachsende Verständnis für ihre 
Bestrebungen und Ziele gründete Maria Desrairaes, zusammen mit 
Mme. Griess-Traut, MUe. Hubertine Auclerc u.a. im Jahre 
1876 die „Soci^t^ pour Tam^lioration du sort de la femme" 
und die Freimaurerloge für Frauen „le droit humain". Im Jahre 
1878 berief sie unter dem Beistand von L6on Richer den ersten 
internationalen Frauenkongress zu Paris. Dies Unternehmen war 
um so kühner, als noch drei Jahre vorher der damalige Minister 
des Innern M. de Goulard verboten hatte, dass Mme. Olympe 
Audonard, die mit der Feder schon häufig für die Frauen- 
interessen eingetreten war, dies Thema auch in öffentlicher Ver- 
sammlung zu Paris erörtere, weil „die Theorien der Emanzipation 
der Frauen gefährlich und unmoralisch seien". Der erste Frauen- 
kongress verlief ohne unangenehme Störung, allerdings auch ohne 
einen grossen Widerhall in der öflfentlichkeit zu finden. Das 
Ausland war vertreten durch die Schweiz, Italien, Holland, Russland 
und Amerika. Die Arbeiten umfassten in fünf Sektionen die 
geschichtliche, pädagogische, ökonomische, sittliche und gesetzliche 
Seite der Frauenfrage; sie sind in einem Bande gesammelt, dessen 
Lektüre in Bezug auf den damaligen Stand der Frauenbewegung 
nicht ohne Interesse ist.«) Der erfreulichste Erfolg dieses Kon- 
gresses bestand darin, dass die führenden Geister der Nation 
begannen, sich mit der Frauenfrage zu beschäftigen und sie zu 
würdigen. So veröffentlichte Emile de Girardin eine kleine 
Schrift „L'Egale de Thomme", in der er sagt: 



*) Dr. K. Schirmacher. Le Feminisme etc. Paris 1898. 

>) Actes du congT^s international des droits des femmes. Paris; Ghio, Palais Royal. 
Paris 1879. 



— 374 — 

„Solange das französische Gesetzbuch zwischen Mann und Frau 
Unterschiede macht, die nicht durch die Natur gerechtfertigt sind, 
werden die Frauen gezwungen, für ihre Rechte zu kämpfen, um die 
unwürdigen Gesetze zu reformieren, die sie herabdrücken, und die einen 
Anachronismus bedeuten. Der Tag, der die Frau rechtlich und gesetzlich 
dem Manne gleichstellt, wird einen grossen Tag in der Geschichte der 
Civilisation bedeuten. Die Frauen, ausgestattet mit dem Recht zu 
wählen und gewählt zu werden, würden die Ära eines höheren, er- 
weiterten und vertieften politischen Lebens bringen, weniger revolutionär 
und darum sozialer." 

Auch Dumas fils, der bekannte Dramatiker, stellte sich auf 
die Seite der Feministen; in seiner Schrift:') „Les femmes qui tuent 
et les femmes qui votent" trat er für das Frauenstimmrecht ein: 
„Gebt ihnen dies Recht mit allen nötigen Vorsichtsmassregeln, 
aber gebt es. Frankreich ist der zivilisierten Welt das Beispiel 
dieser grossen Initiative schuldig." 

Aus diesen Debatten in litterarischen und politischen Kreisen 
ging im Jahre 1882 eine Petition an die Kammer hervor, das 
Frauenstimmrecht betreffend, die mit tausend Unterschriften bedeckt 
war. Die Kammer war der Ansicht, dass diese Frage noch nicht 
spruchreif sei. Eine zweite analoge Petition der Mlle. Aue lere 
im Jahre 1885 wurde in der Kammer durch Übergang zur Tages- 
ordnung erledigt 

Doch die Forderungen der Frauen nach politischen und 
sozialen Reformen sind seitdem nicht wieder verstummt, sondern 
wurden in Wort und Schrift, in Zeitungen, Versammlungen, auf 
Kongressen, in zahlreichen Frauenvereinen, die sich konstituierten, 
aufs lebhafteste diskutiert und mit grosser Verve vertreten. L^on 
Richer gab eine Monatsschrift „L'avenir des femmes" heraus, und 
Mlle. Hubertine Auclerc publizierte gleichfalls eine Monatsschrift 
„La citoyenne" und gründete einen Frauenstimmrechtsverein. Die 
Seele aber der ganzen Bewegung war Maria Desraimes. Trotz 
des Verständnisses, das ihr von der geistigen Elite ihres Volkes 
entgegengebracht wurde und trotzdem sie, wie eben erwähnt, nicht 
nur zahlreiche Anhänger, sondern auch treue und mutige Mit- 
kämpfer fand, fehlte es ihr auch nicht an zahlreichen Gegnern. 
Umsomehr, als Maria Desraimes ein ganz origineller Geist war, 
der sich nicht für irgend ein Parteiprogramm einschwören Hess, 



1) Girardin. L'Egale de rhomme. Paris 1880. VgL auch Girardin: L'hoznme et la 
femme. Paris 1873. 

>) Alexander Dumas fils. Les femmes qui tuent et les femmes qui votent; 
L'homme-femme ; ,Tue-la*. Paris 1873—83. 



— 375 — 

sondern mit edlem Freimut und ohne jede falsche Rücksicht die 
Auswüchse aller Parteien geisselte, sowohl die der klerikalen, wie 
die der positivistischen, materialistischen Schule. Ihr Bestreben 
ging dahin, durch eine bessere Erziehung und durch Hebung ihrer 
sozialen Stellung die Frau fähig zu machen, den ihr gebührenden 
Platz in der Kultur einzunehmen, zum Vorteil des Ganzen: 

„II est contra natura, qu'un 6tre raisonnable abdique las plus nobles 
attributs da Thumanit^. Gast qu'an v^rit^ il exista una loi naturalle, 
immuabla, qu'il n'ast donnt^ ä parsonna de changar: loi par laquella 
chaque 6tre racharcha las conditions favorablas ä son ddveloppament ; 
loi en vertu de laquella il tend par toutes ses forces ä exercer sas 
facultas et ä ^puiser sa s^ve, physiquament et moralemant. Dans 
Teconomie physique da l'univars, aucun dldment n'ast sans emploi, 
aucuna force n'ast perdua. Dans l'univars morala, T^conomia doit 6tra 
la m6ma: aucuna forca na doit Hre sans amploi, aucuna facult^ na doit 
6tre perdua. Eh bian! dans notre ordre social, la femme est une force 
perdue; eile n'a point donn6 tout ce qu'elle paut; alle n'est point allee 
jusqu'au bout de sa raison." >) 

Mit feiner Ironie weist sie darauf hin, dass sich die Frau 
nur scheinbar dem Joch gefügt habe, das der Mann, besonders in 
der Ehe, ihr auferlegt. 

„L'ambition de la famme est de tourner, d'annuler la loi qui est 
contra alle; l'oeuvra de sa via c'est la conquöte de Thomma; eile y 
emploie sa jeunasse, sa beautd, toute la finesse de son esprit. La 
voyez-vous cette jeune flauere si douce, si naive, si touchante sous son 
volle blanc? Eh bian! pandant qu'elle fait son serment d'obdissance 
devant M. la maire et M. le cur6, int^rieurement eile se promat bian 
de n'en point tenir compte et de le violer au premier jour. Le grand 
triomphe de la femme c'est de mener un homme!" 

Maria Desraimes will jedoch in keiner Weise das Band der 
Ehe gelockert wissen; sie bekämpft Fourier und die Anhänger 
der freien Liebe mit den Worten: 

„Si la loyaut^ de la parole, si la grande id^e du devoir ne comptent 
pour den; si las fantaisies des sens regnent en souveraines et sont 
telles que ceux qui en sont la proie ne puissent r^pondre de tenir le 
lendemain ce qu'ils ont promis la veille, c'en est fait de l'ordre social. 
Et qu'on ne me parle pas de libert^. Car l'individu sans souci de la 
conscience et de la raison, tombe dans le pire des esclavages." ») 

Natürlich will sie die Ehe auf ein ganz andres Niveau gehoben 
sehen: 



I) Maria Desraimes. £:ve dans l'humanitö. Paris 1895. 
^ A. a. O. 



— 376 — 

„Quant au manage il ^tait consid6r6, et on le consid^re encore, au 
point de vue unique de la conservation de l'esp^ce. Le manage ä un 
but plus 6[ev6: le perfectionnement morale ä deux. Le mariage est 
Tassociation de deux raisons, de deux volont^s, de deux activit^s pour 
une m£me ün. Le jour oü deux intelligences se croisent sur une möme 
id6e, oü deux coeurs s'unifient dans un möme sentiment, Tunion existe, 
eile est indissoluble, immuable."») 

Dass eine Ehe, wie Maria Desraimes sie in obigen Worten 
kennzeichnet, niemals auf der Basis der doppelten Moral bestehen 
kann, versteht sich von selbst. Sie kommt denn auch häufig auf 
diesen dunkelsten Punkt unseres sozialen Lebens zurück; aus 
ihren Worten spricht nicht nur die sittliche Entrüstung einer 
edlen Frau, sondern auch der einschneidende Sarkasmus eines 
starken Geistes, mit dem sie das Unlogische dieses Systems 
geissei t: 

„On a imagin^ que sur la totalltd des femmes, une notable partie, 
faute de surveillance, de protection dans Tenfance et dans lajeunesse, 
et faute de moyens d'existance, — car la pr^tendue inf^riorit^ physique 
et morale de la femme ne lui vaut que des travaux subalternes et mal 
rdtribu^s — cette notable partie, rdp^tons-nous, abandonnde et pouss^e 
ä bout par la misere, finirait par fournir un personnel süffisant ä la 
ddpravation masculine, de fa^on que l'autre partie serait exclusivement 
rdserv^e ä la vertu. Voici donc une sociale si sagement et si savamment 
organis^e que Thonneur des unes est fondd sur le d^shonneur des 
autres ! D'apr^s cet arrangement la puret^ des moeurs chez la femme 
est de toutes les vertus celle qu'on ne peut gdndraliser; eile n'est que 
Tattribut d'une certaine classe; eile est circonscrite et ne doit 
pas sortir de son cercle; car si eile s'^tendait de plus en 
plus, que deviendraient les hommes?!"') 

Maria Desraimes Werke') bestehen hauptsächlich a.us einer 
Sammlung ihrer Reden; sie wirken auf den Leser mit der Un- 
mittelbarkeit des gesprochenen Wortes^) und atmen den Geist 
einer für alles Edle begeisterten Frauennatur. Sie tritt für ihre 
Ziele mit dem ganzen Pathos einer überzeugten Reformatorin und 
der logischen Schärfe einer feinen Dialektikerin ein, doch ver- 
missen wir jedes Thatsachenmaterial, das uns über die reale Lage 
des weiblichen Geschlechtes orientieren könnte. 



1) Maria Desraimes. Nos principes et nos moeurs. Paris 1896. 
*) Maria Desraimes. £lve dans Thumanit^. Paris 1895. 
>) Maria Desraimes. Oeuvres compl^tes. Paris 1895—1896. 

*) Aus diesem Grunde sehen wir davon ab, die angeführten Citate zu übersetzen. 
Anm. d. Verf. 



— 377 — 

Den schlimmsten Feind aller Neuerer, die Gleichgiltigkeit, 
hat Maria Desraimes auch kennen gelernt: Nach einem Bericht 
der Mme. Schmahl*) sandte Maria Desraimes im Jahre 1878 
17000 Cirkulare an die Geschäftsfrauen in Frankreich mit der 
Aufforderung, sich mit den Männern zusammen um das Wahlrecht 
zum Tribunal de commerce zu bewerben. Sie erhielt nur 2 Ant- 
worten! — 

Nach dem Tode Maria Desraimes (1894) wurde das Andenken 
dieser hochbedeutenden Frau geehrt, indem man eine Strasse im 
XVni. Arrondissement nach ihr benannte und ihr in Pontoise, 
ihrem Sommersitz, ein Denkmal errichtete. 

V. 
Politische Frauenvereine. 

Von den zahlreichen Frauenvereinen mit ausgesprochen 
politisch-feministischer Tendenz, die nach und nach entstanden, 
und von denen einige sich wieder auflösten (z. B. der Verein „La 
solidarit^", nach dem Tode seiner verdienstvollen Gründerin und 
Präsidentin Mme. Potoni^-Pierre f 12. Juni 1898), sind die 
bedeutendsten : 

„La soci^t^ pour l'am^lioration du sort de la femme", Präsidentin 
Mme Feresse-Desraimes (Schwester der oben genannten Gründerin 
Maria Desraimes). 

„La ligue pour le droit des femmes", Präsidentin Mme. Pognon. 

„L'Union universelle des femmes**, Präsidentin Mme. Ch^liga- 
Loevy. 

„L'Avant-Courri^re", Präsidentin Mme. Schmahl (ihr zur Seite 
stehen MUe. Monod und die Herzogin d'Uz^s). 

„L'Egalite", Präsidentin Mme. Vincent. 

Alle diese Vereine vertreten in zielbewusster Weise den Femi- 
nismus, wenn auch das Arbeitsgebiet der einzelnen sich spezialisiert 
hat, und trotz gelegentlicher kleiner Eifersüchteleien und Reibereien 
verfolgen sie dieselbe Marschroute. Mme. Feresse-Desraimes be- 
trachtet es als ihre Lebensaufgabe, das Werk ihrer Schwester 
weiter zu führen; Mme. Pognon und Mme. Vincent sind die 
radikalsten Vertreterinnen der Frauenbewegung. Beide befürworten 
in erster Linie das Frauenstimmrecht; Mme. Pognon vertritt ausser- 
dem hauptsächlich die Idee der Co-Education, da ihrer Ansicht 



>) Forum. New Yorlt, Sept 1896. 



- 378 - 

nach eine gemeinsame Erziehung die Basis der späteren gemein- 
samen Arbeit sein muss. Mme. Vincent ist die Verbreiterin des 
„F^minisme historique", d. h. sie durchstöbert die Bibliotheken, um 
aus dem gesammelten Material die Waffen für den Kampf um die 
Frauenrechte zu schmieden. Sie versucht, den Beweis zu liefern, 
dass die Frauen im Mittelalter politische Rechte besassen und 
fordert die Rückgabe derselben. Ausserdem hat sie stets für die 
Zulassung der Frauen zur Armenpflege und zu den Gewerbe- 
gerichten plädiert. Im Jahre 1893 trat Mme. Vincent in praktischer 
Weise für das Frauenstimmrecht ein, indem sie sich in die Wähler- 
liste eintragen liess. Diese Eintragung wurde vom Friedensrichter 
annulliert, sie prozessierte und verlor selbstverständlich den Prozess. 
Fünf Jahre später, bei Gelegenheit der Wahlen von 1898, liess 
sich Marie Cl^mence (Mitglied der Croupe f^ministe de la 
Solidarit6) sogar als Kandidatin aufstellen. Dieser ganz illegale 
Schritt hatte natürlich gar keine praktischen Konsequenzen, er 
verfolgte nur den rein ideellen Zweck, den Gedanken des Frauen- 
wahlrechtes dem Volksbewusstsein näher zu bringen. Die übrigen 
Frauenrechtlerinnen verfolgten bei Gelegenheit dieser letzten 
Wahlen von 1898 eine weniger augenfällige, aber sicherlich wirk- 
samere Praxis, indem sie an die Kandidaten ein Programm ihrer 
Wünsche verteilen Hessen und sie aufforderten, dieselben im 
Parlament zu vertreten. Auch besuchten die Frauen selbst die 
Wahlvereine, beteiligten sich an den Diskussionen und betonten 
ihre Forderungen. Das Programm, das sie aufstellten, fordert 
für die Frau folgende Rechte: 

I. Gleichen Lohn für gleiche Leistung; 2. das Recht, Vormünderin 
zu sein; 3. Gütertrennung in der Ehe; 4. die mütterliche Gewalt soll 
der väterlichen gleichgestellt werden; 5. Anteilnahme an allen öffent- 
lichen Angelegenheiten. 

Unterzeichnet war dieser Aufruf von Mme. F^resse-Desraimes, 
Mme. Durand, Mme. Maria Martin, Mme. Pognon, Mme. Potoni6- 
Pierre, Mme. Vincent. Diese Frauen hatten vorläufig nur die 
dringendsten Forderungen aufgestellt, deren baldige Erfüllung 
im Bereich der Wahrscheinlichkeit liegt; dass das Ziel, das sie 
sich stecken, wofür sie unablässig in Wort und Schrift zu kämpfen 
bemüht sind, ein höheres ist, bedarf wohl kaum der Erwähnung. 
Einige siebzig Kandidaten antworteten in zustimmender Weise und 
versprachen, dies Programm zu dem ihrigen zu machen. Wiederum 
ein Beweis für die so häufig gemachte Beobachtung, dass die 
französischen Frauenrechtlerinnen bei einsichtsvollen Männern viel 



— 379 — 

mehr Verständnis für die Frauensache finden, als im Kreise ihrer 
eignen Geschlechtsgenossinnen. 

Mme. Ch^liga arbeitet in der Sittlichkeitsfrage. Sie hat in 
einem dreiaktigen Tendenzdrama „rOrniere" die Wirkung des 
§ 324 des Code p6nal gekennzeichnet, der dem betrogenen Ehe- 
mann das Recht giebt, seine Gattin zu töten, während umgekehrt 
der ehebrecherische Gatte nur ganz milde bestraft wird. Motiviert 
wird diese doppelte Moral mit dem Argument, dass die treulose 
Frau eventuell ein illegitimes Kind in die Familie einschmuggeln 
könnte. Schon Marat wies in seinem „Plan de l^gislation crimi- 
nelle" auf das Unlogische dieses Motivs mit den Worten hin: 
„N'est-ce pas la m^me chose pour la soci^t^ que Thomme aille 
porter un h^ritier chez son voisin, ou que la femme le regoive 
chez eile?" Aber, wie auf so manchem andern Gebiet, hat der 
Code Napoleon auch hier die wenigen Freiheiten, welche die 
Revolution der Frau gebracht, wieder aufgehoben. Der furchtbare 
§ 324 hat nach wie vor seine Giltigkeit und wird naturgemäss 
von den Frauen aufs heftigste bekämpft. 

Mme. Schmahl, die Präsidentin des „Avant-Courriere" vertritt 
in der von ihr begründeten Zeitschrift gleichen Namens eine mehr 
gemässigte Richtung; es ist ein einziges, festumschriebenes Ziel, 
das sie verfolgt. Sie kämpft lediglich für das Recht der ver- 
heirateten Frau auf ihren Erwerb, und lehnt sogar den Kampf um 
die Vormunds